Vorwärts, weiter stampft der Kolben, -- mir viel zu langsam. --

* * * * *

Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land

gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach

Afrika.

Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät

war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und

Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen.

Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.

* * * * *

Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern

fuhren sie mit ihren Booten an Land, -- die einen, um möglichst bald

wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, -- die anderen, um in ihr

Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.

Spanischer König, besinne dich, -- denk daran, wie es deinem Nachbarn

erging!

* * * * *

Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer?

-- -- Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen,

befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! -- Vorwärts! Vorwärts!

-- -- --

Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus

Norden.

Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den

Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und

unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der

Maschinen zu.

Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften,

den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als

Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über

den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.«

Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der

Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, -- wenn

Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker

gewesen ist, der anständigste war er doch, -- dann hätten wir die

Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und

Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie

dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen

lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch

mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist

gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen

Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«

»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den

zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den

Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung

aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer,

den sie den Anarchisten nannten, -- »denn in dem nämlichen Zeitraum

hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, -- sechzig

Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber

nicht dabei, -- das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für

seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps

und Bier, -- und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen

Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der

Teufel soll die ganze Bagage holen!«

Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne

Schottentür, daß der Raum dröhnte.

»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar

um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, -- »das müßt ihr mir

eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«

»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir

entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr

laut sprachen.

»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof

meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs

Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem

Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde

beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben

fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem

Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt.

Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt

und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte:

›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und

schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.

Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit

allzu grob, -- so wie wir Bayern nun einmal sind. -- Was meint ihr?

Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate

habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof

verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und

Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in

meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen,

wie es will!«

»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse.

»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer

Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich

an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das

Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu

begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport,

-- mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, -- hier stieß

ich auf Widerstand und dort, -- wurde hier schikaniert und da, -- da

wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte

mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann

aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum,

Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. -- Da graute mir davor,

daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann

euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute

schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden.

Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas

angeht.«

»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim

Kragen kriegt.« -- »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe

nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein

begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen

hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden

Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte

ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf

der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei

der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als

sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der

Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben

habe. -- Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. -- Dann

wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten.

Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages

kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren

Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis,

sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu

lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.

Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun

pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben

als ein Freier.«

Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die

Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des

Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst

mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich

Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte

sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.

* * * * *

Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten

mich schier krank. Ja, -- es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel

zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der

gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet

werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an

der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr

Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr

Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr

Eltern und ihr Kinder, -- wir alle, alle, -- was haben wir für eine

rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe,

wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! --

Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe,

in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine

Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und

der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe

und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln,

durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden

Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine

Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte

und keine Menschenverachtung zerstört werde!

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 22 / 39 题