Ein Geschlechte muß vergehen,

Und ein anders kömmt empor;

Was vor Fälle oft geschehen,

Stellt mein eigen Beispiel vor:

Vater, Mutter, Brüder, Kind,

Schwestern, die gestorben sind,

Und wer sonst noch mußt erblassen,

Haben alle mich verlassen.

Ach! ich bin alleine blieben,

Und mein ganz Geschlecht ist hin!

Sollte mich das nicht betrüben,

Die ich nun die Letzte bin?

Ach! daß diesen bittern Schluß

Die Erfahrung gründen muß,

Und, daß eben an den Meinen

Dieser Wechsel soll erscheinen!

Hymnologische Studien von heute beschäftigen sich wieder mit der

gräflichen Dichterin und könnten auf die Trauerreden hingewiesen

werden, die nach ihrem Tode im Lande Schwarzburg gehalten wurden:

drei Geistliche führen das Lied als Gedankenerbe der Gräfin an. Und

wenn nach dem Neuhaus gefragt wird, wo die Gräfin verkehrte, so wäre

der Pfarrer Johann Gottfried Holzhey von Mellenbach zu vernehmen.

Er erinnert den trauernden Grafen Albert Anton daran, wie er fast

einviertel Jahrhundert hindurch dem Grafenpaar zur Frühlings- und

Herbstzeit auf dem tannenumrauschten Herrenhaus das Wort Gottes

verkündet hat.

Auch äußere sprachliche Form vermittelt Stimmung, darum sei das Lied

hier buchstäblich so wiedergegeben, wie es von Seite 23 ab in dem

Andachtsbuch der Gräfin steht:

1.

Wer weiß, wie nahe mir mein Ende,

Hin geht die Zeit, her kömbt der Tod,

Ach! wie geschwinde und behende

Kan kommen meine Sterbens Noth,

Mein Gott! ich bitt durch Christi Blut,

Machs nur mit meinem Ende gut.

2.

Es kan vor Nachts leicht anders werden,

Als es am frühen Morgen war,

Denn weil ich leb auff dieser Erden,

Leb ich in steter Todts Gefahr,

Mein Gott! ich bitt etc.

3.

HErr! lehr mich stets mein End bedencken,

Und wenn ich einsten sterben muß,

Die Seel in Jesu Wunden sencken

Und ja nicht sparen meine Buß,

Mein Gott! ich bitt etc.

4.

Laß mich bey Zeit mein Hauß bestellen,

Daß ich bereit sey für und für,

Und sage frisch in allen Fällen:

HErr! wie du wilt, so schicks mit mir,

Mein Gott! ich bitt etc.

5.

Mach mir stets Zucker süß den Himmel,

Und Gallen bitter diese Welt,

Gib daß mir in den Welt getümmel

Die Ewigkeit sey vorgestellt,

Mein Gott! ich bitt etc.

6.

Ach! Vater deck all meine Sünde

Mit dem Verdienste Jesu zu,

Darein ich mich fest gläubig winde,

Das gibt mir recht erwünschte Ruh,

Mein Gott! ich bitt etc.

7.

Ich weiß, in Jesu Blut und Wunden

Hab ich mir recht und wohl gebett,

Da find ich Trost in Todes Stunden,

Und alles, waß ich gerne hett,

Mein Gott! ich bitt etc.

8.

Nichts ist, was mich von Jesu scheide,

Nichts, es sey Leben oder Todt,

Ich leg die Händ in seine Seite,

Und sage: mein HErr und mein Gott!

Mein Gott! ich bitt etc.

9.

Ich habe Jesum angezogen

Schon längst in meiner Heil. Tauff,

Du bist mir auch daher gewogen,

Hast mich zum Kind genommen auff,

Mein Gott! ich bitt etc.

10.

Ich habe Jesu Fleisch gegeßen,

Ich hab sein Blut getruncken hier,

Nun kanstu meiner nicht vergeßen,

Ich bleib in Ihm und Er in mir,

Mein Gott! ich bitt etc.

11.

Nun komm mein End heut oder morgen,

Ich weiß, daß mirs mit Jesu glückt,

Ich binn und bleib in deinen Sorgen

Mit Jesu Blut schön außgeschmückt,

Mein Gott! ich bitt etc.

