Schöne »Konservative«, herrliche »Volkserhalter« seid ihr! -- -- --

Aus dem Brausen des Ozeans klang es wie ein Tosen an mein Ohr, wenn

ich an all das Elend in unserem Volke dachte. Aber aus all den

tausend Stimmen hörte ich immer wieder wie einen schrillen Klagelaut

das Hohelied vom Leid der Frau. Und je tiefer ich mein eigenes Leid

empfand, desto mehr litt ich mit ihr, -- mit ihnen allen. Denn sie, die

die Schwachen im Lande hießen, litten am meisten.

Aber ich sah auch, wie aus diesen Schwachen Heldinnen sich erhoben, die

Tausende und Abertausende von den schwachen Schwestern mit sich rissen

aus dem Leide zur Arbeit, zur Freude, zur Freiheit, zum Leben!

Ja, schäume nur, Ozean, -- spritz nur deinen Gischt herauf bis zu mir,

-- siehst du, -- unser Schiff kämpft doch gegen dich an trotz all

deinem Wüten, -- -- so werden wir mit unserer Liebe und mit der Kraft

der Wahrheit die tausend Vorurteile überwinden, die uns tagtäglich

entgegenbranden! -- -- --

Und klarer und klarer, so durchsichtig, wie dieses durchsichtige

kornblumenblaue Wasser des Ozeans ward mir der Kampf gegen das

menschliche Elend: Das war keine düstere, graue Nebelwand mehr,

die mich erdrücken wollte, -- sondern lauter einzelne, praktische,

greifbare Fragen, -- wie der Nebel, der über unserer Vaterstadt lag,

sich zusammensetzte aus dem Rauche der Tausende von Schornsteinen. Jede

einzelne Frage war zu lösen, jede einzelne anzugreifen, jede einzelne

durchzukämpfen, -- vor allem die wichtigste: Wir müssen uns mehr

Mühe geben, bessere, größere, reinere, willensstärkere, liebevollere

Menschen zu ziehen, -- und selbst zu werden: das ist und bleibt die

Hauptaufgabe für unsere Kultur!

Wir müssen lernen, die Körperkultur der alten Griechen und Römer in der

klassischen Zeit, die Kunst des schönen, großen und freien Lebens aus

der Renaissancezeit und die Fortschritte der Technik unserer Zeit zu

einem neuen großen Leben zu verbinden im Geiste jener großen Liebe zu

unseren Mitmenschen, die Christus uns gelehrt hat!

Und dann wird es kommen, -- diese neuen Menschen werden dann Hand

anlegen ans Werk, nüchternen Sinnes, willensstark, liebevollen Herzens,

-- und dann, -- und dann mit einem Male wird der Frühling da sein! Der

Völkerfrühling! Der Menschheitsfrühling! --

* * * * *

Wieder bog unser Schiff, dieses Mal von Süden kommend, in den Tejo ein.

Wieder tauchte die Cintra auf, erst in der Ferne, dann, den Windungen

des Flusses und der Berge folgend, immer wieder verschwindend, --

immer näher, -- aber den Zauber, wie damals auf der Ausreise, übte

sie nicht mehr auf mich aus, -- das war ein fremdes Ideal, -- mein

Geist schweifte weiter hinauf nach dem Norden, nach einem Hause in

grünem Garten mit Lilien, Rosen und Veilchen und grünen Tannen und

Buchen, Eichen, meinen Eichen, und blühenden Obstbäumen, und voll von

Nachtigallengesang und Kinderjubel, und nach brauner Heide und stillen

Tannenwäldern mit ihrem heimlichen Leben im Moose und Heidekraut, nach

milder Sonne und brausendem Weststurme, nach einer Stadt am großen

Strome, und einer Kirche, die aus der Asche wieder emporwuchs, und

einem granitenen Standbilde des Mannes, der die Liebe und die Kraft zur

Tat in sich verkörperte. -- -- --

* * * * *

Ich schlenderte durch die portugiesische Hauptstadt. Die Freunde

drängten uns, den ermordeten König zu sehen, der, einbalsamiert und

aufgebahrt, im Mausoleum ausgestellt lag.

Der Portier soll ein gutes Geschäft dabei machen. Oh, entsetzliches

Metier!

Nein, -- dieser König hatte keine Liebe für sein Volk gehabt. Aber

warum hatten seine Freunde ihn nicht aufgeklärt? Oder hatte er keine

Freunde? Ist es das Schicksal von euch Königen, keine Freunde zu haben,

die euch die Wahrheit sagen? -- Armer König, -- vielleicht lebtest du

heute noch, geehrt und geliebt von einem frohen, glücklichen, reichen

Volke, wenn deine Freunde dir die Wahrheit gesagt hätten!

