Man muß die Mannigfaltigkeiten in der Zusammensetzung der kleinen

Teile, in der Zeichnung und Farbe, in Licht und Schatten selbst vor

Augen haben, um das Reizende dieser Gemälde recht zu empfinden. Eben

die verschiedenen Charaktere der Gegenstände, die mancherlei Formen in

der Zeichnung, die Nüancen der Farben, die kecken Pinselstriche, welche

den Ausdruck der Oberfläche andeuten, die dockierten Lichter, die

Tusche in den Tiefen der Schatten machen sie so lebhaft und interessant.

Man bemerke in beiden Stücken den Vorgrund, wie ihm der Künstler am

Rande einen Abhang gegeben hat, wodurch er eine Form erhält und nicht

mit einer platten Fläche sich endigt, welches der ganzen Landschaft

eine Rundung gibt, die Winkel ausfüllt, die Farben verändert und die

Lichtmassen mit Schatten unterbricht und begrenzt, in deren Dunkel hie

und da mit Lichtern aufgeblickte Kräuter und Blumen vorstehen.«

Näher kommen dem wirklichen Leben die vier Gesellschaftsstücke über

den Türen: Aufforderung zum Tanz, Maskenscherz, Tanz und Gesang. An

der Steinbank des zweiten Bildes hat der Maler signiert: Dietericy

1755. Alles voll Esprit und Koketterie. Kämmerer faßt sein Urteil

zusammen: »Die Gesellschaftsstücke sind so brillant gemalt, daß man

ganz von ihnen hingerissen wird. Es ist zu bewundern, wie Dietrich es

in seiner Gewalt hatte, jede Manier nachzuahmen. Diese Stücke sind in

dem Geschmack des Watteau verfertigt. Die Fehler der französischen

Zeichnung entdeckt man leicht an den Figuren, an ihren Stellungen und

Proportionen. Indessen kann man sie wegen der Schönheit der Farben,

wegen ihrer Reinheit und mannigfaltigen Abwechslung dennoch nicht genug

betrachten. In dem einen Gemälde, welches die Musik vorstellt, sind an

den zwei weiblichen Hauptpersonen die Gewänder von Atlas so natürlich

und schön, als es je der fleißige Pinsel eines van der Werff und

Netscher zu machen imstande war.«

Über das tändelnde Leben des Tages will das Deckengemälde von

Deisinger, Versammlung der Tugenden, erheben. In der Mitte thront die

Weisheit mit dem Kelch des Glaubens, aus dem das Licht der Wahrheit

aufsteigt. Links ruhen drei Frauengestalten: die Kunst mit einem

Säulenkapitäl, der Handel mit dem Anker und das Streben nach Erfolg

mit einem Lorbeerzweig. Dahinter zeigt eine Mutter mit zwei Kindern

das häusliche Glück, ein drittes Kind mit Lichtkranz um die Schläfen

senkt sich wie segnend herab. Rechts bewegen sich erhabene und eitle

Liebe gegeneinander, die eine mit einem flammenden Herzen in der

Hand, die andere mit einem Spiegel. Darunter versucht das Streben nach

Ruhm, durch ein Zepter kenntlich gemacht, seine Überredungsgabe; doch

das bescheidene Leben findet Genügen im Verkehr mit der Natur. Oben

triumphiert die Gerechtigkeit mit Wage und Schwert, rechts von ihr

glüht noch Hader, den sie löschen soll, links wohnt der Frieden, den

sie gespendet hat. Unten trennt eine Nachtgestalt mit Fledermausflügeln

zwei Menschen: eine bleiche Gestalt muß mit ihr entfliehen, eine

blühend frische eilt in das Leben zurück. Die Liebe stürzt entwaffnet

und mit verbundenen Augen dazwischen nieder.

Plastik und Malerei des achtzehnten Jahrhunderts sollten öfters mit dem

gleichzeitigen Schrifttum verglichen werden, die Gedankenwelt unserer

Klassiker würde dadurch reizvolle Ergänzung erfahren.

Vier Medaillons in Sepiaton erzählen naiv von Weltverkehr in der Ferne.

