Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Divil

Produced by Jens Sadowski

Valerius Brjussoff

Die Republik des

Südkreuzes

Novellen

München 1908

Verlegt bei Hans von Weber

Die autorisierte Übertragung dieses Buches aus

dem Russischen ist von Hans von Guenther besorgt.

Den künstlerischen Schmuck zeichnete

Otto zu Gutenegg. Gedruckt wurde es bei Oscar

Brandstetter zu Leipzig. 50 Exemplare wurden

auf Van Geldern abgezogen, in goldgepreßtes

Leder gebunden und handschriftlich numeriert.

Die Republik des Südkreuzes

Die Schwestern

Im unterirdischen Kerker

Die letzten Märtyrer

Jetzt aber, wo ich erwacht bin . . .

Im Spiegel

Das Köpfchen aus Marmor

Die Republik des Südkreuzes

Artikel der Spezialnummer des »Nordeuropäischen Abendblattes«

In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener

entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte.

Sie sind einander überraschend unähnlich und geben nicht wenig offenbar

phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die

Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu

leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die

sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, _alle von einer

psychischen Störung betroffen wurden_. Darum also halten wir es für

nützlich und zeitgemäß, die Summe aller _glaubwürdigen_ Nachrichten, die

uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt wurden, zu ziehen.

Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus

300 in den südpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular,

das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat

Ansprüche auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen

Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren Kreises lagen, wie auch

auf jene Teile dieser Länder, die über dieses Gebiet hinausragten. Er

erklärte sich bereit, diese Länder von den Regierungen käuflich zu

erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der neuen

Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fünfzehn Großmächte

der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die außerhalb

des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten,

erforderten besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener Formalitäten

wurde die Republik des Südkreuzes in die Familie der Weltherrschaften

aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen

akkreditiert.

Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am

Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berührt und wo

alle Meridiane zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die

Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels emporgerichtet. Die

Straßen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der

Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in

der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere aller

Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten keine Fenster, denn das

Innere der Gebäude war durch Elektrizität beleuchtet. Elektrizität

beleuchtete auch die Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der

Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, in das mächtige

Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen Erneuern der Luft. Jene

Länder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs

Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die

Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen und klaren Lichte

beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den

Straßen künstlich auf der gleichen Höhe gehalten wurde.

Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die

Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze übrige Bevölkerung der Republik, die

auf 50000000 geschätzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und

Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen

Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an die Sternenstadt. Dank einer

geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller

offenen Häfen das ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene

Hängebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf

ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm

Waren aus einer Stadt in die andere befördert. Was das Innere des Landes

anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die

durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten vorbei, die im

Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten von spärlichem Grase

bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das

Leben fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher

war das angeregte Leben in den Hafenstädten und Fabrikzentren. Um einen

Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten

Jahren etwa _sieben Zehntel_ allen Metalles, das auf der Erde zutage

gefördert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung

gelangten.

Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von

Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger

galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der

Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der

Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen

Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung

standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische

noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken,

Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl

der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der

Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller

Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller

ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten

Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit

keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20

Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste

gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche

lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu

verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner

Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik,

die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings

das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.

Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der

Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der

Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre

Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates dieser

Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie

empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften

Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in

den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach

Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr

vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung

zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze

Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die

internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze

Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst

von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war,

wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke

der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im

Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.

Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des

ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender

Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten

normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und

demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller

Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer

Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur

gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war

unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten

Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet,

aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur

untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet

war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der

Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich

weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten. Alle Fabriken

waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem

Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in

leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der

wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in

der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt

auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen

politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die

Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von

den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre.

Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die

ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die

Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist

es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten

Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein

gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente

hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier

erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt

überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und

Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des

Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von

der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu

bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der

Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des

Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der

Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen.

Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch

Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden

Rates.

In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes

und ihrer Hauptstadt. Aufgabe eines künftigen Historikers dürfte es sein,

zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung

jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt

führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.

* * *

Die ersten Fälle einer Erkrankung am »Widerspruche« wurden schon vor etwa

20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen

zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und

Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung

und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden

internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man

vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der

Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen

Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich

selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz

anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist

mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten

Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der

Erkrankte sagt anstatt »Ja« -- »Nein«; an Stellen von freundschaftlichen

Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils

beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in

Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts;

gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er

sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der

Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische

Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der

individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen

sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch

die Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird

gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in

äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben

durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen

aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen

Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende;

Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten.

