-- Und so ist alles aus, das ganze Leben, die ganze Möglichkeit zu leben.

Lange Geschlechter, hunderte von Geschlechtern bereiteten meine Seele vor.

Ich kann nur in der Pracht leben und atmen. Ich hab Flügel nötig, kann

nicht kriechen. Ich muß über den anderen sein, ersticke, wenn allzuviele

neben mir sind. Mein ganzes Leben liegt in jenen überzarten, jenen

verfeinerten Erlebnissen, welche nur die Höhe ermöglicht! Wir,

Treibhausblüten der Menschheit, müssen ja in Wind und Staub vergehen. Und

ich will nicht, ich will nicht eure Freiheit und Gleichheit! Ich will

lieber eure verschlagene Sklavin sein, als ein Genosse eurer

Brüderlichkeit!

Sie schluchzte und ihre kleinen Fäuste ballend, drohte sie jemand. Ich

suchte sie zu beruhigen, sagte, daß es noch zu früh wäre zu verzweifeln,

unvernünftig, dem ersten Eindruck sich hinzugeben. Die Revolutionäre

übertrieben natürlich ihren Sieg. Vielleicht würde morgen die Regierung sie

aufs neue unterbekommen. Vielleicht wäre ihnen in der Provinz der Umsturz

gar nicht gelungen . . . Doch Anastasia hörte mich nicht.

Plötzlich kam alles in Bewegung. Viele standen auf und andere hoben die

Köpfe. Licht irrte -- und vor dem Altar stand Theodosius.

Zwei Diakonissinnen in weißen Gewändern trugen wie immer die hohen Leuchter

vor ihm her. Er selbst war in schneeweißem Chitone, seine dunklen Locken

fielen über seine Schultern, sein Gesicht war sehr ruhig und sehr streng.

So stand er vor dem Altar, breitete segnend seine Hände und sprach. Seine

Stimme drang in die Seele wie Wein.

-- Schwestern und Brüder! sagte er, für uns beginnt der Tag der Freude.

Unser Glauben kann nicht sterben, denn er ist die ewige Wahrheit des Seins,

und selbst unsere Denker tragen dies, wenn auch verborgen, wenn auch

unbewußt, in sich. Unser Glaube ist das letzte Geheimnis der Welt, das man

in allen Jahrhunderten gleich verehrt, auf allen Planeten. Für uns aber ist

jetzt der Tag gekommen unsern Glauben zu bekennen vor allen Zeiten und der

Ewigkeit. Wir dürfen uns der höchsten Leidenschaft angeloben: jener vor dem

Tode. Erinnert euch, wie oft wir in sinnlicher Verzückung unsere Körper

geißelten und wie der Schmerz die Süßigkeit des Verlöbnisses verdoppelte.

Der Tod aber wird den Jubel verdreifachen, verzehnfachen. Der Tod wird weit

öffnen die Pforten zur Ruhe, die ihr noch nicht wißt, zum blendenden

Lichte, das ihr noch nicht kennt. Schwestern! Brüder! Der Augenblick

letzter Vereinigung wird wie ein Blitz unser ganzes Sein durchdringen und

noch unser letzter Atem wird ein Schrei sein unsagbaren Glückes. O ihr

letzten Gläubigen, o ihr letzte Märtyrer des Glaubens, ich sehe, o ich sehe

Kränze des Ruhmes auf euren Häuptern!

Ich bin fest davon überzeugt, daß in der Stimme des Theodosius sowohl wie

in seinem Blicke eine hypnotische Kraft ist. Unter seinem Einfluß wurden

alle im Dome wie umgewandelt. Ich sah ekstatische Gesichter. Ich hörte

heroische Ausrufe.

Theodosius befahl, die Hymne zu singen. Jemand setzte sich an die Orgel.

Die Luft wogte. Die Melodie erfüllte den dumpfen Raum, strömte zwischen uns

hin, verflocht uns alle mit ihrem unüberwindlichen Netz in ein

vielgesichtiges Wesen. Die Verse unseres großen Poeten rissen sich

unwillkürlich von unseren Lippen los, so wie unwillkürlich der Ozean tönt

im Rufe des Windes. Wir waren wie singende Saiten eines großen Orchesters,

Stimmen gewaltiger Orgel, rühmend das ewige Rätsel, preisend schöpferische

Leidenschaft.

