Kultusminister! -- Tust du deine Pflicht? -- -- --

* * * * *

Zur linken Hand zog Englands Küste herauf. Da saß der Fluch der Welt

und sann und spann, wo und wie er neuen Krieg entfesseln könnte, und

hetzte sein Volk in neue Aufregung hinein. Ob's ihm gelang? Ob's seiner

gütigen Gemahlin, der Königin Alexandra, die wie ein guter Engel durch

die Londoner Hospitäler schritt, gelingen würde, ihn umzustimmen zu

praktischer Friedensarbeit an seinem Volke und unter den Völkern? -- --

Da trat der Amerikaner zu mir und zeigte mir ein englisches

Zeitungsblatt. Unsterblich lächerlich hatten sich alle die Hetzer

und Schürer gemacht. Die Angst, die Deutschen möchten über den Kanal

herüberkommen, um das stolze Albion zu bekriegen, diese Angst, die

sie künstlich angefacht hatten, um immer neue Dreadnoughts aus der

Nation herauszupressen, hatte die lächerlichsten Blüten gezeigt.

Geheimnisvolle Luftschiffe mit Scheinwerfern sollten über englischen

Städten gekreuzt haben. Ganz England war in fieberhafter Erregung.

Zeppelins Erfindung hatte das Volk halb wahnsinnig vor Deutschenfurcht

gemacht.

Und was war des Pudels Kern? Ein paar Modelle eines englischen

Luftschiffabrikanten, mit Spirituslämpchen versehen, um durch Erzeugung

von verdünnter Luft den Auftrieb zu ermöglichen, hatten der erhitzten

Phantasie John Bulls den Einfall deutscher Luftschiffe vorgegaukelt.

Und doch scheint man in England allmählich zur Einsicht zu kommen, daß

es für die Regierung eines Landes höhere Zwecke gibt, als Kriegsschiffe

zu bauen und Pulver- und Gewehrfabriken zu begünstigen.

Miß Cantack und die Fürstin traten hinzu. Besonders die erstere wurde

nicht müde, von den neuen englischen wundervollen Arbeiterwohnungen

und Gartenstadtkolonien zu berichten, über die neuen biologischen

Kläranlagen zur Reinhaltung der Flüsse, über die großartigen

abstinenten Arbeiterverbände, über die Vereinigung, um die Jugend zu

gesunden und sittlich starken Menschen heranreifen zu lassen.

Da entfuhr es mir: »Wahrlich, die Völker sollten herüber- und

hinüberfahren über den Kanal und voneinander das Gute lernen, das sie,

ein jedes nach seiner Eigenart, hervorbringen, wie unser Kaiser es

längst gewünscht hat mit weitem Blick, anstatt sich in Eifersüchteleien

gegenseitig zu hemmen und in die Gefahren kriegerischer Verwicklungen

hineinzusetzen.«

»Ihr Wunsch ist bereits erfüllt,« begann Miß Cantack, »geben

Sie acht: Im Sommer dieses Jahres fahren mehrere hundert Ärzte,

Architekten, Sozialpolitiker und Menschenfreunde von Deutschland nach

England, um dort Arbeiterwohnungswesen, Gartenstadtentwicklung und

Alkoholbekämpfung zu studieren.

Eben erst weilte eine Schar deutscher Arbeiter in England, um das

Leben englischer Arbeiter kennen zu lernen. Eine Deputation englischer

Stadtoberhäupter macht eine Studienreise nach Deutschland, um deutsche

Vorbilder in Hygiene und Wohlfahrtseinrichtungen in Augenschein zu

nehmen. Was wollen Sie mehr!«

»Und hier,« fuhr der Amerikaner fort, »finde ich eine ausgezeichnete

Rede des englischen Handelsministers Churchill, in welcher er in der

ernstesten und eindringlichsten Weise seine Nation zur Vernunft und zum

Frieden mahnt. Und hier, ein Brief von Lord Northcliffe, dem Besitzer

der Daily Mail, in welchem er die Invasionsfurcht der Engländer vor den

Deutschen in der schärfsten Weise geißelt. Und hier ein Blatt von der

Daily Chronicle, das in gleicher Weise seine Landsleute wegen ihrer

Panik verspottet.«

Ich sah hinaus durch den dichter werdenden Nebel und sah jenseits

des Kanals einen die Hände ballen, daß sein Spiel gescheitert war.

Fast wäre es ihm geglückt, sein fleißiges, vorwärts strebendes Volk

hineinzuhetzen in einen ruchlosen Krieg, damit er sein Geschäftchen

machen und sich mit sogenanntem Ruhm bedecken könnte, um seine

Vergangenheit etwas vergessen zu machen!

