»Sie da — lieber Freund« redete ihn endlich Einer der Passagiere an, der,
in einen grauen weiten Ueberrock geknöpft, bis jetzt seiner Ungeduld in
einer verwirrten Masse von Flüchen und Verwünschungen Luft zu machen
gesucht, und das kleine Fahrzeug schon lange ärgerlich betrachtet hatte.
Der Matrose, oder was er sonst war, warf einen Blick über die Schulter
nach ihm hinüber, aber ob er nun glaubte daß die Anrede ihm nicht gelte,
oder sie nicht beachten _wollte_, kurz er setzte seinen Spatziergang an
Deck ruhig fort und gab keine Antwort.
»Sie da — heh — Sie Langer mit der blauen Jacke und der hübschen Mütze —
hören Sie nicht?«
»_Und_?« sagte der Mann jetzt und blieb, den Kopf halb über die Schulter
zurückgedreht, stehn, während er jedoch den Frager nicht dabei an-,
sondern nach den Dächern der nächsten Häuser hinaufsah, als ob ihn von
dort her Jemand gerufen hätte.
Steinert, denn der Mann in dem grauen Ueberrock war Niemand anderes als
unser alter Bekannter, der Weinreisende von gestern Abend, der übernächtig
und mit schwerem Kopf gerade übler Laune genug schien sich über die
geringste Kleinigkeit zu ärgern, murmelte etwas von »Dickschädel« und
»Holzkopf« in den Bart, fuhr aber doch in der begonnenen Anrede fort und
rief, nur noch mit lauterer Stimme als vorher:
»Sie da — Sie werden mit Ihrem Dings da von einem Schiff aus dem Weg
fahren müssen, wenn das andere Schiff kommt, unsere Sachen und uns selber
an Bord zu nehmen. Sie hätten sich wohl nirgends anderswo grad’ in den Weg
hinlegen können?«
Der Matrose oder Kahnführer glitt mit seinen Augen langsam vom dritten bis
zum zweiten und von da bis zum ersten Stock und dann quer über die
Hausthür weg nach dem Fremden nieder, der ihn angeredet hatte und öffnete
dann den Mund — aber blos um ein neues Priemchen Taback hineinzustecken,
wonach er, ohne auch nur eine Sylbe zu erwiedern, seinen Spatziergang an
Deck in der alten Weise und Ruhe fortsetzte. Steinert übrigens, der sich
jetzt ernstlich an zu ärgern fing, war nicht gesonnen sich so leicht
abfertigen zu lassen, und bis an den Wasserrand hinangehend, bis wohin
eine schmale Planke vom Bord des niederen Fahrzeuges aus reichte, schritt
er diese hinan und stieg keck an Deck des »fremden Schiffes« wie die
Uebrigen meinten.
»Guten Morgen« sagte er hier vor allen Dingen, als er sich auf dem fremden
Boden fand, und doch fühlte daß er mit Höflichkeit bei dem sonderbaren,
einsylbigen Mann weiter kommen würde, als mit Grobheiten.
»Morgen« sagte der Schiffer übrigens, ohne, gerade wie vorher, weitere
Notiz von ihm zu nehmen.
»Sagen Sie einmal Freund« nahm aber hier Steinert wieder das Wort, und
suchte sich dem Mann auf seinem Spatziergang entgegenstellen — »wie ist
denn das eigentlich, wollen Sie heute hier liegen bleiben?«
»Nee!« sagte der Schiffer.
»Und wann fahren Sie ab?«
»Sobald wie laden hebben« lautete die Antwort.
Steinert, der nur einen unbestimmten Begriff von Plattdeutsch hatte,
begriff nicht recht was der Mann sagte, und suchte ihm selber jetzt
begreiflich zu machen, wie sie mit jedem Augenblick ein »verdecktes
Flußschiff« erwarteten, das sie und ihre Sachen an Bord der Haidschnucke
schaffen sollte.
»Hm — wo sall’n dat herkomen?« frug der Schiffer aber jetzt mit einem
verschmitzten Lächeln nach dem Frager hinüberblinzelnd.
»Herkommen?« wiederholte Steinert erstaunt — »nach unserem Contrakt mit
dem Rheder müssen wir unentgeltlich mit unserem Gepäck von hier aus an
Bord des Seeschiffes geschafft werden.«
»Op en _Flußschiff_?« sagte der Matrose mit starker und etwas
humoristischer Betonung des hochdeutschen Wortes.
»Jawohl« sagte Herr Steinert.
»Un wie heet _dat_ hier?« sagte der Matrose auf das eigene Fahrzeug
niederdeutend, auf dem sie standen.
Ein böser Verdacht stieg in dem Weinreisenden auf, daß sie etwa gar in
einem solchen »Kasten« transportirt werden sollten. Dessen Bestätigung
blieb auch nicht lange aus, denn nach ein paar Fragen herüber und hinüber
stellte es sich wirklich heraus, daß dies kleine unansehnliche Fahrzeug
das identische »bedeckte Flußschiff« Nr. 67, und der lange Matrose der
Kahnführer Meinert sei, mit dem sie und ihre sämmtlichen Sachen »nach See
zu« geschafft werden sollten. Ein wilder Ausruf des Erstaunens, den der
erschreckte Weinreisende nicht unterdrücken konnte, zog einen Theil der
übrigen Passagiere herbei, und das Deck des kleinen Fahrzeugs schwärmte
plötzlich von einer Masse verblüffter und wirr durcheinander schreiender
Menschen, daß die Leute oben in der Straße stehen blieben oder auch mit
zum Ufer herunterkamen, in der freundlichen Hoffnung, einer möglichen
Prügelei der Auswanderer beiwohnen zu können.