3.

Etwas später rief man mich in den Rat der Ausführenden. Beim Schein der

Kerzen versammelten wir uns im gewöhnlichen Zimmer des Rates. Kaum

erkennbar waren die göttlichen Fresken an den Wänden. Theodosius war

Vorsitzender.

Er sammelte alle Daten über den Lauf des Aufstandes. Die Lage war

hoffnungslos. Die ganze Armee ging zu den Revolutionären über. Alle

Generäle und höheren Offiziere waren arretiert und größtenteils schon

verurteilt. Die Zentralfestung erlag dem Sturmangriff. Sämtliche

Regierungsgebäude -- das Palais, das Parlament, die Polizeipräfektur --

nahm die Miliz ein. Die aus der Provinz kommenden Nachrichten meldeten

betreffs der anderen Städte einen ähnlichen Erfolg des Aufstandes.

Die Frage wurde aufgeworfen, was zu tun sei. Die Mehrzahl schlug vor, sich

zu ergeben und der Gewalt zu unterwerfen.

Theodosius schwieg zu all diesem. Dann nahm er aus einem Täschchen ein

Papier und legte es uns zur Durchsicht vor. Das war eine der

Proskriptionslisten des Zentralstabes. In ihr waren all jene aufgezählt,

die in unserem Ausführenden Rate saßen, darunter auch ich. Uns alle hatte

das Geheime Gericht zum Tode verurteilt.

Ein bedrücktes Schweigen begann. Theodosius sagte:

-- Brüder! Lasset uns die Schwächeren nicht in Versuchung führen. Zeigen

wir diese Liste allen Gläubigen, so werden viele schwankend werden. Werden

hoffen durch Verrat und Abtrünnigkeit sich das Leben zu kaufen. Aber die

Liste verheimlichend, lassen wir sie an der großen Ehre teilnehmen, durch

die Tat des Todes die Reinheit ihres Glaubens zu besiegeln. Erlauben wir

ihnen denn mit uns zu teilen unser dreifach beneidetes Schicksal.

Jemand wollte erwidern, doch zaghaft. Theodosius näherte ruhig das Papier

mit den Namen dem Licht und verbrannte es. Wir sahen, wie die kleine Rolle

sich langsam in Asche verwandelte. Plötzlich klopfte eine Diakonissin. Ein

Vertreter des Stabes begehrte uns zu sprechen.

Ein junger, entschlossener, zuversichtlicher Mensch trat ein. Im Namen der

zeitweiligen Regierung verlangte er, daß ein jeder von uns sich in seine

Wohnung verfüge. Ein besonderes Komitee würde, dies waren seine Worte, das

Statut eures religiösen Bundes durchsehen und feststellen, ob er dem

gesellschaftlichen Leben unschädlich sei.

Wir wußten, daß diese Worte nur Betrug seien, da wir schon verurteilt

waren. Einige Augenblicke schwiegen alle. Die alsdann gesprochenen zwei

Reden -- die des Theodosius und jene des Abgesandten -- kann ich auswendig.

In kurzen Worten sprachen sich in ihnen zwei Weltanschauungen aus.

Dieses sprach Theodosius:

-- Die neue Regierung spricht umsonst mit uns diese lügnerische Sprache.

