Der nächste Morgen dämmerte; weit im Osten drüben färbte sich der Horizont
mit einem mattlichten Streif, der einen weiten dunklen Schatten auf das
Wasser warf, und die Sterne im Westen schienen noch einmal so hell und
lebendig zu funkeln, ehe der feindliche Tag sie vom Himmel trieb. Oede und
kaum sich bewegend in kleinen rollenden, fahlgrauen Wogen lag das Meer —
ein schlummernder Koloß, gewaltig selbst in seiner Ruhe, und furchtbar,
entsetzlich in seinem Zorn, und mit eben geblähten Segeln, wie ein Schwan
auf stiller Fluth, zog das Schiff langsam dahin auf seiner Bahn. Aber in
seinem Innern regte und trieb geschäftiges Leben, der frühen Morgenstunde
zum Trotz, denn heute war ihnen, was sie gestern nicht zu sehn bekommen,
versprochen worden — _Land_ — und Jeder wollte der Erste sein der es
entdeckte, den Reisegefährten die frohe, so heiß ersehnte Kunde zujauchzen
zu können — »Land!«
Vorn auf der Back bis an den Clüverbaum(18) hinauf stand schon, noch bei
völliger Dunkelheit, ein kleiner Trupp, in den Wanten des Fock- und
Hauptmastes hingen sie, und die kecksten und gewandtesten der Schaar,
unter ihnen Carl Berger und der junge polnische Bursche, waren sogar in
die ersten Marsen, und der letztere bis auf die Vor-Marsraae
hinaufgestiegen, von da aus den Horizont weiter zu erspähn.
Und mehr und mehr im Osten lichtete sich der Himmel, über dessen weiten
Bogen zuckende weißliche Strahlen heraufschossen und den kleinen
zerstreuten Wolken einen rosigen Schimmer gaben; breiter und lichtgelber
wurde der Streifen, den das Meer jetzt schon in seinem Glanze
wiederspiegelte, und dort — wie ein glühender Berg in blendender Majestät
stieg sie empor des Tages Königin — und dort —
»Land! Land!« jubelte es von den Masten und Raaen, wo hinauf auch schon
Matrosen gestiegen waren, mit weit geübteren Blicken den westlichen
Horizont zu erspähen — »Land! Land!« jauchzte es vom Deck ein Echo dem
Freudenruf, und nur mitten hinein in den Rausch der Glücklichen, denen das
ersehnte Ziel vor Augen lag, stieg ein einzelner wilder Klageruf, wie ein
Mißton dieser Harmonie, wild und gellend aus dem Zwischendeck heraus.
»_Todt — todt!_« jammerte eine Stimme in herzzerreißenden Tönen; und die
Leute aus den Masten glitten schweigend nieder, und die vorn über das
Schiff postirten Männer drängten lautlos oder mit leisen, scheuen Fragen
zurück, der dunklen Luke zu, aus der der wilde Weheruf noch immer
schallte.
»Was ist geschehn — wer ist todt? wer klagt da unten?« drängten und
flüsterten die Leute durcheinander.
»Leupolds Frau ist eben gestorben« klang aber die Antwort zurück, und die
Gruppen, von denen nur einige neugierig in das Zwischendeck hinabstiegen,
während die Uebrigen sich mitleidig flüsternd an Deck über den traurigen
Fall unterhielten, sammelten sich um die Luke und warfen nur manchmal
scheu den Blick nach unten, wo Leupold neben der Leiche saß, ihre kalte
Hand zwischen seinen Händen hielt, und sich selber laut anklagte der
Mörder der Dahingeschiedenen zu sein, die er gegen ihren Willen aus dem
Vaterland, und in Verhältnisse gerissen habe, denen das zarte Leben
unterliegen mußte. Vergebens suchte ihn die Mutter, suchten ihn seine
Freunde zu trösten daß Gott es so gewollt, und er ja nur ausgewandert sei,
weil er gehofft habe für die Seinigen in dem neuen Vaterland besser sorgen
zu können. »Nein, nein!« schrie er immer wieder — »es ist nicht wahr — es
ist nicht wahr — reiner Uebermuth nur war es von mir — reiner toller
Uebermuth daß ich, von habgierigen Menschen verlockt, mein sicheres Brod
verließ und dem Versucher folgte. — Ich habe sie gemordet, mit kaltem Blut
gemordet und Gott wird mich dafür strafen, Gott wird mich dafür strafen.«
»Was der Bursche da unten für ein Gewinsel macht daß ihm die Frau
abgefahren ist« brummte der älteste von den drei an Bord geschafften
Verbrechern halb mit sich selber redend, halb zu Meier gewandt, der nicht
weit von ihm auf einem der Wasserfässer saß und ohne weder Notiz von dem
in Sicht gekommenen Land, noch von dem Todesfall zu nehmen, ein Stück Holz
in die Form eines Schiffes zu schnitzen suchte. Die beiden Männer hatten
übrigens, seit dem vor Wochen kurz abgebrochenen Gespräch noch kein Wort
wieder mit einander gewechselt.
