Ferdinand Thierry, der spätere Landesbaumeister in Konstanz, fand

sich aus Weimar ein, zeichnete peinlich feine Möbelentwürfe und Pläne

für die Gartenhäuser und für die klassizistischen Gebäude in der

Stadt. Seinen Bruder Wilhelm Thierry, Jugendlehrer Karoline Luises in

Homburg, Maler und Radierer in Meiningen, ließ die Fürstin Architektur

studieren. Er vollendete den Schloßbau im Ostflügel und legte die

Terrassenbauten an, die zum Schloßgarten hinunterführen. (S. Thüringer

Kalender 1926. Museum Eisenach.)

Das Jahr 1806 erschütterte mit seinen weltgeschichtlichen Ereignissen

auch das friedliche Leben auf der Heidecksburg. Die Schlacht von

Saalfeld bereitete sich vor. Mit den letzten Tagen des Prinzen Louis

Ferdinand von Preußen hat die Sagenbildung sich viel beschäftigt.

Vielleicht kann das trockene Hoffurierbuch helfen, Dichtung und

Wahrheit zu scheiden. Es meldet: Ihro Königliche Hoheit Prinz Louis

von Preußen sind den 7. Oktober hier angekommen mit einem Adjutanten,

Kapitän von Kleist, einem Kammerdiener und drei Bedienten. Ihro

Königliche Hoheit wurden ins grüne Zimmer, der Herr Adjutant ins alte

Tafelzimmer logiert. Den 8. Oktober früh abgereist. Den 9. wieder

hier. Den 10. abgereist. – Das Tagebuch des Fürsten gibt an, daß am 7.

Oktober abends Ball und Souper zu Ehren der Gäste stattfand. Als der

Geschützdonner von Saalfeld herüberdröhnte, bestand man darauf, daß

die Fürstin mit ihren Kindern sich entfernte. Ihr selbst war es ein

Lieblingsgedanke, Mut zu zeigen und Gefahr zu bestehen. Sie schämte

sich aber später ihrer Eitelkeit, daß sie eine Heldenrolle habe

spielen wollen und die Ihrigen dadurch einer Gefahr ausgesetzt hätte.

Während einer Rastpause beruhigte sie ihre Nerven mit einer niedlichen

Bleistiftzeichnung von der Weißenburg im Saaltale.

Die Durchmärsche des Napoleonischen linken Flügels gingen durch

Rudolstadt. Der Fürst blieb zur Stelle. Als die französischen Beamten

Villain und Du Molart die Regierung übernahmen, mußte er sie gastlich

im Schlosse aufnehmen. Schweren Sorgen und Gemütsbewegungen erlag sein

schwacher Körper am 28. April 1807.

Kerndeutsch, wenn auch gewohnt, französische Tagesanmerkungen zu

schreiben, führte die Fürstin für ihren minderjährigen Sohn die

Regentschaft bis 1814. Als Landesmutter, gleich der Königin Luise von

Preußen, war sie umsichtige Diplomatin nach außen und unermüdliche

Beraterin der Bedrängten, die aus dem ganzen Lande zu ihr kamen.

Beamtenfamilien der Stadt bewahren noch heute Korrespondenzzettel als

Reliquien auf, sie zeigen, wie die Fürstin ihren Bittstellern geholfen

wissen wollte.

Schillers Hinterbliebene fanden bei ihr Zuflucht in Not und

Verlegenheit. (S. Schiller in Rudolstadt. Greifenverlag 1925.)

Als Fürstinmutter blieb sie das verehrte Oberhaupt der prinzlichen und

fürstlichen Familien auf der Heidecksburg bis an ihr Lebensende 1854.

Künstler wußte sie anzuregen in vorbildlich moderner Weise, ohne Zwang

auszuüben.

[Illustration: Brunnen]

Mit führenden Geistern stand sie in Gedankenaustausch. Wilhelm von

Humboldt schreibt über sie in den Briefen an eine Freundin:

»Rudolstadt, 2. Januar 1827.