Kahnführer Meinert, denn diese würdige Person war es wirklich selbst, ließ
sich indessen nicht im Mindesten aus seiner Fassung bringen, und
beantwortete alle Fragen seiner neuen ungeduldigen Passagiere mit einer
Ruhe und Gleichgültigkeit, die diese fast zur Verzweiflung brachte.
»Wie viel mal er zu fahren gedächte bis er die Masse Gepäck und Menschen
im Stande sei an Bord abzuliefern.«
»Ein Mal.«
»Ein Mal? — und wenn er sie Einer über den Andern packe gingen sie nicht
Alle hinein.«
»Noch einmal so viel, mit _Bequemlichkeit_, wenn es sein müßte.«
»Wie lange die Reise dauere?«
»Mit gutem Wind sechs Stunden.«
»Und mit schlechtem?«
»Unbestimmt.«
Manche der Passagiere hätten jetzt gern Passage auf dem Dampfboot
genommen, das aber war schon fort — das nächste ging erst um elf Uhr ab
und kam erst Nachmittag nach Brake, bis dahin konnten sie lange dort sein,
und sie fingen an sich in das Unvermeidliche zu fügen. Aber weshalb wurde
da nicht wenigstens ihr Gepäck eingeladen? — auf was warteten sie noch, da
die Abfahrt doch auf sechs Uhr bestimmt worden.
Kahnführer Meinert, oder »_Capitain_« Meinert wie er sich gern nennen
ließ, wartete noch auf »seine Mannschaft,« einen Matrosen, den er in die
Stadt hinaufgeschickt hatte ihm einen frischen Vorrath von Taback, Rum und
einigen anderen Kleinigkeiten einzuholen — sobald der kam, um die Sachen
im »unteren Raume fortzustauen« konnte die Sache beginnen.
Endlich kam der Bursche, ein schmutzig aussehendes, theerbeschmiertes
Individuum, mit einem Arm voll Packeten und zwischen den Zähnen eine
Anzahl Papiere haltend. Diese nahm ihm sein Principal vor allen Dingen
heraus, wischte den Tabackssaft davon ab und schob sie dann, ohne sie
weiter eines Blicks zu würdigen, in seine eigene Tasche.
Die Passagiere wurden jetzt aufgefordert »ihre Sachen an Bord zu liefern«
und folgten diesem Aufruf mit lobenswerther Bereitwilligkeit. Sie glaubten
nämlich nicht daß der kleine unansehnliche »Kahn« Alles würde einnehmen
können, und Jeder wollte wenigstens _sein_ Eigentum mit der _ersten_ Fahrt
befördert haben. Ein paar der stämmigsten, oldenburger Bauern, die auch
die größten Kisten hatten, wurden dabei ersucht »im Raum« ein wenig mit zu
helfen, »damit sie auch sähen daß nichts beschädigt würde,« und diese
unterstützte der Matrose, während »Capitain Meinert« an Deck stand, die
Kisten oder Koffer mit einem Tau umschlang, und in den unteren Raum, oder
vielmehr nur unter Deck, hinunterließ, denn das kleine Fahrzeug hatte nur
den einen Raum.
Während die Leute aber solcher Art beschäftigt waren, trafen immer noch
andere, verspätete Passagiere ein, die ebenfalls mit befördert werden
wollten und mußten. Unter ihnen der alte polnische Jude mit seinem Knaben,
der jetzt auch mit Hand anlegen sollte das Gepäck an Bord zu schaffen. Der
alte Bursche schien aber kein Freund von solcher Beschäftigung und merkte
kaum wie die Sachen standen, als er an zu hinken fing, und die rechte Hand
vorn in seinen Kaftan legte — er wollte sich an dem Morgen weh daran
gethan haben, und konnte sie nicht gebrauchen.
Das Gepäck wurde übrigens rascher beseitigt als man im Anfang geglaubt
hatte, und merkwürdiger Weise faßte dabei das kleine unansehnliche
Fahrzeug eine solche Unmasse von Sachen, die in seinem Bauch ordentlich
verschwanden, daß, wenn auch gerade kein bequemer Platz, doch Raum genug
blieb, auch die Passagiere aufzunehmen, die sich schon ein paar Stunden
solcher Art glaubten behelfen zu können. Lieber Gott, man ging ja jetzt in
See, und da konnte man nicht Alles haben wie zu Hause. Vor acht Uhr
erklärte aber »Capitain Meinert« nicht im Stande zu sein abzufahren, da
dann erst die Ebbe einträte, mit deren ausströmender Fluth er bei dem
schwachen Winde hoffen durfte vorwärts zu kommen, und es blieb den
Passagieren, die Anfangs allerdings darüber murrten, aber sich in das
Unvermeidliche fügen mußten, noch etwa eine halbe Stunde Zeit sich zu
beschäftigen wie es ihnen gerade gefiel. Schon vor acht Uhr waren sie aber
sämmtlich wieder am Ufer, jetzt ernstlich auf endliche Abfahrt ihres
»Schiffs« dringend.
Ein junger Bursche, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der auch
an denselben Morgen, mit einem ledernen Tornister auf der Schulter und
einem leinenen zerrissenen Staubhemd über einem sehr abgetragenen
Röckchen, an das Ufer gekommen war und sein »Gepäck« zu dem übrigen
gestellt hatte, war dann noch einmal fortgelaufen und in Schweiß gebadet
wiedergekommen, und schien über irgend etwas in großer Angst und Sorge.
Die Leute hatten aber sämmtlich zu viel mit sich selber zu thun, der Noth
und Sorge eines ihrer vermutlichen Mitpassagiere nachzufragen, und der
arme junge Bursch, als schon sämmtliches Gepäck an Bord geschafft worden,
saß noch immer auf seinem Tornister am Ufer, das bleiche Antlitz in die
Hand gestützt, und schien wirklich in stummer Verzweiflung der
Einschiffung der Uebrigen zusehn zu wollen, ohne selber daran Theil zu
nehmen.
