Weib, Weib, -- suchst du deinen Sohn, den König deiner Wälder? -- --

Auf dem unteren Deck höre ich den Marschtritt unserer Bootsleute, die

zum Deckwaschen kommen. Halblaut klingt ihr Friesenlied zu mir empor:

Den Starken und Klugen gehöret das Recht

Und den Feigen und Schwachen die Nacht,

Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,

Sich selbst erhalten die Macht!

Das waren die Klänge, die mich nach der Sturmesnacht in der Biskaya aus

schwerem Schlafe erweckten. -- --

* * * * *

Lichter wird der Tag. In flammendem Golde liegen die Wipfel der

Urwaldbäume. Strahlend frohlockt der blaue Himmel der Tropen.

Unaufhaltsam kämpft unser Schiff gegen die Fluten des Amazonas.

Unendlicher Wald zieht an uns vorüber.

Endlich eine große Lichtung. Eine Anzahl Indianerhütten zeigen an,

daß der Ort zur Niederlassung günstig ist. Mais- und Maniokafelder,

Kakaoplantagen und Bananenpflanzungen, zahlreiche Gummibäume und

dazwischen fette Weiden mit bunten Rindern, mit Pferden und Schafen,

zeigen die reiche Fruchtbarkeit des Landes.

Hier ist der Platz. Rasselnd fährt unser Anker zu Grund. Eine kleine

Dampfpinasse, die unsere Gesellschaft in Pará erstanden, wird zu

Wasser gelassen, Werkzeuge und Waffen, Saatgut und Nahrungsmittel

werden hineingeladen, und nun geht es ans Abschiednehmen. Oh, wie ist

doch die Trennung so schwer, wenn man weiß, daß es nach menschlicher

Voraussetzung eine Trennung fürs Leben ist. Und doch, -- die Seelen,

die einmal ineinander geflossen sind, die Leid und Lust getauscht

haben, für die gibt es keine Trennung, kann es keine Trennung geben.

Sanft errötend, die Augen schamhaft niedergeschlagen, reicht mir die

junge Portugiesin die Hand zum Abschiede, ehe sie die Schiffstreppe

hinabsteigt. Herzlich küßt mich unser Hexlein auf die Wange und raunt

mir, schier triumphierend, zu: »ich glaube, wir haben unseren König

an Bord.« Mit festem Händedruck grüßen wir Männer uns zum letztenmal.

Sie werden ein neues Volk begründen. Vom Ufer her ein Winken, ein

Tücherschwenken, und vorwärts dampft unser Schiff. --

Über die Baumkronen hin ziehen meine Gedanken. Ihr wird es schon gut

gehen. Unser Sachse wird ihr ein trefflicher Gatte sein. Segen wird

auf ihrem Bunde ruhen. Mein österreichischer Kollege wird ihr treu

beistehen in schwerer Stunde. Unser Badenser Lehrer wird dem Kindchen

ein treuer Führer sein. Der Freunde Liebe und Treue wird beide umgeben,

solange sie leben.

Sehnsuchtsvoll ziehen meine Gedanken weiter über den Wald und das Meer,

durch Sturm und Nebel bis in das Gartenland der Heimat, zum eigenen

Herde, zu meinem Weibe, zu meinen Sieben, meinen starken blonden

Jungen, meinen sinnigen Mädchen.

* * * * *

In die gelben Fluten des Amazonas mischen sich die schwarzen Wasser

des Rio Negro. Das Flußbett weitet sich, und siehe da, mitten im

Urwalde eine große, moderne Stadt mit Kirchen und Rathaus und Hospital

und einem von stattlichem Säulengange umgebenen Theater, -- wie ein

Traumbild liegt vor uns Manáos, die Hauptstadt des Waldlandes.

