erstarb ich förmlich vor Abscheu. Aber _sie_ faßte mich gewaltig an den
Händen und zog mich krampfhaft zu sich. Meine Hände versanken im Glase, als
wie in feurigkühlem Wasser. Die Kälte des Glases drang unter furchtbaren
Schmerzen in meinen Körper, als ob alle Atome meines Wesens ihr
gegenseitiges Verhältnis veränderten. Und schon nach einem Augenblicke
berührte mein Gesicht das Gesicht meiner Gegnerin, sahen meine Augen die
ihren ganz vor sich, verschmolz ich mit ihr in einem ungeheuerlichen Kusse.
Alles verschwand vor diesem quälenden Leiden, dem nichts vergleichbar ist,
und aus dieser Ohnmacht erwachend, sah ich vor mir mein Boudoir, auf das
ich _aus_ dem Spiegel hinabschaute. Meine Nebenbuhlerin stand vor mir und
lachte. Und ich, -- o Grausamkeit! -- ich, die vor Qual und Erniedrigung
erstarb, ich mußte gleichfalls lachen, alle ihre Grimassen wiederholen, ihr
triumphierendes und helles Lachen. Und, ehe ich noch meinen Zustand ganz
erfassen konnte, drehte sich meine Nebenbuhlerin plötzlich um, schritt zur
Türe, verschwand vor meinen Augen und dann befiehl mich die Erstarrung des
Nichtseins.
Darnach begann mein Leben als Spiegelbild. Ein seltsames halbbewußtes, wenn
auch heimlich süßes Leben. Wir waren viele in diesem Spiegel, dunkle Seelen
voll träumender Erkenntnisse. Wir konnten miteinander nicht sprechen,
fühlten aber unsere Nähe und liebten einander. Wir sahen nichts, wir hörten
nur unklar, und unser Sein war wie eine Ermattung in der Unmöglichkeit, zu
atmen. Und nur wenn ein Wesen aus der Menschenwelt an den Spiegel
herantrat, konnten wir, die wir plötzlich sein Bildnis annehmen mußten, in
die Welt sehen, die Stimmen unterscheiden, mit voller Brust atmen. Ich
denke, daß das Leben der Toten ähnlich sein müßte, ein unklares Bewußtsein
des eigenen Ich, dunkle Erinnerung an das Frühere und das peinigende
Verlangen, wenn auch nur auf einen Augenblick, wieder Gestalt zu gewinnen,
zu sehen, zu hören, zu sprechen . . . Und jeder von uns hegte und pflegte
den verheißenen Traum, sich zu befreien, einen neuen Körper zu finden und
wieder der Welt der Beständigkeit und Unerregtheit anzugehören.
Die ersten Tage fühlte ich mich in meiner neuen Lage sehr unglücklich. Ich
wußte und verstand noch nichts. Gehorsam und sinnlos nahm ich das Bildnis
meiner Gegnerin an, wenn sie sich dem Spiegel näherte um mich zu verhöhnen.
Und sie tat das ziemlich oft. Es bereitete ihr ein großes Vergnügen, vor
mir mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Realität zu kokettieren. Sie setzte
sich und auch ich mußte mich setzen, sie stand auf und triumphierte, da sie
sah, daß auch ich aufstand, breitete die Arme aus, tanzte, zwang mich, ihre
Bewegungen zu verdoppeln und lachte, lachte, damit auch ich lachen müßte.
Sie schrie mir Beleidigungen ins Gesicht, und ich konnte ihr nicht
antworten. Sie drohte mir mit der Faust und verspottete meine unbedingte
Wiederholungsgeste. Und mit einem Stoße drehte sie dann plötzlich den
Spiegel um seine Achse und mit einem Schwunge stürzte sie mich in das
Nichtsein.
Allein die Beleidigungen und Erniedrigungen erweckten in mir allmählich die
Erkenntnis. Ich begriff, daß meine Gegnerin jetzt mein Leben lebe, meine
Toiletten gebrauche, die Frau meines Mannes sei und in der Welt meinen
Platz einnehme. Das Gefühl des Hasses und das Verlangen nach Rache wuchsen
in meiner Seele wie zwei feurige Blumen auf. Ich begann, mich bitter zu
schmähen, weil ich aus Schwäche oder aus verbrecherischer Neugierde ihr die
Möglichkeit gab, mich zu besiegen. Ich war überzeugt, daß diese
Abenteurerin niemals über mich hätte triumphieren können, wenn ich ihr
nicht selbst in ihren Listen geholfen hätte. Und nachdem ich mich ein wenig
mit den Bedingungen meines neuen Seins bekannt gemacht hatte, entschloß ich
mich, mit ihr in denselben Kampf zu treten, den sie mit mir geführt hatte.
