Schritten des liebenden Weibes kam Lydia herein, trat an ihn heran, legte
ihre Hände auf seine Schultern:
-- Du bist müde, Nikolai, bist krank, leg dich zu Bett.
Fieberhaft grub er sich in ihre Hände. Er wandte ihr sein erhitztes Gesicht
zu. In der Welt quälender Halluzinationen, wie war es freudig, ein
schlichtes und mildes Gesicht zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen
um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?
Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:
-- Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen
Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht
nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich
zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten
kannst.
Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen
nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:
-- Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen
Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich
stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch
tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran,
daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich
lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich
nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem
Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte
sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein
Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest
du jetzt noch von mir?
Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände.
Antwortete voller Trauer:
-- Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles
nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören,
jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen,
weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch
du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal,
meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere
Schwester. Wiege mich ein mit zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein
Herz, -- es hat so nötig die Berührung zarter Finger.
Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien,
die Kleine, die Hilflose.
-- Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete
ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden
Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir
kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm
alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch
heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den
anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und
vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß
selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte
der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte
ich dir geben?
Nikolai beugte sich zu ihrem Ohr, lehnte ihren so bekannten ihm verwandten
Körper an seinen und, indem er sich bemühte, seiner Stimme all die Töne
früherer Tage zu geben, flüsterte er ihr zu:
-- Lydia! Im Namen unseres gestorbenen Sohnes . . . im Namen unseres
künftigen Kindes.
Sie befreite sich aus seinen Händen. Ihr von Tränen gerötetes, ihr seltsam
zerdrücktes Gesicht mit den auf die Stirn hinunterfallenden Haaren, war
furchtbar und erbarmenswert und wieder wurden die Augen wahnsinnig und
groß.
-- Unseres Sohnes? fragte sie zurück. Hast du es denn noch nicht begriffen,
daß ich selbst ihn getötet habe? Hast du nicht begriffen, warum ich an
seinem Sarge nicht weinen konnte? Aber ich weinte, habe zuviel um ihn
geweint, als er noch lebendig war. Doch ich war das Werkzeug Gottes, der
mir, der Mutter, befahl, dich in deinem Sohne zu treffen. Ich nahm ihn aus
seinem Bettchen, ich legte ihn auf ein Kissen und während ich weinte und
seinen Körper küßte, erwürgten ihn meine Hände. Und als er aufgehört hatte
zu atmen, da ging ich, dich und deine Geliebten rufen und den Doktor und
alle! Und ihr begrifft es nicht, niemand, niemand!
Sie lachte mit dem furchtbaren Jubel des hysterischen Lachens. Nikolais
Gedanken verwirrten sich. Er wußte, er fühlte, daß sie die Unwahrheit
sprach. Doch es fehlte ihm an Kraft, zu entdecken, worin die Unwahrheit
wäre. Er fand keine Worte, und wiederholte nur stumm:
-- Es ist Lüge, es ist Lüge.
Ohne Kraft zu sprechen, zeigte sie mit der Hand zur Seite. Dort, auf dem
Sessel, auf dem weißen verhüllten Kissen lag mit purpurnem Gesicht und
hervorgequollenen Augen der Leichnam seines Kindes.
»Wie aber hat der Doktor denn nicht begriffen, daß es erwürgt sei?« dachte
Nikolai.
Dann aber begriff er diesen Gedanken und schrie sich selbst zu:
-- Welcher Irrsinn! Mein Sohn ist vor einigen Wochen gestorben und längst
begraben. Dies ist wieder ein Fiebergesicht.
Er glaubte zu ersticken und versuchte angestrengt, zu erwachen. Aber das
Zimmer begann sich mit kleinen nackten Körpern gestorbener Kinder zu
füllen, mit diesen blutlosen, verkrümmten, abscheulichen. Das war eine
ungeheuere Morgue, in welcher er der Mörder aller war, schuld an jedem
Tode. Und sein Kopf drehte sich und alles begann, sich ringsum zu drehen,
und ein wildes Geheul erfüllte seine Ohren, als würden Teufel um ihn
kreisen.
Mit letzter Willenskraft entriß er sich diesem Alpdrücken und kehrte zur
Wirklichkeit zurück.
Rings war alles wie immer still. Wie früher saß er an seinem Schreibtisch.
