auch wenn er ohne Instanz leugnet, weil er voraussieht, daß etwas
herauskommt, was ihn widerlegt. Denn wenn dasjenige aufgegeben wird,
worauf der Einwand zutrifft, so wird er genötigt sein, seine Zustimmung
zu geben, weil er nicht sieht, wo es bei dem Rest anders sein sollte.
Gibt er aber seine Zustimmung nicht, so wird er, nach einer Instanz
gefragt, keine zur Verfügung haben. Von der Art sind die Sätze, die zum
Teil wahr und zum Teil falsch sind. Man kann sie so einschränken, daß
der Rest wahr bleibt. Wenn man aber einen Satz an vielen Einzelfällen
erhärtet und der Gegner keinen Einwand bringt, so muß man fordern, daß
er ihn gelten läßt. Denn ein Satz, der sich in vielen Fällen so bewährt
und gegen den keine Instanz spricht, ist ein dialektischer Satz.
[Sidenote: 158a]
Wenn man das nämliche sowohl ohne das Unmögliche wie durch das
Unmögliche erschließen kann, so trägt es für den Demonstrierenden
und nicht Disputierenden nichts aus, ob er so oder so schließt, wer
aber wider einen anderen disputiert, darf nicht den Schluß durch das
Unmögliche anwenden. Denn mit jemand, der ohne das Unmögliche schließt,
läßt sich nicht rechten, schließt man aber auf das Unmögliche, so
leugnen die Gegner, wenn die Falschheit der Behauptung nicht sehr
einleuchtend ist, ihre Unmöglichkeit, und erreichen somit die Fragenden
ihren Zweck nicht.
Man muß behaupten was sich in vielen Fällen so verhält und einen
Einwand entweder überhaupt nicht oder doch keinen solchen zuläßt, der
an der Oberfläche liegt. Denn wenn die Gegner nicht abzusehen vermögen,
in welchen Fällen es nicht so sein soll, so nehmen sie an, daß es wahr
ist.
Man darf den Schlußsatz nicht als Frage fassen. Sonst scheint, wenn
der Gegner die Frage verneint, kein Schluß erfolgt zu sein. Denn er
bestreitet oft einen Satz schon, auch wenn man nicht fragt, sondern ihn
als Folgerung vorträgt, und wenn er das tut, halten ihn solche, die das
Ergebnis der zugestandenen Sätze nicht absehen, nicht für widerlegt.
Wenn man nun auch nicht erklärt, daß etwas logisch folge, sondern
fragt, und der Gegner verneint, scheint schon gar kein Schluß erfolgt
zu sein.
Nicht jeder allgemeine Satz scheint ein dialektischer Satz zu sein,
z. B. nicht der Satz: was ist ein Mensch? oder: in wie vielfachem Sinne
spricht man von dem Guten? Dialektisch ist ein Satz, auf den man mit
ja oder nein antworten kann, was bei den angeführten Sätzen nicht der
Fall ist. Deshalb sind solche Fragen nicht dialektisch, wenn man nicht
selbst eine Unterscheidung und Gegenüberstellung in sie hineinbringt,
und z. B. sagt: spricht man von dem Guten in dem oder in dem Sinne?
Denn auf solche Fragen ist leicht bejahend oder verneinend antworten.
Deshalb muß man die betreffenden Sätze so zu fassen suchen. Dann mag es
auch wohl billig sein, den Gegner zu fragen, in wie vielfachem Sinne
man von dem Guten spricht, wenn man selbst die Fragen einteilt und er
in keinem Sinne zustimmt.
Wer lange um eine Begründung herumfragt, verstößt gegen die Regeln der
Fragestellung. Denn wenn er das in der Erörterung mit einem Gegner tut,
der auf das Gefragte antwortet, so stellt er offenbar viele Fragen oder
des öfteren die nämlichen, und verführt somit entweder leeres Geschwätz
oder erhält keinen Schluß. Denn zum Schluß gehören immer nur wenige
Prämissen. Antwortet der andere aber nicht, so fehlt man insofern, als
man ihn nicht tadelt oder die Erörterung nicht fallen läßt.
+Drittes Kapitel.+
Es kann bei denselben Voraussetzungen schwer sein, sie anzugreifen, und
leicht, sie zu verteidigen.
[Sidenote: 158b]
Von dieser Art sind das von Natur Erste und das Letzte. Denn das
Erste bedarf der Definition, und das Letzte wird, wenn man vom Anfang
bis zum Ende die Kontinuität wahren will, durch eine Vielheit von
Sätzen gewonnen, oder die Schlüsse müssen sophistisch erscheinen, da
man nichts demonstrieren kann, wenn man nicht mit den eigentümlichen
Prinzipien der Sache beginnt und in ununterbrochener Folge bis zum
Letzten fortschreitet[150]. Was nun das Definieren angeht, so fordern
die Antwortenden es weder, noch geben sie, wenn der Fragende definiert,
darauf acht. Wenn man aber nicht weiß, was das Vorliegende eigentlich
ist, so ist nicht leicht dagegen angehen. Am meisten aber gilt dieses
von den Prinzipien. Denn das andere wird aus ihnen bewiesen, sie selbst
aber können nicht aus anderem bewiesen werden, sondern jedes Prinzip
muß man mit Hilfe der Definition gewinnen.
Aber auch solches ist schwer anzugreifen, was den Prinzipien sehr
nahesteht. Man kann dagegen nicht viele Gründe anführen, weil zwischen
ihm und den Prinzipien weniges in der Mitte liegt, und doch aus diesem
Wenigen das Folgende erhärtet werden müßte.
Von allen Definitionen sind aber diejenigen am schwersten anzugreifen,
die solche Bezeichnungen verwenden, von denen man einmal nicht weiß,
ob sie eines oder vieles bedeuten, und dann nicht, ob der Urheber
der Definition sie im eigentlichen oder im übertragenen Sinne
versteht. Weil die Bezeichnungen nicht deutlich sind, bieten sie
keine Anhaltspunkte zum Angriff, und weil man ungewiß ist, ob ihre
Undeutlichkeit auf der metaphorischen Redeweise beruht, rechtfertigen
sie keinen Tadel.
Überhaupt muß man von jedem schwer anzugreifenden Problem annehmen,
daß entweder eine Definition dazu gegeben werden muß, oder daß
es zweideutig oder metaphorisch ausgedrückt ist, oder daß es die
Prinzipien nahe berührt, oder daß wir zunächst ebendieses nicht
wissen, auf welche von diesen Arten die Schwierigkeit, die es
bietet, zurückgeht. Denn wenn man sich die Art der Schwierigkeit zum
Bewußtsein bringt, so zeigt sich, daß man entweder zu definieren oder
zu distinguieren oder die Mittelsätze beizubringen hat, aus denen die
letzten Sätze bewiesen werden müssen.
Bei vielen Sätzen ist es deshalb nicht leicht, über sie zu disputieren
und sie anzugreifen, weil man keine gute Definition aufstellt, so z. B.
bei dem Problem, ob einem eines oder mehreres konträr ist. Ist aber
das Konträre richtig definiert, so ist es leicht abzunehmen, ob ein
und demselben mehreres konträr sein kann oder nicht. Und ebenso ist es
sonst, wo sich eine Definition gehört.
[Sidenote: 159a]
Es scheint aber auch in der Mathematik manches wegen des Abgangs einer
Definition nicht leicht erweislich[151], so z. B. der Satz, daß das
Perpendikel, das (in einem gleichschenkligen Dreieck) die Figur an der
Grundlinie zerteilt, Linie und Fläche gleichmäßig zerlegt. Gibt man
aber die Definition an, so leuchtet der Satz sofort ein. Der Abzug hebt
sich nämlich bei den Flächen und den Linien gleichmäßig gegen den Rest
auf, und das ist eben die Definition desselben Verhältnisses. Überhaupt
sind in dieser Disziplin, wenn man einmal die Definitionen hat, wie
z. B. von Linie und Kreis, die Anfangsgründe sehr leicht zu beweisen,
nur daß sich bei jedem dieser obersten Sätze nicht viel disputieren
läßt, weil der Zwischenglieder nicht viele sind. Werden aber die
Definitionen der Prinzipien nicht angegeben, so sind diese Beweise
schwer, wo nicht gar unmöglich. Ähnlich nun wie bei den Elementen der
Geometrie liegt die Sache auch, wenn man es bei den dialektischen
Disputationen mit elementaren Sätzen zu tun hat.
Man muß also wissen, daß, wenn gegen einen Satz schwer disputieren
ist, immer eine von den bezeichneten Ursachen zugrunde liegt. Trifft
es sich aber, daß gegen ein Axiom[152] oder eine Prämisse schwerer
disputieren ist, als gegen die These selbst, so kann man zweifeln,
ob man eine solche These zugeben soll oder nicht. Gibt man sie nicht
zu und will vielmehr auch jenes Axiom oder jenen Vordersatz erörtert
haben, so verlangt man von dem Gegner etwas, was weiter ausschaut als
der ursprüngliche Gegenstand der Erörterung. Gibt man sie aber zu, so
wird man glauben auf Grund von weniger Glaubhaftem.
Wenn man also ein Problem nicht erschweren darf, so muß man sie
zugeben; wenn man aber aus Bekannterem schließen muß, so darf man sie
nicht zugeben. Oder sagen wir lieber: wer lernen will, soll sie nicht
zugeben, wer aber bloß der Übung wegen disputiert, soll sie zugeben,
wenn sie nur wahr scheint. Man darf demnach offenbar dem Fragenden
und dem Lernenden nicht in gleicher Weise zumuten, daß sie solche
Vordersätze einräumen.
+Viertes Kapitel.+
Wie also und in welcher Ordnung man fragen muß, mag mit dem Bisherigen
zur Genüge erklärt sein, bezüglich der Antwort aber müssen wir zuerst
angeben, welches die Aufgabe dessen ist, der gut antworten will,
verglichen mit der Aufgabe dessen, der gut fragen will.
Wie es die Aufgabe des Fragenden ist, die Rede so zu lenken, daß er
den Antwortenden nötigt, von dem, was aus der These notwendig folgt,
das Unwahrscheinlichste einzuräumen, so ist es an dem Antwortenden,
dafür zu sorgen, daß die Unmöglichkeiten oder Paradoxien als
Folgerungen nicht auf seine Rechnung, sondern auf Rechnung der These
zu kommen scheinen. Ist es doch wohl ein anderer Fehler, etwas als
These voranzustellen, was man nicht hätte behaupten sollen, und das
Aufgestellte nicht gehörig zu vertreten wissen[153].
+Fünftes Kapitel.+
Da aber diejenigen, die der Übung und Probe wegen disputieren, keine
bestimmten Regeln vor sich haben — denn es sind nicht dieselben Ziele,
die Lernende und Lehrende und die Streitende verfolgen, und anderes
wieder als sie haben diejenigen im Auge, die der Untersuchung wegen
sich miteinander besprechen; denn der Lernende muß immer zugeben, was
er für wahr hält, da ja auch niemand etwas Falsches lehren will; von
den Streitenden aber muß der fragende Teil unter allen Umständen den
Schein erwecken, daß er den Gegner in die Enge treibt, der antwortende
Teil hinwieder muß den Schein hervorrufen, daß ihm solches nicht
widerfährt. Für die dialektischen Erörterungen aber, wo man das
Gespräch nicht des Wettstreites, sondern der Probe und der Untersuchung
wegen führt, ist bis jetzt noch nichts Bestimmtes darüber gelehrt
worden, worauf der Antwortende es abzusehen hat, und was er zugeben und
nicht zugeben muß, um eine These gut oder nicht gut zu behaupten —,
da wir also von den anderen bezüglich dieser Kunst nichts überkommen
haben, so wollen wir unserseits einiges über sie vorzutragen suchen.
[Sidenote: 159b]
Der Antwortende muß also Rechenschaft geben, nachdem er einen Satz
aufgestellt hat, der entweder wahrscheinlich oder unwahrscheinlich oder
keines von beiden ist, und der entweder schlechthin wahrscheinlich
oder unwahrscheinlich ist, oder in einer bestimmten Beziehung, nämlich
für den und den, den Defendenten selbst oder sonst jemanden. Es macht
keinen Unterschied, in welchem Sinne auch immer der Satz wahrscheinlich
oder unwahrscheinlich sein mag: die Weise, recht zu antworten und das
Gefragte zuzugeben oder nicht zuzugeben, wird dieselbe sein.
Ist nun die These unwahrscheinlich, so muß der Schlußsatz (auf den der
Opponent lossteuert) wahrscheinlich, ist sie wahrscheinlich, so muß
er unwahrscheinlich werden. Denn der Fragende schließt immer auf das
Gegenteil der These. Ist aber das Behauptete weder unwahrscheinlich
noch wahrscheinlich, so wird auch der Schlußsatz diese Beschaffenheit
haben.
Da aber einer, der gut schließt, seinen Vorwurf aus Wahrscheinlicherem
und Bekannterem beweist, so ist klar, daß, wenn das Behauptete
schlechthin unwahrscheinlich ist, der Antwortende weder solches
zugeben darf, was schlechthin nicht wahr scheint, noch solches, was
zwar wahr scheint, aber weniger wahr als der Schlußsatz. Denn wenn
die These unwahrscheinlich ist, ist der Schlußsatz wahrscheinlich,
und demgemäß muß alles, was man (zu seiner Begründung) verwendet,
wahrscheinlich sein und mehr noch wahrscheinlich als das Vorliegende
(der Schlußsatz des Opponenten), wenn das minder Bekannte aus dem
Bekannteren gefolgert werden soll. Wenn mithin etwas von dem Gefragten
diese Beschaffenheit nicht hat, darf der Antwortende es nicht
zugestehen.
Ist die These dagegen schlechthin wahrscheinlich, so ist der Schlußsatz
offenbar schlechthin unwahrscheinlich. Man muß mithin sowohl alles
zugestehen, was wahr scheint, als auch alles von dem nicht wahr
Scheinenden, was minder unwahrscheinlich ist als der Schlußsatz. Auf
diese Weise wird man vortrefflich disputiert haben.
Ebenso verfahre man bei einer These, die weder unwahrscheinlich noch
wahrscheinlich ist. Man gebe auch in diesem Falle alles Glaubwürdige,
und von dem nicht Glaubwürdigen so viel zu, als minder unwahrscheinlich
ist denn der Schlußsatz. So müssen die Begründungen wahrscheinlich
werden.
Ist also das Behauptete schlechthin wahrscheinlich oder
unwahrscheinlich, so muß man die einzelnen Aufstellungen des Opponenten
unter dem Gesichtspunkte des schlechthin Wahrscheinlichen vergleichen,
ist es aber nicht schlechthin, sondern für den Antwortenden
wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, so muß man, was Glauben verdienen
soll, was keinen, nach sich selbst beurteilen und so die Zugeständnisse
bald geben, bald verweigern.
Daher räumen auch diejenigen, die fremde Meinungen vortragen, etwa
daß Gut und Schlecht dasselbe sei, wie Heraklit sagt, nicht ein, daß
Konträres nicht zugleich einem und demselben Ding beiwohnt, nicht als
ob sie es selbst glaubten, sondern weil man es nach Heraklit behaupten
muß. Das tun auch diejenigen, die die Sätze voneinander übernehmen: sie
suchen sie im Sinne ihrer Urheber zu erhärten.