Wenn sie, der Schatten, es verstanden hatte, meinen Platz als wirkliche
Frau einzunehmen, war denn ich, der Mensch, der nur zeitweilig zum Schatten
wurde, nicht stärker als diese Erscheinung?
Ich begann mit einem Umwege. Anfangs stellte ich mich, als quälte mich der
Hohn meiner Gegnerin immer unerträglicher. Ich ließ sie absichtlich alle
Süßigkeit des Sieges spüren. Und da ich das vergehende Opfer spielte,
reizte ich in ihr alle geheimen Henkerinstinkte. Sie fiel auf dieses
Lockmittel herein. Das Spiel mit mir lockte sie. Indem sie immer neue
Martern für mich ersann, verschwendete sie ihre Phantasie. Sie erfand
tausend Listen, um mir immer und immer noch einmal zu beweisen, daß ich nur
eine Erscheinung wäre, und daß ich kein eigenes Leben mehr hätte. Bald
spielte sie vor mir auf dem Klavier und quälte mich mit der Tonlosigkeit
meiner Welt. Bald saß sie vor meinem Spiegel, trank langsam meine geliebten
Liköre und zwang mich, so zu tun, als würde auch ich trinken. Bald endlich
führte sie in mein Boudoir Menschen, die ich verachtete, erlaubte ihnen vor
meinen Augen ihren Körper zu küssen, und überließ es dabei ihnen, zu
denken, daß sie mich küßten. Und wenn sie dann mit mir allein war, lachte
sie mit bösem und triumphierenden Lachen. Doch dieses Lachen verletzte mich
nicht mehr; seine Schärfe trug eine Süßigkeit: meine kommende Rache!
In den Stunden, wenn sie mich kränkte, zwang ich meine Gegnerin unmerklich,
mir in die Augen zu sehen, begann ich allmählich, ihren Blick zu
beherrschen. Bald lag es schon in meiner Gewalt, ihre Lider zu heben oder
zu senken, diese oder jene Bewegung ihres Gesichtes hervorzurufen. Und
schon begann ich, zu triumphieren, wenn ich auch dieses unter der Maske des
Leides verbarg. Meine seelischen Kräfte wuchsen, und ich erkühnte mich,
meinem Feinde zu befehlen: heute wirst du dieses tun, heute wirst du
dorthin fahren, morgen wirst du zu mir um diese Zeit kommen. Und _sie_
führte es aus! Ich verwickelte ihre Seele in das Netz meiner Wünsche, spann
einen festen Faden, mit dem ich ihren Willen hielt und wenn ich meine
Erfolge bemerkte, triumphierte ich insgeheim. Als sie dann einmal in den
Stunden ihres Lachens auf meinen Lippen plötzlich das siegessichere Lächeln
bemerkte, war es schon zu spät. _Sie_ lief damals in heller Wut aus dem
Zimmer, doch während ich wieder in den Schlaf meines Nichtseins zurückfiel,
wußte ich doch, daß sie morgen wiederkehren würde, wußte, daß sie mir
gehorchen würde! Und der Jubel des Sieges schwebte über meiner willenlosen
Schwäche, zerschnitt das Dunkel meines Halbtodes als regenbogenfarbener
Fächer.
Sie kehrte zurück! In Zorn und Furcht kehrte sie zu mir zurück, schrie mich
an und drohte mir. Ich aber erteilte ihr Befehle. Und sie mußte mir
gehorchen. Es war wie das Spiel der Katze mit der Maus. Zu beliebiger
Stunde konnte ich sie wieder in die Spiegeltiefe stürzen, selbst aber
hinaustreten in die tönende und feste Wirklichkeit. Sie wußte, daß dieses
von meinem Willen abhinge, und dieses Bewußtsein quälte sie zweifach. Doch
ich zauderte. Es war mir angenehm, zu Zeiten im Nichtsein zu sein. Es war
mir angenehm, mich mit der Möglichkeit zu berauschen. Endlich (und dieses
ist gewiß merkwürdig) erwachte in mir das Mitleid mit meiner Gegnerin; die
mein Feind war, mein Henker. Allein es war in ihr etwas von mir und es war
mir furchtbar, sie so aus der Klarheit des Lebens hinauszureißen und sie in
einen Schatten zu verwandeln. Ich schwankte und wagte es nicht, verlängerte
die Frist von Tag zu Tag und wußte eigentlich selbst nicht, was ich wollte
und was mich erschreckte.
