Capitel 3

Jeder der Passagiere wollte natürlich seine Sachen zuerst hinaufgereicht

haben, Jeder wollte aber auch zuerst an Bord des Schiffes sein, und die

Einen schrieen hinauf, die Anderen hinunter, bis sich die Mannschaft der

Haidschnucke endlich in einer festen Masse sammeln und das Uebertragen des

Gepäckes selber in die Hand nehmen konnte. Hei wie die Schachteln und

Körbe da flogen, und wie die Frauen kreischten wenn irgendwo in einem Korb

eine Flasche zerbrach und auslief, oder irgend ein Topf oder Geschirr

knackte und splitterte.

»Nehmen Sie sich in Acht da ist Glas drin — Sie stehn ja in meiner

Hutschachtel — passen Sie auf, das Bett fällt über Bord — Herr Gott da

sind meine sämmtlichen Provisionen drinnen!« — und tausend ähnliche

Aufkreische der Angst und Sorgfalt, eben so oft vergebens, denn die

Seeleute kümmerten sich den Henker um alle Warnungen und Ermahnungen,

füllten die Luft, bis die Unmasse Gepäck, indeß die Passagiere ihre

eigenen Personen wenigstens in Sicherheit brachten, glücklich an Deck

gelandet war, und jetzt eben so rasch und rücksichtslos in das

Zwischendeck hinunter befördert wurde. Da hinein regnete es ordentlich

Hutschachteln, Reisesäcke und Matratzen, mit riesigen kistenähnlichen

Holzkoffern, und um die Verwirrung, wenn das irgend möglich gewesen wäre,

noch größer zu machen, riß inmitten dieser Beschäftigung der eiserne

Henkel eines solchen Colli’s aus, die Kiste fiel auf der Lukenwand auf,

brach, und streute jetzt ein Hagelwetter von Kleidern, Wäsche, Schuhwerk,

Zwieback, Würsten und allen möglichen und unmöglichen anderen Effekten

über die unten schon aufgehäuften Sachen über die sich der glückliche

Eigenthümer jetzt mit einem lauten Gebrüll der Verzweiflung warf, um

gleich darauf von nachfolgenden Hutschachteln und Matratzen im wahren Sinn

des Worts bedeckt zu werden.

War die Verwirrung aber an Deck schon groß gewesen, so wurde sie es jetzt

im inneren Raume des Zwischendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen

wollten natürlich gleich auch ihre Coyen wissen und belegen, fanden aber

alle besetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Personen, die sich

jedoch hartnäckig weigerten noch irgend Jemanden in einem Raume

aufzunehmen in dem sie, wie sie erklärten, kaum selber Platz hätten. Hier

wie überall sollte der Steuermann entscheiden, von allen Seiten aber

gerufen und gequält, ging dem sonst ruhigen Mann auch endlich die Geduld

aus. Er fluchte und schwor er wolle verdammt sein wenn er solch ein Gelärm

schon in seinem ganzen Leben gesehn, und erklärte endlich sie möchten sich

erst einmal ordentlich durcheinander schütteln und würgen, und wenn sie

dann ein wenig zu Verstande gekommen, wolle er hinuntergehn — eher aber

keinen Schritt.

Er that auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang hätte thun können und

ging, so wie nur erst einmal sämmtliches Gepäck an Bord genommen und der

Lichter klar geworden war, in die Cajüte zurück, sein Mittagsessen zu

verzehren. Unterdessen kam ein Bote nach dem andern, daß sie sich unten im

Zwischendeck prügelten und mit Messern und Pistolen drohten; er ließ sich

nicht stören und antwortete nur vollkommen gleichmüthig, es wäre das Beste

wenn sie erst eine Weile einander todtschlügen, denn dann bekämen die

Anderen gewiß Platz — die Todten würfen sie über Bord, und die Mörder

steckten sie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Einschiffungen

schon in den letzten zwölf Jahren, jedes Jahr wenigstens zweimal mit

durchgemacht, und wußte daß eine gewisse Zeit dazu gehörte bis sich die

Masse erst setzen und ordnen konnte. Der erste Ansturm mußte vorüber sein,

eher war kein vernünftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch

Alles leicht und ruhig von statten, und da für Jeden Platz da war, fand

sich auch für Jeden zuletzt der rechte.

Im Zwischendeck sah es indessen wirklich bös aus, und einen ernstlichen

Zusammenstoß der verschiedenen Partheien verhinderte wohl nur der Umstand,

daß Niemand einen bestimmten Gegner fand an den er sich halten konnte.

Dann war der Capitain selber nicht an Bord, der ein Endurtheil fällen

sollte, und der Steuermann hatte, wie schon gesagt, noch nicht bewogen

werden können hinunter zu gehn. Zugleich hinderte das, einem Wall gleich

aufgeschichtete Gepäck die freie Bewegung der Leute, von denen sich die,

die schon Coyen inne hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil sie

wußten daß sie augenblicklich von Anderen in Besitz genommen würden,

während die Neugekommenen ihr Augenmerk auf eine oder die andere bestimmte

Coye gerichtet hielten, und diese förmlich belagerten.

Nur einige Wenige der Letztgekommenen waren so glücklich gewesen schon

einen Platz für sich zu erbeuten. Zu diesen gehörte Eltrich, der trotz

seiner sonstigen Bescheidenheit hier doch für Frau und Kind zu sorgen, und

diese gleich im Anfang mit seinem Gepäck auf dem Kahn zurückgelassen

hatte, vor allen Dingen eine gute Coye für sie zu finden. Daß immer drei

Personen eine Coye bekommen mußten wußte er, sein Kind bezahlte halbe

Passage, mußte aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere

Schlafstelle, in der Nähe der Luke noch frei findend, legte er sich ohne

weiteres vorn in diese hinein und blieb da liegen, bis seine kleine Frau

mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte sich aus jedem Gedränge fern zu

halten, den Weg zu ihm finden würde. Es war das Klügste was er hätte thun

können.