Uns ist es schon bekannt, daß wir alle vom Geheimen Gericht zur Hinrichtung

verurteilt sind. Wir wissen, daß unser heiliger Glauben von euch schon von

vornherein als unsittliche Sekte gebrandmarkt ist. Aber wir erkennen eure

Gewalt und euer Gericht nicht an. Wir stehen auf jenen Höhen der

Erkenntnis, die ihr niemals erreichtet, und darum ist es nicht an euch, uns

zu richten. Wenn ihr nur ein wenig bekannt seid mit dem Kulturleben eurer

Heimat, so seht die hier Versammelten an. Wer sind diese? Die Blüte unserer

Zeit: eure Poeten, Künstler, Denker. Wir sind der Ausdruck, wir, die Stimme

jenes Lautlosen, Ewigstummen, das sich aus Einsen gleich euch

zusammensetzt. Ihr seid die Finsternis; wir, das aus ihr sich gebärende

Licht. Ihr, die Möglichkeit des Lebens; wir -- das Leben. Ihr seid der

Boden, der not und nützlich ist nur dazu, daß aus ihm wachsen könnten

Stengel und Blüten -- also wir. Ihr verlangt, wir sollen uns in unsere

Häuser begeben und dort eure Dekrete erwarten. Wir verlangen, daß ihr auf

den Händen uns zum Palais trüget und auf den Knien liegend unseren Willen

entgegennähmet.

Du kennst ja den Theodosius. Kennst alle seine Fehler: seine Heuchelei und

Kleinmütigkeit, seine kleinliche Ruhmsucht. Doch dieses Mal, seine letzte

Predigt sprechend, war er wirklich groß und schön. Er war wie ein

biblischer Prophet, sprechend zu aufrührerischem Volke, oder wie ein

Apostel erster Christenzeit, irgendwo in den Katakomben des Kolosseums,

inmitten Scharen von Märtyrern, die gleich in die Arena hinausgeführt

werden, den Raubtieren zum Zerfleischen.

Und dieses antwortete der Abgesandte dem Theodosius:

-- Umso besser, wenn ihr euer Los schon kennt. Tausendjährige Versuche

zeigten uns, daß morschen Seelen kein Platz im neuen Leben sei. Sie waren

eine tote Kraft, die bisher all unsere Siege verhinderte. Nun, am Tage der

großen Umgestaltung der Welt, entschlossen wir uns zu einem unumgänglichen

Opfer. Wir wollen all die Toten, all die zur Neugeburt unfähigen von

unserem Körper abhauen, wenn auch mit gleichem Schmerze, so doch auch mit

gleicher Unerbittlichkeit, mit der man einen kranken Körperteil

abschneidet. Und warum rühmt ihr euch, daß ihr Poeten und Denker wäret! In

uns ist genug Kraft um ein ganzes Geschlecht von Weisen und Künstlern zu

gebären, wie sie die Erde noch nie gesehen, wie ihr sie auch nicht einmal

zu ahnen vermöget. Nur der fürchtet zu verlieren, in dem keine Kraft ist zu

schaffen. Wir sind die schöpferische Kraft. Wir brauchen nichts Altes. Wir

sagen uns von jedem Erbe los, weil wir uns unsere Schätze selbst schmieden

wollen. Ihr seid das Vergangene, wir, das Künftige, aber das Gegenwärtige,

das ist das Schwert in unseren Händen!

Lärm erhob sich. Alle sprachen gleichzeitig. Ich mußte schreien:

-- Ja! Barbaren seid ihr, die keine Vorfahren haben. Ihr verachtet die

Kultur der Jahrhunderte, weil ihr sie nicht begreift. Ihr rühmt eure

Zukunft, weil ihr geistig arm seid. Ihr seid eine Kugel, die schamlos den

Marmor des Altertums zerschlägt!

Der Abgesandte des Milizstabes sagte zuletzt in offiziellem Tone:

-- Im Namen der zeitweiligen Regierung geb ich euch Zeit bis zum heutigen

Mittag. In dieser Zeit habt ihr die Pforten eures Domes zu öffnen und euch

in unsere Hände zu geben. Nur so werdet ihr hunderte von Leuten, die ihr

durch Trug und Verführung an euch zogt, vor unnützem Tode bewahren. Das ist

alles.

-- Und wenn wir nicht gehorchen? fragte Lycius.

-- Werden unsere Geschütze dieses Gebäude dem Erdboden gleich machen, und

euch alle werden die Trümmer begraben.

Der Abgesandte entfernte sich.

-- Den Dom zerstören! wiederholte Lycius, unseren Dom, die wundervollste

Schöpfung Leanders! Mit Statuen und Bildern der größten Meister! Mit

unserer Bibliothek, der fünftgrößten in der Welt!

