Oder hat dich dein eigener Sohn nicht aufgeklärt über das Unheil,
das der deutsche Trunk in unserem Vaterlande sowohl wie in unseren
Kolonien anrichtet? Der ist doch von unseren Freunden genügend
unterrichtet worden! -- Aber freilich, der ist ja, wie die Zeitungen
melden, in letzter Zeit beschäftigt gewesen, ein neues Patent für
Manschettenknöpfe zu erfinden, -- und hat die Anmeldung zurückziehen
müssen, weil selbst diese Erfindung vor ihm schon ein Handschuhmacher
gemacht hatte. -- -- -- -- -- --
Als wollte er das peinliche Schweigen brechen, fing der Erzähler noch
einmal von dem +Dr.+ Külz an und berichtete, wie dieser auf dem
Zweirade durch die endlos weiten Distrikte führe, viele Tausende von
Negern in ihren Dörfern bereits geimpft hätte, überall aufklärend
wirke, helfend, heilend, dem deutschen Namen Achtung verschaffend,
dankbar verehrt von den Schwarzen, wie ein Heiliger, und dabei ein
lebensfroher Mensch!
Mir aber schlug das Herz höher, denn dieser +Dr.+ Külz war ja vor
Jahren als blutjunger, frischgebackener Doktor von Kiel zu mir als
Assistent gekommen. Wie hatte er mich damals ausgelacht über meine
Enthaltsamkeit von Wein und Bier. Dann hatte er sich selbst eine Praxis
gegründet in seiner schlesischen Heimat, hatte sein blondes Mädel
gefreit. Aber der Drang nach größerem Wirkungskreise ließ ihn nicht
rasten.
So war er hinausgezogen in die afrikanische Wildnis. Aber ehe er
hinausfuhr, war er noch einmal eingekehrt bei mir, und in der
Fliederlaube in meinem Garten hatte ich ihm so lange zugesetzt, bis
er, in die Enge getrieben durch meine Berichte über die Erfahrungen
aller unserer großen Tropenforscher, die ich ihm aufzählte, mit raschem
Entschlusse sein Gelübde unterschrieb. Die Feder mit Tinte hatte ich
ihm in die Hand gedrückt. Und nun war das Samenkorn aufgegangen und
trug tausendfältige Frucht.
Und dankbar und glücklich gedachte ich der Lehre von den Wellenringen
des Geistes, die nimmer aufhören!
Die Franzosen und die Belgier hatten sich inzwischen taktvoll still
empfohlen, da sie merkten, daß wir Deutsche durch den Bericht über den
Vortrag von Dernburg sämtlich auf das peinlichste berührt waren. Mein
junger Kollege wandelte wie ein Löwe über das ganze Schiff, um seine
innere Erregung zu meistern.
* * * * *
Mein Landsmann, der Hamburger Patriziersohn, war ein stiller, kluger
Mensch. Wir waren allein sitzen geblieben. Wir sprachen über Hamburg,
über den Handel in Ostafrika, über Professor Koch und seine Studien
über Schlafkrankheit. Aus allen seinen Erzählungen leuchtete ein
vornehmer Sinn und ein scharfer Verstand, gepaart mit einer wohltuenden
Freundlichkeit. Er erzählte von seiner Reise durch das alte Wunderland
Ägypten und dem seltenen Schauspiele, das er in Kairo bei Gelegenheit
der Heimkehr der Mekkapilger hatte erleben können.
Eins vor allen Dingen habe er gelernt bei dieser Gelegenheit, das
sei das höchste Ziel, um das der Mensch ringen müsse: die Erkenntnis
dessen, der die Seele der Welt ist, -- einerlei ob die Menschen
ihn Gott oder Jehova oder Allah nennten! -- Ich aber gedachte der
Offenbarung des Geistes aller Welten, die mir unter dem Himmel der
Tropen am Fuße jener Palmen geworden war, die mich gelehrt hatte, daß
dieser Geist eins ist mit der Liebe! --
Ein unsichtbares Band war es, was mich mit diesem neuen Freunde verband
und mich lebhafter ahnen ließ als je zuvor, daß wir Menschen alle
»Brüder eines Vaters« sind. -- -- --
* * * * *
Je mehr wir uns dem Festlande näherten, desto eisiger und schärfer
wehte uns der Wind entgegen. Wenn ich oben auf der obersten Brücke, wo
nur der Schiffskompaß stand, mein gewohntes Luftbad nahm, um mit Turnen
die Glieder geschmeidig und stark zu halten, brannte die Sonne mir
die Haut wund und braun, während der Sturm mich schier über den Ozean
forttragen wollte. Aber da oben in meiner stillen Abgeschiedenheit,
da war mir das Meer, dieses herrliche, blaue, endlose Meer, zum
vertrauten Freunde geworden, dessen Seele mir Wunderdinge zuraunte,
von unendlicher Schlichtheit und Größe. Und immer klang mir aus dem
Rauschen des Ozeans die Mahnung wieder: Von dieser Schlichtheit sollen
wir lernen für unser Leben, unsere Kultur.
