Verlobungs- und Ehefragen ihrer Töchter erforderten feinen T

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Buches.

[Illustration: Cover]

Rein / Auf der Heidecksburg

Thüringer Heimatbücher

Veröffentlichungen des Thüringer Heimatbundes

Band 3

Berthold Rein

Auf der Heidecksburg

[Illustration]

1·9·2·6

Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)

Berthold Rein

Auf der Heidecksburg

[Illustration]

1·9·2·6

Der Greifenverlag zu Rudolstadt (Thür.)

Ausstattung von Willi Geißler

»Rudolstadt ist eine der schönern und sehr schönen Gegenden

Deutschlands; ich habe es in allen Jahreszeiten gesehen.«

Wilhelm von Humboldt, 2. Januar 1827

Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Greifenverlag Rudolstadt 1926.

Gedruckt von Mänicke & Jahn A.-G., Rudolstadt, in der Ehmcke-Fraktur.

Buchbinderarbeit ebenfalls von dort.

[Illustration: Heidecksburg]

Vorwort

Wissenschaftlich oder künstlerisch aufmerksame Besucher von nah

und fern stellen nicht selten Fragen nach Personen, Örtlichkeiten,

Geschichts- oder Kunstdenkmälern auf der Heidecksburg. Die Heimatkunde

vermochte bisher wohl allgemeine Auskunft zu erteilen, das Schloß

mit seinen geistigen Beziehungen war aber doch nur wenig in der

Öffentlichkeit bekannt geworden.

Wenn auch die Fürstin Elisabeth zur Lippe bei ihren Lieblingsstudien

in Familien- und Kunstgeschichte vieles festgestellt hatte, so ging

das doch nur selten über die Zeiten ihrer persönlichen Erinnerungen

zurück. Mehreren Hofbeamten hatten die Pflichten ihres Dienstes

nahegelegt, sich um die historische Bedeutung einzelner der ihrer

Obhut anvertrauten Schätze zu bekümmern. Dankbar erkenne ich diese

Vorarbeiten an.

Seit mir die Aufgabe zufiel, zuerst im Auftrag der Güntherstiftung

und dann im Dienst der Thüringischen Regierung, die Sammlungen der

Heidecksburg zu beaufsichtigen und an ihrer Erhaltung zu tun, was unter

den trüben Verhältnissen der Gegenwart möglich ist, trafen oft Anfragen

von wissenschaftlichen Anstalten, Kunstvereinen und Gelehrten aus

dem In- und Auslande ein, die ohne genauere Kenntnis der Archivakten

nicht zu beantworten waren. Deshalb war es nötig, planmäßig zunächst

im Staatsarchiv alles zu suchen, was Aufschluß über die Kunstwerke

geben konnte, dann aber auch in Verbindung mit der Verwaltung anderer

Schlösser und Archive zu treten. So ist es jetzt zum Beispiel möglich,

von dem Ende des sechzehnten bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts

56 Maler zu unterscheiden, deren Werke vorhanden waren oder sind und in

Beziehung zur thüringischen oder auch deutschen Kunstgeschichte stehen.

Mit Architektur, Bildhauerei und Kunstgewerbe verhält es sich ähnlich.

Aus dem, was von den Ergebnissen dieser Arbeit zunächst vielleicht die

Aufmerksamkeit eines größeren Leserkreises erwarten kann, lege ich

hiermit eine kleine Auswahl vor.

Daß mich dabei Liebe zur Heimat geleitet hat, hoffe ich nicht besonders

versichern zu müssen. Aus der Bekanntschaft mit der Vergangenheit kann

für die Zukunft treue Erinnerung hervorgehen.

Der Verwaltung des Staatsarchivs bin ich für nie ermüdende Geduld

und dem Greifenverlag für unbekümmerten Wagemut zu großem Danke

verpflichtet.

Rudolstadt, Ostern 1926.

Dr. Berthold Rein.

Frühgeschichte der Burg

Im Jahre 640 gründete der Herzog Rudolf von Thüringen auf einem

felsigen Berge das Haus Rudolstadt. So behauptet die Sage.

Eine Urkunde aus dem Anfang des neunten Jahrhunderts verzeichnet unter

den Gütern des Klosters Hersfeld den Ort Rudolstadt und meldet, daß

dort auch Slawen wohnen.

Den unstet wandernden Viehzüchtern der sorbischen Stämme war an der

Saale Halt geboten worden. Einzelnen von ihnen, die sich zu seßhaftem

Leben entschlossen, räumten die deutschen Ackerbauer Wohnplätze neben

ihren eigenen Gütern ein, wo sie als Viehknechte gute Dienste leisteten.

Eine lange Burgenkette von Eichicht bis Naumburg sicherte die Grenze,

Burgvögte sorgten für Ordnung ringsum und erweiterten ihre Gebiete

allmählich ostwärts über die Saale. Das feste Haus Rudolstadt lag dem

Waldland der Heide gegenüber und mag davon seinen Namen empfangen haben.

In der Zeit um 900 vermachte ein Rudolstädter namens Bikko dem Kloster

Fulda eine Schenkung, vermutlich das Fischerstal im Norden des Hains,

das noch im achtzehnten Jahrhundert das Fuldental heißt.

Urkunden des dreizehnten Jahrhunderts nennen als Zeugen für Verträge

drei Pfarrer, Bruno, Heinrich und Hermann, von Radolvestat. Die

Umgegend war bereits reich besiedelt, wie die vielen Dorfnamen im Tal

und auf den Nachbarhöhen beweisen.

Aus Burgvögten, die ihren Amtssitz auf den festen Häusern hatten,

wurden allmählich erbliche Burgherren als Lehensleute höherer

Machthaber, der Thüringer Landgrafen. Da Geldverkehr im Mittelalter

spärlich war, traten bei Unternehmungen, die größere Summen

erforderten, Verpfändungen oder Verkäufe auf Wiederkauf von Landbesitz

ein, und so hören wir, daß auch Haus und Stadt Rudolstadt wiederholt

aus einer Hand in die andere gingen.

Am 29. November 1264 überließ der Graf Hermann von Orlamünde dem

Erzbischof Ruprecht von Magdeburg sein gesamtes Eigentum, dabei auch

Rudolstadt mit zwei Schlössern. Diese, das »niedere« und das »hohe«

Haus, wechselten nach der Zeit mehrfach ihre Besitzer aus den Reihen

der Orlamünder und der Schwarzburger Grafen, die benachbart und

untereinander verschwägert waren.

Die Schwarzburger Günther und Heinrich gaben am 20. Februar 1306

Rudolstadt, das niedere Haus und alles, was dazu gehörte, für

neuntehalbhundert Mark dem Orlamünder Otto in Zahlung. Aber schon am

21. Januar 1334 gingen das obere und das untere Haus samt den damit

verbundenen Stadtteilen in die Verwaltung Heinrichs X. von Schwarzburg

über, und nach dessen Tode fiel 1340 Rudolstadt mit dem orlamündischen

Erbe an seine Söhne, die Grafen Heinrich XII. und Günther XXV. Seitdem

ist es schwarzburgisch geblieben.

Während der Fastenzeit 1345 drang im Thüringischen Grafenkrieg ein

Heereshaufe Landgraf Friedrich des Ernsthaften in Rudolstadt ein,

plünderte und brannte es nieder, dabei gingen auch das Rathaus und die

beiden Schlösser in Flammen auf.