Nein, König Eduard, -- es hilft dir alles nichts! Die Zeit ist über

dich hinweggeschritten: Die Zeit steht im Zeichen der Liebe und der

Tat! Die Menschheit will vorwärts! Du hast den Kolbenschlag nicht

gehört von dem vieltausendarmigen Wunderwerk, das die Menschen

vorwärtstreibt, um das Elend aus der Welt zu schaffen! Du hast keine

Ahnung, was die Sonne der Welt bedeutet! Du hast keine Ahnung von der

Macht der Liebe!

Geh' zu deiner Königin! Knie vor ihr nieder! Küsse den Saum ihres

Kleides und bitte sie, daß sie dich lehrt, was Liebe heißt, und Liebe

in Tat umzusetzen. Hilf deinem braven Volke, gesund zu werden! Gib ihm

sein Land wieder, das deine Herzöge und Lords ihnen geraubt und in

endlose Jagdgründe umgewandelt haben, damit es wieder ackern und Wurzel

fassen kann in seinem Mutterboden.

Rotte die Pesthöhlen in deinen Fabrikstädten aus, wo sie noch

bestehen. Hilf den Nüchternen in deinem Volke gegen die Übermacht der

Schnapsbrenner und der Bierbrauer.

Wandle deine Gewehr- und Pulverfabriken um in Fabriken für elektrische

Bahnen, um die Arbeitermassen aus deinen Fabrikstädten aufs Land hinaus

zu bringen, -- dann, Minotaurus von England, du Kreuzspinne der Welt,

dann sollst du König von England heißen und Vater deines Volkes und

gesegnet sollst du sein bis an deinen Tod und vergessen soll sein deine

Vergangenheit!

* * * * *

Ich brauchte Einsamkeit. So ging ich oben auf mein Kompaßdeck. Von

Südwest brauste der Sturm von hinten über das Schiff und überschüttete

uns mit Schnee und Hagelschauern. Aber er trieb unser Schiff wie mit

Geisterhand vorwärts der Heimat zu.

Unter mir klang, von kräftiger Männerstimme gesungen, es war der zweite

Offizier, der auf der Kommandobrücke auf und nieder schritt, eins

meiner Lieblingslieder:

Schön seid ihr Berge und Täler zu schau'n,

Schön sind des Südlands dunkle Frau'n!

Schöner die Heide, mein sonniges Feld,

Schöner des Nordlands kraftvolle Welt!

Freund ist der Sturm mir so brausend und kalt,

Lieb mir der tannenduftende Wald,

Freiheit ruft mir das wogende Meer --

Hier im Tal wird das Herz mir so schwer!

Herz, mein Herz, was klopfst du so sehr?

Sehnst dich nach Tannen und Heide und Meer?

Sehnst dich nach Weststurm und Wogengebraus?

Herz, mein Herz, halt ein wenig noch aus!

Plötzlich stand mein Kapitän hinter mir: »Nun noch ein wenig Geduld,

Doktor! Nach einem Tage liegen wir in Havre, -- dann ein paar Tage

Nordsee, -- Cuxhaven, und dann sind wir wieder daheim!«

-- »Daheim, daheim!« Das klang wie Glockengeläute mitten im

Schneesturme und im Gestampfe der Maschinen. -- »Wie weit sind sie

wohl in Hamburg mit dem Wiederaufbau der Michaeliskirche?« begann mein

Kapitän wieder. Sein Frauchen hatte ihm geschrieben, das Dach wäre

schon neu gebaut; und der Turm sei schon fein hoch wieder erstanden.

Freilich alles noch umgeben von großen Gerüsten.

Ich aber sah im Geiste klar und deutlich meine alte geliebte Kirche

und ihr gegenüber das Standbild von unserem Bismarck, dem Vorbilde für

alle, die deutsche Männer heißen wollen. -- -- -- -- --

* * * * *

Havre! Das erste, was aufs Schiff kam, waren die Pächter des

französischen Zolles. Nirgends in der Welt habe ich eine so kleinliche,

schikanöse Durchsuchung aller Räume des Schiffes und alles Gepäckes

gefunden, wie hier von diesen Agenten der freien Republik Frankreich.

Man glaubt sich hundert Jahre zurückversetzt. Da sah ich wieder, --

nicht die Staatsform macht die Menschen glücklich, sondern einzig nur

die Menschen, die an der Spitze einer menschlichen Gemeinschaft stehen.

Mir fiel die Erzählung von unseren Trimmern wieder ein und ihre Angst

vor dem sozialistischen Zukunftsstaate, in dem vielleicht die stärksten

Ellbogen regieren und arges Regiment führen könnten.

Und ohne Regiment, wie jene wollten? Grundgütiger Himmel, -- das wäre

noch schlimmer, als in ein Rudel hungriger Wölfe zu geraten, in dem die

stärksten und hungrigsten die anderen auffressen, bis ein paar Starke

und Satte übriggeblieben sind, die sich knurrend umkreisen, bis der

vorletzte dem letzten zur Beute fällt.