-- Mein Freund, entgegnete Adamant, für jene ist unsere Kunst schon

Archäologie. Ob nun in ihren Museen zehn unnütze Altertümer mehr sind oder

nicht, -- ist ihnen unwichtig.

Jemand sprach sein Bedauern darüber aus, daß man den Abgesandten lebend

hinausgelassen. Theodosius hieß ihn schweigen.

-- Wir sind hier, sagte er, um _unser_ Blut zu vergießen, nicht _fremdes_.

Wir sind hier für eine Tat des Glaubens, nicht des Mordes. Lasset uns die

purpurne Blässe unseres Martyrtumes nicht verdüstern durch die schwarzen

Flügel des Zornes und der Rache.

4.

Durch die schweren Stores drang kaum ein Strahl des flimmernden

Wintertages.

Unser Dom war völlig von Kerzen erleuchtet. Zum erstenmal sah ich solch

eine Feier des Lichtes. Es waren vielleicht an tausend Flammen.

Theodosius befahl die Liturgie abzuhalten.

Noch nie war er so gewaltig. Noch nie erklangen die Stimmen des Chores so

feierlich. Noch nie war die Schönheit der nackten Hero so flammend und so

verzückend.

Der berauschende Rauch der Weihbecken liebkoste unsere Gesichter als wie

mit schlanken flaumigen Fingern. Im schattenhaft bläulichen Weihrauch

geschahen die großen Handlungen vor dem Symbole. Ihrer Rangstufe folgend,

nahmen die nackten Jünglinge die Hüllen vom Heiligtum. Der unsichtbare Chor

der Diakonissinnen lobpries das Blinde Rätsel.

Fast gar nicht berauschend, erregte ein aromatischer süßglühender Wein

jedes Beben des Leibes, jedes Verlangen der Seele. Beflügelte jeden durch

die Erkenntnis, daß dieser Augenblick einzig und nicht zu wiederholen sei.

Hero in den goldenen Sandalen, mit einer goldenen Schlange als Gürtel

anstatt jeder anderen Gewandung, und ihre zwölf Schwestern, die gleich ihr

angetan waren, -- sie gingen in einem leisen wiegenden Rundtanz durch den

Dom. Die magischen Orgeltöne und das harmonisch-geheime Singen zogen jeden

hinter ihr her, lenkte alle Blicke auf ihr gemessenes Wiegen.

Unmerklich, unfühlbar, unwillkürlich, folgten wir alle ihrem leisen Tanz.

Und dieses Kreisen berauschte mehr als Wein, und diese Bewegung war

trunkener als Liebkosungen, und dieser Gottesdienst übertraf jedes Gebet.

Der Rhythmus der Musik wurde schneller, und schneller wurde auch der

Rhythmus des Tanzes, und mit ausgestreckten Armen strebten wir vorwärts, im

Kreise, ihr nach, der einzigen, der göttlichen, -- Hero. Und schon

entrückte uns die Ekstase, und schon keuchten wir, durchglüht von geheimem

Feuer, und schon zitterten wir, beschattet von der Gottheit.

Da ertönte die Stimme des Theodosius.

-- Kommet ihr Gläubigen, das Opfer zu vollziehen.

Alle hielten ein, erstarben, wurden unregbar. Hero, die wieder nahe dem

Altar stand, erstieg die Stufen. Ein Zeichen des Theodosius rief einen

Jüngling herbei, den ich bis dahin noch nicht gesehen. Errötend warf er

sein Gewand ab und stellte sich neben Hero, nackt wie ein Gott, jung wie

Ganymed, licht wie Balder.

Die Pforten öffneten sich und verschlangen das Paar. Der Vorhang wurde

vorgezogen.

Auf den Knien liegende, stimmten wir die Hymne an.

Und Theodosius verkündete uns:

-- Es ist vollbracht.

Er erhob den Kelch und segnete uns.