In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren

Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit

war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der

überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein

Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den

folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl

der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2

Prozent der _ganzen Bevölkerung_, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als

am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen

Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald

zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der

Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich,

ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung

der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller

Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr

sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch,

daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine

Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann,

und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit

von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August

_alle_, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer

psychischen Störung ergriffen waren.

Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen

verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen:

Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten

Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie

voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine

nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein

Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu

regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein

Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder

herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur

von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher

Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch

fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine

lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu

witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die

Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am

»Widerspruch« erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel

verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die

Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im

Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern

die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die

ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in

dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und

überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500

Menschen wurden getötet oder verwundet.

Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft

stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In

einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde

beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern,

sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu eröffnen, sowie

Häuser zur Isolierung der am »Widerspruch« Erkrankten zu gründen, eine

Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und

Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken

und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von

Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche

in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch

beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen

Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die

Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden

gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und

Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere »Gesellschaft zum Kampf mit

der Epidemie« begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich

aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese

und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde

die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in

gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen

und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die

ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen

unerhörten Nöten ergriffen.

Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus

der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der

gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen

Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann

die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne »die

allerlustigste Stadt der Südhemisphäre« besuchten, Artisten aller

Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter

Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch

die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine

überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers,

die Besitzer von Theatern und Restaurants, die Herausgeber von Zeitungen

und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung

heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht

ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der

Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese

Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden

dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern

in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu

fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen

konnten.

Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen

Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld

gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges

brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht

ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie

aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu

fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik

arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den

Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt;

die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen,

obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr

des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas

und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der

Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren

die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen

Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische

Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat

berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der

regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt

auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten

Einwohnerschaft.

In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile,

durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm

erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im

Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die

diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab

ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen

Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv

aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace

Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der

Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 1/2 Monaten kämpfte er

unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es,

sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der

Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen

Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend

dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu

erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen

nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen

Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die

Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen

der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die

Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese

kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich

und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen

Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen

Port.

Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk

der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab

Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung am

ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und

gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß

ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung

mit der »Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie« und verteilte unter

deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte,

Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend

einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte

man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig

ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand

erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter

dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in

feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten

zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in

die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu

bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die

Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder

Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte,

der vom »Widerspruch« befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder

der »Gesellschaft« zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken,

beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus;

die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr

vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach

dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.

In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher

Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr

Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper

von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene

und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem

Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung

im großen dramatischen Theater mehrere Male in den Zuschauerraum. Der

Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser

Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit,

die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden

Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der

»Widerspruchsvollen« noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet.

Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im »Feuerwerktheater«. Die

dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz

zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier,

welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht

weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile

alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.

Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die

bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit

fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die

Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben,

simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den

offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die

verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in

die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und

nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den

Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich

Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze

Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in

offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern

oder den Miliztruppen plötzlich am »Widerspruch« Erkrankte auftauchten und

ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der

Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren

Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber

genötigt, die Straßenräuber und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen.

So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue

die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.

Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft

fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die

Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der

Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte

städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch.

In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den

Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu

finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch

ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu

tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer,

sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren

Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der

Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation,

wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient.

Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er,

alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe

kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen

einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.

Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig

Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand

auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache

ein am »Widerspruch« erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der

Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das

Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die

Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie

wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er

brachte die Leichen und die verstümmelten halblebendigen Körper zurück.

Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß

eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren

bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt

verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem

Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im

Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei

Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die

Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das

Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil

sie sich _fürchteten_, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei.

Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die

alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen

fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in

Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft,

zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen

Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich

geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war

von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch

verband sie nur noch der Telegraphendraht.

Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da

es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon

eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen

geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in

die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen

müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der

Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen

könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren

Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem

tat es leid, das seine zu verlassen, keinem kam es eigentümlich vor,

fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber,

die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr

Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den

leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten,

in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.

Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch

seine gewöhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die

Magazine eröffneten und aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung

entgangenen Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen,

Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Käufer ihr unnütz

gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann törichterweise

versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken,

Lastern, wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare

Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden

und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen,

geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber

bemüht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen

Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die

schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt

werden, müssen einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In

diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und

von halbverrückten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und

furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte.

