seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei
Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und
Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in
absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen,
daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie
sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der
elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt
abliegt, wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem
Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute
gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich
allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht
über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für
Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch
künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend
antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit
glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich,
es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der
Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen
Renovierung beginnen.
Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert.
Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt.
Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt
an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen
gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische
Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen
nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften
Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft
vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man
Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli
erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte,
enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im
Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden,
das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor
(der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für
unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace
Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse
in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den
furchtbaren Funden, die man auf den Straßen und im Innern der Häuser
gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen
Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt
geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des
Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen,
die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich --
benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im
Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen
Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten
Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller
Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos
erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen
versteckt.
Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige
Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei
Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000
Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern
beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um
die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten
oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige
Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt
hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die
schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines
Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert
ist.
Das »Nord-Europäische Abendblatt« hat seinerseits einen neuen
Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in
genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen,
die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht
werden sollten.
Die Schwestern
Ein unaufgeklärter Fall
1.
Ferne erstarb der Glockenton, zerschmolz fast klagend, so daß es bald
schwer wurde, zu unterscheiden, ob man ihn noch höre, oder ob er nur in der
Erinnerung klänge.
Langsam und schweigend kehrten die Schwestern in den Saal zurück. Keine sah
die andere an. Wußten nicht, was zu sprechen.
Noch standen auf dem Tische die Reste des vor kurzem beendeten traurigen
Abendbrotes, eine kaum angebrochene Weinflasche, ein kalt gewordener
Teekessel.
Lydia wagte es, zu sprechen:
-- Kett, willst du nicht Tee? Ich glaube, du trankst noch nicht.
Mara zuckte nervös mit den Achseln. Kett schüttelte den Kopf.
Alle drei setzten sich, schwiegen, dachten an dasselbe. Dachten an ein
Schneefeld und an ein Dreigespann, das schnell über die Wege frischen
Schnees dahinbraust; dachten an ein Stationsgebäude, das ganz in Lichtern
steht; hörten schon das gleichmäßige Räderrollen, das sich immer, kaum daß
die Wange sich an das harte Polster des Waggons gelehnt hat, so sehr mit
den ersten Bildnissen des Traumes vermischt . . . . Dann dachten sie an das
ferne Paris, an breite und helle Plätze, an bunte, schwirrende Boulevards.
Dachten daran, daß Nikolai nun nie wieder zurückkäme.
Und in jeder Seele erhob sich das Gefühl kraftloser zu später Reue, schwoll
an wie Wasser, strömte über: das quälendste aller Gefühle. Und in den drei
verschiedenen Sprachen dreier verschiedener Seelen sprachen sie, sagten
sich selbst, sagten sich die gleichen Worte: wie es möglich war, diesen
letzten Augenblick vorübergehen zu lassen. Wie es möglich war, nicht den
letzten, und sei es verzweifelten Versuch zu wagen? Wie, wenn man eilen
würde, ihn ereilen, etwas sagen, etwas ausführen? . . . Oder ist es schon
zu spät? Zu spät? Zu spät?
Die Schwestern schwiegen, doch es war ihnen, als tauschten sie
nichtssagende Worte aus. Und vielleicht tauschten sie auch nichtssagende
Worte aus und es war ihnen nur, als wenn sie schwiegen.
Draußen begann der Schnee zu wirbeln. Und im Netz der wehenden
Schneeflocken war noch verwischter die Biegung des Weges und der Abhang mit
dem schwärzlichen Zaune jungen Fichtenwaldes und weiterhin rechts die Ferne
leblosen Feldes.
Irgend eine Zeit verging. Und es wäre ein Tropfen genug gewesen, zu fallen
in dies Gefäß der Hoffnungslosigkeit, ein Wort, ein Anstoß, damit diese
drei Frauen aufspringen würden mit dem Schrei des Entsetzens, hinstürzen
wie ohne Gefühle oder sich aufeinander wie drei Wölfinnen werfen, um sich
zu zerfleischen und mit den Krallen zu zerreißen.
Doch in gleicher Erstarrung folgten die Minuten den Minuten. Nur der
Schneewirbel wurde dichter. Nur die Töne verstummten in dem Häuschen, das
die Dienerschaft bewohnte.
Und jemand sagte, daß schon Mitternacht wäre.
Die Schwestern standen auf, verabschiedeten sich von einander, gingen in
ihre Zimmer. Und hörbar wurde in den Zimmern das Rauschen der Kleider. Dann
verstummte auch dies.
Und mit jeder waren die Nacht und ihre Gedanken.
Draußen hob der Sturm an.
* * *
Ferne erstand der Glockenton, war anfangs kaum hörbar, so daß es schwer
wurde, zu unterscheiden, ob man ihn höre oder ob er nur in der Erinnerung
klänge, ergoß sich langsam in die nächtliche Stille, verstärkte sich,
gewann eigenen Körper. Und schon klingen die Glockentöne nah und deutlich.
Das Dreigespann eilt flink auf dem Wege heran, biegt ab und schon wird auf
dem frischen Schnee das dumpfe Knirschen der Schlittenkufen hörbar, und,
der Freitreppe sich nähernd, hält der Kutscher die Pferde an.
