Julia erzählte von der Pracht und dem geselligen Leben in den Palästen: von

den gewölbten Galerien und dem Fußboden aus Mosaik, von Möbeln aus

kostbarem Holze und Lüstern aus venezianischen Glase, von Gärten mit

künstlichen Wasserfällen und Fontänen, von Kleidern, die mit Gold und

Perlen ausgenäht sind, vom Fest und vom prunkenden Mahl, von Bällen mit

Tanz, Maskeraden in den von Lampions geschmückten Gärten, von

Illuminationen und von den heiteren Jagden im Walde; von

Theateraufführungen und vom Spiel auf dem Spinett, der Zither, Flöte und

dem Klaviere; erzählte von den Werken der Kunst, von Spangen, Braceletten,

Diademen, welche die besten Juweliere gearbeitet hatten, von feinen artigen

Medaillen, von Statuen der alten und neuen Bildhauer, von wundervollen

Bildern der großen neuen Maler, die Geschehnisse aus der heiligen

Geschichte, Szenen aus den römischen Göttersagen oder Bilder des

gegenwärtigen Lebens darstellten; erzählte alles, was sie in den Büchern

des Filelfo, Pontano, Panoramito, Alberti und anderer zeitgenössischer

Schriftsteller gelesen hatte; wiederholte die Novellen des Poggio und

Boccaccio und deklamierte die Verse des Petrarca.

Marco hingegen sprach von den schönen Muscheln, die er im Meere gesammelt,

von den wunderlichen und bunten Fischen, die er in seinen Netzen gefangen,

von den Krabben, deren Gang seitwärts ist, und von den unförmlichen

Tritonen; gedachte der nächtlichen Fischfänge, beim Schein der Pechfackeln,

der Wettfahrten in Boten, der tiefblauen Grotten, der furchtbaren Stürme

auf dem Meere; beschrieb das Leben in Sizilien und Afrika, in den Ländern,

wo schwarzhäutige Menschen, Elefanten und Kamele leben; gab wieder die

Erzählungen von den Irrfahrten Sindbads des Seefahrers, der einst den

Rücken eines Meeresungeheuers für ein Eiland angesehen hätte, der in den

Ländern war, wo Menschen ohne Köpfe leben, der den Vogel Rochen weit hinter

den Mondbergen gejagt hatte; er träumte von den Sirenen des Meeres, die des

Nachts auf Leiern mit goldenen Saiten spielen und die jungen Fischer zu

sich heranlocken, um sie zu ertränken, träumte von den Salamandern, die

unsichtbar in der Luft rings um uns leben, und die nur im Feuer sichtbar

sind, weil sie durch dieses hindurchgehend, entflammen müssen, träumte von

den schwarzen Titanen, die unter dem Vesuv liegen und deren Atem schwarzer

Rauch ist, und auch von dem Leben auf der Sonne und den Sternen und von den

singenden Blüten und von den Mädchen mit Flügeln, ganz wie Schmetterlinge.

Nur von einem sprachen Julia und Marco nie: von ihrem Gegenwärtigen und

Zukünftigen, von dem, wie die Tage im Kerker wären, und was sie erwartete.

Die anderen Gefangenen lachten anfangs über ihre Gespräche, hörten aber

bald auf, ihnen irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken.

6.

Da sie einander erkannten, schämten sich Julia und Marco wieder vor

einander. Und wieder begannen sie jenes im geheimen zu tun, was die Leute

vor fremden Augen verbergen.

Eines Morgens wandte der Kerkermeister Julien seine Aufmerksamkeit wieder

zu, obgleich sie, geschwächt durch Hunger, Luftmangel und Krankheit, nicht

mehr zu den ausnehmenden Schönheiten gerechnet werden konnte. Der Türke

setzte sich neben sie auf den Fußboden, lachte und wollte sie umfangen, wie

er solches in den ersten Tagen ihrer Kerkerzeit getan. Doch Marco packte

ihn von hinten an den Schultern, warf ihn um und zertrümmerte ihm fast mit

seiner Kette das Hirn.

Dem heraneilenden Gehilfen war es natürlich ein leichtes, den von der

langen Gefangenschaft geschwächten Jüngling zu bewältigen. Beide Türken

stürzten sich auf ihn und begannen ihn unbarmherzig zu peitschen. Sie

schlugen ihn abwechselnd, bis beider Hände vor Ermattung niedersanken.