Die Türen mit tüchtigen Schnitzereien Meister Kändlers, die

Lichterkronen, die Eckleuchter mit Spiegelplatten, die Wandleuchter

sind heimatliches Kunstgewerbe in französischem Geschmack.

Die Umrahmungen der großen Wandbilder bewegen sich teils üppig,

teils zierlich, die über den Türen lösen sich in zarte Knospenformen

auf, während die um das Deckenbild auf weniger anspruchsvolle

Renaissancemotive zurückgreifen.

Nun öffnet sich die Flügeltür zum Großen Festsaal. Es wird kaum ein

Fürstenschloß geben, wo die Kunst des achtzehnten Jahrhunderts

in gleicher Weise frisch erhalten geblieben ist. Die Bodenfläche

mißt 17 mal 15, die Höhe fast 12 Meter. Lisenen und Ansätze zu den

Balkonstützen unterbrechen die Ostwand, die Westseite ist leicht

geschweift. Die Schmalseiten weisen starke Barockbewegung auf mit

Nischen und vorspringenden Gliedern. Zwischen Ober- und Untergeschoß

läuft ein Gesims in den Balkon für die Musik über. An der Nord- und

Südseite erhebt es sich giebelartig, hier trägt es die Wappen Johann

Friedrichs und seiner Gemahlin Bernhardine, das eine flankiert von

den Statuen der Wissenschaft und der Gerechtigkeit, das andere von

denen der Baukunst und der Gastfreundschaft. Zarte Marmorfarben der

Stuckwände sind fein gegeneinander abgestimmt. Der Rokokoschmuck

steigert sich von der Goldmalerei in den Türnischen, durch Flachrelief

bis zur Vollplastik in den Karyatiden unter der Musikbühne.

In die großen Felder an der Ostwand sind zwei Schäferszenen von

Dietrich eingelassen. Das nördliche Bild trägt die Signatur: ~Dietericy

pinx.~ 1748. Auf einem Hügel am Fuß einer Tempelruine bläst ein Hirt

die Flöte, ein zweiter schlägt die Triangel. Lebhaft bewegt sich eine

anmutige Tänzerin mit einem Knaben zur Seite, eine andere ruht aus,

eine dritte lauscht, um bald zu folgen. Ein Liebespaar voll Ahnung,

nymphenartige Mädchen, ein Hirt als gemütlicher Silen, und Hirtinnen

im Hintergrund begleiten mit Beifall oder Widerspruch den Vorgang.

Weidetiere, im Vordergrund Schafe, in der Tiefe Rinder, Urne, Füllhorn

und Prunkgefäße bilden das Beiwerk. Baum, Strauch und Landschaft ahnen

in ihren seltsamen Formen bereits die Romantik. Farbenfreudiges Leben

in Träumen!

Das Gegenstück enthält eine Hochzeitszene. Ein junges Paar reicht sich

über dem rauchenden Dreifuß die Hände. Venus mit dem holden Knaben

führt sie zusammen. Ein Bursche bringt das bekränzte Lamm. Von links

treten Göttinnen in den Festkreis ein, von rechts sehen Hirten staunend

zu. Zwei Fackeln schlagen ihre Flammen ineinander. Am Himmel bescheren

Liebesgötter das Glück der Gegenwart. Ein Fruchtkorb am Boden verheißt

die Zukunft voll Segen.

Die Gruppierung der Figuren und ihre Vereinigung mit der Landschaft

bespricht Kämmerer ausführlich, er erkennt an den Gestalten das Studium

nach dem Leben, fühlt allerdings auch bereits, daß Schlichtheit der

Antike und gekünstelter Zeitgeschmack im Widerspruch stehen. Die

nüchterne Art, mit der er die Farbenharmonie Dietrichs prüfend zerlegt,

ist ebenfalls des Nachlesens wert.

Im Obergeschoß sind die Ecknischen als Balkone für Zuschauer bei den

Hoffesten eingerichtet. Hier wie in den drei Nischen zum Musikbalkon

tragen die Wände und die Deckenwölbungen allegorische Malereien von

Ritter aus Gotha.