Kaum liegt unser Schiff an der aus mächtigen Quadern erbauten

Kaimauer, drangt durch die Menge der an Bord Kommenden ein stattlicher

Neger, schwarz wie Ebenholz, und ruft laut den Namen der jungen

Spanierin, die von Lissabon mitgefahren war, um hier in Manáos auf die

Heiratsannonce hin ihren Mulatten zu freien. Er stellt sich ihr vor, er

sei der Gesuchte. »O nein,« ruft sie entsetzt, »ein heller, ganz heller

Mulatte solle es sein, so stände es im Kontrakte.« Da fletscht der

Neger grinsend die elfenbeinweißen Zähne und antwortet mit höhnender

Verbindlichkeit: »Jawohl, Signora, -- aber er ist ein bißchen dunkel

ausgefallen.« Dem jungen Weibe schwinden die Sinne. Wir versuchen zu

intervenieren. Triumphierend zeigt der Neger seinen Kontrakt. Da ist

nichts zu machen, weder mit List noch mit Gewalt. Wie ein gekauftes

Stück Vieh zieht er die Willenlose mit sich fort. Mir aber fielen die

Tausende von Mädchen und Frauen in der Heimat ein, die sich zwecks

Versorgung für die Ehe verkaufen, -- oft genug an Männer, deren Haut

zwar weiß ist, deren Seele aber an Gemeinheit schwärzer ist, als die

Haut jenes Negers.

Am folgenden Tage war Kaisers Geburtstag. Ich hörte auf der Straße,

wie ein paar Brasilianer sich über die Feier zu Ehren unseres Kaisers

unterhielten und lachend sagten: »Da betrinken sich die Deutschen wie

die Schweine und rufen Hurra. Das nennen sie Vaterlandsliebe.« Ich

fühlte, wie ich rot wurde bis unter meinen Panama. -- --

Im deutschen Klub zuerst allgemeines Entsetzen, als mein Kapitän und

ich statt des üblichen Bieres Sauerbrunnen bestellten, das Kaiserhoch

in Sauerbrunnen tranken. Aber kein Mensch betrank sich bei der Feier.

Zum ersten Male seit Bestehen der deutschen Kolonie waren alle

nüchtern. Und -- so schön sei es noch nie gewesen, behaupteten alle.

Nur später hatten zwei deutsche Jünglinge sich doch noch einen Rausch

angetrunken. In dem durch das Bier erzeugten obligaten Größenwahne

hatte der eine sich als »Reserveoffizier« aufgespielt, während er nur

das Examen für den Einjährigen-Dienst bestanden hatte. Der andere,

der davon wußte, hatte ihn Schwindler geschimpft. Das Ende vom Liede

war eine solenne Keilerei zum Gaudium der Brasilianer, der Neger und

Mulatten.

Könnte man unseren deutschen Studenten, Offizieren und

Stammtischphilistern doch einmal, wenn sie nüchtern sind, im Spiegel

zeigen, welch lächerliche und klägliche Rolle sie unter dem Banne von

Bacchus und Gambrinus dem Nüchternen bieten. Und wieder fing ich das

Wort aus Negermund auf: »Deutsche Schweine.« Ich tat, als hörte ich

es nicht. Denn die beiden mit Kot besudelten Trunkenen lieferten dem

Sprecher den Beweis der Wahrheit.

So untergraben unsere Landsleute draußen in der Fremde das Ansehen

des deutschen Namens nur zu oft durch eine einzige Unbesonnenheit

zehntausendmal mehr, als je der Paradeprunk und der Kanonendonner

unserer Kriegsschiffe wieder gutmachen können. --

Vielfach hörte ich unsere Landsleute klagen, daß die Engländer ihnen

das Geschäft verdürben. Als ich aber sah, wie die Deutschen beim Bier

oder Soda mit Whisky über die Hitze stöhnten, während die Engländer

unter der strahlenden Sonne ihr Fußballspiel trieben, wußte ich den

Schlüssel zu der Frage, woher die angelsächsische Rasse uns draußen in

der Welt so oft den Rang abläuft.

Im Hospital für die Gelbfieberkranken lernte ich in seinem Laboratorium

einen englischen Arzt, +Dr.+ Jonas, kennen, der von der englischen

Regierung dorthin geschickt war, um diese mörderischste aller

Tropenkrankheiten zu studieren. Er hatte in München von den deutschen

Studenten das Biertrinken gelernt und hier in Brasilien zweimal bereits

das Fieber gehabt, beide Male war er wie durch ein Wunder gerettet, --

vielleicht, daß er von seiner früheren Nüchternheit, die er in England,

ehe er nach Deutschland kam, geübt hatte, noch Schutzkraft in sich

trug, die den Tod fernhielt.