Die verwitwete Fürstin ist eine der Frauen, wie man sie selten findet.

Ich kenne sie seit meiner Verheiratung. Wir heirateten in derselben

Zeit, und ich war unmittelbar nach meiner Verheiratung mit meiner Frau,

mit der sie sehr freundschaftlich verbunden ist, einige Wochen hier, so

daß mir der Ort auch wegen dieser Erinnerung sehr lieb ist.

Die Fürstin war sehr jung, ungemein liebenswürdig und schön. Als ich

mit meiner Frau später in Rom war, kam sie mit dem Fürsten auf einige

Monate hin, und wir lebten auch da viel miteinander. Bald nachher

wurde sie Witwe und während der Minderjährigkeit des Prinzen Regentin

des Landes. Sie führte in den schwierigsten Zeiten diese Regentschaft

mit größter Klugheit, und stets mit der Güte und Wohltätigkeit, durch

welche Fürsten, besonders in kleinen Ländern, sich von ihren Untertanen

auch persönlich verehrt und geliebt machen können. Seit der Fürst die

Regierung übernahm und die Erziehung der anderen Kinder vollendet ist,

lebt sie bloß sich selbst, arbeitet und studiert für sich; sie besitzt

sehr viele Kenntnisse, vorzüglich aber das, was man nicht ohne eigenen

tiefen und umfassenden Geist erwirbt. Ihre Briefe sind gleich geist-

und seelenvoll, und im Gespräch äußert sich dasselbe noch lebendiger

und immer mit der größten Einfachheit und Bescheidenheit. Sie ist daher

auch eigentlich kaum gekannt, nur bei den wenigen, die der Zufall ihr

näher gebracht hat. Sie ist sehr religiös, verbindet das aber so schön

mit dem tiefsten und freiesten philosophischen Nachdenken, daß die

Religiosität ihr dadurch nur noch mehr eigen wird.«

Humboldt erwähnt dann einen Wagenunfall, den sie erlitten hatte, und

der sie zwang, nur noch zu Fuß zu gehen, und ihr nicht mehr erlaubte,

sich weit vom Schlosse zu entfernen. Um die Natur zu genießen, ließ

sie sich die Borkenhüttchen, Bauernhäuschen und Teetempelchen im

griechischen Stil bauen, deren letzte noch heute vom Schloß aus durch

den Hain und die Flur von Rudolstadt an verklungene Zeit erinnern.

* * * * *

Die gewaltigen Ereignisse der Weltgeschichte haben auch das Leben auf

der Heidecksburg in den Grundfesten erschüttert. Der Weltenlenker wird

wissen, wie er Geschicke und Herzen der Menschen zum rechten Ziele

führt.

Es sind nicht nur Vorgänge der engen Heimat, die sich in dem

ehrwürdigen Schlosse der Schwarzburger Grafen und Fürsten abgespielt

haben. Was die Heidecksburg uns überliefert, ist ein wichtiger

Ausschnitt aus dem Thüringer Leben und ein wertvoller Bestand der

deutschen Bildungsgeschichte überhaupt.

Wer diese geistigen Schätze in Zukunft zu erhalten und zu betreuen hat,

trägt die Verantwortung vor dem deutschen Gewissen.

Inhalt

Seite

Vorwort 5

Frühgeschichte der Burg 7

Katharina die Heldenmütige 14

Amilie Juliane, die Liederdichterin 26

Rokokozeit auf der Heidecksburg 45

Empirezeit auf der Heidecksburg 72

Bilder:

Heidecksburg 4/5

Torhaus 12/13

Amilie Juliane 32/33

Großer Saal 48/49

Grüner Saal 68/69

Weißes Zimmer 72/73

Karoline Luise 72/73

Brunnen 76/77

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

fehlende Überschrift des ersten Kapitels wurde ergänzt. Zur

leichteren Orientierung wurden die Titel unter den Bildern nach

dem Bildverzeichnis ergänzt.

Auf der Heidecksburg · 第 4 / 4 段