+Sechstes Kapitel.+
Man sieht also, worauf der Antwortende sein Absehen richten muß, sei
nun das Behauptete schlechthin oder subjektiv wahrscheinlich.
[Sidenote: 160a]
Da aber alles Gefragte notwendig entweder wahrscheinlich oder
unwahrscheinlich oder keins von beidem ist und entweder in die
Disputation gehört oder nicht, so muß man, wenn das Gefragte wahr
scheint und nicht in die Disputation gehört, es zugeben und sagen, es
scheine wahr; scheint es aber nicht wahr und gehört es nicht in die
Disputation, so muß man es zwar zugeben, aber dabei, um den Schein
der Einfältigkeit zu vermeiden, bemerken, daß es einem nicht wahr
vorkomme. Gehört es aber in die Disputation und scheint es wahr,
so muß man sagen, es scheine wahr, aber stehe der ursprünglichen
Behauptung zu nahe, und es werde mit ihrer Annahme das nun Behauptete
aufgehoben. Wenn es aber in die Disputation gehört, indessen ein
sehr unwahrscheinliches Axiom ist, so muß man sagen, bei seiner
Voraussetzung gelte zwar die Folgerung des Gegners, aber der Satz sei
sehr einfältig.
Ist es aber weder unwahrscheinlich noch wahrscheinlich, so muß man
es, wenn es für die Sache nichts ausmacht, ohne weitere Bemerkungen
zugeben, im anderen Falle gebe man zu verstehen, daß mit seiner Annahme
die ursprüngliche Behauptung umgestürzt wird. Denn so kann auf den
Antwortenden kein Schein fallen, als ob er durch eigene Schuld in
Verlegenheit käme, wenn er jegliches vorschauend zugibt, und gewinnt
der Fragende einen Schluß, wenn ihm alles, was wahrscheinlicher ist
als der Schlußsatz, zugestanden wird. Solche Gegner aber, die aus
Prämissen schließen wollen, die unwahrscheinlicher als der Schlußsatz
sind, schließen offenbar nicht richtig, und deshalb darf man sie den
Fragenden nicht zugeben.
+Siebentes Kapitel.+
Ähnlich muß man dem Opponenten begegnen, wenn er sich undeutlich
und vieldeutig ausdrückt. Da es dem Defendenten gestattet ist, wenn
er etwas nicht versteht, zu sagen: ich verstehe nicht, und er, wenn
der Gegner vieldeutig spricht, seine Sätze nicht einzuräumen oder zu
bestreiten braucht, so muß er offenbar zuerst, wenn das, was der andere
vorbringt, nicht deutlich ist, ohne Bedenken erklären, daß er es nicht
verstehe. Denn man gerät oft, wenn man, nicht deutlich gefragt, etwas
zugibt, in Schwierigkeiten.
Sodann muß er, wenn es zwar bekannt, aber vieldeutig ist, folgendes
beobachten: ist die Behauptung in jedem Sinne richtig oder falsch, so
muß er sie glattweg zugeben oder ablehnen, ist sie aber in einem Sinne
falsch und in einem anderen Sinne richtig, so muß er erklären, daß sie
vieldeutig und in dem einen Sinne falsch, in dem anderen richtig ist.
Denn wenn er später unterscheidet, weiß man nicht, ob er die Amphibolie
schon zu Anfang bemerkt hat.
Hat er aber die Amphibolie nicht schon zuvor bemerkt, sondern die
Behauptung im Hinblick auf die eine ihrer möglichen Bedeutungen
zugegeben, so muß er dem Gegner, der auf die andere Bedeutung
hinauswill, erklären: ich habe meine Zustimmung nicht mit Bezug auf
diese, sondern mit Bezug auf die andere Bedeutung ausgesprochen.
Ist das Gefragte endlich klar und eindeutig zugleich, so muß man darauf
mit ja oder nein antworten.
+Achtes Kapitel.+
[Sidenote: 160b]
Da aber jeder Satz in einem Schlusse entweder zu denen gehört, woraus
die Folgerung unmittelbar erfließt, oder um eines dieser Sätze
willen auftritt —daß etwas um eines anderen willen herbeigezogen
wird, verrät sich dadurch, daß man mehreres Ähnliche fragt; denn das
Allgemeine erhält man meistens durch Induktion oder durch Ähnlichkeit
—, nun, so muß man das Einzelne alles zugeben, wenn es wahr und
wahrscheinlich ist, aber gegen die allgemeine Folgerung muß man
eine Instanz[154] zu erbringen suchen. Denn eine Begründung ohne
Instanz, sie sei wirklich oder scheinbar, aufhalten, heißt, unnötige
Schwierigkeiten machen. Wenn man mithin, wo für das Allgemeine viele
Erscheinungen sprechen, es dennoch nicht zugibt, ohne eine Instanz
für sich zu haben, so liegt es auf der Hand, daß man bloß unnötige
Schwierigkeiten macht. Und diesem Schein könnte man sich um so mehr
aussetzen, wenn man auch nicht imstande wäre, den Gegner mit Gründen zu
widerlegen.
Gleichwohl reicht dieses doch nicht aus (um den Schein zu
rechtfertigen). Denn wir haben viele den feststehenden Meinungen
entgegengesetzte Gründe, die schwer zu entkräften sind, wie die des
Zeno, daß keine Bewegung sein und man die Rennbahn nicht durchlaufen
kann. Und doch folgt daraus nicht, daß man nicht das Gegenteil davon
behaupten muß.
Wenn man also etwas nicht zugibt, obwohl man weder eine Gegeninstanz
(eine entgegengesetzte angesehene Meinung), noch Gegengründe zur
Verfügung hat, so ist es klar, daß man grundlose Schwierigkeiten macht.
Denn bei den Disputationen grundlose Schwierigkeiten machen, heißt,
eine den angegebenen Regeln zuwiderlaufende Antwort geben, die den
Schluß umstürzt.
+Neuntes Kapitel.+
Man muß sich einer These und einer Definition erst annehmen, nachdem
man sie bei sich selbst überlegt hat. Denn man hat offenbar die
Aufgabe, den Argumenten zu begegnen, mit denen die Fragenden das
Behauptete umstürzen wollen.
Eines unwahrscheinlichen Satzes sich anzunehmen vermeide man. Ein Satz
kann in zweifacher Weise unwahrscheinlich sein: einmal, wenn er zu
ungereimten Folgerungen führt, wie wenn man beispielsweise behauptete,
daß alles oder daß nichts sich bewegt; dann, wenn es Sätze sind, deren
Wahl eine minderwertige Gesinnung verrät und die mit rechtschaffenem
Wollen nicht vereinbar sind, wie z. B. daß die Lust das höchste Gut und
daß es besser ist, Unrecht zu tun als Unrecht zu leiden. Denn man wird
gegen die Anwälte solcher Sätze eingenommen, indem man sich vorstellt,
daß sie sie nicht der logischen Übung halber verteidigen, sondern als
ihre wahre Meinung vortragen.
+Zehntes Kapitel.+
Die Schlüsse, die Falsches ergeben, muß man entkräften, indem man den
Punkt umstößt, auf dem die falsche Folgerung beruht.
Um sie zu entkräften, genügt es nicht, das erste beste umzustoßen, auch
wenn es etwas Falsches ist. Der Schluß kann ja mehrere Fehler haben,
wie wenn man z. B. die Prämissen nimmt, daß der Sitzende schreibt
und Sokrates sitzt. Denn aus diesen Prämissen folgt, daß Sokrates
schreibt. Ist nun der Satz umgestoßen, daß Sokrates sitzt, so ist für
die Entkräftung der Begründung noch nichts gewonnen, und doch ist der
Vordersatz falsch. Aber es liegt nicht an ihm, daß die Begründung
falsch ist. Denn wenn jemand zufällig sitzt, aber ohne zu schreiben,
so paßt hierauf diese Art, den Schluß zu entkräften, noch lange nicht.
Mithin muß man nicht diesen Vordersatz umstoßen, sondern den anderen,
daß der Sitzende schreibt. Denn nicht jeder Sitzende schreibt.
So hat man denn durch die Umstoßung des Satzes, auf dem der Fehler
beruht, jedenfalls den Schluß entkräftet, aber ein Wissen um die
Entkräftung hat doch nur, wer weiß, daß der Schluß auf ihm beruht, wie
es bei den falsch gezeichneten geometrischen Figuren[155] der Fall ist.
Denn da genügt es nicht, eine Instanz anzurufen, wenn auch das durch
sie Umgestoßene falsch ist, sondern man muß zeigen, warum es falsch
ist. Denn nur so kann man sehen, ob man die Instanz in Voraussicht
ihrer Tragweite anruft oder nicht.
[Sidenote: 161a]
Es gibt aber vier Weisen, die Gewinnung eines Schlusses zu verhindern,
entweder durch Umstoßung des Satzes, auf dem der Irrtum beruht, oder
durch Anrufung einer Instanz, die nur für den Fragenden ihre Wirkung
hat. Damit ist zwar nicht der Schluß entkräftet, aber der Fragende
kann gleichwohl nicht weiter. Drittens durch Anrufung einer Instanz,
die ihre Wirkung auf das Gefragte äußert. Denn es kann geschehen, daß
das von dem Gegner Gewollte auf Grund seiner Frage nicht herauskommt,
weil er verkehrt gefragt hat, während der eine oder andere Zusatz den
Schluß ergeben würde. Wenn also der Fragende nicht weiter kann, so ist
das eine Instanz in bezug auf den Fragenden, wenn aber wohl, so ist
es eine Instanz in bezug auf das Gefragte. Die vierte Instanz endlich
und die schlechteste erborgt man sich von der Zeit. Denn manche rufen
Instanzen an, die zu ihrer Erledigung mehr Zeit erfordern würden, als
die gepflogene Erörterung zuläßt.
So lassen sich denn Instanzen auf vierfache Art erbringen. Eine
Entkräftung des gegnerischen Schlusses aber ist unter den genannten nur
die erste, die anderen sind lediglich Mittel, ihn aufzuhalten und zu
behindern.
+Elftes Kapitel.+
Der Tadel einer Beweisführung aber ist nicht derselbe, wenn man die
Begründung an sich betrachtet, und in der Form, die sie bei einer Frage
erhält.
Oft wird der Gefragte an der Mangelhaftigkeit einer Beweisführung
schuld sein, weil er etwas nicht einräumt, womit sich eine gute
Widerlegung seiner These hätte gewinnen lassen. Denn es steht nicht nur
bei einem, wenn die gemeinsame Aufgabe gut gelöst wird.
Man ist somit zuweilen genötigt, gegen den Redenden, nicht gegen seine
These zu argumentieren, wenn der Antwortende sich eigenwillig auf das
Gegenteil von dem versteift, was der Fragende will. So verschulden es
also die leeren Ausflüchte, die man macht, daß die Erörterungen aus
dialektischen zu agonistischen (reinen Streitreden) werden.
Auch muß man, da solche Reden der Übung und Probe, nicht der Lehre
wegen geschehen, offenbar nicht nur auf das Wahre, sondern auch auf
Falsches schließen, und nicht immer aus wahren, sondern hin und wieder
auch aus falschen Sätzen. Denn der Disputierende muß oft, wo etwas
Wahres aufgestellt ist, es umstoßen und sich dabei folgerichtig auf
falsche Prämissen stützen. Zuweilen muß er auch einen falschen Satz
durch falsche Sätze umstoßen. Denn es kann wohl geschehen, daß jemand
etwas Unwahres eher glaubt als die Wahrheit, und wenn man mithin auf
Grund seiner Vorstellungen argumentiert, so wird ihn das nicht sowohl
im Irrtum bestärken, als vielmehr von der Wahrheit überzeugen.
Man muß aber, wenn man in rechter Weise (von dem eigentlichen Ziele
und von dem eigentlichen Wege) ablenken will, dabei dialektisch, nicht
eristisch (rechthaberisch) verfahren, wie der Geometriker bei der
geometrischen Manier bleiben muß, mag nun das Gefolgerte falsch oder
wahr sein. Welches aber dialektische Schlüsse sind, ist oben (I, 1)
erklärt worden.
[Sidenote: 161b]
Da aber ein schlechter Genosse ist wer das gemeinsame Werk hindert,
so gilt das offenbar auch bei der Rede. Denn auch hier besteht eine
gemeinsame Aufgabe, außer für die, die nur disputieren, um im Streite
ihre Kräfte zu messen; denn siegen kann nicht mehr als einer.
Es ist aber gleichgültig, ob man den Schaden durch das Antworten oder
durch das Fragen verursacht. Wer eristisch fragt, disputiert ebenso
schlecht, wie wer beim Antworten nicht zugibt was den Schein für sich
hat, und sich auf nichts einläßt, was der Fragende herausbringen möchte.
So erhellt denn aus dem Gesagten, daß man die Beweisführung an sich
nicht auf dieselbe Weise tadeln darf wie den Fragenden. Denn es kann
wohl sein, daß die Beweisführung schlecht ist und der Fragende trotzdem
wider den Antwortenden so gut disputiert hat, als nur möglich war. Denn
gegen Quertreiber kann man vielleicht nicht sofort Schlüsse ziehen, wie
man möchte, sondern nur so, wie es möglich ist.
Da es aber unbestimmt ist, wann die Menschen das Gegenteil annehmen und
wann sie ihre ursprüngliche Ansicht festhalten — denn oft sagen sie,
wenn sie mit sich selbst sprechen, Entgegengesetztes und geben hernach
zu was sie zuvor verneint haben, daher sie denn oft auf eine Frage dem
Gegenteil von dem beipflichten, was sie im Anfang gesagt haben — nun,
so müssen die Disputationen aus diesem Grunde mißraten. Die Schuld hat
der Antwortende, weil er das eine nicht zugibt und anderes von der und
der Art zugibt. Es ist also klar, daß man die Fragenden nicht ebenso
tadeln darf wie die Beweisführungen.
Es kann aber die Beweisführung an sich einem fünffachen Tadel
unterliegen: dem ersten, wenn aus den Prämissen, in denen der
Schlußsatz enthalten ist, weder das Behauptete noch überhaupt etwas
folgt, weil sie falsch oder unwahrscheinlich sind, alle oder die
meisten, und wenn sich der Schlußsatz weder durch Weglassungen noch
durch Zusätze noch durch beide zugleich formell korrekt erzielen läßt;
dem zweiten, wenn der Schluß, den man aus solchen Prämissen und auf
solche Art, wie eben gesagt worden, gewinnt, sich nicht gegen die These
kehrt;
dem dritten, wenn einige Zusätze, die man machen könnte, den Schluß
zustande kommen lassen, diese Zusätze aber schlechter sind als das
Gefragte (die Prämissen) und weniger wahrscheinlich als der Schlußsatz;
wiederum, wenn der Schluß zustande kommt, wofern man einiges wegläßt.
