Der nächste Tag war ein gar geschäftiger für die Passagiere zweier
Seeschiffe, die noch an demselben Abend expedirt zu werden hofften, und —
der Aussage der Rheder wenigstens nach — segelfertig und bis auf einige
unbedeutende Kleinigkeiten vollständig gerüstet, vor Anker lagen.
Tausenderlei Sachen mußten noch besorgt und eingekauft werden, die man
theils für nöthig, theils selbst für unentbehrlich hielt; Wein und
Branntwein wurde dabei angeschafft, Zucker und Zwieback, eine ganze Ladung
von Heringen und Sardellen eingelegt, den schlimmsten Feind der Reisenden,
die Seekrankheit, wenn nicht zu bannen, doch damit in ihren Wirkungen zu
schwächen. Auch mit Blech und anderem Geschirr, mit Messer, Löffeln und
Gabeln als auch verschiedenen Gewürzen, hatten sich besonders die
Zwischendeckspassagiere zu versehn, denen etwas Aehnliches vom Schiffe aus
nicht geliefert wurde. Und wie viel vergaßen sie noch, was sie nachher
gern auf dem Schiff mit dem Doppelten bezahlt hätten, wo es freilich nicht
mehr zu bekommen war, und wie viel auch wurde überflüssig als geglaubtes
Bedürfniß mitgeschleppt, nachher eine Weile unbenutzt im Weg herumzufahren
und zu verderben, und dann über Bord geworfen zu werden.
Wer aber kann es den Leuten verdenken, daß sie nicht gleich wissen und
verstehn, sich auf eine so lange mühselige und mit Entbehrungen und
Gefahren verknüpfte Reise in wenigen Tagen, oft fast nur Stunden
ordentlich und vollständig vorzubereiten? Meist aus dem inneren Land, mit
der See kaum dem Namen nach bekannt, schwimmt ihnen Alles was sie
vielleicht über eine erste Einschiffung gelesen, nur wie in wirren Bildern
im Hirn herum, die sie dann nicht fassen und halten können, sobald sie das
zum ersten Mal jetzt praktisch ausführen sollen, was sie sich Monate
vorher vielleicht schon einstudirt.
Der Deutsche ist überhaupt, wo es ins praktische Leben eingreift, das
ungeschickteste Menschenkind auf der weiten Gottes Welt. Viel thut
freilich dabei die Erziehung, und gegängelt und am Leitseil geführt nicht
allein bis ins Schwabenalter, sondern oft auch bis ins Grab, wird ein so
vortrefflicher Staatsbürger aus ihm (den alle anderen, fremden Regierungen
nicht genug zu rühmen wissen) daß er eben zu Nichts weiter zu brauchen
ist, und eben nur so _ver_braucht werden muß. Reißt er sich aber einmal
los aus den alten Verhältnissen, läßt er die Leute die bis dahin so
aufmerksam und väterlich für ihn gesorgt — zurück, dann macht er auch im
Anfang gewiß eine Menge dummer Streiche, tritt anderen Leuten auf die
Zehen oder wird von ihnen getreten (in beiden Fällen regelmäßig um
Entschuldigung bittend) und verstößt gegen Alles was ihm in den Weg kommt,
am meisten aber gewiß gegen sich selbst. Später wird er gescheut, aber es
dauert eine lange Zeit.
_Hier_ aber hat er noch manche Entschuldigung für sich; eben erst aus
seinem heimischen Boden gerissen, die Augen noch von, wenn auch
heimlichen, Thränen roth, das Herz zum Brechen voll und den Kopf wüst und
wirr in der Erinnerung an das kaum überstandene; was Wunder daß er da
_die_ Tage gerade, wo er die Sinne recht beisammen haben sollte, wie im
Traume herumgeht, und trotz allen Büchern und Rathgebern die er vorher
gelesen, erst wieder an das Nöthigste denkt wenn er »zu Ruhe kommt«, d. h.
wenn das Schiff in See und die Seekrankheit vorüber ist — weit weit
draußen im Ocean — allerdings etwas zu spät.
So sieht man Schaaren von Auswanderern die Straßen der Seestädte den
ganzen Tag über durchziehn in Gesellschaft und einzeln, die Männer mit
ihren grauen Filzhüten auf und Blousen über die Röcke gezogen, die kurzen
Pfeifen im Mund — die Frauen Kinder an der Hand und auf dem Arme, in
kleinen schüchternen Trupps vor jedem aufgeputzten Laden stehen bleibend
und die Sachen darin bewundernd, oder weiter schlendernd und die
Aushängeschilder buchstabirend, die über den verschiedenen Thüren hängen.