Von noch einem wissen unsere Deutschen zu berichten: von dem dicken

Ostpreußen, den wir auf der Ausreise an Land gesetzt hatten. Er

hatte auf dem internationalen Wirtekongreß in Lissabon des Guten

zu viel getan, hatte den Portwein aus Biergläsern geschlürft,

mit Orden und Ehrenzeichen, seiner Würde als Vorsitzender des

heimischen Kriegervereins, in der Gosse gelegen, -- als Spott für die

Straßenjugend von Lissabon. -- »Das deutsche Schwein« hatten sie ihn

getauft. -- Eines schönen Tages war er vom Schlage gerührt. Halbseitig

gelähmt wurde er ins Hospital gebracht. Dann ging es langsam mit ihm

zu Ende. Kurz vor seinem Tode legte er noch einem der ansässigen

Deutschen, der sich seiner als Landsmann besonders mitleidig angenommen

hatte, die Beichte seines Lebens ab: Er hatte studiert, stand vor dem

Oberlehrer. Da mußte er als Einjähriger sein Jahr abdienen. Eines Tages

warf er beim Exerzieren vor versammelter Mannschaft dem Unteroffizier

sein Gewehr vor die Füße. Gehorsamsverweigerung. -- Ein Exempel mußte

statuiert werden, -- im Gefängnis konnte er über Disziplinlosigkeit

nachdenken. -- Die Einjährigenschnüre waren ihm genommen, zur zweiten

Klasse des Soldatenstandes wurde er degradiert. -- Den Kopf voller

Kenntnisse, überall scheel angesehen, so kam er in seinen Beruf der

Lohnschreiber; der Trunk führte ihn in die Kreise der Wirte ein, für

die er ein vortreffliches Werkzeug bildete.

Aber sein Geschäft blühte weiter. Die Regierung brauchte Kunde, wer in

dem Kreise zu den »unruhigen Köpfen« gehörte. -- Woher sie das Geld

nahm zur Bezahlung solcher Ehrendienste? Da wurde gemunkelt, -- aus dem

Invalidenfonds, aus dem den alten Vaterlandesverteidigern ihr Ehrensold

gezahlt werden sollte. Ging der in solche Kanäle? -- Auf dem Totenbette

schwatzt einer mehr, als er verantworten kann und sonst wohl tut.

So kam er zu seinen Orden und fetter Pfründe, und war doch nur ein

allzu früh und schimpflich gestrandetes Lebenswrack. Ein Schalk, wie

unser portugiesischer Gastfreund treffend bemerkte, gemischt aus

viehischer Gemeinheit und eklem Strebertume, der mit dem einen Auge

nach den derbsten, sinnlichen Genüssen schielte und mit dem anderen

nach der Gunst von oben, um Judaslohn und Ordenszeichen! Friede seiner

Asche! -- -- --

Uns war allen ganz elend geworden bei dieser Erzählung. Wir atmeten

alle ordentlich auf, daß diese Mißgeburt von Mensch kein Unheil im

Vaterlande mehr anrichten konnte mit seinem Schnüffeln und Hetzen.

Gott sei's geklagt, daß es noch mehr solcher Unholde daheim gibt. Man

sollte ihnen wie Schlangen den Kopf zertreten, denn sie demoralisieren

gleichzeitig unsere Regierung und unser Volk. Aber wie der Gedanke

auftauchte, sah ich auch schon im Geiste die Reihe der Gegner, --

hingesunken in der Blüte der Jahre, einer nach dem anderen aufs

Totenbett, weil sie die neue Lehre verhöhnt hatten. -- --

* * * * *

Von dem jungen Könige Manuel wußten die Freunde nur Gutes zu berichten.

Er hatte bestimmt, daß die acht Millionen, die seinem Vater von der

Regierung zu Unrecht vorgestreckt waren, in Raten von 400000 Pesetas

alljährlich durch Abzug von seiner Zivilliste allmählich getilgt

werden sollten. Kürzlich hatte er auf einer Automobilfahrt, die er

mit seiner Mutter unternahm, sich eines verunglückten Radfahrers auf

das gütigste angenommen, ihn eigenhändig in sein Auto gehoben und zum

Hospital gefahren. Dann war er zu den Angehörigen geeilt, um diese von

dem Unheil schonend in Kenntnis zu setzen und sie zu trösten; hat sich

auch nachher des Verletzten und seiner Familie auf das liebevollste

angenommen.

Das war edel, mein junger König, und die Liebe deines Volkes mag deine

Samaritertat dir lohnen, -- aber für einen König nur ein Stäubchen.