Rein, danke! Wie der Körper Hände und Füße, Arme und Beine, einen Mund

und einen Magen, Augen und Ohren und vor allem einen Kopf braucht, ein

Gehirn als Sitz seiner Seele, so braucht die menschliche Gesellschaft

Arbeiter für jegliches Fach und eine Regierung als Sitz ihrer Seele,

die für sie sorgt, wie das Gehirn für den übrigen Körper, -- in

Übereinstimmung mit dem, was Auge und Ohr, Hand und Fuß ihm übermitteln.

Aber Pflicht unseres Gehirnes ist es, unseren Körper gesund und stark

zu halten, dafür zu sorgen, daß er genügend Nahrung erhält, daß in den

Adern, seinen Verkehrswegen, Blut und Lymphkörperchen frei kreisen

können, daß Telegraph und Telephon, die Sinne und die Gefühlsnerven,

ordentlich leitungsfähig sind, daß die Bewegungsnerven, die

Exekutivbehörden, ihre Pflicht tun, ohne die Muskeln, die arbeitende

Masse, zu drangsalieren.

* * * * *

Abends kam von einem in unserer Nachbarschaft liegenden Dampfer ein

Schiffsjunge zu uns an Bord: er wolle den Doktor gern sprechen. Wer

war's? Der große Schlingel aus der Heimat, den sie vor zwei Jahren

in Untersuchungshaft gesteckt, aber dann mit Hilfe der bedingten

Begnadigung freigelassen hatten. Nun war er ein guter, fixer Kerl

geworden, -- man sah es an seinen Augen, -- starkknochig, mit breiter,

brauner Brust. Trinken täte er auch nicht. Guttempler sei er geworden.

Zur Bekräftigung gab er das Zeichen. Ich aber freute mich, denn mir war

es, als ob ich einen Sonnenstrahl aus einer helleren Zukunft unseres

Volkes erschimmern sah.

* * * * *

In der Nacht hatte ich einen schweren Traum. Ich sah in Riesengröße

einen seltsam gestalteten Baum vor mir mit seinen entsetzlichen

Früchten des Elends und der Verkommenheit. Und in der Tiefe des Bodens,

in dem er wurzelte, war ein emsiges Hasten und Treiben. Wagen voll

Korn wurden abgeladen, Eisenbahnzüge voll Kohlen. Mächtige Maschinen

stampften und rollten, Essen qualmten, in riesigen Bottichen dampfte

und brodelte giftige Brühe. Endlose Reihen von Wagen rollten in der

Frühe Fässer auf Fässer die Straßen entlang und brachten das Gift

in die Wirtschaften und in die Häuser, auf die Bauplätze und in die

Fabriken. Dann hörte ich, erst leiser, und dann immer lauter ein

Ächzen und Wimmern, ein Stöhnen und Weinen, ein Jammern und Klagen,

als ob es von Tausenden von hungernden Kindern und geschlagenen

und getretenen Frauen im ganzen Reiche käme, und von Kranken und

Sterbenden, und von Verwundeten und Irren, von Rasenden und von

Reuigen, die sich im Jammer wanden.

Ich sah, wie die Wurzeln des Baumes riesengroß, wie ein giftiges

Rankengewächs, unser ganzes Volk durchwucherten, Mann und Weib, Greis

und Jüngling, Bettler und Fürsten mit den Wurzeln umstrickend, ihnen

den Atem auspressend, das Blut aussaugend, -- und mächtig stieg der

Saft aus den Wurzeln in die Höhe, dem Baume seine stattliche Krone mit

den entsetzlichen giftigen Früchten schaffend.

Doch plötzlich -- was ist das? -- Ich höre Lieder singen, frohe, fromme

Weisen. Wie Kampfgesänge tönt es. Ein Klirren von Äxten höre ich. Wie

im Marschtritt eilt es heran, -- immer neue Scharen, -- Männer und

Frauen. -- Siegesgesänge. -- Krachend splittern die blanken Äxte in den

Stamm des Baumes. -- Er wankt -- er stürzt -- und im Fallen begräbt er

unter sich die qualmenden Essen, die Bottiche voll brodelnder Giftbrühe

und die Wagenreihen mit Fässern. Jauchzender Siegesjubel erscholl, und

über das weite Land ergoß sich der Strom eines großen glücklichen,

freien Volkes! --

Da wachte ich auf.

Noch einmal kam all der Gram um das Elend unseres Volkes in mir hoch.

Aber die Bitterkeit und das Gefühl des Erlahmens waren gewichen.