Es ist das die »leere Zeit« in ihrem Leben, der erste Ruhepunkt
vielleicht, so lange sie denken können, eine Zeit in der sie Nichts zu
thun haben — Nichts weniges für _andere_ Leute, wenn auch eigentlich genug
für sich selbst. Wie eine Reihe von Sonntagen, jeder immer länger werdend
als der Vorgänger, schleichen die Stunden an ihnen hin und bieten erst
wieder Stoff zu Gedanken und Betrachtungen draußen in See.
Die Cajütspassagiere, wie solche der Zwischendeckspassagiere, die noch
über einiges Geld zu verfügen hatten, wohnten indessen in den besseren
Gasthöfen Bremens, und benutzten zum Hinausfahren nach ihrem
Bestimmungsort, wo das Schiff vor Anker lag auf dem sie ihre Ueberfahrt
bedungen, eines der kleinen Dampfboote, die täglich zweimal in wenigen
Stunden nach Bremerhafen hinausfahren, und überall an den
Zwischenstationen anlegen; die meisten der Zwischendeckspassagiere aber,
und besonders solche, die von den Rhedern auf einen gewissen Tag
angenommen waren, von dem aus sie beköstigt werden mußten, waren schon an
Bord gegangen,(1) ihr Geld nicht weiter in der theueren Stadt zu
verzehren. Die jedoch, die sich noch in der Stadt befanden und auf freie
Passage nach Bord zu mit ihrem Gepäck, Anspruch machten, da sie sich das
gleich in ihrem, mit früheren Agenten abgeschlossenem Schiffscontrakt
festgestellt hatten, waren am 20sten Morgens um sechs Uhr an die
Ausmündung einer bestimmten Straße, unten an die Weser bestellt, wo der
Kahn Nr. 67 — Kahnführer Meinert — lag, von diesem gratis an Bord der
Haidschnucke geschafft zu werden.
Dort versammelte sich denn auch an dem schönen sonnigen Morgen, dem nur im
Westen dunkel aufsteigende Wolken ein kurzes Ende zu machen drohten, eine
Masse Menschen verschiedenartigsten Alters und Geschlechts, um sich mit
dem, versprochener Maßen »bedeckten Flußschiff« an den Ort ihrer
Bestimmung baldmöglichst befördert zu sehn. Kisten und Kasten, an denen
Karrenführer schon seit zwei Stunden herbeigeschafft, lagen an der
bezeichneten Landung bunt aufgestapelt, und Hutschachteln, Reisesäcke,
Körbe mit Victualien &c. &c. wuchsen von Minute zu Minute an Masse und
Gewicht.
Die buntgemischteste Gesellschaft, die sich dabei nur denken läßt,
sammelte sich um die Effecten, junge und alte Männer, ihren Taback in die
freie Luft hinausqualmend und ungeduldig dabei am Ufer auf- und abgehend,
und Frauen und junge Mädchen, fest in ihre Umschlagetücher eingehüllt, die
doch etwas frische Morgenluft abzuhalten. Die Leute waren aber noch nicht
recht bekannt mit einander geworden; die Gespräche drehten sich bis jetzt
nur um das Gepäck und das »bedeckte Flußschiff« das sich noch immer nicht
zeigen wollte. Damit hatten sie aber auch vor der Hand übrig genug zu
thun, denn dem fehlte ein Koffer, dem war ein Schloß von seiner Kiste
abgerissen, oder der Deckel eingedrückt worden; der Eine hatte noch dies
in der Stadt vergessen einzukaufen und mochte nicht mehr hinauslaufen, aus
Furcht die Abfahrt zu versäumen, der Andere das im Gasthaus liegen lassen
und die Menschenmenge wogte und drängte durch einander hin, schimpfend und
fluchend hier, lachend und pfeifend oder singend da, während neue Karren
mit Gepäck noch jeden Augenblick dazu kamen, die Verwirrung, wenn das
überhaupt möglich gewesen wäre, zu vergrößern.
Die einzige, vollkommen unbewegliche Person in diesem Chaos von Menschen
und Gepäck saß auf einem Haufen von Kisten die zuerst hergeschafft und
übereinander gethürmt waren, mit unterschlagenen Beinen regungslos oben
darauf, und schien die Confusion unter und um sich mit ordentlichem
Wohlgefallen, jedenfalls mit vollständiger Gemüthsruhe zu betrachten.