Wo das niedere Haus, die untere Burg, gestanden hat, läßt sich

erschließen. Die Grenzen der Grundstücke und der alte Schloßweg

geben den Hinweis dazu. Dieser, der heutige Schloßaufgang VI, in

mehreren Jahrhunderten wiederholt erweitert, trägt die Merkmale eines

mittelalterlichen Burgwegs und hat vor der Stelle, wo heute das

Torgebäude steht, scharf nach rechts umgebogen, um über den Felsen die

spitze Bergecke zu erreichen, die jetzt vom Schloßgarten verdeckt wird.

Hier, von dieser schmalen Felsrippe aus, konnte die Burg über die weite

Saalaue und das enge Tal des Wüstenbaches die Wache halten. Als ihre

Zeit vorüber war, lagen die Trümmer noch lange umher. Graf Wolrad von

Waldeck besuchte sie 1548 als Sehenswürdigkeit, und nachdem sie bereits

in den gewaltigen Mauern der Schloßgartenterrassen aufgegangen waren,

hieß eine Stelle am Südabhang 1669 noch »unter der alten Burg«.

Unmittelbar am Fuße der steilen Höhe schob sich der Pfaffenhügel

flach gegen die Talsohle vor. Er trug die Kapelle Sankt Andreas, den

Mittelpunkt der deutsch-sorbischen Altstadt. Diese lief am Ufer des

Wüstenbaches entlang und dehnte sich um drei Gutshöfe schließlich bis

zur heutigen Brückengasse aus.

Das obere Haus stand eine Felsstufe höher, am Ostende des heutigen

Schloßhofes. Der Fahrweg zu dieser Burg zweigte an der Krümmung

des älteren Burgwegs ab, lief dann noch ein Stück am Südabhang des

Berges weiter und bog schließlich scharf und steil nach rechts um.

Seine letzte Strecke im heutigen Schloßtunnel erinnert noch an

mittelalterliche Wegeführung und an die Leistungen, die man früher,

namentlich mit schwerem Fuhrwerk, Menschen und Tieren zumutete. Die

Baustelle dieser oberen Burg hat wiederholt tiefgreifende Veränderungen

erfahren, zuletzt im Jahre 1823 durch Anlage der Terrassenbauten, die

mit Treppen und Reitwegen zum Schloßgarten hinunterführen.

Das obere feste Haus, auch noch von den Orlamündern gebaut, schirmte

die deutsche Stadt unmittelbar am Südfuße des Schloßberges. Ihre

älteste Hauptstraße, die heutige Stiftsgasse und Kirchgasse, begann am

Alten Tore vor dem Hause Stiftsgasse 44 und endete an der Stadtmauer

bei der Kleinen Badergasse. Erst im Kampfe mit der Saale wuchs die

Stadt nach Süden zu in die Breite. Ihr Gotteshaus war die Kapelle

»Sente Elißabeth gelegin uff dem Martte«, an der Ecke der Ratsgasse.

Das Leben der Burggrafen spielte sich durchaus nicht immer in der

engsten Heimat ab. Landespolizei auszuüben und Güter zu verwalten

überließen sie daheim ihren Beamten, während sie selbst Einkünfte und

Ehren im Dienste größerer Herren suchten.

Von Heinrich X. hören wir, er war Kriegsrat Kaiser Ludwigs des Bayern

und erwarb sich Verdienste in den Kämpfen des Deutschen Ritterordens

gegen die Polen. Einen Bau auf dem oberen Hause in Rudolstadt ließ er

aufführen. Sein Bruder war Günther zu Blankenburg, der als Deutscher

König 1349 in Frankfurt an Main starb.

Heinrich XII. begleitete den Gegner seines Oheims, Karl IV., auf

dessen Krönungszuge nach Mailand und Rom. Sein eigentlicher Wohnsitz

war Sondershausen, während sein Bruder Günther in Arnstadt residierte.

Beide bezogen aber auch zeitweise die Heidecksburg.

Günther XXVIII. erbte zwar Rudolstadt, wohnte aber auf Ranis. Sein Amt

als kaiserlicher Hofrichter führte ihn oft in die Ferne, so 1414–1417

auf das Konzil zu Konstanz, wo er starb.

Heinrich XXIV. hielt nur vorübergehend auf dem Hause Rudolstadt

Hof. Er war, wie sein Bruder Günther, der Erzbischof von Magdeburg,

zunächst Priester geworden, verließ aber den geistlichen Stand, um das

schwarzburgische Erbe anzutreten, und zeigte dann erst seine wahre

Natur als streitbarer Held. Sechs Feldzüge gegen die Hussiten führte er

als Amtmann im Vogtland.

Heinrich XXVI. verschrieb seiner Gemahlin Elisabeth von Cleve Schloß

und Stadt Rudolstadt als Witwensitz. Er ließ 1434–1448 ein neues

Schloß mit drei Flügeln aufführen. Die Nordwand des heutigen Marstalles

mit dem turmartigen runden Vorsprunge kann aus dieser Bauzeit stammen.

Vier Söhne Heinrichs XXVI., die den Namen Heinrich trugen, wurden

Geistliche. Der älteste von ihnen starb als Erzbischof von Bremen

in Münster, der zweite war Provisor des Eichsfeldes und endete als

fehdelustiger Kämpe in Bremen. Der dritte liegt als Dompropst in

der Stiftskirche von Hildesheim begraben, und der vierte starb als

Subdiakonus in Straßburg. Drei andere Söhne erhielten den Namen Günther

und führten das weltliche Regiment in der Heimat fort.

Der älteste von ihnen, Günther XXXVI., trat von Rudolstadt aus seine

Palästinafahrt mit dem sächsischen Adel an, zog sich dann auf die

Heidecksburg zurück und starb hier 1503.

Günther XXXVIII. war 1450 in Rudolstadt geboren, hielt sich jedoch bald

von der Heimat fern. Der jüngste, Günther XXXIX., bekleidete das Amt

eines Statthalters von Bremen, erbte dann aber die schwarzburgische

Herrschaft und erhielt 1518 zu Augsburg von Kaiser Maximilian die

Bestätigung seiner Würden und Rechte. Mit sächsischer Hilfe schlug er

1525 den Bauernaufstand bei Stadtilm nieder. Er wird als demütig und

leutselig gerühmt im Verkehr mit seinen Untertanen. Zur Reformation

konnte er sich nicht verstehen, da er jeder Neuerung abhold blieb.

[Illustration: Torhaus]

Sein Sohn Heinrich XXXII. hatte die fromme und sanfte Natur des Vaters

geerbt, doch erzeugte seine Neigung zur evangelischen Lehre ein tiefes

Zerwürfnis zwischen beiden und wurde die Ursache, daß er in eine Art

Verbannung von Arnstadt nach Rudolstadt ziehen mußte. Hier durfte er

sich, ohne daß es der Öffentlichkeit auffiel, Privatgottesdienst nach

der neuen Form in der Andreaskirche einrichten. Als sein Vater starb,

zog er nach Arnstadt zurück und ließ der Reformation freien Lauf bis

zu seinem Tode 1538. In dem Ehevertrag hatte er seiner Gemahlin die

Ämter Rudolstadt und Blankenburg gesichert für den Witwenfall. Das Haus

Blankenburg, der Greifenstein, war ganz baufällig, das Haus Rudolstadt

hatte nur Umbauten nötig. Die Erinnerungen an drei gute Jahre ihrer

jungen Ehe zogen nun die junge Witwe hierher.