Dein ganzes Volk braucht dich als Samariter. Riesenarbeit wartet auf

dich! Ans Werk! Ans Werk! -- --

* * * * *

Doch was ist das? Haben Wahnsinnige das verübt? Oder Anarchisten? Oder

-- nein, das kann nicht sein. -- Ich lese, -- an allen Straßenecken

sind wie von Zauberhand plötzlich Plakate in großer Schrift

angeschlagen: »Christus hat nie gelebt!« -- Wahnsinnige Toren! -- --

Wißt ihr, wer Christus war? Er war der Brennspiegel, der alle Strahlen

göttlicher Liebe, die je die Welt durchleuchtet und durchwärmt haben,

wie Sonnenstrahlen in sich aufgenommen hatte, und nun wie ein großes,

leuchtendes und wärmendes Licht, wie eine große Menschensonne, alle

diese Strahlen wieder von sich gab, zu leuchten und zu wärmen, wie die

Sonne selbst, solange es Menschen gibt. --

Es dunkelt. -- -- -- -- Der Kapitän drängt zur Rückkehr aufs Schiff.

Der Himmel bezieht sich. Ein Heulen und Ächzen geht durch die Luft.

Dabei lastet von niedrigem Himmel bleierne Schwüle. Vom Hafen rufen

die Warnungssignale der Sirene. Wir eilen. Hoch gehen schon die Wogen

des Tejo. Mühsam kämpft sich die kleine Pinasse durch, die uns von

der Hafenmauer des Königsplatzes an unser Schiff bringt. Mühsam kämpft

sie sich zurück. Schon rasseln die Anker in die Höhe. Finsternis liegt

auf dem Wasser. Schauerlich heult der Sturm. Blitz und Donner erfüllen

die Luft mit fahlem Licht und krachendem Getöse. Da rollt es in der

Tiefe, als ob der Donner in den dunklen Wolken vieltausendfaches Echo

in dem Schoße der Erde fände. Und alles Toben der Natur übertönend,

durchschneidet ein vieltausendfacher Schrei aus Menschenkehlen die

finstere Nacht. -- Tausend Schrecken der Vergangenheit werden wach, --

die Erde bebt! Krachen und Wehgeschrei vom Lande her erfüllt die Luft,

-- hell lodern am Ufer die Brände in Stadt und Dorf. Schaurig spiegelt

sich in den schwarzen Wolken und in den finsteren Fluten die rote Glut.

Wir aber fliehen, da wir doch nicht helfen können, mit Volldampf diese

Stätte des Grauens und der Zerstörung, um nicht im engen Hafen, Schiff

gegen Schiff gepreßt durch die tobenden Wogen, Vernichtung den anderen

bringend statt Rettung, mit unterzugehen in diesem -- war es ein

Strafgericht? Der Kapitän und ich wechselten kein Wort über diese Frage.

Als wir die Mündung des Tejo erreicht und wieder offenes Meer unter uns

hatten, sahen wir uns beide in die Augen und drückten uns schweigend

die Hand.

* * * * *

Wieder saß ich in meiner Kabine mit meiner Post aus der Heimat, die

ich in Lissabon empfangen, vielleicht die letzte vor der Heimkehr. Zu

Hause alles wohl. Aber in der Welt? -- Seltsam. Nie habe ich die Hand

eines gesetzmäßig waltenden Schicksals so empfunden, so scharf und

sicher empfunden, wie in dieser Zeit. Ob die lange Seefahrt, das lange

Zusammenleben mit der Natur die Sinne geschärft hat, -- ich weiß es

nicht. Aber wunderlich ist es.

Der Minotaurus von England, der im Orient so gern Geschäfte für seine

Pulver- und Gewehrfabriken gemacht und nur zu gern einen Weltbrand

entfesselt hätte, um dann im trüben fischen zu können, hat sich

verrechnet. Nun sitzt er schmollend in seinem heimatlichen Nebellande

und sinnt, wo nun vielleicht ein Geschäft zu machen sei. Halt --

in Persien. Da wollen die Russen die begehrliche Hand nach Süden

strecken, -- also schleunigst an die zehntausend Gewehre und ein paar

Millionen Patronen in großem Karawanenzuge an die Perser geliefert.

Ist das Geschäft auch nicht groß, es ist doch mitzunehmen. Um so mehr,

da die Serben doch auch schon allerlei an Gewehren und Kanonen gekauft

hatten.

Da aber vollendete sich das Werk Bismarcks, des Helden der Tat und

der Liebe. Er hatte das Bündnis mit Österreich geschmiedet, weise

vorausschauend. Fest und treu stand unser Kaiser zu dem alten

Verbündeten aus dem Hause Habsburg, -- Wellenringe der Liebe und

der Treue, die jener große Diener des alten Kaisers in die Welt

hinausgesandt. Sie wirkten und wirkten so stark, daß alle Intrigen und

Hetzereien des englischen Ungeheuers daran scheiterten.