Über den goldenen Wappenstücken ist je ein Ölgemälde eingelassen,

wiederum von Dietrich. Auf dem nördlichen erkennt man eine Bacchantin

mit Thyrsusstab, sie hält eine Statuette empor. Eine Frauengestalt mit

Glorienschein steht ihr zur Seite, und eine andere, die die entblößten

Brüste hält, trägt fünf nackte Kinder im Schoß. Rauchendes Opferbecken,

römische Rutenbündel mit Beilen und Feldzeichen lassen den Inhalt der

ganzen Allegorie erschließen als Rechte und Pflichten des Landesherrn.

Auf dem Gegenstück breitet ein geflügelter, bekränzter Jüngling die

Arme aus, ein zweiter stützt sich auf ein Buch und drückt mit einem

Stab den Kopf einer großen Schlange zu Boden. Eine weibliche Gestalt

trägt in der Rechten einen Blumenstrauß, in der Linken ein Füllhorn mit

Früchten: Beziehungen auf die Wirksamkeit der Fürstin!

Prunkvolle Barockgitter, Eisen, vergoldet, von Krohne entworfen, bilden

die Brüstungen für die Balkone. Die Stuckwände des Obergeschosses

tragen matt abgetönte Marmorfarben, mit zarten Reliefornamenten in

Weiß und Gold. Zwei weiße Gesimse und zwei zart gemalte Hohlkehlen

führen zur Decke über. Flottes Rankenwerk umrahmt hier das große

Deckengemälde: Versammlung der Götter, von Deisinger.

Die Götter Griechenlands: antike Lebensauffassung, in der Überlieferung

des italienischen Humanismus, verkörpert durch Modelle der

Barockmenschheit! In höchsten Höhen schwebt Apollo, das Haupt umstrahlt

von Licht, die Leier in der Linken, die Rechte ausgestreckt, er spendet

Licht und Geist. Athene in Helm und Waffenkleid lauscht ihm, den Schild

mit dem Medusenhaupt hat sie niedergelegt, die Waffen ruhen, des

Krieges Stürme schweigen. Wie sie, so geben sich die Götter des Olymp

und des Hades dem Eindruck hin, der von Apollos Kunst ausgeht, die

einen versunken in Sinnen, die anderen lebhaft in Miene und Gebärde.

Zeus führt in der Rechten den Blitz, weist aber friedlich auf Juno

hin, die sich ihrem Pfau zuwendet. Der Adler, als Bote des Zeus, regt

die Schwingen zum Flug auf die Erde, zwischen den Krallen ein Bündel

Blitze. Neptun neben Amphitrite hält den Dreizack. Mars, glutäugig und

gebräunt, trägt den Helm und führt die Lanze, läßt sich aber durch

Venus und Amor zum Frieden überreden. Die drei Grazien bilden eine

Gruppe für sich. Zwei von ihnen streben hinaus in die Welt, die dritte

blickt gedankenvoll auf einen Rosenzweig, den sie in der Hand hält.

Saturn mit der Sense offenbart durch eine Handbewegung: alles vergeht!

Ein Satyr mit Bocksfüßen und -hörnern hat eben die Syrinx vom Munde

abgesetzt, eine Nymphe ist bezaubert von seinen Tönen. Bacchus hat sich

auf dem Pantherfell niedergelassen, er winkt mit dem Becher, Mänaden

ruhen an seine Schulter gelehnt. Hephästus mit dem Zweizack wendet

sich seiner Nachbarin Artemis zu. Herkules, umhüllt mit der Löwenhaut,

stützt sich auf die Keule. Götter geringerer Geschlechter füllen den

Hintergrund nach Erde und Unterwelt zu. Janus mit dem Doppelantlitz

bewacht die Brücke, die im Schwung des Regenbogens den Wolkenhimmel

überspannt. Zwischen Olymp und Erde verrichtet Merkur selbstbewußt und

siegesgewiß den Botendienst. Deisingers Malweise in Freskotechnik

hat, noch ehe seine Arbeit fertig war, Nachfrage und Bedenken erregt.

Der Abstand zwischen dem schimmernden Saal und den stumpfen Farben

der Decke ist zu stark, und diese Empfindung muß erst überwunden

werden. Dann erschließt auch sein Werk einen fesselnden Blick auf

einen denkwürdigen Abschnitt in der Entwicklung der Renaissance. In

Verstandessprache übersetzt sagt sein Bild: Künste und Wissenschaften

gedeihen, wenn Gewerbe und Verkehr blühen.