Katharina die Heldenmütige 1509–1567

Noch nicht sechzehn Jahre alt hatte sie die Henneberger Heimat

verlassen, um dem Schwarzburger zu folgen, mit siebzehn Jahren war sie

Mutter geworden, nun mußte sie als neunundzwanzigjährige Witwe ihr

Schicksal selbst lenken. Zwei Töchter waren ihr am Leben geblieben, ein

Kind erwartete sie. Warmes Herz, klarer Blick und kräftige Hand standen

ihr zu Gebote.

Das Bild Katharinas würde wohl in dem Dämmerschein der Vergangenheit

verblaßt sein, wenn nicht Schillers Aufsatz vom Frühstück auf dem

Schlosse zu Rudolstadt es wieder an das Licht gerückt hätte. Der

einzige ursprüngliche Zeuge für die seltsame Begebenheit ist Cyriacus

Spangenberg, einer ihrer vielen Schützlinge. Sein Werk »Adelsspiegel«

war schon für Schiller nicht erreichbar und wird heute sehr selten

sein. Deshalb lohnt es sich vielleicht, sein Zeugnis im Wortlaut

wiederzugeben.

»Hierbei will ich nur noch eine mannlich beherzte Tat einer deutschen

Fürstin erzählen, wie ich die aus derselben eigen Munde Anno 1552

gehöret.

Im Schmalkaldischen Kriege 1547 hat sichs zugetragen, als Kaiser Karl

wieder aus Sachsen durch Thüringen nach dem Franken- und Schwabenland

gezogen, mit den beiden gefangenen Fürsten, Herzog Johann Friedrich,

Kurfürst zu Sachsen, und Landgraf Philipp zu Hessen, daß die Gräfin

von Schwarzburg auf Rudolstadt, Frau Katharina, geborne Fürstin von

Henneberg, Witwe, für ihre armen Untertanen Salvaguardien ausgebracht,

damit dieselbigen an Viehe und Gütern für den durchziehenden Kriegsvolk

unbeschädigt bleiben möchten. Hat dagegen sich erboten, damit auch

das Städtlein Rudolstadt unbeschweret bleiben möchte, um ziemliche

Bezahlung Brot und andere Speis und Trank heraus an die Saalbrücke zur

Notdurft zu verschaffen, wie denn auch geschehen. Doch hat sie die

Brücke einen guten Weg weiter von dem gewöhnlichen Ort vom Städtlein am

Wasser hinab über die Saale schlagen lassen. Mittlerweile haben ihre

armen Leute, was ihnen sonst lieb, aufs Schloß Rudolstadt aus dem Wege

geflöhet. Und haben im Vorüberzuge Herzog Heinrich von Braunschweig

beneben seinen Söhnen und der Duc de Alba an gedachte Gräfin werben

lassen, das Morgenbrot bei ihr zu nehmen. Darauf sie zur Antwort geben,

daß sie mit ihren Personen wohl zufrieden wäre, hätte aber ein schlecht

gering und ungebauet Haus, darauf jetzigerzeit viel schwangere Weiber,

Sechswöchnerinnen und Kinder von ihren Untertanen aus Furcht gewichen,

wollte aber für sie wohl Raum finden und gerne mitteilen, was das Haus

vermöchte. Doch darneben gebeten haben, damit fürlieb zu nehmen und

auch die Verschaffung zu tun, daß ihre armen Leute der ausgebrachten

Salvaguardi genießen möchten. Hat aber insonderheit den Herzog von

Braunschweig durch einen ihrer Gesandten, der sie auf das Schloß

bringen sollte, bitten lassen, ihre Gelegenheit und Zustand als einer

Witwe zu bedenken und daran zu sein, daß nicht zuviel Gesindes mit

aufs Haus kommen, noch sie, derweil sie sich diesmal so eilend keiner

Gäste versehen, zu hoch überladen werden möchte. Wollte sie die Herren

gerne haben und ihnen tun, was ihr Vermögen, doch dem Gesinde, so sie

mitbringen würden, im Städtlein auch ihre Notdurft verschaffen.

Hierauf gedachte Herren zu ihr auf das Haus kommen, denen sie auf eine

Eile ziemliche gute Ausrichtung getan. Sie hat aber, alsbald ihr der

Fürsten Zukunft zuentboten worden, ihre Junker in der Nähe eilends zu

sich beschieden, beneben etlichen Schultheißen, wiewohl der Junker

allbereit viel bei ihr auf dem Hause, dahin sie denn auch ihr Weib und

Kinder geflöhet gehabt, gewesen. Unter der Mahlzeit aber kömmt ihr die

Botschaft, daß die Spanier ungeachtet der Salvaguardien in etlichen

Dörfern ihren armen Leuten das Viehe mit Gewalt genommen und mit sich

davon getrieben, welches sie gar heftig bewegt, wie sie dann auch ein

großmütiges Weib gewesen. Derwegen alsbald allen, die bei ihr auf dem

Hause gewest, heimlich befohlen, sich mit ihrer besten Rüstung und

Wehre gefaßt zu machen und auf der Fürsten Gesindlein Achtung zu geben,

daß keins aus dem Hause komme, und derenwegen Tor und Pforten wohl in

acht zu nehmen. Ist darnach wieder zu den Fürsten in das Gemach, da sie

Mahlzeit gehalten, gangen und ihnen mit bewegtem Gemüt geklagt, wie es

ihr und ihren armen Leuten ergehe über gegebene Sicherung. Dessen die

Herren denn freundlich gelacht, sie heißen zufrieden sein und gesagt,

daß in dergleichen Zügen ein solches nicht allerdinge noch allezeit

so gar könnte verkommen werden. Darüber sie bei ihr selbst unmutig

worden und begehret, sie wollten daran sein, daß ihre armen Leute ihr

Viehe wieder bekommen möchten, oder es müßte Fürstenblut gelten für

Ochsenblut. Welche Rede die Herren erstlich in Scherz geschlagen und

sie vertröstet zu versuchen, das abgetriebene Viehe, wo nicht alles

doch einsteils wieder zu bekommen. Damit sie aber nicht zufrieden

gewesen, sondern begehret, alsbald dran zu sein, daß ihren armen

Untertanen ihr Viehe wieder werden müßte.