Schimpfreden und Drohungen ausstoßend, entfernten sie sich endlich und

ließen den Marco in einer Blutlache zurück.

Im Kerker schwieg alles. Keiner wußte, was zu sagen.

Julia näherte sich dem Marco, soweit ihre Ketten es zuließen, wusch seine

Wunden und legte ihm feuchte Umschläge um den Kopf.

Marco öffnete die Augen und sagte:

-- Ich bin im Paradies.

Julia küßte ihn auf die Schulter, da sie seine Lippen nicht erreichen

konnte und sagte ihm:

-- Ich liebe dich, Marco. Du bist so licht.

Alle dachten, daß der Türke am nächsten Tage Marco totschlagen würde. Doch

aus irgend welchen Gründen kamen am nächsten Morgen zwei neue

Kerkermeister, den Kerker zu reinigen: beide waren düster und beachteten

die Gefangenen keineswegs. Hatten nun die Bisherigen Furcht vor der Rache,

oder wurden sie abgelöst -- dies blieb für den Kerker ein Rätsel.

7.

Marco war einige Wochen lang krank, und Julia pflegte ihn nach Kräften.

Doch als Marco wiederhergestellt war, erkrankte Julia.

Eines Abends begann sie laut zu stöhnen, da sie ihre Schmerzen nicht länger

verbeißen konnte. Die alte Vanozza erfaßte die Sachlage und hieß sie

näherrücken.

Gegen den Morgen gebar Julia ein totes Kind.

-- Schade, daß es tot ist, sagte Lorenzo, -- es wäre ein prächtiger Halunke

geworden! Selten genug trifft einen das Schicksal, im Kerker geboren zu

werden.

Cosimo beschimpfte die Vanozza, weil sie Julien geholfen hatte.

-- Laß sie, es ist ein Weib, entgegnete ihm die leidende Maria.

Am Morgen kamen die türkischen Kerkermeister, wie immer, schaufelten den

kleinen ungetauften Leichnam mit dem Unrat zusammen und trugen ihn irgend

wohin fort.

8.

Einige Tage darnach sagte Julia zu Marco nachts, als alle schliefen:

-- Marco! Du mußt mich ja verachten. Ich bin gefallen. Du bist der Erste,

den ich lieb gewann. Aber ich kann dir nicht mehr die Reinheit meines

Körpers hingeben. Gegen meinen Willen hat man mich beschmutzt. Ich bin

deiner unwürdig, obwohl ich mich nicht an dir versündigt habe. Ach, wäre

ich dir in früherer Zeit begegnet, und hättest du als erster meine Brust

gesehen, die kein Mann je zu berühren wagte! Dann gäbe es keine Liebkosung,

die ich nicht in mir finden würde, um sie an dich mit aller Hingabe der

Liebe und Leidenschaft zu verschwenden. Jetzt aber, Marco, laß mich, und

wage es nicht, an mich als an ein Weib zu denken. Wenn es mir schon

unmöglich ist, dir als Mitgift die einzige wirkliche Kostbarkeit, die ein

Mädchen besitzt, ihren ehrlichen Namen, mitzubringen, so will ich auch

nicht, daß du dich späterhin deiner Wahl schämen müßtest. Ich werde dich

ewig lieben, doch du sollst nicht an mich denken. Aber so lange uns noch

der gerechte Zorn des Herrn in dieser Hölle festhält, o, so lange erlaub

mir zuweilen dein Gesicht anzusehen, damit ich die Versuchung überwinden

kann, die Todsünde des Selbstmordes zu begehen. Sollte aber die Fürsprache

der reinen Jungfrau Maria uns die Freiheit wieder erwirken, so gedenke

vielleicht zuweilen jener Seele, der du ewig als ein Leuchten erscheinen

wirst. Ich aber werde in der Zelle des Klosters nicht ermüden, Gebete für

dich emporzusenden.