»Die Hälfte von uns Menschen weiß nie wann’s ihr am wohlsten ist« sagte
Meier ebenfalls ohne von seiner Beschäftigung aufzusehn.
»Mancher hielt’s für ein Glück« meinte der Erste wieder.
»Für Manchen wär’s eins« brummte Meier, und die Unterhaltung kam hier
wieder für eine Weile in’s Stocken; dem sonst so schweigsamen Passagier
schien aber heute daran gelegen mit dem Anderen das Gespräch fortzusetzen,
und er sagte nach ein paar Minuten wieder, in denen Jeder still und mit
seinen eigenen Gedanken beschäftigt vor sich nieder gesehn:
»Kommen nun bald nach Amerika.«
»Ja« erwiederte Meier lakonisch — »wird ein Vergnügen werden.«
»Ihr versprecht Euch nicht viel davon?«
»Müßt’ es lügen.«
»Ein Geschäft?«
»Fleischer« —
»Hm« —
»Und Ihr?«
»Ich?«
»Ja« —
»Schlosser!« sagte der Alte und warf dabei einen flüchtigen Seitenblick
nach dem Mitpassagier, ohne dessen nach ihm hinübersuchendem Auge zu
begegnen.
»Gutes Geschäft und nährt seinen Mann« sagte Meier endlich nachdenklich —
»muß aber recht betrieben werden — Kein Werkzeug?«
»Steht nicht zu erwarten« sagte der Mann.
»Hm, nein« —
»Schon eine Idee wohin Ihr geht drüben?« frug der Alte endlich wieder nach
einer zweiten Pause.
»Drüben? — wo?«
»Nun dort« — und er deutete mit dem verkehrt gehaltenen Daumen über die
Schulter hin der Richtung zu, in der das Land lag. Meier schüttelte aber
den Kopf und knurrte:
»Zum Teufel wahrscheinlich, wenn’s mir nicht besser glückt wie in
Deutschland.«
»Da können wir vielleicht zusammengehen« lachte der Alte.
»Oder treffen uns wenigstens da später« sagte Meier, ausweichend.
»Wahrscheinlich« brummte der Alte, mit dem Erfolg seiner Annäherung nicht
recht zufrieden, blieb noch eine Weile auf dem Faß sitzen und stand dann
langsam auf nach vorne zu gehn, wo er mit seinen beiden Kameraden wieder
zusammentraf. Meier aber sah ihm, ohne seine Stellung zu verändern oder
auch nur den Kopf auf die Seite zu drehn, so lange nach, wie er ihm mit
den Augen folgen konnte, und pfiff dann leise und mit einem halb
spöttischen Grinsen vor sich hin, als er in seiner Selbstbetrachtung
plötzlich durch ein von oben niedertönendes heiseres Lachen gestört wurde.
Rasch sah er empor, und erkannte den Scheerenschleifer, der oben in der
Barkasse lag, über deren Rand er gerade mit dem halben Oberkörper
herüberschaute, daß sich die Sonne an den blankgescheuerten Schultern des
unverwüstlichen fahlgrünen Rockes spiegelte.
»Gratulire zum Compagniegeschäft« sagte er lachend, als er des Fleischers
Blick begegnete — »Meier und Compagnie wird gar nicht so schlecht klingen
in New-Orleans.«
»Danke« brummte Meier vor sich hin — »der Contrakt ist noch nicht
unterzeichnet — Du scheinst Dir da oben aber Dein stetes Quartier genommen
zu haben, Kamerad.«
»Schade daß ich so bald ausziehn muß« sagte der Scheerenschleifer, den
Dampf aus seiner Pfeife dabei in weißen kurzen Wolken von sich stoßend.
