Ich erschuf mir für meine Traumgesichte eine passende Umgebung. Das war

irgendwo tief unter der Erde ein geräumiger Saal. Er wurde vom roten Feuer

zweier riesiger Öfen beleuchtet. Die Wände waren augenscheinlich eisern.

Der Boden aus Stein. Dort befanden sich alle üblichen Marterapparate:

Schrauben, Pfähle, Sitze mit spitzen Nägeln, Geräte zum Strecken der

Muskeln und zum Aufwickeln der Gedärme, Messer, Zangen, Peitschen, Sägen,

glühende Stangen und Rechen. Wenn ein glückseliges Geschick mir wieder die

Freiheit gab, trat ich überzeugungsvoll in meinen geheimnisvollen

Schlupfwinkel. Mit riesiger Willensanstrengung gelang es mir, wen ich

wollte, in diese unterirdische Halle zu führen, zuweilen meine Bekannten,

öfters aber solche, die nur in meiner Einbildung lebten; meistens waren es

Mädchen und Jünglinge, schwangere Frauen und Kinder. Unter ihnen befanden

sich auch einige, die ich zu meinen Lieblingsopfern erwählte. Ich kannte

ihre Namen. An einigen lockte mich die Schönheit ihres Körpers, an anderen

ihr tapferes Ertragen der größten Qualen, ihre Verachtung aller meiner

Listen, während ich bei den dritten im Gegenteil ihre Schwäche,

Willenslosigkeit, ihr Stöhnen und unnützes Beten liebte. Zuweilen und nicht

einmal selten ließ ich auch die von mir bereits zu Tode gequälten wieder

auferstehen, um mich noch einmal an ihrem Märtyrertode zu erfreuen. Anfangs

war ich ganz allein, sowohl Henker als auch Zuschauer. Dann aber erschuf

ich mir eine Schar unförmlicher Zwerge zu Gehilfen. Ihre Zahl wuchs nach

meinem Belieben. Sie reichten mir die Marterinstrumente und lachend und mit

Verrenkungen führten sie alle meine Befehle aus. Und mit ihnen feierte ich

meine Orgien des Blutes und Feuers, der Schreie und Flüche.

Wahrscheinlich wäre ich so wahnsinnig, einsam und glücklich, wie ich es

war, geblieben. Doch die wenigen Freunde, die ich noch hatte, hielten mich

für krank und nahe dem Irrsinn, und wollten mich retten. Fast mit Gewalt

zwangen sie mich, auszufahren, in Theater und Gesellschaften zu gehen. Ich

hege auch den Verdacht, daß sie jenes Mädchen, das nachher meine Frau

wurde, mir absichtlich in dem allerreizvollsten Lichte zeigten. Übrigens

würde sich wohl kaum ein Mensch gefunden haben, der sie nicht der Anbetung

würdig erklärt hätte. Alle Reize der Frau und des Menschen vereinten sich

in ihr, die ich lieb gewann, die ich so oft mein nannte, und die ich in

allen Tagen meines Lebens, die mir übrig geblieben sind, nicht aufhören

werde, zu beweinen. Ihr aber zeigte man mich als einen Leidenden, als einen

Unglücklichen, den man retten müsse. Sie begann mit Neugierde und ging dann

zu der vollen, selbstvergessenden Leidenschaft über.

Lange Zeit hindurch wagte ich nicht, an eine Heirat zu denken. Wie stark

das Gefühl auch war, das meine Seele unterjochte, mich erschreckte der

Gedanke, meine Einsamkeit zu verlieren, die mir solche Weiten, in denen ich

in Freiheit mich an meinen Traumgesichten berauschen konnte, erschloß. Doch

das regelmäßige Leben, zu dem man mich zwang, trübte allmählich meine

Erkenntnis. Aufrichtig begann ich, daran zu glauben, daß mit meiner Seele

eine Umgestaltung geschehen könne, daß sie ihrer von den Leuten nicht

anerkannten Wahrheit entsagen würde. Am Tage meiner Hochzeit gratulierten

mir meine Freunde wie einem aus dem Grabe zur Sonne Erstandenen. Nach der

Hochzeitsreise bezogen meine Frau und ich ein neues helles und heiteres

Heim. Ich begann mir vorzureden, daß mich die Weltereignisse und

Stadtneuigkeiten interessierten; ich las Zeitungen und unterhielt einen

regen Verkehr. Und wieder lernte ich, am Tage munter zu sein. Nachts,

inmitten der entrückten Liebkosungen zweier Liebender überfiel mich

gewöhnlich ein toter, flacher Schlaf, der ohne Weiten war, ohne Bilder. In

der kurzen Zeit meiner Blindheit war ich bereit, mich meiner Genesung zu

freuen, meines Erwachens aus Wahnsinn zur Alltäglichkeit.