Da sie nun einen aus ihrem Mittel hienach senden wollen, das Viehe

wieder zurückzubringen, hat sie befahret, es möchte derselbige dieses

ihr angefangenes ernstes Werk und harte Wort dergestalt und mit solcher

Unbescheidenheit bei andern fürbringen, daß beide ihr und ihren armen

Leuten ein Argers draus entstehen möchte, und derentwegen nicht zugeben

wollen, daß der Herren einer oder auch jemand von ihrem Gesinde

abgesandt würde, sondern darauf gedrungen, schriftlich das Viehe wieder

abzufordern, wollte sie von den Ihren etliche darzu abfertigen. Und

hat auch mit angehänget, daß ihr keiner von dem Hause kommen sollte,

sie wüßte dann gewiß, daß sie ihr Viehe wiederbekäme. Und im Fall,

daß darüber etwas Gewaltsames von ihnen sollte fürgenommen werden,

sollte ihr keiner lebendig vom Hause hinwegkommen. Und hat darauf

ihre gewappneten Leute ins Gemach mit ihren Wehren hereintreten und

allda aufwarten heißen, dessen denn der Duc de Alba nicht ein wenig

erschrocken. Der Herzog von Braunschweig aber sich nichts merken

lassen, sondern solches alles ihr zum besten gedeutet als einer solchen

Landesmutter, die sich ihrer armen Leute billich mit Ernst annehmen

und die nicht gerne verderbt wissen wollte, sie freundlich angeredet,

sie sollte sich zufrieden stellen, es sollte der Sachen bald Rat

geschafft werden. Und beneben dem Duc de Alba ein kurz ernstliches

Schriftlein mit ihrem Handsigill gefertigt mit Anzeigung, was für

Gefahr denen darauf stehen würde, so wider gegebene Salvaguardi das

Viehe abgetrieben. Und haben solchen Zettel der Gräfin auf ihr Begehren

zum besten zu bestellen übergeben, welchen sie denn auch durch die

Ihrigen eilend abgefertigt. Aber die Herren nicht weglassen wollen, bis

einer schnell zurück kommen und die Botschaft bracht, daß den Bauern

ihr Viehe wieder worden. Darauf sie den Fürsten zum höchsten gedankt,

dieselbigen ihr aber bei ihren fürstlichen Ehren zusagen und versichern

müssen, solches, was sie aus dringender Not tun müssen, weder an ihr

noch den Ihren zu eifern noch zu rächen. Und hat Herzog Heinrich dieses

ernsten Scherzens darnach wohl lachen müssen, auch die Gräfin darum

gelobet. Und sind also endlichen mit Frieden in gutem voneinander

geschieden.«

Bald nach jenem Ereignis sollte die unerschrockene Frau Gelegenheit

haben, als Beschützerin des evangelischen Bekenntnisses dem Willen

des fanatischen Kaisers selbst zu trotzen. Heimatschriftsteller des

siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts erzählen gern davon.

Der Saalfelder Pfarrer Kaspar Aquila, ein tätiger Gehilfe Luthers bei

der Bibelübersetzung, war gegen das Augsburger Interim aufgetreten

und wurde bei Karl V. verklagt, so daß dieser eine Prämie von 5000

Gulden auf seinen Kopf setzte. Die Saalfelder ersuchten die Gräfin,

den Bedrohten auf einige Zeit in Verwahrung zu nehmen. Sie ließ

einen Kutschwagen bis vor Saalfeld fahren. Der Magistrat holte den

standhaften Prediger in seinem Hause ab und begleitete ihn durch das

Blankenburger Tor.

»Als die Frau Superintendentin damals beim Schießteiche ihre Tücher und

Bettgewand gewaschen, erschrickt sie heftig über solchen Aufzug und

fragt mit bestürztem Gemüte: Ei, daß Gott walte, wo wollt ihr meinen

lieben Herrn hinführen? Darauf er sie mit den Armen umfangen und ihr

mit folgenden Worten einen Kuß gegeben: Liebe Hausmutter, gehab dich

mit den Kindern wohl! Bittet Gott für mich und gebet mir fleißig acht

aufs Häusel! Darauf steiget der Herr Superintendent in Gottes Namen

auf den Wagen und fähret geschwind fort auf den Hain zu.

Zur Losung hatte die Gräfin dem Kutscher ein weißes Tuch mitgegeben,

damit er es, wenn er nahe an das Schloß komme, zu einem Zeichen

auswerfen sollte. Als solches geschehen, verschickte die Gräfin all

ihr Hofgesinde hin und wieder in die Stadt, bis auf einen Einzigen,

ihren Schneider, und logiert Herrn Aquilam in aller Stille in einem

Oberstüblein. Hat die teure Wohltäterin über der Tafel etwas Köstliches

gehabt, hat sie dieses gesagt: Gehe hin und bringe mir das dem kranken

Mann! Da denn mehrgedachter Schneider schon gewußt, wem solch Essen

zugehöre.

Wenn die Gräfin zu gewissen Zeiten den Aquilam in seinem Stüblein

besucht und denselben gefragt: Herr Aquila, wie stehts, was macht Ihr

Gutes? hat er geantwortet: Gnädige Fürstin und Frau, da sitze ich und

lese in meinem Psalterbüchlein die Worte: Deine Kinder werden um deinen

Tisch sitzen wie die Ölzweige! Da fällt mir ein Zähren nach dem andern

auf die Bibel.

Als nun die Gräfin gedacht, sie vermöchte als eine Witwe den Aquilam

nicht länger bei sich behalten, hat sie an ihre Herren Brüder

geschrieben und sie gebeten, daß sie doch den Aquilam zu sich in

Verwahrung nehmen und von ihr abfordern lassen wollten.«

Lorenz Ritter, Poet und Priester in Blankenburg, besang die Gräfin:

~Sic Aquilam texit, qui propter dogmata Christi,

Non, sibi commissa, tutus in orbe fuit,

Sic alios etiam defendit saepe fideles

Constantesque viros. En pietatis opus!~

So hat sie den Aquila beschützt, der wegen der Lehre Christi,

die ihm anvertraut war, in der Heimat nicht sicher lebte,

Ebenso verteidigte sie auch oft getreue

und standhafte Männer. Sehet, welch ein Werk der Frömmigkeit!

Über die Lebensereignisse und die Geistesart der heldenmütigen Frau

ist manches aus den Archiven bekannt geworden, manches wird noch

darin schlummern. Als Landesherrin bestand sie herzhaft auf ihren

Rechten gegenüber Gebietsnachbarn, die gar nicht immer ritterlich

gegen sie handelten. Dann fand sie aber bei den sächsischen Herzögen,

voran bei Johann Friedrich dem Großmütigen, gute Obervormundschaft.

Freimütig wie in Alltagsfragen verhielt sie sich in ihrem Bekenntnis

zur Reformation, was gar nicht immer leicht war, zumal geistliche und

weltliche Rücksichten zu ihrer Zeit noch vielfach ungeklärt einander

durchkreuzten.

Die Schwarzburgischen Besitzungen verursachten leicht

Verdrießlichkeiten, da Nutzungsrechte der Verwandten an Bergwerk,

Weinwachs, Jagd und Fischfang auf gemeinsamen Gebieten nebeneinander

liefen. Sie verteidigte dann diplomatisch klug die Ansprüche ihrer

Kinder, nicht ohne zartes Gefühl für Billigkeit.

Die Verwaltung ihrer Ämter Blankenburg und Rudolstadt nahm sie in die

Hand wie die Herrin eines großen Gutes, und sie griff zu, lenkte selbst

und sah persönlich nach dem Rechten.

Verlobungs- und Ehefragen ihrer Töchter erforderten feinen Takt, und

sie bewies ihn in mütterlicher Liebe wie in vorbildlichem Verhalten

ihren Schwiegersöhnen gegenüber, deren feinsinnigster, Graf Wolrad von

Waldeck, ihr in seinem Tagebuch ein rührendes Denkmal setzte.