Unter den Juden war Einer Namens Wald, ein Mann in den vierzigen, mit
einer ansetzenden Glatze, aber scharfgeschnittenem klugen Gesicht und
lebhaften schwarzen Augen, der sich bis dahin von den Uebrigen ziemlich
fern gehalten. Neugierig gemacht übrigens, durch das Wesen des jungen
Burschen, ging er jetzt zu diesem hin, und frug ihn was er hätte oder was
ihm fehle. Der arme Teufel klagte ihm da mit Thränen in den Augen sein
Leid — es fehlten ihm wirklich noch fünfzehn Thaler an seiner Passage nach
Amerika, und die Rheder wollten ihn nicht mitnehmen, ehe er die volle
Summe gezahlt habe; aber er _müsse_ mit fort, und wenn ihn das Schiff
nicht mitnähme sei er rettungslos verloren.
Wald wollte ihn trösten, daß er denn wohl noch ein anderes fände, der
junge Mensch schien aber so in Angst, und überhaupt noch etwas anderes
auch auf dem Herzen zu haben, worüber er nicht recht mit der Sprache
herauswollte, sah aber dabei so treuherzig und fast noch kindlich aus, daß
der Mann den Kopf herüber und hinüber schüttelnd, endlich sagte:
»Nu Gottes Wunder, sind wir doch Menschen hier genug die paar Thaler
zusammenzubringen — wart einmal a Bisle, ich werd’ an zu sammeln fangen.«
»Aber das Schiff fährt fort —«
»Wird nich so schnell fahren« sagte der Mann gutmüthig, und zu dem
polnischen Juden gehend hielt er dem seine Mütze hin und sagte:
»Kamerad, ich brauch ein paar Thaler Geld für einen armen Teufel, den wir
nich dürfen zurücklassen in Deutschland.«
»Armer Teufel?« sagte der Israelit — »wie haißt? bin ich doch selbst en
armer Teufel — wo ist er her?«
»Kann Dir einerlei sein wenn er arm ist« meinte Wald.
»Der Mann hat Recht« sagte aber jetzt der Alte, und griff in seine Tasche.
»Wie viel braucht’s?«
»Je mehr desto besser« sagte Wald — »funfzehn Thaler Geld müssen werden.«
»Hier is a Thaler« sagte der Alte und warf das Geld in die Mütze.
Der nächste zu diesem war Steinert, an den sich Wald mit seiner Sammlung
wandte. Dieser zeigte sich aber nicht so rasch mit Geldgeben wie der alte
Jude, sondern wollte erst genau wissen wozu und weshalb, wer der Bursche
sei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei,
als er sah daß er auf keine andere Art zu seinem Zweck kommen könne, und
der junge Bursch gab jede nur mögliche Auskunft, bis Steinert endlich in
seine Tasche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er sie
mehrmals durchgesehn, zwölf davon reichte.
»Aber wir brauchen fünfzehn _Thaler_« sagte dieser, »und zweiundsiebenzig
machen erst einen.«
»Leider« erwiederte ihm Steinert, »ich brauche aber noch mehr wie fünfzehn
Thaler und mir giebt Niemand etwas.«
Wald sah daß alles weitere Zureden umsonst sein würde, um deshalb nicht
mehr Zeit zu versäumen ging er weiter, und einige der jungen Mädchen, die
der arme Bursch dauerte, nahmen sich jetzt auch der Sache an, legten
selber zusammen so viel sie konnten, und collectirten bei den Anderen. Es
war gut für sie daß sich viele Juden unter den Passagieren befanden; diese
gaben fast alle und — so geizig sie sonst sein mochten — gaben reichlich,
ohne weiter zu fragen wie der Mann heiße und woher er sei, während die
Christen, von denen Viele es dem Anschein nach weit eher entbehren konnten
— erst Alles auf das Genaueste wissen wollten, und dann noch jede
Ausflucht suchten, wenigstens mit einigen Groten abzukommen.
Nichtsdestoweniger brachte Wald, von den jungen Mädchen unterstützt, das
Geld in kaum einer halben Stunde richtig zusammen; der junge Bursch, jetzt
überglücklich seine Reise gesichert zu sehn, flog mehr als er ging, in die
Stadt zurück, seinen Schein zu bekommen.
Der einzige der sich bei der ganzen Sammlung _nicht_ betheiligt, denn
_alle_ übrigen hatten wenigstens eine Kleinigkeit gegeben, war der
wunderliche alte Bursche, den wir im Anfang auf den Kisten sitzend fanden,
und der auch nur erst in der That seinen Platz geräumt hatte, als die weit
ungeduldigeren Reisegefährten das Gepäck anfingen unter ihm selber
wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erste, der sich eine gute Stelle
an Bord aussuchte, dort eine der überall herumliegenden Matratzen, die
fast Jeder bei sich führte, aufrollte, und sich, keine Rücksicht auf etwa
später Nachkommende nehmend, behaglich unter Deck darauf ausstreckte.
Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art
Schiffsjungen bei sich hatten, gehißt, und die mit schwarzer Farbe darauf
gemalte Nummer 67 sichtbar. Das galt den Passagieren aber auch als Zeichen
der Abfahrt, und Alles drängte an Bord, einen bequemen Platz für die
Hinausfahrt zu bekommen.