Doch natürlich niemals, o niemals! erstarb in mir das Verlangen nach

anderen Trunkenheiten. Es wurde nur von der allzu faßbaren Wirklichkeit

betäubt. Und selbst in den Flitterwochen des ersten Monats nach der

Hochzeit fühlte ich irgendwo in den Tiefen meiner Seele den unersättlichen

Hunger nach blendenderen und mehr erregenden Empfindungen. Mit jeder neuen

Woche quälte mich dieses Verlangen immer unbesiegbarer. Und gleichzeitig

mit ihm entstand in mir ein anderes unbezwingliches Verlangen, daß ich mir

anfangs gar nicht einmal eingestehen wollte: das Verlangen, sie, meine

Frau, die ich liebte, zu meiner nächtlichen Feier zu bringen, und ihr

Gesicht bei den Qualen ihres Leibes verzerrt zu sehen. Ich kämpfte, kämpfte

sehr lange und bemühte mich, meine Nüchternheit zu bewahren. Ich war

bestrebt, mich mit allen Vernunftsgründen zu überzeugen, doch ich konnte

ihnen nicht glauben. Und umsonst suchte ich Zerstreuung und floh das

Alleinsein mit mir, die Versuchung wuchs in mir, und ich konnte ihr nicht

entfliehen.

Und endlich gab ich ihr nach. Ich tat so, als hätte ich eine große

religionsgeschichtliche Arbeit vor. In meine Bibliothek stellte ich breite

Divans und verbrachte dort ganze Nächte. Etwas später verbrachte ich dort

auch ganze Tage. Auf alle nur mögliche Weise verhüllte ich mein Geheimnis

vor meiner Frau; ich zitterte bei dem Gedanken, daß sie in das eindringen

würde, was ich so eifersüchtig hütete. Sie war mir noch ebenso teuer, wie

zuvor. Ihre Liebkosungen waren mir nicht minder süß, wie in den ersten

Tagen unseres Zusammenlebens. Doch eine größere Wollust trieb mich jetzt.

Ich konnte ihr mein Benehmen nicht erklären. Ich zog es sogar vor, sie bei

dem Gedanken zu lassen, daß ich sie nicht mehr liebe und ein Zusammensein

mit ihr vermiede. Und tatsächlich glaubte sie das, quälte sich und wurde

müde. Ich sah, wie sie bleicher wurde und hinschwand, sah, daß der Gram sie

zum Grabe führen würde. Doch wenn ich, dem Triebe mich hingebend, ihr die

früheren Liebesworte sprach, erblühte sie nur auf Augenblicke: sie glaubte

mir nicht mehr, weil, wie es ihr schien, alle meine Taten meinen Worten

widersprachen.

Doch wenn ich auch, wie früher, ganze Tage im Traume zubrachte und mich

meinen Erscheinungen noch ungeteilter als vor der Hochzeit hingab,

irgendwie hatte ich meine frühere Fähigkeit, völlige Freiheit zu gewinnen,

verloren. Ganze Wochen verbrachte ich auf meinen Divans, erwachte nur, um

mich mit ein wenig Wein oder Bouillon zu stärken und um eine neue Dosis des

Schlafmittels einzunehmen, allein der erwünschte Augenblick kam nicht. Ich

durchlebte die süßen Qualen des Alpdrückens, seine Pracht und

Unerbittlichkeit, ich konnte mich an die Reihe der vielgestaltigen Träume

erinnern, und sie vor mir aufrollen lassen, die Träume, die so konsequent

und furchtbar in dieser triumphierenden Folgerichtigkeit waren, so wild und

unlogisch, so entzückend und prachtvoll in dem Wahnsinn ihrer Verbindung,

aber meine Erkenntnis blieb, wie von einem Wölkchen umhüllt. Mir fehlte die

alte Macht, über den Traum zu verfügen, ich konnte nur jenes, was mir von

außen herkam, belauschen und beschauen. Ich griff zu allen mir bekannten

Mitteln und Rezepten, zu allen existierenden Giften: störte künstlich die

Blutzirkulation, hypnotisierte mich selbst, gebrauchte Opium, Haschisch und

alle anderen betäubenden Gifte, doch sie gaben mir nur ihre eigenen Zauber.

