Weit besser befanden sich die Passagiere, die mit den, die Weser
befahrenden Dampfbooten ihrem Ziele rasch und bequem entgegeneilten. So
hatte die Familie des Professor Lobenstein, mit dem größten Theil der im
Hannöverschen Haus einquartirten und für die Haidschnucke bestimmten
Auswanderer, schon um sechs Uhr Morgens Bremen verlassen, und der kleine
rasche Dampfer legte sich bald nach 9 Uhr an Bord des mächtigen
Seeschiffes, dem sie ihre Leben für die weite Fahrt anvertrauen wollten.
Dort wurden schon Kisten und Kasten, Schachteln und Koffer rasch an Deck
gehoben, und die Reisenden sahen sich plötzlich wie mit einem Schlage, aus
allen ihren bisherigen Verhältnissen herausgerissen, in einer neuen
unbekannten, fremden Welt.
_Das Schiff!_ Wie viel hatten sie darüber gelesen, wie viel sich davon
erzählen lassen: von den Cajüten und Decks, von den Masten und Segeln, von
den Matrosen selbst, und dem Leben an Bord; wie hatten sie doch, als sie
erst einmal den Gedanken an Auswanderung fest gefaßt, und mit den
Verhältnissen im alten Vaterlande zerfallen, ihre ganze Hoffnung auf das
neue gesetzt, den Augenblick herbeigesehnt, in dem sie an den hohen
Seitenwänden des Schiffes, das sie nach Amerika hinüber bringen sollte,
hinaufklettern, und die Hüte schwenken würden, den stolzen Bau zu
begrüßen. Tausend wunderliche und bunte Bilder hatten sie sich dabei
ausgemalt, Jeder in seiner Art, auf seine Weise. Der Capitain stand dann
auf seinem Deck und winkte dem nahenden Boot schon von weitem seinen
Willkommen zu, die Matrosen jubelten und ein paar Böller wurden gelöst,
den Passagieren zu Ehren. Die Flaggen und Wimpel wehten dabei, und im
Hintergrund rauschte das Meer mit seinen mächtigen Wogen gewaltig darein,
in die Harmonie dieses einen seligen Augenblicks —
So hatte sich die Phantasie eben diesen Augenblick gemalt, und jetzt?
gerade vor neun Uhr fing es, höchst prosaischer Weise, an zu regnen, als
ob sie da oben die Wolken mit Eimern ausschöpften und ohne richtige
Ortspolizei das Wasser mitten in die Welt hineingössen. Das auf Deck
liegende Gepäck war freilich mit getheerter Leinwand überspannt, wie aber
das Boot an das Schiff hinanrauschte, wurde dieselbe hinweggezogen, und
die Sorge der Auswanderer nahm das so ausschließlich in Beschlag, daß sie
fast an weiter nichts Anderes dachten, oder denken konnten, und Jeder nur
das Seinige so rasch als möglich unter Dach und Fach zu bringen suchte.
Das Tau, das ein Matrose vorn am Bug des Dampfbootes zum Wurf
zusammengerollt in der Hand trug, flog aus und wurde an Bord der
Haidschnucke, von rasch zuspringenden Leuten befestigt, die Räder
arbeiteten langsam vorwärts, das Boot eben gegen die Strömung, gegen die
es aufgedreht war, festzuhalten, und eine von Bord niedergelassene,
bequeme Treppe, mit niederhängenden Tauen (_fallreeps_) an der Seite sich
festzuhalten, diente den Passagieren zum Aufsteigen auf das höhere Deck.
Dort befand sich aber schon ein Theil der Frühergekommenen, die es für
zweckmäßig gefunden hatten sich zeitiger einzufinden, und dadurch die Wahl
eines Platzes zu haben. In der Cajüte waren nun allerdings die einzelnen
_staterooms_ oder Cajütenplätze schon von den Rhedern selber für die
Passagiere nach ihrer Anmeldung bestimmt, und eine Beschlagnahme des einen
oder anderen Platzes konnte da nicht stattfinden; im Zwischendeck gab es
aber dafür desto verschiedenere Plätze, die allerdings den Erstgekommenen
zur Wahl frei lagen, und die Cojen unter den beiden Luken nach vor und aft
wären jedenfalls zuerst vor allen anderen belegt worden, hätte der
Steuermann, die zweite Person an Bord, den zuerst gekommenen Passagieren
nicht dadurch die Wahl wieder schwergemacht, und Manche sogar dazu
bestimmt sich einen Mittelplatz zu wählen, daß er ihnen sagte die, welche
sich gerade in der Mitte des Schiffes befänden, wären der Bewegung
desselben auch am wenigsten ausgesetzt, und würden deshalb auch am
wenigsten von der Seekrankheit zu leiden haben.