Ich will euch nicht anklagen, ihr fröhlich Trinkenden und Genießenden,

daß ihr so träge im Helfen und so selbstsüchtig seid: -- Geht über eure

Kirchhöfe! Da liegen eure Angehörigen, eure Männer, eure Frauen, eure

Brüder, Söhne, eure Freunde, die, durch eure Trinksitten verführt, an

den Trunk kamen, -- und nun sie auf dem Kirchhofe liegen, habt ihr sie

schleunigst vergessen.

Aber ich habe sie nicht vergessen und habe nicht vergessen, wie

sie dahin kamen. Und ich sage euch: eure Toten klagen euch an! --

Geht durch eure Häuser! Seht eure blassen Kinder, die Früchte eurer

Hochzeitsmahle, eurer fröhlichen Diners, eurer Skat- und Kegelabende,

eurer Sektbowlen -- und Bier- und Branntweinzechereien -- seht eure

kranken und vergrämten Frauen, die schlaflos wachten, während ihr in

der Spelunke oder in der eleganten Bar herumlungertet: Eure Lieben,

eure Kranken klagen euch an, -- und ich rede für die, die stumm sind!

-- Geht durch eure Krankenhäuser, eure Gefängnisse und Zuchthäuser,

eure Animierkneipen und Bordelle, in denen die Töchter unseres Volkes

zur Ware und zum Tier erniedrigt werden, um gleichzeitig Tod und

Pestilenz über eure Söhne zu bringen. -- Das ganze Elend unseres

Volkes, das aus allen diesen Stätten des Elends euch entgegenschreit

in tausendfacher Gestalt, -- das Elend unseres Volkes klagt euch an!

Euch, die ihr noch immer an eurer Tafel sitzt und den Trinkfreuden

opfert, ihr Fürsten und Knechte, ihr Ärzte und Lehrer, ihr klugen Räte

und Minister! Und ihr, die ihr euch Diener des Höchsten nennt, -- euch,

euch alle klagt das Elend eurer Freuden an, die alle diese Tausende

hinabgleiten ließen in Unglück und Schande und Tod! -- --

Seht ihr denn nicht, daß schon Hunderttausende im Deutschen Reiche

dem verfluchten Rauschtrank Valet gesagt haben, Männer und Frauen

aller Stände, unsere Kaiserin als eine der ersten, Studenten und

Studentinnen, und alle frisch und fröhlich leben, ein Leben der Liebe

und der Tat?

Und wie ich mit wachenden Sinnen dalag, da hörte ich wieder den Klang

der Äxte und die Siegesgesänge aus meinem Traume; -- ich hatte sie

singen hören in einem Tempel, den die Menschenliebe gebaut hatte in dem

Geiste des Weltenmeisters, -- seit Jahren hatten sie auch mir immer

wieder neue Hoffnungen und Kampfesmut in die Seele gehaucht -- und wie

Sturmeswehen hörte ich aus der Tiefe des Volkes neue Erkenntnis, neues

Wollen, neue Menschenliebe heraufbrausen, unaufhaltsam, unbezwingbar,

siegreich bis ans Ende!

Ich sah im Geiste in meiner Heimat nüchterne Gesellen Stein auf Stein

zu neuen Häusern bauen -- jedes Haus ein Tempel, -- in den Städten, auf

den Dörfern, in der Heide, am Meere!

Ich sah die Erkenntnis einziehen auf unseren Universitäten, -- schon

machten unsere Studentenverbindungen sich frei vom albernen Trinkzwange

-- Frohsinn und Freiheit überall, -- o mein Gott, es wurde wunderschön

im Vaterlande! -- Die Alten, die sich stumpf der neuen Lehre, der neuen

Liebe verschlossen, sie starben dahin; aber in einem neuen, jungen

Geschlechte wuchs die neue Zeit heran, herrlich, sonnig, blütenreich,

wie ein Frühling unseres Volkes! -- --

* * * * *

Ich saß wieder unten im Maschinenraume auf meinem versteckten

Lieblingsplätzchen. Wir hatten Havre hinter uns und steuerten der

Nordsee zu.

Einer von den Zwischendeckspassagieren, ein Freund unseres einen

Heizers, war in den Maschinenraum getreten und unterhielt sich mit

ihm über die Englandfahrt der deutschen Arbeiter, die er mitgemacht

hatte. »Krieg zwischen Deutschland und England? -- Ich kann dir

sagen, und wenn der englische König und seine Kreaturen es auch

zwanzigmal wollten, -- das englische Volk will nicht! Das englische

Volk will mit uns Deutschen gemeinsam arbeiten, daß die Menschheit

vorwärts kommt. Zurzeit handelt es sich vor allem um zwei Fragen: das

arbeitende Volk zu befreien von der Blutsteuer, die es sich unter dem

hypnotischen Banne der Trinksitten und der Brenner und Brauer für Bier

und Branntwein selbst auferlegt. Schaut mal hier!« Und damit zog er

ein englisches Flugblatt aus der Tasche, das mit großen Buchstaben

die Überschrift trug: »Der Giftbaum des Volkes.« Da hingen an kahlen

Zweigen eines knorrigen Baumes große, giftig ausschauende Früchte, die

jede eine der Folgen unserer Trinksitten darstellte.