»Schade? — ich danke Gott daß ich das verfluchte Schiffsleben bald hinter
mir habe — die Hände wachsen Einem ja zusammen.«
»Bah« sagte der Scheerenschleifer — »was verlangt ein Mensch mehr auf der
Welt, was kann er mehr verlangen, als drei Mal zu essen den Tag, und
Nichts zu thun, ohne weitere Expensen. Ich wünschte mir mein Lebtag nichts
Besseres als auf solche Art hin- und herzufahren, wenn ich nur irgend
etwas wüßte wozu sie mich, ohne besondere Beschäftigung, an Bord
gebrauchen könnten.«
»Zur Verzierung etwa« meinte Meier.
»Ja, für den Schafskopf vorn« sagte der Scheerenschleifer trocken, ohne
die Anspielung übrigens übel zu nehmen — »gehst Du heute mit zur Leiche?«
»Ich habe meinen schwarzen Frack nicht draußen« sagte Meier.
»Ist schade« erwiederte der Scheerenschleifer — »geht mir aber auch so.«
»Wir werden uns überhaupt bald anziehn müssen an Land zu gehn« fuhr Meier
fort — »wenn das Schiff einmal anlegt, wird uns der Capitain schnell genug
hinaustreiben, und gewiß nicht daran denken uns länger zu füttern, als er
unumgänglich nöthig hat.«
»Kann ich ihm auch gar nicht verdenken« sagte Maulbeere; »ich gehe aber
vor allen Dingen erst einmal im Negligé hinüber, und werde mich vor der
Hand beim Präsidenten entschuldigen lassen, daß ich ihm nicht gleich meine
Visite machen kann. — Füttern werden wir uns übrigens jetzt wieder selber
müssen.«
»Nun zum Teufel, man wird doch in dem Amerika wenigstens zu leben haben« —
fluchte Meier.
»Amerika soll verdammt sein« brummte der Scheerenschleifer, und qualmte
ärger als vorher.
»Warum bist Du denn da herübergekommen, wenn Du’s so gut leiden magst?«
frug ihn Meier.
»Weil ich wenigstens die Condition einmal wechseln wollte; aber in dem
Hundeleben selber wird verwünscht wenig Veränderung sein — Die Frage ist
außerdem, ob sie hier überhaupt Scheeren zu schleifen haben — sollte mich
gar nicht wundern wenn ich den alten vermaledeiten Drehkarren am Ende ganz
zu meinem eigenen Vergnügen im Lande umherführe« —
»Und weiter kannst Du Nichts?«
»Hm, wer weiß« sagte Maulbeere — »es liegt noch vielleicht Manches bei mir
verborgen, hat sich aber noch nicht entwickelt.«
»Nun in Deutschland drüben hätten wir auch auf der Landstraße verhungern
können ohne daß sich Jemand anders als vielleicht ein Gendarme
theilnehmend nach unserem Passe erkundigt hätte« sagte Meier — »die sind
wir doch wenigstens los.«
»Haben mich noch nie genirt« meinte Maulbeere trocken — »wer sich nicht
einmal einen guten Paß verschaffen kann ist selbst zum Stehlen zu dumm.«
»Mit _den_ Grundsätzen wirst Du hier im Lande wohl auch nicht verhungern«
lachte Meier — »aber ich glaube da kommen sie aus dem Zwischendeck mit der
Leiche herauf« unterbrach er sich da plötzlich, indem er von seinem Sitze
aufstand; »ich gehe nach vorn — mag nicht gern Leichen sehn.«
»Habe auch keine Passion dafür« brummte Maulbeere, und verschwand gleich
darauf hinter dem Rand der Barkasse, in der er sich der Länge nach
behaglich ausstreckte, von dem unten Vorgehenden nichts weiter sehn zu
müssen.
Meier war langsam nach vorn geschritten, seinen Lieblingsplatz auf einem
der auf der Back liegenden Anker einzunehmen, als er dort dem jungen
Donner begegnete, der eben von da niederstieg.
