Capitel 9

Der Steuermann ging jetzt zu Leupold, machte ihn damit auf seine rauhe

aber nichtsdestoweniger herzliche Weise bekannt, und forderte ihn auf sich

zu sammeln und dem, was er nun doch einmal nicht ändern könne, männlich

in’s Auge zu schaun. Leupold aber wollte im Anfang Nichts davon wissen,

bat nur um — einen Tag, dann um wenige Stunden noch Aufschub — man könne

die Gestorbene doch nicht, fast noch warm, schon begraben wollen. Seine

Freunde aber redeten ihm zu sich dem Unvermeidlichen zu fügen, selbst

Georg Donner, auf den er am meisten hielt, bat ihn es geschehen zu lassen;

die Frau sei todt, und unter den nun einmal bestehenden Umständen

jedenfalls das Beste, den leblosen Körper ohne Zeitverlust den Wellen —

ihrem stillen Grab, zu übergeben.

Der Mann fügte sich endlich darein, küßte noch einmal die bleichen Lippen

der Dahingeschiedenen, barg dann das Antlitz in den Händen und weinte

laut. Der Steuermann winkte indeß dem Segelmacher, den Körper vollständig

einzunähen. Er selber befestigte dabei einen Sack schon bereit gehaltener

Steinkohlen zu ihren Füßen, und die Zwischendeckspassagiere wurden

aufgefordert der Todten die letzte Ehre zu erweisen. Von allen Seiten

drängten sie still und schweigend herbei, und umstanden den Platz mit

entblößten Häupten, wo vier Matrosen die Planke auf der die Leiche lag,

aufhoben und mit dem Fußende auf die Railing hinausschoben; zwei Mann

hielten sie dort im Gleichgewicht.

Der Capitain war indessen auf den Gangweg herunter gekommen, und seine

Mütze abnehmend trat er zu der Leiche hinan, und sagte mit lauter

einfacher Stimme.

»Ich habe versprochen gehabt alle meine Passagiere sicher und wohlbehalten

nach Amerika hinüberzuführen. Gott der Herr hat es anders gewollt, und

diese eine Seele abgefordert zu Seiner himmlischen Herrlichkeit. Sein Name

sei gelobt und gepriesen, Er führt Alles zum Guten aus, und des Menschen

Kraft ist wie ein Hauch vor Seinem Willen. Aber Er hat uns auch Seine

ganze weite Welt zum Trost dafür gegeben, in der jede schwellende Woge,

jeder blinkende Sonnenstrahl ein Zeichen und Merkmal Seiner Macht und

Gnade ist — Ihm wollen wir vertrauen. Des Herren Name sei gelobt!« Und

dann das Haupt neigend begann er mit leiserer Stimme das »Vater unser« zu

beten, in das die Passagiere lautlos mit einstimmten — mit den letzten

Worten aber und auf ein leises Zeichen des Capitains, hoben die beiden

Matrosen die die Planke hielten, diese langsam an dem inneren Ende in die

Höh; die Leiche wurde dadurch mit dem Kopfende mehr aufgerichtet und glitt

rasch, von dem Gewicht des Steinkohlensackes nach vorn gezogen, hinab.

»Louise — Louise!« rief der Mann mit einem herzzerreißenden Ton und

streckte die Arme nach ihr aus, aber im nächsten Momente schlug die Fluth

über ihr zusammen, und während das Schiff rasch über die Stelle glitt,

sank der Körper tiefer und tiefer hinab, und verschwand in der bläulichen

Nacht.

Vorbei — über der Leiche wogte die See so still und ruhig als vorher, und

das gewaltige Grab von Millionen wälzte seine munter plätschernden Wellen

rasch und lebendig dem näher und näher rückenden Lande entgegen.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band. · 第 14 / 19 题