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Unseren kranken Neger hatten wir glücklich schon in Madeira an Land
gesetzt. Von dort wollte er mit dem nächsten Woermann-Dampfer nach
Afrika.
Unsere Spanier waren ausgelassen vor Heimkehrfreude. Von früh bis spät
war ein Gejubel wie in unserem Garten, wenn im Frühling Finken und
Drosseln mit den Kindern um die Wette ihre Lieder erschallen lassen.
Nun mußte auch bei uns bald Frühling werden.
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Wieder lagen wir in der Bucht von Vigo. Mit Tücherschwenken und Liedern
fuhren sie mit ihren Booten an Land, -- die einen, um möglichst bald
wieder zurückzukehren ins Land der Sonne, -- die anderen, um in ihr
Land die Sehnsucht hineinzutragen nach Wärme, Leben und Liebe.
Spanischer König, besinne dich, -- denk daran, wie es deinem Nachbarn
erging!
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Zurück durch die Biskaya. Was sagt uns der Sturm und das wogende Meer?
-- -- Heimwärts, heimwärts war der einzige Gedanke! Schaffen, helfen,
befreien, aufklären, Sonne bringen, Liebe! -- Vorwärts! Vorwärts!
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Oben auf Deck war's ungemütlich. Regen und Schnee, kalter Wind aus
Norden.
Wenn ich so recht durchgefroren war, ging ich eine Weile in den
Maschinenraum und setzte mich dort still in eine Ecke, ungesehen und
unsichtbar für die Heizer und Maschinisten, und sah der Arbeit der
Maschinen zu.
Da hörte ich, wie einer der Trimmer, die die Kohlen herbeischafften,
den Heizer fragte: »Sag 'mal, Neumann, wie kommt es, daß du als
Sozialist so für Bismarck schwärmst? Ich hörte dich neulich über
den alten Junker reden, als ob du selbst Rittergutsbesitzer wärst.«
Der Angeredete stand auf seine Schaufel gestützt da: »Einfach der
Arbeiterversicherungen wegen. Denn das kann ich euch sagen, -- wenn
Bismarck nicht gewesen wäre, und wenn er zehnmal selbst Junker
gewesen ist, der anständigste war er doch, -- dann hätten wir die
Arbeiterversicherung heute noch nicht. Denn diese Schnapsbrenner und
Altarstützen, die jetzt dem Reiche wieder die Steuern versagt und sie
dem kleinen Manne aufgehalst haben, sie hätten das Werk nie geschehen
lassen, wenn Bismarck sie nicht gezwungen hätte. Und ist auch noch
mancherlei an unserer Versicherung auszusetzen, ein großer Anfang ist
gemacht. Nun müssen wir alle helfen, das Werk zu vollenden, denn einen
Bismarck kriegen wir doch nicht wieder.«
»Wenn sie aber jetzt so vielen Lärm darüber machen, daß in den
zwanzig Jahren, die die Arbeiterversicherungen nun bestehen, von den
Unternehmern und den Arbeitern zehn Milliarden für die Versicherung
aufgebracht sind, so ist das einfach lachhaft,« rief der eine Trimmer,
den sie den Anarchisten nannten, -- »denn in dem nämlichen Zeitraum
hat unser deutsches Volk das Sechsfache von dem versoffen, -- sechzig
Milliarden in zwanzig Jahren! Das sagen die Herren Unternehmer aber
nicht dabei, -- das Volk könnte ja aufgeklärt werden, daß es sich für
seine sechzig Milliarden was Besseres hätte kaufen können, als Schnaps
und Bier, -- und dann würden ja die Dividenden sinken von all diesen
Spritbaronen und Brauereiaktionären! Und deren sind nicht wenige! Der
Teufel soll die ganze Bagage holen!«
Er schlug mit seiner schwarzen, schwieligen Faust gegen die eiserne
Schottentür, daß der Raum dröhnte.
»Aber nun sagt'mal Leute,« fing der erste Heizer wieder an, offenbar
um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, -- »das müßt ihr mir
eigentlich 'mal erzählen, wie ihr Anarchisten geworden seid?«
»Nichts einfacher als das«, erwiderte einer der Angerufenen. Mir
entging kein Wort, weil die Leute wegen des Lärmens der Maschine sehr
laut sprachen.
»Du weißt, ich bin ein Bayer. Ich bewirtschaftete den kleinen Hof
meines Vaters. Eines Tages fuhr ich mit meinen beiden Braunen aufs
Feld, um Heu zu holen. Holt mich da so ein Prinz ein mit seinem
Automobil und fährt so dicht an meinen Wagen heran, daß meine Pferde
beiseite springen, und der Wagen durch den Anprall in den Graben
fliegt. Ich hörte nur noch ein ›verdammtes, dummes Bauernpack‹ aus dem
Wagen mir nachrufen. Mir selbst wurde die linke Schulter ausgerenkt.
Das Automobil hatte aber bei dem Anfahren auch einen Knacks abgekriegt
und stand auf der Landstraße. Da ging ich auf den Prinzen zu und sagte:
›Königliche Hoheit, das wird Euch halt an 3000 Mark kosten,‹ und
schrieb's ihm auch noch, so gut ich's konnte.
Mit Glacehandschuhen hab ich ihn nit angefaßt, aber doch auch nit
allzu grob, -- so wie wir Bayern nun einmal sind. -- Was meint ihr?