Und plötzlich, an einem hellen Frühlingstage, traten in das Boudoir
Menschen mit Brettern und Beilen. Ich war unlebendig, ich lag in einer
süßen Erstarrung, aber wenn ich auch nichts sah, so begriff ich doch, daß
sie hier wären. Die Leute begannen in der Nähe des Spiegels, der mir zum
Weltall geworden war, sich zu beschäftigen. Und eine nach der anderen
erwachten die Seelen, die mit mir den Spiegel bewohnten, und nahmen den
Körper der Erscheinung, die Form des Spiegelbildes an. Furchtbare Unruhe
erregte meine träumende Seele. Im Vorgefühle des Entsetzens, im Vorgefühle
des schon nicht mehr gutzumachenden Verderbens sammelte ich all die Macht
meines Willens. Welche Anstrengung kostete es mich, mit der Entrücktheit
eines halben Seins zu kämpfen. So kämpfen lebendige Leute manchmal mit
einem Alpdrücken, wenn sie sich aus seinen quälenden Ketten zur
Wirklichkeit befreien wollen.
Ich konzentrierte alle Kräfte der Suggestion in den Ruf, den ich ihr,
meiner Gegnerin, zurief: »komm her!« Ich hypnotiserte und magnetisierte sie
mit der ganzen Anstrengung meines träumenden Willens. Und ich hatte so
wenig Zeit. Schon bewegte sich der Spiegel. Schon hatte man vor, ihn in das
Brettergrab zu legen, um ihn fortzuführen: wohin, das war mir unbekannt.
Und so in letztem tödlichem Triebe rief ich wieder und wieder: »komm!
. . .« Und plötzlich fühlte ich, daß ich lebendig wurde. _Sie_, mein Feind,
öffnete die Thüre; und bleich und halbtot kam sie mir entgegen, gehorchte
sie meinem Rufe, wenn auch mit Schritten, die sich sträubten, als würde sie
zum Richtplatz gehen. Mit meinen Augen umschloß ich ihre Augen, fesselte
ihren Blick mit meinem Blicke und dann wußte ich, daß ich siegen würde.
Ich zwang sie, die Leute aus dem Zimmer hinauszuschicken. _Sie_ gehorchte
und machte nicht einmal den Versuch, sich zu widersetzen. Und wieder waren
wir allein. Ich durfte nicht länger zögern. Außerdem konnte ich ihr ihre
Tücke nicht verzeihen. Mitleidlos befahl ich ihr, mir entgegenzugehen. Ein
Stöhnen der Qual entrang sich ihren Lippen, ihre Augen erweiterten sich wie
vor einem Gespenste, doch sie kam, taumelte, fiel, -- sie kam. Und auch ich
ging ihr entgegen, mit Lippen, welche der Triumph verzog, mit Augen, welche
die Freude weit geöffnet hatte, und mit Schritten, die vor trunkenem Jubel
taumelten. Und wieder berührten sich unsere Hände, wieder näherten sich
unsere Lippen und wir stürzten eine in die andere, verbrannt vom
unnennbaren Schmerze der neuen Verkörperung. Und schon nach einem
Augenblick stand ich _vor_ dem Spiegel, meine Brust füllte sich mit Luft
und ich schrie laut und sieghaft auf und fiel hin, fiel vor dem Trumeau
nieder vor Ermattung.
Mein Gatte, die Menschen liefen in das Zimmer. Ich konnte nur sagen, daß
man meinen früheren Befehl ausführen möge, diesen Spiegel ganz und für
immer aus dem Hause fortzutragen. Dann verlor ich das Bewußtsein.
Man legte mich ins Bett. Man berief einen Arzt. Ich bekam nach all dem
Erlebten ein Nervenfieber. Meine Verwandten hielten mich schon lange für
krank und unnormal. Im ersten Jubel war ich so unvorsichtig, ihnen alles,
was mit mir geschehen war, zu erzählen. Meine Erzählung bestärkte nur ihren
Verdacht. Man führte mich in ein psychiatrisches Krankenhaus über, in dem
ich mich auch jetzt noch befinde. Ich bin davon überzeugt, daß mein ganzes
Wesen noch immer tief erschüttert ist. Doch ich darf nicht lange hier
bleiben. Mir blieb noch eine Sache, eine Aufgabe, die ich bald schon
ausführen muß.