Denn man nimmt zuweilen mehr, als notwendig ist, in die Begründung auf,
und so gilt der Schluß nicht darum, weil dieses ist;
endlich, wenn man aus solchen Vordersätzen schließt, die
unwahrscheinlicher und weniger glaubhaft sind als der Schlußsatz, oder
aus solchen, die wahr, aber schwerer zu beweisen sind als das Problem.
[Sidenote: 162a]
Man kann aber nicht verlangen, daß die Prämissen bei allen Problemen
gleich wahrscheinlich und überzeugend seien, da unter den Problemen die
einen von vornherein von Natur leichter, die anderen schwerer sind,
und wenn man darum die Ergebnisse aus so wahrscheinlichen Vordersätzen
gewinnt, als jeweilig möglich ist, so hat man gut argumentiert. Daraus
sieht man nun, daß auch für die Beweisführung der Tadel nicht derselbe
sein kann, wenn man das zur Erörterung stehende Problem, und wenn man
sie selbst in Betracht nimmt. Denn die Beweisführung kann an sich
gar wohl Tadel, in Rücksicht auf das Problem aber Lob verdienen, und
umgekehrt an sich Lob, in Rücksicht auf das Problem aber Tadel, dann
nämlich, wenn man den Folgesatz leicht aus vielem Wahrscheinlichen und
Wahren gewinnen kann.
Es ist aber auch wohl einmal eine schlüssige Beweisführung schlechter
als eine nichtschlüssige, wenn die eine von einfältigen Vordersätzen
zu einem nicht so gearteten Problem gelangt, während die andere noch
einiger wahrscheinlichen und wahren Prämissen bedarf und der Beweis
doch nicht auf dem noch Beizufügenden beruht.
Die aber, die aus Falschem Wahres schließen, trifft kein gerechter
Vorwurf. Falsches muß man immer aus Falschem schließen, Wahres aber
kann man zuweilen auch aus Falschem schließen, wie aus der Analytik
erhellt (Prior. II, 2).
Wenn ein angegebener Grund der Beweis (Demonstration, Apodeixis) für
etwas ist und noch etwas anderes gefolgert wird, was gar nicht in die
Konklusion gehört, so gilt der Schluß hierfür nicht, und scheint es
doch so, so wird die Folgerung zum Sophisma und ist kein Beweis mehr.
Es ist aber ein Philosophem ein beweisender (demonstrativer,
apodiktischer) Schluß, ein Epicheirem ein dialektischer Schluß, ein
Sophisma ein eristischer Schluß (Streitschluß) und ein Aporem ein
dialektischer Schluß auf das kontradiktorische Gegenteil[156].
Wird etwas aus Sätzen bewiesen, die beide wahrscheinlich, aber nicht
gleich wahrscheinlich sind, so hindert nichts, daß das Bewiesene (an
sich, abgesehen von seiner Ableitung) wahrscheinlicher ist als jeder
der beiden Sätze. Ist aber der eine Satz wahrscheinlich, der andere
keins von beidem (auch nicht unwahrscheinlich), oder ist der eine
wahrscheinlich, der andere nicht wahrscheinlich, so ist das Bewiesene
(in Betracht der Ableitung), wenn sie es gleich sehr sind, gleich
wahrscheinlich und nicht wahrscheinlich, ist aber ein Satz in höherem
Grade unwahrscheinlich, so muß es ihm folgen[157].
Auch das ist ein Fehler, der bei den Schlußfolgerungen vorkommt, daß
man zu weitläufig beweist, obschon es kürzer geschehen könnte, mit
Beschränkung auf die Prämissen, die innerlich zum Beweisgrund gehören,
so z. B. wenn man zum Erweis des Satzes, daß eine Meinung mehr eine
solche ist als die andere (glaubwürdiger), forderte, daß das, was an
sich das Jeweilige sei, es am meisten sei; nun gebe es aber ein Objekt
wahrer Meinung an sich; also sei es mehr Objekt der Meinung als die
anderen Objekte. Es sei aber das Genannte ein Mehr für das Mehr (der
Meinung). Es gebe nun aber auch eine wahre Meinung an sich, die genauer
(und glaubwürdiger) sein müsse als die einzelnen Meinungen. Nun hat
man die Postulate: einmal, daß es eine wahre Meinung an sich gibt, und
dann, daß jedes Ansich am meisten das Betreffende ist. Also ist diese
am meisten wahre Meinung genauer. Welches ist hier das Gebrechen? Doch
wohl dieses, daß bei einer solchen Argumentation der Beweisgrund ins
Dunkel gerückt wird.
+Zwölftes Kapitel.+
[Sidenote: 162b]
Eine Beweisführung ist klar: in einer, der gewöhnlichsten Weise, wenn
sie so gewonnen wird, daß es keiner weiteren Fragen (Vordersätze)
bedarf; in einer zweiten sodann, nach der sie auch vornehmlich so
heißt, wenn sie Vordersätze verwendet, aus denen der Schlußsatz
notwendig folgt und die selbst durch Schluß erhalten werden; endlich,
wenn sie nur solcher Hilfssätze ermangelt, die sehr wahrscheinlich sind.
Falsch heißt eine Beweisführung in vierfachem Sinne: einmal, wenn
sie durch Schluß zu erfolgen scheint, ohne daß es wirklich der Fall
ist, eine Weise, die als eristischer Schluß bezeichnet wird; dann
zweitens, wenn sie zwar durch Schluß erfolgt, der Schluß aber nicht
auf das führt, worum es sich handelt, ein Fehler, der besonders bei
der Zurückführung aufs Unmögliche vorkommt; oder drittens, wenn der
Schluß zwar den Satz ergibt, um den es sich handelt, aber nicht nach
der dem Gegenstande entsprechenden Methode. Das ist der Fall, wenn
er nicht medizinisch ist, aber so scheint, oder geometrisch scheint,
es aber nicht ist, oder dialektisch, und es wieder nicht ist, mag
nun das Ergebnis richtig oder falsch sein. Endlich viertens ist die
Beweisführung noch in einem anderen Sinne falsch, wenn sie mit Hilfe
falscher Vordersätze zustande kommt. Der Schlußsatz einer solchen
Deduktion wird bald falsch, bald wahr sein. Denn Falsches wird immer
aus Falschem geschlossen, Wahres aber kann auch aus Nichtwahrem
geschlossen werden, wie wir schon vorhin erklärt haben.
Daß nun eine Beweisführung falsch ist, ist mehr ein Fehler des
Beweisenden als des Beweises, und auch nicht immer des Beweisenden,
sondern nur dann, wenn er ihn nicht bemerkt, da wir sie uns an sich
lieber als viele wahre gefallen lassen, wenn sie durch möglichst wahr
Scheinendes etwas Wahres umstößt. Denn bei solcher Beschaffenheit
wird sie zum Beweis, daß anderes wahr ist. Denn es ist dann durchaus
notwendig, daß eine Voraussetzung nicht stimmt, und mithin kann die
Argumentation zum Beweis des Gedachten dienen[158]. Leitete sie
aber Wahres mit Hilfe falscher und sehr einfältiger Vordersätze ab,
so wäre sie schlechter als viele Beweisführungen, die auf Falsches
herauskommen, und das gälte auch, wenn sie Falsches folgerte.
Man sieht also, daß die erste Frage bei einer Beweisführung an
sich[159] die ist, ob sie schließt, die zweite, ob auf Wahres oder
Falsches, und die dritte, aus was für Prämissen. Wenn aus falschen,
aber wahrscheinlichen, so ist sie logisch, wenn aus wahren, aber
unwahrscheinlichen, so ist sie schlecht. Wenn sie aber auf Falsches und
dabei noch sehr Einfältiges schließt, so ist sie offenbar schlecht,
absolut oder im Verhältnis zum Gegenstand.
+Dreizehntes Kapitel.+
Wie der Fragende das ursprünglich zur Erörterung Stehende und das
Gegenteil fordert, ist, wenn das Gespräch um der Wahrheit willen
geführt wird, in der Analytik (Prior. II, 16) erklärt worden; wie man
aber diese Forderung erhebt, wenn es sich um Wahrscheinliches handelt,
soll jetzt erklärt werden.
Was die petitio principii betrifft, so scheint man sie auf fünferlei
Weise zu begehen.
[Sidenote: 163a]
An erster Stelle und am augenscheinlichsten, wenn man eben das fordert,
was zu beweisen wäre. Dieses Verfahren bleibt, wo man die Sache selbst
nennt, nicht leicht verborgen, dagegen eher bei den Synonyma und da, wo
das Wort dasselbe besagt wie die beschreibende Rede[160].
Zweitens, wenn man etwas, was eines partikulären Beweises bedürfte,
allgemein postulierte, wenn man z. B. beweisen wollte, daß konträr
Entgegengesetztes unter dieselbe Wissenschaft fällt, und postulierte,
daß diese Regel für Entgegengesetztes überhaupt gilt. Auf diese Weise
scheint man etwas, was man für sich beweisen sollte, zusammen mit
anderem und umfassenderem zu postulieren.
Drittens, wenn man, wo etwas allgemein zu beweisen ist, etwas
Partikuläres postuliert, z. B. wo zu beweisen ist, daß die Wissenschaft
für alles Entgegengesetzte dieselbe ist, postuliert, daß sie es für
einiges Entgegengesetzte ist. Hier scheint man was man mit anderem
zusammen beweisen sollte, gesondert für sich zu postulieren.
Ferner, wenn man das Problem in der Art postuliert, daß man es teilt,
z. B. wo man beweisen sollte, daß die Heilkunde auf das Gesunde und das
Ungesunde geht, beides getrennt postuliert.
Endlich, wenn man von zwei Dingen, die sich notwendig folgen, eines
postuliert, z. B. daß die Seite des Quadrats mit der Diagonale
inkommensurabel ist, wo man beweisen sollte, daß die Diagonale mit der
Seite inkommensurabel ist.
Auf gleich viele Weisen postuliert man das Gegenteil des zu Anfang
Gefragten.
Erstens nämlich, wenn man die entgegengesetzte Bejahung und Verneinung
postuliert.
Zweitens, wenn man konträr Entgegengesetztes zugestanden haben will,
daß beispielsweise ein und dasselbe gut und schlecht ist.
Drittens, wenn man zuerst das Allgemeine annimmt, und dann wieder die
partikuläre Kontradiktion postuliert, wenn man z. B. erst annimmt,
daß es für Konträres nur eine Wissenschaft gibt, und dann wieder für
Gesundes und Ungesundes je eine andere Wissenschaft fordert, oder
zuerst dieses postuliert, und dann für das Allgemeine das Gegenteil zur
Geltung bringen möchte.
Ferner, wenn man das konträre Gegenteil von dem postuliert, was mit
Notwendigkeit aus den zugestandenen Vordersätzen folgt.
Und endlich, wenn man zwar das Gegenteilige selbst nicht annimmt,
aber auf zwei Postulaten besteht, die den Widerspruch zugunsten des
Gegenteils ergeben.
Die Postulierung des Gegenteils unterscheidet sich von der petitio
principii dadurch, daß sich bei dieser der Fehler auf den Schlußsatz
bezieht — denn ihn hat man im Auge, wenn man von einer petitio
principii spricht —, das Gegenteil dagegen zielt auf die Vordersätze,
sofern sie ein bestimmtes Verhältnis zueinander haben.
+Vierzehntes Kapitel.+
Um aber in dieser Art von Beweisführungen Übung und Gewandtheit zu
erlangen, muß man sich erstens gewöhnen, die Schlüsse umzukehren. So
wird man einmal die Probleme geschickter begründen können und dann
die volle Fertigkeit gewinnen, in wenigen Schlüssen gleichsam viele
zu erhalten. Denn einen Schluß umkehren heißt, das Gegenteil der
Konklusion nehmen und mit ihm und den übrigen Prämissen einen von
den gegebenen Sätzen umstoßen (Anal. prior. II, 8). Denn wenn die
Schlußfolgerung nicht gilt, wird notwendig einer von den Vordersätzen
aufgehoben, da ja die Konklusion ihre Notwendigkeit aus ihrer
Gesamtheit schöpfte.
[Sidenote: 163b]
Sodann muß man sich bei jeder These, für die Bejahung und die
Verneinung, nach Gründen umsehen, und hat man sie gefunden, sofort die
Entscheidung suchen; so hat man zugleich die beste Übung fürs Fragen
wie fürs Antworten. Und kann man mit keinem anderen disputieren, so muß
man sich auf diese Weise für sich selbst üben. Und man muß parallele
dialektische Argumente zusammenstellen und sie mit Rücksicht auf den
Widerspruch des Gegners auswählen. Denn es ist für die Erhärtung einer
Sache ein großer Vorteil und für die Widerlegung eine große Hilfe, wenn
man für das Ja wie für das Nein Argumente zur Verfügung hat. Da muß
der Gegner nach beiden Seiten auf der Hut sein.
Auch für die Erkenntnis und die philosophische Klugheit ist es
kein geringes Hilfsmittel, wenn man die Konsequenzen zweier
entgegengesetzten Annahmen übersehen kann und übersehen hat. Denn dann
bleibt weiter nichts zu tun, als unter beiden die richtige Wahl zu
treffen. Dazu bedarf es aber einer guten Naturanlage, und das ist recht
eigentlich eine gute Anlage, daß man fähig ist, das Wahre richtig zu
wählen und das Falsche zu meiden. Das ist eben die Kunst gut angelegter
Menschen: sie begegnen dem, was man ihnen vorträgt, mit der rechten
Liebe und dem rechten Haß und entscheiden richtig, was das Beste ist.
Man muß auch für die am häufigsten erörterten Probleme und besonders
für die obersten Grundsätze die Beweisführungen gut innehaben. Denn bei
diesen machen die Antwortenden oft Schwierigkeiten.
Ferner muß man über viele Definitionen verfügen und diejenigen unter
ihnen, die sich auf die vornehmsten und ersten Begriffe beziehen, in
Bereitschaft haben. Denn durch sie kommen die Schlüsse zustande.
Man muß auch danach trachten, diejenigen Stücke, auf die man sonst
beim Disputieren des öfteren zurückkommt, innezuhaben. Denn wie es in
der Geometrie von Vorteil ist, in den Elementen beschlagen zu sein,
und wie in der Arithmetik die Vertrautheit mit der Multiplikation der
Grundzahlen viel für die Gewandtheit in der Multiplikation der anderen
Zahlen austrägt, so ist es auch bei den Disputationen nützlich, wenn
man die Prinzipien gegenwärtig hat und die Vordersätze auswendig kann.
Denn wie der Mnemoniker (der in der Gedächtniskunst Bewanderte) nur
die mnemonischen Örter vor sich zu haben braucht, um durch sie sofort
an die Sache selbst erinnert zu werden, so werden einen auch diese
Stücke im Schließen geschickt machen, weil man die gedachten Prinzipien
und Sätze in bestimmter Zahl vor sich hat. Man präge sich aber lieber
einen allgemeinen Vordersatz (einen Ort) als eine Beweisführung ins
Gedächtnis. Denn es ist nicht eben schwer, sich mit einem Vorrate von
Prinzipien und Voraussetzungen auszurüsten.