Bei ihm arbeitete unter dem Namen einer Baronin von R. eine Fürstin

deutscher Abkunft. Die Mutter stammte aus einer alten jüdischen

Familie. Sie war fast in der ganzen Welt herumgewesen, in Indien,

um die Cholera zu studieren, in Afrika, um die Schlafkrankheit

zu erforschen, eine tapfere, kluge, energische Frau, die mir in

ihrer zweifachen Abstammung wie die Verkörperung der aus deutschem

Adelsgeiste und dem hygienischen Instinkte eines Moses entsprossenen

Hygiene erschien.

Sie lehrte mich, immer tiefer in die Wunder der Tropen einzudringen.

Die Urubus, die Aasgeier des Urwaldes, sie wurden zu richtigen

Gesundheitsbeamten, die jeden Kadaver in den Straßen der Stadt sofort

beseitigten, auf dem Marktplatz die Abfälle der Schlachter, am Ufer

des Stromes die Eingeweide der Fische, die die Fischer beim Ausnehmen

der Wasserbewohner achtlos beiseite werfen. Neben den Indianern, die

auf dem Markte die Riesenschildkröten schlachteten, hockten sie zu

Dutzenden, und sogen selbst das Blutwasser mit ihren Schnäbeln aus

dem Sand und Kies heraus. Und was sie übrig ließen, beseitigten im Nu

die flinken Ameisen und Milben, alles Tote, was vielleicht Fäulnis

und Krankheitsherd werden könnte, in neues Leben verwandelnd. Überall

Weisheit, überall Liebe, wohin das Auge sah! Überall Leben!

An den Ufern des Flusses hockten als Gesundheitspolizei Scharen

prächtig braun gefiederter Cingunas, deren Beute aus den toten Fischen

und Tierkadavern bestand, die sonst den Strom verpesten könnten.

Wahrlich, man sollte einmal bei ihnen unsere deutschen Behörden in die

Schule gehen lassen, damit sie hier aus dem Buche der Natur lernen, wie

wichtig es ist, die Flüsse rein zu halten.

Weisheit, wie bist du voll Liebe! Liebe, wie bist du weise! Wenn nur

die Menschen nicht so unweise und oft so lieblos wären!

* * * * *

Die Fürstin verabredet mit mir, sobald ich nach dem Abschlusse meiner

Fahrt aus dem Gebiete des Waldlandes zurückgekehrt sei, die gemeinsame

Heimreise.

Mein Kollege, der zu Studienzwecken nach Europa gehen und mich auf

meinem Schiffe für die Rückfahrt als Arzt vertreten wollte, war zur

Stelle.

So nahm ich denn Abschied von meinem Schiffe, -- von der Welt, -- nein,

nur von der Welt, die mir bislang die Welt gewesen war. -- -- --

* * * * *

Und nun ging es weiter, immer weiter in das Waldland hinein, nur

begleitet von meinen beiden indianischen Führern. Urwald auf beiden

Seiten. Von den Ufern neigen üppige Blattpflanzen ihre sattgrünen

Blätter in die graugelben Fluten. Aus dichtem Unterholz von wilden

Kakaobäumen und zu schier undurchdringlichem Dickicht verwachsenen

Schlingpflanzen erheben die Umbrula ihre schlanken weißen Stämme,

die sich die Faultiere mit Vorliebe zu ihrem Aufenthalt ausersehen.

Hin und wieder schimmert die birkenähnliche Rinde eines Gummibaumes

durch das Gebüsch. Hochragende Palmen, überladen mit großen Büscheln

rotbrauner Nüsse, drängen sich aus dem Gewirr der Schling- und

Blattpflanzen empor. Große gelbe Blütenkelche, Stauden, mit rosa Blüten

übersät, leuchten aus dem märchenhaften Grün. Wie eine unendliche grüne

Wand, die eine fremde Zauberwelt umschließt, immer wieder die gleichen

Formen in immer neuer Abwechslung zeigend, ziehen die Ufer an unserem

Auge vorüber. Der seltsam fremdartige, süß aromatische Duft, der dem

Walde mit seiner Blütenpracht und seinem Blütenreichtum entströmt, wird

immer berauschender.