Es strömten die betörten Töne der Orgel und keiner hatte mehr die Kraft,

seine Leidenschaft zu verbergen. Wir umschlangen einander, und im

plötzlichen Düster des aufsteigenden Weihrauches suchten sich die Lippen,

die Hände, die Leiber. Dies waren Näherungen, Verbindungen, Vereinigungen,

waren Schreie, Stöhnen, Schmerz und Jubel. War die Trunkenheit

tausendgesichtiger Leidenschaft, wenn ringsum alle Bilder, alle Formen,

alle Möglichkeiten, alle Biegungen weiblicher, männlicher und kindlicher

Körper und alle Verzerrtheit und Verzücktheit der verwandelten Gesichter

sind.

O noch nie, noch nie, fühlte ich solche Flamme, solche Unersättlichkeit des

Verlangens, das vom Leibe zum Leibe eilen hieß in zweifache, dreifache,

vielfache Umarmungen. Und nutzlos waren uns die Flagellanten, die an diesem

Tage gleich allen von der Ekstase der Leidenschaft ergriffen waren.

Plötzlich, ich weiß nicht auf wessen Geheiß, schoben sich die dichten

Hüllen der Vorhänge von den Fenstern und das ganze Innere des Domes ward

den Blicken der Außenstehenden enthüllt: das Bildnis des Symbols, die

rätselhaften Fresken an den Wänden und die Menschen, die in seltsamen

Umschlingungen auf den weichen Teppichen lagen. Ein wütender Schrei drang

von der Straße her bis zu uns.

Und schon bohrte sich der erste Schuß mit Getöse in das Spiegelglas der

Fenster. Und dem ersten folgten weitere. Die pfeifenden Kugeln

durchschnitten die Wände. Die Miliztruppen konnten das Schauspiel nicht

ertragen, das sich hier ihren Blicken enthüllte, und hielten daher die

angegebene Zeit nicht ein.

Doch es war, als höre keiner die Schüsse. Die von unsichtbarer Hand

gespielte Orgel setzte ihr betörendes Lied fort. Des Weihrauches Aroma

wogte in der erregten Luft. Und auch im klaren Tageslichte, wie früher beim

Scheine der heiligen Kerzen, wurde der Kultus der Leidenschaft nicht

geringer.

Hero, die in den Pforten des Altares stand, schwankte als erste und fiel,

während ihre Lippen der Schmerz verzerrte. Hier und dort sanken Arme;

einige Körper fielen wie in endgültiger Ermattung zusammen.

Es begann ein furchtbares Blutvergießen. Die Kugeln fielen zwischen uns wie

Regen, als würde eine gigantische Hand sie schockweise auf uns streuen.

Doch von den Getreuen wollte keiner fliehen oder freiwillig die Umarmung

lösen.

Alle, alle, auch die Verzagten, auch die Kleingläubigen wurden Helden,

wurden Märtyrer, wurden Heilige. Das Todesgrauen floh unsere Seelen, als

würde es einem magischen Worte gehorchen. Mit unserem Blute besiegelten wir

die Wahrheit unseres Glaubens.

Einige, die getroffen waren, stürzten. Andere, in der Nähe der Gestürzten,

drückten ihre Leiber fester aneinander. Und noch die Sterbenden suchten im

letzten wütenden Kusse die begonnene Liebkosung zu vollenden. Ersterbende

Hände streckten sich noch mit einer sinnlichen Geste. Im Haufen verkrümmter

Körper war es schon unmöglich zu erkennen, wer noch liebkoste und wer schon

starb. Inmitten der Schreie konnte man unmöglich das Stöhnen der

Leidenschaft von dem des Todes unterscheiden.

Irgendwelche Lippen preßten sich auf die meinen und ich fühlte den Schmerz

verzückten Bisses, der vielleicht nur der letzte Krampf eines Sterbenden

war. In meinen Händen hielt ich einen Körper, der entweder vor gesättigter

Lust, oder in letzter Agonie erkaltete. Dann warf auch mich ein dumpfer

Schlag auf den Kopf in den Haufen der Körper, zu den Brüdern, zu den

Schwestern.