Steinert fand ebenfalls den für ihn belegten Platz, und zu gleicher Zeit,

und so wie er nur den Fuß in das Zwischendeck gesetzt, hatte sich auch der

wunderliche Mann mit dem affenähnlichen Gesicht, sein Gepäck ganz

rücksichtslos im Stich lassend, eine obere Coye ausgefunden, in der

allerdings schon Betten lagen, die er aber doch für sich geeignet hielt,

und wohinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn

noch, im Akt des Hineinsteigens die Besitzerin der Coye, Rebecca, Frau des

ehrsamen Krämers Moses Löwenhaupt, am Rockschooß, und wollte ihn, mit

einer Fluth von Verwünschungen zurückziehn, der Mann wandte aber nur den

Kopf nach ihr um, und blitzte sie mit seinen kleinen stechenden grauen

Augen unter den buschigen Brauen vor so feindlich an, und zeigte ihr dabei

die beiden Reihen weißglänzender und fehlerfreier Zähne, daß sie ihn

erschreckt wieder losließ. Der Usurpator saß denn auch, keine halbe Minute

später, mit untergeschlagenen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf,

der niedrigen Coye wegen, gerade in deren Mitte, und blies den Qualm aus

seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls schon brennend mußte in der Tasche

gehabt haben, in solchen Stößen um sich her, daß ihn derselbe in kurzer

Zeit ganz verhüllte, und wie eine Wolke, unheimlich und schwer die Coye

füllte.

In fast gleicher Zeit hatte sich der Mann mit den gescheitelten Haaren in

die andere Coye, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von

dem Besitzer derselben, einem kurzhaarigen mürrischen und finsteren

Gesell, der ihm schweigend dabei zusah, weiter belästigt zu werden. Der

Mann schien sogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden; drehte sich

wenigstens auf die andere Seite, und ließ ihn sogar ungehindert einen

kleinen Handkoffer den er bei sich führte, und in der ersten Eile vor die

Coye gestellt hatte, nachziehn. Der Mann mit den gescheitelten Haaren

hatte dadurch vollständig Besitz ergriffen.

»Nun sind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein« brummte

der Erstbewohner des Schlafplatzes übrigens, als der junge Literat, der

sich Theobald nannte, nach außen hin mit einigen seiner Bekannten vom Kahn

her ein Gespräch anknüpfte.

»Also bekommen immer zwei und zwei eine Coye?« frug dieser rasch, und wie

es schien sehr befriedigt.

»Nein, drei —« erwiederte der Mann.

»Drei? — und wer ist der Dritte hier drin?«

»Meine Frau!« lautete die lakonische Antwort, die aber auch jedes weitere

Gespräch abschnitt, denn Theobald war zu bestürzt darüber, auch nur noch

eine Sylbe erwiedern, oder weiter fragen zu können.

Endlich, nach einem Zeitraum der den dabei Betheiligten eine Ewigkeit

geschienen, kam der Steuermann, in Abwesenheit des Capitains die oberste

Behörde an Bord eines Schiffs, langsam die neben dem großen Mast in das

Zwischendeck führende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren

Stufen stehn, als ihm hier schon sämmtliche Passagiere mit ihren Klagen

und Forderungen laut durcheinander schreiend entgegendrängten.

»Hier Herr Obersteuermann — die wollen mich in keine Coye lassen — Herr

Obersteuermann wir haben unsern Platz so gut bezahlt wie die Anderen — Und

meinen Koffer haben sie wieder raus geworfen — ich schlage dem Hund ein

Bein entzwei, wenn ich nur erst zu ihm komme — Und meine Frau ist krank

und muß einen guten Platz haben — Gottes Wunder was geht uns die Frau an,

wir haben Alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; wie haißt kranke Frau

— Hier Herr Obersteuermann kommen Sie nur einmal her und sehn Sie, wie sie

meine Hutschachtel zertreten haben — Mir muß der Capitain den Schaden

ersetzen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Taback und mein

Zwieback sind alle untereinander gekommen.«

So schrie und tobte es um ihn her, und der Steuermann hielt sich die Ohren

zu und schloß die Augen und blieb, halb abgedreht von den Wüthenden, so

lange regungslos stehn, bis diese doch einsahen daß sie auf solche Art

ihren Zweck unmöglich erreichen konnten, und sich wenigstens in etwas

beruhigten.

»So —« sagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte den Lärm mit der

eigenen Stimme übertönen zu können; »hat nun Jeder seinen Platz?«

»Nein — nein!« schrie es wieder von allen Seiten.

»Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die — Frieden« lautete die

Antwort — »oder ich gehe an Deck zurück und Ihr mögt Euch hier

meinethalben die Köpfe blutig schlagen, nach Herzenslust.«

Die Passagiere, denen daran gelegen war daß der Steuermann ihre

Angelegenheit in Ordnung bringe, sahen endlich selber ein, daß sie ihn

gewähren lassen müßten, machten ihm also Platz, und Einzelne, die

Vernünftigeren der Schaar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweisen wo sie

ihre Matratzen unterbringen, oder die, die Familie hatten, mit diesen

zusammen einquartirt werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und

der Steuermann, auf dessen Wink jetzt noch zwei Matrosen mit Laternen

herunterstiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder, und begann die

verschiedenen Coyen, an der rechten Seite anfangend, zu visitiren.

»Wen haben wir hier?« begann er gleich mit der ersten, Eltrichs Coye, in

welche dieser jetzt die junge Frau mit dem Kind placirt hatte, und so

lange Wache davor hielt, bis Alles geregelt sein würde.

»Mann, Frau und Kind!« erwiederte der junge Mann — »ich heiße Eltrich.«

»Alles in Ordnung!« sagte der Steuermann, mit einem Stück Kreide das er in

der Hand hielt eine 1 über die Coye malend — »So, und nun wollen wir die

Geschichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen« setzte er hinzu,

seine Brieftafel mit der Passagierliste aus der Tasche nehmend, und zu dem

Licht der Laternen haltend — »Coye 2 — wer ist hier drin?« —

Auch diese Coye war durch die Familie des Tischlermeister Leupold besetzt.

Anders sah es aber mit Nr. 3 aus, wo sich zwei Oldenburger Bauern

einquartirt hatten, und keinen weiteren Zuspruch gestatten wollten. Der

eine, ein breitstämmiger Bursch, mit ledernen Hosen und nägelbeschlagenen

Schuhen, der vornweg der Länge lang darin lag erklärte auch dabei ganz

ruhig und bestimmt das sei ihr Platz, sie wären zuerst gekommen, brauchten

was sie hätten, und gedächten es zu behalten.

»Wer hat noch keinen Platz?« frug der Steuermann ohne weiter etwas darauf

zu erwiedern, die Passagiere — »halt nicht Alle auf einmal schreien — es

muß eine einzelne Person sein.«

Wald meldete sich und der Steuermann sagte ruhig, nachdem er sich den

Namen des neu Zutretenden bemerkt:

»So, da rückt einmal zu, Ihr da; drei und drei gehören immer in eine Coye,

und dann habt Ihr noch übrig Platz.«

»Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, nachens is es noch immer

Zeit;« erwiederte aber der eine Bauer trotzig.

»Wollt Ihr in Frieden Platz machen?« frug der Steuermann vollkommen

freundlich.