Wissenschaft und Kunst haben schon Verlangen gehabt, etwas von der

äußeren Erscheinung der Gräfin zu erfahren. Ein Bild von ihr ist nicht

aufzufinden, und sollte es noch vorhanden sein, nicht mehr nachzuweisen.

So bleiben als Äußerungen ihres Geistes ihre Briefe übrig. Katharina

führte eine gewandte Feder, versäumte keine höfische Form, ließ aber

darunter ihr Gemüt nicht ersticken, und ihre hennebergische Mundart

klingt heimelig hindurch, auch der Goldglanz des Humors schimmert

zwischen den Zeilen.

Bilder von der Szene Fürstenblut für Ochsenblut! sind entstanden in

der Zeit, da man historisch-theatralisch malte, aber unser nüchternes

Urteil sucht Wahrheit. Auch die Dichtung hat sich mit dem Vorgang

beschäftigt und tut das heute noch, aber fern von Wahrscheinlichkeit.

Freunde der Graphologie mögen die Schriftzüge deuten, auch wenn sie

hier nur stark verkleinert zu bringen sind. Sie bilden den Schluß eines

Briefes an ihren Bruder.

[Illustration]

Euer Liebden treue schwester

Catarina etc.

Nur zu einer allgemeinen Vorstellung von der Gestalt der Gegnerin Albas

kann uns das verhelfen, was man 1875 vorfand, als ihr Grab in der

Stadtkirche aufgedeckt wurde. Ihre Größe betrug nicht ganz 1,70 Meter,

und ihre Ringe, Weite 17, entsprechen einer kräftigen Frauenhand. Es

sind drei fadendünne Reifen, zwei aus Silber, einer aus Gold, die samt

Resten von brauner Seide und gemustertem Sammet in der Heidecksburg als

Reliquie aufbewahrt werden.

* * * * *

Im Jahre 1572 erbte Graf Albrecht VII. die Ämter Rudolstadt

und Blankenburg, er wurde in der Folge Stifter der Linie

Schwarzburg-Rudolstadt und Stammvater dieses Fürstenhauses.

Kaum hatte er seine Residenz bezogen, als am 27. März 1573 das

Schloß niederbrannte. In seiner Jugend hatte er auf deutschen und

italienischen Universitäten studiert, dann am Hofe des Prinzen Wilhelm

von Oranien gelebt und Kriegsdienste bei dem Könige von Dänemark

genommen. Was er dabei an Schloßbauten als schön und zweckmäßig

kennengelernt hatte, wird ihm nun bei dem Neubau seines Hauses

vorgeschwebt haben. Schon nach drei Jahren konnte er die Gräfin Juliane

von Nassau, die Schwester des Oraniers, als Herrin in sein neues Heim

einführen. Auch seine zweite Ehe mit der reichbegüterten und heiteren

Pfälzerin Elisabeth von Leiningen-Westerburg wird nicht ohne Einfluß

auf die Ausstattung der Heidecksburg geblieben sein.

Bauteile dieser Periode dürften in den Untergeschossen des heutigen

Südflügels und Westflügels zu suchen sein, und was von Schmuckformen

die Zeit und neue Schadenfeuer überdauerte, fand pietätvolle

Verwendung, so die schöne Portalumrahmung mit den fünf Statuen der

Fürstentugenden vor dem Doppeleingang des Nordflügels.

Die Bautätigkeit Albrechts VII. setzten seine Söhne fort. Unter Graf

Karl Günther wird das Reithaus die Form angenommen haben, die es noch

heute im wesentlichen zeigt. Auch das Gebäude der Landesschule, heute

Landesbibliothek, war sein Werk. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß

der Pädagog Wolfgang Ratich in Karl Günthers Schloß Aufnahme fand

als Lehrer bei den Sprachstudien seiner Gemahlin Anna Sophie, einer

geborenen Prinzessin von Anhalt.

Reiche Bautätigkeit entfaltete der zweite Sohn, Ludwig Günther, als

er 1630 den Bruder beerbte. Trotz Schrecken und Nöten der Kriegsjahre

führte er in glänzender Weise die Erneuerung der Stadtkirche aus. Bis

an die Schwelle des Greisenalters war er ledig geblieben, da führte das

Schicksal eine stattliche blonde Gestalt in sein Haus zur Feier einer

Taufe, die ein verwandtes Ehepaar hier ausrichtete. Amilie Antonie

von Oldenburg-Delmenhorst gab rasch entschlossen seiner Werbung nach

und bewährte sich bald als geistiger Mittelpunkt eines werktätigen

und ernst religiösen Lebens im Zeitalter Speners und im Sinne August

Hermann Franckes.

Von 1639 bis 1646 schenkte sie ihrem Gatten vier Töchter und einen

Sohn, dann zog sie, die Tochter der weiten norddeutschen Ebene, als

Witwe in das enge Waldtal von Leutenberg. Dort stand ihr als Wittum die

Friedensburg zu. Mit weitem Blick und in fleißigem Tagewerk verwaltete

sie ihre Güter. Ihre Kinder, dazu ihre Pflegetochter Amilie Juliane

von Barby, erhielten unter ihrer Aufsicht eine musterhafte Erziehung

für das tägliche Leben und eine wissenschaftliche Bildung, die der

Zeit weit vorauseilte. Ihre Liebe für Kunst und Handwerk bewies sie in

Aufträgen, soweit sie nur mit ihren Mitteln ausführbar waren, und mit

der Bevölkerung wuchs sie zusammen in Freud und Leid der drangvollen

Jahre. Lehrer ihrer Kinder, Geistliche in ihrer Nähe, Beamte ihres

Haushalts, ein geschlossener Kreis Gleichgesinnter, gehören der

Geschichte des evangelischen Kirchenliedes an und vererbten religiöse

Dichtung bis auf Kindeskind (s. Rein, Die Friedensburg. Greifenverlag

1925).

In der Heidecksburg sind sechs große kulturhistorisch merkwürdige

Bilder aus ihrer Oldenburgischen Erbschaft übriggeblieben. Sie stellen

die Sage von einem Gottesurteil dar und fanden mehrmals Besprechung in

der Literatur, zuletzt 1921 in der Wilhelmshavener Zeitschrift Tide.

Außer Einzelporträten nach dem Leben ist ein Bild von Amilie Antonies

Kindern in großem Format vorhanden und eine idealisierte Familiengruppe

unter dem Kreuz Christi.

Amilie Juliane die Liederdichterin 1637–1706

Zu den wertvollsten geistigen Schätzen der evangelischen Kirche

gehört das Lied: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!« Besucher unseres

Fürstenschlosses fragen nach der Dichterin, die in den Gesangbüchern

als Reichsgräfin von Schwarzburg-Rudolstadt bezeichnet ist, und

Fachgelehrte erkundigen sich nach Einzelheiten ihres Lebens.

Albrecht Friedrich, Graf von Barby und Mühlingen, war bekümmert, denn

die Kriegsfurie tobte um die Elblande, und seine Gemahlin Sophie Ursula

erwartete ihre schwere Stunde. In den Thüringer Bergen lebte sein

Oheim, Ludwig Günther von Schwarzburg, der wohnte allein auf seinem

Hause Rudolstadt, denn er war trotz seiner 56 Jahre noch unvermählt.