Kronleuchter, Gläser, Armleuchter mit Spiegelwand nach Gotters

Modellen aus Molsdorf, in Messing gegossen vom Schwertfeger Seitz,

feuervergoldet: Rokokoblitze! Tageslicht wird solchem Festraum nicht

gerecht. Aber im sanften warmen Schimmer von 387 Kerzen huscht

tausendfacher Widerschein über die Goldranken im Rhythmus von Menuett

und Gavotte.

Der Hauptreiz des Grünen Saales besteht im Wohlklang von Farbtönen:

zwei Grün, belebt durch zarte Goldbeigabe, braune Türen, weiße Decke!

Einzelne Geräte gehen zum Stil Louis XVI. über; anmutiger als die unter

Deckfarben verhüllten Formen erscheinen die Rahmen und Fußgestelle der

Polstermöbel in unverfälschter Holzwirkung.

Die großen Bildnisse Johann Friedrichs und Bernhardines beherrschen

den Raum. Diese, wie die sechs Gesellschaftsstücke über den Türen sind

Werke des Malers Johann Ernst Heinsius, geboren in Ilmenau, gestorben

1795 als Hofmaler in Weimar. Eine glänzende Monographie von Oulmont,

Paris 1913, behandelt ihn, bedarf aber von Grund auf der Nachprüfung

und Richtigstellung. Die beiden Bilder des Fürstenpaares sind in

Lebensgröße ausgeführt.

Die Prunksucht des Sonnenkönigs hatte den Ton angeschlagen. Die

Macht der französischen Mode übertrug dann die Pose und den ganzen

malerischen Apparat als Ausdruck für Souveränität auf die Fürstenbilder

von Europa.

Das Bild Johann Friedrichs zeigt eine kräftige Mannesgestalt. Die

gebräunten Züge werden durch gepudertes Haar und weiße Halsbinde

stark hervorgehoben. Roter Rockkragen, blaues Ordensband, glänzender

Harnisch, dunkelroter Sammetmantel, hermelingefüttert, schwarzblauer

Rock mit Spitzenmanschetten, Goldbrokat am Rockschoß, weiße Hose,

schwarze Reiterstiefel mit blitzenden Sporen! Auch Kämmerer empfindet:

Das Auge wird in Unruhe versetzt, es irrt umher, ohne das Ganze

zu fassen, bis es endlich sich auf das Gesicht allein heftet. Der

weite Mantel mit schweren Falten verleiht der Gestalt Breite und

Wucht. Die Linke deutet auf den ritterlichen Helm, die Rechte führt

den Kommandostab. Der silbergraue Tisch hebt sich mit funkelndem

Widerschein von den Schattenflächen ab. Als Umrahmung dient der

ganzen Erscheinung eine dunkle Säule und ein grünblauer schwerer

Vorhang, der die Fernsicht auf rötlichgrauen Himmel und hellgrüne

Landschaft einfaßt. Gern kehrt das Auge auf das gemütvolle deutsche

Gesicht zurück, auf den frischen Blick und die gütigen Mienen eines

fürsorglichen Landesherrn. Wenn die Chronik von ihm schwiege, seine

Bildungsanstalten und Staatseinrichtungen eingingen, und deutsche

Kunst- und Wissenschaftsgeschichte nicht mehr von ihm berichteten, so

würde dieses Bild sein Denkmal sein: er war seinem Lande und seinem

Hause ein Vorbild im Tun und im Dulden.

Klugheit und Stolz spricht aus den Zügen seiner Gemahlin, Feinheit

und Anmut aus Haltung und Bewegung, gerade weil das schwere Kostüm

einen starken Gegensatz dazu bedeutet. Das gepuderte Haar, der leichte

Federstutz, der Brillantschmuck in den Ohrgehängen und im Kollier

erhöhen den Reiz der zierlichen Mienen. Mieder und breiter Rock,

graublau mit schwerer Brokatstickerei, rotes Ordensband, roter Mantel

mit weißem Pelz bestimmen die malerische Wirkung. Die linke Hand greift

anmutig nach dem Mantelsaum, die rechte weist auf den Herzogshut

hin. Ein Säulengang mit schwerer Draperie und einer Urne öffnet den

Fernblick auf einen weiten, zarten Himmel. Kaum dreizehn Jahre hatte

die Fürstin an der Seite ihres Gemahls gestanden, als sie im Alter von

dreiunddreißig Jahren aus dem Leben abgerufen wurde. Auch ihr Bild

bleibt eine sprechende Urkunde, wenn ihr Name nicht mehr an den Stätten

genannt wird, wo ihr Kunstsinn und ihre Fürsorge gewaltet haben.