»Ne« lautete die einzige Antwort.

»Smiet mi mal den Döskopp da ruth« lautete da der eben so ruhig gegebene

Befehl an die beiden Matrosen, die zuerst vorsichtig ihre Laternen bei

Seite setzten, und dann so plötzlich und mit so eisernem Griff den

Widerspenstigen packten, daß dieser auch im Nu aus seiner Coye und auf die

Erde flog. Hier sprang er aber eben so rasch in die Höh, und schien nicht

übel Lust zu haben sich auf den Steuermann zu werfen; oben durch die Luke

schauten aber noch drei oder vier stämmige Burschen von Matrosen, die nur

eines Winks bedurft hätten, mit einem Satz unten bei ihren Kameraden zu

sein, und der Steuermann sagte freundlich:

»Wullt Du _noch_ wat?«

Widerstand unter solchen Umständen war hoffnungslos, und der Bauerbursche

brummte nur eine halbtrotzige Drohung in den Bart, daß er sich über solche

Behandlung bei dem Capitain beschweren würde.

»Dat stat Di frie, myn Junge!« sagte aber der Steuermann, der stets platt

sprach wenn er grob wurde, gleichgültig, und wies jetzt Wald an, seinen

Platz einzunehmen, wie seine Sachen, die er unterwegs bei sich zu behalten

wünsche, vor die Coye zu stellen.

Das Beispiel, gerade an einem der stärksten und stämmigsten der Schaar

gegeben, hatte aber geholfen; in den nachfolgenden Coyen zeigten sich

nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr, und wo noch Platz war, fügten

sich die Leute, nach Angabe ihrer Namen, ohne weiteren Widerspruch in das

Unabänderliche. Nur den polnischen Juden mit seinem schmutzigen Kaftan

wollten sie nirgends einnehmen, und selbst einer seiner Glaubensgenossen,

der gerade unter Steinerts, Mehlmeiers und Schultzes Schlafplatz eine Coye

für sich selber in Beschlag genommen, und jetzt mit dieser Einquartierung

bedroht wurde, zog es vor auszuräumen und sich wo anders Raum zu suchen.

Zu dem dritten Platz in des Polen Coye fand man Niemanden als den armen

jungen Burschen, für den an der Landung in Bremen noch gesammelt worden,

daß er sein Reisegeld zusammen bekam. Der wagte keine Widerrede, und ließ

sich hinstecken, wo es den Anderen gefiel.

Ziemlich zu Ende mit der ganzen Anordnung, kam der Steuermann auch jetzt

endlich zu Löwenhaupts Coye, von der »der große Unbekannte« wie ihn

Steinert nannte, Besitz genommen, und aus seiner Tabackswolke auch noch

nicht wieder zum Vorschein gekommen war.

»Hallo Mosje! — Sie da drin in dem Qualm« schrie der Steuermann, »stecken

Sie das Schiff nicht in Brand — Dusendslag, wo hett denn de Permission

kregen syn Dunnerwehers stinkigen Toback to smöken?«

Die Wolke stand einen Augenblick, und nicht weiter genährt, zog sie sich

allmählig nach oben, jetzt zum ersten Mal die Gestalt des wunderlichen

Mannes enthüllend.

»Harpunen und Seekrebse« brummte aber der Steuermann, der sich

niederkauerte einen Blick unter dem Qualm fort in das Gesicht des Mannes

zu bekommen, gegen den schon, wie er kaum den Fuß an Bord gesetzt, eine

Menge Klagen eingelaufen waren, »wo heet den de Heer hier in de

smallkragigen Rock mit de grooten linnen Taschen — Sie da Wo heet hey?«

»Sehr würdiger Seemann« erwiederte ihm aber hierauf mit großer Ruhe und in

wohlgesetzter Rede der Gefragte, »es thut mir unendlich leid daß ich keine

Sylbe dieser nordischen Sprache, die Sie hier wenn ich nicht irre,

plattdeutsch nennen, verstehe, und durchaus in reinem Hochdeutsch

angesprochen werden muß, befriedigende Antworten zu erwarten.«

»Na nu wird’s Tag!« rief der Steuermann verwundert, »dei spreekt wie en

Buk — Sie da also mit den empfindlichen Ohren, wie heißen Sie und wo sind

sie her?«

»Zachäus Maulbeere aus Halle.«

»Maulbeere« — murmelte der Steuermann, den Namen auf der Liste suchend —

»Maulbeere — Maulbeere —«

»Nein, nur einmal Maulbeere!« sagte Zachäus. Einzelne lachten, die Familie

Löwenhaupt aber, deren Herr und Stamm sich in einem kleinen winzigen

Männchen, mit einer furchtbar großen, wie eingehakten Habichtsnase zeigte,

begann wieder auf’s Neue ihre Klagen über den Einbruch in ihre Rechte.

»Ruhe da!« rief aber der Steuermann — »und Sie da, wer hat Ihnen denn

eigentlich Erlaubniß gegeben im Zwischendeck zu rauchen, und noch dazu

solchen Giftknaster — wenn Sie das Schiff wirklich nicht in Brand stecken

verpesten Sie es.

»Der Eine liebt Rosen der Andere Teufelsdreck« sagte Zachäus ruhig, »ich

liebe Rosen.«

»Kann ich mir denken« meinte der Steuermann — »wer aber hat die Coye von

allem Anfang an inne gehabt?«

»Ich — wir —« schrieen die Eheleute Löwenhaupt.

»Wie viel sind Sie?«

»Nu wie viel sollen mer sein?« frug Madame Löwenhaupt beleidigt — »ich und

der Itzig.«

»Ja dann kann ich Ihnen nicht helfen« sagte der Seemann achselzuckend,

»dann müssen Sie noch irgend Jemand darin aufnehmen.«

»Aber doch nich _den_ Menschen?« rief Herr Löwenhaupt rasch und

erschreckt.

»Bieten Sie mir einen Tausch an, vielleicht lasse ich mich bewegen und

ziehe aus!« sagte Zachäus, dem die Gesellschaft als er sie etwas näher

besah, vielleicht selber nicht gefallen mochte.

»Na das machen Sie unter sich aus« sagte aber der Steuermann, sich mit

seiner Laterne wieder den Anderen zuwendend — »immer drei gehören eben in

eine Coye, und je friedlicher Ihr Euch hier darin vertragt, desto besser

ist es für Euch. Geraucht wird aber hier unten _nicht_,« wandte er sich

noch einmal gegen die Coye um, aus der Zachäus schon wieder dicke Wolken

blies; »wer rauchen will geht mit seinem Stummel an Deck, verstanden?«

Ein dumpfes Brummen tönte als einzige Antwort von der Coye herüber, die

Frauen aber besonders dankten Gott, daß sie den »Qualm und Gestank« wie

sie’s nannten, da unten in dem überdies engen Raum los würden.