Jedoch Marco entgegnete ihr:

-- Julia! Du bist der lichte Engel über mir. Niemals noch, sei's im Traum

oder im Wachen, sah ich etwas, was schöner wäre, als dein Bildnis. Du

ließest mich wieder an Gottes Barmherzigkeit und an den Duft seiner

Paradiese glauben. Denn wenn dort, inmitten der hohen Lilien, solche

Menschen sind, wie du, so verlohnt es sich schon, die Qualen auf der Erde

zu erdulden. Der Gedanke an dich blendet mich mit blauem Feuer, wie der

Blitz. Wenn deine Hände mich berühren, erbebe ich: es ist wie eine

glühende, aber süße Kohle, Deine Stimme ist wie ein Vogellied auf der

taufrischen Wiese, oder wie das Raunen einer leise schaumgekrönten Welle,

nicht weit vom steinigen Ufer. Den Fleck zu küssen, den du berührst, ist

meine höchste Bestrebung. Du bist unberührt und in deinem Wesen aller

Sünden ledig; die Sünde ist unter dir und du bist immer über ihr, wie der

kristallene Himmel immer über den Wolken ist. O, meine Herrin, laß nicht

mich entbehren den Regenbogen deiner Blicke.

Da aber kniete Julia nieder und sagte zu ihm:

-- Marco! Mein Geliebter! So nimmst du mich denn zur Frau?

Da aber kniete Marco nieder und sagte zu ihr:

-- Mädchen! Vor dem Antlitz Gottes des Herren, der alles sieht, nehme ich

dich zum Weibe, verlobe mich mit dir und vereinige uns in einem Bunde, den

kein Mensch jemals die Macht hat, aufzulösen.

Und so vereinte sie die Ehe, nachts, während alle schliefen und nur die

beiden auf den Knien voreinander lagen.

9.

Die christlichen Herrscher konnten den Gedanken natürlich nicht ruhig

ertragen, die Ungläubigen in einem Lande zu wissen, in dem sonst der

Stellvertreter Christi sich beständig aufhielt. Alfons, der Herzog von

Calabrien und Sohn des damaligen Königs von Neapel, berief, um die Türken

aus Italien zu verjagen und Otranto wieder mit Neapel zu vereinigen, ein

gewaltiges Heer. Papst Sixtus IV. ließ kirchliche Geräte einschmelzen und

zu Münzen umprägen, bemannte 15 Galeeren und sandte sie Alfons zu Hilfe.

Ein Gleiches taten die Arragonier und Ungarn.

Die ausgezeichnete Tapferkeit der Christen brach den Widerstand der

Ungläubigen, denen außerdem der Mut entfiel, als sie vom Tode ihres Sultans

Mahomed hörten, der sein ungestümes Leben im Mai des Jahres 1481 beschloß.

Die Muselmänner flohen aus Italien und aufs neue nahmen die Neapolitaner

die wohledle Stadt Otranto ein.

Inmitten der Befehlshaber des christlichen Heeres befand sich auch Pietro,

der Bruder des unglücklichen Fernando Largo, und er beeilte sich, den

Aufenthaltsort seiner Nichte auszukundschaften. Man führte Julia aus ihrem

Verließ. Sie vermochte kaum, auf ihren geschwächten Füßen zu stehen und

unerträglich blendete sie das Licht der Sonne. Jene aber, die ihre Blässe

und Magerkeit sahen, konnten sich kaum der Tränen enthalten. Flinke

Dienerinnen badeten sie in wohlriechendem Wasser, kämmten ihre Haare, und

kleideten sie in leichtes feines Linnen.

Julia war wie von Sinnen, und gab kaum auf die vielerlei Fragen Antwort. Am

Tage nach ihrer Befreiung befiel sie eine schwere Krankheit, und mehrere

Wochen hindurch war sie dem Tode nahe. Im Fieberwahne kam es ihr vor, als

ob sie schon tot sei und zu ewigen Qualen im Fegefeuer verurteilt wäre, und

als ob die Teufel auf jede nur denkbare Weise ihren Körper zu peinigen und

schänden bestrebt wären. Sie erkannte keinen ihrer Verwandten und alle ihr

sich Nähernden flößten ihr Entsetzen und Abscheu ein.