Erwachend gedachte ich mit sinnloser Wut der anreizenden Erscheinungen, in

denen ich kraftlos, wie ein Spielzeug eines fremden Willens, begraben war,

und über die ich nicht zu herrschen vermochte. Ich verging vor Wut und

Verlangen, aber, wie gesagt, ich war kraftlos.

Seit jener Zeit, in der ich zu dem unterbrochenen Rausch der Träume

zurückkehrte, vergingen sechs Monate bis zu dem Tage, da mein verheißenes

Glück wiederum mir zurückgegeben wurde. Im Traume fühlte ich plötzlich den

mir so gut bekannten elekrischen Schlag und begriff, daß ich frei sei, daß

ich schliefe, doch stark genug sei, über den Traum zu verfügen, daß ich

alles ausführen könne, wonach ich verlangte und daß es doch nur ein Traum

bleiben würde! Eine Welle unsagbaren Jubels überströmte meine Seele. Und da

konnte ich auch schon nicht mehr der alten Versuchung widerstehen.

Allerdings verlangte ich nicht mehr nach meiner unterirdischen Halle. Ich

zog es vor, mich in jene Umgebung zu versetzen, an die _sie_ gewöhnt war,

die sie sich selbst hergestellt hatte. Dies war ein noch mehr verfeinerter

Genuß. Und gleichzeitig mit meinem zweiten Traumbewußtsein sah ich mich

selbst in der Tür meiner Bibliothek stehen.

»Gehen wir, sagte ich zu meiner Erscheinung, gehen wir, _sie_ schläft jetzt

und nimm einen schmalen Dolch mit dir, dessen Griff von Elfenbein sei.«

Ich gehorchte und ging den gewöhnlichen Weg durch die dunklen Zimmer. Es

kam mir so vor, als würde ich nicht gehen, und nicht meine Füße bewegen,

sondern fliegen, wie das ja immer im Traume so ist. Als ich durch den Saal

ging, sah ich durchs Fenster die Dächer der Stadt und dachte: »dies alles

ist in meiner Gewalt.« Die Nacht war ohne Mondschein, aber am Himmel

funkelten die Sterne. Unter den Sesseln krochen meine Zwerge hervor, doch

ich ließ sie verschwinden. Lautlos öffnete ich die Türe zum Schlafzimmer.

Das Zimmer wurde von einem Lämpchen genügend erhellt. Ich trat an das Bett

heran, in dem mein Weib schlief. Da lag sie, so schwach, so klein, so

mager; ihre Haare, die sie des Nachts in zwei Zöpfe flocht, hingen vom Bett

herunter. Neben dem Kopfkissen lag ein Tuch: sie hatte wohl geweint, da sie

sich niederlegte, darüber geweint, daß sie mich wieder nicht erwarten

konnte. Ein bitteres Gefühl schnürte mein Herz zusammen. In diesem

Augenblick war ich bereit, an Mitleid zu glauben. Ich hatte sogar das

Verlangen, vor ihrem Bette niederzuknien und ihre frierenden Füße zu

küssen. Doch sofort erinnerte ich mich, daß dieses alles im Traume wäre.