Er fühlte große Hitze. Er hatte Fieber. Man müßte weggehen von hier, sich
ins Bett legen. Doch es fehlte an Kraft. Er fühlte, daß die Klarheit nur
einen Augenblick dauern würde, daß das Fieber sofort aufs neue beginnen
müsse.
Einige Zeit kämpfte Nikolai noch auf der Grenze des Realen, wehrte sich
gegen den Schritt in die Welt der Gespenster und des Entsetzens. Doch
irgend eine Kraft besiegte ihn und wie in eine Schlucht, so stürzte er
wieder in den Abgrund seiner Gesichter.
5.
Die Türe bewegte sich zum dritten Male.
»Jetzt werde ich Mara sehen«, dachte Nikolai.
Mara kam herein.
Ihre Lippen waren aufeinandergepreßt. Ihre Augen schauten konzentriert. Sie
sagte:
-- Ich kam, um dich zu holen.
Und schon fehlten ihm Kraft und Willensstärke, um zu kämpfen. Mit einem
Zeichen hieß sie ihn aufstehen und gehen. Wie ein Mondsüchtiger folgte er
ihr durch die dunklen Zimmer und dachte daran, wie der Fieberwahn das
Aussehen aller Gegenstände verändere.
Im Gastzimmer brannten die Kerzen hell in ihren Kandelabern.
-- Sieh hin, sagte Mara.
Auf dem Divan lagen zwei Körper. Es waren Lydia und Kett. Beide waren tot.
Auf dem Boden lag in dunkelroten Flecken das Blut, und färbte in
ungeheueren Kreisen den Stoff des Divans. Blutgeruch erfüllte das ganze
Zimmer.
Im Kopf Nikolais verwirrten sich die Bilder und Gedanken. Sein ganzer
Körper zitterte. Um nicht zu fallen, stützte er sich auf die Lehne eines
Sessels. Zuweilen glaubte er an die Realität all dessen, was er sah,
zuweilen erkannte er, daß es nur ein Fieberwahn sei. Bald wollte er
erwachen, bald seinen Wahnsinn fortsetzen.
Mara sagte ihm etwas, und es war gewaltig und voller Befehle. So wird man
vielleicht auf dem Letzten Gerichte sprechen. Langsam begann Nikolai zu
hören und den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
-- Darum tötete ich sie, sagte Mara, weil du sie liebtest. Diese Stunde war
ihre letzte Stunde und ich konnte sie schon nicht mehr vorübergehen lassen.
Sie würde sich nicht wiederholt haben. Ich willigte ein, das Schicksal zu
spielen. Das Schicksal muß wohl schön sein. Und nur jene Liebe ist wirklich
schön, die vom Tode gekrönt wird. Unser Zweikampf ist der ewige Zweikampf
des Mannes und der Frau. Du hättest wohl gewünscht, daß alle Frauen der
ganzen Welt dir gehören sollen; ich aber wäre bereit, die ganze Welt zu
verwüsten, um mit dir allein zu sein. Lange warst du der Sieger, doch der
letzte Kranz ist mein! Vielleicht wurde mein Sieg nur durch Untreue
erkämpft, aber die Liebe rechtfertigt alles und auch die Untreue! Unsere
Welt ist verwüstet, da wir nur noch einige Stunden zu leben haben und in
diesen Stunden werden wir allein sein!
Noch immer konnte Nikolai kein Wort sprechen. Manchmal glaubte er, den
Verstand zu verlieren. Mara dachte, daß er schwankend geworden wäre und
sprach ihm mit weißem und verzerrtem Gesichte von etwas anderem. Daß sie
alles vorhergesehen hätte. Daß es nutzlos wäre, jemand zu rufen. Daß man
ihn in jedem Falle der Mitschuld am Verbrechen bezichtigen würde, ihn
richten, verurteilen . . .
Die letzten Worte machten Nikolai fast lächeln. So lächerlich erschien ihm
der Gedanke, daß der nächste Tag in irgend einer Verbindung mit dieser
wahnsinnigen Nacht sein könnte.
Seltsam kam es Nikolai vor, daß er nicht bemerkt hatte, wann Mara die
Kleider auszog. Und in dem Zimmer des Todes stand sie vor ihm so sehr
nackt, wie sie es liebte, sich ihm hinzugeben. Durch den erstickenden
Blutgeruch drang der bekannte und so einzige Duft ihres Körpers bis zu ihm.