Aber was ist das? Kaum haben wir den Fuß wieder auf eine Stelle

der Kultur gesetzt, da geht das Elend wieder los: durch Branntwein

vertierte Indianer, die Mädchen und Frauen mit Syphilis durchseucht,

das Wasser des Flusses vergiftet durch Unrat. Typhus und Ruhr

dezimierten die Menschen neben tropischen Fiebern. Aber all dieses

Elend drückte mich nicht mehr nieder, wie einstens; ich hatte den

Schlüssel, hatte das Zauberwort gefunden, all dieses Elend aus der Welt

zu schaffen.

Ein junger Hamburger, groß, breitschultrig, mit blauen Augen und

blondem Haar und Bart, äußerlich der Typus eines kraftvollen

Niedersachsen, hatte all dieses Unheil aus seiner Vaterstadt

mitgebracht. Sein Vater hatte eine Destillation besessen und sich

mit dem Ausschank von Branntwein an die Hafenarbeiter ein Vermögen

erworben. Nun vergiftete der Sohn mit dem nämlichen Gifte die

Kinder des Urwaldes, die Indianer. Von seiner Vaterstadt her war er

gewohnt, daß die Kloaken in die Elbe gingen, und daß die Menschen

dieses verschmutzte Wasser wieder tranken. So war ihm der Sinn für

Reinlichkeit, die Mutter aller Gesundheitspflege, abhanden gekommen.

Was Wunder, daß er die Unsitte der Vaterstadt auf die neue Heimat

übertrug! Mit der gleichen Gewissenlosigkeit verseuchte er mit seiner

ekelhaften Krankheit, die er von Hamburg mit herübergeschleppt hatte,

die indianischen Mädchen, die sich nur zu gern dem blonden Recken

ergaben.

Und hier lag der Schlüssel. Nicht in der Natur des Landes wurzelte all

dieses Unheil, -- einzig und allein in den Menschen selbst. Die Natur

ist vollkommen, wohin wir kommen, -- wir, wir selbst sind die Träger

alles Unheils, wir Menschen. Die Menschen müssen anders, besser, größer

werden! Wir müssen neue Menschen werden! Das ist die Aufgabe der neuen

Zeit, unserer Zeit! -- --

* * * * *

Immer mehr versanken Heimat und Erinnerung im Märchenzauber der Tropen.

Ich ward eins mit der Natur. Ich vernahm ihre Stimme und lernte sie

verstehen, immer mehr, immer klarer und deutlicher, -- mir war es,

als würde ich selbst wieder Kind, wieder ein Stück Natur, und in ihr

wurde ich wieder ruhig und stark, -- ruhiger, stärker, ja, ich glaube,

besser, größer, als ich je gewesen.

Ich fühlte, wie die Blumen und Tiere uns verwandt waren, ich lernte

ihre Sprache verstehen, verstand die Seelen der Blumen und der Tiere,

die mir Geschwister und Freunde wurden, wirkliche Geschwister und

Freunde. Mir war es, als ob ich mit meinen Füßen im Erdreiche wurzelte,

neue Kräfte aus dem Boden trinkend. Ich verstand die Sprache der Sonne,

die mich durchglühte.

Die Wilden, zu denen wir kamen, die als blutgierig und grausam galten,

waren wie Kinder, und ich mit ihnen wie ein Kind. Sie hatten nur, wie

jedes Tier, jedes Pferd, jeder Hund, wie jedes Kind, ein unendlich

feines und doch starkes und gesundes Gefühl für Gerechtigkeit und

vergalten die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Weißen, da sie Christi

Lehre nicht kannten, nach dem Urgesetze: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Ich aber fühlte mich im Paradies, zeitlos, restlos. Aus der Enge hatte

ich zur Weite gestrebt. Hier hatte ich die Weite, die unendliche Weite,

voll von Leben bis in das kleinste. In diesem Sichausweiten bis ins

Unendliche liegt der Fortschritt für uns Menschen. Daher der Drang nach

der freien Natur. Dieses Sichausweiten ist Befreiung, ist Genesung, ist

Leben, -- es ist der Sinn des Lebens. Und ich lebte.