12.

Ich leb indes in dir vergnüget,

Und sterb ohn alles Kümmerniß,

Mir gnüget, wie es mein Gott füget,

Und glaub und weiß es ganz gewiß,

Durch deine Gnad und Christi Blut

Machst du’s mit meinem Ende gut.

Ein Porträt Amilie Julianes nach dem Leben hat sich auf der

Heidecksburg erhalten. Es stellt ihren Charakter glaubwürdig dar: feste

geschlossene Züge, Gewand und Schmuck nicht weltfremd, klares Auge.

Albert Antons Hofmaler war Seyfried Lammers aus Nordhausen. Unter

seinem Namen wurde bisher alles zusammengefaßt, was uns jene Zeit an

Bildern hinterlassen hat. Doch sind nach den Rentereirechnungen und

Kirchenbüchern zwei Maler gleichen Namens auseinanderzuhalten als

Vater und Sohn. Dem jüngeren von beiden werden zwei stark idealisierte

Bilder Amilie Julianes zuzuschreiben sein. Sie zeigen die Dichterin

als Freundin des Lammes und als Braut Jesu, mit viel Beiwerk von

Sinnbildern und Sprüchen.

* * * * *

Unter Ludwig Friedrich, dem Sohne der Dichterin, 1710–1718, bereitete

sich neue Zeit vor. Er veröffentlichte die Erhebung der Rudolstädter

Linie in den Fürstenstand. Im Geiste seiner Eltern sorgte er für das

Waisen- und Armenwesen. Sein Fürstentum wurde Beamtenstaat, und seine

Residenzstadt vergrößerte sich durch Wohngebäude, die, behäbig breit

angelegt und mit weiter Torfahrt versehen, daran erinnerten, daß die

Hausherren zugleich auch Gutsbesitzer auf dem Lande waren.

Wie die Heidecksburg als Barockschloß ausgesehen hat, zeigt ein Bild

der Gräfin Ludämilie Elisabeth, wo der Blick auf Rudolstadt als

Nebenszene dargestellt ist.

Rokokozeit auf der Heidecksburg

Die fürstlichen Bauherren bis 1793 waren dem Zuge ihrer Zeit

entsprechend in französischer Bildung erzogen. Die Nachahmung Ludwigs

XIV. stellte hohe Anforderungen an die Landesherren, sie mußten

repräsentieren und sollten doch mit bescheidenen Mitteln haushalten.

Friedrich Anton, 1718–1744, bekannte sich persönlich noch zu der

einfachen Lebensauffassung, die von den Großeltern her auf ihn

vererbt war, mußte aber dem Drängen des Zeitgeistes nachgeben. Auf

Staatsverwaltung und Hofleben wirkte das französische Vorbild machtvoll

ein. Die Spannung im Volke löste sich in einem Landstreite aus, der bis

vor den Reichshofrat in Wien ging und durch gutmütiges Entgegenkommen

des Fürsten einen friedlichen Ausgang erhielt. Als technischer Berater

kam 1720 der Dresdener Oberlandbaumeister Pöppelmann nach Rudolstadt

und ließ durch seine Werkleute die südliche Einfahrt mit Säulen und

Korbbogen und das Tunnelgewölbe zum Schloßhof ausführen. Die Periode

großer Schloßbrände traf danach auch das kleine Rudolstädter Land

hart. Das Stammhaus Schwarzburg ging in Flammen auf, und kaum war

es wiedererstanden, als ein großes Schadenfeuer die Heidecksburg

heimsuchte.

Der Bruder des Fürsten war voll in Anspruch genommen durch den Bau der

Ludwigsburg, die 1735–1742 erstand und der voraussichtlich nicht zur

Regierung kommenden Nebenlinie als Heim dienen sollte. Seine Schwester

Sophie Juliane, Dekanissin von Gandersheim, half mit einem Vorschuß an

die Baukasse aus.

Den Rohbau des Westflügels erlebte der Fürst noch. Im Hauptarbeitsjahr

1744 am 1. September verschied er, und sein erst dreiundzwanzigjähriger

Sohn trat die Regierung an.