[Sidenote: 164a]
Ferner muß man sich darin üben, aus einer Beweisführung möglichst
versteckt viele zu machen. Dies geschieht, wenn man sich soweit als
möglich aus dem Bereich der Dinge, die zur Erörterung stehen, entfernt.
Diesem Verfahren fügen sich am besten die allgemeinsten Sätze, z. B.
der Satz, daß es nicht eine Wissenschaft für Mehreres gibt; denn so
allgemein gefaßt, gilt der Satz auch von dem Relativen, dem Konträren
und dem Begriffsverwandten[161]. Man muß aber auch, wenn man an die
Sätze des Gegners erinnert, sie in eine allgemeine Fassung bringen,
wenn er sie auch in beschränktem Sinne aufgestellt hat. Denn auch so
kann man aus einem Satze mehrere machen. Ähnlich verfährt man in der
Rhetorik mit den Enthymemen[162]. Dagegen muß man sich für den eigenen
Zweck möglichst davor hüten, seine Schlüsse zu verallgemeinern.
Auch muß man immer darauf achten, ob die Schlüsse auf Grund genereller
Prämissen gewonnen werden. Denn alle partikulären Schlüsse sind auch
allgemein gezogen, und in dem partikulären Beweis ist der Beweis für
das Allgemeine enthalten, weil ohne das Allgemeine nichts gefolgert
werden kann.
Die Gewandtheit in der Induktion muß man gegenüber einem jungen, die
Gewandtheit im Schlußverfahren gegenüber einem geübten Gegner zur
Geltung bringen. Von denen, die in der Syllogistik beschlagen sind, muß
man die Vordersätze, von denen, die induktiv verfahren, die Beispiele
zu entlehnen suchen, weil beide hierin geschickt sind.
[Sidenote: 164b]
Überhaupt muß man sehen, aus den Disputierübungen entweder einen Schluß
über etwas mitzunehmen oder eine Lösung oder eine Aufstellung oder eine
Beanstandung oder ein Urteil darüber, ob man richtig oder nicht richtig
gefragt hat, man selbst oder sonst einer, und inwiefern das eine oder
das andere geschehen ist. Denn darin liegt die Kunst, derenthalben man
sich übt, und besonders in den Aufstellungen und Anständen. Denn um in
zwei Worten alles zu sagen: ein Dialektiker ist wer etwas aufzustellen
und zu beanstanden weiß. Aufstellen heißt, aus Mehrerem Eines machen
— denn das, was zu begründen ist, muß zu einem Ganzen zusammengefaßt
werden —, und Beanstanden heißt, aus Einem Vieles machen. Denn
man unterscheidet entweder oder man widerlegt, indem man die eine
Aufstellung zugibt, die andere nicht.
Man darf aber nicht mit jedem disputieren und sich nicht mit dem
ersten besten einlassen; denn je nachdem der Gegner ist, kann aus den
Disputationen nichts Rechtes werden. Wollte man einen Widerpart, der
um jeden Preis den Schein behaupten will, daß ihm nicht beizukommen
sei, um jeden Preis matt stellen, so wäre das zwar gerecht, aber man
würde sich selbst vergeben. Deshalb darf man nicht leichthin mit
jedwedem anbinden. Denn da kann nichts herauskommen als böses Gerede.
Würden doch auch die, die sich bloß üben wollen, kaum umhin können, bei
solchen Disputationen in einen streitsüchtigen und rechthaberischen Ton
zu verfallen.
Endlich muß man noch für solche Probleme Beweise bereit haben, bei
denen man nur über sehr wenige Gründe verfügt, aber solche, die für
sehr vieles verwandt werden können. Das sind die allgemeinen Gründe und
solche, zu denen man von den elementaren Beobachtungen und Begriffen
aus schwerer den Weg findet[163].
Anmerkungen.
Zum ersten Buche.
[1] Man steht Rede in der Antwort, als Defendent. Die Bildung der
Schlüsse, von der unmittelbar vorher verlautet, ist als Sache des
Opponenten gedacht; es sind also Gegenschlüsse oder Widerlegungen
gemeint. Das Opponieren scheint also die erste Aufgabe des Dialektikers
sein zu sollen, vgl. unten II. l, Abs. 2, Ende. Daher vielleicht auch
der Titel der letzten logischen Schrift: Sophistische Widerlegungen,
nicht Schlüsse. In diesem Absatz ist auch der Charakter der Dialektik
gegenüber der streng philosophischen Erörterung gekennzeichnet: Für
den Opponenten handelt es sich um Bildung von Schlüssen, für den
Defendenten um Vermeidung von Widersprüchen.
[2] Vgl. An. pr. I, 1. 24b 18ff.
[3] Die Eigentümlichkeit des dialektischen gegenüber dem apodiktischen
Schlusse besteht in keinem formellen Mangel — alle Schlüsse schließen
nach dem vorausgehenden Absatz notwendig —, sondern in einem
materiellen Mangel: die Vordersätze sind bei ihm nicht sicher.
[4] Die erste Art eristischer Schlüsse ist materiell, die zweite
formell oder zugleich auch materiell falsch. Man vergleiche im Text den
folgenden Absatz.
[5] Es wäre z. B. ein pseudographischer Schluß, wenn man behauptete,
ein Kreis sei doppelt so groß als ein anderer, wenn er einen doppelt
großen Durchmesser hat. Der stillschweigend vorausgesetzte Obersatz
ist zwar ein geometrisches Prinzip, aber ein falsches, das auch nicht
wahrscheinlich ist. Man kann aber auch in der Geometrie sonst wahre
Prinzipien verwenden, die aber in ihr nicht gelten, und schließt so
eristisch oder sophistisch. Wollte man z. B. sagen, es müsse eine
Quadratur des Kreises geben, weil das um den Kreis gezeichnete Quadrat
größer, das in ihn gezeichnete kleiner als der Kreis sei, und wo ein
Größeres und ein Kleineres sei, auch ein Gleiches sein müsse, so hätte
man sich mit dem letzten Satz auf ein nicht geometrisches Prinzip
berufen, vgl. d. soph. el. 11.
[6] Der Nutzen der Dialektik für die philosophische Erkenntnis ist also
zweifach: sie hilft die Einzelfragen lösen und die Vorfragen zu den
einzelnen Wissenschaften beantworten.
[7] Da die Dialektik nur Wahrscheinliches ergibt, so braucht sie nicht
förmlich zu überzeugen.
[8] Griech. ὁρικόν, von ὅρος, Definition. Das Wort ist unübersetzbar,
es bedeutet: was definiert oder zur Definition dient oder gehört.
[9] Fähig, die Elementarfächer, Lesen und Schreiben, sich anzueignen;
vgl. B. 6, K. 5, Absatz 3, 142 b 31.
[10] Aber nicht überhaupt; denn auch die Vögel haben zwei Füße.
[11] ζῷον heißt nicht Tier, nicht lebendes Wesen und nicht Geschöpf.
Tier heißt griech. θηρίον. Die Bedeutung lebendes Wesen ist hier nicht
gemeint, weil sie zu allgemein ist. In der Definition muß das Genus
proximum, die nächste Gattung, angegeben werden. ζῷον aber kommt z. B.
auch in der Definition Gottes vor, met. XII, 7. 1072 b 28. Darum darf
man das Wort auch nicht mit Geschöpf übersetzen, ganz abgesehen davon,
daß auch diese Bedeutung zu allgemein wäre. Das Wort kann auch lebendes
Wesen mit Einschluß der Pflanzen bedeuten. So sagt z. B. Aristoteles,
daß die Seele das Prinzip der ζῷα, der lebenden Wesen, ist, d. anima I,
1. 402a 6; cf. ib. I, 5. 411b 27.
[12] Aristoteles will sagen, daß die Einteilung in Akzidenz, Genus,
Proprium und Definition mangelhaft ist, sofern manches was bezüglich
der Auffindung der Örter für das eine gilt, auch für das andere gilt.
Trotzdem will er für jedes Genannte besondere Anweisungen geben. Was
nicht ausgesprochen zum Akzidenz, Genus usw. gehört, soll nach seiner
näheren Verwandtschaft damit untergebracht werden. — Zur Gattung
gehörig heißt γενικός, wie zur Definition gehörig ὁρικός, vgl. Anm. 8.
[13] Vgl. oben, K. 5, Absatz 3.
[14] Πεζός geht auf die Art der Fortbewegung, im Gegensatz z. B. zu
Fliegen und Schwimmen.
[15] Schon zu Anfang des 4. Kap. waren als die Materie, um die die
dialektischen Schlüsse sich bewegen, die Definition, das Proprium usw.
bezeichnet worden. Jetzt folgt die Begründung hierfür durch Induktion
und Schluß.
[16] Ein Beispiel für den ersten Fall ist der Satz, der die
Definition des Kreises ausspricht, für den zweiten Fall der Satz:
alles Erschaffene ist in der Zeit geworden, für den dritten der Satz:
der Mensch ist ein sinnliches Wesen, für den vierten der Satz: alle
Menschen schlafen.
[17] Definition oder Wesen und wesentliche Prädikate, Gattung und Art,
können in allen Kategorien stehen, da die übrigen Kategorien so gut
eine Definition zulassen, wie die Substanz; dagegen können Proprium
und Akzidenz nicht in der Kategorie der Substanz stehen. — Bei der
Definition wird ein Ding von sich selbst oder wird von ihm die Gattung,
bei dem Proprium und dem Akzidenz, wird, wie schon im Wort liegt, von
dem einen Ding ein anderes ausgesagt.
[18] Frage kann auch eine Prämisse bedeuten, die der Opponent durch
Fragen gewinnt, bedeutet es hier aber nicht. Ebenso kann πρότασις auch
Prämisse heißen, heißt es hier aber nicht. Vgl. zu diesem Absatz B. l,
K. l, Abs. 5 und K. 4, vorletzter Abs.
[19] Theoretische oder praktische Frage.
[20] Hier wird die Ewigkeit der Welt als ein unlösbares Problem
bezeichnet, wobei aber glaubhaft ist, daß die Unmöglichkeit der Lösung
nicht schlechthin gemeint ist, sondern subjektiv, für Personen von
geringerer philosophischen Einsicht. In der Metaphysik XII, 6. 1071 b
7, beim Beweis des ersten göttlichen Bewegers, legt Aristoteles die
Ewigkeit der Welt und der Bewegung zugrunde. Er wird daher besser mit
sich selbst im Einklang stehen, wenn wir die erste Stelle in dem von
uns bevorzugten Sinne auffassen. In der Schrift de gener. animal.
freilich, III, 11. 762 b 28 ff., bespricht er mit wissenschaftlichem
Ernste die Hypothese, nach der die ersten Individuen der Menschen
und Vierfüßler aus der Erde entsprossen sind, indem er es für
wahrscheinlicher bezeichnet, daß in diesem Falle diese Individuen aus
einem Wurm, nicht aus einem Ei entstanden sind. Aber es handelt sich
hier erstens nicht um die Ewigkeit der Welt, sondern der Zeugungen,
und zweitens können sich nach Aristoteles die Entstehung und der
Untergang der irdischen Organismen von jeher periodisch gefolgt sein.
Wir möchten aber zu der Stelle, die uns auf diese Anmerkung geführt
hat, besonders folgendes erinnern. Man darf nicht glauben, mit dem
Philosophen in Übereinstimmung zu bleiben, wenn man die Frage nach der
Ewigkeit der Welt der anderen Frage nach ihrer Ursprungslosigkeit und
Unerschaffenheit gleichsetzt. Ob die Welt in Gott ihren Ursprung hat
oder nicht, kann doch unmöglich als ein unlösbares Problem bezeichnet
werden. Das wäre der Verzicht auf alle Philosophie, die keine andere
Aufgabe hat, als die Dinge aus ihrem letzten Grunde zu erklären. Von
einer solchen Frage kann man darum auch nicht sagen, was am Ende des
Absatzes steht: man kann auch nach so etwas fragen. So spricht man
nicht von der ersten und letzten Frage aller Forschung. Vielmehr
scheint diese Fassung grade daraus verständlich zu werden, daß der
Gedanke einer erschaffenen und doch ewigen Welt befremden muß. Auch
das paßte auf die Frage von der Schöpfung nicht, was im vorausgehenden
Absatz von der Ewigkeit der Welt gesagt wird, es sei eine theoretische,
keine praktische Frage, weshalb sie auch förmlich als Beispiel einer
theoretischen Frage auftritt. Die praktische Tragweite dürfte doch hier
größer sein als irgendwo anders. Man muß also annehmen, daß Aristoteles
die beiden Momente der Ewigkeit und der Geschaffenheit nicht für
unverträglich angesehen, mit anderen Worten, daß er eine anfangslose
Schöpfung für denkbar und möglich gehalten hat. Abhängigkeit und
Ewigkeit des Seins waren ihm kein Widerspruch, hat er doch auch eine
ewige von Gott bewirkte Bewegung gelehrt.
[21] Das Sophisma beruht auf dem Schluß: der Musikus kann kein
Grammatikus geworden sein; denn da würde ein Akzidenz das Subjekt
eines anderen Akzidenz; er ist aber auch nicht von Ewigkeit her ein
Grammatikus; also ist etwas, was weder geworden, noch ewig ist. Der
Fehler liegt darin, daß die eine Eigenschaft Subjekt der anderen werden
soll, da doch beide ihr gemeinsames Subjekt an dem Menschen haben.
[22] Das ist auch die bekannte alte Einteilung der ganzen Philosophie.
[23] Beraubung ist nicht dasselbe wie Nichtvorhandensein. Sie ist das
Nichtvorhandensein dessen, was man von Natur haben sollte. So ist z. B.
der Blinde, nicht der Stein, des Gesichtes beraubt.
[24] Zu einem solchen Schluß kommt man mit Hilfe der Zweideutigkeit nur
dann, wenn die Bedeutung, die man zugrunde legt, nicht gilt. Indessen
ist das kein dialektisches, sondern ein sophistisches Verfahren, das
man nur anwenden darf, wem man sich sonst nicht mehr zu helfen weiß.
Zum zweiten Buche.
[25] Dieser und die drei anderen Absätze dieses Kapitels enthalten je
eine Vorbemerkung zu den Topi für das Akzidenz.
[26] Weil die Örter für die partikulären Probleme dieselben sind,
wie die für die allgemeinen Probleme, so brauchen eigentlich nur die
letzteren behandelt zu werden, doch ist den ersteren das K. 6 des 3.
Buches gewidmet. Von den allgemein umstoßenden Örtern wird nur zu
Anfang eigens gehandelt. Bald werden sie mit den begründenden oder
behauptenden Örtern gemeinsam vorgenommen, doch so, daß sie in den
einzelnen Absätzen meistens zuerst an die Reihe kommen. Wenn die
umstoßenden Örter zuerst behandelt werden sollen, so folgt daraus
nicht, daß in der Dialektik die Opposition die Hauptsache ist. Vgl.
unten B. 7, Anm. 6. Der 1. Absatz in B. 1, K. 1 läßt sich auch so
erklären, daß das Redestehen nachträglich genannt wird, um einmal
daran zu erinnern, daß die Dialektik das Für und Wider erörtert, und
dann anzumerken, daß in ihr wenigstens die formelle Richtigkeit beim
Schließen gewahrt werden muß.