Ein merkwürdig seltsames Gefühl quälte mich. Ich konnte mein geheimes

Verlangen befriedigen, mit dieser Frau alles tun, was ich nur wollte. Und

doch würde alles das nur mir bekannt bleiben. Und am Tage konnte ich sie

wiederum mit allem Rausche der Zärtlichkeit umgeben, sie trösten, lieben

und liebkosen . . . Indem ich mich über den Körper meiner Frau bückte,

preßte ich mit fester Hand ihre Gurgel zusammen, so daß sie nicht schreien

konnte. Jählings erwachte sie, öffnete die Augen und erbebte unter meiner

Hand. Doch ich nagelte sie förmlich an das Bett, und in dem Bestreben, mich

fortzustoßen, krümmte sie sich, war bemüht, mir etwas zu sagen und sah mich

mit verstörten Augen an. Einige Sekunden lang sah ich sie voll unsagbarer

Erregung an, dann aber stieß ich unter der Decke mit einem Schlage meinen

Dolch in ihre Seite. Ich sah, wie sie erzitterte, sich streckte, noch immer

nicht zu schreien vermochte, aber ihre Augen füllten sich mit Entsetzen und

Tränen entströmten ihnen. Über meine Hand, die den Dolch hielt, floß das

klebrige und warme Blut. Dann stieß ich langsam den Dolch mehrere Male in

ihren Körper, riß die Decke von ihr und verwundete sie immer mehr, sie, die

Nackte, die sich bedecken wollte, aufspringen, fortkriechen. Dann erfaßte

ich sie am Kopfe und stieß den Dolch durch ihren Hals, dort, wo die

Halsarterie ist, nahm alle meine Kraft zusammen und schnitt ihre Kehle

durch. Gurgelnd strömte das Blut hervor, da sie sich noch im Todeskampfe zu

atmen bemühte, ihre Hände wollten krampfhaft etwas greifen und fortwischen.

Ein wenig später war sie schon unbeweglich.

Da ergriff eine so furchtbare Verzweiflung meine Seele, daß ich mich sofort

zu erwachen bemühte, aber ich konnte es nicht. Ich machte alle

Willensanstrengungen, ich erwartete, daß die Wände ihres Schlafzimmers

plötzlich zerfallen würden, verschwinden, zerschmelzen, daß ich mich auf

meinem Divan in der Bibliothek wieder sehen würde. Doch das Alpdrücken ging

nicht vorüber. Der blutige und unförmliche Körper meines Weibes lag vor mir

auf dem vom Blute überströmten Bette. Und in der Türe drängten sich mit

Lichtern schon die Menschen, die hierherstürzten, als sie den Lärm des

Kampfes hörten, und ihre Gesichter verzerrte das Entsetzen. Sie sprachen

kein Wort, doch alle blickten mich an und ich sah sie.

Da begriff ich plötzlich, daß dieses Mal alles, was geschehen war, nicht im

Traume geschah.

Im Spiegel

Aus dem Archiv eines Psychiaters

Ich liebte die Spiegel schon seit meinen frühesten Jahren. Als Kind weinte

und zitterte ich oft, wenn ich in ihre durchsichtig-wahrhaftige Tiefe

blickte. In der Kindheit war es mein Lieblingsspiel, durch die Zimmer und

den Garten zu gehen, einen Spiegel vor mir herzutragen und in seinen

Abgrund blickend, mit jedem Schritte den Rand zu überschreiten und vor

Schrecken und Schwindlichkeit fast zu ersticken. Schon als Mädchen begann

ich, mein ganzes Zimmer mit großen und kleinen, getreuen und ein wenig

verzerrenden, klaren und etwas trüben Spiegeln zu füllen. Ich hatte mich

gewöhnt, ganze Stunden, ganze Tage inmitten dieser sich kreuzenden, in

einander übergehenden, taumelnden, verschwindenden und aufs neue

erstehenden Welten zu verbringen. Meine einzige Leidenschaft wurde es, mich

diesen lautlosen Fernen hinzugeben, diesen Perspektiven ohne Echo, diesen

abgesonderten Welten, welche die unsere durchschneiden und, im Widerspruch

zu der Erkenntnis, mit ihr gleichzeitig und am gleichen Platze existieren.

Diese umgedrehte Wirklichkeit, die von uns durch die glatte Spiegelfläche

getrennt und dem Tastvermögen irgendwie unerreichbar ist, zog mich immer an

und lockte mich wie ein Abgrund oder ein Geheimnis.

Mich lockte auch jene Erscheinung, die immer, wenn ich an den Spiegel

herantrat, vor mir erschien und mein Wesen seltsam verdoppelte. Ich bemühte

mich, zu erraten, wodurch jene (die andere Frau) sich von mir unterscheide,

und, wie es sein könne, daß ihre rechte Hand meine linke sei und daß alle

Finger dieser Hand umgestellt wären, obgleich auf einem von ihnen sich eben

mein Verlobungsring befand. Meine Gedanken begannen sich zu verwirren, kaum

daß ich in dieses Rätsel eindringen wollte, um es zu lösen. In _dieser_

Welt, wo man sich an alles herantasten kann und wo Stimmen und Töne sind,

da lebte ich, die Wirkliche; aber in jener _Spiegel_welt, die man nur sehen

kann, lebte sie, die Erscheinung. Sie war fast wie ich und doch nicht

völlig ich; sie wiederholte alle meine Bewegungen, und doch fiel nicht eine

dieser Bewegungen mit dem zusammen, was ich tat. Jene (die andere) wußte,

was _ich_ nicht erraten konnte, verfügte über jenes Geheimnis, das auf ewig

meinem Verstande verborgen war.