Johann Friedrich, 1744–1767, war von heiterer, sorgloser Natur, hatte

wissenschaftliche und künstlerische Bildung in Frankreich und in

den Niederlanden gefunden und wurde seinem Lande Reorganisator des

Unterrichtswesens durch Gründung von Seminar und Gymnasium.

Auf den 19. November 1744 war seine Vermählung mit Bernhardine

Christine Sophie von Sachsen-Weimar festgesetzt, deshalb galt es, für

den Einzug der »Herzogin« namentlich den großen Festsaal zu einer

gewissen Vollendung zu bringen. Als Schülerin ihres kunstsinnigen und

baufreudigen Vaters Ernst August blieb sie die treibende Kraft für die

Arbeiten auf der Heidecksburg, bis der Siebenjährige Krieg ausbrach,

und sie am 5. Juni 1757 ihrem Gemahl durch den Tod entrissen wurde.

Ihr eigener Geschmack ging noch auf Rokokokunst aus, doch machte sich

bereits die neue einfache, englisch genannte, Richtung bei der Wahl von

Zimmergeräten geltend.

Persönliche Gründe des jung verwitweten Fürsten und die allgemeine

mißliche Zeitlage mochten dann zusammenwirken, daß nur die für den

Haushalt nötigsten Arbeiten am Schloß und seiner Umgebung vorgenommen

wurden. Als die ihm gebliebenen Kinder, zwei Töchter, vermählt waren,

stand die Bautätigkeit gänzlich still.

In der Regierung folgte ihm sein Oheim Ludwig Günther, 1767–1790,

der Erbauer der Ludwigsburg. In Holland, Frankreich und Italien für

Friedens- und Kriegsberuf erzogen, trat er erst mit 59 Jahren die

Erbschaft des Fürstenschlosses an. Wohngeräte mit seinem Namenszug und

Bildnisse erinnern in mehreren Räumen an ihn.

Auch Fürst Friedrich Karl, 1790–1793, hatte sich noch in französischen

Geschmack eingelebt. Der Naturkunde widmete er sein Studium, und das

Naturhistorische Museum, wissenschaftlich weitergeführt, jetzt neu

geordnet, ist ein Denkmal seiner Bestrebungen.

* * * * *

Am 26. Juli 1735 war das Schadenfeuer auf der Heidecksburg

ausgebrochen, es legte in zwei Tagen den Westflügel, den Nordflügel und

Teile des Südflügels in Trümmer und Asche.

Landbaumeister von Rudolstadt war seit 1732 Johann Jakob Rousseau,

vorher Königlich Polnischer Oberkonduktör, der neben Pöppelmann,

Leplat, Longuelune und Knöffel noch 1726 unter den Künstlern am

Schlosse Moritzburg aufgeführt wird. Seine Beziehungen zu den Dresdener

und Warschauer Berufsgenossen legten es nahe, von dort Rat und Hilfe

auch für die neuen unerwartet großen Aufgaben hier zu erbitten.

Eng befreundet mit Rousseau war der Hauptvertreter der jüngeren

Dresdener Barockkunst, Johann Christoph Knöffel. Er kam Ende Oktober

1735 und blieb bis 8. November in Rudolstadt, im Winter arbeitete

er dann einen Plan aus. Im Frühjahr empfahl er geübte Dresdener

Werkmeister, die von 1736 an auf der Baustelle tätig waren und die

Fühlung mit ihm aufrecht erhielten. Er entschied 1737 technische

Fragen, wieweit Gewölbe in der Einfahrt des Westflügels und in den

Kellern des Nordbaues beibehalten werden sollten, sandte Risse und

Modelle zu Fenstern, begutachtete Rousseaus Entwurf für den Turm und

übermittelte 1741 für die Innenräume Anweisungen und Schablonen zum

Schmuck der Wände und Decken »mit französischem Laubwerk in grotesker

Art«. Bis 1748 beantwortete er Rudolstädter Bitten durch gelegentliche

Auskunft.

Einen zweiten Plan überreichte Anfang 1737 der Bauinspektor des

Landgrafen von Ansbach, Johann David Steingruber, nachdem er im April

des Jahres vorher die Brandstätte besichtigt hatte. Er wurde später

bekannt als der Erneuerer der Moritz-Kirche in Koburg, als Erbauer der

Pfarrkirche in Cadolzburg und als Architekturschriftsteller, scheint

aber auf den Rudolstädter Bau keinen unmittelbaren Einfluß ausgeübt zu

haben.