Als sie dank der ärztlichen Kunst und der Fürsorge ihrer Verwandten sich

langsam zu erholen begann, schien es ihr, als wäre all das Vergangene,

jenes furchtbare Jahr, das sie im unterirdischen Kerker zubrachte, nur eine

Erscheinung ihrer Fieberträume. Niemand versuchte es, von den Monaten ihrer

Gefangenschaft zu sprechen, und sie selbst bemühte sich, bei ihnen nicht

einmal im Gedanken zu verweilen.

10.

Nach ihrer endgültigen Wiederherstellung reiste Julia nach Neapel und

wohnte dort bei einem ihrer Onkel. Der heute bereits entschlafene König

Fernando gab ihr im Angedenken des Märtyrertodes ihres pflichtgetreuen

Vaters eine jährliche Rente von tausend Dukaten. Außerdem gingen als ihr

Erbe alle Schlösser und Länder ihres Vaters in vollem Bestande an sie über.

Die Schönheit Juliens erblühte in solcher Pracht wie nie zuvor. Auf den

Hoffesten setzte sie alle in Verwunderung, und, da sie reich war, so fehlte

es ihr nicht an jungen, artigen und hochgeborenen Männern, die sich um ihre

Hand bewarben.

Einstmals ging Julia am Hafen, wo die neuen bemerkenswerten Gebäude

errichtet waren, mit ihren Dienerinnen spazieren. Plötzlich bemerkte sie in

einem kleinen Haufen von Fischern, die an einem Boote standen, den Marco.

Er war ganz wie ein Seemann angezogen, trug eine Jacke mit Posamenten und

eine rote phrygische Mütze.

Als hätte ein böser Zauberer ihr mit seinem Magierstabe gedroht, wurde es

Julien plötzlich traurig und qualvoll zumute. Sie wollte so tun, als hätte

sie den Marco nicht bemerkt, doch offenbar hatte er sie bereits gesehen und

erkannt. Da schickte Julia eine ihrer Dienerinnen zu dem Marco, und hieß

ihn, am Abend desselben Tages bei ihr zu erscheinen. Sie bemerkte noch, wie

Marco lächelte und zum Zeichen des Einverständnisses mit dem Kopfe nickte.

Den ganzen Tag über kannte Julia keine Ruhe. Am Abend erschien Marco, jung,

frisch, kräftig, kühn. Julia empfing ihn in ihrem Zimmer. Mit ihr waren

ihre Freundin Monna Lucrezia und zwei vertraute Dienerinnen. Julia trug ein

goldverbrämtes Samtgewand, mit durchbrochenen Ärmeln, ein Perlengeschmeide

zierte ihren Hals, und auf die Stirne fiel ihr ein Diamantschmuck herab.

Sie saß in einem hohen Sessel bester florentinischer Arbeit.

Ehrfürchtig verbeugte sich Marco vor ihr, wie es ein einfacher Fischer vor

einer edlen Signora gewiß tun mußte.

Einige Zeit hindurch wußte Julia nicht, was zu sprechen; dann fragte sie

ihn:

-- Sage mir, mein Freund, womit beschäftigst du dich jetzt?

Marco sah sie mit seinen schwarzen Augen an, lächelte ebenso wie am Morgen

und entgegnete:

-- Signora, ich bin ein Fischer, handle mit Fischen und führe zuweilen

Waren aus Otranto nach Neapel.

-- Und du bist mit deiner Lage zufrieden? fragte Julia.

-- Mehr habe ich nicht nötig, als leben und die goldene Sonne und blauen

Wellen sehen können, antwortete Marco, und seine Stimme tönte so zart, wie

in den Stunden ihrer langen Gespräche im Kerker.

Doch Julia bezwang ihr Herz und sagte nur:

-- Ich werde dir auf meine Kosten eine Barke ausrüsten lassen, damit du

einen selbständigen Handel beginnen kannst.

Marco senkte den Kopf.

-- Ich danke Ihnen, Signora, und will Sie nicht durch eine Weigerung

kränken. Erlauben Sie mir nur, die Barke zum Gedächtnis an Sie mit Ihrem

Namen zu benennen.