»Hört einmal Freund,« sagte dieser, als er ihn einen Augenblick scharf
fixirt hatte, und dann bei ihm stehen blieb — »wir haben doch einander
schon früher einmal gesehen, aber ich kann mich nicht gleich besinnen
_wo_? — seid Ihr nicht aus Waldenhayn?«
»Waldenhayn?« wiederholte der Mann, kopfschüttelnd, »was für ein
Waldenhayn?«
»An der Hart —«
»Kenn’ ich nicht« — sagte Meier, ohne sich auf weitere
Auseinandersetzungen einzulassen, und drehte dem jungen Mann den Rücken
zu, die Back hinaufzusteigen. Georg Donner sah ihm noch ein paar Momente
wie zweifelnd und ungewiß nach, verzichtete jedoch auf weitere Fragen, da
ihm das Resultat auch ziemlich gleichgültig sein konnte, und ging nach dem
mittleren Theil des Decks zurück, wo sich indessen die meisten der
Zwischendeckspassagiere an zu sammeln fingen.
Die Leiche der Frau wurde jetzt nämlich aus dem engen unteren Raum hinauf
an Deck geschafft, und dort in Lee mit ihrer Matratze auf ein paar über
die Wasserfässer gedeckte Breter gelegt. Doktor Hückler, der sich jetzt
sehr geschäftig zeigte, öffnete ihr dann beide Adern, sich von dem
wirklichen Hinleben der Kranken, da man die Leiche nicht an Bord behalten
konnte, auch fest zu überzeugen. Als aber auch der letzte Zweifel
beseitigt, und der Tod fest und unerbittlich constatirt worden, wurde der
Segelmacher beordert, die Verschiedene in ein Stück Segeltuch, wie das auf
Schiffen gebräuchlich ist, einzunähen. Nur das Gesicht sollte noch bis zum
letzten Augenblick der Bestattung frei und offen bleiben.
Es ist ein häßlich unangenehmes Gefühl eine Leiche an Bord zu wissen, und
selbst in der Cajüte, die doch in keine Berührung mit der Gestorbenen
gekommen war, ja von deren Passagieren sich nur ein paar erinnerten sie
überhaupt je an Deck bemerkt zu haben, hatte es die fröhliche Stimmung die
das nahe Land hervorgebracht, wenn nicht ganz gestört, doch merklich
gedämpft. Wesentlich zu dem Unbehagen trug aber auch der Doktor Hückler
bei, der sich vor dem Frühstück, das die Passagiere heute außergewöhnlich
zeitig in der Cajüte versammelt hatte, in seinem unglückseligem
Geschäftsstolz nicht enthalten konnte, dem Professor Lobenstein genau den
erfolglosen Aderlaß an der Todten, die Umständlichkeiten ihrer letzten
Augenblicke und den wahrscheinlichen Zustand ihres Gehirns, das einer
Entzündung erlegen wäre, zu beschreiben. Der Professor suchte dabei
vergebens ihm zu entgehn, eben so beschwor ihn Herr von Benkendroff ihm
nicht wieder das Frühstück mit seinen verzweifelten Beschreibungen zu
verderben. Umsonst, der Fall interessirte ihn selber viel zu sehr, ihn
ruhig und unausgesprochen bei sich tragen zu können, und er _mußte_ seinem
Herzen Luft machen.
Indessen war Hedwig, die an dem Morgen schon zweimal vergebens an ihrer
jungen Herrin Thür geklopft, durch den Cajütenwärter dorthin beschieden
worden, und flog jetzt dem willkommenen Befehle Folge zu leisten. Die
junge Frau hatte sich ihr stets so mild, so freundlich gezeigt, war
besonders gestern Abend in ihrem Schmerz so herzlich mit ihr gewesen — und
diese Güte that dem armen, verwaisten Kind so wohl — daß es sie trieb und
drängte ihr Leiden zu erfahren. Konnte sie auch nicht helfen, mittragen
konnte sie es doch, und Alles, Alles thun was in ihren Kräften stand, ja
selbst was über ihren Kräften lag, es zu erleichtern.