Und Mara rief ihn, zärtlich und liebkosend.
-- Liebster, komm her, komm. Ich will, daß du mich liebkosen sollst. Ich
will dich. Will, daß wir im selben Augenblicke dasselbe fühlen sollen. Und
dann wollen wir beide sterben und auch im selben Augenblick. Und der Tod
wird uns sein, wie eine Zärtlichkeit.
Doch erst, als Mara ihm schon ganz nah war und sich an ihn schmiegte und
ihm in die Augen schaute, konnte Nikolai erwidern:
-- Ich weiß, daß du ein Schatten bist, ein Traumgesicht, nur eine
Erscheinung Maras. Doch der Erscheinung kann und will ich alles sagen, was
ich ihr nicht gesagt. Ich glaube, daß aus all den Gefühlen, die mich
peinigten und betörten, nur jenes heilig war, das ich ihr entgegenbrachte,
deinem Urbilde! Weil unsere Liebe der Ruf des Körpers zum Körper war, und
ganz ein sinnliches Verlangen, das noch nicht von Freundschaft oder
Mütterlichkeit befleckt war. Unsere Liebe war das auf allen Welten gleiche
elementare Geheimnis, das den Menschen ähnlich macht den Dämonen und
Engeln.
Nikolai konnte selbst nicht begreifen, warum er von seiner Liebe als von
etwas Vergangenem sprach.
Dann ließen sich die zwei langsam auf einen Teppich sinken und preßten sich
in Umarmungen aneinander. Die Wirklichkeit begann zu schmelzen und zu
verschwinden und zur Unendlichkeit wurde jener kleine Raum, in dem sich die
beiden Körper befanden. Der Augenblick jenes Rausches trat ein, wo der
Mensch sich als einen Vogel fühlt, der über dem Abgrund hängt, und wo er
immer grade vor sich die anderen Augen sieht, die beschattet sind von der
Qual entrückter Sinnlichkeit, und wo er kreist und kreist und plötzlich
loslassend wie ein Pfeil hinunterschießt in die Gischt der Abgründe.
Als er erwachte, sah Nikolai die beiden toten Körper, die noch immer so
unbeweglich auf dem Divan ausgestreckt lagen. Lydias Gesicht war milde und
ihre klagenden geöffneten Lippen fragten: schon? -- aber das stolze und
ruhige Gesicht Ketts antwortete: mag sein! Als Nikolai sich den Körpern
nähern wollte, hielt Mara ihn zurück:
-- Nicht nötig, nicht nötig.
Es war Wein da. Sie tranken ihn. Sie sogen den Duft aus Blut, Wein und
Leidenschaft ein. Sie bemühten sich, nur einander in die Augen zu schauen.
Ihre Gesichter brannten, und in ihren Augensternen spiegelten sich die
brennenden Kerzen wie Funken.
Die Stunden vergingen. Und es waren Ekstasen der Leidenschaft und Ekstasen
der Ermattung. Und es war die Seligkeit der Bekenntnisse und die Seligkeit
des Schweigens. Ihre Körper waren von Umarmungen geschwächt und konnten
dennoch nicht den Liebkosungen entsagen. Ihre Seelen, die sich einstmals
dem Leben wie blühende Blumen geöffnet hatten, errieten hinter jedem
gesagten Worte die ganze Unendlichkeit seiner Bedeutung. Dann aber
verschmolz sie das schon nicht mehr zu befriedigende Verlangen wieder und
wieder in eines und sie taumelten auf dem harten Fußboden, der kaum vom
Teppich bedeckt war, inmitten der Flecken von Blut.
Draußen begann es, trotz des wütenden Sturmes allmählich heller zu werden.
Bleiche Lichtflächen legten sich auf die Wände, die Möbel, die Teppiche.
Langsam veränderte sich die Welt.
6.
Drei Tage lang beschäftigten sich die örtlichen Zeitungen mit den
ungeheuerlichen Vorkommnissen auf dem Gehöfte des Nikolai S. Die vier
Leichname konnten niemand von den Geheimnissen der furchtbaren Nacht
erzählen. Die Dienerschaft wurde anfangs arretiert, doch bald infolge
mangelnder Beweise wieder freigelassen. Das Geschehnis blieb ein
unaufgeklärter Fall. Die Nachricht von dem geheimnisvollen Morde oder
Selbstmorde der drei Schwestern und des Mannes einer derselben drang nur in
Form von kurzen Bemerkungen in die größeren Blätter und erschien dort in
kleiner Schrift auf der vierten Seite in der »Provinzialchronik«. Übrigens
konnten sich die Leser dieses intimen Familiendramas im Lärme der großen
politischen Ereignisse jenes Jahres dafür auch nicht interessieren.