Doch ich bemerkte, daß jeder Spiegel seine eigene Welt hätte, seine ihm

eigentümliche. Man stelle auf ein und denselben Ort nacheinander zwei

Spiegel, und es werden zwei verschiedene Welten entstehen. Und in

verschiedenen Spiegeln erstanden verschiedene Erscheinungen vor mir, die

alle mir ähnlich sahen und doch niemals miteinander identisch waren. In

meinem kleinen Handspiegel lebte ein naives Mädchen, dessen klare Augen

mich an meine früheste Jugend erinnerten. Im runden Boudoirspiegel verbarg

sich ein schamloses, freies, schönes, kühnes Weib, das alle die

verschiedenen Süßigkeiten der Liebkosungen erfahren hatte. In der

viereckigen Spiegeltüre des Schrankes wuchs immer eine strenge, machtvolle,

kalte Figur auf mit unerbittlichen Blicken. Ich kannte noch andere

Doppelgänger von mir, in meinem Trumeau, in dem zusammenlegbaren,

vergoldeten Triptychon, im Hängespiegel mit dem eichenen Rahmen, in dem

Halsspiegelchen und in vielen und vielen, die ich bewahrte. All den Wesen,

die sich in ihnen verbargen, gab ich Grund und Möglichkeit, zu erscheinen.

Nach den seltsamen Gesetzen ihrer Welten mußten sie immer das Bildnis

dessen annehmen, der sich vor das Glas stellte. Doch sie bewahrten in

dieser angenommenen Äußerlichkeit ihre nur ihnen eigentümlichen Züge.

Es gab Spiegelwelten, die ich liebte; es gab aber auch solche, die ich

haßte. Ich liebte es, mich in einige von ihnen auf ganze Stunden zu

vertiefen und mich in ihren lockenden Räumen zu verlieren. Andere wiederum

vermied ich. Heimlich liebte ich nicht alle meine Doppelgänger. Ich wußte,

daß alle mir feindlich gesinnt wären, schon weil sie mein von ihnen

gehaßtes Bildnis annehmen mußten. Doch einige der Spiegelfrauen

bemitleidete ich, verzieh ihnen ihren Haß und verhielt mich zu ihnen fast

freundschaftlich. Es gab aber auch solche, die ich verachtete, deren

kraftlose Wut ich zu verlachen liebte, die ich mit meiner Selbständigkeit

neckte, und mit der Macht, die mir über sie zustand, quälte. Dagegen gab es

auch solche, die stärker als ich waren und sich erkühnten, ihrerseits über

mich zu lachen und mir Befehle zu erteilen. Ich beeilte mich, von den

Spiegeln, in denen diese Frauen lebten, freizukommen, sah sie nicht an,

versteckte, verschenkte und zerschlug sie sogar bisweilen. Doch nach jedem

Zerschlagen eines Spiegels mußte ich tagelang weinen, weil ich erkannte,

daß ich ein Weltall vernichtet hatte. Und die vorwurfsvollen Gesichter

einer vernichteten Welt sahen mich aus den Splittern drohend an.