Kaiser, mein Kaiser, -- wir wußten, du würdest treu sein, -- das hast

du gut gemacht, mein Kaiser, -- da warst du groß! -- Kaiser, mein

Kaiser, -- ich grüße dich! -- -- -- -- --

Selbst dem Serbenvolke, das noch eben den prahlerischen Reden seines

Kronprinzen zugejubelt hatte, wird's zuviel. Mit Schande und Spott

muß der üble Bursche, überlastet mit Schulden, sein Heimatland

verlassen. Er hatte keine Liebe zu seinem Volke, -- so straft ihn die

Gerechtigkeit. -- --

Und noch einer irrt in der Welt umher, geächtet und verpönt, Castro,

der einstige Präsident von Venezuela, der seinen Beutel füllte, aber

sein Volk nicht kannte.

Und wiederum noch einen hat's gepackt, -- den Abdul Hamid, den einst

allmächtigen Sultan des großen türkischen Reiches. Mord und Raub war

sein Herrscherleben, sein Volk verkam, seine Hauptstadt zerfiel. Er

aber erschlaffte im Haremsleben und häufte Schätze auf Schätze. Mit

Blut und Hinterlist wollte er den Fortschritt zu einer freieren,

besseren Kultur dämpfen -- aber die Macht des Gedankens, die Macht der

Liebe zur Freiheit, zur Wahrheit, zum Fortschritt ist unüberwindlich.

Ihn schützten seine Garden nicht, noch seine festen Mauern, --

verbannt, einsam muß er den Tod erwarten!

Und Rußland? Die Zersetzung schreitet fort, -- ein verwesender

Leichnam. Wie kann es anders sein, da Liebe allein Leben ist, allein

Leben verleiht, -- und in Rußland die Liebe fehlt. -- -- --

Ich gedachte des Balten und seiner Lebensgeschichte, seiner

Verzweiflung und seines Endes. Es war die Leidensgeschichte des

russischen Volkes.

Und plötzlich -- wie es kam, ich weiß es nicht -- fiel mir die

Geschichte des dicken Ostpreußen wieder ein, und daß doch auch bei uns

im Reiche so manches faul sei, daß an so manchem, manchem Orte die

Liebe fehlte, als ob ein kalter Wind von Osten her über unsere Grenze

wehe!

Mir aber war es, als fühle und höre ich aus der Tiefe ein heimliches

Rauschen und Klingen, ein Raunen von Wahrheit und Gerechtigkeit, von

großer Sehnsucht nach Sonne, nach Liebe und Frieden. --

* * * * *

Als ich in meiner Kabine lag, führte mich der Schlaf in einen

seltsamen Traum. Um einen Jüngling mit wunderbar gütigen Augen,

dessen Antlitz mich an das Kind erinnerte, mit dem Maria und Joseph

aus Ägypten heimkehrten, saßen unsere Fürsten geschart: neben seinem

großen Kanzler unser alter, weiser Heldenkaiser Wilhelm, sein Sohn,

der gütige, geduldige Friedrich, der alte Kaiser von Österreich, der

sein Volk so liebt und von seinem Volke so innig wiedergeliebt wird,

und der ihm so gern helfen möchte und es nur nicht kann, weil er zu

schwach ist gegenüber dem im Lande tobenden Nationalitätenhader -- und

viele, viele andere Fürsten, die ihr Volk geliebt hatten; -- und dort

der Minotaurus, in sich zusammengesunken, und dort der Sultan, dort

Castro, da -- der König von Portugal, und alle die anderen Fürsten und

Könige. Seitwärts aber stand einer, der hatte die Hände vor das Gesicht

geschlagen und weinte bitterlich.

Nun erhob sich der Jüngling und ging auf die drei großen Kaiser zu und

küßte sie auf die Stirn. Da loderten drei Flammen auf, die ringelten

sich aufwärts zur Sonne und ihre Kreise gingen ganz in jener auf. Und

ebenso erging es allen jenen, die ihr Volk geliebt hatten.

Mir aber war es, als ob die Sonne heller und wärmer schiene danach. Der

Jüngling aber schritt auf den einen zu, der abseits stand, nahm ihm

liebevoll die Hände vom Gesichte und führte ihn hinaus, damit er um

seiner Reue willen noch einmal lebe.

Auf dem Richterstuhle im Kreise aber saß nunmehr ein Greis, machtvoll,

ehernen Antlitzes, der hielt eine Wage in der Rechten und wägte und wog

und winkte einem nach dem anderen der Fürsten und Könige zu. Und einer

nach dem anderen ging, wenn jener winkte, in Flammen auf, die aber

nicht zur Sonne reichten, sondern alsbald in sich selbst zurückfielen,

so daß nur ein Häufchen Asche nachblieb. Dann erhob sich ein Heulen,

wie von einem Sturmwinde, und alle Asche zerstob in die Winde.

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 20 / 39 题