Unter den Passagieren, die mit dem Weserkahn befördert werden wollten,
befand sich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger sehr anständig
und reinlich gekleideter Mann in schwarzem Tuchrock und eben solchen
Hosen, mit blankgewichsten Stiefeln und Glacéhandschuhen, ein reizendes
Frauchen, ganz einfach aber höchst geschmackvoll gekleidet, am Arm und
einen Knaben, einen lieben kleinen Burschen von kaum mehr als drei Jahren
an der Hand. Der Mann mußte sich aber wohl schon früher genau nach der
Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erst kurz vor acht Uhr
gekommen und mit Frau und Kind, ohne sich mit Einem der Uebrigen in ein
Gespräch einzulassen, am Ufer auf- und abgegangen.
Der Violinist Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt für sich und die
Seinen, nachdem er vergebens gesucht seine Passage abarbeiten zu dürfen,
mit schweren Opfern und besonders durch den Verkauf fast aller seiner
Habseligkeiten, zusammengebracht, und war im Begriff sich ebenfalls mit
der Haidschnucke nach Amerika einzuschiffen — freilich im Zwischendeck,
und das Herz schlug ihm recht weh und ängstlich, wenn er die Leute sah mit
denen er gemeinschaftlich, in einem Raum die lange Reise machen sollte,
und der Entbehrungen, der Beschwerden dann gedachte, denen sein zartes
junges Weib, denen sein Kind dabei ausgesetzt sein mußten. Adele aber, die
liebe kleine Frau, die in dem gramumwölkten Blick des Gatten wohl all die
Sorge, all den Kummer lesen mochte, den er sich ihretwegen machte, und
ihretwegen doch auch gerade wieder sein ganzes Leben daran setzte, sie aus
den Sorgen zu reißen, in denen sie im alten Vaterland gelebt, hing sich an
seinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komischen
wunderlichen Gestalten machte sie ihn dabei aufmerksam, die sie umgaben;
auf den langen Kahnführer mit seinem spitzen Gesicht und den polnischen
Juden mit dem schönen bleichen Knaben, und freute sich wie ein Kind über
das rege Leben und Treiben, das um sie her drängte und wogte, und sie
jetzt mit fortnehmen sollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das sie
hier zurückließ, und das sie an das alte Vaterland noch hätte fesseln
können; eine Waise stand sie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die
für sie.
Und dennoch schrack sie fast unwillkürlich zurück, als sie, an des Gatten
Arme, der den Knaben selber jetzt aufgenommen hatte ihn an Bord zu tragen,
das kleine Fahrzeug betrat das sie stromab führen sollte, dem Seeschiffe
zu. Der warme Dunst der sie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das
feuchte schmutzige kleine Fahrzeug selber — sie schmiegte sich fester an
den Gatten an, wie um Hülfe zu suchen gegen dies erste peinliche Gefühl,
und nur erst als dieser leise aber tief und schmerzlich aufseufzte und die
Scene vor sich mit ängstlich forschendem Blick überflog, denn er sah nicht
ein stilles, geschütztes Plätzchen, wo er Weib und Kind hätte unterbringen
können, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang sie mit
Gewalt jedes andere Gefühl zurück. Die Notwendigkeit gebot hier daß sie
sich fügte; nicht durfte und wollte sie des Gatten Herz noch schwerer
machen als es schon war, und selbst mit einem Lächeln auf den bleichen
Lippen sagte sie, sich flüsternd zu ihm biegend.
»Ach Schade, Paul, daß Du kein Maler bist; das wäre ein Stoff hier für ein
prachtvolles Genrebild.«
»Arme Adele« flüsterte Eltrich leise.
»Arme Adele?« wiederholte aber die junge Frau, jetzt ernstlich
entschlossen das Unvermeidliche auch fest und freudig zu ertragen — »wie
Viele gäben Gott weiß was darum dies nur zu sehn, und da wir endlich,
wonach wir die langen Jahre und immer umsonst gestrebt, erreicht,
bedauerst Du mich?«
»Wie wirst Du es nur ertragen auf dem Schiff?« seufzte der junge Mann.
»Wie ertragen es so viele Tausend?« entgegnete ihm aber die kleine wackere
Frau, »und bin ich nicht jung und gesund? — was Andere können kann auch
ich.«
»Aber Du warst von je ein anderes Leben gewohnt.«
»Und Du nicht? — Ach Paul, quäle Dich doch um Gottes Willen nicht jetzt
unnützer Weise mit solchen Gedanken, und sieh lieber daß Du ein Plätzchen
irgendwo für uns findest, die paar Stunden hinzubringen. Ich glaube wir
blieben am Besten an Deck.«
»Ich traue dem Wetter nicht« sagte Eltrich kopfschüttelnd — »dort im
Westen liegt es dunkel und schwer, und kommt mit Macht herauf. Jetzt ist
auch für uns noch Hoffnung einen Platz unter Deck zu bekommen, denn Viele
scheuen sich hinunter zu gehn, ehe sie müssen; nachher drängt denn Alles
hinein und die Leute hier sehen mir gerade nicht aus, als ob sie viel
Rücksicht auf einander nehmen würden.«
»So such’ uns ein Plätzchen« sagte die junge Frau, »und wir richten uns
dann häuslich ein, ich und Luz, und wenn wir einmal wieder auf festem
Grund und Boden sind, in Amerika drüben, dann werden wir noch oft über die
Zeit lachen die wir hier verlebt, und was wir da Alles gesehn und gehört.«
»Und gerochen« seufzte Eltrich in komischer Verzweiflung — »lieber Gott,
qualmen die Leute einen nichtsnutzigen Taback.«
»Man gewöhnt sich an Alles« sagte die kleine Frau; »aber geh nun hinunter
und sieh Dich um, ich bleibe dann noch oben an der freien Luft bis es
wirklich an zu regnen fängt.«
In dem Kahn sah es indessen in der That wild und wunderlich genug aus. Die
Erstgekommenen hatten sich, nach Umständen, vortrefflich eingerichtet und
alle vorgefundenen und meist noch zusammengebundenen Matratzen benutzt,
Lager- oder Sitzplätze für sich herzurichten, und die später Eintreffenden
suchten jetzt ihre »Betten«, über Alles dabei hinwegsteigend was ihnen im
Wege lag. Jeder that zugleich sein Bestes den Nachbar zu überschreien, nur
um selber gehört zu werden, und Steinert besonders, der sich aus irgend
einer unbegreiflichen Ursache für schändlich behandelt und hintergangen
hielt, machte einen Heidenlärm.