So floh die Zeit dahin, wie ein Traum, ein märchenhaft, wunderbar

schöner Traum.

* * * * *

Auf Umwegen gelangten wir endlich nach Iquitos. Hier trafen wir mit

unserem Rheinländer wieder zusammen. Wir hatten genug gesehen. Er

in Argentinien und Bolivia und in Südbrasilien, ich in Nord- und

Mittelbrasilien. Hier lag Land, nicht für ein neues Volk, -- für neue

Menschheiten, unermeßlich weites, fruchtbares Land. Kommt nur, ihr

Ingenieure, und baut hier Bahnen! Strömt herbei, ihr Völker, baut,

pflanzt, liebt euch, und Weltgeschichten könnt ihr hier erleben, ohne

euch drangen zu müssen, wie in dem kleinen Europa! -- --

Und nun heim! Flußabwärts! Zurück zur Heimat! Helfen, unserem Volke

helfen, der Menschheit helfen, neue Menschen werden: größer, reiner,

besser, kraftvoller, als bisher!

In Manáos trafen wir wieder unser Schiff, das zur Abfahrt bereit lag.

Am letzten Abend gingen mein Kapitän und ich an Land, um noch ein

paar Stunden mit den dortigen Deutschen zu verbringen. Wir saßen nach

Landessitte in einem der offenen Cafés. Die Nacht war wunderbar milde

und sternenklar. Den blauen und grünen großen Nachtfaltern gleich

huschten und tänzelten leichtgekleidete Sirenen von der Straße in das

Lokal, ließen sich hier und dort nieder, girrten und lockten, bis sie

sich ihren Gimpel gefangen hatten.

Das Gespräch kam auf die Polin. Sie war bald erkrankt ins Hospital

gekommen und dort durch die Moskitos mit gelbem Fieber infiziert, dem

sie dann schnell erlag. Vielleicht war es gut so.

An dem Nebentische saß ein Brasilianer, der sich durch

verschwenderisches Bestellen von Sekt bemerkbar machte. Mein Nebenmann

stieß mich an und raunte mir zu: »Der Kerl da war ein Hauptkunde der

Polin. Er versäuft hier sein Vermögen und seine Gesundheit. Es ist eine

Schande!« Ich sah mir den Burschen näher an. Auf der Stirne trug er das

Kainszeichen seines lasterhaften Lebens. Nicht lange darauf stand er

auf und zog schwankend mit einem jener buntbeflirrten Nachtfalter ab,

die unsere Tische umgaukelten.

* * * * *

Unser Schiff lag fertig zur Abfahrt. Die Matrosen holten die Taue ein.

Der Maschinist stellte bereits auf langsam rückwärts, damit wir vom

Kai loskamen. Plötzlich erschien auf der Kaimauer die Spanierin, ein

dunkles Mulattenkind auf dem Arme, in Begleitung des heftig redenden

und gestikulierenden Negers. Ich hörte, wie sie sagte, sie wolle nur

dem Dampfer ein letztes Lebewohl mit ihrem Taschentuche zuwinken, er

möge einen Augenblick das Kind halten. Kaum hielt der Neger seinen

Sproß auf seinen Armen, als die Spanierin wie eine Gazelle auf unser

Schiff losflog. Schon hatte sich der Rumpf des Schiffes vom Rande der

Mauer gelöst. Aber mit der Kraft der Verzweiflung wagte sie den Sprung.

Vier kräftige Arme griffen zu und zogen sie vollends aufs Schiff. In

diesem Augenblicke kam der Dampfer frei, und »Voll Dampf voraus« zog er

majestätisch den Strom hinab.

Einen Augenblick hatte der Neger wie versteinert, das Kind auf dem

Arme, dagestanden. Dann brüllte er auf, wie ein verwundeter Tiger.