Den für mich schicksalsvoll gewordenen Spiegel kaufte ich im Herbst auf

irgend einem Ausverkaufe. Es war ein großes Trumeau, das sich in

Scharnieren bewegte. Es überraschte mich durch die ungemeine Klarheit der

Wiedergabe. Seine gespenstische Wirklichkeit veränderte sich bei der

geringsten Verschiebung des Spiegels, aber sie war immer selbstständig und

schrankenlos lebendig. Als ich während des Ausverkaufs das Trumeau besah,

schaute die Frau, die mich in ihm vorstellte, mir mit einer hochmütigen

Herausforderung in die Augen. Ich wollte ihr nicht nachgeben, ihr nicht

zeigen, daß sie mich erschreckt hätte, kaufte darum das Trumeau und ließ es

in mein Boudoir stellen. Als ich in meinem Zimmer allein war, trat ich

sofort an den neuen Spiegel heran und heftete meine Augen in die meiner

Gegnerin. Doch sie tat dasselbe und so voreinander stehend, begannen wir,

wie Schlangen einander mit den Blicken zu durchbohren. In ihrer Iris

spiegelte ich mich und sie sich in der meinen. Mein Herz erstarrte und mein

Kopf begann sich vor diesem starren Blicke zu drehen. Durch eine

Willensanstrengung riß ich endlich meine Augen von den fremden Augen, stieß

mit dem Fuß an den Spiegel, so daß er zu schaukeln begann und sich das

Bildnis meiner Gegnerin kläglich verzerrte, und verließ das Zimmer.

Seit jener Stunde begann unser Kampf. Am Abend des ersten Tages dieser

Begegnung wagte ich nicht, mich dem neuen Trumeau zu nähern; ich war mit

meinem Manne im Theater, ich lachte übermäßig, und man hielt mich für sehr

lustig. Am andern Tage, im klaren Lichte eines Septembermorgens, betrat ich

kühn mein Boudoir und setzte mich absichtlich gerade vor den Spiegel. Im

selben Augenblick trat auch jene, die andere, in die Türe, kam mir

entgegen, durchschritt das Zimmer und setzte sich mir gegenüber hin. Unsere

Augen begegneten sich. Ich las in ihren Augen den Haß auf mich, sie in den

meinen den auf sie. Unser zweiter Zweikampf begann, ein Zweikampf der

Augen, zweier unerbittlicher Blicke, die befehlend waren, drohend,

hypnotisierend. Jede von uns bemühte sich, den Willen ihrer Gegnerin zu

besiegen, ihren Widerstand zu zerbrechen und sie ihrem Verlangen Untertan

zu machen. Und es müßte furchtbar sein, so von der Seite zwei Frauen zu

sehen, die einander regungslos gegenübersitzen, vom magischen Einfluß der

Blicke gefesselt sind, und vor psychischer Anspannung das Bewußtsein

verlieren . . . Plötzlich rief man mich. Der Zauber schwand. Ich stand auf

und ging hinaus.

Nun wiederholten sich unsere Zweikämpfe jeden Tag. Ich begriff, daß diese

Abenteurerin absichtlich in mein Haus eingedrungen war, um mich zu

verderben, und um in unserer Welt meinen Platz einzunehmen. Doch schon war

ich zu schwach, um diesem Kampfe zu entsagen. In dieser Rivalität lag für

mich eine geheime Trunkenheit. Und schon in der Möglichkeit einer

Niederlage versteckte sich eine süße Versuchung. Zuweilen zwang ich mich

ganze Tage hindurch, nicht an das Trumeau heranzugehen, beschäftigte mich

mit anderen Dingen, zerstreute mich, doch in der Tiefe meiner Seele blieb

immer das Bild meiner Gegnerin, die meine Rückkehr zu ihr geduldig und

siegessicher erwartete. Und ich kehrte zurück, und sie trat vor mich hin,

noch triumphierender als früher, durchbohrte mich mit dem siegessicheren

Blicke und nagelte mich vor sich an meinen Platz. Mein Herz blieb stehen,

und in kraftloser Wut fühlte ich mich in der Gewalt dieses Blickes.

Zuweilen, wenn ich nicht mit ihr war, kams mir in den Kopf, mein Haus zu

fliehen, in eine andere Stadt zu fahren, um mich vor meinem Feinde zu

verbergen, doch sogleich begriff ich dann, daß dies unmöglich wäre, daß ich

dennoch, gehorsam der lockenden Kraft des feindlichen Blickes, hierher

zurückkehren müßte, in dieses Zimmer, zu meinem Spiegel. Zuweilen wollte

ich sein Glas zerschlagen, es in Splitter zertrümmern, diese unbekannte und

mir drohende Welt vernichten, und zuweilen stürzte ich sogar mit irgend

einem schweren Gegenstand in der Hand in Ekstase auf den Spiegel zu, aber

das verächtliche Lächeln meiner Gegnerin hielt mich zurück. Ein so

erkaufter Sieg wäre das Geständnis ihrer Macht und meiner Niederlage

gewesen. Und so dauerte der Kampf, dauerte, um mit dem Siege einer von uns

zu enden.