»Das also nennen diese Herren Rheder ein »verdecktes Flußschiff« — einen
Aufenthalt für Menschen — für Auswanderer? Ein Kasten ist’s, mit einem
Loch darin, Mehlsäcke etwa wegzupacken und Fleischfässer — eine
Vorbereitung zur Galeere für Mörder und Diebe — ein schwimmendes
Zuchthaus. »Verdecktes Flußschiff.« — daß sie der Böse einmal später in
einem solchen »verdeckten Flußschiff« nach seinen höllischen Regionen
abführe, dort mit des Geschickes Mächten einen ew’gen Bund zu flechten.«
»Ach was« unterbrach ihn da Einer vom Stamme Juda — »lassen Sie das
Geschwafele und gehn Se mit Ihre dreckige Fißche von meine Matratze
herunter — Gott der Gerechte wo sieht der Mensch um die Fiße aus und
stellt sich mich Nichts dich Nichts auf’s Bettzeug!«
»Meine Herren!« — rief Steinert dagegen, konnte aber seine Rede nicht zu
Ende bringen, da der Mann den einen Zipfel der also mißhandelten Matratze
mit beiden Händen gefaßt hatte, und sie dem Weinreisenden mit einem
plötzlichen Ruck so rasch unter den Füßen fortriß, daß dieser das
Gleichgewicht verlor und rückwärts in einen Korb voll Blech und anderes
Geschirr hineinfiel, den die Familie Rechheimer, Mann, Frau und zwei
erwachsene Töchter eben zu etwas genauerer Inspection hervorgezogen. Der
Lärm wurde jetzt allgemein, denn Steinert wollte thätliche Rache nehmen,
und bat die Umstehenden daß sie ihn halten möchten, weil er sonst den
Elenden über Bord würfe.
»Frieden, lieben Freunde« sagte da eine tiefe aber sehr weiche, fast etwas
singende Stimme, und ein junger Mann von vielleicht drei- oder
vierundzwanzig Jahren mit vollem Bart und langen glatt herunterhängenden,
in der Mitte gescheitelten Haaren, modern, wenn auch etwas vernachlässigt
gekleidet, trat zwischen die Streitenden und fing an ihnen zu beweisen daß
sie Beide Unrecht hätten, daß sie nicht verständen das Romantische ihrer
Lage zu begreifen und anstatt, wie die Biene aus _jeder_ Blume Honig zu
ziehen, sich von dem ersten bitteren Geschmack abschrecken und verblenden
ließen.
»Ja — eine kleine Biene flog« rief Steinert noch immer entrüstet
dazwischen, »aber ziehn Sie einmal hier Honig heraus, wenn ich bitten darf
— das wäre ein Kunststück.«
»In einem solchen Kunststück bewährt sich gerade der Mann!« entgegnete die
kleine schmächtige Gestalt des Passagiers mit der tiefen Stimme — »das
Edle wollen und das Gute thun!«
»Ich brauche mir aber meine Matratze nich einschmieren und mich schimpfen
zu lassen — brauch ich nich —« schrie jedoch der Israelit, noch keineswegs
beruhigt, dazwischen, und Steinert wollte ebenfalls wieder heftig
erwiedern, als von einer anderen Ecke des halbdunklen Raumes her ein neuer
Lärm vorbrach, dessen Mittelpunkt diesmal der Mann mit dem affenähnlichen
Gesicht zu sein schien. Dieser hatte ebenfalls, wie es sich jetzt
herausstellte, auf einer fremden Matratze Platz genommen und weigerte sich
nicht sowohl ihn zu räumen, als daß er ihn, ohne auch nur ein einziges
Wort zu erwiedern, ruhig gegen einen ganzen Schwarm von Frauen und Mädchen
behauptete. Die einzige Antwort die man aus ihm herausbringen konnte, war
eine ordentliche Wolke des schändlichsten ordinärsten Tabacks der sich nur
denken ließ, und je ärger der Lärm um ihn her wurde, desto mehr verschwand
er in dem, immer dicker aufsteigenden Nebel, und nur die kleinen grauen,
von dichten und dunklen borstigen Brauen beschatteten Augen blitzten
daraus hervor, daß es den Frauen ordentlich unheimlich zu Muthe wurde,
wenn sie den Mann anschauten.
Wer sich übrigens um all den Lärm da unten nicht bekümmerte war der
Kahnführer selber, »Capitain Meinert«, der indessen, da die Ebbe jetzt
wirklich eintrat, mit seines Matrosen Hülfe den leichten Anker an Bord,
und vorn auf den Bug hob, und als das kleine Fahrzeug, nicht mehr vorn
gehalten, mit der Strömung langsam herumschwang, an’s Steuer trat und es
weiter hinaus in den Fluß lenkte, klar von den übrigen Kähnen zu werden
und freies Fahrwasser zu bekommen.