Die Regulirung der Coyen war übrigens hiernach bald beendet, und wie nur

erst Jeder einmal seinen Platz angewiesen bekommen und bestätigt hatte,

durften sie auch daran denken ihr Gepäck zu ordnen, damit es die Matrosen

dann um die Mittelstützen herum und an den verschiedenen Coyen befestigen

konnten.

Mit dem Gepäck fand sich übrigens hier ebenfalls eine Schwierigkeit, die

besonders in der unzweckmäßigen Verpackung der Sachen lag, und von den

Auswanderern, trotzdem daß sie ihnen so oft an das Herz gelegt, doch so

selten beachtet wird. Leute aber, die mit der Einrichtung eines Schiffes

nicht bekannt sind, können sich auch gewöhnlich gar keine Idee machen wie

beschränkt der Raum doch natürlich in einem Fahrzeug sein muß, das

Hunderte von Personen in Monate langer Reise über See schafft, und für

diese Zeit nicht allein Wasser und Proviant mitnehmen muß, sondern mit

seinem Haupterwerb auch auf die _Fracht_ angewiesen ist. Dabei denken die

Auswanderer gewöhnlich nur an sich selbst, der Nachbar und Reisegefährte

existirt nicht für sie, und sie müssen dann erst eine Weile durcheinander

geschüttelt werden und eigne Erfahrung sammeln, bis sie lernen sich an

Bord zu behelfen.(2)

Sobald sich also die Passagiere, in Cajüte wie Zwischendeck, nur erst

halbwege eingerichtet hatten, und jetzt erfuhren daß sie heute noch gar

nicht, sondern erst morgen früh in See gehn würden, verlangte ein großer

Theil derselben, mit dem heimischen Boden dicht neben sich, auch noch

einmal festes Land vor dem Abschied vom Vaterland zu betreten. Die

meisten, besonders der Zwischendeckspassagiere, hatten dabei auch noch so

Manches einzukaufen vergessen, was ihnen auf der Reise gute Dienste

leisten konnte und hier, wie sie hörten, zu bekommen war, daß sie sich in

Masse übersetzen ließen, noch eine Menge Geld, oft höchst unnöthiger Weise

zu verschwenden. Die noch »deutsches Geld« hatten, meinten dies hier

zweckmäßig verwenden zu können, und solche, die das schon in Bremen

möglich gemacht, wechselten sich erst einen und dann mehre Dollare wieder

ein, den »allerletzten« Tag in der Heimath würdig zu feiern. Nur die

Frauen wollten nicht mehr von Bord, sie hatten mit dem alten Leben

abgeschlossen, den Schmerz der Trennung einmal überwunden, und sie

verlangten keine Zerstreuung, ja fürchteten sie eher. Für sie begann auch

hier an Bord wieder eine neue Welt, in der sie schaffen und wirken mußten,

fast wie zu Hause — die Cajütspassagiere natürlich ausgenommen, denen

geliefert wurde was sie brauchten — hatten die Frauen im Zwischendeck,

sich wieder eine gewisse Häuslichkeit herzurichten, um die sich die Männer

wenig oder gar nicht kümmerten. Ihre Betten mußten gelüftet und in Ordnung

gebracht, ihr Geschirr mußte gereinigt, die Wäsche die sie für den

Schiffsgebrauch bestimmt nachgesehn werden. Die Sachen mußten auch einen

Platz bekommen, und der Mann hätte eben so gut an Bord bleiben, und ihnen

kleine Nägel in die Coyen schlagen können, Alles daran aufzuhängen, was

sie zum täglichen Bedarf gebrauchten, und tausend andere Kleinigkeiten

herzurichten.

Und wie sah es noch unten im Zwischendeck aus — überall standen Kisten und

Kasten umher, um die sich ihre nachlässigen Eigentümer nicht bekümmert

hatten; an Auskehren war natürlich gar kein Gedanke, einige kleine Plätze

abgerechnet, und selbst heißes Wasser, das bei dem späten Mittag

gebrauchte Geschirr aufzuwaschen, wollte der mürrische Koch nicht

hergeben.

So kam der Abend heran, der die Cajütspassagiere um den gedeckten Tisch

versammelte, und den Zwischendeckspassagieren dünnen Thee, ohne Zucker und

Milch brachte — Brod und Butter war ihnen an dem Nachmittag schon gut und

reichlich geliefert worden. Die wenigsten machten aber Gebrauch davon; die

Männer waren fast noch sämmtlich an Land, viele schliefen sogar noch dort,

und zahlten schweres Geld für ein schlechtes Bett, dem Gewirr an Bord, und

dem ungewohnten Dunst des Zwischendecks so lang als irgend möglich zu

entgehn, und die Frauen hatten, mit wenigen Ausnahmen, noch nie in ihrem

Leben Thee getrunken, außer wenn sie krank waren Camill oder Pfeffermünz,

aber wohl viel davon gehört daß es die Leute in der Stadt, oder die

Reichen tränken, und wunderten sich jetzt kopfschüttelnd wie die Leute

Geschmack daran finden könnten. Schiffsthee ohne Milch und Zucker aus

einem Blechbecher getrunken schmeckt auch in der That nicht besonders.

Das Wetter hatte sich übrigens wieder aufgeklärt, auch war die Fracht

sämmtlich eingeladen, und die untere Luke geschlossen worden, das Schiff

lag mit geräumtem Deck vor seinem Anker, und als am nächsten Morgen, mit

Tagesanbruch, die Decks gewaschen wurden, begann ein reges Leben an Bord,

das auf die baldige, und in der That auf den Morgen angesetzte Abfahrt

schließen ließ. Der Weserlootse, der das Schiff in See bringen sollte, kam

an Bord, einzelne, bis jetzt noch fehlende Segel wurden aufgeholt und an

die Raaen geschlagen und gleich nach dem Frühstück begann die Mannschaft

ihre Arbeit an der Ankerwinde. Die Passagiere waren ebenfalls an Bord

gerufen worden, aber immer noch fehlte der Capitain wie die letzten

Cajütspassagiere, die aber mit dem nächsten Dampfboot erwartet wurden.

Dieses kam endlich puffend den Strom herunter, legte sich langseit, und

die sehnsüchtig Erwarteten, das endliche Signal zur Abfahrt, kamen mit

ihm.