[Illustration: Großer Saal]

Rousseaus Bauleitung läßt sich bis 1737 verfolgen, von da ab wuchs der

junge Frankenhäuser Architekt Peter Kaspar Schellenschläger in die

Bauaufsicht hinein. Sein Leben war erfüllt mit Leiden und Freuden des

Schloßbaues, auch sonst ist seine Tätigkeit im Lande noch in manchen

Spuren zu erkennen, so gab er dem Cumbacher Garten mit dem schönen

Gittertor und dem Orangeriegebäude, jetzt Altersheim, das Gepräge.

Als eigentliche Seele des Schloßbaues ist vom 24. Mai 1743 bis zu

seinem Tode 1756 der Herzoglich Weimarische und Fürstlich Eisenachische

Landbaumeister Gottfried Heinrich Krohne anzusehen. In irgendeiner

näheren geistigen Beziehung zu den Dresdener Baumeistern muß auch er

gestanden haben. Der Aufbau des Südflügels, der Oberbau des Turms,

die Innenausstattung des Westflügels und wiederholt veränderte Pläne

für den Nordflügel sind sein Werk. Viel beschäftigt mit Bauten in

Eisenach, Gotha, Weimar, Jena, Burgau, Dornburg, Molsdorf, Stützerbach

und Zillbach, suchte er dennoch Rudolstadt oft persönlich auf,

reichte Arbeitspläne ein, sandte Einzelentwürfe, empfahl Künstler und

Handwerker, vermittelte mit Geschäftshäusern, prüfte und nahm fertige

Leistungen ab. Den Großen Festsaal mit den anstoßenden Gemächern und

der Galerie, prächtige Denkmäler der Rokokokunst, stattete er bis in

Einzelzüge mit seinem Geiste nach seinem Geschmack aus.

Die Plastik ist am Schloßbau vertreten durch Andreas Bäume (Böhme) aus

Dresden, der 1741–1742 die Front im Schloßhof verzierte. Dann streute

seit 1742 der Mailänder Stukkateur Jean Baptiste Pedrozzi sein luftiges

Rankenwerk über Decken und Wände der Festsäle. Mit Unterbrechungen lief

diese Arbeit bis 1746, vorübergehend hielt sich der anspruchsvolle

Künstler wieder in Dresden auf. Seine sprühende Formenphantasie wird

sich dort noch verfolgen lassen, wie in Schloß und Hofkirche von

Bayreuth die von Martino Pedrozzi als geistesverwandt zu beobachten

ist. Ruhigeres, maßvoll abgestimmtes Rokokogezweig weist auf die

Rudolstädter Familie Johann Tobias Müller und Söhne zurück.

Als Holzbildhauer entwickelte sich Karl Adolph Kändler seit 1743

vom Gesellen bis 1756 zum Meister mit selbständig entworfenen,

schwungvollen Leistungen, besonders an den Türen der Festräume wie

an den Umrahmungen der großen Wandbilder in der Galerie und an

Prunkmöbeln. Er wurde Lehrmeister Martin Klauers.

An den Malerarbeiten beim Bau betätigte sich seit 1738 der Hofmaler

Johann Christoph Morgenstern als Porträtist, der Stammvater der noch

heute durch fünf Generationen bekannten Malerfamilie. Im Jahre 1741

trat als Maler der Dresdener Heinrich Klöffel auf. Karl Christlieb

Reinthaler arbeitete als Handwerker am Bau seit 1743 und dann als frei

schaffender Künstler bis 1769 an der Ausstattung. Die großen Wandbilder

der Galerie sind unter seiner Hand entstanden.

Leicht als Mensch, befangen im Zeitgeschmack, aber stolz auf seinen

»italienischen Gusto«, kam aus Würzburg und Bamberg laut Spezialbefehl

des Herzogs von Weimar der Historienmaler Leopold Deisinger, schrieb

sich gern Daysigner und bevölkerte 1743–1744 die französisch umrahmten

Stuckdecken mit Götterversammlungen aus der griechischen Sagenwelt. Im

Jahre 1747 übernahm der Dresdener Hofprospektmaler Johann Alexander

Thiele den Auftrag, vier Historienstücke zu liefern. Der Hofmaler

Johann Heinrich Ritter aus Gotha fertigte 1748–1751 Prospekte an.