[27] Wenn die Unzulässigkeit eines Urteils noch nicht aus der
Definition des Subjekts und seines Akzidenz hervorgeht, so muß man die
einzelnen Bestandteile der Definition definieren, um sie zu zeigen.
[28] Vielleicht interessiert die Notiz, daß Thomas von Aquino
diese Stelle im ersten Satz seiner Philosophischen Summa zitiert:
Multitudinis usus, quem in rebus nominandis sequendum Philosophus
censet Top. II, 2, communiter obtinuit, ut sapientes dicantur qui res
directe ordinant et bene gubernant. Unde, inter alia quae homines
de sapiente concipiunt, a Philosopho ponitur Metaphys. I, 2, quod
sapientis est ordinare. — Vgl. B. 6, Anm. 15.
[29] Wenn es in der Gattung Sinnenwesen Geflügeltes und Vierfüßiges
gibt, so ist darum die Art Mensch doch weder das eine noch das andere.
Wenn aber die Art Mensch tugendhaft ist, so ist es auch die Gattung
Sinnenwesen, indem der Mensch ein tugendhaftes Sinnenwesen ist.
[30] „Paronym, nach etwas benannt, heißen Worte, von denen das eine so
nach dem anderen gebildet ist, daß es nur durch seine Beugungsform sich
von ihm unterscheidet; so ist Grammatiker nach Grammatik, mutig nach
Mut gebildet.“ Cat. 1, 1 a 12.
[31] Wenn man nicht weiß, ob die Arten einer Gattung von etwas
ausgesagt werden, so muß man seine Zuflucht zu den verschiedenen
Definitionen über die Arten nehmen, um ins klare zu kommen. Der Absatz
leidet an einer gewissen Dunkelheit wegen der schwankenden Bedeutung
von ἐπιχειρεῖν und ἐπιχείρημα, vgl. hierüber Trendelenburg, elem. log.
Arist. § 33. p. 108 sqq. Ἐπιχειρεῖν heißt nicht bloß angreifen, um zu
widerlegen, sondern auch etwas in Angriff nehmen, um pro et contra zu
disputieren. Ἐπιχείρημα heißt geradezu dialektischer Schluß, vgl. unten
B. 8, K. 11. Den letzten Satz unseres Absatzes darf man nicht, wie es
wohl geschieht, so übersetzen: gegen Definitionen ist der Angriff oder
das Disputieren leichter. Es wird ja ausdrücklich geraten, sich nach
Definitionen umzusehen. Die Partikel πρός, die hier steht, heißt ja
nicht nur gegen, wider, sondern auch mit Bezug auf etwas. Daher die
Kategorie des πρός τι.
[32] Wenn die platonischen Ideen unsere Vorstellungen sind, so
sind sie weder unbewegt noch intelligibel. Das eine nicht, weil
die Vorstellungen sich mit uns bewegen, das andere nicht, weil die
Vorstellungen unserer Seele von außen durch die Dinge eingedrückt
werden und darum sinnlich sind. Sie sind die Abbilder ihrer Form, die
als sensibile commune zwar auch mit dem Getast, doch besonders mit dem
Gesicht erkannt wird, vgl. d. an. II, 6. 418a 17ff.
[33] Man kann z. B. an momentaner Eingenommenheit des Kopfes leiden,
ohne krank zu sein.
[34] Begriffsverwandt ist also im Vergleich zu abgeleitet der weitere
und übergeordnete Begriff.
[35] Da die Klugheit eine Tugend ist, so ist man ohne sie nicht
schlechthin tugendhaft. Man scheint also, da man von Natur freigebig
oder anspruchslos, aber nicht von Natur klug sein kann — wird diese
Tugend doch nur durch Erfahrung erworben —, etwas beziehungsweise sein
zu können, ohne es schlechthin zu sein.
[36] Das ist also die Lösung des Einwands. Wenn z. B. etwas auch mäßig
warm ist, so ist es doch schlechthin warm, und wenn man an einem Orte
oder zu einer Zeit deutsch sprechen kann, so kann man es schlechthin,
weil einem diese Fähigkeit zuerkannt werden muß, ohne daß man einen
Zusatz macht.
Zum dritten Buche.
[37] Die Gerechtigkeit ist wünschenswerter oder besser als der Gerechte
soll heißen, sie macht ihn besser als seine übrigen Eigenschaften, die
keine sittlichen Güter sind. In ähnlichem Sinne sagt die Heil. Schrift:
„Fürchte Gott, und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.“
Eccles. 12. 13.
[38] Vgl. die vorausgehende Anm.
[39] Nach der Voraussetzung, daß die Glückseligkeit die Gesundheit
an Wert um mehr übertrifft, als diese ihre bewirkende Ursache, das
Gesunde. Setzen wir mithin als wirkende Ursache der Glückseligkeit die
Tugend, so folgt, daß diese besser ist als die Gesundheit. Der Wert des
Gesunden sei z. B. = 1, der der Gesundheit das Doppelte, = 2, der der
Glückseligkeit das Dreifache hiervon, = 6. Dann ist der Wert der Tugend
= 3, also größer als der Wert der Gesundheit. Sie übertrifft eben das
Nämliche, das Gesunde, um mehr, als diese es tut.
[40] Wer z. B. bedauert, daß ihm die Tugend abgeht, ist weniger zu
tadeln, als wer bedauert, daß ihm der Reichtum abgeht. Daher ist die
Tugend wünschenswerter als der Reichtum.
[41] So z. B. ein Schwert, das gut ist für seinen Zweck, den Kampf.
[42] So ist z. B. die Tugend besser als die Lust.
[43] II, 2, Abs. 3.
[44] Man muß nicht nur das Subjekt, sondern auch das Prädikat, das
Akzidenz, in Arten unterscheiden. Wenn es heißt, man solle das Akzidenz
nach Art oder nach Zahl unterscheiden, so scheint der Ausdruck Zahl
für die Fälle vorbehalten zu sein, wo man nicht gut von Arten sprechen
kann. Vielleicht ist das der Fall bei den graden und ungraden Zahlen in
zweiten Beispiel.
[45] Mit angehen haben wir ἐπιχειρητέον übersetzt; vgl. Anm. II, 31.
Zum vierten Buche.
[46] Die Ordnung, in der die vier Gegenstände der Probleme und der
Disputationen, Akzidenz, Gattung, Proprium und Definition, sich folgen,
mag durch folgende Rücksicht bestimmt sein: das Akzidenz wohnt dem
Subjekt bei, steht aber nicht als Wesensbestimmung und läßt sich nicht
mit ihm vertauschen; z. B. Markus ist blind. Die Gattung wohnt nicht
nur dem Subjekt bei, sondern gehört zur Bestimmung seines Wesens;
Beispiel: Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Das Proprium wohnt
nicht nur dem Subjekt bei, sondern wird mit ihm vertauscht; Beispiel:
Der Mensch lacht, was lacht, ist Mensch. Die Definition endlich wohnt
nicht nur dem Subjekt bei, sondern steht als Wesensbestimmung und
wird mit ihm vertauscht; Beispiel: jeder Mensch ist ein vernünftiges
Sinnenwesen, jedes vernünftige Sinnenwesen ist ein Mensch; nach Silv.
Maurus, in 1. II. Top. Synopsis.
[47] Denn die Definition enthält die Gattung und ist ein Proprium des
Definierten. Auch darum also kommt die Definition zuletzt an die Reihe.
[48] Auch darum kommen die Gattung und das Proprium erst nach dem
Akzidenz an die Reihe.
[49] Vgl. oben I, 5. 102 b 6.
[50] Sinnenwesen läßt nicht den Begriff des Menschen, wohl aber Mensch
den Begriff des Sinnenwesens zu: das Sinnenwesen ist kein Mensch, aber
der Mensch ein Sinnenwesen.
[51] Es müßte also das Seiende oder das Eine ein Lebendiges oder ein
Körperliches oder zu einer anderen der höchsten Gattungen Gehöriges
sein, was nicht der Fall ist. Somit steht Seiendes und Eines unter
keiner Gattung.
[52] Eine schwierige Stelle! Es ist hier die Rede von einer Art, die
zu einer Gattung gehört, auf der ersten Einteilung beruht und an
keiner Art, sondern nur an einer Gattung teilhat. — Was an der Gattung
teilhat, muß doch auch, wie es gleich weiter unten in diesem Absatz
heißt, an einer der Arten teilhaben. Und was ist das für eine Art,
die an keiner Art teilhat? — Art, εἶδος, hat hier die Bedeutung von
Begriff: die auf der ersten Einteilung beruhenden Arten oder Gattungen
sind die zehn Kategorien als oberste Begriffe. Sie zerfallen nicht
in Arten. Die Substanz z. B. zerfällt in geistige und körperliche
Substanzen, was keine Arten sind, die Größe in stetige und diskrete
Größen, Raumgrößen und Zahlen, was wieder keine Arten sind.
[53] Die Lust als Bewegung soll eine Art Erregung sein, freudige
Erregung. Bewegung, κίνησις, hat einen weiten Sinn, in welchem sie die
Ortsbewegung, die Zu- und Abnahme, die qualitative Veränderung und die
substantiale Veränderung, das Werden und Vergehen, umfaßt (Alexander zu
dieser Stelle, pag. 156). Da nun die Lust keine dieser Bewegungen ist,
so ist sie überhaupt keine Bewegung.
[54] Dagegen ist eine Art des Seienden, Wahren, Gegenstand der
Wissenschaft, der ἐπιστήμη, dasjenige Seiende nämlich, das man aus
seinen Gründen erkennt. Ein falsches Urteil über solches aus seinen
Gründen erkennbares Seiendes wäre kein Wissen, sondern Meinung, δόξα,
irrige Meinung, oder einfach ψεῦδος, Irrtum. Das unmittelbar, aus sich
erkannte Seiende ist Gegenstand des νοῦς, der geistigen Anschauung; so
die obersten Grundsätze.
[55] Alexander hat folgendes: „Platos gedenkt er, um diesen Ort
hervorzuheben und seinen Nutzen zu zeigen, da er auch dazu dienen
könne, die Redeweise eines berühmten Mannes zu rügen. Aber er hat
sich unbewußt selbst eine Rüge erteilt, da er im 5. Buch der Physik
226b 32 ff., nachdem er bemerkt hat, die Ortsbewegung habe keinen
eigenen Namen, sie Phora nennt.“ Man kann zur Rechtfertigung des
Aristoteles sagen, daß er unter Phora die physikalische Ortsbewegung
versteht, die wirklich nichts anderes ist als ein totes, willenloses
Dahingetragenwerden.
[56] Vgl. 1. B. 15. Kap.
[57] Steht also in diesem Falle das konträre Gegenteil der Art nicht
in derselben Gattung wie sie selbst, so ist die Gattung schlecht
angegeben. Vgl. cat. 11, 14a 19ff.: „Alles Konträre muß entweder in
derselben Gattung stehen oder in den konträren Gattungen oder muß
selbst Gattung sein. Weiß und Schwarz stehen in derselben Gattung —
ihre Gattung ist Farbe —, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in den
konträren Gattungen — die Gattung des einen ist Tugend, die des anderen
Laster —, und Gut und Bös stehen in keiner Gattung, sondern sind selbst
Gattungen.“
[58] Beispiel: „die natürliche Neigung zum Guten steht nicht in der
Gattung Tugend. Denn das Kontrarium von Tugend ist Laster. Es müßte
also auch die natürliche Neigung zum Laster in der Gattung Laster
stehen. Das aber ist nicht der Fall. Denn das Laster kann nicht
natürlich sein. Also.“ Nach Silv. Maurus.
[59] Steht weiß in der Gattung Farbe, die kein Kontrarium hat, dann
auch schwarz.
[60] Rot liegt in der Mitte zwischen weiß und schwarz und steht in der
Gattung Farbe, die kein Kontrarium hat, also auch weiß und schwarz.
[61] Wie Ungerechtigkeit der Gerechtigkeit, so ist das Laster der
Tugend konträr. Die Tugend ist aber Gattung für Gerechtigkeit. Also ist
das Laster Gattung für Ungerechtigkeit. Denn wo die Gattungen konträr
sind, müssen konträre Arten zu konträren Gattungen gehören.
[62] Vgl. B. 2, K. 8.
[63] Die Tugend ist relativ, sofern sie sich auf bestimmte Güter
bezieht, die Gerechtigkeit z. B. auf das Recht.
[64] Griechisch heißt es: καὶ γὰρ τῶν νοητῶν ἔνια ἐπιστητά. Man darf
das nicht übersetzen: „denn auch solches, was rein intelligibel ist,
gehört zum Gewußten“; noch weniger: „da auch von dem durch die Vernunft
Erkannten einiges wißbar ist“. Julius Pacius hat richtig: „quoniam in
rerum intelligibilium numero nonnulla scibilia sunt“.
[65] Gedächtnis, μνήμη, ist hier der Akt der Erinnerung.
[66] Was geschähe, wenn der Glaube Gattung von Meinung wäre. Denn man
kann meinen, ὑπολαμβάνειν, ohne zu glauben, πιστεύειν.
[67] Aristoteles irrt, wenn Gott das Schlechte soll tun können.
Jedenfalls aber beweist dies, daß er Gott Willensfreiheit zugeschrieben
hat. Hiermit streitet nicht, daß er das höchste Wesen immer das Beste
tun läßt, womit vielleicht auch seine Meinung von der Ewigkeit der
Welt zusammenhängt. Denn da das Sein besser ist als das Nichtsein, so
erscheint es besser, daß die Welt von jeher war, als daß sie erst in
der Zeit ins Dasein gerufen wurde. Aber diese Notwendigkeit, immer
das Beste zu tun, ist im Sinne des Aristoteles die höchste Freiheit.
Nur scheint hier übersehen, daß es im Bereich des Geschaffenen kein
absolut Bestes gibt, da es immer noch höhere Grade der Vollkommenheit
geben kann. Gott tut immer das Beste, indem er die Ratschlüsse seiner
Weisheit und Güte aufs beste ausführt. Übrigens muß man an unserer
Stelle, um Aristoteles gerecht zu werden, noch folgendes bedenken. Er
sagt: jedes Vermögen ist etwas Wünschenswertes. Vermögen ist aber die
Fähigkeit, etwas gut zu machen, die gleichzeitig Fähigkeit ist, etwas
absichtlich nicht gut zu machen. Wer gut schließen kann, kann auch
verkehrt schließen. So hat Gott die Wahlfreiheit, sofern sie ein Gut
ist. Denn sie beruht auf Erkenntnis und Willensmacht. Sofern sie nun
auf Konträres geht, scheint mit ihr, absolut zu reden, das Vermögen
schlecht zu wählen verbunden zu sein. — Silvester Maurus will der
Schwierigkeit anders Herr werden, indem er in seiner Paraphrase statt
Gott angelus setzt, als wäre etwa an einen Sphärengeist gedacht.
[68] So ist die Glückseligkeit kein Vermögen, weil man sie ihrer selbst
wegen wünscht und wählt. Die Wahlfreiheit hat ihren Wert insofern, als
man einen guten Gebrauch von ihr machen kann.