Allein das letzte, was ich sah, war das Bildnis unseres Symboles. Allein

das letzte, was ich hörte, war der Ausruf des Theodosius, den

tausendfältiges Echo nicht unter den Gewölben des Domes, aber in den

unendlichen, von Finsternis beschatteten Gängen meiner Seele wiederholte:

-- In deine Hände befehle ich meinen Geist!

Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .

Memoiren eines Psychopathen

Natürlich hielt man mich schon in meiner Kindheit für entartet. Natürlich

wollte man mich davon überzeugen, daß niemand meine Gefühle teile. Und ich

gewöhnte mich daran, vor den Menschen zu lügen. Gewöhnte mich daran, platte

Worte zu sprechen von Mitleid und von der Liebe, vom Glücke, andere

Menschen zu lieben. Doch im Innern meiner Seele war ich überzeugt und bin

auch jetzt noch davon überzeugt, daß der Mensch seiner Natur nach

Verbrecher ist. Ich glaube, daß inmitten aller Empfindungen, die man

gewöhnlich Rausch nennt, nur eine ist, die diesen Namen verdient, jene, die

den Menschen beim Anblick von fremden Leiden ergreift. Ich glaube, daß der

Mensch in seinem Urzustand nur nach einem Verlangen trägt, die ihm

Gleichenden zu quälen. Die Kultur legte ihre Fessel auf diese natürliche

Regung. Die Jahrhunderte des Sklaventums führten die menschliche Seele zu

dem Glauben, daß fremde Leiden ihr schmerzlich wären. Und heute weinen die

Leute völlig aufrichtig über andere und leiden mit ihnen. Doch dies ist nur

eine Einbildung und eine Täuschung des Gefühles.

Man kann aus Wasser und Spiritus eine Mischung herstellen, in welcher das

Provenceröl in jeder Lage im Gleichgewicht bleibt, nicht aufsteigt und

nicht hinuntersinkt. Anders gesprochen: die Anziehung der Erde verliert

ihre Wirkung auf das Öl. In den physikalischen Lehrbüchern heißt es, daß

zufolge des Bestrebens seiner Atome das Öl dann die Form einer Kugel

annimmt. Diesem ähneln die Augenblicke, in denen die menschliche Seele sich

von aller Macht der Anziehung befreit, von allen Ketten, die Abstammung und

Erziehung ihr auferlegten, sowie von allen äußeren Einflüssen, die

gewöhnlich unseren Willen bedingen: von der Furcht vor dem letzten Gericht,

von dem Bangen vor der öffentlichen Meinung usw. Das sind nicht Stunden des

gewöhnlichen Schlafes, in welchen das tägliche Bewußtsein, wenn auch

dämmernd, doch immer noch unser schlafendes Ich leitet; das sind auch nicht

Tage des Irrsinns und der Geisteszerrüttung: die gewöhnlichen Einflüsse

werden von anderen, von noch mehr selbstherrlichen abgewechselt. Das sind

Augenblicke jenes seltsamen Zustandes, in dem der Körper im Schlafe ruht,

und der Gedanke dies plötzlich begreift und zu seinem in der Welt der

Träume irrenden Schatten spricht: du bist frei! Begreife, daß deine

Handlungen nur für dich selbst existieren und du wirst dich freiwillig

deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens aufsteigenden Trieben

hingeben. In solchen Augenblicken hatte ich niemals das Verlangen, irgend

eine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil, wissend, daß ich bis zu den

letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben würde, beeilte ich mich, irgend

etwas Wildes, Böses und Sündiges zu tun.