Sechs große Bildnisse mit den dazu gehörigen Landschaften erbot sich

der Weimarer Maler Heinze zu liefern, er brauchte Mittel zu einer

Studienreise nach Holland. Johann Andreas Gottschalk in Altenburg

sagte zu, neun perspektivische Partien einschließlich drei Superporten

anzubringen, und am 1. Oktober 1755 versprach der Inspektor der

Dresdener Gemäldegalerie Christian Wilhelm Ernst Dietrich, bis »Moedio

Decempris« Superporten zu senden: »Waß die Ordinierung drauf ist, werde

selbige so Eindheillen alß mit Confersadions ala Wattau.«

Ein unterhaltender Abschnitt aus der Sitten- und Heimatgeschichte ließe

sich zusammenstellen über Fröner-, Soldaten- und Handwerkerleben auf

der Baustätte, über die Forstlieferungen, die Schillers Schwiegervater

leitete, über die Steinbrüche am Langenschäder Steig, in Großkochberg

und Kleingölitz, oder über die Schieferfuhren aus Lehesten, die von den

Bauern des Leutenberger Bezirks zu stellen waren.

Von den Kunsthandwerkern am Bau seien noch zwei genannt: der Schweizer

Johannes Feer, der seit 1715 privilegierter Stück- und Glockengießer in

Rudolstadt war, und sein Nachfolger seit 1759, der Nürnberger Johannes

Mayer, Schillers Lehrmeister im Glockenguß. Von jenem stammen die

Uhrglocken, von diesem 1770 das prachtvolle Dreigeläut im Turme.

Auch einen zeitgenössischen Schriftsteller hat das Rokokoschloß mit

seinen Kunstschätzen gefunden in Ernst Kämmerer, dem Hofmaler Ludwig

Günthers. Er, der die Natur seiner Heimat Rudolstadt bereits mit dem

Auge des Künstlers sah, zergliedert mit akademischen Theorien und

in altväterischer Sprache die Werke seiner Berufsgenossen. Wielands

Teutscher Merkur vom Jahr 1794 bringt aus seiner Feder mehrere

Aufsätze, die trotz aller Nüchternheit für das Erwachen der Heimatliebe

doch wertvoll sind.

* * * * *

Die Westfront des Schlosses trägt als Giebelschmuck den

schwarzburgischen Adler. Über den Fenstern des Obergeschosses setzen

sich fünf Trophäen aus Musikgeräten und Waffen zusammen, mit dem

Grundgedanken: Wer Friedenswerk treiben will, soll Kriegswehr bereit

halten!

Einen Dresdener Entwurf für die Gesamtfassade ersetzte der Rudolstädter

Kändler durch eine einfachere Lösung, die dem Wind und dem Wetter

weniger Angriffsstellen bot und gerade durch Ruhe und Ebenmaß der

Flächen vornehm wirkt.

Die Spruchtafel über dem Eingang verkündet:

~Anno MDCCLXXXVI. Arx Ludovico Gunthero principe sarta tecta

polita suum denuo nacta decus.~

(Im Jahre 1786. Unter der Regierung des Fürsten Ludwig Günther

wurde das Schloß ausgebessert, gedeckt und gestrichen, es

erhielt so von neuem sein schönes Aussehen.)

Soweit die Durchfahrt gotisch gewölbt ist, stammt sie noch vom alten

Bau. Nach dem Schloßhofe zu setzte der Neubau 1737 eine Doppelgalerie

vor, um Tiefe für die Festsäle im Obergeschoß zu gewinnen. Die Hoffront

des Westbaues ist stärker belebt durch Schmuck. Die Bekrönung des

geschweiften Giebels trägt auf einem Wappenschild den Namenszug ~FA~,

und die Spruchtafel darunter erinnert an die Vollendung des Rohbaues:

~Arce e cineribus resuscitata gratias deo agit princeps

Fridericus Anthonius cum voto velit eandem servare fovere

protegere. Anno MDCCXLI.~

(Nun, da die Burg aus der Asche wiedererstanden ist, sagt

Fürst Friedrich Anton Gott Dank und bittet ihn, er wolle sie

erhalten, hegen und beschützen. Im Jahre 1741.)