Es hat das etwas für sich; die Bewegung des Schiffes ist dort allerdings
am geringsten, aber trotzdem noch stark genug dem, der nur irgend zu
diesem Leiden inclinirt, nicht den geringsten Schutz zu gewähren, und der
davon verschont bleibt wird sie auch an den entfernteren Enden nicht
bekommen. Jedenfalls haben die Plätze unter den Luken die meiste frische
Luft, und wer je zur See war, wird die zu schätzen wissen.
Einige, wie schon gesagt, ließen sich aber doch dazu bereden Mittelplätze
zu belegen; unter diesen Mehlmeier, der von Steinert beauftragt worden,
falls er früher an Bord kommen sollte, einen Platz für ihn aufzuheben, und
der selber die Seekrankheit mehr als Cholera und gelbes Fieber fürchtete.
Zu diesem hatte sich noch der kleine graue Herr mit dem spitzen
Mützenschild gesellt, den der Kellner in Bremen die »_Nachtigall_« genannt
und der ebenfalls seine Passage im Zwischendeck genommen; Drei und Drei
bekamen eine Coye zusammen, von denen immer zwei übereinander lagen,
Steinert war also »im Bunde der Dritte« wie er sich ausdrückte, als er die
Einrichtung erfuhr, und der kleine graue Herr, der Schultze hieß, hatte
sich, wogegen Mehlmeier allerdings im Anfang protestirte, dann aber
nachgab, die obere Coye ausgesucht. Die untere Coye nahm der polnische
Jude mit seinem Knaben ein, dem später noch der junge Bursche, für den an
der Landung in Bremen gesammelt worden, zugegeben wurde, da Niemand
Anderes ein Logis mit dem langbärtigen, nicht eben reinlich aussehenden
Manne inne haben wollte.
Im ersten Augenblicke wußte aber Niemand wohin er gehöre, noch sah irgend
Jemand die Möglichkeit ein sich oder sein Gepäck an irgend einem nur
erträglichen Ort unterzubringen. Alles schrie und lief durcheinander;
sämmtliche Bagage wurde vorläufig an Deck aufgestapelt, und dann durch die
Matrosen, nur um die Sachen aus dem Regen fortzubekommen, in das
Zwischendeck hinuntergelassen, wo in der Dunkelheit des Raumes an ein
Sortiren der verschiedenen Eigentumsrechte nicht zu denken war. Vergebens
blieben auch alle Protestationen der Passagiere, die _diese_ Kiste nicht
auf den Kopf gestellt, _jene_ nicht gedrückt oder gestoßen haben wollten;
die Matrosen thaten gerade so, als ob sie eine ganz andere Sprache
redeten, und kein Wort von allen Bitten und Vorwürfen verständen, schlugen
ein Tau um das erste beste Stück, das ihnen unter die Hände kam, und mit
einem »_heave!_« und »_lower away_« den englischen Ausdrücken des
Einladens, hoben sich die Kisten in die Luft, schaukelten einen Moment hin
und her, und verschwanden dann in der Tiefe, unten zu einem Chaos von
Dingen aufgestapelt zu werden, in dem Niemand mehr das Mein und Dein
unterscheiden konnte. Auch von den Cajütspassagieren wurden eine Menge
Sachen dort versenkt, und diese ebenfalls protestirten vergeblich dagegen.
Die Sachen mußten »aus dem Weg geschafft werden« — wie es die Matrosen
nannten, indem sie es den Zwischendeckspassagieren gerade _in_ den Weg
warfen — und wer nicht zufällig einen Theil seiner Sachen oben auf
entdeckte und selber faßte und wegtrug, konnte dann sehn wie und wo er es
später wiederfand.