Aus den sechs Gesellschaftsstücken über den Türen spricht ebenfalls

unmittelbares Leben. Sie sind offensichtlich nicht Atelierkompositionen

nach Modellen, die der Künstler ausgewählt und in die von ihm

beabsichtigte Haltung gebracht hat, sondern Porträtgruppen, die sich

ihm ungekünstelt boten im Verkehr am fürstlichen Hofe. Als Zeit kommt

das Jahr 1765–1766 in Betracht. Die älteste Tochter Johann Friedrichs,

Friderike, war jung vermählt mit dem späteren Fürsten Friedrich Karl,

ihre Schwester war Braut des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken.

Geselliges Leben, Künste und Wissenschaften wurden eifrig gepflegt,

und die »Ludwigsburger« verkehrten viel auf der Heidecksburg. Durch

drei Bilder geht ein strenges Damengesicht mit hochgezogenen Brauen,

auf fünf Bildern ziehen anmutige Züge eines Schwesternpaares die

Aufmerksamkeit an. Sowohl diese, wie die der Herren lassen sich durch

Vergleich mit den Einzelporträts aus jener Zeit näher bestimmen.

Doch abgesehen von dem heimatlichen Interesse, auch künstlerisch und

kulturgeschichtlich belohnen die Gemälde mit Genuß, wenn sie nicht nur

flüchtig betrachtet werden. Wie bei den großen Porträts ist auch bei

den Gruppenbildern die Beleuchtung so gewählt, daß sie dem von den

Fenstern her einfallenden Lichte entspricht.

Dichtkunst. Eine Prinzessin sitzt an einem Steintisch, in eine

Handschrift versunken. Ein älterer Herr hinter ihr, der Fürst, bewegt

eine Schriftrolle in der Hand. Ein junges Paar tritt erwartungsvoll

hinzu. Ein jüngerer Herr hält sich bescheiden abwartend im Hintergrund.

[Illustration: Grüner Saal]

Sternkunde. Die ernste Prinzessin sitzt vor einem Tellurium und läßt

sich belehren von einem Prinzen, der durch ein Augenglas auf das

Instrument niederblickt. Der Fürst richtet ein Fernrohr zum Nachthimmel

empor. Ein junges Paar tritt aus der Dunkelheit heraus, noch in ernstes

Gespräch vertieft.

Baukunst. Ein Prinz in der Rolle des Hofbaumeisters unterbreitet

dem Fürstenpaar Risse zu einem neuen Gebäude, allem Anschein nach

in Tempelform. Die Fürstin, offenbar erfahren in Kunstfragen, gibt

sachliche Auskunft über ihre Wünsche. Der Fürst hört gefällig und

nachgiebig zu und wird bewilligen, was der Bau kostet. Der Herr

Hofbaumeister ist ganz Ohr, wird seine Zeichnung zusammenrollen und mit

tiefer Verbeugung verschwinden. Meßinstrumente und Zeichengeräte liegen

rechts vorn auf dem Arbeitstisch.

Bildhauerkunst. In einem Atelier, wo fertige Arbeiten und Modelle die

Stimmung andeuten, überreicht der Künstler eine Porträtbüste in Wachs.

Die Empfängerin blickt mit ruhiger Verwunderung auf das Kunstwerk. Ihre

Hofdame im Hintergrund, ein feuriges Gemüt, will den Beifall in ein

spitzes Witzwort kleiden.