Bei ihm fand das Grafenpaar aus Barby Zuflucht, und hier wurde ihnen

am 19. August 1637 eine Tochter geboren. Die Schwester der jungen

Mutter, Amilie Antonie von Oldenburg und Delmenhorst, eilte aus dem

Stift Quedlinburg herbei, unbekümmert um Kriegslärm, und hob ihre

Nichte Amilie Juliane aus der Taufe. Das Schicksal fügte es, daß

die Oldenburgerin Schloßherrin auf der Heidecksburg wurde und ihrem

verwaisten Patenkind eine Heimat bieten konnte.

In Rudolstadt und Leutenberg verlebte Amilie Juliane nun Kindheit und

Jugendjahre. Dem Alter nach standen ihr von den vier Pflegeschwestern

zwei besonders nahe, Sophie Juliane und Ludämilia Elisabeth. Als Lehrer

wurde ihnen der Magister Johannes Hedwig bestellt, eine treue Seele,

ein Meister der lateinischen Sprache und ein Erzieher zu peinlicher

Ordnung und sauberer Arbeit. Die tiefgründige Lebensauffassung

der mütterlichen Führerin ging auf Amilie Juliane über, und der

Pflegebruder Albert Anton wählte sie zur Gattin. Am 7. Juli 1665 wurde

die Heidecksburg ihr Heim auf Lebenszeit.

Mit tüchtigem, nüchternem, wirtschaftlichem Sinn ergriff sie die

Aufgaben ihres neuen Berufs. Mit reger Teilnahme und stets hilfsbereit

begleitete sie die Geschicke ihrer Mitmenschen in Stadt und Land. Not

gab es überall, im Grafenschloß wie in der Bauernhütte, denn es war

wunden- und seuchenreiche Zeit.

Mutterleid und -freud war der Gräfin beschieden, ein Töchterchen

starb früh, aber ein Sohn, der spätere Fürst Ludwig Friedrich, wuchs

kräftig heran. Ihre eigene starke Natur erlag schließlich, erschüttert

durch ein Steinleiden, am 3. Dezember 1706. In dem Turmgewölbe der

Stadtkirche bereitete ihr der Gemahl eine würdige Grabstätte, in der er

selbst vier Jahre danach beigesetzt wurde.

Aus der Kindheit Amilie Julianes ist ein Andachtsbuch erhalten, das

sich die Vierzehnjährige zusammengestellt hat, in handlichem Oktav,

mit kräftiger Schrift. Neben kleinen Schulgebeten treten reifere

Gedanken auf. Insgesamt entspricht der Inhalt etwa dem, was sich eine

ernste Konfirmandin auswählt an Gebeten, Sprüchen und Liedern. Eine

gewisse Bekanntschaft mit der Literatur ist festzustellen. Auch das

Geistliche Farbenlied: »In schwarz will ich mich kleiden!«, einem

volkstümlichen Liebeslied nachgebildet, ist vorhanden. Es durchläuft

mit 15 Strophen eine ganze Farbenskala der Symbolik. Die Auswahl

für dieses Andachtsbuch wird, wenn nicht ganz und gar getroffen, so

doch wenigstens stark beeinflußt worden sein durch die mütterliche

Erzieherin oder durch den Magister Hedwig.

Aus den Jahren 1656 und 1657 ist ein Schulheft wertvoll, starker

Quartband, treffliches Büttenpapier, in Leder gebunden, für Freunde

der Schriftkunst und der Barockformen eine Augenweide, mit spitzer,

spitzer Feder geführt. Als Sinnspruch setzt die Neunzehnjährige voran:

~Duce deo, comite pietate~, Gott soll ihr Führer und fromme Liebe

ihre Begleiterin sein. Zunächst treten schulgerechte Briefübungen

auf über die einzelnen Artikel der Augsburgischen Konfession, in

deutscher und lateinischer Sprache abgefaßt. Zwischen den gelehrten

Erörterungen laufen Bestandteile eines Briefwechsels, der zum Teil

wohl auf wirklichen Ereignissen beruht, zum Teil auch der sprachlichen

Gewandtheit zuliebe erdichtet sein mag. Als Empfängerin ist die älteste

Pflegeschwester, Sophie Juliane, gedacht. Verkehr zwischen Rudolstadt

und Leutenberg, Reisen nach Altenburg und Leipzig, auch die Barbysche

Heimat, finden Erwähnung.

Als Bekenntnisse der eigenen Seele klingen wie eine Vorahnung des

heutigen Pazifismus ihre Äußerungen: »O wollte Gott, daß Er aller

Soldaten blutgierige Herzen dermaßen lenkte, daß sie sämtlich eine

Abscheu ob solcher Kriegerei gewinnen und dem Frieden sich ergeben,

damit auch nicht Deutschland wieder mit Krieg beleget und angefüllet

werden möchte. Nun, wir müssen hierin uns des göttlichen Willens

ergeben mit gefaßter Hoffnung, Er, als der aller Potentaten Herzen in

seinen Händen hat, werde die Kriegesanfänger also regieren, daß kein

Fünklein Unfried in Deutschland kommen möge!«

Gleichberechtigung der Frauen vertritt sie, indem sie die

Pflegeschwestern ermahnt, sie möchten »ihren Studiis mit mehrerem Fleiß

obliegen, damit alle diejenigen, deren gefaßte Meinung, ob vermöchten

die Weibsbilder zum Studieren keineswegs tüchtig sein, überwiesen und

dero ungegründetes Vorgeben könnte verworfen werden«.

Ein zweiter Teil dieses Heftes enthält Briefe an die vier

Pflegeschwestern, ebenfalls sowohl deutsch wie lateinisch, zum Teil

aus Rudolstadt, zum Teil aus Leutenberg datiert. Sie behandeln

die Tugenden, erwähnen aber auch wieder Reisen und Pläne. Echtes

Menschentum geht der Verfasserin über äußere Formen, denn sie rät einer

jüngeren Verwandten, die vor einer Entscheidung steht: »Besser in

einem Winkel oder einsamen Ort, als bei Hofe!« Der Briefwechsel Amilie

Julianes hat sich nur aus einer kurzen Reihe von Jahren erhalten,

spiegelt aber ihr Alltagsleben und ihre Umgebung bis in kleinste

Züge wider, eine Fundgrube für Heimatgeschichte und Kulturgeschichte

überhaupt.

Über all ihre Briefe setzt die Liederdichterin, einem Gelübde gemäß,

~J. N. J.~, das heißt im Namen Jesu, oder ~J. H. S.~, das heißt Jesus,

Heiland, Seligmacher. Im übrigen ist von ihrem innersten persönlichen

Leben, ihren Glaubensangelegenheiten, wenig die Rede. Treue Gesinnung

kommt zum Ausdruck, wenn sie von quäkerischer Schwärmerei zu berichten

hat, oder wenn der Fürst von Hanau seine Brüder enterben und einen

katholischen Landgrafen als Erben einsetzen will: Gott regiere ihn, daß

er nicht gar zum Narren wird! Über ihr körperliches Befinden verliert

sie selten ein Wort und gebraucht dann keinen zimperlichen Ausdruck.

Sie bedauert höchstens, daß sie herzoglichen Besuch nicht gebührend

begleiten kann, weil ihr die Beine steif sind wie Ochsengebratenes.