Die Schwestern an der Tür sehen einander ins Gesicht. Alle drei sind
bleich. Sie haben alles erraten, aber wagen nichts zu sagen. Erwarten.
Da ist der bekannte Schritt. Schon geht er durch die Vorhalle. Die Tür geht
auf. Herein strömt der Winternacht harte Kälte. In seinem von Schnee
silbern gewordenen Pelz steht Nikolai in der Türe.
Niemand fragt ihn. Er beeilt sich die vorbereitete auswendig gelernte
Antwort zu sagen:
-- Ich kam zu spät zum Zuge. Ich wollte nicht bis zum Morgen auf der
Station sitzen. Ich habe mich entschlossen, morgen zu fahren. Der Abendzug
ist bequemer. Und vielleicht überlege ich's mir und fahre überhaupt nicht.
Und plötzlich stürzte Lydia weinend auf ihn zu und wollte etwas
tränenerstickt sagen, ganz vergessend, daß die Schwestern sie hören. Doch
leise wehrte er ab.
-- Morgen will ich alles erklären; morgen. Ich bin heute sehr müde. Möge
man mir ins Kabinett Wein bringen. Ich habe mich ein wenig im Froste
erkältet. Und bitte regt mich nicht auf. Ich muß einige wichtige Briefe
schreiben.
Kett und Mara waren in der Tiefe des Zimmers. Er blickte sie nicht an, doch
er sah sie. Er fühlte die Notwendigkeit, auch ihnen etwas zu sagen, doch er
hatte keine Worte.
Eine Minute lang erhob er den Kopf, doch den unbeweglichen Augen Maras
begegnend, senkte er ihn wieder, und ging schweigend hinaus, glitt vorbei,
verschwand in der Türe seines Kabinetts.
Lydia lief fort. Man hörte ihre geschäftige Stimme.
Kett schritt langsam im Saal auf und ab und wickelte sich in ihr
dunkelhimbeerfarbenes Tuch.
Mara fühlte eine Schwüle. Sie öffnete die Türe und schritt die Freitreppe
hinab. Fast erstickend zerriß sie den Kragen ihres Kleides. Der Sturm
schlug ihr ins Gesicht. Die feuchten Schneeflocken zerschlugen sich an
ihrer Brust und das kühle Wasser rieselte an ihrem Körper herab. Sie
erbebte, aber sie zog die kalte Luft tief ein.
Der Schnee ließ den Himmel bleich erscheinen. Der Wind bewegte die
kraftlosen, weißen Massen. Am Tore und über dem Zaune heulte der Sturm.
Im fernen Pferdestall sah man die schwankende Laterne des Kutschers, der
die Pferde bestellte.
2.
Nikolai saß an seinem Schreibtisch.
Alles ringsum war ihm so bekannt: die farbigen Tapeten, die Bücherreihen
auf ihren Brettern, die Mappen mit den angefangenen und lang schon
vergessenen Arbeiten. Es brannte die bekannte Lampe unter dem
grünmetallenen Lampenschirm.
Nikolai lehnte sich tiefer in den Sessel und legte die Füße auf das
Bärenfell. Er wollte denken, viel denken, immer und immer noch denken. Sich
dem Gedankengange so hingeben, wie auf dem langen Wege der Schneefelder. Es
lag eine physische Wollust darin, daß die Gedanken wieder so auf den
vorgemerkten Wegen eilen konnten.
Natürlich dachte er daran, was schon zwei Jahre sein ganzes Leben ausmachte
und seine ganze Seele erfüllte: an diese drei Frauen, an die er durch
furchtbare Banden der Seligkeit und Qual gefesselt war. Und so nach einem
sinnlosen Fluchtversuch, um sich wieder einer dunklen Freiheit
anheimzugeben, um sein Leben an einem Punkte in zwei Teile zu teilen, ist
er wieder hier, bei ihnen, und wieder haben die Tage der entrückten Stunden
zu beginnen, die Tage des Jubels und der Verzweiflung. Er begriff, o er
begriff heute, daß er außerhalb dieser Atmosphäre gemeinsamer Beleidigungen
und Anbetungen, die sie einander entgegenbrachten, nicht leben könnte, daß
er ohne sie sterben müßte, wie eine tropische Pflanze ohne Treibhaus. Er
wußte, daß er auf ewig hierher zurückgekommen war.
Sein Kopf drehte sich und schmerzte, vielleicht vor Müdigkeit, vielleicht
von Erkältung. Die Bilder und Gestalten der Gedanken waren so deutlich, wie
sonst nur im Traum oder im Fieber. Und wie im Anfangsstadium des Traumes
fühlte er sich fähig, den Wechsel der Erscheinung zu beherrschen, Gestalten
herbeizurufen, wie es ein Zauberer durch die Kraft seiner Beschwörungen
vermag.
Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den
ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, -- ein schüchternes Mädchen, ein
schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er
sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich,
die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen
Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast
kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte
jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du
bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur
unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.
Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo
sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt
auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so
daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie
auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen,
die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war
ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem
unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein
grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu
zerschmelzen.
Doch sei dies nicht Lydia, -- o würde in seinen Händen der entblößte,
völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte,
welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf
einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das
Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr
war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als
die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem
ganzen Leben in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich
aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und
das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in
seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.
Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der
sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie
verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu
einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen
an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im
andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die
beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern
kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine
Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung.
Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . .
Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank,
jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in
dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu
sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben
wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß
mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten
Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines
Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr
zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und
da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre
Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse,
welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in
Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie
fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde
in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie
eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene
Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit
entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein
Schatten . . .
Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie
Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über
ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von
Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er
hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will
das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen
Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste,
bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des
teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon
ist er kraftlos, ihm zu folgen.
Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen
Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich,
daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine
Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben?
Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern.
Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts
ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten.
3.
Vor Nikolai stand Kett.
Lange schaute er sich in sie hinein und wußte nicht, ob dies wirklich Kett
wäre oder nur eines seiner Traumgesichter. Endlich begann er zu glauben und
reichte ihr seine Hände.
-- Du? Du kamst? Ich erwartete dich. Nur dich.
Sie schüttelte verneinend den Kopf.
Er sank vor ihr auf die Knie. Er liebte es, vor ihr auf den Knien zu liegen
und ihre langen schmalen Finger zu küssen. Er flehte:
-- Küsse mich. O beug dich über mich.
Kett sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Dann sprach sie:
-- Ich kam, um mich von dir zu verabschieden. Ich darf nicht mehr mit dir
sein. Ich ersehnte eine grenzenlose unendliche Liebe. In dir ist keine
solche Liebe. Meine Liebe ist allzu groß für dich; und deine ist für mich
-- zu klein. Ach die Liebe ist tyrannisch! Sie verlangt, daß man sich ihr
völlig hingebe. Nichts halbes nimmt sie entgegen. Du aber gabst unserer
Liebe nur ein Drittel deiner Seele, ganz genau ein Drittel und förmlich wie
auf der Wage abgewogen!
Er suchte sie zu besänftigen, indem er sein Gesicht an ihre Finger preßte.
-- Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich
bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in
deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst.
Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm.
-- Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre
beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein
wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der
Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas
ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas
bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du
fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!
Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum
Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung
erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest,
obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.
-- Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben
verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare
kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich
begehre auch nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst
zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann
die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure
Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß
ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.
Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:
-- Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich
träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den
sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, -- über
Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine
Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen:
sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe
mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner
anderen Schwester zu trennen! Und ferner, -- dich hinderten die
verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen
Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener
Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den
ich will. Leb wohl!
Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er
nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine
Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart
und kalt zu sprechen:
-- Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den
wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine
Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner
Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen
Ehegatten.
Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß
er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut
und Spott:
-- Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht: ich
experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren,
alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich
habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das
Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen.
Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete.
Triumphiere, -- du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger
anstelltest, als du tatsächlich warst.
Sie begann zu lachen.
So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon
viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor
Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um
dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die
wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte.
Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der
Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und
berührte ihre Hände.
-- Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es
ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch
dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder
dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!
Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher
Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:
-- O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr,
daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her,
dir meine Liebe beweisen.
Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an
ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie
den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige
Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.
Und sofort verließ Nikolai jene Erstarrung, die sich immer im Traum
einstellt, wenn man fliehen muß. Er warf sich auf Kett, um sie aufzuheben,
seine Lippen auf ihre Wunden zu drücken, ihr zu sagen, daß er nur sie liebe
-- und erwachte.
Er war allein in seinem Kabinett, und saß auf seinem Sessel. Unter dem
grünmetallenen Schirm brannte die Lampe hell und gleichmäßig. Ringsum war
es still.
War es denn Kett, die zu ihm hereinkam? Oder war alles nur ein Fiebertraum?
Er trank noch mehr Wein. In den Schläfen hämmerte es.
4.
Lange saß Nikolai so, seinen Kopf in seine Hände gepreßt. Um seine Erregung
zu bekämpfen, bemühte er sich, etwas Nebensächliches, Unwichtiges zu
denken. »Dann, dann,« sprach er zu sich, »dann will ich alle Fragen
entscheiden, aber jetzt muß ich mich beruhigen, sonst werde ich verrückt.«
Doch es waren immer dieselben Gedanken, immer dieselben Bilder, die zu ihm
kamen, wie Wellen in der Stunde der Flut zu dem ausgehöhlten Stein kommen.
Es ist sehr schwer, so allein zu sein mit den Gedanken, wenn sie plötzlich
ein unabhängiges Leben gewinnen, unerbittlich einen bestürmen und die
geschwächte Erkenntnis mit langen Speeren besiegen! Könnte man weggehen aus
diesem einsamen Zimmer, das allen Traumgesichtern offen steht, -- zum
Licht, zum Menschenwort, zu den Menschen! Ist denn wirklich der schweigende
Ruf der Seele zu schwach, um jemand hereinzurufen, der mitleidig wäre und
trösten könnte? Er hat keine Kraft mehr, er bittet um Erbarmen.