Sie fand Clara heute schon auf, und vollständig angezogen in ihrer Cajüte,
und als sie die Thüre öffnete streckte ihr die junge Frau die Hand
entgegen. Hedwig erschrack aber über das todtenbleiche schmerzdurchzuckte
Antlitz der geliebten Herrin, und wollte die gebotene Rechte in
ängstlicher Hast an ihre Lippen führen, als sie sich von Clara
emporgezogen, von ihren Armen umschlossen und einen heißen Kuß, heißere
Thränen auf ihrer Stirne fühlte.
»Um Gottes Willen liebe — gnädige Frau« —
»Nenne mich Clara fortan und Schwester« — flüsterte aber die Frau unter
gewaltsam zurückgedrängten Thränen — »denn ich will es Dir sein bis zum
Tode, Du armes — liebes Kind. Aber ruhig jetzt — keine Frage weiter, kein
Wort,« bat sie, als Hedwig sich halb erschreckt, halb schüchtern aus ihren
Armen loszuwinden suchte — »in wenigen Tagen — Stunden vielleicht,
betreten wir das Land, und die uns fremd hier sind brauchen nicht zu ahnen
daß uns _ein_ Schmerz, _ein_ Leid gedrückt. Komm mein Kind« setzte sie
dann ruhiger hinzu, während sie die Spuren der Thränen von ihren Wangen zu
tilgen suchte, »komm Hedwig, wir wollen hinaus unter die Leute gehn, aber
Du bleibst bei mir, nicht wahr mein liebes Kind, Du gehst jetzt nicht
wieder von mir fort? — Schon gut — schon gut, ich weiß daß Du mich liebst,
wenn ich es auch nicht verdiene, denn auch ich — aber das später — das
später« flüsterte sie, ihr Herz mit beiden Händen deckend, als wenn sie es
halten und bändigen wollte in der Brust — »Und nun die Maske vor zum
_ersten_ Mal!«
Hedwig, nicht im Stande den, für sie räthselhaften Sinn der dunklen Worte
zu verstehn, wagte auch nicht zu fragen und zu forschen, hätte ihr die
Frau selbst Zeit dazu gelassen. Diese aber öffnete rasch die zur Cajüte
führende Thür, und betrat den inneren Raum, wo sie sämmtliche Passagiere
am Frühstückstisch bereits versammelt fand.«
»Heilige Mutter Gottes!« rief aber Marie, die auf sie zu lief, und sie
umarmte und küßte, »wie bleich und angegriffen Du aussiehst Clara; Du bist
_recht_ krank gewesen — bist es noch, und mußt Dich unendlich schonen und
in Acht nehmen, daß Du Dich ja recht bald wieder erholst. Draußen ist ja
schon das Land in Sicht — soll ich es Dir zeigen?« —
»Nachher, nachher meine liebe Marie,« lächelte Clara, ihren Kuß und den
Morgengruß der Uebrigen erwiedernd.
Herr von Hopfgarten begnügte sich aber nicht mit der kalten Verbeugung,
sondern ging auf sie zu, um den ganzen Tisch herum, schüttelte ihr die
Hand, und sagte ihr daß es ihn unendlich freue sie wieder wohl und munter
zu sehn, denn sie hätte ihm die ganze Zeit lang gefehlt, und er wäre
selbst nicht einmal über das Land froh geworden.
Marie neckte ihn deshalb, aber des Capitains Ruf nöthigte die Passagiere
sich zu setzen, und das Gespräch wurde jetzt allgemein.
Mit der Sonne wurde die Brise indessen etwas lebendiger, und das Land lag
schon, ein deutlicher dunkler niederer, aber doch selbst dem bloßen Auge
leicht erkennbarer Streifen am fernen westlichen Horizont, dem das Schiff
jetzt mit vollgeblähten Segeln entgegenstrebte. Rechts und links kamen
dabei noch andere Segel in Sicht, kleine Küstenfahrzeuge wie größere
Schiffe, die theils gegen den Wind aufkreutzten, theils mit ihnen gleiche
Bahn gingen der amerikanischen Küste zu, und die Passagiere hätten des
Neuen und Fremdartigen zu sehen genug gehabt, wäre ihre Aufmerksamkeit
nicht bald auf das Begräbniß der Frau gelenkt worden. Der Capitain trieb
nämlich, die Leiche über Bord zu lassen, einer Masse Umständlichkeiten zu
entgehen, die er sonst noch bei der Landung hätte haben können.
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