Es war eine, was man so von unten erkennen konnte, vierschrötige derbe und
untersetzte Gestalt, jedenfalls den unteren Volksklassen zugehörig, und
doch auch wieder mit einem gewissen Selbstbewußtsein in den rauhen, nichts
weniger als schönen Zügen, als auch in der ganzen Haltung, wie man es
nicht immer bei diesen findet. Der Mann mochte ungefähr fünf- bis
achtundvierzig Jahre alt sein, und der Ausdruck seines lederartigen
faltigen Gesichts hatte, gleich auf den ersten Blick eine so merkwürdige
und auffallende Aehnlichkeit mit einem großen Affen, der mit
unerschütterlichem Ernst vor einer Menagerie sitzt, und das Wogen und
Treiben der Menge unter sich betrachtet, daß wenige der Passagiere, so
viel sie heut Morgen mit sich selber zu thun haben mochten, an ihm
vorübergingen, ohne überrascht ein paar Secunden vor ihm stehn zu bleiben
und ihn zu betrachten, oder sich gegenseitig ein paar erstaunte
Bemerkungen zuzuflüstern. Die Mädchen besonders warfen oft verstohlene
Blicke zu ihm hinauf, und kicherten dann miteinander. Jedenfalls mußte er
das bemerken, aber er verzog keine Miene, oder wandte auch nur einmal den
Kopf nach einer der Gruppen um, sondern paffte in kurzen, regelmäßigen
Zügen den Rauch aus einer kleinen schmutzigen, abgegriffenen Pfeife, mit
einem großen Porcellankopf, und glich, dies einzige Lebenszeichen
abgerechnet, wirklich einer ausgestopften und dort oben zur Verzierung des
Ganzen hingesetzten Figur. Er trug dabei einen einmal grün gewesenen,
Ziemlich abgescheuerten Rock, der besonders auf den Schultern ordentlich
grau und glänzend aussah, als ob er da oben ganz vorzüglich benutzt
worden; eine erbsgelbe, bis an den Hals hinauf zugeknöpfte gesprenkelte
Weste, ein schwarzes Halstuch, das eifersüchtig auch den geringsten
Schimmer von Wäsche verdeckte, braun und grün gewürfelte Hosen, große
nägelbeschlagene Schuh und einen, in eine Unzahl von Formen
hineingedrückten alten haarlosen und an den Rändern hellgrau gescheuerten
Filzhut, unter dem nur hie und da dünne, straffe und blonde Haare
hervorschauten. Rasirt hatte er sich ebenfalls, wahrscheinlich seit seinem
Entschluß nach Amerika auszuwandern, nicht, und die weißgesprenkelten
Stoppeln die sein breites vorgehendes Kinn umgaben, paßten vollkommen zu
der flachen, wie eingedrückten Nase, den kleinen grauen Augen, vorgehenden
Backenknochen und der niederen Stirn, die sich scharf nach rückwärts, wie
scheu unter den Hut hinunterzog.
So ruhig und anscheinend theilnahmlos aber auch dies Individuum dem
allgemeinen Wirrwarr zuschaute und sich vollkommen geduldig in Zeit und
Umstande geschickt hatte, so ungeduldig wurden die übrigen Passagiere, als
es jetzt vom Dome her sechs Uhr dröhnte und das, eine Strecke weiter oben
liegende Dampfboot, sein Deck mit Passagieren gefüllt, an ihnen
vorbeipuffte. Dabei ließ sich noch nicht die Spur von einem »verdeckten
Flußschiff« wie es sich die Passagiere gedacht, an der Landung blicken,
und nur ein kleiner Weserkahn, wie sie dort überall zum Waarentransport
gebraucht werden, lag gerade quervor an der bezeichneten Straße, dem Platz
genau gegenüber wo ihre Waaren aufgestapelt worden, und der Kahnführer,
ein hagerer dünner Gesell, mit furchtbar langen Armen und großen Händen,
von denen man gar nicht begriff wie er sie je durch die Aermel seiner
Jacke gebracht oder, da sie nun einmal darin waren, wie er sie wieder
herausbringen wollte, ging auf dem Deck seines kleinen Fahrzeugs auf und
ab. Mehrmals versuchte er dabei die Hände in die Taschen seiner
dunkelblauen sogenannten Lootsenjacke zu bringen, aber umsonst, sie gingen
nicht hinein, und er schlenkerte sie dann wieder »zu beiden Borden«
herunter und spuckte, seinen Taback dabei kauend, den braunen ekelhaften
Saft regelmäßig einmal über Stürbord und dann über Backbord ins Wasser
hinüber.
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