Zum fünften Buche.
[69] Lebewesen = ζῷον, vgl. Anm. I, 11.
[70] Nachdem die vier Arten des Proprium im 2. Absatz paarweise genannt
und an Beispielen kurz verdeutlicht worden sind, werden sie hier jede
für sich näher erklärt. — Proprium des Menschen an sich ist sterbliches
wissensfähiges Sinnenwesen. Es sind scheinbar zwei Attribute, aber
sterblich soll Sinnenwesen nur von den Geistern unterscheiden. K.
4. Abs. 2 ist wissensfähiges Sinnenwesen Proprium des Menschen. Das
Merkmal wissensfähig unterscheidet ihn von den Tieren, sofern sie nicht
wissen, und von Gott, sofern er nicht des Wissens bloß fähig ist,
oder es passiv aufnimmt, δεκτικός. Aber obschon ein solches Proprium
seinem Subjekte an sich und immer zukommt, so ist es doch keine
Wesensbestimmung, wie etwa die Gattung, sondern etwas, was zum Wesen
hinzutritt. So ist es z. B. auch ein Proprium des ebenen Dreiecks, daß
seine Winkelsumme zwei Rechte beträgt, aber das folgt erst aus der
Definition, nach der es eine von drei graden Linien umschlossene Figur
ist. So folgt auch wissensfähig beim Menschen aus seiner vernünftigen
Natur.
[71] Man geht ja nicht immer spazieren, wie man immer ein Kompositum
aus Leib und Seele ist. Daß dieses Proprium auch nur dann vorliegt,
wenn man zufällig der einzige Spaziergänger ist, sagt Absatz 2.
[72] Das relative Proprium ist zugleich ein Akzidenz. Denn im Vergleich
zu dem einen ist es ein Proprium seines Inhabers, im Vergleich zu dem
anderen ist es kein Proprium. Akzidenz aber ist, was einem Subjekte
zukommen und nicht zukommen kann. Mithin gelten die Örter für das
Akzidenz auch für das relative Proprium.
[73] Seite 129b hat Bekker γνωριμώτερον ὑπάρχει. Wir korrigieren
ὑπάρχειν, gleich εἶναι. ὑπάρχει steht auch als Kopula wie ἐστίν.
[74] Nach der alten Physik gibt es eine dreifache natürliche Bewegung
der Körper, nach oben, nach unten und im Kreise. Am höchsten nach oben
steigt das Feuer, nach ihm die Luft. Am tiefsten nach unten steigt die
Erde, nach ihr das Wasser. Die ätherischen Himmelskörper, die Sphären
und Gestirne, bewegen sich im Kreise.
[75] Die Übersetzer sind hier unklar, weil sie nicht gesehen haben, daß
ἐπίστασθαι τοῦτο nicht bloß heißen kann: dieses wissen, sondern auch,
daß dieses weiß, z. B. dieses Geschöpf oder dieses Kollegium. Das ist
nach Aristoteles die eine Zweideutigkeit, die andere ist, daß es ein
aktuelles und ein habituelles Wissen gibt. Aus der Kombination der
beiden Paare ergibt sich ein vierfacher Sinn. Schon vorher war gesagt
worden, daß wahrnehmen, αἰσθάνεσθαι, zweierlei bedeutet: den Sinn haben
und den Sinn gebrauchen. Die böhmische Sprache hat für den doppelten
Sinn des Zeitworts eine doppelte Form.
[76] Vgl. Anm. I, 11.
[77] Es heißt hier, wie schon früher wiederholt, daß das Proprium in
gewissem Betracht richtig angegeben sei. Es liegt an sich näher, das
Feuchte oder das Wasser, ὑγρόν, nach seiner Eigentümlichkeit anders
zu bestimmen als durch das Merkmal, daß es sich in die Gestalt des
umschließenden Körpers fügt. Man kann seine Eigentümlichkeit etwa
ähnlich wie beim Feuer nach seinem eigentümlichen Orte bestimmen. Aber
es liegt Aristoteles daran, mit den Beispielen zu wechseln, um die
vielen möglichen Rücksichten zu zeigen, die hier in Betracht kommen.
Jedenfalls soll das κατὰ τοῦτο, in diesem Betracht, keinen Mangel
besagen, als ob das Proprium nur in einer Beziehung richtig angegeben
wäre, vgl. unten Anm. 83.
[78] Im Griechischen heißt es wörtlich: „bei den anderen Bestimmungen,
die etwas nicht bekannter machen oder bekannter machen“.
[79] Erste Trägerin der Farbe oder, wie es wörtlich heißt: „das, was
zuerst gefärbt ist“, ist die Fläche insofern, als zwar der Körper
gefärbt ist, aber nur, sofern er eine Fläche hat. Das ist auch eine der
etwas gezwungenen und fernliegenden Weisen, das Proprium anzugeben;
deshalb wieder der Zusatz: in diesem Betracht, κατὰ τοῦτο, ist es gut
bestimmt.
[80] Daß die Definition des Menschen sei: animal gressibile bipes,
setzt Aristoteles hier frei voraus. Es ist seine Art, mitunter, wo der
Ort nicht ist, genau zu sein, unbestimmt und nach der vulgären Meinung
zu reden. Die richtige Definition des Menschen ist: animal rationale.
Darüber, daß das Proprium nicht zum Wesen gehört, vergleiche man die
Anm. 70. Von Natur zahmes Wesen wird als Proprium gelten gelassen, weil
es mit Mensch vertauscht wird. Katze, Hund und Rind usw. sind zwar auch
zahm, aber sie kommen auch wild vor, sind also nicht von Natur zahm.
[81] Auch vom reinen Geist kann man sagen, daß er eine Seele hat, wie
z. B. Plato von Zeus, den er als das höchste Wesen denkt, sagt, es
wohne ihm eine königliche Seele ein, Philebus 30 D. Es ist also hier
eigentlich ζῷον im Sinne von Lebewesen gemeint; vgl. K. 4, Abs. 4, wo
Gott wieder ζῷον heißt. Was Aristoteles tadelt, ist nicht die Sache,
sondern die Form: das Genus fehlt. Im 4. Kapitel wird er uns sagen, daß
auf eben diese Weise das Proprium sachlich richtig angegeben wird. Man
vergleiche dort den 4. Absatz, Ende.
[82] Im Griechischen steht διὰ τῶνδε, das sonst auf nachfolgendes
weist; besser stände διὰ τούτον.
[83] Das vorige Kapitel hat gezeigt, wie das Proprium in einem
bestimmten Betracht richtig angegeben wird. Jetzt soll gezeigt werden,
wie es schlechthin richtig angegeben wird. Das ist der Fall, wenn es
überhaupt, ὅλος, ein Proprium ist. Letzteres ist weniger, als wenn es
in jedem Betracht richtig angegeben wird.
[84] Vgl. oben Anm. 2.
[85] Am Wissen teilnehmend, ἐπιστήμης μετέχον, ist zu unterscheiden
von das Wissen aufnehmend, ἐπιστήμης δεκτικόν, oder des Wissens fähig.
Teilhaben besagt keine Passivität, die in Gott, der lauteren Aktualität
und Wirklichkeit, keine Stelle findet, obwohl für das höchste Wesen
und das Prinzip alles Seins auch der Ausdruck teilnehmend nicht recht
paßt und nur gewählt ist, um ein gemeinsames Attribut für Gott und die
endlichen Geister zu haben.
[86] Vgl. oben Anm. 13. Der vorausgehende Absatz 2 scheint müßig und
unterschoben. Er deckt sich vollständig mit dem folgenden Absatz 4.
Silvester Maurus geht in seiner Paraphrase anscheinend über ihn hinweg.
[87] Der Ausdruck ist auffallend, der Sinn ist einfach: noch bevor man
selbst ist und Mensch ist, und auch später, kann von einem anderen, das
Subjekt oder Träger des Namens Mensch ist, etwas ausgesagt werden, was
nicht zum Wesen oder den wesentlichen Bestimmungen des Menschen gehört.
Wenn dasselbe also von einem selbst als Proprium ausgesagt wird, so
kann dies nur zeitweilig gelten.
[88] Vgl. Anm. 2.
[89] Beseelte Substanz ist Proprium des Sinnenwesens oder besser des
Lebewesens, nicht Definition. Das Verhältnis der Seele zur Substanz
wird nicht angegeben; es ist bei den Sinnenwesen das der Form, bei den
reinen Geistern ist die Form selbst Substanz. Beim Lebewesen überhaupt
ist die Beseeltheit das Proprium, das es von den anderen Substanzen
unterscheidet.
[90] Vgl. die vorige Anmerkung. Leben ist dasselbe wie Beseeltsein.
Vgl. de anima II, 2. 413a 20: „Wir sagen, das Beseelte sei von dem
Unbeseelten dadurch unterschieden, daß es lebt“.
[91] Dieser ganze dritte Ort trügt. Dem Nichtlebewesen kommt überhaupt
nichts zu, da es nichts ist. Dem Lebewesen aber ist es nicht
eigentümlich, daß es kein Nichtbeseeltes ist, da das etwas Negatives
ist. Anders Silv. Maurus: „Proportionalis locus est: quod non est
proprium unius contradictorii, est proprium alterius. At hic locus
non est universaliter verus. Non enim valet, sentire non est proprium
hominis; ergo est proprium non hominis.“
[92] Lebewesen heißt hier wieder auch mit Bezug auf Gott ζῷον. Dem
Menschen, dem Tier und der Pflanze kommt das Prädikat sinnlich
wahrnehmbar zu, es ist also für keines von ihnen ein Proprium. Im
Griechischen steht: keinem anderen sterblichen Lebewesen, statt: keinem
anderen Lebewesen, das sterblich ist, wie man in dieser Sprache auch
sagt: die Griechen und die anderen Barbaren, d. h.: die Griechen und
die anderen, die Barbaren sind. Für Gott ist das Prädikat intelligibel
kein Proprium, weil er es mit den Sphärengeistern teilt.
[93] Vgl. oben B. 5, K. 1, Abs. 4, bei Bekker 128b 37ff.
[94] Das Griechische ist nicht wörtlich übersetzbar. Es ist hier das
Verhältnis des Nominativus und des Dativus gemeint. Der Text heißt:
ἐπεὶ τοῦ ἀνθρώπου ἐστίν ἴδιον τὸ πεζὸν δίπουν, καὶ τῷ ἀνθρώπῳ εἴη ἂν
ἴδιον τὸ πεζῷ δίποδι λέγεσθαι 136b 20ff.
[95] Vgl. B. 2, K. 9.
[96] Der Arzt stellt nicht allein die Gesundheit her, sondern auch die
Arznei, die Diät oder einer, der einen guten medizinischen Rat gibt,
und der Baumeister macht nicht allein ein Haus, sondern auch wohl
einmal ein Farmer. Dagegen ein Mann, der ein Hersteller der Gesundheit
ist, ist nur der Arzt, und ein Mann, der ein Hersteller von Häusern
ist, nur der Baumeister.
[97] Dieser Ort ist unter den vielen schwierigen Örtern, die sich
um das Proprium drehen, wohl einer der schwierigsten. Man kann ihn
mit Anwendung des aristotelischen Beispiels so erklären. Ist es der
Klugheit nicht eigentümlich, Wissenschaft des Schönen zu sein, dann
auch nicht, Wissenschaft des Häßlichen zu sein. Denn sie hat zu beiden
dasselbe Verhältnis. Wenn es ihr aber eigentümlich ist, Wissenschaft
des Schönen zu sein, dann kann es ihr wieder nicht eigentümlich
sein, daß sie Wissenschaft des Häßlichen ist. Denn eines kann nicht
Proprium für zwei sein. Diese Folge ergäbe sich aber. Denn man kann
Klugheit mit Wissenschaft des Schönen und des Häßlichen vertauschen
und darum auch diese beiden unter sich, und so wäre es der Klugheit
und der Wissenschaft des Schönen gleich eigentümlich, Wissenschaft
des Häßlichen zu sein. — Aristoteles bemerkt dem Sinne nach, daß sich
dieser Ort von dem vorigen unterscheidet, weil er nicht zwei, sondern
nur ein Ding im Verhältnis zu zweien betrachtet. Daher ist er nur für
die Widerlegung zu gebrauchen.
[98] Im Griechischen steht nicht θνητός, was dem Menschen nicht
eigentümlich, sondern mit den Tieren gemeinsam ist, sondern βροτός, die
eigentümliche Bezeichnung für ihn, sofern er sterblich ist.
[99] Im Begriff des ζῷον, Mensch, Tier und Pflanze, liegt, daß es
ihm eigentümlich ist, aus Leib und Seele zu bestehen, dagegen nicht
im Begriff des Menschen, daß es ihm eigentümlich ist, zu ruhen, wohl
aber ist ihm dies zwar nicht eigentümlich, kommt ihm aber zu, wenn man
ihn als Idee betrachtet. Denn die Ideen ruhen nach der Ansicht ihrer
Vertreter. Hiergegen erhebt sich ein Bedenken: es scheint dem animal
nicht eigentümlich, sondern wesentlich zu sein, aus Seele und Leib zu
bestehen. Hierauf ist zu sagen, daß das Wesentliche beim animal das
Verhältnis von Seele und Leib, Sein und Leben gebender Form und Sein
und Leben empfangendem Stoff ist. Davon ist das Zusammengesetztsein
zu schlechthinniger Einheit die Folge; es ist also ein notwendiges
Proprium.
[100] Die vollkommeneren Tiere haben alle fünf Sinne, die
unvollkommensten nur einen oder zwei, das Getast und den Geschmack.
[101] Dem Menschen ist die Tugendhaftigkeit nicht eigentümlich: es
gibt auch böse Menschen. Darum, sagt der Text sehr frei, ist auch dem
mehr Mensch kein mehr Tugendhaft eigentümlich. Davon, daß es kein mehr
Mensch gibt, wird abgesehen. Es gibt aber z. B. ein mehr Lebendigsein,
wie bei den Tieren der höheren Stufen. Alexander bemerkt zu 137b, 14,
daß die Wesenheiten kein Mehr und Minder zulassen.
[102] Die höchste Schicht zwischen Luft und Äther ist dem Aristoteles
Feuer, das freilich nicht leuchtet wie die Flamme, sonst würde man es
in der Nacht sehen.
[103] In diesem Absatz entsteht für das Verständnis des Griechischen
eine Schwierigkeit, weil μᾶλλον hier nicht mehr, sondern eher heißt
und dem entsprechend auch die Bedeutung von ἧττον, weniger, sich
modifiziert. Eine Schwierigkeit in diesem Absatz ist auch, daß dem
ζῷον die Wahrnehmung nicht eigentümlich sein soll, aber es bezeichnet
auch die Pflanze und den reinen Geist, die nicht sinnlich wahrnehmen.
Dem Menschen ist das Wissen nicht eigentümlich, weil auch Gott es
hat. Noch eine Schwierigkeit bietet der Ort mit dem zahmen Menschen
und dem lebenden ζῷον. Wir legen ihn uns auf folgende Weise zurecht.