Der Capitain, eine vierschrötige ächt seemännische Gestalt, mit fast

braunem Gesicht, entsetzlich großen, sehnigen sonngebräunten Händen, und

einem großen Packet Papiere unter dem Arm, sah freilich etwas wunderlich

in seinen »Landkleidern«, dem schwarzen auch nicht mehr modernen Frack und

dem Zylinderhut (Schwalbenschwanz oder Nagelhammerrock und Schraube, wie

die Matrosen diese Kleidungsstücke nennen) aus, schien sich auch nicht

besonders wohl darin zu fühlen. Er grüßte seine Passagiere nur flüchtig

und zog sich dann in die eigene Cajüte zurück, in die hinein ihm gleich

der Steward oder Cajütendiener folgen mußte; der zweite Steuermann aber,

ein trockener komischer Kauz, der gerade vor der Thür stand als es drin

ein wenig laut herging, und des Capitains Stimme den Jungen schimpfte,

meinte ruhig zum Steuermann, als er an diesem vorüber und an Deck ging:

»De Captein kann wedder syn Swalbenswanz nich uht kreegen — wat de Jong

vor Arbeit het.«

Mit dem Dampfboot waren auch Henkels mit Hedwig Loßenwerder in ihrer

Begleitung eingetroffen, und Lobensteins, die sich schon ziemlich häuslich

an Bord eingerichtet hatten und mit der ganzen Einrichtung ziemlich

zufrieden schienen, begrüßten sie, wie Hedwig, auf das Herzlichste.

Während sich Clara aber, mit dem Bewußtsein ihre Eltern ja schon in kurzen

Monaten wiederzusehn, dem Fremden und Neuen was sie überall berührte, mit

ganzer Seele und leuchtenden Blicken hingab, und sich wie ein fröhliches

glückliches Kind selbst auf die Reise und all die kleinen

Unbequemlichkeiten freute, die in so grellem Gegensatz zu dem bisher

geführten ruhigen aber auch vollkommen gleichförmigen Leben standen,

betrat Hedwig nur schüchtern und ängstlich das Deck des Schiffes, und

blickte wie scheu und furchtsam umher, auf die ihr so gänzlich fremde

Umgebung, auf die fremden Menschen. Sie hatte sich leicht entschlossen das

Vaterland zu verlassen, das ihr in der Erinnerung ja nur traurige,

schmerzliche Scenen bot, und sogar mit innigem Dank das Erbieten

angenommen die liebe junge Frau auf ihrer Reise zu begleiten; jetzt aber,

da sie den Schritt gethan, da sie wirklich in das neue Leben eintrat,

fühlte sie erst das Gewaltige desselben, fühlte erst wie abhängig sie

geworden sei von anderen fremden Menschen, und fürchtete für sich selbst,

ob sie auch würde dem Allem genügen können was sie unternommen, und was

man von ihr zu erwarten berechtigt sei. Ihre eigenen Kräfte kannte sie ja

noch gar nicht, und wie dann, wenn sie diese überschätzt hatte, und die,

die jetzt freundlich zu ihr waren, ihre Hand zurückzogen von ihr — in

Amerika — drüben — weit drüben über dem Meere? Dann stand sie ganz allein,

und was — was sollte da aus ihr werden?

»Du darfst nicht solch ein bös und ernsthaft Gesicht machen, Hedwig,«

sagte da Marie Lobenstein, ihre Hand nehmend und ihr lächelnd mit der

eigenen über die Stirn streichend, »jetzt fahren wir bald hinaus in’s

Meer, nach dem weiten, großen Amerika, und wenn wir da traurig und

verdrießlich ankommen, schicken uns die Leute am Ende wieder fort.«

»Sie sind so gut, Fräulein Marie« sagte Hedwig leise, die ihr gebotene

Hand innig drückend — »ich will auch mein Möglichstes thun jede thörichte

Furcht zu überwinden.«

»Fürchtest Du Dich?« lachte aber das leichtherzige fröhliche Mädchen

zurück — »vor dem Wasser? — das kann ja gar nicht zu uns herauf, siehst Du

wie hoch wir darüber stehn?«

»Ich weiß selbst nicht wovor,« seufzte das arme Kind — »es ist wohl auch

nur die neue fremde Welt in die ich jetzt getreten, und die mir das Herz

beklemmt; das wird schon bald vorübergehn.«

»Es muß« lachte Marie, »wenn wir nur erst in See sind, werden wir uns auch

vortrefflich amüsiren; wir haben Bücher zum Lesen mit, und können stricken

und nähen und sticken auf dem Schiff, was wir wollen; und dann lehnen wir

Stunden lang über Bord, und schauen in die herrliche blaue See, von der

uns Herr Henkel schon so viel erzählt.«

So plauderte das fröhliche Mädchen dem armen Kind die Sorgen aus der

Stirn, bis der Steuermann kam sie abzuholen, und ihr den eigenen

Schlafplatz zu zeigen, der ihr im Zwischendeck, bei zwei anderen jungen

Mädchen und weitläufigen Verwandtinnen der Familie Rechheimer angewiesen

wurde. Sie sollte im Zwischendeck essen und schlafen, hatte aber die

Erlaubniß über Tag, oder wenn sie sonst von ihrer jungen Herrin gebraucht

wurde, mit in der Cajüte und auf dem Quarterdeck zu sein.

Der Capitain hatte aber doch endlich seinen »Schwalbenschwanz über die

Hände« bekommen, wie der zweite Steuermann meinte, und kam jetzt, in

blauer Tuchhose und Jacke, in der er sich vor Behagen ordentlich

schüttelte, mit einer grauen Tuchmütze auf und die Füße, wie es an Bord

gebräuchlich ist, in Strümpfen und Schuhen, an Deck, die nöthigen Befehle

des Unterwegsgehens selbst zu geben. Der Anker, der indessen von den

Leuten nur gelüftet worden, kam, unter dem fröhlichen Singen der

Mannschaft, denen eine Menge der Deckpassagiere bereitwillig half, nach

oben, die Raaen wurden herumgebraßt, die Segel fielen gelößt nieder und

faßten, wie die Schoten ausgeholt wurden, den Wind, und langsam bewegte

sich zum ersten Mal der mächtige Bau durch die trübe Weserfluth stromab.

Die Passagiere standen dicht gedrängt an Deck, und vorn auf der Back des

Vorcastles die Leute, hie und da noch Bekannten am Ufer zuwinkend, und

Grüße für Andere hinüberrufend. Viele der Frauen schwenkten dabei, als sie

das Ufer mehr und mehr verließen, ihre Tücher, aber sie wußten nicht wem,

und es galt auch wohl mehr dem Lande selbst, als den Menschen die darauf

standen, und ihnen ziemlich theilnahmlos und gleichgültig nachschauten;

sie sahen täglich so viele Schiffe mit Auswanderern in See gehn — das war

eins mehr, weiter Nichts.