Nach diesen Worten verbeugte sich Marco abermals aufs höflichste und bat um

die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Nachdem er hinausgegangen war,

sagte Julia zu der Monna Lucrezia:

-- Ich weiß, daß dieser Mensch an einer Verschwörung gegen meinen Vater

teilgenommen hat. Doch da er gleich mir die Einnahme unserer Stadt

überlebte, kann ich ihm nicht zürnen. Ich werde tatsächlich für ihn eine

Barke ausrüsten lassen, werde aber bitten, daß man ihm verbiete, sich in

Neapel zu zeigen. Mag er seine Geschäfte irgendwo um Tarent weiterführen.

Die letzten Märtyrer

Ein unbestellter und dem Henker zum Verbrennen übergebener Brief

Diesen Brief schrieb mir mein unglücklicher Freund Alexander Athanatos nach

seiner wunderbaren Rettung als Antwort auf meine dringenden Bitten, jene

fabelhaften Szenen zu beschreiben, als deren einziger lebendiger Zeuge er

verblieb. Den Brief fingen die Agenten der zeitweiligen Regierung ab und

vernichteten ihn als ein schädliches und sittenloses Werk. Erst nach dem

tragischen Tode meines Freundes, als mir alle seine hinterlassenen Sachen

zugestellt wurden, fand ich inmitten seiner Papiere das Konzept zu dieser

Erzählung; alsdann erfuhr ich denn auch das Schicksal des eigentlichen

Briefes.

Diese wahrhafte und, soweit ich beurteilen kann, vorurteilslose Geschichte

eines der charakteristischen Begebnisse, welche im Beginne jener riesigen

geschichtlichen Bewegung, die ihre Anhänger heute die »Welt-Revolution«

nennen, vor sich ging, braucht man, schätze ich, nicht dem Vergessen

anheimzugeben. Die Niederschriften Alexanders illustrieren natürlich nur

einen winzigen Teil des, was in der Hauptstadt an jenem denkwürdigen Tage

des Aufstandes geschah, sind dafür aber für einige Fakten die einzigen

Quellen, aus der künftige Historiker ihr Wissen schöpfen werden. Das

Bewußtsein dieses Umstandes, schätze ich, veranlaßte den Autor, seine Worte

mit besonderer Aufmerksamkeit zu wägen, und, ungeachtet eines gewissen

blütenreichen Stiles, im Rahmen strengster historischer Wahrhaftigkeit zu

bleiben.

Zum Schluß kann ich nicht umhin, jenem Lande, das mir ein Asyl bot, meine

Dankbarkeit auszudrücken und meine Freude darüber, daß es auf der Erde noch

einen Ort gäbe, wo sich die Freiheit des gedruckten Wortes bewahrte und wo

man ruhig Meinungen aussprechen könne, die nicht unbedingt zu einer

Lobpreisung der Zeitweiligen Revolutionären Regierung neigen.

1.

Du weißt, daß ich, wie viele, dem Ausbruche der Revolution völlig

unvorbereitet gegenüberstand. Allerdings gingen dunkle Gerüchte, es wäre

zum Neujahrstage ein allgemeiner Aufstand angekündigt, aber die letzten

unruhvollen Jahre lehrten uns, solchen Warnungen nicht besonders zu trauen.

Die nächtlichen Ereignisse kamen für mich völlig unerwartet. Ich hatte

beschlossen, das neue Jahr nicht zu feiern, und arbeitete ruhig in meinem

Zimmer. Plötzlich versagte die elektrische Leitung. Bevor ich noch eine

Kerze anzünden konnte, hörte ich hinterm Fenster das hölzerne Knattern von

Schüssen. Man hatte sich schon an diese Töne gewöhnt, und ich zweifelte

nicht.

Ich zog mich an und ging auf die Straße hinaus.

Im völligen Dunkel der Winternacht konnte ich eine große Volksmenge, die

auf der Straße auf- und abwogte, mehr erraten als sehen. Die Luft war ein

Getöse von Schritten und Stimmen. Das Schießen verstummte nicht und mir kam

es vor, als bohrten sich die Kugeln in die Wand dicht über meinem Kopfe.

Nach jeder Salve freute ich mich, daß der Tod noch vorübergegangen.

Doch die Neugier des Zuschauers überwog die Furcht. Ich zögerte an der

Haustür in einem Haufen ebenso unschlüssiger Beobachter, wie ich es war.