Beim Menschen kann man zweifeln, weil viele Menschen bösartig sind,
beim ζῷον, weil die Pflanze im Vergleich zum Tier nicht zu leben
scheint. Indessen ist der Zweifel hier geringer, weil schon das Wort
ζῷον auf ζῆν, leben, hinweist. Nun ist es dem Menschen aber wirklich
eigen, daß er ein zahmes ζῷον ist, vgl. Anm. 80; die Bösartigkeit
kann nicht zur Natur des Menschen gehören, vgl. B. 4, Anm. 58. Also
ist es auch dem ζῷον eigen, daß es lebt. Daß sie leben, ist bei
den ζῷα Proprium, nicht Wesensbestimmung, weil das Leben das Wesen
voraussetzt. Bei den Organismen ist es logisch später als das Was,
weil es auf die substantielle Einheit von Leib und Seele erst folgt,
daß das Kompositum aus beiden lebt, bei den reinen Geistern aber folgt
es auf die Geistigkeit. — Silv. Maurus teilt die loca in diesem und
dem vorausgehenden und den zwei folgenden Absätzen so ein: im ersten
Ort wird eines von einem gesagt, im zweiten zwei Dinge von zweien,
im dritten eines von zweien und im vierten zwei Dinge von einem. Man
vergleiche hierzu Alexander zu 137b 14.
[104] Vielleicht ist daran gedacht, daß auch das Innere des Körpers
gefärbt ist und sich beim Bruch gefärbt zeigt, zumal da nach
Aristoteles die Farbe nicht vom Lichte kommt, sondern durch das Licht
nur sichtbar wird. Wenn es der Oberfläche nicht eigentümlich ist,
gefärbt zu sein, so ist es dem Körper darum nicht eigentümlich, weil
zwei Dinge nicht dieselbe Eigentümlichkeit haben können.
[105] Dem Sinnenwesen scheint wahrnehmbar eher eigen als teilbar.
Teilbar sind auch Linien und Flächen, aber sie sind, streng
mathematisch genommen, nicht wahrnehmbar, nur denkbar. Aber auch
wahrnehmbar ist ihm nicht eigen, alle Körper sind es. — Wahrnehmbar
darf nicht mit wahrnehmend übersetzt werden: αἰσθητόν ist nicht
αἰσθητικόν.
[106] Dieses Beispiel bereitet Schwierigkeiten. Zwei Absätze vorher
138a 7 hieß es: dem ζῷον ist die Wahrnehmung nicht eigen, hier heißt
es: sie ist ihm eigen, auch ist es schwer zu sagen, warum man weniger
geneigt sein soll, dem ζῷον die Wahrnehmung als Proprium beizulegen
denn das Leben; eher scheint das Gegenteil der Fall. Auch vorhin schon
war eine unmögliche Annahme gemacht worden mit dem mehr Mensch sein,
vgl. Anm. 101. So legt sich denn der Gedanke nahe, ja, drängt sich
auf, daß die Sätze, die uns hier begegnen, nur hypothetisch stehen.
Für ihren hypothetischen Charakter spricht auch ihre Konstruktion
im Urtext. Es heißt 138a 27–29 wörtlich so: „da oder wenn, ἐπεὶ,
dem ζῷον das Wahrnehmen weniger eigentümlich ist als das Leben, das
Wahrnehmen ihm aber eigentümlich ist, so möchte es ihm eigentümlich
sein, daß es lebt.“ Hiernach würde sich auch die Erklärung früherer
loca vereinfachen. Die Anm. 103 z. B. würde sich in folgender Weise
modifizieren. ζῷον wäre als Sinnenwesen zu denken, wie es ja auch
an unserer Stelle diesen engeren Sinn hat, und die Zeilen 10–12
im griechischen Text wären in dieser Umschreibung wiederzugeben:
nehmen wir an, es liege nicht so nahe, dem Menschen als Proprium
zuzuschreiben, daß er von Natur zahm ist, wie daß er lebt, da wäre es,
wenn er gleichwohl von Natur zahm ist, gewiß eine Eigentümlichkeit von
ihm, daß er lebt.
[107] Hier bekommt man wieder den Eindruck, daß die Annahme rein
hypothetisch ist.
[108] Weil ein und dasselbe nicht die Eigentümlichkeit von zweien sein
kann.
Zum sechsten Buche.
[109] Ebendarum kann wissensfähig Proprium des Menschen sein; vgl. B.
5, Anm. 70.
[110] Vgl. bei Aristoteles d. anima I, 4. 408b 32 ff.; bei Plato
Phädrus K. 24, 245 C. Übrigens will Aristoteles sonst nicht, daß die
Seele sich selbst bewegt, weil sie überhaupt nicht bewegt werde, l. c.
Zeile 30 f. Wenn man freilich das Wort bewegen in dem weiteren Sinne
von tätigsein nimmt, so würde er eine Selbstbewegung der Seele nicht
bestreiten, da die vernünftige Seele sich selbst erkennt und liebt.
Daß es schwer sein soll, zu sagen, ob die Seele Zahl und sich selbst
bewegend Proprium ist, ist wohl so zu nehmen: man weiß nicht, ob nach
den Platonikern Zahl Gattung und sich selbst bewegend spezifischer
Unterschied sein soll.
[111] Was sich bewegt, hat eben damit ein unbestimmtes Sein. Es wäre
nach diesem Orte verkehrt, das Geometrische aus der Bewegung zu
bestimmen, die Linie z. B. als den Fluß des Punktes.
[112] Der Sinn scheint zu sein, daß bei der gedachten Annahme die
Definition doppelt fehle, weil sie das Objekt nicht aus Früherem und
nicht aus Bekannterem bestimmt.
[113] Wie man auch bei der Angabe der Leistungsfähigkeit das Höchste
nennt.
[114] S. 143a 15 liest man: εἰ ὑπερβαίνειν λέγει τὰ γένη. Wir haben
übersetzt, als stände da: ὑπερβαίνων, und als bedeutete λέγει: er
definiert. Ist ὑπερβαίνειν, wie es scheint, richtig, so wäre so
zu übersetzen: (man weist dem anderen die Mangelhaftigkeit seiner
Definition nach) wenn man erklärt und betont, daß er die Gattungen
überschlägt.
[115] Das ist freilich ein schlagender Beweis gegen die Ideen, wie
Aristoteles sie deutet, ohne daß die Schriften Platos diese Deutung
irgendwie rechtfertigen. Es sollten nach Aristoteles konkrete Genera,
wirklich existierende Allgemeinheiten sein, eine contradictio
in adiecto! Alles Wirkliche ist individuell. Gibt es also eine
subsistierende Länge, so ist sie entweder unausgebreitet oder sie hat
Breite. Ist sie unausgebreitet, so ist sie nicht Gattung für Linie,
sondern selbst Linie. Hat sie Breite, so ist sie wieder nicht Gattung
für Linie, weil die Linie keine hat und sich der Begriff der Gattung
doch in der Art erfüllen müßte; der Mensch z. B. muß ein Sinnenwesen
sein, und so müßte die Linie Breite haben, wenn die subsistierende
ausgebreitete Länge ihre Gattung wäre. — Die Gattung ist der Zahl nach
eine, wenn man sie subsistieren läßt. In Wirklichkeit ist sie eben nur
als Gattung eine, in ihren Arten aber mehreres und noch mehr nach der
Zahl der unter sie fallenden Individuen.
[116] Die Gattung darf von der Differenz nicht so ausgesagt werden,
als befasse sie die Differenz unter sich; sie befaßt die Art unter
sich, der die Differenz zukommt, so Sinnenwesen das vernünftige
Sinnenwesen, den Menschen, nicht die Vernünftigkeit, wie die Tugend
die Gerechtigkeit umfaßt. Wohl aber sagt man: das Vernünftige ist ein
Sinnenwesen, das Vernunft hat, wobei man von den Geistern, die auch
Vernunft haben, absieht. Sagt man von den Differenzen die Gattung
so aus, als wären sie begrifflich von ihr umfaßt, so wäre die Folge
einmal, daß die Gattung öfter genannt würde, so, wenn gehend und
zweifüßig den Begriff Sinnenwesen einschlössen und Differenzen des
Menschen wären. Eine weitere Folge wäre die Absurdität, daß die
Differenzen entweder Art oder Individuum wären, da alles, wovon die
Gattung ausgesagt wird, eines von beiden ist.
[117] Dieser Fall ist mit dem vorigen verwandt. Die Differenz hat
einen weiteren Umfang als die Art, zweifüßig z. B. oder auf Füßen
gehend einen weiteren Umfang als Mensch, und doch müßte sie ihrem
ganzen Umfang nach unter die Art fallen. Auch würde die Differenz Art,
zweifüßig z. B. Mensch sein, was absurd ist.
[118] Die Differenz steht in der Mitte zwischen Gattung und Art, sie
setzt die Gattung voraus, zweifüßig z. B. das Sinnenwesen, wird aber
ihrerseits von der Art vorausgesetzt, zweifüßig z. B. von Mensch: sie
begründet die Art.
[119] Das scheint hier πάθος zu bedeuten, nicht Leiden oder Passivität
oder Zustand, sondern ποιότης παθητική, besonders Trockenheit und
Nässe. Weiter in diesem Absatz wird erklärt, daß die Qualitäten
überhaupt, also auch Wärme und Kälte hier in Betracht kommen; vgl. de
gen. et corr. II, 2. 329b 24 ff. Eher scheint aber, nach der Definition
von πάθος, die Metaph. V, 21 an erster Stelle gegeben wird, der Begriff
in unserem Text noch einen weiteren Umfang zu haben. Es heißt dort:
πάθος heißt in einer Weise die Qualität, nach der etwas qualitativ
verändert werden kann, wie weiß und schwarz, süß und bitter, Schwere
und Leichtigkeit und dergleichen.
[120] Vgl. B. 2, K. 7 u. 9, B. 5, K. 6.
[121] Sind die Ideen ewige Wesenheiten, so kann das Sterbliche, sind
sie ohne Wirken und Leiden, so kann das Wirkende und Leidende nicht an
ihnen teilhaben. Sind sie aber schöpferische Gedanken, so brauchen ihre
Erzeugnisse ihnen nicht gleichartig zu sein: mit ewigem Gedanken kann
Zeitliches und ohne Bewegung kann Bewegtes gedacht werden.
[122] Ein Sophist Dionysius wird in der Physiognomik 3, 808a 16
genannt. Wenn man das Leben definiert wie er, so paßt die Definition
nur auf die Tiere, nicht auf die Pflanzen. Man kann auch die Absicht
haben, ein zweideutiges Wort nur nach einer Bedeutung zu erklären, und
gleichwohl eine Erklärung geben, die auf beide Bedeutungen paßt. In
beiden Fällen kommt die Mehrdeutigkeit nicht zu ihrem Recht. Das eine
Mal wird sie von dem Definierenden übersehen, das andere Mal stellt die
Definition keine Scheidung her.
[123] Silv. Maurus bemerkt hier: loquendum cum multis, sentiendum cum
paucis; vgl. 2. B. 2. K. letzter Absatz. Es ist falsch zu übersetzen:
„wenn auch manches nicht nach der allgemeinen Ausdrucksweise zu
bezeichnen ist“, oder: „wenn man auch einzelnes nicht so wie die Menge
bezeichnen könne“.
[124] Von jedem Punkt der Geraden kann man nach hinten und vorn nicht
über den nächsten Punkt hinaussehen, weil er die folgenden verdeckt. So
paßte die Definition vielleicht auf jede Grade.
[125] In diesem Falle muß also eher die Bezeichnung für die Gattung als
die für die Differenz vertauscht werden.
[126] Feuer galt der alten Physik als Körper, aber Farbe ist kein
Körper, sondern eine Qualität des Körpers.
[127] Wer heimlich und unbemerkt etwas wegnehmen will, es aber nicht
fertig bringt, ist ein Dieb, aber kein guter Dieb.
[128] Man vergleiche nikomachische Ethik III, 9 und dazu die Anm. 17 in
unserer Übers. d. Ethik.
[129] Vgl. B. 5, Anm. 99. Ob eine Verbindung Fleisch oder Knochen ist,
soll sich danach richten, welche Elemente in dem Kompositum überwiegen,
vgl. d. anim. I, 5. 410a 1 ff.
[130] Es gibt kein kontrares Gegenteil von Fleisch und Knochen, wie es
z. B. eines von weiß und hell gibt.
[131] Mit dem bloßen Wort Zusammensetzung hat man keine Definition des
Zusammengesetzten.
Zum siebenten Buche.
[132] Ob eine Definition richtig ist, hängt davon ab, ob sie mit dem
Definierten identisch ist. Daher folgen auf die Örter bezüglich der
Definition die Örter bezüglich des Identischen. B. 1, K. 5, Abs. 3 hieß
es: „auch bei den Definitionen besteht die größte Schwierigkeit darin,
zu entscheiden, ob Identität oder Verschiedenheit vorliegt.“ Zu den
verschiedenen Bedeutungen von identisch vgl. B. 1, K. 7.
[133] Man sieht hier wieder, wie die Annahmen ziemlich willkürlich
gemacht werden; vgl. B. 5, Anm. 38.
[134] Xenokrates, auch 2,6 und 6,3 zitiert, war Schüler Platos
und zweiter Leiter der Akademie. In der Nik. Ethik B. 10, K. 7–9
wird gelehrt, daß das glückselige Leben einmal in der Pflege der
dianoëtischen Tugenden, oder der Betrachtung, dann auch in der
Übung der sittlichen Tugenden besteht und daß zu ihm auch die Gunst
der äußeren Verhältnisse gehört. Hierin liegt schon, daß auch das
tugendhafte Leben nicht der Zahl nach eines ist. Das tugendhafte Leben
ist, weil es auch das beste ist, dem glückseligen Leben untergeordnet,
wie das Mittel dem Zwecke.
[135] Vgl. B. 6, K. 7, Abs. 3.
[136] Vgl. K. 1, Abs. 1.
[137] Im Griechischen heißt es: οὐδεὶς τῶν διαλεγομένων, niemand von
denen, die disputieren. Disputieren hat eine weitere Bedeutung, so
daß darin auch die Mitteilung des Lehrvortrages einbegriffen ist.
Das beweist das angeführte Beispiel der Mathematiker. Entsprechend
heißt es auch in den sophistischen Widerlegungen im Anfang des 2.