Im unterirdischen Kerker
Nach einer italienischen Handschrift des 16. Jahrhunderts
1.
Sultan Mahomed II., der Eroberer, welcher zwei Kaiserreiche sich
unterworfen hatte, vierzehn Königreiche und zweihundert Städte, schwor, daß
er sein Roß mit Hafer vom Altar des heiligen Petrus in Rom füttern wollte.
Achmed Pascha, der Großvezier des Sultans, durchschiffte mit einem
ungeheuren Heere die Bucht, umlagerte Otranto zu Wasser und zu Lande und
nahm es im Sturmangriff vom 26. Juni im Jahre des Heils 1480. Die Sieger
kannten ihren Greueln keinen Einhalt: Messer Francesko Largo, den
Befehlshaber des Heeres, zerschnitten sie mit einer Säge, viele der noch
kampffähigen Einwohner wurden umgebracht, der Erzbischof, die Priester und
die Mönche wurden in ihren Kirchen auf alle mögliche Weise beleidigt, die
wohledlen Damen und Jungfrauen durch Vergewaltigung geschändet.
Des Francesko Largo Tochter, die schöne Julia, begehrte der Großvezier
selbst in seinen Harem. Doch die stolze Neapolitanerin willigte nicht ein,
Maitresse des Ungläubigen zu werden. Sie empfing den Türken bei seinem
Besuche mit solchen Schmähungen, daß ihn ein furchtbarer Zorn gegen sie
befiel. Natürlich hätte Achmed Pascha den Widerstand des schwachen Mädchens
mit roher Gewalt besiegen können, doch er beschloß, sich grausamer zu
rächen und ließ sie in den städtischen unterirdischen Kerker werfen. In
diesen Kerker warfen die neapolitanischen Herrscher nur unverbesserliche
Mörder und schwärzeste Bösewichte, deren Strafe schlimmer sein sollte als
der Tod.
Julia, die man an Händen und Füßen durch dicke Stricke gefesselt hatte,
wurde in einer verhüllten Sänfte zum Kerker getragen, da selbst die Türken
ihr eine gewisse Ehrerbietung die ihr nach Geburt und Stellung zukam, nicht
verweigern konnten. Auf enger und schmutziger Treppe wurde sie in die
Kerkertiefe hinabgezerrt und mit einer eisernen Kette an die Wand
geschmiedet. Julia hatte nur ihr prächtiges Gewand aus Lyoner Seide an,
alle ihre Schmucksachen hatte man ihr fortgenommen: goldene Ringe und
Armbänder, ihr Perlendiadem und die diamantenen Ohrringe. Jemand zog ihr
sogar die Safianstiefelchen, die aus dem Orient stammten, ab, so daß Julia
barfuß blieb.
Der Kerker war eine Erdhöhle unter dem Turme der Stadtmauer. Zwei mit
dicken Eisenstäben fest vergitterte und dicht an der Decke belegene winzige
Fenster reichten nur mit ihren oberen Teilen ans Tageslicht. Sie ließen nur
ein wenig Helligkeit durch, damit im Kerker kein ewiges Dunkel wäre, und
damit die an das Halbdunkel gewöhnten Augen die Mitgefangenen unterscheiden
könnten. In den Steinmauern waren starke Haken mit Ketten und Eisengürteln
angebracht. Diese Gürtel wurden fest um die Eingesperrten geschlungen und
dann verschlossen.
Sechs Gefangene waren im Kerker. Die Türken wollten keinen von ihnen
befreien, da sie die Gebräuche der Länder, die sie erobert, fortzuführen
liebten. Und Julia ward angekettet neben der alten Vanozza, die wegen
Zauberei und Verkehr mit dem Teufel verurteilt worden war, und neben dem
bleichen Jüngling Marco, der schon während der Belagerung hier eingesperrt
wurde, da er an einer Verschwörung gegen den Befehlshaber der Stadt
teilgenommen hatte.