Immer schon liebte ich den Traum. Niemals hielt ich die Zeit, die ich im

Traume verbrachte, für verloren. Völlig gleich der Wirklichkeit erfüllt

auch der Traum die Seele, erregt, freut und schmerzt sie ebenso und muß

überhaupt unserem äußeren Leben ganz an die Seite gestellt werden. Streng

gesprochen, ist der Traum nur eine andere Wirklichkeit, -- welche von

diesen man vorzieht, hängt von den persönlichen Neigungen ab. Ich zog schon

seit meiner Kindheit den Traum vor. Schon als Knabe zählte ich die Nächte,

in denen ich keine Träume sah, zu den schweren Entbehrungen. Wenn ich

erwachte, ohne daß ich mich an meinen Traum erinnern konnte, so fühlte ich

mich unglücklich. Den ganzen Tag, zu Hause oder in der Schule, quälte ich

mein Gedächtnis, um dann plötzlich in einem seiner dunklen Winkel einen

Splitter der vergessenen Bilder zu finden und bei einer neuen Anstrengung

plötzlich die ganze Herrlichkeit des kürzlich vergangenen Traumlebens vor

mir zu haben! Heißhungrig vertiefte ich mich dann in diese auferstandene

Welt und stellte alle ihre kleinsten Einzelheiten wieder her. Bei solcher

Schulung meines Gedächtnisses erreichte ich, daß ich meine Träume niemals

mehr vergaß. Wie Stunden ersehnter Zusammenkunft, so erwartete ich nachts

den Traum.

Besonders liebte ich Alpdrücken wegen der erschütternden Kraft der

Wirkungen. Ich entwickelte in mir die Fähigkeit, es künstlich

hervorzurufen. Ich brauchte nur einzuschlafen, indem mein Kopf tiefer als

der Körper lag, und sofort schon preßte mich ein Alpdrücken mit

süßquälenden Krallen. Fast erstickend erwachte ich in einer unnennbaren

Zerschlagenheit, doch kaum hatte ich etwas frische Luft eingeatmet,

beschloß ich, wieder hineinzustürzen in jenen schwarzen Grund, in Entsetzen

und Erbeben. Doch noch mehr liebte ich schon in meinen frühen Jahren jene

Traumzustände, wenn man es weiß, daß man schläft. Schon damals begriff ich,

welche große Geistesfreiheit sie geben könnten. Übrigens verstand ich es

nicht, sie willkürlich hervorzurufen. Im Traume war es mir, als wenn ich

plötzlich einen elektrischen Schlag bekäme, und dann begriff ich mit einem

Male, daß die Welt in meiner Gewalt sei. Ich schritt auf den Wegen des

Traumes durch seine Paläste und Täler, wohin ich wollte. Bei hartnäckiger

Anstrengung des Verlangens konnte ich mich sogar in jeder Umgebung sehen,

die mir gefiel, konnte in meinen Traum jede Person einführen, nach der ich

Verlangen trug. In meiner ersten Kindheit benutzte ich diese Augenblicke,

um mich über die Leute lustig zu machen und alle möglichen Streiche

auszuführen. Doch mit den Jahren ging ich zu anderen mehr erlesenen Freuden

über: ich vergewaltigte Frauen, ich mordete und wurde zum Henker. Und da

erst begriff ich, daß Jubel und Rausch nicht nur leere Worte seien.

Die Jahre vergingen. Es vergingen auch die Tage der Schule und der

Unterwürfigkeit. Ich war allein, ich hatte keine Familie, ich mußte niemals

um das Recht zu leben kämpfen. Ich hatte die Möglichkeit, mich meinem

Glücke ungeteilt hingeben zu können. Im Traum und Halbschlaf verbrachte ich

den größten Teil der Tage. Ich gebrauchte verschiedene narkotische Mittel:

nicht wegen der von ihnen ausgehenden Entzückungen, sondern um meinen Traum

zu verlängern und zu vertiefen. Erfahrung und Gewöhnung gaben mir die

Möglichkeit, mich immer öfter und öfter an der grenzenlosesten aller

Freiheiten, die ein Mensch nur erträumen kann, zu berauschen. Allmählich

begann sich mein nächtliches Bewußtsein in diesen Träumen an Stärke und

Helligkeit dem des Tages nicht nur zu nähern, sondern vielleicht es auch zu

übertreffen. Ich verstand es, in meinen Träumen zu leben, wie auch dieses

Leben von der Seite her zu beobachten. Es war, als würde ich meinen

Schatten, der im Traume dieses oder jenes tat, beobachten und leiten und zu

gleicher Zeit doch alle seine Empfindungen mit ganzer Leidenschaftlichkeit

durchleben.

Die Republik des Südkreuzes: Novellen · 第 5 / 7 段