Eine alte Frau stand auch an Deck, hielt sich mit der linken Hand an der

Schanzkleidung und sah hinüber nach dem Land, dessen Häuser und

Baumgruppen sie hinter sich ließen und langsam an dem niederen kahlen Ufer

hinglitten. Es war die alte Mutter des Webers aus Zurschtel, und sie

winkte mit der rechten Hand hinüber und murmelte halblaut und mit dem Kopf

dazu nickend und schüttelnd vor sich hin:

»Adje Leberecht — adje Zurschtel und die alte Linde, das Haus und der

Garten und die Astern — s’ist vorbei — s’ist Alles vorbei, und sie sollten

mich alte arme Frau nur lieber hier gleich in’s Wasser werfen, ehe sie

mich noch mit hinausschleppen auf das große Meer — Amerika krieg’ ich doch

nicht zu sehn, und der Leberecht muß jetzt allein unter der Linde liegen.«

Und tief aufseufzend setzte sie sich auf eine der Nothspieren die dort,

langseit der Schanzkleidung befestigt waren, zog die Schürze über den Kopf

und weinte bitterlich.

Ihre Tochter stand daneben, das kleinste Kind auf dem Arm, aber konnte die

Mutter nicht trösten; das Herz war ihr selber zum Brechen voll, und die

großen hellen Thränen liefen ihr dick und schwer die bleichen, abgehärmten

Wangen hinunter.

Auf einem der an Deck befestigten Wasserfässer, dicht bei ihnen, saß der

Mann mit den kurzgeschnittenen Haaren; die Sonne schien ihm hell und voll

auf das scharfmarkirte Gesicht, dessen oberer Theil wetterbraun und hart

aussah, während der untere Theil, wo jedenfalls ein jetzt abrasirter Bart

gestanden, weiß und bläulich dagegen abstach. Wenig kümmerte der sich aber

um das Land, die dunklen, finster genug dreinschauenden Augen hafteten nur

eine Zeit lang wie forschend auf den Gestalten der beiden Frauen, dann

aber pfiff er gleichgültig ein Lied vor sich hin, und trommelte mit den

Fingern den Takt dazu auf dem Faß.

Diese erste Abfahrt war aber noch keineswegs ein wirklicher Abschied vom

festen Land; die schwache Briese trieb das Schiff mit der günstigen Ebbe

nur langsam vorwärts, und als die Brise später stärker wurde, trat die

Fluth bald ein, die ihnen fast so viel schadete als jene nützte, und sie

bald darauf zwang wieder vor Anker zu gehn. Sie befanden sich übrigens

jetzt ganz in der Nähe von Bremerhafen, an dem sie die Masten der im Hafen

liegenden Schiffe, ja die am Lande auf- und abgehenden Leute deutlich

erkennen konnten.

Aber die Passagiere ärgerte das wieder Ankerwerfen; das Abschiednehmen vom

Vaterland dauerte ihnen zu lang — »das Vaterland nahm gar kein Ende« wie

Steinert meinte, der ungeduldig auf Deck auf- und abschritt, und die

langweiligen Ufer der Weser um sich her betrachtete, denn einmal an Bord,

wollten sie nun auch hinaus in See und das auf dem Flußherumfahren war

ihnen — besonders den mit dem Kahn Gekommenen, fatal und langweilig genug

geworden. Aendern ließ sich aber an der Sache auch nichts, und die Leute

schlenderten theils an Deck herum, und sahen nach dem Lande hinüber, ob

sie dort irgend etwas Interessantes erkennen könnten, oder lagen lang

ausgestreckt auf den Wasserfässern oder im großen Boot und rauchten ihre

Pfeife. Nur in der Cajüte hatte die alte Frau von Kaulitz eine Parthie

Whist arrangirt — ihre Aiden _konnten_ ihr nun nicht mehr ausweichen — und

kümmerte sich dabei weder um Land noch See, um Anker oder Segel, ja wenn

nur Jemand von irgend etwas auf das Schiff Bezügliche spruch, wurde sie

ungeduldig, und verlangte die ungeteilte Aufmerksamkeit auf das viel

wichtigere Spiel.

Von den Zwischendeckspassagieren schien sich aber besonders Herr Schultze,

der ein kleines Taschentelescop in der Hand trug, mit ganzem Eifer einem

anderen Studium, und zwar dem der Seemöven hinzugeben, die hier theils auf

dem Wasser schwammen, theils das Schiff umkreisten, und dann und wann

blitzschnell nach einem Fisch hinunterstießen. Er folgte dabei ihrem Flug

mit dem Glas so gut er konnte, und achtete weder auf seine Umgebung, noch

das nahe liegende Ufer.

»Merkwürdige Vögel« murmelte er dabei, »ich gäbe etwas darum, wenn ich

einen von ihnen lebendig an Deck haben könnte — äußerst merkwürdige Vögel

— aber eine Aehnlichkeit bin ich noch nicht im Stande herauszustellen —

sie fliegen zu schnell.«

»Ist das ein gutes Glas, was sie da haben?« redete ihn jetzt Herr Steinert

an, der vor Langerweile schon gar nicht mehr wußte was er angeben sollte.

»Ein vorzügliches Glas« sagte Herr Schultze, ihm artig dasselbe

überreichend — »ein Plössel; es vergrößert ungemein und mit

außerordentlicher Schärfe.«

Steinert nahm das Glas und richtete es nach Bremerhafen zu, wo er in

diesem Augenblick ein abkommendes Boot zu erkennen glaubte, das am Ufer

herauf hielt.

»Wahrhaftig« rief er dabei, »das ist excellent — wo war denn das Boot

gleich — ah da — ein Boot mit Soldaten, die am Lande hinaufrudern.«

»Mit was?« sagte der Steuermann, der gerade an ihm vorüberging und die

Hand wie unwillkürlich nach dem kleinen Fernglas ausstreckte.

»Mit Soldaten« sagte Herr Steinert, ihm das Glas überreichend durch das

der Seemann einen Augenblick nach dem Ufer hinübersah und es dann, ein

paar unverständliche Worte dabei in den Bart murmelnd, wieder zurückgab.

Ohne das Boot aber dann weiter eines Blickes zu würdigen, ging er nach

vorn zu, den Leuten einige nöthige Befehle zu geben.