Wir tauschten kurze Fragen aus. Plötzlich, wie ein durchs Wehr gebrochener

Strom, stürzte auf uns eine Menge von Menschen zu, die schreiend in

panischer Angst liefen. Wir mußten entweder mit ihnen laufen oder zertreten

werden.

Auf dem Ruhmesplatz sah ich mich wieder. Das Rathaus brannte und des

Feuerschadens Schein beleuchtete die Umgebung. Ich erinnerte mich an einen

Vers Vergils: dant clara incendia lucem. Du kennst den Umfang dieses

Platzes. Und sieh, er war so voll, daß es schwer wurde, sich zu bewegen.

Ich glaube, dort waren mehrere hunderttausend Menschen. Die vom flüchtigen

roten Feuer beschienenen Gesichter waren seltsam und unkenntlich.

Ich fragte viele, was geschehen sei. Es war amüsant, eine Reihe sich

widersprechender und unglaublicher Antworten zu hören. Einer sagte, daß die

Arbeiter alle wohlhabenden Leute totschlügen. Ein anderer, daß die

Regierung alle Nichtvermögenden ausrotte, um der revolutionären Bewegung

ein Ende zu machen. Ein dritter, daß alle Häuser unterminiert wären, und

eine Explosion der anderen folge. Ein vierter wollte mich davon überzeugen,

daß dieses gar keine Revolution sei, sondern ein furchtbares Erdbeben.

Und um diese Zeit, als auf dem Platz vor dem Feuerschein fast ein Viertel

der Stadteinwohner plaudernd, verwundert, erregt sich drängte, geschah eben

jenes furchtbare Ereignis, von dem du durch die Zeitungen hörtest. Der

dumpfe Donner von Geschützsalven tönte, ein feuriger Strich zerschnitt das

Dunkel und ein Explosivkörper fiel mitten in die dichteste Ansammlung der

Leute. Neues Kreischen übertönte den Lärm und betäubte, fast wie ein

körperlicher Schlag. Doch im selben Augenblicke explodierte eine zweite

Granate. Dann wieder, wieder und wieder . . .

Das ratlose Ministerium hatte dem Kommandanten der Zentralfestung befohlen,

auf alle Volksansammlungen zu schießen.

Wieder begann ein sinnloses Fliehen. Inmitten der springenden

Granatensplitter, im drohenden Donner der Geschütze, in welchen die

durchdringenden Schreie der Verwundeten drangen, taumelten die Leute

zwischen Steinwänden hin, traten auf Gefallene, schlugen die Imwegstehenden

mit Fäusten, kletterten auf Fensterbretter, auf Laternen, fielen aufs neue

hinab und verbissen sich vor Wut mit den Zähnen in den Füßen der

Nebenanstehenden. Dies war Schrecken und Chaos, war Hölle, in der man

verrückt werden konnte. Auf welche Weise ich auf den Nordischen Boulevard

hinausgestoßen wurde, weiß ich nicht.

Hier begegnete mir eine Abteilung der Revolutionären.

Es waren nicht viele, etwa dreihundert Menschen, nicht mehr, doch es waren

organisierte Truppen vor der bestürzten Menge. Um einander zu erkennen,

trugen sie ihr Abzeichen: eine rote Binde auf dem Arm. Ihre gemessene

Bewegung hielt den Menschenstrom auf. Das sinnlose Fliehen hielt ein, die

Menge beruhigte sich.

Beim Lichte der Pechfackeln, das alles umgebende ungewöhnlich und

unzeitgemäß erscheinen ließ, erhob sich irgend ein Mensch auf den Sockel

der Statue des Nordens und machte ein Zeichen, daß er sprechen wolle. Ich

stand ziemlich weit, eng an einem Baum gedrückt, und konnte daher nur den

allgemeinen Sinn der Rede hören. Die einzelnen Worte erstarben, ohne bis zu

mir zu fliegen.

Der Redner rief zur Ruhe. Erklärte, daß der friedliche Lauf des Lebens

nicht gestört würde und daß keinem der Bürger eine Gefahr drohe. Daß im

ganzen Lande um diese Stunde dasselbe vor sich ginge wie in der Hauptstadt:

überall ginge die Regierung zeitweilig in die Hände der Milizstäbe über.