Merkwürdig, seltsam, -- mein Traum von voriger Nacht! Ein Beweis mehr,

daß wir Völker alle Kinder nur einer Mutter, der Menschheit, sind,

verwandt in Gedanken und Gefühlen.

An der Hand dieses Flugblattes hielt er ihnen einen Vortrag, dem alle

atemlos zuhörten. »Und wenn wir nun streikten,« hörte ich, -- »nebenbei

der einzig vernünftige Streik, den wir machen könnten, -- was wäre

die Folge? Wenn wir streikten und diese verfluchten Gifte nicht mehr

söffen, für die wir jetzt unser so sauer verdientes Geld dieser ganzen

Bande von Wirten und Giftmischern in den Rachen werfen? Kein Boykott

kann uns zwingen, dieses Gift zu trinken!« Gespannt hingen die Blicke

an seinen Lippen. »Nicht existieren könnten unsere hohen Herren auf

ihren Schnapsgütern. Verkaufen müßten sie. Aber an wen?

Und nun kommt die zweite große Frage. Bleibt's, wie heute, geht's bei

uns ebenso wie in England! Dann kommen, wenn nicht die Polen uns die

besten Güter vor der Nase wegkaufen, die reichen Leute und lassen

die Dörfer abreißen, als wenn es Laubhütten wären, und wandeln die

Gutshöfe in sogenannte Jagdgüter um und pferchen uns immer weiter in

die Städte ein, oder wir können übers Meer gehen. Nein, -- so geht's

nicht weiter. Da hat ein Engländer, Henry George heißt er, die Lehre

erfunden -- das, was wir Sozialisten schon immer verlangt haben --: Das

Land gehört allen. Der Staat verleiht das Land an den, der es braucht,

in Erbpacht. Seht, dann kann nicht damit spekuliert werden. Braucht

der Staat oder eine Stadt oder ein Dorf Land, so ist es jederzeit zur

Hand. Jeder, der sich ein Heim begründen will, kann sich eins erwerben

zu einem Preise, daß es sich für ihn rentiert.« -- »Aber wie ist das

zu machen?« fragte der Heizer. -- »Viel einfacher, als es scheint.

Der Staat löst die jetzigen Besitzer durch Ausgabe von Banknoten oder

Schuldverschreibungen ab, zu einem Preise, der dem Ertrage des Bodens

entspricht. Mag man dem Bodenwucher zehn Jahre lang Zeit lassen, sich

von der Spekulation zurückzuziehen, ehe das Gesetz in Kraft tritt.

Dann aber hört jede Spekulation im Lande auf. Das, was einer auf

seinem Lande erbaut hat an Gebäuden, was er durch Entwässerung oder

Urbarmachung seinem Lande zugute getan hat, das ist natürlich sein

Privateigentum und soll es bleiben; und will er seinen Besitz abgeben,

so muß ihm der Staat das, was er geschaffen hat, nach der Schätzung

von Sachverständigen vergüten.« -- »Und die Hypotheken,« fragte der

Heizer, »die heute auf den Grundstücken stehen?« -- »Die werden bei

der ersten Übernahme des Landes durch den Staat in zinstragenden

Staatspapieren von diesem getilgt, und der Betrag wird dem Verkäufer in

Abzug gebracht. Sturm wird's geben, daß kann ich euch sagen, schreien

werden sie über Sozialismus und Zukunftsstaat, -- aber kommen wird die

Verstaatlichung des Bodens, so sicher, wie die Eisenbahnen, die Post

und die Versicherung der Arbeiter schon verstaatlicht sind. Und da mögt

ihr sagen, was ihr wollt« -- und er schlug mit der Faust auf die Bank,

daß sie krachte, -- »wenn nur ein Bismarck unter uns lebte, da hätten

wir es gleich!« -- -- -- -- --

Die Maschine stampfte, daß ich nichts weiter hörte. Ich aber wußte, daß

da unten in der breiten Masse des Volkes Wellenringe ihr Spiel hatten,

die nie zur Ruhe kommen würden, Wellenringe aus grauer Urzeit, als noch

nicht römisches Recht unser gutes deutsches Recht verdrängt hatte, und

der Besitz an Grund und Boden Besitz des Stammes, des Volkes war,

heilig, unantastbar, -- das Wurzelreich für jeden. Und unser Volk

wollte wieder wurzeln im Boden seines Vaterlandes! -- -- --

* * * * *

In Havre hatte ich von daheim nur ein Telegramm erhalten: »Zu Hause

alles gesund! Willkommen daheim!« Das sagte mir mehr als lange Briefe.