»Was sagten Sie daß da am Ufer heraufgerudert käme?« wandte sich jetzt der

junge Bursche, für dessen Passage die Zwischendeckspassagiere noch an der

Landung gesammelt, und der bei dem polnischen Juden einquartirt worden, an

Herrn Steinert — »ein Boot mit Soldaten?«

»Ja, da drüben, mein Bursche —«

»Das hierherzu kommt?« frug der junge Mann mit ängstlicher Stimme.

»Nun sie thun uns Nichts,« lachte Steinert — »die Zeit der Piraten ist

vorüber, und ihr Schiff streicht blos so durch die Wellen, Fridolin.«

Der Bursche schien aber keineswegs aufgelegt, auf einen Scherz einzugehn;

er suchte nur mit den Blicken das Boot, das er auch bald mit bloßen Augen

erkennen konnte, und stand eine Weile rathlos wie vor einer noch

unbestimmten, aber doch gefürchteten Gefahr. Das Boot ruderte indessen

noch eine kleine Strecke am Ufer hinauf und hielt jetzt, mit bloßen Augen

ließ sich das schon erkennen, in die Mitte des Stromes hinaus und mehr

nach ihnen herüber.

Der Obersteuermann kam wieder von vorn zurück, an ihm vorbei und blieb

stehn, noch einmal nach dem Boot hinüberzusehn.

»Kommen sie hierher?« frug da der junge Bursch mit kaum hörbarer

angsterstickter Stimme den Seemann.

»Wer?« sagte dieser, sich nach ihm umdrehend.

»Die Soldaten« stöhnte der junge Mann.

»Hallo mein Bursch« sagte aber der Steuermann, ihn jetzt von oben bis

unten aufmerksam betrachtend — »Du bist ja so weiß wie ein altes Segel;

was hast Du denn ausgefressen, daß Du Dich vor den Soldaten zu fürchten

brauchst? Das ist allerdings Polizei die wahrscheinlich hier an Bord zu

uns kömmt.«

»Dann bin ich verloren« hauchte der arme Teufel und barg sein Gesicht in

den Händen.

»Nu nu, was giebt’s denn?« sagte der Steuermann, während sich die

Nächststehenden, die wissen wollten was da verhandelt wurde, noch mehr

herandrängten — »hast Du was verbrochen, so wirst Du auch jetzt dafür

büßen müssen. Gesteh es aufrichtig, vielleicht kann’s Dir nützen.«

Es lag in dem Ton mehr Gutmüthigkeit als Drohung, und der junge Bursche,

vielleicht eben so in der Angst seinem Herzen Luft zu machen, als auch

einen falschen Verdacht von sich abzuwälzen, sagte rasch:

»Nein nein, Nichts verbrochen — nichts Schlechtes habe ich gethan, aber

ich bin — ich bin —«

»Nun? — was bist Du?« frug der Seemann jetzt selber neugierig.

»Ein Deserteur« stöhnte der Unglückliche und sank bleich und zitternd in

die Knie.

»Hm« sagte der Steuermann mit dem Kopf schüttelnd, während das Wort von

Mund zu Munde lief, und mitleidige Stimmen überall laut wurden — »das ist

eine böse Geschichte, und dann bekommen wir die Rothkragen da drüben auch

jedenfalls an Bord — ja mein Junge, da kann ich Nichts für Dich thun.«

»Retten Sie mich, um Gottes und des Heilands Willen retten Sie mich« bat

der Unglückliche, und suchte in der Angst des Steuermanns Hand zu fassen,

dieser aber, der einen flüchtigen Blick nach dem, jetzt immer näher

kommenden Boote geworfen hatte, machte sich von ihm los und ging rasch

zurück in die Cajüte. Mehre der Passagiere folgten ihnen dahin, und baten

ihn dringend den Unglücklichen nicht auszuliefern, aber er wies sie

kopfschüttelnd ab und zog rasch die Thüre hinter sich in’s Schloß.

Wie ein Lauffeuer flog aber indeß das Gerücht, ein Deserteur sei an Bord

und der Capitain wolle ihn den Soldaten ausliefern, von Mund zu Mund, und

nicht allein die Passagiere nahmen Parthei für den armen Teufel, sondern

auch die Matrosen, die sich bis jetzt noch ziemlich fern von ihnen

gehalten, mischten sich zwischen sie und traten zu dem zitternd da

Sitzenden, ihm Muth einzusprechen und ihn nach dem und jenem zu fragen.

Von den Zwischendeckspassagieren hatten sich aber indessen schon Einige

rasch entschlossen, den Capitain selber aufzusuchen und ihm die Sache an’s

Herz zu legen, als der Untersteuermann aus der Cajüte kam, sich durch die

an Deck geschaarten Leute drängte und zu dem jungen Burschen hintrat.

»Ach das arme junge Blut!« riefen die Frauen — »schon an Bord und nun noch

all den Jammer, all das Elend. Und dann seine Eltern zu Hause; die Schande

und das Herzeleid.«

Der Untersteuermann hielt sich aber nicht mit langen Redensarten auf.

»Wie heißt Du?« frug er den jungen Burschen, indem er ihn eben nicht sanft

an der Schulter faßte und schüttelte.

»Carl Berger« lautete die Antwort des Erschreckten.

»Carl Berger? — hm« murmelte der Untersteuermann vor sich hin, ein Papier

das er in der Hand hielt, mit den Augen dabei mehrmals durchlaufend —

»Carl Berger — Du stehst ja aber gar nicht mit in der Passagierliste —

woher kommt das?«

»Ich hatte das Passagegeld noch nicht bei der Abfahrt« stammelte der junge

Bursch — »gute Leute an Bord schossen es für mich zusammen, und als ich

zum Rheder zurückkam und es bezahlte, hatte er die Liste nicht mehr und

gab mir nur einen Zettel mit für den Capitain, daß ich hier an Bord

nachgetragen würde.«

»Hm, so?« sagte der Untersteuermann, und sah über Bord — das Boot mit den

Soldaten, das jetzt gerade auf das vor Anker liegende Schiff zuhielt, war

noch kaum zweihundert Schritt von diesem entfernt, und es ließen sich

schon die einzelnen Gesichter der im Boot stehenden Bewaffneten

unterscheiden. Von dem was an Deck vorging, konnten diese aber nicht das

Mindeste erkennen, da die über fünf Fuß hohe Schanzkleidung, die das Deck

als Schutz umgab, alle darauf Befindlichen den Blicken der unten

Heranfahrenden vollständig entzog. Der Untersteuermann wußte das auch, und

wieder zu dem Deserteur hinantretend frug er, seinen Kautaback aus einem

Mundwinkel in den anderen schiebend, die Umstehenden so phlegmatisch, als

ob er eben nach der Zeit oder etwas anderem höchst Gleichgültigen früge.