Die Cajütspassagiere bekamen indessen, sobald sie sich bei dem Steuermann
meldeten, ihre resv. Plätze sofort angewiesen; in der That waren die
verschiedenen Thüren, die alle nach innen in den großen Saal führten,
schon mit den verschiedenen Namen bezeichnet worden, und die
Lobenstein’sche Familie, die drei nebeneinanderliegende Räume, die Hälfte
der Cajüte einnahm, sah sich bald, so gut es den Umständen nach nur irgend
ging, in zwar kleinen aber ziemlich geräumigen und besonders nett und
reinlich gehaltenen Cajüten untergebracht. Der Vater und Eduard bewohnten
eine von diesen, Anna und Marie die zweite und die Mutter mit den beiden
jüngsten Kindern die dritte.
Ihnen gegenüber war die eine Eckcoye oder Cajüte von Herrn Henkel und
seiner jungen Frau, die übrigens noch nicht eingetroffen, belegt worden,
die zweite hatten zwei fremde Herren in Besitz, ein Baron von Benkendroff
und ein Herr von Hopfgarten, die mittlere bewohnte schon seit acht Tagen,
sehr zum Aerger des Steuermanns der dadurch vielfältig genirt worden, ein
Fräulein von Seebald mit einer alten würdigen Dame (einer Frau von
Kaulitz), die ungemein gern Whist spielte und die ersten Tage in einem
gelinden Grad von Verzweiflung gelebt hatte, nicht den dritten »Mann« zu
einer Parthie bekommen zu können. Die beiden Herren Hopfgarten und
Benkendroff erschienen ihr als eben so viele Engel in der Noth, und Herr
von Hopfgarten besonders, war, seitdem er an Bord gekommen, erst im Stande
gewesen sich einen einzigen Nachmittag der unausweichlichen Parthie zu
entziehen.
Noch war, der Cajüte der beiden Steuerleute gerade gegenüber, ein anderer,
etwas schmalerer _stateroom_ frei, dessen unterer Theil von Schiffswegen
zu einer Art Vorratskammer für neues Segeltuch und Garn benutzt wurde. Der
obere Theil war dagegen einem Mittelding zwischen Passagier und
Schiffsoffizier, dem »Doktor« wie er kurzweg genannt wurde, zugetheilt,
sich darin, so gut wie das eben gehen wollte, häuslich niederzulassen.
Im Zwischendeck befanden sich indessen die Leute fast eben so behaglich
und zufrieden wie in der Cajüte. Nachdem nur der erste Sturm der
eintreffenden Mitpassagiere abgeschlagen, und diese mit ihrem Gepäck
beseitigt worden, hatten sich die Leute in den verschiedenen Coyen
vertheilt und Raum übrig genug. Allerdings ging das Gerücht daß noch
Passagiere mit einem Weserkahn eintreffen würden, und fünf oder sechs
konnten, ihrer Meinung nach, auch noch mit Bequemlichkeit untergebracht
werden, — einige Coyen standen sogar noch ganz leer, — vielleicht kamen
die aber auch _nicht_, trösteten sich Andere, und dann versprachen sich
die Meisten eine sehr angenehme Reise. Lieber Gott, das Zwischendeck
versagte ihnen manche am Land gewohnte Bequemlichkeit, aber dafür war man
ja doch auch an Bord, und mußte sich die kurze Zeit schon behelfen. Die
Belohnung lag über dem Wasser drüben, und hieß _Amerika_.
So verging der zur Einschiffung bestimmt gewesene Tag, der 20ste August,
an dem noch, trotz dem Regen, fortwährend Fracht in Fässern, Kisten und
Ballen eintraf, und in den unteren Raum weggestaut wurde. Die erste Nacht
an Bord ging auch ruhig und ohne weitere Störung vorüber; das Schiff, ein
großes stattliches Fahrzeug, lag still und regungslos auf der glatten
Wasserfläche, und in dem weiten Raum des Zwischendecks, mit den beiden
Luken geöffnet, über die ein Dach von getheerter Leinwand gespannt worden,
während ein Windfang den Tag über noch frische Luft hinunter führte, ließ
es sich schon aushalten — die Leute waren auf Schlimmeres vorbereitet
gewesen. Auch die Provisionen waren leidlich, Butter und Schwarzbrod
konnte sogar gut genannt werden, und mit dem frischen Fleisch und grünen
Gemüse, was sie, so lange sie an Bord lagen, statt der Schiffskost
geliefert bekamen, durften sie wohl zufrieden fein; _Viele_ von ihnen
hatten es in der eigenen Heimath lange nicht so gut gehabt.