Kapitels: „Es gibt vier Arten von Beweisführungen beim Disputieren,
τῶν ἐν τῷ διαλέγεσθαι λόγων: die didaskalischen, die dialektischen,
die peirastischen und die eristischen Beweisführungen. Didaskalische
Beweisführungen sind solche, die aus den jeder Wissenschaft
eigentümlichen Prinzipien und nicht aus den Meinungen des Antwortenden
schließen — denn der Lernende muß glauben —, dialektische solche,
die aus dem Wahrscheinlichen auf die ἀντίφασις (den Widerspruch, das
kontradiktorische Gegenteil oder auch das Für und Wider) schließen
usw.“ Diese Bestimmung über die dialektische Beweisführung dürfte uns
auch einen endgültigen Aufschluß darüber verschaffen, ob wirklich,
wie wir in der ersten Anmerkung zum ersten Buche vermuten, der
Angriff oder die Widerlegung die Hauptaufgabe des Dialektikers und
somit auch die Anweisung dazu das Hauptanliegen der Topik ist. Wir
möchten es bezweifeln. Widerspruch bedeutet für und wider im Sinne
der Bejahung und Verneinung. Demnach ist die Dialektik die Kunst, aus
wahrscheinlichen Prämissen auf einen Satz oder seine Kontradiktion
zu schließen. — Somit dürfte auch die Vermutung, die wir in der
gedachten Anmerkung zu B. 1 über den Sinn der Bezeichnung „sophistische
Widerlegungen“ ausgesprochen haben, kaum haltbar sein. Die Bezeichnung
steht nicht darum für sophistische Schlüsse, als ob in der Dialektik
die Widerlegung die Hauptsache wäre, sondern sie bedeutet:
sophistisches Verfahren bei der Begründung des Für und Wider. Demnach
möchten wir auch jene Vermutung zurücknehmen, die wir in der Einleitung
zur Übersetzung der sophistischen Widerlegungen geäußert haben, als
ob die sophistischen Widerlegungen als solche vom Standpunkte der
philosophischen Wahrheit bezeichnet würden, gegen die die Trugschlüsse
der Sophisten angehen.
[138] So steht weiß und schwarz in derselben Gattung Farbe,
Freigebigkeit und Geiz in den konträren Gattungen Tugend und Laster.
[139] Darum pflegen hin und wieder korpulente Personen, um nicht
aufzufallen, schwarz zu tragen.
[140] Vgl. B. 6, Anm. 121.
[141] Es heißt im Text: οἱ τόποι δι’ ὥν εὐπορήσομεν πρὸς ἕκαστα τῶν
προβλημάτων ἐπιχειρεῖν. Dies muß so, wie geschehen, übersetzt werden.
Hier wird der Inhalt aller vorausgegangenen Bücher bezeichnet. An
dieser Stelle hat ἐπιχειρεῖν wieder die Bedeutung von etwas angehen
oder dialektische Schlüsse ziehen. Wenn man überträgt: „Gesichtspunkte,
um jedes Problem anzugreifen“, oder: „um jeden Streitsatz anzugreifen“,
so paßt das nicht auf das Vorhergehende, und die Anordnung des Stoffes
wird verwirrt. Silvester Maurus paraphrasiert richtig: ex quibus
possumus ducere argumenta accomodata cunctis generibus problematum.
Julius Pacius überträgt minder glücklich: loci, ex quibus adversus
singula problemata argumentorum copia nobis suppetat. Er nimmt das πρός
im Sinne von adversus und εὐπορεῖν im Sinne von reich sein; es heißt
aber hier imstande sein, wie der folgende Infinitiv zeigt.
Zum achten Buche.
[142] Dem Philosophen liegt daran, den Zusammenhang der Prämissen
mit der Konklusion hervortreten zu lassen, dem Dialektiker ihn zu
verbergen. Wenn es heißt, daß Philosoph und Dialektiker, gleichmäßig
nach Vordersätzen für den beabsichtigten Schluß suchen, so bleibt dabei
der B. 1, K. 1, Abs. 5 angegebene Unterschied der Vordersätze bestehen.
[143] Silv. Maurus bemerkt hierzu: „Die Pseudographen ziehen viele
Linien, die teils einen Zweck haben, teils nicht, damit der Gegner, der
die einen von den anderen nicht unterscheidet, getäuscht wird.“
[144] Man vergleiche die einleitende Periode im Proömium zu de anima:
„Da wir die Wissenschaft zu den schönen und würdigen Dingen rechnen,
die eine aber vor der anderen, entweder mit Rücksicht auf ihre
Genauigkeit oder ihren besseren und erhabeneren Gegenstand, so können
wir die Seelenkunde füglich nach diesen beiden Rücksichten zugleich in
die erste Reihe stellen.“
[145] Chörilus von Samos, Zeitgenosse des Euripides, besang in einem
Epos den Sieg der Griechen über Xerxes. Von ihm steht ein Vers in der
Rhetorik III, 14. 1415a 4; auch ist dort wohl aus ihm das Zitat Zeile
16 ff.
[146] Vgl. B. 1, K. 12.
[147] Silv. Maurus hat folgendes Beispiel. Hat man durch Induktion
gezeigt, daß das Pferd, der Hund, der Ochs usw. ein Maul haben, um
damit die Nahrung aufzunehmen, und einen Magen, um sie zu verdauen, so
ist leicht zu schließen: also haben alle Tiere zu dem und dem Zweck
ein Maul und einen Magen, weil man den feststehenden Namen Tier hat.
Hat man aber viele Tiere mit zahnlosem Oberkiefer angeführt, so ist es
mißlich zu folgern: also hat alles solche einen zahnlosen Oberkiefer,
weil man nicht weiß, was nun zu dem solchen gehört und was nicht. Es
hat eben keinen eigenen Namen. Man erdenke also einen und sage z. B.:
alle gehörnten Tiere.
[148] Gegen die Instanzen des Gegners darf man nicht das Behauptete,
sondern nur etwas anderes geltend machen, außer in dem Falle, daß das
Behauptete einzig in seiner Art ist. So ist z. B. zwei die einzige
unter den geraden Zahlen, die die erste Zahl überhaupt ist, alle
anderen geraden Zahlen zerfallen naturgemäß in andere, frühere Zahlen.
Eins ist keine Zahl, sondern Prinzip und Maß der Zahl.
[149] Zeile 6 bedeutet μάγειρος Schlächter oder Koch, nicht Bäcker.
[150] Demnach ist es schwer, das Gegenteil von dem, worauf der
Widerpart hinaus will, schulgerecht zu beweisen.
[151] Für leicht erweislich steht im Text ῥαδίως γράφεσθαι, eigentlich
leicht zu zeichnen. Zeichnen steht für beweisen, weil es die Geometrie
mit der körperlichen Ausdehnung und ihren Grenzen zu tun hat, die
der Anschaulichkeit wegen gezeichnet werden. Darum bedeutet auch
ψευδογράφος, Pseudograph, nicht nur den, der falsche geometrische
Figuren zeichnet, sondern auch den, der falsche mathematische Schlüsse
zieht.
[152] Trendelenburg: „ἀξιώματα fere idem atque προτάσεις“ Elem. logices
Arist., § 42, p. 127. Er leitet dort das Wort von ἀξιοῦν, postulieren,
fordern, ab: „aliquid tamquam syllogismi propositionem tacite assumere“.
[153] Vgl. B. 1, K. 1, Abs. 1 und die Anm. dazu.
[154] Die Instanz, ἔνστασις, besteht darin, daß man einen der
Vordersätze des gegnerischen Schlusses umstößt. Trendelenburg l. c.
§ 41: „instantiam, propositionem propositioni contrariam, latine
cum iurisconsultis exceptionem dixeris.“ Man vergleiche den ganzen
Paragraphen 41 bei Tr.
[155] Vgl. Anm. 151.
[156] Die hier gegebene Definition von Epicheirem bestätigt das über
die verschiedene Bedeutung von ἐπιχειρεῖν in der Anm. 148 zu B. 8
Gesagte. Aporem ist ein Schluß auf die Antiphasis, das heißt das Für
und das Wider, auf die Bejahung und auf die Verneinung. Daher der Name
Aporem von ἀπορεῖν: in Verlegenheit sein, nicht wissen, zweifeln. Auf
das Aporem paßt das B. 1, K. 11, Abs. 2, Anfang Gesagte.
[157] Die Parenthesen berücksichtigen die logische Forderung, daß keine
Konklusion gewisser oder wahrscheinlicher sein kann als die Prämissen.
[158] Wenn eine Beweisführung nach der letzten der vier im vorigen
Absatz genannten Weisen falsch ist, d. h. materiell falsch und
formell richtig, und wahres umstößt, so folgt die Falschheit einer
der Prämissen, durch die sie zustande kommt. Denn aus lauter wahren
Prämissen könnte bei formell richtiger Schlußfolgerung nur wahres sich
ergeben. Die Falschheit einer Prämisse fordert aber die Wahrheit von
etwas anderem, nämlich die Wahrheit ihres kontradiktorischen Gegenteils.
[159] Beweisführung an sich. In dem drittletzten Absatz dieses
Kapitels war die Beweisführung auch mit Rücksicht auf ihren Gegenstand
betrachtet worden. Das zweite Glied der dortigen Einteilung bildeten
die Schlüsse, die nicht zu dem in Frage kommenden Ergebnis führen, das
dritte die Schlüsse, die nicht der vom Gegenstande geforderten Methode
entsprechen.
[160] Bei den Synonyma. Wenn man ein Wort für ein anderes,
gleichbedeutendes Wort setzt, wie Oberkleid für Mantel, und wenn man
die Definition für das Wort setzt. Alexander von Aphrodisias will
synonym im Sinne von homonym erklären; vgl. hierüber und über den
terminus petitio principii sowie die fünf hier unterschiedenen Fälle
Trendelenburg l. c. § 42.
[161] Der Satz ist in seiner Allgemeinheit falsch, wenn er auch
bestechend ist. Denn Konträres steht unter einer Wissenschaft, aber man
sollte meinen, daß es nicht eine Wissenschaft für mehreres geben kann.
[162] Enthymema ist eine Erwägung oder Schlußfolgerung, die auf äußeren
Anzeichen, σημεῖα, oder auf gewöhnlich Vorkommendem, εἰκότα, fußt; vgl.
Trendelenburg l. c. § 37.
[163] Je allgemeiner ein Grund ist, desto mehr befaßt er unter sich,
desto schwerer ist er aber auch zu finden, weil er in der Reihe des
Intelligibeln am höchsten steht und somit zwar in sich am klarsten, für
uns aber am unklarsten ist, vgl. Met. II, 1. 993 b 7–11. Aristoteles
will sagen, daß metaphysischer Tiefblick auch für den Dialektiker die
beste Mitgift ist.
Sachregister.
+Abgeleitete+ Wörter, Ptoseis 44, 61, 77, 161, 167, 168.
+Akzidenz+, Begriff 7, Örter aus dem Akzidenz 28 ff.
Vergleichende Werturteile aus d. Akz. 50 ff.
+Apodiktischer+ Schluß, s. Demonstration.
+Aporem+ 14, 196
+Auswahl+ der Sätze 16 ff.
+Axiom+ 184.
+Bedeutung+, verschiedene der Wörter 18 ff.
+Begriffsverwandtes+, zu derselben Begriffsreihe Gehöriges 44, 175;
vgl. abgeleit. Wörter.
+Bekannteres+ an sich und für uns 131.
+Beugungsformen+, s. abgel. Wörter.
+Bewegung+, der Körper 95, der Seele 128, von Zeno bestritten 190.
+Definition+, Begriff 5, 165. Örter aus der Def. 124 ff., 161 ff.
+Demonstration+ 1.
+Dialektik+, Begriff 1 Kunst der Erfindung, Wegweiserin zu den
Prinzipien 3 f., ergibt Wahrscheinlichkeit 18.
+Dialektischer+ Schluß 1, dialekt. Problem 14, dial. Satz 12.
+Differenz+, Artunterschied 139, 140, 153, 166.
+Digressionen+ 37, vgl. auch 178.
+Disputieren+ 164.
+Enthymema+ 202.
+Epicheirein+ 36, 172.
+Epicheirema+ 196.
+Eristischer+ Schluß 2.
+Erweiterung+ der Rede 174.
+Ethische+ Sätze 18.
+Ewigkeit+ der Welt ein Problem 14.
+Forderung+ der Einräumung des Gegenteils 198 ff.
+Frage+ 12, Ordnung beim Fragen 173 ff., Fragen nach Ähnlichem 176 f.
+Gattung+ Begriff 7, Örter aus ihr 66 ff., Gattungen der
dialektischen Örter 4.
+Gegensätzlichkeit+, vierfache 42.
+Glaubwürdige+ Sätze 12 f.
+Grammatik+ 6, 134.
+Habitus+ 43, 82, 113, 146.
+Homonyma+ 22 ff.
+Ideen+, platonische 41, 137, 149.
+Identisches+ 6, 9 f., 161 ff.
+Induktion+ 16, 178 f.
+Instanz+ 179, 190 f.
+Kategorien+ 11, 21 f., 163.
+Kontradiktorisches+ 113 ff.
+Konträres+ 74, 112, 147 f., 159 f.
+Logische+, erkenntnistheoretische Sätze 18.
+Mangel.+ Privation 21, 43 f., 148 f.
+Metaphorische+ Ausdrücke 126.
+Ort+, dialektischer 27, 28 ff.
+Paronyma+ 36.
+Pathos+ 140.
+Petitio+ principii 198 ff.
+Philosophem+ 196.
+Physikalische+ Sätze 18.
+Problem+ 4 f., 14, 201.
+Probleme+, für die man entgegengesetzte Schlüsse hat, Aporem, 14
und Probleme, über die einer keine Rede stehen kann 14.
+Proprium+, Eigentümlichkeit, Begriff 6, Arten 91 ff.,
dialektische Örter aus dem Proprium 93 ff.
+Protasis+, Prämisse, Satz 12.
+Pseudographischer+ Schluß 2, 178, vgl. S. 184 und die Anm. 151.
+Relation+, ihr Beziehungspunkt 144, 153 f.
+Relativa+ 44, 79 ff., 92 f.
+Satz+, Gegenstand der Disputation 4 f., 12 f., 14 f.
+Schluß+, Begriff 1, s. auch Syllogismus.
+Sinnenwesen+ 7, 91 f., 114, 118.
+Sophisma+ 196.
+Sophistische+ Mittel 37.
+Subjekt+ 146, erstes Subjekt 141, 156.
+Substanz+ 11.
+Syllogismus+ sicherer als Induktion 16, mehr gegenüber dem
Dialektiker als gegenüber der Menge angebracht 178 f.
+Synonyma+ 198.
+Technik+ des Disputierens 173 ff.
+Teil+ 155 ff., 160.
+Teilhaben+ 67 f., 70 ff., 74.
+These+ 15.
+Topos+ s. Ort.
+Übereinstimmung+ der Dinge, ihre Auffindung 25.
+Überflüssige+ Zusätze 127 ff.
+Umkehrung+ der Schlüsse 200.
+Undeutlichkeit+ 125 ff., 189.
+Unterschied+ der Dinge, seine Auffindung 24 f.
+Verdeutlichung+ der Rede 174, 178.
+Vergleiche+ 178.
+Verhalten+, Verhältnis 77 ff.
+Verschleierung+ der Absicht 174 ff.
+Wahrheit+, Vorzug des philosophischen Urteils 18.
+Wahre+ und erste Sätze 1.
+Wahrscheinliche+ Ergebnisse 18.
+Wahrscheinliche+ Sätze 1, 195.
+Wegnahme+ 163.
+Werkzeuge+, Organe, Mittel um induktive und dialektische Schlüsse
zu erhalten 16.
+Wesen+, Was, Quiddität 11.
+Willensfreiheit+, göttliche 84.
+Zusammensetzung+, Verbindung 159.
+Zusatz+ 163.