»Könnt Ihr die Mäuler halten?«

Berger, der mit todtbleichen Wangen und ängstlich klopfendem Herzen den

näher, immer näher kommenden Ruderschlägen gelauscht, ohne daß er gewagt

hätte einen Blick hinauszuwerfen auf den Feind, sah rasch und kaum seinen

Ohren trauend zu dem Manne auf. Lag in der Frage Hoffnung, Trost für

_ihn_?

»Ach Herr Steuermann schaffen Sie ihn fort — schaffen Sie ihn fort«

flüsterten aber die ihm Nächststehenden rasch und ängstlich — so nahe war

das Boot schon daß sie fürchteten die Soldaten könnten unten verstehen,

was hier oben gesprochen und verhandelt würde — »wir bissen uns eher die

Zunge ab, ehe wir den Geyern da unten ein Wort verriethen.«

»Hm« sagte der Untersteuermann und sah sich etwas mißtrauisch im Kreise

um; viel Zeit war aber auch nicht mehr zu verlieren, denn von unten herauf

tönte schon die Stimme des Unteroffiziers oder Polizeibeamten, was er

gerade war, der das Schiff anrief, und der Capitain selber erschien gleich

darauf auf dem Quarterdeck und sah über Bord.

Carl Berger faltete in Todesangst die Hände, der Untersteuermann aber, zu

dem er jetzt noch, wie in letzter Verzweiflung Hülfe suchend aufsah,

blinzte ihm zu und winkte ihm, fast nur mit den Augen und einer kaum

bemerkbaren Bewegung des Kopfes, ihm zu folgen. Ohne sich dann weiter nach

ihm umzusehn schritt er rasch das Deck entlang, vorn der Logiskappe(3),

zu, in die er gleich darauf verschwand, und wohin ihm der junge Bursche

mit zitternden Gliedern folgte.

»Hallo das Schiff!« rief die Stimme indeß aus dem Boot, die, wie sich

später ergab, einem der Polizeisergeanten gehörte.

»Hallo das Boot!« lautete die seemännische Gegenantwort des Capitains, als

er das Deck erreicht hatte.

»Werft uns ein Tau herunter, daß wir an Bord kommen können« rief es

wieder, mehr wie Befehl als Bitte klingend.

Die nöthige Ordre dazu wurde gegeben, und die Mannschaft, von den

Passagieren jetzt dicht umdrängt, von den Matrosen aber keines Blickes

gewürdigt, kletterte an Bord.

Der Unteroffizier, mit zwei Polizeidienern, ging jetzt, die Leute

zurücklassend, nach dem Quarterdeck hinüber, wo der Capitain, die Hände in

den Taschen, stand, übergaben dort ihre Legitimation, daß sie beauftragt

seien das Schiff nach einem Deserteur zu durchsuchen, und forderten dem

Capitain die Passagierliste ab, die einzelnen Passagiere dann selbst zu

revidiren.

Capitain Siebelt wußte recht gut daß er sich dem nicht weigern konnte; so

wenig sich aber Matrosen, und Seeleute überhaupt, aus einem _Soldaten_

machen, so sehr interessiren sie sich für einen Deserteur, dem gewiß jeder

Matrose, wenn es nur irgend in seinen Kräften steht, Vorschub leisten

wird. Der Capitain ging indessen langsam in die Cajüte zurück, holte die

Liste und gab sie dem Bevollmächtigten, seinem Steuermann zugleich die

Weisung ertheilend »die Herren gewähren zu lassen und sämmtliche

Zwischendeckspassagiere an Deck zu schicken.« Das war bald geschehn, zwei

von den Soldaten besetzten indessen die Luken, und während der

Polizeisergeant oben die Passagiere nach Namen aufrief, und die

Aufgerufenen an sich vorbei defiliren ließ, untersuchten zwei Andere unten

die verschiedenen Coyen, und stöberten überall herum wo sich nur irgend

ein Kind hätte verstecken können. Zwei Andere wurden zu gleicher Zeit vorn

in das Logis zu den Leuten geschickt, die jetzt ebenfalls an Deck mustern

mußten, während diese bei ihnen unten visitirten.

Aber auch selbst da ergab sich Nichts und die, bis dahin abgesperrte

Cajüte, wurde nun ebenfalls rücksichtslos von oben bis unten untersucht;

ja der Steuermann mußte, auf Verlangen des Sergeanten, den unteren Raum

öffnen, und dieser kroch selber, hier aber von dem Untersteuermann

gefolgt, der darauf sehen sollte daß kein Unglück mit dem Licht geschähe,

in das fast vollgestaute untere Deck. Zwischen den Kisten und Fässern

aber, die auch fast überall dicht zusammen lagen, und in der heißen

schwülen Atmosphäre konnte er mit seiner enganschließenden Uniform und dem

Seitengewehr, das überall hängen blieb, nicht lange aushalten. Nach einer

halben Stunde etwa kehrte er in Schweiß gebadet und unverrichteter Sache

an Deck zurück, und schlug eine Einladung des Untersteuermanns aus, der

ihm anbot auch noch durch die vordere Luke eine ähnliche Promenade zu

machen.

Der andere Polizeibeamte hatte indeß die Vorrathskammern und verschiedenen

»Spintges« mit nicht besserem Erfolg, durchsucht, und an Deck

zurückgekehrt wandten sich die Beamten noch einmal an den Steuermann und

verlangten von diesem die »Auslieferung des Verbrechers« der sich

jedenfalls an Bord befinden _müsse_. Der Steuermann behauptete aber noch

keine Schiffsliste überliefert bekommen zu haben, da er zu viel mit dem

Schiffe selber zu thun gehabt, sich auch nur im Mindesten um die

Passagiere zu kümmern, und der Capitain wurde grob als sie von ihm noch

weitere Auskunft forderten.

»Da sei die Liste und da die Passagiere« sagte er, »das ganze Schiff hätte

er ihnen ebenfalls zur Verfügung gestellt, ob sie nun etwa noch von ihm

verlangten daß er selber mit herumkriechen solle, oder ob er dazu da sei

sich nach den Familien- oder staatlichen Verhältnissen der Leute zu

bekümmern, die er einfach überliefert bekommen habe sicher und

wohlbehalten nach Amerika hinüber zu schaffen?«

Er war darin in seinem vollen Recht, die Liste ebenfalls vollständig und

in Ordnung: Keiner der darauf Angegebenen fehlte, aber auf keinen von

diesen paßte auch das Signalement, und die Polizei, mit ihrer

Militairunterstützung sah sich endlich wieder genöthigt das Schiff, wie

sie gekommen, zu verlassen.

Capitel 4.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band. · 第 6 / 19 题