Nur das Wetter wollte und wollte nicht besser werden, der Himmel hing in
düsteren Wetterwolken über der schon vollgesogenen Erde, und der Herbst
meldete sich in den kalten, unfreundlichen Schauern als ein viel zu
zeitiger, unwillkommener Gast. So verging der Morgen des 21sten, und
während ein großer Theil der schon an Bord befindlichen Passagiere einsah,
daß er sich keineswegs hatte so zu übereilen gebraucht, wurde ein anderer
schon ungeduldig, behauptete das Versprechen der Abfahrt für den 20sten zu
haben, und verlangte vom Capitain die Abfahrt. Sie hielten _ihren_
Contrakt, und meinten deshalb, daß der Capitain den seinigen ebenfalls
halten müsse. Die Erwiederung der Seeleute daß ein großer Theil der
Passagiere noch gar nicht an Bord sei, hielt ebenfalls nicht Stich. »Wer
nicht da wäre dem würde der Kopf nicht gewaschen« meinte Herr Schultze,
»und wenn die Leute bis Weihnachten nicht kämen, sollten sie wohl auch
daliegen bleiben und auf sie warten? — Alle Vögel« setzte er dabei hinzu —
»hielten die richtige Zeit in ihrer Wanderung, und sie wollten die ihrige
ebenfalls nicht unnöthig versäumen.«
So rückte der Mittag heran, und der Koch hatte eben zum »_Schaffen_«
gerufen, ein eigenes wunderliches Wort, das in unserer norddeutschen
Sprache »Essen« bedeutet, als der Steuermann, der schon den ganzen Morgen
oft und ungeduldig den Fluß hinaufgeschaut hatte, nach der Nummer des
Segels und der aufgezogenen kleinen Privatflagge des Rheders, den so lang
erwarteten Kahn mit dem Rest der Passagiere erspähte, und die Ordre gab
das Deck für den Empfang der neuen Gäste _klar_ zu machen. Glücklicher
Weise hatte, seit einer Stunde etwa, der Regen wenigstens nachgelassen,
und die Nachricht verbreitete sich rasch über Deck, daß ihre neue
Einquartierung anrücke. Eben so stand das ganze Deck des kleinen
Weserkahns gedrängt voll Menschen, die sehnsüchtig ihrer endlichen
Erlösung von dem trostlos engen Fahrzeug entgegensahen und das Schiff
jetzt, dem sie sich rasch näherten, mit einem dreimaligen donnernden
Hurrah begrüßten. Keineswegs so freudig wurden sie hier empfangen.
»_Den_ Schwarm Menschen sollen wir hier noch an Bord bekommen?« lief der
Schreckensruf durch das ganze Schiff — »wo wollen sich die denn
unterbringen? — das ist ja gar nicht möglich!« — und kein einziger Zuruf
antwortete dem grüßenden Hurrah. Aber der Steuermann hatte indessen die
Bremer Flagge am Heck und des Rheders Zeichen am Fockmast, wie ein Tuch,
mit dem weit auswehenden Namen des Schiffs am Top des großen Mastes
gehißt, als Merkmal für den Kahn, der auch jetzt direkt auf das Schiff
zulief, scharf gegen den Wind anluvte, und als er seinen Bug ziemlich nahe
zum Bugspriet der Haidschnucke gebracht hatte, voll in den Wind
hineindrehte. Während das Segel niederfiel fing »Capitain Meinert« ein
nach vorn ihm zugeworfenes Tau, das er rasch an seinem eigenen Bord
befestigte; der Matrose hatte im Hintertheil des Kahns ein anderes
zugeworfen bekommen, und wenige Minuten später lag er wohlbehalten
langseit der Haidschnucke seine »lebendige und todte Fracht« an deren Bord
zu _löschen_.
Unmöglich wäre es jetzt die Verwirrung, den Lärmen zu schildern, der in
diesem Augenblick entstand — der Steuermann schrie seine Befehle über
Deck, aber die ganze Mannschaft, wie sämmtliche Passagiere schrien mit,
und der Mann hätte sich eben so gut ruhig in die Cajüte setzen und seinen
Teller voll Suppe essen können der drinnen auf dem Tische kalt wurde, als
hier zu versuchen Ordnung in dies Babel von Stimmen und Koffern und
Hutschachteln, Matratzen, Kisten, wollenen Decken, kleinen Kindern und
Körben mit Provisionen zu bringen.
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