Und dann ein Gruß aus Hamburg von meinem fürstlichen Freunde! Ich wußte

ja, es mußte so kommen! Nun wollen sie einen neuen Leiter anstellen am

Biologischen Institut, da der alte gestorben ist, und der neue soll gut

acht geben auf die Veränderungen, die unser Elbwasser erleidet durch

das rapide Wachsen der Städte. Sie mußten sich ihrer Verantwortung

bewußt werden. Und aus der Erkenntnis der Gefahr, mit der sie seit

Jahrzehnten spielen, die die Verseuchung unseres Heimatstromes uns

heraufbeschwört, wird ihnen die Kraft erwachsen, diese heillosen

Zustände zu bessern.

Dein kurzer Gruß, mein Freund, mit dieser inhaltsschweren Nachricht

läßt nun doppelt mich freuen auf die Heimkehr. -- -- -- --

Es schreitet die neue Zeit über die Menschen hinweg, als ob sie Gras

wären. Ich aber kämpfe für das Kommende und zum Besten der Kommenden

für das Ewige.

Aber aus Berlin, von meinem alten, lieben, treuen Freunde Heinz war ein

langes Schreiben da. Er wollte mir noch, ehe ich heimkam, mancherlei

Gutes mitteilen -- ein echter Freundschaftsdienst! Denn die Menschen,

die uns immer nur Übles zu berichten wissen, sie schwächen sich und

uns, unser Hoffen, unser Wollen, unser Können. Aber der Hinweis auf die

Fortschritte, die die Menschheit macht, auf das Gute und Schöne, das

hebt, das drängt dazu, um seinerseits die Kräfte weiter anzuspornen,

das Ziel, das näher gerückt scheint, erreichen zu helfen.

So war es mir denn, als ich seinen Brief las, als rücke alles Gute in

greifbare Nähe, als erfülle sich jetzt schon Hoffen und Wunsch; und mir

schien, als ob aus seinen Zeilen neue Kraft in mich herüberströme.

Er schrieb:

»Lieber Freund!

Nun bist Du bald wieder daheim von Deiner großen Reise.

Von ganzem Herzen willkommen! Willkommen!

Mich aber freut es, Dich bei Deiner Heimkehr mit guter Botschaft

begrüßen zu können.

Freilich, Arbeit gibt es noch genug für Deine Kraft, wie für uns alle,

alle!

Aber es geht vorwärts auf der ganzen Linie!

Da ist zunächst das, was Dir am meisten am Herzen liegt, weil Du in

ihm mit Recht die Hauptquelle alles Elendes, aller Verrohung und

Verstumpfung siehst, unsere deutsche Trinksitte!

Freilich gibt es noch manche Philistertische und dumpfe Kreise, die

glauben, ohne den geliebten Becher mit Wein oder Bier nicht bestehen

zu können, -- aber schon schreitet die neue Zeit über sie hinweg.

Solltest nur mal sehen, wie lustig es jetzt in München hergeht, --

halb soviel wird getrunken, wie früher! Aber die Studenten ziehen

mit Rodelschlitten und Schneeschuhen ins Gebirge und kehren mit

sonnverbräunten und luftdurchglühten Gesichtern wieder heim.

Genau so geht es in Heidelberg. Nur die feudalen Korps in Bonn lebten

noch bis vor kurzem im chronischen Rausche und alten Wahne, daß sie

die Herren der Welt seien. Nun sind sie zusammengebrochen in tollem

Frevel.

Aber unser Volk beschämt diese ›Aristokraten!‹ An die Hunderttausend,

zumeist aus dem arbeitenden Volke, haben sich schon jetzt offen

unserer Bewegung angeschlossen. Rastlos arbeiten die deutschen Frauen,

unter denen es gärt und wogt, wie kaum je zuvor, aus denen heraus sich

Kräfte schaffender Liebe entwickeln, die früher niemand ahnte. Und

sollst mal schauen, wie die Kunst jetzt in den Logen gepflegt wird.

Vor allem muß ich Dir, sobald wir uns sehen, Näheres erzählen von

den kraftvollen und doch so zarten Hebbelaufführungen, die unser Br.

Schornsteinfegermeister in Wesselburen zustande gebracht hat. Echt,

sage ich Dir, echte schleswig-holsteinische Kunst, herzerquickend.

Auch aus den militärischen Kreisen kann ich Dir viel Erfreuliches

melden. Im Landheere kriselt es. Man ahnt ›oben‹, daß die Gicht der

Offiziere meist andere Ursachen hat als den Dienst. Es sind eben

schon zu viele da, die die gleichen Strapazen auf sich nehmen, keine

Gicht bekommen, sondern mit fünfzig Jahren noch wie Jünglinge sind.