Daß nur eine geringe Zahl von Leuten gerichtet würde, -- alle die der

gestürzten »uns allen gleich verächtlichen« Regierung anhingen. Daß über

diese Leute das Urteil des Geheimen Gerichtes schon ausgesprochen sei.

Zum Schluß sagte der Redner noch einiges von dem Tage, den man Jahrtausende

hindurch erwartet hätte, von der endlich erkämpften Freiheit des Volkes.

Im allgemeinen war die Rede eine der allergewöhnlichsten. Ich dachte, die

Menge würde den Schwätzer herunterreißen, ihn verjagen wie einen Narren,

der in den Minuten der Gefahr lächerlichen Blödsinn treibt. Doch von allen

Seiten hörte ich ungestüme Schreie der Zustimmung. Die noch vor einem

Augenblick schwankenden, fassungslosen, verzagten Leute verwandelten sich

plötzlich in eine ganze Armee sinnloser und sich aufopfernder Aufrührer.

Den Redner trug man auf den Händen, dabei die Revolutionshymne anstimmend.

Da fühlte ich plötzlich die Notwendigkeit, zu sein nicht in der Menge, aber

mit Menschen, die gleich mir denken, mit Freunden. In meiner Seele erstand

das Bildnis des Domes, und ich begriff, daß in dieser Nacht der Platz eines

jeden Gläubigen neben jenen Symbolen sei, die unsere Anbetung schon zum

Heiligtume gemacht hatte.

Ich lief auf dem Boulevard so rasch, als ich es nur inmitten der

allgemeinen Bewegung konnte. Und schon waren überall die Milizen, welche,

da sie die elektrische Leitung noch nicht herzustellen wünschten, eine

Beleuchtung aus Fackeln inszenierten. Patrouillen schritten vorüber, die

sich um die Ruhe bekümmerten. Hier und dort bemerkte ich kleine Meetings in

der Art von jenem, dem ich beiwohnte.

Irgendwo ferne dröhnten zuweilen noch Salven.

Ich bog in den dunklen Gerichts-Prospekt ab, und, mich allmählich an den

Weg inmitten des Labyrinthes alter Gäßchen erinnernd, tastete ich mich bis

zum Eingang unseres Domes durch.

Die Türen waren geschlossen. Ringsum war es menschenleer.

Ich klopfte an die Türe auf die gewohnte Art und man ließ mich ein.

2.

Die Treppe wurde von einer Lampe nur schwach erhellt.

Und ganz wie Schatten in einem jener Kreise der Danteschen Hölle drängten

die Menschen sich, und stiegen hinab und hinauf. Das halbe Dunkel

veranlaßte alle, zu flüstern. Und fühlbar war die Anwesenheit eines Druckes

in all dem leisen Gespräch.

Ich bemerkte Bekannte, hier waren Hero und Irene und Adamant und Dmitri und

Lycius und alle und alle. Man begrüßte sich mit mir. Ich fragte Adamant:

-- Was denkst du von all diesem?

Er antwortete mir:

-- Ich denke, dies ist das Ultimatum. Dies ist das endliche Scheitern jener

neuen Welt, die, vom Mittelalter an gerechnet, etwa drei Jahrtausende

währte. Dies ist die Ära neuen Lebens, welche unsere Epoche mit den Zeiten

des russisch-japanischen Krieges und den Feldzügen Karls des Großen im

Sachsenlande in ein ganzes vereinigen wird. Wir aber, alle wir zwischen den

zwei Welten werden von diesen gigantischen Mühlsteinen zu Staub zermalmt

werden.

Ich ging nach oben. Der kaum beleuchtete Saal des Domes schien noch

riesiger zu sein. Die Winkel verlängerten sich ins Unendliche. Die Symbole

unserer Feierlichkeiten wuchsen geheimnisvoll und verzerrt aus der

Finsternis.

Im halben Lichte standen Gruppen von Menschen.

Irgendwo war eines Weibes hysterisches Weinen.

Man rief mich an. Es war Anastasia. Sie saß auf dem Fußboden. Ich ließ mich

neben ihr hin. Sie ergriff meine Hand, sie, die gewöhnlich so verhaltene,

selbst in den Stunden der Saturnalien, warf sich aufschluchzend an meine

Brust und sagte:

Die Republik des Südkreuzes: Novellen · 第 4 / 7 段