Die Passagiere waren übrigens hierbei selber zu sehr interessirt, es so
ganz gleichgültig mit anzusehn, wie sie, zum ersten Mal in ihrem Leben
»flott« wurden, und kaum fühlten sie unten die Bewegung des »Schiffs« wie
sie den Kahn unverdrossen nannten, als auch die Mehrzahl rasch an Deck
kletterte. Viele von ihnen hatten dabei eine unbestimmte Ahnung daß sie
jetzt bald das Land »aus Sicht« verlieren und direkt in die offene See
hineinsteuern würden, das große Schiff nach irgend einer gegebenen,
unbekannten Richtung aufzusuchen; Andere glaubten daß _Brake_
wahrscheinlich um die nächste Landspitze herum läge, und sie dort
spätestens zum Mittagsessen eintreffen müßten; jedenfalls gewann Eltrich
indessen unten Zeit ein Eckplätzchen für Frau und Kind herzurichten, wo er
eine von seinen Matratzen ausbreitete, und die andere, gegen die Kahnwand
hin hoch aufstellte, als Rücklehne zu dienen. Adele hatte auch kaum mit
dem Knaben darauf Platz genommen, als die Wolken, die sich den ganzen
Morgen schon hoher und höher gezogen, begannen Ernst zu machen. Es fing
gegen neun Uhr an erst zu tröpfeln und dann ordentlich zu regnen, und die
Passagiere drängten wieder mit Macht nach unten, unter Dach. Nur Einzelne
von den Männern blieben oben, die, in ihre Mäntel gehüllt, oder mit
Regenschirmen, die Nässe, dem Dunst und der Hitze unten vorzogen.
So scharf und frisch die Luft aber auch im Anfang, mit dem ersten Regen
einsetzte, und so rasch das kleine, ziemlich gut segelnde Fahrzeug dabei
die Fluth durchschnitt und die Thürme Bremens bald zurückließ, so bald
schlief der Wind wieder ein, und wenig mehr als die ausfluthende Strömung
trieb den Kahn zuletzt noch weiter, der kaum mehr seinem Steuer gehorchte,
und langsam und schläfrig an dem grünen Ufer niederschwamm. Die Luft war
dabei schwül und drückend, und der Regen goß dermaßen in Strömen nieder,
daß selbst die Luke, wenn auch nicht dicht verschlossen, doch mit
getheerter Leinwand verhangen werden mußte, und die Luft in dem beengten
Raum nur noch dumpfiger und schwüler machte.
Ein Theil der Passagiere amüsirte sich indeß ganz gut — hie und da hatten
sich kleine Gruppen gesammelt und spielten, mit einer Kiste zwischen sich
als Tisch, Karten; dort machten ein paar junge Burschen — und der Mann mit
der tiefen Stimme und den gescheitelten Haaren befand sich leider zwischen
ihnen — den jungen Mädchen die Cour und suchten auf solche Weise nicht
allein ihre Zeit zu vertreiben, sondern auch gleich Bekanntschaften für
die Reise anzuknüpfen. An rohen Scherzen der Ungebildeten fehlte es dabei
nicht, über die ein Theil ein wieherndes Gelächter aufschlug, während es
den anderen verletzte, und Eltrich seufzte oft tief und schwer auf, seine
arme Frau in solche Umgebung jetzt vielleicht Monate lang gebannt zu
wissen, und nicht im Stande zu sein sie daraus zu befreien.
Adele beschäftigte sich indessen theils mit dem Kind, theils suchte sie,
den Knaben im Arm und den Kopf gegen die Matratze zurückgelehnt, dem
häßlichen Aufenthalt nur kurze Zeit Schlaf abzuringen; aber der Lärm war
zu groß, die Luft zu schwül und ungewohnt, und besonders der häßliche
Tabacksqualm zu nah und scharf, daß sie kaum im Einnicken, immer wieder
husten mußte und munter wurde.
So schlich der Vormittag langsam und schläfrig hin; die Brise wurde gegen
zwölf Uhr etwas frischer, aber der vielen Biegungen des Stromes wegen war
sie ihnen fast eben so oft entgegen als zu Gunsten, und um zwei Uhr, als
»Todt Wasser« wie es die Schiffer nennen, eintrat, d. h. die Zeit des
Stillstandes zwischen Ebbe und Fluth, wenn die eine aufhört und die andere
noch nicht begonnen hat, setzte Capitain Meinert seine Passagiere ungemein
in Erstaunen, als er seinen Anker plötzlich fallen ließ und sogar
erklärte, hier wieder sechs volle Stunden liegen bleiben zu wollen, »bis
die Fluth hinauf sei.«
Wie weit Brake noch sei, war an dem Morgen wohl tausendmal gefragt worden,
und der Schiffer, der es endlich müde wurde wieder und wieder darauf zu
antworten, sagte dem Einen fünf und dem Andern eine Meile, kurz Jedem
verschieden, und unten stritten sich dann die Partheien darüber, weil jede
behauptete, ihre Nachricht aus bester Quelle zu haben.
Der größte Aerger stand aber den Passagieren noch bevor als auch das
zweite, um elf Uhr von Bremen abgegangene Dampfboot, kurz vorher ehe sie
wieder Anker geworfen, an ihnen vorbeirauschte. Jetzt kam auch noch die
Angst dazu daß sie das Schiff am Ende zu spät erreichten, und wenn sie
auch der Schiffer darüber beruhigte, sahen sie ihm doch, oh wie
sehnsüchtig nach.
Um acht Uhr wurde der Anker nun allerdings wieder »gelichtet«, wie
Steinert mit etwas heiser gewordener Stimme sang, aber wie es vollkommen
dunkel wurde mußten sie dennoch wieder beilegen, und zwar jetzt wieder in
der trostlosen Hoffnung nicht vor acht Uhr nächsten Morgens auf’s Neue
unter Wegs gehn zu können. Capitain Meinert hatte sich aber vorgesehn noch
ein Dorf zu erreichen, ehe er seinen Anker wieder auswarf, und stellte den
Passagieren sein kleines Boot zur Verfügung an Land zu gehn und dort zu
übernachten, wo sie allerdings mehr Bequemlichkeit haben würden als an
Bord. Die Meisten machten auch wirklich davon Gebrauch und traten, mit
aufgespannten Regenschirmen, durch Schmutz, Wasser und Dunkelheit, die
Reise nach dem flachen Ufer an, wo sie in einem Nichts weniger als
freundlichen und fast eben so dumpfigen Saal ihr theueres Geld für etwas
schlechtes Essen und eine Streu bezahlen mußten. Die Passage auf dem
Dampfboot hätte sie nicht mehr, wenn gar so viel gekostet.