Nix erhielt ich, wegen Erpressung wurde ich angeklagt, und drei Monate
habe ich sitzen müssen. Als ich wieder frei war, habe ich meinen Hof
verkauft und den Erlös versoffen und hab' auf alle Regierungen und
Gesetze gepfiffen. Denn daß das Gerechtigkeit sein sollt', das ging in
meinen bayerischen Bauernschädel nit rein. Nun mag halt alles gehen,
wie es will!«
»Mir ist's nicht viel anders ergangen,« begann der zweite, ein Sachse.
»Ich war Drechslergeselle in Dresden, hatte die Vorträge von Pfarrer
Naumann gehört, und kam so zu den Christlichsozialen. Da fing ich
an, zu den Arbeitern zu reden über Wohnungsnot und sprach gegen das
Trinken und suchte sie für Bauvereine und Genossenschaftswesen zu
begeistern, für Nüchternheit und Volksbildung, für Turnen und Sport,
-- mit einem Male war die Polizei auf mich aufmerksam, -- hier stieß
ich auf Widerstand und dort, -- wurde hier schikaniert und da, -- da
wurde ich Sozialist und schwor dem Polizeistaate Urfehde und stimmte
mit ein in den Ruf: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« Dann
aber sah ich, wie auch in der Arbeiterpartei Protektion und Strebertum,
Geldinteresse und Ehrsucht sich breit machten. -- Da graute mir davor,
daß eines Tages der Zukunftsstaat Wirklichkeit werden könnte. Ich kann
euch sagen: es würde noch tausendmal schlimmer werden, als es heute
schon ist. Die Regierung, die was taugt, soll noch geboren werden.
Einstweilen fühle ich mich wohl in dem Gedanken, daß keine mich etwas
angeht.«
»Paß man auf,« lachte der Heizer, »daß dich die jetzige nicht beim
Kragen kriegt.« -- »Pah,« meinte der andere gleichmütig, »ich habe
nichts auf der Kerbe, da kann mir die ganze Polizei im Mondschein
begegnen.« »Und warum du?« wandte sich der Heizer an den dritten, einen
hübschen, blonden jungen Burschen mit schwermütig dreinschauenden
Augen. »Das ist eine traurige Geschichte,« begann jener. »Ich hatte
ein Mädel lieb, es gab kein saubereres auf der Erde. Während ich auf
der Wanderschaft war, hatte ein Assessor, der bei der Herrschaft, bei
der mein Mädchen diente, als Einlogierer wohnte, sie verführt. Als
sie ihn auf die Alimente verklagen wollte, schwor er ab, daß er der
Vater sei und brachte Zeugen bei, daß sie sich auch anderen hingegeben
habe. -- Sie hatten sie mit Wein und Sekt betrunken gemacht. -- Dann
wurde sie krank und konnte nicht mehr für sich und das Kind arbeiten.
Ich schickte ihr von der Wanderschaft, was ich hatte. Eines Tages
kam die Verzweiflung über sie, und sie erstickte das Kind in ihren
Kissen. Die Freundin, die ihr geholfen, bekam sechs Jahre Gefängnis,
sie selbst wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt und schließlich zu
lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.
Der Herr Assessor aber ist jetzt Landgerichtsdirektor geworden. Nun
pfeife ich auf den heutigen Staat und seine Gesetze und leb' mein Leben
als ein Freier.«
Das Stampfen des Kolbens mahnte zur Arbeit. Schweigend gingen die
Trimmer wieder an ihr Werk. Krachend flogen die Kohlen von der Hand des
Heizers wieder in die Glut. Mir war es, als ob er heftiger als sonst
mit der Eisenstange die Glut durchstieß. Es war, als wollte er sich
Luft schaffen. Ich aber ging nach oben in den Schneesturm. Mir hatte
sich etwas aufs Herz gelegt, wie schwerer Alpdruck.
* * * * *
Die Erzählungen der drei Trimmer gingen mir durch den Kopf und machten
mich schier krank. Ja, -- es gehörten Titanenkräfte dazu, hier Wandel
zu schaffen. Einmal unsere Gesetze auf das einzustellen, was der
gesunde Menschenverstand als Gerechtigkeit empfand! Wie sollte geahndet
werden, und mehr: wie sollte wieder gut gemacht werden, was einer an
der Seele des anderen verbrochen hatte? Oh, ihr Regierungen und ihr
Richter, ihr Ärzte und Lehrer, ihr Geistlichen und ihr Lehrherren, ihr
Vorgesetzten und ihr Arbeiterführer, ihr Männer und ihr Frauen, ihr
Eltern und ihr Kinder, -- wir alle, alle, -- was haben wir für eine
rasend große Verantwortung auf uns für unsere Nächsten! Wehe, wehe,
wenn wir der Liebe und Gerechtigkeit mangeln! --
Kultusminister! Kultusminister! Was hast du für eine Riesenaufgabe,
in die Herzen von diesen 60 Millionen Deutschen durch deine
Hunderttausende von Lehrern und Geistlichen den Samen der Liebe und
der Gerechtigkeit zu säen und dafür zu sorgen, daß dieser Same aufgehe
und durch nichts, durch keine Wohnungsnot in Proletariervierteln,
durch keinen Schmutz in der Literatur, durch keine sinnverwirrenden
Trinksitten, durch keine unheilvolle Rechtsprechung, durch keine
Herzlosigkeit und keinen Standesdünkel, durch keine Klassenvorrechte
und keine Menschenverachtung zerstört werde!