Ich zweifle nicht an meinem Siege, nein, nein! Ich weiß, daß ich Ich bin.
Doch sobald ich an jene denke, die jetzt in meinem Spiegel eingeschlossen
ist, so erfüllt mich eine seltsame Ungewißheit: wie, wenn mein wirkliches
Ich dort wäre? Dann würde ich selbst, ich, die dieses hier denkt, ich, die
dieses hier schreibt, ein Schatten sein, eine Erscheinung, ein Spiegelbild.
In mich strömten nur die Erinnerungen, Gedanken und Gefühle jener über, die
mein anderes Ich ist, mein wirkliches. Und tatsächlich wäre ich noch immer
im Nichtsein der Spiegeltiefe, würde mich quälen, würde ermatten, sterben.
Ich weiß, o, ich weiß es fast genau, daß dieses nicht wahr ist. Doch um die
letzten Wolken des Zweifels zu zerstreuen, muß ich wieder, nur noch einmal,
das letztemal in jenen Spiegel schauen. Noch einmal muß ich in ihn sehen,
um mich zu überzeugen, daß dort die Usurpatorin ist, mein Feind, der meine
Rolle während einiger Monate spielte. Ich werde dies sehen, und alle
Bedrücktheit meiner Seele wird weichen, und ich werde wieder sorgenlos klar
und glücklich sein. Wo ist dieser Spiegel, wo werde ich ihn finden? Ich
muß, o, ich muß noch einmal hineinschauen, schauen in seine Tiefe! . . .
Das Köpfchen aus Marmor
Erzählung eines Landstreichers
Man verurteilte ihn wegen Diebstahls zu einem Jahr Gefängnishaft. Mich
intrigierten das Benehmen des Alten vor dem Gerichte, wie auch die eigenen
Umstände des Verbrechens. Ich erreichte eine Zusammenkunft mit dem
Verurteilten. Anfangs hatte er eine gewisse Scheu vor mir, schwieg, dann
aber erzählte er mir doch sein Leben.
-- Sie haben Recht, begann er, ich sah einst bessere Tage, war nicht immer
ein Herumtreiber, schlief nicht immer in den Nachtasylen. Ich genoß eine
ganz gute Erziehung, ich wurde ein Techniker. Als ich jung war, da hatte
ich schon Geld, lebte geräuschvoll: jeden Tag irgend eine
Abendgesellschaft, ein Ball, und alles endete immer mit einem Saufgelage.
An diese Zeit erinnere ich mich gut, selbst an Kleinigkeiten. Aber in
meinen Erinnerungen ist eine Lücke und um sie auszufüllen, würde ich den
ganzen Rest meiner lumpigen Tage hingeben: nämlich alles, was in Bezug zu
Nina steht.
Sie hieß Nina, gnädiger Herr, ich bin davon überzeugt, daß sie Nina hieß.
Sie war mit einem armen Eisenbahnbeamten verheiratet. Sie waren arm. Aber
wie verstand sie es, in dieser kläglichen Atmosphäre vornehm zu sein und so
besonders fein! Sie kochte selbst, aber ihre Hände waren wie gemeißelt. Aus
ihren billigen Fetzen nähte sie sich wundervolle Träume. Ja und auch alles
alltägliche, das mit ihr in Berührung kam, wurde so ungewöhnlich, so
phantastisch. Ich selbst wurde unter ihrem Einfluß ein anderer, besserer,
schüttelte von mir wie Regentropfen alle Gemeinheit des Lebens ab.
Gott verzeih ihr die Sünde, daß sie mich liebte. Rings war alles so
ungeschliffen, daß sie mich lieben mußte, mich, den jungen, hübschen, der
so viel Verse auswendig konnte. Doch wo ich mit ihr bekannt wurde und wie,
dessen kann ich mich schon nicht mehr entsinnen. Aus dem Dunkel reißen sich
einige Bilder. Wir sind im Theater. Sie ist glücklich und lustig (o, wie
selten das bei ihr vorkam!), trinkt sozusagen jedes Wort des Schauspieles,
lächelt mir zu . . . O, dies Lächeln kenn ich noch. Dann sind wir irgend wo
zu zweien. Sie neigt den Kopf und sagt mir: »Ich weiß, du, mein Glück,
wirst nicht lange bei mir verweilen; sei es immerhin, ich habe doch
gelebt.« O diese Worte kenn ich noch. Doch was gleich danach war, -- und
ist dies mit Nina überhaupt wahr? Ich weiß nicht.