Eltrich wollte seine Frau auch, trotz allen jedenfalls daraus erwachsenden
Kosten, an Land nehmen, sie weigerte sich aber entschieden den Kahn zu
verlassen, verzehrte lächelnd mit ihm ihr frugales Abendbrod, und wickelte
sich dann mit dem Kind in ihre wollene Decke, in der jetzt wenigstens
eingetretenen Ruhe der Nacht so viel Schlaf als möglich abzugewinnen.
Und es war eine traurige unfreundliche Nacht; der Wind heulte in den
einzelnen Bäumen am Ufer, der Regen schlug prasselnd auf Deck, und der
Mast und das Takelwerk knarrte und ächzte, den Passagieren an Bord nur
wenig Ruhe gönnend, in den fremden, ungewohnten Lauten. So kalt und
häßlich der Morgen aber auch hereinbrach, so freudig wurde er von den an
Bord Befindlichen, die ihn wie lange schon ersehnt, begrüßt. Jede Stunde
hatten die so oft gezählt, jede Minute fast, und das Morgengrauen
herbeigewünscht unzählige Mal. Ein trüber Anfang war das auch für ihre
Seefahrt, und Mancher, der sich am vorigen Tag damit getröstet, welche
Strapatzen und Beschwerden er im Stande wäre zu ertragen, saß jetzt kalt
und fröstelnd, niederschlagen und mißmuthig in einer Ecke, und überlegte
vielleicht jetzt schon, freilich etwas früh, die Gründe die ihn eigentlich
zu einer Auswanderung bewogen. Wunderliche Gedanken steigen da in dem
Menschenherzen auf, und eine einzige solche Nacht, wenn sie nur etwas
früher gekommen wäre, hätte manche romantische Erzählung, manchen
glühenden Bericht über Amerika, weit, weit aus dem Felde geschlagen.
Jetzt war das freilich zu spät und ein Rücktritt nicht mehr gut möglich;
mit den Effekten und dem Passagegeld hätte es sich vielleicht noch
einrichten lassen; lieber Gott, ein kleiner Verlust zur rechten Zeit ist
oft ein großer Gewinn für’s ganze Leben, aber das Lachen zu Hause, das
böse, böse Lachen — viele Menschen wollen lieber, wenn sie die Wahl haben,
verachtet oder bemitleidet als ausgelacht und verspottet werden, und die
Wenigen deshalb, an deren Grundsätzen die kalte unfreundliche Nacht doch
gewaltig gerüttelt, bissen die Zähne fest aufeinander und gingen dem
Unvermeidlichen — eben weil es unvermeidlich war — entgegen.
Aber solch ein Morgen, auf einem solchen Weserkahn! Erst in solchen
Verhältnissen merkt auch der Mensch an wie viel Bequemlichkeiten er
gewöhnt ist, wie viel Bedürfnisse er schon hat, mag er sonst noch so
einfach leben das ganze Jahr hindurch. Schon das erste Gefühl des
Aufstehens widert ihn an. Ungestärkt, unerquickt, und schon fertig
angezogen, hebt man sich von seinem Lager; man möchte sich jetzt ausziehn
und sich waschen — aber wo? — Wasser ist da im Ueberfluß, aber kein
Waschbecken, kein Handtuch, weder Seife noch Zahnbürste — nicht einmal ein
Platz die unentbehrlichste Abwaschung von Gesicht und Händen vorzunehmen,
denn im innern Raum ist jeder Zoll breit besetzt, und draußen an Deck
schütten die Wolken wieder Ströme Regens nieder. Wie grau und bleiern da
der dämmernde Morgen auf der Welt liegt, und wie still und einsylbig
selbst die Lautesten und Unruhigsten der Schaar geworden sind. Nur die
Kinder schreien — rücksichtslose kleine Gesellschaft, die die Welt nur
erst von der einen Seite kennt und jetzt auf das eifrigste dagegen
protestirt auch auf der anderen ihre Bekanntschaft zu machen.
Selbst Steinert war ruhig geworden und saß, durch das Weinen eines solchen
kleinen ungeduldigen Nachbars aus einem leichten und unerquicklichen
Morgenschlaf geweckt, fröstelnd in seine wollene Decke gehüllt auf der
Ecke einer fremden Matratze und blickte finster und verdrossen um sich
her.
»Eine Tasse Kaffee — ein Königreich für eine Tasse Kaffee« brummte er
zuletzt indem er den Hut abnahm, einen kleinen Taschenkamm aus seiner
Brusttasche hervorholte, und langsam die kurzen Haarstummel und den etwas
struppig gewordenen Bart zu ordnen begann — »Himmeldonnerwetter, daß ich
des pipigen Mehlmeiers Rath nicht folgte und mit auf das Dampfboot ging;
jetzt sitz ich hier zwischen heulenden Bälgern und schnarchenden anderen
Individuen und blase Trübsal in alle vier Winde. »Verdecktes Flußschiff« —
daß dich die Pest hole mit deinen »verdeckten Flußschiffen.««
Hie und da hob sich jetzt ein Kopf in die Höh, schaute sich schlaftrunken
um und sank wieder in die alte Lage zurück, noch eine Weile die Augen
schließen zu können und gar nicht sehn zu müssen was vorging in dem
ungemütlichen Aufenthalt. Nur der Mann mit der tiefen Stimme und den
mitten auf dem Haupt gescheitelten Haaren erhob sich jetzt ebenfalls und
sagte, kopfschüttelnd die um ihn her gelagerten Gruppen überschauend:
»Guten Morgen Herr Steinert — ausgeschlafen?«
»Ja — danke — auf der einen Seite wenigstens« brummte Steinert, »denn die
andere schläft noch und die Sehnen und Muskeln sind mir ordentlich
verklommen — Himmel war das eine Nacht. Und sehn Sie sich einmal den Platz
hier an — Wallensteins Lager, beim Zeus, und die Hälfte Marketenderinnen.