Wie sah das Heim der Dichterin aus? Der Hauptbau des Schlosses war

dreiflügelig, annähernd so in der Hauptfront wie er heute noch besteht.

Nur dürfen wir uns die Umgebung des Gebäudes nicht wie die eines

neuzeitlichen Schlosses vorstellen. In der gräflichen Wohnung selbst

waren die Räume sehr beschränkt. Wurde eine Stube neu hergerichtet,

wie das zitronfarbene Gemach mit Alkoven, so erkaufte die Hausherrin

sich die Freude daran mit viel Mühe und Sorgfalt und bestickte die

Wandbekleidung mit großen Flammen und Blumen. Die Wohnung von zwei

höheren Hofbeamten befand sich auch im Haupthaus, ein Burgvogt mit

Familie wohnte im Torgebäude, und viel Gesinde sonst noch hantierte

und hauste in Nebenräumen des Schlosses. Zimmer für Gäste waren wohl

vorgesehen, wenn diese aber unangemeldet mit großem Troß eintrafen,

so entstand Verlegenheit und Spannung bei der Hausfrau. Und wenn

zu besonderer Arbeit, zum Beispiel um Hirschhornwasser zu brennen,

ein ungestörter Raum nötig war, so diente das Zimmer eines gerade

verreisten Familiengliedes dazu. Sollte aber Festkonfekt gegen

vorzeitige Zugriffe gesichert sein, dann war der Schrank in der

Kleiderkammer das sicherste Versteck.

Eine Terrasse diente als Reitbahn, und die Gartenanlagen waren bebaut

mit Laubengängen aus schweren Holzbalken, zwischen denen die Beete

für einheimische Pflanzen und die Gewächshäuser für Südfrüchte,

Pomeranzen, Zitronen und Melonen, sich erstreckten. Der Schloßhof

war eng. Unmittelbar an die herrschaftliche Wohnung reihten sich

die Pferdeställe an, und auf der Nordseite standen die Kuh- und

Schweineställe. Dazwischen waren für Fleischerei und für den

Kellerbetrieb die nötigen Schuppen eingebaut. Ausgiebige Düngerstätten

nahmen einen großen Teil des Hofes ein.

Wenn auch Geldverkehr im siebzehnten Jahrhundert bereits sehr rege

war, so brachten es doch die Nachkriegszeiten mit, daß der gräfliche

Haushalt auf den Ertrag seiner Landwirtschaft angewiesen blieb. Ein

Lieblingseigentum der Gräfin bildeten ihre Gutshöfe in Cumbach und in

Schaala, aber auch an der Landwirtschaft um Schwarzburg und Leutenberg

hatte sie Anteil, und sie betätigte ihn durch eigene Fürsorge und

Arbeit. Wenn sie für drei gemästete Schweine und Branntwein 20 Gulden

einnimmt, will sie Bettdrillich dafür kaufen. Wenn ihre Leute Flachs

ausraufen, welcher gar schön wird, so verfügt sie umsichtig darüber,

und die Hopfenernte will sie nicht zu früh losschlagen, da die

Preise noch steigen werden. Von Kirschen und Nelken und Honiggewinn

aus Cumbach, von allen Erstlingen der Ernte erhalten Pflegemutter

und Schwestern in Leutenberg eine Probe. Im März besorgt sie junge

»Gänsigen« und schickt die Zuchtgans mit, damit die Kleinen nicht

»verfrieren«.

[Illustration: Amilie Juliane]

Ein großer Schwarm von Gesinde gehörte zum Haushalt und zehrte mit

aus Küche und Keller. Wer auf dem Schloßberg nicht unterzubringen

war, dem wurden Baustellen oder Häuser am Fuße desselben angewiesen.

Von da konnten die Getreuen für ihre Alltagsgeschäfte oder als

galonierte Diener für Festgelegenheiten oder endlich als Bewaffnete

bei Not und Gefahr leicht zur Stelle sein. Diese Ansiedlungen mit

ihrem Kleinleben sind noch heute die Freude kunstsinniger Fremder und

ähneln den Söldnergassen reicherer Städte, wie Nürnberg. Mit allem,

was darin sann und spann und lebte und webte, war die Gräfin vertraut.

Auch sonst hielt sie in der Stadt mit Beamtenfamilien und eingeborenen

Bürgern getreue Nachbarschaft, was namentlich bei Patenschaften,

Verlobungsplänen, Hochzeiten, Krankheiten und Sterbefällen tagtäglich

zum Ausdruck kam.

Um den Grafen Albert Anton, den sie stets peinlich streng mit Nennung

der Titulatur umschreibt, war sie ängstlich besorgt. Wenn ihr gnädiger

Herr »kleine Liesichen« im Gesicht hat, muß ihm der Leibarzt zur Ader

lassen. Ist er auf Reisen im Lande unterwegs, so bangt sie, bis er ihr

gesund zurückkehrt. Seine Jagdbeute aus Paulinzelle an Wildschwein

und Auerhahn ist ihr willkommen für die Küche, aber übermütige

Jagdgesellschaften mit Zechgelagen sind ihr ein Greuel. Sie stellt

dann gern fest, daß Albert Anton nicht daran teilnimmt, und verbietet

auch ihrer Jungfer, bei ausgelassenen Tänzen mitzutun. Als eine Jagd

morgens bis in die Nähe des Schlosses getrieben wird, muß die Hausfrau

ihre Andacht abbrechen, sich Hals über Kopf antun und den hungrigen

Weidmännern Würste und Schafkäse hinausschicken.

Die Freude der jungen Mutter an ihrem »Lützigen« ist groß. Großmutter

und Tanten erhalten Kunde von jedem Zähnchen, das sich zeigt, und

von dem Unglück mit der Kinderklapper, an der er bald erstickt wäre,

weil er sie ins »Maul« gesteckt hat. Als er der üblen Gewohnheit

huldigt, an den Fingern zu saugen, bringt ihm der gute Doktor Mack ein

klein Säcklein mit gefeiltem Hirschhorn, an dem er kauen muß. Auch

Spiel und geistige Entwicklung des Kleinen müssen die Leutenberger

Damen miterleben, und sie freuen sich, daß der Enkel und Neffe seine

»Weihnachtsgebeterigen« schön aufsagt und die Melodie ~In dulci jubilo~

richtig singt. Als vernünftige Mutter stellt Amilie Juliane schließlich

fest, Lützigen bedarf manchmal »eines kleinen Rütigens, denn er mir

oft auf den Hals störret«. Zur Belohnung seiner Unarten bekommt der

Fünfjährige dann eine eigene Stube.

Besuch muß es unheimlich viel auf der Heidecksburg gegeben haben.