Du sollst es sehen: der Geist in Heer und Marine wird ein anderer.

Der Kaiser hat als oberster Kriegsherr genehmigt, daß wir Marinelogen

gründen, -- eine ganze Anzahl sind schon gestiftet, -- nächstens

beginnen wir auch im Landheere! Ist es nicht herrlich? Prinz Heinrich

hat in Amerika gelernt, was die Nüchternheit der Mannschaft für die

Marine bedeutet. So fördert er uns, wie er nur kann.

Der Kaiser ist ernst, wie noch nie. Man raunt, er ginge oft unerkannt,

allein oder mit seiner Gemahlin, durch die Stadt, in die Quartiere der

Armen, und sei entsetzt über das, was er dort erfahren.

Ein Kinderheim hat er an waldumsäumter Ostseeküste gegründet,

damit die Kinder seiner Hauptstadt dort in den Ferien sich stärken

und genesen können. Und in Mürwick hat er bei der Vereidigung der

Seekadetten eine Rede gegen den deutschen Trunk gehalten und in Kassel

den Schülern seines alten Gymnasiums; -- ich sage Dir, keiner von

uns hätte kerniger die Wahrheit sagen können. Es ist offenbar, -- er

hat volle Einsicht dessen, was die Zeit angesichts der Fortschritte

der Wissenschaft und der steigenden Anforderungen an den einzelnen

erheischt. Und Du sollst sehen, er geht von den Worten zur Tat über,

wie vor wenigen Jahren schon einmal auf seiner Mittelmeerfahrt.

Wenn wir uns vor dem Geschimpfe und den Verleumdungen der Brenner,

Brauer, Wirte nicht fürchten, von denen heute einzig noch die Narkose

in der Welt künstlich und gewaltsam unterhalten wird, er als Kaiser

braucht sie erst recht nicht zu fürchten und, ich sage Dir, er wird

sie nicht fürchten!

Der Kronprinz brennt vor Durst nach Wissen und Arbeit. Er fühlt, wie

unendlich viel ihm noch fehlt, um seine Stellung dereinst den hohen

Anforderungen der neuen Zeit entsprechend auszufüllen. Provinz auf

Provinz will er kennen lernen, sagt man, in treuer Einzelarbeit.

Wie ein neuer Geist ist es über beide Männer gekommen. Man weiß

nicht, woher es kommt. Freunde des Hauses sagten, es läge im Blute.

Andere, die beiden Frauen übten einen großen und guten Einfluß aus,

beide erfüllt von einer großen, starken Liebe zu unserem Volke,

zur Menschheit. Freilich, seien die Männer erschüttert durch eine

Reihe von Todesfällen aus ihrem nächsten Freundeskreise, durch die

Eulenburgkatastrophe, den moralischen Zusammenbruch ihres alten,

einst so stolzen Bonner Korps. Eins aber steht fest: wie Sonnenschein

strahlt es erwärmend und erhellend über das ganze Land von dem

Familienleben des kaiserlichen Hauses aus!

Bei dem letzten Geburtstag der Kaiserin ging es wie ein Aufleuchten

durch das ganze Land, -- es war, als ob das ganze Volk fühle, wie warm

ihr Herz mit ihm empfindet. Und wenn man weiß, wie sie, ebenso wie die

gütige Alexandra von England, seit Jahren keinen Tropfen berauschenden

Getränks zu sich nimmt, so muß das doch schließlich allen deutschen

Mädchen und Frauen ein Ansporn sein, in gleicher Weise unserem Volke

mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, um es von dem furchtbaren

Fluche unserer Trinksitten zu befreien, und die Herzen frei zu machen

für alles Schöne, Gute und Große und für die Not unserer Brüder und

Schwestern im Lande.

Wie er sich um alles kümmert, Du glaubst es nicht! Ich weiß aber

aus sicherer Quelle, daß er seit einiger Zeit zu allen besonderen

Kongressen der Gartenstadtgesellschaften und Baugenossenschaften

seinen geheimen Berater schickt, der ihm Bericht erstatten muß, und

mit dem er bespricht und berät, wie und wo er helfend eingreifen kann,

weil die Wohnungsnot des Volkes sein Herz bedrückt. Er möchte eben wie

ein Vater des Reiches sein. Und ich bin überzeugt, er wird es noch! Du

sollst es sehen! Wird es noch immer mehr!

Im Reichstage soll einstweilen die Wertzuwachssteuer erwogen werden.

Ich weiß, was Du sagen willst: ›halbe Arbeit!‹ Aber es ist doch

ein Zeichen, daß die regierenden Kreise über diese Fragen, die die

Lebensfähigkeit unserer Nation berühren, trotz ihrer Stumpfheit

allmählich anfangen nachzudenken.