Natürlich verließ ich sie. Mir erschien das so selbstverständlich. Vor mir
lag eine glänzende Zukunft und ich konnte mich durch irgend eine
romantische Liebe nicht binden lassen. Es war mir schmerzlich, sehr
schmerzlich, aber ich bekämpfte das und sah darin sogar eine Tat, daß ich
dieses Weh überstand. Ich hörte, daß Nina rasch darauf mit ihrem Mann nach
dem Süden gereist sei und bald gestorben. Doch Erinnerungen und Gespräche
von ihr peinigten mich damals so sehr, daß ich alle Nachrichten vermied.
Ich bemühte mich, nicht an Nina zu denken. Weder ihr Porträt noch ihre
Briefe hatte ich mehr und nichts erinnerte mich an sie. Und natürlich
vergaß ich dann auch ihr Gesicht, ihren Namen, unsere ganze Liebe,
begreifen Sie bitte, vergaß alles. Sie verschwand aus meinem Leben, als
wäre sie nie darin gewesen. Und es ist etwas Schmähliches für einen
Menschen, so zu vergessen.
Nun, die Jahre vergingen. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erzählen, wie ich
Karriere machte. Von Nina getrennt, dachte ich natürlich nur an äußeren
Erfolg, an Geld. Eine Zeit hindurch erreichte ich fast mein Ziel, lebte im
Auslande, heiratete, hatte Kinder. Dann kamen die Verluste: die Frau starb;
mit den Kindern vertrug ich mich nicht, gab sie zu Verwandten und, Gott
verzeih mir, weiß jetzt nicht mal, ob meine Jungen noch leben. Natürlich
trank ich. Dann eröffnete ich ein Geschäft, es kam nichts dabei heraus, ich
verlor nur mein letztes Geld und meine letzten Kräfte. Zum Schluß sank ich
bis zu dem, als den Sie mich heute hier sehen. In den letzten Jahren
beschäftigte ich mich einige Monate, als ich nicht trank, als Arbeiter in
den Fabriken. Doch wenn ich trank, kam ich auf den Trödelmarkt und in die
Nachtasyle. Auf die Menschen war ich furchtbar wütend und träumte immer,
das Schicksal würde sich ändern, ich würde wieder reich werden. Meine neuen
Kameraden verachtete ich deshalb, weil sie diese Hoffnung nicht hatten.
So trieb ich mich denn einmal frierend und hungrig auf irgend einem Hofe
herum, weiß der Teufel warum, ich glaube, der Zufall führte mich. Plötzlich
ruft mich ein Koch an: »Lieber, bist du nicht am Ende ein Schlosser?« »Das
bin ich,« antwortete ich. Man hieß mich ein Schreibtischschloß zurecht
machen. Ich wurde in ein prachtvolles Kabinett geführt; überall Vergoldung
und Bilder. Ich arbeitete, reparierte, was nötig war, und die Gnädige gab
mir einen Rubel. Das Geld nehmend, erblickte ich plötzlich ein auf einer
Säule stehendes Köpfchen aus Marmor. Ich ersterbe, schaue es an und will
meinen Augen nicht trauen: es war Nina!
Ich sage Ihnen, lieber Herr, ich hatte Nina völlig vergessen und dort
begriff ich es erst, daß ich sie vergessen. Ich schaue, zittere fast und
frage: »Gnädige Frau, gestatten Sie zu fragen, was das für ein Köpfchen
ist?« »Das,« antwortet sie, »ist eine sehr teuere Sache, die vor
fünfhundert Jahren gemacht ist, im XV. Jahrhundert.« Nannte mir auch den
Namen des Künstlers, den ich aber nicht behielt, sagte, daß ihr Mann dies
Köpfchen aus Italien mitgebracht hätte und hieraus wäre eine ganze
diplomatische Affäre zwischen dem italienischen und dem russischen Kabinett
entstanden. »Sagen Sie mal,« fragte mich die Gnädige, »gefällt Ihnen das
Köpfchen? Was haben Sie für einen unmodernen Geschmack! Die Ohren,« sagt
sie, »sind nicht am Platze, die Nase ist unregelmäßig . . .« und schwatzt!
und schwatzt!