Und klein und Stückwerk schien mir unser Kulturleben, hin und
her gerissen und eingeengt von tausend kleinen selbstsüchtigen
Interessen. Nur einen Gedanken sah ich von Christus Zeiten her wie
ein sonnenhelles, die Menschheit erwärmendes Licht, sah ihn bei
Protestanten und bei Katholiken das graue Gespinst ihrer Dogmen
leuchtend überstrahlen, -- den einen Gedanken, das eine Wort: »Liebet
euch untereinander!« -- und aus diesem Worte heraus, nur immer
maßgebender, den einen Begriff wachsen für unsere Kultur, wie eine
Aufgabe, wie eine ungeheure Pflicht, die der Erfüllung harrt: den Wert
des einzelnen Menschen als Träger eines Stückchens Gottesgeistes!
Wer will heute sagen, was in zwanzig oder dreißig Jahren aus dem
unehelichen Kinde einer Magd wird, das in Liebe gezeugt wird, -- wenn
es in Liebe zur Liebe, zur höchsten Liebe erzogen wird?
Sind nicht Bischöfe und Fürsten aus solchem Stande hervorgegangen? Und
war Christus nicht der Sohn eines armen Zimmermanns?
Wer will uns sagen, welch edles Samenkorn in der Seele eines
Verbrechers, eines Mörders schlummert? Ich kenne einen, der, hinter
Zuchthausmauern sitzend, ein Leben lang aus seiner Zelle heraus mit
seinen armseligen Mitteln mehr Gutes tat für die Ärmsten der Armen, als
mancher Fürst!
Ich kenne Säufer, denen alle fluchten, die sie kannten, -- und als sie
nüchtern geworden waren, wurden sie ein Segen für die Ihrigen und für
ihre Gemeinde!
Wir haben kein Recht zu verdammen, -- aber wir haben eine große, hohe,
heilige, unabweisbare Pflicht dem Gottesfünkchen gegenüber, das in
jedem Menschenkinde schlummert, -- denn dieses Fünkchen kann zur Flamme
werden, die uns einstens als Fackel auf dunklen Wegen leuchtet und wie
ein Herdfeuer wärmt in eisiger Nacht. -- -- --
Machen wir uns nicht alle zu Mitschuldigen unserer Verbrecher, dieser
schier zahllosen Unglücklichen, wir alle, und diejenigen, die an der
Spitze unserer Staaten stehen, am meisten, weil wir es dulden, daß die
Menschen so vertieren und verrohen und gewissenlos werden?
Und was ist die Ursache? Das alte Lied: das Schwinden der Liebe vor
allem!
Sodann das Zusammenpferchen der Menschen in den Städten! Und wer ist
schuld daran? Die Männer, die unsere Bebauungsgesetze zu machen haben!
Und weiter, -- dieses teuflische Gift, für das unser Volk über drei
Milliarden ausgibt, das unsere Männer krank macht und die Familien
zerstört, das unser Brotkorn und unsere Trauben vernichtet und unsere
Kultur hemmt und zurückschraubt! Und wer ist schuld daran? Die Männer,
die unsere Gesetze machen helfen!
Schaut nach Kanada, schaut in den Finnischen Landtag, seht nach
Norwegen und Schweden, -- da sitzen im schwedischen Reichstage hundert
Enthaltsame! -- Die alle haben ihre Länder frei und glücklich gemacht!
--
Aber unsere Herren im Reichstage und Landtage, in der Gemeinde und
im Herrenhause, -- sie können sich von ihrem Glase und Humpen noch
immer nicht trennen! -- -- Hier, aufgewacht, ihr deutschen Philister
an den Regierungstischen, die ihr über den Rand eures Glases nicht
hinüberseht, -- gebt acht, --: dort unten aus dem handarbeitenden
Volke, da wächst ein Sturm heraus, angefacht von der Lohe der
Wahrheit und der Menschenliebe, der wird eure Brennereien und eure
Brauereiaktien und eure Sektkübel hinwegfegen, wie einstens drüben in
Amerika die Sklavenbefreier die uralten Vorurteile und die Selbstsucht
der Sklavenhalter!
Ihr wollt das deutsche Volk in eurer Sklaverei halten, mit drei
Milliarden soll es euch alljährlich fronen -- -- aber es wird sich frei
machen und euch besitzlos, ihr, die ihr mit eurem Bier und Branntwein
ihm das Mark aussaugt!
Freilich -- von euch, die ihr für euer eigenes Portemonnaie so wacker
rechnen könnt, denkt keiner daran, daß jedes Menschenleben ein bares
Kapital ausmacht, -- einen greifbaren, volkswirtschaftlichen Wert, mit
dem wir zu rechnen haben, den wir hüten müssen, als einen ungehobenen
Schatz!
Was geht euch das an! Wenn ihr nur euren Sprit verkauft, euren Wein,
euer Bier! Mag auch das Volk darüber zum Teufel gehen!