Malerei. Ein Atelier mit dunklem Behang bildet die Szene. Die Malerin

wendet dem Beschauer den Rücken zu. Sie blickt scharf seitwärts auf

ihr Modell, dadurch zeigt sich ihr Gesicht im Profil. Das Auge ist

ganz Aufmerksamkeit, die Miene vollständig erstarrt. Auf der Staffelei

entsteht ein Brustbild. Lieblich in Blick und Haltung, zwingt sich das

Modell zu Geduld. Geistreich trägt eine Hofdame zur Unterhaltung bei.

Musik. Ein Herr und eine Dame halten ein Liederalbum: »Ach, kleine

Rose, glaube mir, du sollst Luzinden schmücken!« Die Dame singt

aufmerksam, der Herr vergißt sich und seinen Gesang in ihrem

Anblick. Ein Flötenbläser begleitet das Lied. Zwei Hofdamen flüstern

miteinander, eine ernst, die andere schalkhaft, sie deutet auf den

Flötenbläser, vielleicht weil er Linkshänder ist!

Die Goldrahmen der Bilder setzen sich aus kräftigem Blattwerk zusammen,

wiederholt scheinen Farnwedel als Anregung gedient zu haben. Zierliche

Goldleisten mit zarten Ranken fassen die grünen Wandfelder ein. Die

Pyramidenöfen heben sich von lebhaft verzierten Ofenstücken sowohl

hier, wie in dem graugrünen, einfachen Eckzimmer ab, wo Palmblätter in

dem Formenspiel Verwendung gefunden haben. Die Decken sind schlicht

weiß, aber mit duftigen Rosetten verziert.

Mehr seltsam als schön wirkt das Bänderzimmer, früher als Vorraum

für Audienzen benutzt. Auf düster grün gemalten Stoffbahnen heben

sich weißgraue ovale Medaillons ab mit Köpfen in römischem Stil.

Bandschleifen, rot und grün, halten die Plaketten und flattern weithin

herab über die Wandflächen, von Blumengewinden durchflochten.

Die Galerie an der Ostseite des Großen Saales hat wiederholt während

der Baujahre Änderung des Planes erfahren. Schließlich gab Johann

Friedrich dahin den Ausschlag, daß nicht Bildnisse von hoher Kunst,

sondern weniger anspruchsvolle Landschaften die kunstvoll geschnitzten

Rahmen Kändlers füllen sollten. Reinthaler entwarf daher zwölf

Landschaften, in der Mehrzahl mit großen Figuren im Vordergrund, und

setzte als unteren Abschluß in die geschnitzten Rahmen prachtvolle,

gemalte Rokokogitter ein mit ausgiebigem Formgefühl in immer neuem

Schwung der Linien. Landschaften und Figuren atmen den Geist des

achtzehnten Jahrhunderts. Übertrieben steile Berge, Paläste und Ruinen

aus der Vergangenheit, aber ohne tieferen Sinn für ihre Bedeutung,

Weltverkehr aus der Gegenwart, namentlich Beziehungen zu Asien und

Amerika, und das Hochgebirge, das noch schreckhaft empfunden und

gefürchtet wurde! Nähe und Ferne, Gegenwart und Vergangenheit kommen

zur Darstellung in den Figuren und gewähren Einblick in Beschäftigung

und Sehnsucht ihrer Entstehungszeit.

Auch ein Stück »Chinoiserie«, ein japanisches Zimmer, atmet noch

Modelaune der Rokokozeit: Hinaus in ein erträumtes fernes Glück!

Wiederum eine Vorahnung der Romantik! Seltsam nüchtern darin die

kleinen Porträte aus den gräflichen und fürstlichen Familien!

Unruhig und bizarr der Traum!

Empirezeit auf der Heidecksburg

Ludwig Friedrich II., 1793–1807, war eine Feuerseele, Jünger Goethes

im Schauen von Schönheit, begeistert für Kunst und Kunstgewerbe,

leidenschaftlicher Zeichner und Radierer. Als junger Prinz belebte er

den Rudolstädter geselligen Kreis, in dem Schiller, der heimatlose

Flüchtling, wieder aufatmete. Seine Kenntnisse von der Welt hatte er

auf einer Studienreise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich

erweitert und in Genf bei De la Rive sich im Malen und Radieren

ausgebildet. Kunstblätter aus dieser Zeit sind erhalten geblieben.