Wütend warf er in weitem Bogen das Kind hinter dem Schiffe her,

hinab in den strudelnden Strom, in dessen gurgelnden Wogen es sofort

verschwand. Er schrie, fluchte, raufte sich die Haare und schäumte

vor Raserei. In diesem Moment kam der Brasilianer, den wir am Abend

vorher im Café getroffen hatten, auf die Brücke, lächelnd, trippelnd.

Umstehende hatten ihm wohl kurz von der Liebestragödie des Negers

erzählt. Lachend trat er an den Neger heran, ihn offenbar mit höhnendem

Witze noch hänselnd, da, -- ein Aufschrei, -- wie ein rasendes Tier

hatte sich der Neger auf den Unbesonnenen gestürzt, froh, ein Opfer zu

haben, an dem er seine Wut auslassen konnte, -- ein kurzes Ringen, --

ein Aufklatschen im Wasser, und gurgelnd schlossen sich die Wogen des

Amazonas über den Körpern der beiden Unseligen.

Sekunden nur hatte die ganze Tragödie gewährt. Vor Entsetzen starr

hatten die Zuschauer am Hafen gestanden, starr hatten wir vom Schiffe

aus das Entsetzliche mit erlebt. Jetzt ging es wie ein Aufatmen der

Erleichterung durch uns alle. Es war, als ob die Verkommenheit und die

Bestialität sich gegenseitig dem Untergange geweiht hätten.

Unsere Spanierin war von einer leichten Ohnmacht befallen, die sie

später das Ende dieser furchtbaren Tragödie ihres Lebens nicht in der

vollen Grausigkeit erinnern ließ.

* * * * *

In Manáos hatte mich seit meinem Verweilen in der Wildnis die erste

Post aus der Heimat erreicht. Meinem Weibe und meinen Sieben ging es

gut, -- das war die Hauptsache. Die übrigen Briefe und Zeitungen hatte

ich mit an Bord genommen, um sie hier in Muße zu lesen. Was war alles

geschehen in der kurzen Zeit! Der König von Portugal ermordet, sein

Sohn, der Kronprinz, ermordet! Wahrlich, -- die Revolutionäre hatten

gründlich gearbeitet.

Schlechte und Gute mäht der Tod. Mein lieber, guter Freund, Prinz Emil

von Schönaich-Carolath, ist nicht mehr. Der Mensch, der die Güte und

Liebe selbst war! Das tut weh, -- so weh, als ob im März die Sonne

sich plötzlich verbirgt, und nun die Frostluft uns doppelt empfindlich

erschauern läßt. So weh tat es damals, als der Sonnenmensch von Egidy

von uns ging, dieser Mensch, dessen Herz von Liebe zu den Menschen

überfloß.