Zwei Männer, von denen Du, und mit Recht, so viel hältst, Graf

Posadowsky und Freiherr von Berlepsch, arbeiten im stillen fleißig und

unverdrossen an dem Werke der Gerechtigkeit und der Liebe. Wir glauben

alle sicher, daß ihre Zeit und damit die unseres Volkes bald kommen

wird. Denn die Gebildeten aller Schichten werden wach.

Vor allem wirst Du Freude haben an unserem neuen Kultusminister!

Einen Erlaß hat er herausgegeben, um die Jugendpflege zu fördern, der

alle Deine Wünsche erfüllt! Die Besitzenden und Gebildeten sollen

sich in Liebe der Jugend der Minderbegüterten annehmen, ihnen Freude

verschaffen in Spiel und Sport, sie heranbilden in Handfertigkeit und

durch Schaffung von Volksbibliotheken, um sie teilhaben zu lassen an

den Kunstschöpfungen unserer Großen, -- und, denk Dir, dieses alles

ohne politische Hintergedanken! Vor allem auch deshalb, um sie vor dem

Alkoholelend zu bewahren. Die Scharfmacher und politischen Streber

wollen die Geschichte natürlich wieder zu einer Hetze gegen die

Sozialdemokraten ausnützen. Und die Wirte und ihre Vertreter zetern

jetzt schon, daß es ihnen ans Leben ginge. Du aber wirst Dich von

Herzen freuen, das weiß ich.

Freilich, noch gibt es Arbeit genug. Doch dazu sind wir ja da!

Aber wohin Du siehst, wird es lichter. Weißt Du schon, daß König

Leopold von Belgien tot ist? Sein Neffe, König Albert, versucht, die

Kongogreuel zu mildern, wie er kann. Er hat große Summen für Pensionen

für die Soldaten und Beamten des Kongostaates und ihre Witwen und

Waisen ausgesetzt und über anderthalb Millionen zur Bekämpfung der

Schlafkrankheit und für ein Hospital für die Schwarzen gestiftet. So

beginnt es, sogar in diesem Erdteile zu tagen. Hoffentlich krönt er

sein Werk und hilft uns baldmöglichst, die Branntweinpest aus Afrika

zu verbannen, die noch mehr Unheil schafft, als die Schlafkrankheit

und das gelbe Fieber zusammengenommen!

Selbst aus Rußland kann ich Dir Gutes melden. Eine Agrarreform

soll ins Werk gesetzt werden, um den Bauern eine menschenwürdige

Existenz zu schaffen. Eisern wird gegen die Betrügereien und gegen

andere Verbrechen der höchsten Beamten vorgegangen. So versucht man,

den russischen Augiasstall zu reinigen. Der Zar beginnt, wie es

scheint, aus seiner Narkose zu erwachen. Er soll empört sein über die

Unterdrückung Finnlands durch seine Beamten und schleunige Remedur

zugunsten dieses aufstrebenden Landes verlangt haben.

Auch im Lager der Katholiken wird es lebendig, und man besinnt sich

mancherorts darauf, wie es scheint, daß die Religion nicht dazu da

ist, Politik zu treiben, um die Macht an sich zu reißen, sondern daß

die Charitas, die das Grundprinzip der Katholiken, wie der ganzen Welt

sein sollte, diese alles beherrschende Liebe, das einzige ist, was auf

die Dauer Bestand hat.

Und nun zum Schlusse nur noch ein kurzes Wort über die

Friedensbewegung. Ich habe den Eindruck, als ob unsere Arbeit auf

diesem Gebiete noch nie so gute Fortschritte gemacht habe, als in

diesen letzten zwei Jahren. Der Gedanke, daß alle Völker aufeinander

angewiesen sind, daß alle Völker nur Glieder eines großen Haushaltes,

einer großen Familie sind, beginnt immer mehr Allgemeingut der Völker

selbst zu werden. So bleibt den Fürsten, und mögen sie noch so

machtdurstig sein, nichts übrig, als sich dieser Erkenntnis der Massen

zu fügen. Roosevelt widmet sich übrigens neuerdings immer mehr der

Aufgabe, die Fürsten in diesem Punkte aufzuklären. Ja, selbst unser

englischer Vetter scheint sich friedlicheren Gedanken zuwenden zu

wollen.

Bruder, Du sollst es sehen, -- der Menschheitsfrühling naht! Wohl

jedem von uns, der eine Scholle mit umgraben durfte, um das Ackerland

zu bereiten, damit die Saat aufgehe zur Ernte!

Und nun Glückauf zur Heimkehr! Die Hand an den Pflug! Noch dürfen wir

schaffen!

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 23 / 39 题