2.
Julia lag in den ersten Stunden ihrer Gefangenschaft wie eine Tote. Sie war
von all dem mit ihr Geschehenen erschüttert und glaubte in der dumpfen und
übelriechenden Kerkerluft ersticken zu müssen. Von Minute zu Minute
erwartete sie ihr Hinscheiden.
Die andern Gefangenen, die noch nichts von der Einnahme der Stadt wußten,
besprachen unterdes, was sie gesehen. Anfangs stritten sie lange über den
Grund des Erscheinens der Türken in ihrem Loche. Dann sprach man von Julia,
kritisierte ihr Äußeres, ihr Gesicht, ihre Kleidung und warf die Frage auf,
wer sie sei und was sie wohl in diese Höhle gebracht hätte.
-- Ein schönes Mädchen, sagte Lorenzo, der alte Räuber, der an dem der
Julia entgegengesetzten Ende des Kerkers angekettet war, -- schade nur, daß
ich so weit von ihr bin. Du aber, Marco, säume nicht!
-- Das ist ein wichtiger Vogel, ist nicht für uns, sagte die alte Vanozza,
-- und was trägt sie für ein Kleid! Einen ganzen Dukaten ist die Elle wert.
-- Daß ich den Kopf ihr zerschlüge, wär sie mir nur näher, sagte Cosimo aus
seiner dunklen Ecke heraus, -- sie ist von jenen, die in Seide gehen,
während wir hungern.
Die leidende Maria, die schon längst fast zum Skelett geworden, und die der
frühere Kerkermeister jeden Tag fragte, ob sie nicht bald stürbe,
bemitleidete Julien:
-- O, schwer wird es ihr werden, so vom weichem Pfühle auf die nackte Erde
zu kommen, vom fürstlichen Mahle zu Wasser und Brot!
Aber der Prophet Filippo, der entsprungene Mönch, der im Kerker schon über
zwanzig Jahre saß, und ganz mit Haaren bewachsen war, drohte mit
schrecklicher Stimme:
-- Nah ist die Zeit, sie ist nah. Die Welt ist den Ungläubigen übergeben,
zur Züchtigung der Stolzen und Schlemmenden, damit später die Kleinen und
Armen sich freuen können. Freut euch.
Und nur Marco schwieg. Übrigens betrachteten ihn die Gefangenen noch nicht
völlig als den ihrigen, da er ein Neuhinzugekommener war.
3.
Langsam kam Julia zu sich. Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie
bewegte sich nicht. Sie hörte von sich sprechen, aber begriff kaum ein
Wort. Dann dunkelte es immer mehr und die Gefangenen schliefen einer nach
dem andern ein. Von allen Seiten scholl lautes Schnarchen. Da erst konnte
Julia weinen und sie schluchzte bis zum ersten Lichte.
Früh am Morgen stiegen die neuen Kerkermeister zu ihnen herab. Das waren
zwei Türken: der eigentliche Kerkermeister war älter, sein Gehilfe jünger.
Sie begannen, wie das auch ihre Vorgänger taten, den Kerker zu reinigen.
Der Gehilfe nahm mit einer Schaufel den Unrat, der sich tagsüber
ansammelte, weg, während der andere den Gefangenen Stücke verschimmelten
Brotes zuteilte und in ihre Lehmkrüge Wasser goß.
Anfangs wagten die Gefangenen nicht zu sprechen, aber dann erkühnten sie
sich, zu fragen, was denn eigentlich geschehen sei, und warum man sie nicht
freiließe, wenn doch die Stadt von anderen beherrscht würde. Doch die
Türken verstanden kein Italienisch.
Den altern Kerkermeister reizte Julias Schönheit und Jugend. Er legte
seinen Brotsack beiseite, sagte ihr einiges in schmeichelndem Tone und
wollte sie umfangen. Doch Julia, die ihre traurige Lage vergaß, wollte
keine solche Beleidigung ertragen und schlug ihn ins Gesicht.
Der Türke wurde wütend, ergriff eine Peitsche, die er zufällig bei sich
trug, und begann, sie grausam zu peitschen. Alsdann, akkompagniert vom
Lachen und fröhlichen Schreien des ganzen Gefängnisses, vergewaltigte er
sie.