Als fürstliche Nachbarn stellten sich die Reußen von Burgk, von

Lobenstein, von Schleiz, von Gerau und von Gräiz ein. Auch sonst

stiegen schwarzburgische Verwandte aus Arnstadt und Sondershausen und

weitere Angehörige aus Norddeutschland auf der Heidecksburg ab. Adelige

Beamte der Nachbarschaft, Herren und Damen aus der Stadt, alle waren

willkommen, verursachten jedoch auch manche Geduldsprobe. Dann gehen

Seufzer durch die Briefe der Vielgeplagten: »Gott gebe nur allezeit

hübsche Fremde, nur nicht alles durcheinander. Es ist so ein Schwarm

von Leuten da, daß ich es nicht sagen kann.« Wenn die Gräfin eine Reise

vorhat, stellen sich die Pflügin, die Heidenreichin, die Vitztumin,

die Conrektorin usw. ein: »Es sind ein Haufen Leute dagewesen, als ob

ich aus der Welt reisen wollte.« Und wenn sie zurückkehrt: »Mutter

Kathrein hat mich beneventiert.«

Alle Sorgen ihrer Handwerker erlebt sie mit. Der Maler Daniel kann

keinen Firnis auftreiben, sie schreibt darum, der »Tischner« Gabriel

Fleck hat die Rahmen für die Kirchenbilder zu groß gemacht, sie weiß

Rat dafür.

Solange der Handels- und Marktverkehr sich in Rudolstadt abspielt,

lassen sich die Botengänge leicht erledigen. Nun ist aber Schmuck und

Silbergeschirr in Nürnberg zu bestellen oder zu holen, da muß der

Trompeter Kaspar reiten. Einkäufe auf der Messe in Leipzig besorgt in

schwierigen Fällen Hans Heinrich, der Maler, derselbe, der uns die

Emporen der Stadtkirche mit Bildern geschmückt hat. Er hat Geschmack,

das Rechte auszuwählen an Gewand und Tand, und vervollständigt

bei dieser Gelegenheit gern feine Vorräte an guten Farben. Als

außerordentlicher Gesandter für Vertrauensangelegenheiten erbietet sich

auch der gute Doktor Mack.

Ein lieber Winkel in der Grafschaft, ein Stück Jugendheimat der Gräfin,

ist ihr Leutenberg mit seiner Umgebung. Hier kennt sie sich in allem

aus. Als die Papiermühle dort eingerichtet wird, wünscht sie »gute und

fröhliche Zeitung« auf das Leutenberger Papier schreiben zu können.

Regelmäßig im Herbst wird Schwarzburg aufgesucht und von da dann die

Waldreise angetreten auf die »Glashütte« und das »Neue Haus«. Darauf

freuen sich die Teilnehmer, sie werden sich mit Glasmachen erlustieren

und etwas von ihren Künsten in die Welt hinaussenden. Die Schmalenbuch

und das Herrenhaus bedenkt sie aus »sonderbarer Liebe« mit einem Legat

von 150 Gulden.

Aus Frankenhausen schickt sie Silvesterbirnen heim und erzählt, wie sie

die Salzkunst besehen hat und von den Salzherren mit Kuchen bewirtet

worden ist.

Aus Blankenburg am Harz schickt sie als duftenden Gruß einen Käse und

setzt voraus, daß ihn die gnädige Frau Mutter in ein Tuch mit Wein

schlagen wird.

Dauert die Reise längere Zeit, oder erstreckt sie sich gar nach

Norddeutschland zu den leiblichen Schwestern, dann stellt sich eine

gesunde Sehnsucht ein nach dem Sohne, den die Tanten in Leutenberg

einstweilen versorgen, und nach einer ruhigen Stunde daheim auf der

Heidecksburg.

Von ihrer Schwiegermutter und ihren Schwägerinnen hat Amilie Juliane

Niederschriften über Landwirtschaft, Haushaltung und Küchenarbeiten

geerbt und sich in einem stattlichen Quartband gesammelt. Goldene

Regeln dabei: Ein Hausvater darf nichts verschieben, darf nicht erst

morgen verrichten, was er heute tun soll. Jeden Abend trägt er seinem

Gesinde auf, was am folgenden Morgen zu arbeiten ist, steht selbst

früh auf und spricht seinen Leuten freundlich zu! Alte und neue Zeit

stießen hart aufeinander. Einheimische Kräuter, Salbei, Wegbreit und

Zichorienwurzeln, sammelte die Hausfrau noch, aber der Handelsverkehr

brachte ihr schon reichlich Südfrüchte, Reis und Gewürze ins Haus.

Zwischen den Küchenrezepten schrieb sie sich Heilmittel auf, so: »Ein

gesundes Magenpulver durch den mannhaften Doktor Steffen von Venedig

Römisch Kaiserlicher Majestät Maximiliano zum Gedächtnis verordnet«.

Sterndeutung für Menschenleben war noch im Schwang, auch an die

Wirkungen abenteuerlicher Operationen für verhextes Vieh glaubte man

noch, aber das ~Dispensatorium Noricum in folio~, das große Nürnberger

Arzeneibuch, war schon der wissenschaftliche Ratgeber der Hofapotheken

in Rudolstadt und Leutenberg, die die Gräfinnen selbst führten samt

Laboratorium und Kräuterboden.

Zwei Gesangbücher, von der Hand Amilie Julianes geschrieben und

für ihre täglichen Andachten bestimmt, liegen im Staatsarchiv auf

der Heidecksburg. Das erste, aus dem Jahr 1652, ist mit zierlichen

jugendlichen Zügen geschrieben, in dem zweiten führt eine kräftige

Frauenhand die Feder. Die beiden Bücher gehören mit ihrem Inhalt dem

persönlichsten Leben der Gräfin an und waren nicht bestimmt für das

Auge und das Urteil anderer. Das zweite ist in der Auswahl bedeutender

und reifer und beruht auf einem größeren Umblick in der Literatur. Die

bekanntesten Lieder des siebzehnten Jahrhunderts kommen darin vor.

Dichter mit Namen anzuführen, kam als allgemeine Sitte erst später auf.

Es ist in keinem der beiden Bücher hier geschehen.

Um lyrische Dichtung legt die Sage gern einen epischen Mantel. Das

widerfuhr auch dem Sterbelied Amilie Julianes. Als am 19. September

1686 Herzog Johann Georg von Eisenach auf der Jagd vom Schlage

getroffen tot zusammengesunken war, brachte man das Lied mit diesem

Ereignis in Verbindung und nannte einen Geistlichen in Gräfentonna

als Verfasser. Ein Konzept der Gräfin in der Kirchenbibliothek von

Gera trug die Überschrift: Neuhaus, den 17. September 1686. Danach

erzählte der Volksmund von einem Jagdunfall in Neuhaus. Die neuere

Forschung hat aus den Gedanken und Wendungen des Liedes die innere

Verwandtschaft mit den übrigen Gesängen der Dichterin nachgewiesen.

Eines besonderen Ereignisses als Anlaß zu Todesgedanken bedurfte

es in Kriegs- und Seuchenzeit nicht. Der Lebensweg der Gräfin war

eingefaßt von Totenkreuzen, sie blieb schließlich die Letztüberlebende

ihrer Barbyschen Familie, und in Rudolstadt starben drei ihrer

Pflegeschwestern und Schwägerinnen erschütternd kurz nacheinander,

darunter die ihr geistig nächstverwandte Ludämilie Elisabeth, die

Dichterin jungfräulich zarter Glaubenslieder. Unter dem Eindruck

solcher Erlebnisse wird auch ihr Lied entstanden sein:

Werde munter, mein Gemüte,

Und schau diesen Zustand an,

Wie des Höchsten Wundergüte

Großes hat an mir getan:

Es geschieht, was er gebeut;

Alles ja hat seine Zeit,

Sterben und geboren werden

Bleibt ein Wechsel dieser Erden.

Auf der Heidecksburg · 第 1 / 4 段