Ein Medaillon, einst echt vergoldet, zeigt das Brustbild des Fürsten

in Panzer und Allongeperücke. Das große Balkongitter, entworfen von

Krohne, geht zart vom Barock zum Rokoko über. Vier Kränze unter den

Kragsteinen deuten die Jahreszeiten an.

Der Grundriß des Treppenhauses ist schiefwinklig, die Fundamente

des älteren Baues schmiegten sich an die Felsschichten an. Der

Reliefschmuck an den Gewölben bewegt sich in reicher Formensprache.

In den Festräumen tut sich die Pracht des achtzehnten Jahrhunderts auf.

Märchenstimmung umzaubert den staunenden Blick. Griechisch-römische

Phantasie hatte Gestalten geschaffen, die noch als Sinnbilder bekannt

und geläufig waren, aber die alles beherrschende französische Hofsitte

schrieb ihnen die Bewegung vor. Das Gesellschaftsleben der eigenen Zeit

stellten die Künstler gern dar, aber unter dem Zwang des Vorbildes

von Versailles. Verlangen nach Natur und Sehnsucht nach Freiheit

lag dennoch in ihren Bildern, wenn das auch nur in Maskentrachten

und Schäferszenen zum Ausdruck kam. Aus fernen Zeiten, in fremden

Gestalten: berauschender Duft für nüchterne Gegenwart!

Im Roten Vorzimmer fällt ein lebensgroßes Reiterbild auf. Prinz

Wilhelm Ludwig von Schwarzburg war Türkenbekämpfer unter Prinz Eugen

und Oberst eines sächsischen Infanterieregiments in Freiberg. In der

Heimat wurde er bekannt als der naturliebende Stammvater der Familie

von Brockenburg, sein Bild fesselt aber auch allgemein das Auge als

Kostümstudie.

Ebenfalls aus der Frühzeit des achtzehnten Jahrhunderts stammt das

große »historische Stück«: Fürst Friedrich Anton nimmt mit seinen

Geschwistern eine Huldigung türkischer Abgesandter entgegen. Spitze

Schneegipfel überragen eine Hügelkette. Ein pomphafter Siegeszug

quillt aus dem engen Tale heraus. Zwei braune Orientalen überreichen

kostbare Gefäße, ein phantastisch aufgeputzter Ritter nimmt die

Gaben entgegen. Gelassen schauen die fürstlichen Herrschaften dem

fremdartigen Vorgang zu.

Zarte Rokokogewinde zieren die Decke des Gemachs.

Im Roten Durchgangszimmer ziehen zwei Familienbilder die Aufmerksamkeit

an. Sie sind Arbeiten des jüngeren Morgenstern. Auf dem kleineren

erscheint Fürst Friedrich Karl mit seinem Verwandtenkreis: für

Literaturkundige eine Illustration zu Schillers Briefwechsel aus den

Rudolstädter Jahren. Auf dem größeren steht der spätere Fürst Ludwig

Friedrich II. zwischen seinen Geschwistern in kindlicher Beschäftigung.

Beide Gemälde unterhalten durch peinliche Darstellung der Trachten und

Beigaben.

Als Paradeschlafzimmer war ursprünglich das Rote Eckzimmer eingerichtet

worden. Die Konsolen der Wandtische, die Rahmen der Spiegel und

Bilder, die Nischen mit züngelnden Rosetten, der Fries als Abschluß

der Wände und das Rankenwerk der Decke, sie zeigen, wie üppig freudig

sich Rokokoleben bewegt. Naturalistische Zweige mit Blumen und

Früchten, Laubgewinde in freier Entlehnung und kühner Verwandlung,

Wellen, Wolken, Flammen: alles schwelgt in übermütigen Linien. Auf die

Bestimmung des Schlafgemachs deutet das zarte Kaminbild hin, Venus

schwebt herab zum Träumer Endymion. Kräftiger wirkt das Deckengemälde,

Luna neigt sich auf Endymion, umgeben von Gestalten geistiger und

sinnlicher Liebe. Ein Schild mit den Initialen Johann Friedrichs

und Bernhardines erinnert an deren Vermählung 1744. Über der Tür zum

nächsten Saal schildert eine Kopie nach Lodovico Carracci die Liebe im

Goldenen Zeitalter.