Es fanden sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten;

Schriftsteller, welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar

Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten,

aber die Telegramme, die aus anderen Ländern kamen, von wirklichem gesunden

Leben sprachen, die mußten die Seelen der Leser, welche dem Untergang

geweiht waren, mit Verzweiflung erfüllen. Man machte hoffnungslose

Rettungsversuche. Anfang Juli beschloß eine riesige Menge von Männern,

Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, zu Fuß

den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die

Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurückhalten und mußte sie

sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp,

es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewüsten

des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate währender Nacht. Ein

gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er

schlug vor, _alle_ Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann die

Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig Anhänger, obgleich übrigens in

jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste

Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte.

Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle

Häuser und töteten alle Kranken. In den Krankenhäusern vollführten sie

Massenschlächtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im

Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern

gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt verwandelte sich in

eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus

seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf

mit den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. Hunderte

von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schluß wurde Whiting

selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania

contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern ins

Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.

Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. Die Beamten, welche

die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen

in einem plötzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische

Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen tauchten

in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung und keine Beheizung

außer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in

absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er

hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf

allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten

Fackeln zu Tausenden, doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich

die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km

lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe von 30 Etagen hinzogen.

Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle

Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte man

nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren

Orgien der verzweifelten Menschen.

Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen

Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer

dünnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden

Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde lebten.

Jeder Begriff von Recht verschwand, -- nur die Kraft wurde anerkannt. Für

die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die

allerbescheidensten Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf,

gingen willig von einer Hand in die andere über und redeten die

unanständige Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen auf die Straße,

boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten ihren Erkorenen in die nächste

Türe und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die

Trinker veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf

achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles

wurde durch die Anfälle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr

kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal

überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt,

andere von Anhängern des Sadismus, die es plötzlich in großen Mengen gab,

gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor

Scham und Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich

oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß sich Unholde gefunden

hätten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten

Menschenfresserinstinkte zu befriedigen.

Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte Horace Divile natürlich

nicht der ganzen Bevölkerung helfen. Im Gebäude des Rathauses eröffnete er

für alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins

Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen waren Proviant

und Wasser für dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um

Divile sammelten sich nur etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in

der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, doch

kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Häusern. Viele

wagten nicht, auf die Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen

Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers

starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins Rathaus Geflüchteten sehr

wenig Fälle der Erkrankung am »Widerspruch« vorkamen. Divile verstand es,

die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum

letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses Journal ist

zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir

unsere Kenntnisse von der Katastrophe schöpfen können. Dieses Journal wurde

in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen

Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile

berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus

begonnen habe und daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven

abzuschlagen. »Worauf ich hoffe,« schreibt Divile, »weiß ich nicht. Vor dem

Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frühjahr kann ich mich

mit den Vorräten, die in meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich

werde bis zuletzt meine Pflicht erfüllen.« Dies sind die letzten Worte

Diviles. Welch edle Worte!

Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff

einnahm, und daß seine Verteidiger entweder getötet oder vertrieben wurden.

Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine

einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in der Stadt nach dem

21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der

Stadt findet, ist anzunehmen, daß die Anarchie ihre äußerste Grenze

erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen,

beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von Möbeln

und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf

Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drängten sich in wilder Fröhlichkeit

die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte die

Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer

Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle erwachten in den Instinkten

dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten

tanzten in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen

der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die

Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den

Liedern, dem sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten sich

die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit verloren

hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, und das Stöhnen der

Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname

wälzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um ein

Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß in einem jener

Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben.

Entfliehen konnte man nicht; überall waren dieselben Greuelszenen,

dieselben Orgien, Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut -- oder

die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der

erregten Einbildung noch unerträglicher.

In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer großer Kasten, in dem

noch einige tausende lebender menschenähnlicher Wesen im Gestanke von

hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon

keinen mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt der

Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und abscheulichste

Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrückten rotteten einander

aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor

Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen

Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.

* * *

Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig

dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute.

Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen,

entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art -- alles

weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der

elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt

unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege

gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf

Erkrankungsfälle am »Widerspruch« gelenkt, die in anderen Städten der

Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls

epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die

den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer

Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf

allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des

Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen

Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu

bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der

Hauptstadt.

Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das

Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis

zu so unerhörter Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war

die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller

Länder (darunter auch unser »Nord-Europäisches Abendblatt«) entsandten in

die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den

Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein

Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten

bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen

verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen

Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern

formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber

die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil

dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des

Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt

nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an

alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet.

Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der

Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene

Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische

Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die

Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum

des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 1/2 Monate

lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.

Die Republik des Südkreuzes: Novellen · 第 1 / 7 段