Ein Besuch am Hofe von Homburg hatte zur Vermählung mit der Prinzessin

Karoline Luise von Hessen-Homburg geführt, die, selbst ein Bild

blühender Schönheit und frischer Anmut, gleich ihm die Künste liebte

und ausübte.

Als das junge Paar Schloßherrschaft auf der Heidecksburg wurde, zogen

die neuen Formen der klassizistischen Mode in der Zimmerausgestaltung

und in der Ausstattung von Wohngerät hier voll ein.

[Illustration: Weißes Zimmer]

Unverfälscht hat sich das Weiße Zimmer erhalten. Athene und Aphrodite

beherrschen den Raum, auf Tanz, Musik und Bühnenkunst weisen die

Reliefs an den Wänden hin. Das Treppenhaus flankieren die Musen, und in

den Glasgalerien zu ebener Erde stehen die letzten Gipsabgüsse aus dem

Antikenkabinett, das sich das Fürstenpaar anlegte. Eine Reise nach Rom

1803 vermittelte die Bekanntschaft mit Künstlern, wie Gmelin, Rehberg,

Metz, Reinhart und Angelika Kauffmann. Deren Kunstblätter, Originale

oder Drucke, wurden dem Kupferstichkabinett auf der Heidecksburg

eingereiht, Schätze, die der Heimat zur Zierde gereichen könnten, wenn

Ausstellungsräume zu gewinnen wären.

[Illustration: Karoline Luise]

Auf das Rudolstädter Antikenkabinett wies Goethe 1805 den Philologen

Fr. A. Wolf hin, als er ihn überzeugen wollte, daß auch Kunstwerke

die Beweiskraft von Geschichtsdenkmälern haben können. Wolf reiste

darauf mit H. Meyer nach Rudolstadt, fand jedoch die Kolossalköpfe der

Dioskuren noch an der Erde stehen, wo ihre Schönheit nicht wirksam

war. »Wohl aufgenommen von dem dortigen Hofe, vergnügte er sich in

den bedeutend schönen Umgebungen, und so kam er nach einem Besuch in

Schwarzburg mit seinem Begleiter vergnügt und behaglich, aber nicht

überzeugt, zurück.«

Noch im Jahre 1817 konnte das Verlangen nach antiker Formenschönheit

derart stark in Goethe aufsteigen, daß er plötzlich wenigstens die

nächsten Gipsabgüsse aufsuchen mußte. »Etwas dem Phidias Angehöriges

mit Augen zu sehen, ward so lebhaft und heftig, daß ich an einem

schönen sonnigen Morgen, ohne Absicht aus dem Hause fahrend, von

meiner Leidenschaft überrascht, ohne Vorbereitung aus dem Stegreif

nach Rudolstadt lenkte und mich dort an den erstaunenswürdigen Köpfen

vom Monte Cavallo für lange Zeit herstellte.« Humorvolle Skizzen im

Tagebuch des Fürsten zeigen die Vorgänge bei Ankunft und Aufstellung

dieser Hilfsmittel für Kunstbetrachtung.

Lehrer, Berater und Freund in oft täglichem Verkehr wurde dem Fürsten

Ludwig Friedrich der Volkstedter Maler und Bossierer Franz Cotta,

der den Kennern des Rudolstädter Porzellans noch heute oft in seinen

Werken begegnet. Sein Sohn Heinrich Cotta, als Dresdener Student von

Kügelgen so drastisch geschildert, folgte dem Vater in der Würde des

Hofmalers und hinterließ in dem Kabinett die wertvollen Radierungen

aus der Napoleonischen Zeit, seine unerschöpflichen Pferdestudien und

humorvollen Szenen aus dem Volksleben. (S. Thüringer Heimat-Kalender

1926. Greifenverlag Rudolstadt.)

Im Jahre 1797 kam Christian Friedrich Schuricht aus Dresden zu Gaste

auf die Heidecksburg und gab Anweisungen für den Bau des Halbtempels,

der romantischen Ruinen und des Teehauses im Schloßgarten, sowie der

Anlagen auf dem Anger. Für Zimmereinrichtungen wies er auf die Vorlagen

des Racknitzschen Werkes, Darstellung und Geschichte des Geschmacks,

hin.

Auf der Heidecksburg · 第 3 / 4 段