Der Rote Saal erhält seinen Hauptschmuck durch acht Gemälde des

Allerweltkünstlers Dietrich. Zwei Allegorien, der Frühling verheißt

Freuden, der Herbst spendet Genuß, zierlich in der Zeichnung und süß

in der Farbengebung, muten an wie Porzellanmalerei in großen Maßstab

übersetzt. Das Gleiche gilt von zwei Schäferszenen. Die Sehnsucht nach

Natur liegt darin, aber der Weg zur Natur war noch nicht gefunden.

Kämmerer, der Kunstbeschauer und Kunsttheoretiker, vertieft sich in

diese beiden Gemälde: »In dem einen sind zwei Schäferinnen vorgestellt,

welche mit einigen Schafen im Vordergrunde einer felsichten Landschaft

ruhen. Eine Schäferin, mit einem rosenfarbenen Unterkleide und einem

grünlichgelben Obergewande, welches in den Tiefungen der Falten

grauviolette Schattierung hat, sitzt auf einem Felsen und wendet ihr

Gesicht seitwärts auf die neben ihr stehende Person, indem sie auf ein

nacktes Kind hinzeigt, das auf der anderen Seite neben ihr am Felsen

mit einer Girlande spielt. Jene Person hat ein blaues Unterkleid und

einen braunen Mantel; sie legt sich mit dem Arm auf den Felsen und hat

einen Schäferstab in der Hand.

Neben ihr steht ein Schaf, welches die Gruppe ausfüllt. Ganz vorn im

Vorgrunde auf der linken Seite liegen drei Schafe und ein junges Lamm,

auf der rechten aber ein blaues Tuch mit einem Becher. Zwischen diesen

beiden Personen befinden sich in einiger Entfernung hinter dem Felsen

zwei andere, davon die eine auf einem Instrumente spielt; die vordere

ist blaugrün und weiß, die hintere hellrot und weiß gekleidet. Ihre

Wirkung ist, daß sie die Hauptgruppe verbinden, und durch Zeichnung und

Lokalität der Farben in der Landschaft die so angenehme Perspektive

befördern. Neben diesen beiden Figuren erhebt sich ein buschiger Baum

aus dem Schatten in die helle Luft hinauf. Hinter dem Baum sehen zwei

ferne Felsen in rötlichem Tone der Abendluft vor, mit einem schönen

Gewölke, das sich seitwärts von dem Felsen herüber zieht und das

Gleichgewicht in die Landschaft bringt.

Das andere Gemälde schildert die Liebe in der Person einer jungen

Schäferin, welche ihrem Geliebten einen Kranz aufsetzt. Sie sitzen in

dem Vorgrunde einer hohen felsichten Landschaft. Vor ihnen liegen zwei

niedliche Lämmer, ein weißes Tuch, einige Blumen und ein Hirtenstab.

Der Schäfer hat ein gelbes und braunes Gewand, die Schäferin ein weißes

und gelbes Unterkleid und einen blauen Mantel mit rosenfarbenem Futter,

der von ihren Achseln auf den Felsen, wo sie sitzt, heruntergefallen

ist. Der Vorgrund ist mit Gras, Kräutern und Blumen verziert; an der

Seite der Schäferin steht ein junger Rosenstock.

Im Hintergrunde erhebt sich eine Felsenwand, mit Bäumen und Gesträuchen

bewachsen, an welcher ein Mädchen von einem dünnbelaubten Aste, der

sich zu ihr herunter streckt, Zweige abbricht, die sie zu dem Kranz des

Schäfers holt. Sie kniet mit einem Bein auf einem Felsenstück und hat

grauviolette und braune Kleidung.

Neben ihr stehen zwei Schafe, davon eins, mit vielem Ausdruck in der

Zeichnung und Stellung, in das Tal hinunter blökt. Einige ferne Berge

sehen aus dem düstern Tale hervor, welche sich oben in das Dunstige der

bläulichen Luft verlieren.

Auf der Heidecksburg · 第 2 / 4 段