Wie verhext lief ich aus dem Hause. Das war nicht nur Ähnlichkeit, das war
ein Porträt, sogar noch mehr, das war wirkliches Leben im Marmor. Sagen Sie
mir bitte, durch welch ein Wunder konnte ein Künstler des XV. Jahrhunderts
diese selben mir so bekannten kleinen, ein wenig tief angesetzten Ohren
schaffen, diese selben kaum mandelförmigen Augen, die unregelmäßige Nase
und die lange zurückgelehnte Stirn, aus denen sich ganz unerwartet das
schönste, das reizendste Frauengesicht zusammensetzte? Welch ein Wunder
ließ zwei völlig gleiche Frauen leben, die eine im XV. Jahrhundert, die
andere -- in unseren Tagen? Denn daß jene, nach welcher der Marmorkopf
gemacht wurde, nicht nur im Gesicht, sondern auch dem Charakter, der Seele
nach völlig gleichartig, ja identisch mit Nina war, kann ich nicht
bezweifeln.
Dieser Tag gestaltete mein ganzes Leben um. Ich begriff sowohl die ganze
Niedrigkeit meiner Aufführung im Vergangenen, als auch die Tiefe meines
Sturzes. Ich begriff, daß Nina der Engel war, den mir das Schicksal sandte
und den ich zu erkennen hatte. Es ist unmöglich, das Vergangene ungeschehen
zu machen. Doch gierig begann ich, alle Erinnerungen an Nina zu sammeln, so
wie man zuweilen die Scherben einer zerbrochenen kostbaren Vase aufliest.
O, wenig war es! Trotz aller Mühe konnte ich nichts Ganzes zusammenstellen.
Es waren nur Splitter, Trümmer. Doch wie jubelte ich, wenn es mir gelang,
in meiner Seele irgend etwas Neues zu finden. Nachdenkend und mich
erinnernd verbrachte ich ganze Stunden; man lachte über mich und doch war
ich glücklich. Ich bin alt, es ist für mich zu spät, mein Leben von neuem
zu beginnen. Aber noch kann ich meine Seele von schlechten Gedanken
befreien, von Menschenhaß und vom Murren auf den Schöpfer. Und in der
Erinnerung an Nina fand ich diese Reinigung und Befreiung.
Ich hatte ein leidenschaftliches Verlangen, die Statue noch einmal zu
sehen. Ich strich ganze Abende in der Nähe des Hauses, in welchem sie
stand, herum und bemühte mich, das Köpfchen aus Marmor zu erblicken, doch
es stand zu weit von den Fenstern. Ganze Nächte verbrachte ich vor dem
Hause. Ich sah alle in ihm Lebenden, merkte mir die Verteilung der Zimmer,
knüpfte mit der Bedienung Bekanntschaften an. Im Sommer fuhren die Besitzer
aufs Land. Und länger konnte ich mein Verlangen auch nicht bekämpfen. Ich
glaubte, daß, wenn ich noch einmal die marmorne Nina ansehen könnte, ich
mich an alles erinnern würde, an alles bis zum Ende. Das wäre mein letztes
Glück gewesen. Und ich entschloß mich zu dem, wofür man mich verurteilt
hat. Sie wissen, daß es mir nicht gelang, man ergriff mich schon im
Vorzimmer. Auf dem Gericht stellte sich heraus, daß ich in den Zimmern
schon einmal als Schlosser war, und daß man mich nicht selten in der Nähe
des Hauses hatte herumlungern gesehen . . . Ich bin ein Bettler, da hab ich
dann eben die Schlösser erbrochen . . . Übrigens ist die Geschichte aus,
gnädiger Herr!
-- Aber wir wollen appellieren, sagte ich, man wird Sie freisprechen.
-- Wozu? entgegnete der Alte. Weder betrübt, noch schändet meine
Verurteilung jemanden, und ist es nicht imgrunde gleich, wo ich an Nina
denke, im Nachtasyl oder im Gefängnis?
Ich fand nichts zu erwidern, doch, indem mich der Alte mit seinen seltsamen
verblichenen Augen ansah, sagte er plötzlich noch:
-- Eines beunruhigt mich. Wie, wenn Nina niemals existiert hätte? Wenn nur
mein armer, durch Alkohol geschwächter Verstand sich die ganze Geschichte
dieser Liebe erdacht hätte, während ich das Köpfchen aus Marmor ansah?
End of Project Gutenberg's Die Republik des Südkreuzes, by Waleri Brjussow