Allein bald schon fühlte ich, daß meine Gegnerin stärker war als ich. Mit

jeder neuen Begegnung konzentrierte sich in ihrem Blicke eine immer größer

und größer werdende Gewalt über mich. Allmählich verlor ich denn auch die

Möglichkeit, sie einen Tag hindurch ganz zu fliehen. _Sie_ befahl mir

täglich, mehrere Stunden vor ihr zu verbringen. _Sie_ beherrschte meinen

Willen, wie der Magnetiseur den Willen der Somnambule. _Sie_ teilte mein

Leben ein, wie die Herrin das Leben der Sklavin. Alles, was sie verlangte,

mußte ich ausführen, und ich wurde zum Automaten ihrer schweigenden

Befehle. Ich wußte, daß sie bedacht und vorsichtig, aber auf sicherem Wege

mich zum Verderben führe, doch ich wehrte mich nicht mehr. Ich erriet ihren

geheimen Plan: mich in die Welt der Spiegel zu bannen und selbst in unsere

Welt hinauszutreten, doch schon hatte ich keine Kraft mehr, sie zu hindern.

Mein Mann, meine Verwandten sahen, daß ich ganze Stunden, ganze Tage, ganze

Nächte vor dem Spiegel verbrachte; sie hielten mich für verrückt und

wollten mich heilen. Ich aber wagte es nicht, ihnen die Wahrheit zu

enthüllen, es war mir verboten, ihnen die ganze furchtbare Wahrheit zu

sagen, das ganze Entsetzen, dem ich entgegenging.

Einer jener Dezembertage vor den Feiertagen war der Tag meines Verderbens.

Ich erinnere mich noch an alles, völlig klar, völlig genau bis in die

Einzelheiten: in meiner Erinnerung hat sich nichts verwischt. Wie

gewöhnlich betrat ich schon früh mein Boudoir, noch bevor es düster wurde.

Vor den Spiegel stellte ich einen weichen Sessel ohne Rücklehne, setzte

mich, und gab mich _ihr_ hin. Ohne zu zögern, erschien sie auf meinen Ruf,

rückte gleichfalls einen Sessel heran, setzte sich und begann mich

anzusehen. Dunkle Vorahnungen quälten meine Seele, aber ich hatte nicht die

Macht, mein Gesicht zu senken und mußte den frechen Blick meiner Gegnerin

in mir aufnehmen. Die Stunden vergingen, und es wurde finster. Keine von

uns beiden zündete Licht an. Leise nur glänzte in der Dunkelheit das Glas.

Und schon war kaum mehr etwas zu sehen, nur die siegessicheren Augen sahen

mich mit der alten Kraft an. Ich fühlte weder Zorn noch Entsetzen, wie an

anderen Tagen, nur eine unstillbare Trauer und die bittere Erkenntnis, daß

ich ganz in der Gewalt der anderen wäre. Die Zeit floß hin, und ich schwamm

mit ihr in die Unendlichkeit, in den schwarzen Raum der Schwäche und

Willenslosigkeit.

Plötzlich stand sie, die Wiedergespiegelte, von ihrem Sessel auf. Vor

dieser Beleidigung erbebte ich. Doch etwas Unbesiegbares, etwas von außen

her mich Zwingendes hieß auch mich aufstehen. Und die Frau im Spiegel trat

einen Schritt vor. Ich gleichfalls. Und die Frau im Spiegel streckte ihre

Hände aus. Ich gleichfalls. Mit ihren hypnotisierenden und befehlenden

Augen sah sie mir gerade ins Gesicht und bewegte sich vorwärts, und ich

schritt ihr entgegen. Und merkwürdig: trotz all des Entsetzens meiner Lage,

trotz all meines Hasses auf meine Gegnerin zitterte irgendwo in den Tiefen

meiner Seele der seltsame Trost und die versteckte Freude, daß ich nun

endlich in jene geheimnisvolle Welt, zu der ich seit der Kindheit mich

hingezogen fühlte, und die mir bis heute verschlossen blieb, hineintreten

würde. In einigen Augenblicken wußte ich nicht einmal, wer eigentlich den

anderen zu sich zöge: sie mich oder ich sie; verlangte sie nach meinem

Platz, oder hatte ich diesen Kampf mir nur erdacht, um sie zu verdrängen.

Die Republik des Südkreuzes: Novellen · 第 6 / 7 段