Apropos — Sie sind ja wohl Literat, wie Sie mir gestern gesagt haben — da
ist Stoff für Sie eine ganze Bibliothek zu schreiben — da ziehn Sie sich
Ihren _Honig_ heraus, wenn Sie so gut sein wollen; wäre mir lieb zuzusehn
wo Sie ihn finden?«
Der junge Schriftsteller schien aber heute Morgen keine Lust zu haben über
derlei Sachen zu debattiren; ihm war selbst zu unbehaglich zu Muthe seine
gestrige Aeußerung zu vertheidigen, und mit ein paar leise gemurmelten
Worten, die recht gut irgend eine höchst unromantische Verwünschung sein
konnten, brummte er:
»Ich möchte nur wissen wer sich da ein Vergnügen gemacht und die halbe
Nacht an Deck bei dem Wetter Holz gesägt hat — die Leute wählen eine
vortreffliche Zeit ihren Winterbedarf einzulegen.«
»Holz gesägt?« entgegnete aber Steinert erstaunt — »meinen Sie etwa meinen
Nachbar hier, den dicken Unbeweglichen, der über Tag den guten Taback
raucht, und seit ein Uhr geschnarcht hat, als ob er im Akord arbeitete?«
»Das ist ein Schnarcher?« rief der Literat im höchsten Erstaunen aus —
»aber warum stoßen Sie ihn da nicht einmal in die Rippen?«
»Weil ich mit keinem passenden Werkzeug versehen bin, auch bis jetzt, in
dieser egyptischen Finsterniß, nur nach der ungefähren Richtung zu hätte
stoßen können« sagte Steinert — »Sie da, Herr Moses oder Aaron wie Sie
gerade heißen — bitte knuffen Sie da doch einmal Ihren Nachbar in meinem
Namen, und fragen Sie ihn ob er nicht Meier hieße und aus Stollberg sei.«
»Gottes Wunder, so frih?« sagte der eben Angeredete, der auch gerade
munter geworden und den Kopf in die Höhe gehoben hatte. Nichtsdestoweniger
leistete er dem Wunsche Folge, und der Schnarcher fuhr, ziemlich unsanft
angestoßen, erschreckt in die Höh.
»Habe ich nicht das Vergnügen mit Herrn Meier zu sprechen?« wandte sich
Steinert jetzt verbindlich gegen ihn, die Antwort aber die er bekam,
benahm ihm jede weitere Lust zur Conversation mit dem Manne, der sich,
noch innerlich knurrend, seinen abgefallenen Hut in die Stirn zog, und
dann auch ohne weiteren Zeitverlust wieder zurückfiel, noch einmal
einzuschlafen.
Wie das plötzliche Stillstehn einer Mühle die müden Knappen weckt, so fuhr
ein großer Theil der übrigen Passagiere in die Höh, als das regelmäßige
donnernde Schnarchen des Mannes aufhörte, und schlaftrunkene Gesichter
frugen nach der Zeit und dem Wetter und wo sie wären, und murmelten
halblaute Flüche in den Bart, als sie sich ihres Zustandes klarer bewußt
wurden.
Eltrich war einer von den Ersten an Deck, zog sich Wasser in einem Eimer
herauf, und badete sich Gesicht und Hände darin, das eigene Taschentuch
zum ersten Mal als Handtuch gebrauchend. Den Schiffsjungen fand er dabei
beschäftigt auf einem kleinen, an Deck befindlichen verdeckten Heerde,
Wasser zu kochen, zu eigenem Gebrauch, und hatte die Genugtuung von
diesem, für ein paar Grote, einen Theil desselben zur Mitbenutzung zu
erwerben. Etwas Kaffee und Zucker führte er selber bei sich, auch eine
Flasche Milch für den Knaben, und seine kleine Frau lächelte ihm dankbar
entgegen, als er sie weckte und ihr den einladend dampfenden Blechbecher
zum Morgengruße brachte.
»Kaffee — bei Gott!« rief es jetzt aber auch von mehren Seiten des engen
Raumes, als der aromatische Duft des heißen Trankes ihre Nasenlöcher traf
— »da oben giebt’s Kaffee!« und was keine Ueberredung sonst vielleicht
vermocht hätte, war der Glaube im Stande. Allerdings sahen sie sich
getäuscht, und nur Einigen gelang es noch für Geld und gute Worte von dem
mürrischen Burschen einen halben Becher gemachten Kaffee’s zu erlangen,
die Uebrigen mußten mit dem Boot an Land, dort eine Erfrischung zu
erhalten, und Andere suchten den Capitain, die Abfahrt des Kahnes von ihm
zu verlangen. Capitain Meinert ließ sich aber erst kurz vor acht Uhr, wo
die Fluth sich staute, blicken, tröstete übrigens seine ungeduldigen
Passagiere mit der guten Nachricht, daß sie, wenn der Wind so günstig
bliebe, Brake in etwa zwei bis drei Stunden erreichen würden.
Capitel 3.