So gewann die Jungfernschaft der schönen Julia Largo, die ihre Gunst selbst
dem Großvezir des Sultans versagt hatte, ein einfacher Türke, dem es nicht
einmal gegeben war, die Frauen aus dem Harem seines Paschas jemals sehen zu
können.
4.
So vergingen die Tage im Kerker.
Julia gewöhnte sich allmählich an ihre furchtbare Umgebung, an die
verpestete Luft, an das steinharte Brot und an das faulende Wasser. Sie
gewöhnte sich selbst an Dinge, an die sie früher ohne die äußerste Scham
nicht einmal denken konnte. Schweigend nahm sie des Kerkermeisters
Liebkosungen täglich hin, sowie auch zuweilen seine Schläge. Sie entschloß
sich, wie alle Gefangenen es taten, vor aller Augen das zu tun, was die
Leute gewöhnlich verbergen.
Die Gefangenen waren in solchen Abständen angekettet, daß der eine sich nur
mit Mühe bis zum andern strecken konnte. Die Länge der Kette erlaubte ihnen
zu sitzen, doch schon zu stehen war unmöglich. Doch ungeachtet dessen
erdachten die Gefangenen sich eine ganze Reihe von Zerstreuungen. Lorenzo
und Cosimo stellten sich Würfel her und würfelten ganze Tage -- um Brot und
Wasser; zuweilen mußte der Verlierende ganze fünf Tage hungern. Sehr oft
nahm auch die Vanozza an ihrem Spiele teil. Cosimo belustigte sich außerdem
damit, auf die anderen Gefangenen mit Steinen und Erde zu werfen. Dadurch
brachte er dann den Filippo so in Wut, daß der wie ein Stier zu brüllen
begann und an den Ketten riß, daß die Wände nur so zitterten. Sonst war
Filippo eifrig damit beschäftigt, eine Kreuzigung Christi in die Wand neben
sich zu meißeln. Zuweilen auch erhoben sich unter den Gefangenen lange
Gespräche, die immer in ein wüstes Geschimpfe übergingen. Zuweilen aber
gingen ganze Tage vorbei, an denen keiner sprechen wollte: alle lagen in
ihren Winkeln, voll Wut und Verzweiflung.
Inmitten der Gefangenen blieb Julia einsam. Sie antwortete auf keine Frage,
und es war, als hörte sie die Schmähungen nicht, mit denen sie überschüttet
wurde. Sie sagte keinem, wer sie sei, und dies blieb ein Geheimnis für alle
Insassen des Kerkers. Sie verbrachte die Tage in schweigsamem Nachsinnen,
ohne zu weinen, ohne zu klagen.
Nur mit ihrer Nachbarin, der alten Vanozza, tauschte sie zuweilen einige
Worte aus. Vanozza, die im Kerker schon viele Jahre saß, gab Julien mehrere
wichtige Ratschläge. Unterwies sie, von Zeit zu Zeit auf den Zehenspitzen
zu sitzen, damit die Füße nicht steif würden. Zeigte ihr, wie man es
anstellen müsse, damit der eiserne Gürtel nicht allzu sehr den Körper
presse. Riet ihr, jeden Morgen den im Kruge gebliebenen Wasserrest
auszusprengen, damit das Wasser nicht verfaule. Julia mußte die
Nützlichkeit dieser Ratschläge einsehen und antwortete aus Dankbarkeit auf
die Stimme der Vanozza.
Einmal stieß Julia unversehens an ihren Krug und vergoß ihr Wasser. Die
Gefangenen hüteten ihr Wasser sehr, denn es war Sommer und im Kerker sehr
heiß. Furchtbar quälte Julia der Durst, aber sie zeigte es nicht.
Der neben ihr angekettete Marco rückte ihr seinen Krug heran.
-- Du willst trinken, sagte er, -- und ich bitte dich, nimm mein Wasser.
Julia sah den Marco an. Seine schwarzen Augen kamen ihr schön vor und
ebenso seine bleichen Wangen.
Sie sagte:
-- Ich danke dir.
An diesem Tage war das schlechte Wasser ganz besonders erfrischend.
5.
Seit diesem Tage begann Julia mit dem Marco zu sprechen. Anfangs waren ihre
Gespräche sehr abgerissen. Aber allmählich begannen sie mehr und mehr
miteinander zu reden. Und zuletzt verbrachten sie ganze Tage in
Unterhaltungen.