Doch da, -- was ist das? Wellenringe des Geistes, die da zeigen, daß

das Gute nicht mit dem Tode untergeht, sondern weiterwirkt im Geiste

der Liebe, wie die Sonne nach Millionen von Jahren in der Steinkohle

uns Wärme gibt, -- ein Brief von meinem Maurer, dem verketzerten

Sozialdemokraten, -- mit einer Nummer vom Hamburger Echo: er wisse,

wie warm ich den Prinzen als Freund und Mensch verehrt habe, und

deswegen glaube er, daß es mir eine Freude und Genugtuung sein werde,

zu sehen, daß auch in seinem sozialdemokratischen Parteiblatte, dem

Hamburger Echo, diesem edlen Menschen, obwohl er ein Prinz sei, vollste

Gerechtigkeit in einem warm gehaltenen Nachruf widerfahre. Er kenne die

ganzen Schriften von diesem adligen Dichter und liebe sie, er habe sie

sich alle angeschafft, und seine Frau und seine Freunde läsen sie auch

gern. Und nun wünsche er mir baldige glückliche Heimkehr. --

* * * * *

Bei strahlendem Sonnenscheine waren wir abgefahren von Manáos. Während

ich in meiner Kabine saß und las, hatte ich nicht bemerkt, wie am

Horizonte schnell eine dunkle Wolke hoch stieg, und sich alsbald der

Himmel verfinsterte. Plötzlich war tiefschwarze Nacht. Dicke Tropfen

fielen, die Vorboten des Urwaldgewitters. Schon rauschte es vom Himmel

in Strömen. Unsere indianischen Lotsen hatten die Maschine abstellen

lassen und lagen, wie zwei Raubtiere, mit funkelnden Augen am Steuer,

auslugend, daß sie sich beim Aufblitzen des Wetterleuchtens im

Fahrwasser des Stromes hielten. Die zahlreichen Wracks, die wir auf

der Hinfahrt im Uferschlamme des Urwaldes halb vergraben hatten sitzen

sehen, waren Mahner genug zur äußersten Vorsicht.

Und nun ein grelles Aufleuchten, als ob der ganze Wald in Flammen

stände! In helleuchtendem Violett erstrahlten plötzlich die Blätter auf

den Wipfeln der Bäume. Sekunden nur. Dann ein Krachen und Donnern, als

ob die Erde bersten und uns verschlingen wolle. Tiefschwarze Nacht.

Tosendes Rauschen des Wolkenbruches. Ein neues Flammenmeer, gelb

dieses Mal, betäubendes Krachen, -- Sekunden nun schwarze Nacht, nun

in leuchtendem Blau der ganze Wald, rauschendes Plätschern, Blitz um

Blitz, Donner um Donner, -- ein wunderbar majestätisches Schauspiel.

-- --

Ich vergaß, wo ich war. Zeitlos ward mir die Zeit. Lautlos, langsam

glitt unser Schiff, von den Fluten getragen, stromabwärts.

Zum Strome der Zeit ward mir der Strom, auf dem wir dahintrieben. In

Nacht versunken lag mir die Menschheit. Blitz auf Blitz erhellte ihren

Schicksalslauf, warnend, führend. Hier eine Sandbank, dort die Ufer

mit ihren Gefahren, ihrem Schlamm, ihren Steinen. Könige und Fürsten

sanken dahin, dieser infolge der Tafelfreuden, jener durch Mörderhand,

emporgewachsen aus dem Elend des Volkes. Haben die Blitze euch nicht

gelehrt, wohin ihr steuert, ihr Könige? Hattet ihr die Sonne vergessen,

die allein Licht, Leben schafft, -- die Liebe?

Kriege kamen und mähten die Völker nieder. Haben sie euch nichts

gelehrt, ihr Könige, ihr Völker? Seuchen kamen, und wie Gras, das der

Präriebrand frißt, starben die Menschen! Fünfzehntausend an einer

Cholera, -- weißt du es noch, du stolzes Hamburg? -- Hunderttausende

an Schwindsucht und Typhus im herrlichen Deutschen Reich, jämmerlich,

elend! Und Kloaken gleich fließen unsere einst so reinen Flüsse im

Vaterlande dahin. Niederem Gewürm gleich, zu Knäulen zusammengeballt,

hausen die Menschen in euren steinernen Gefängnissen und siechen

dahin! Schlaft ihr klugen Geheimräte und ihr Professoren? -- In Nacht

liegt die Menschheit, in finsterer, schwarzer, schweigender Nacht

der Selbstsucht und der geistigen Blindheit, und die Seufzer und

Tränen der Millionen klingen zusammen, wie das strömende Rauschen des

Wolkenbruches.

Aber die Nacht währt nicht ewig, wie der Schlaf und der Tod nicht ewig

währen. Ewig ist nur die Sonne und die Liebe.

Das Rauschen wird gelinder, von fernher leuchtet hier und da noch ein

Blitz, -- der Donner wird zu fernhin verhallendem Grollen, -- lichter

wird der Himmel. Endlich, endlich, was wir bänglich ersehnten, der

Tag bricht wieder durch. Strahlend steht die Ewige wieder am Himmel.

Sonne, du Allbezwingerin, Sonne, du alles Schaffende, Liebe, du alles

Erhaltende, sei uns gegrüßt!

Da durchströmt es mich wie neues, warmes, pulsierendes Leben, wie neue,

treibende, schaffende Kraft! Es ist, als ob der Blick nie so weit, die

Kraft nie so groß, die Liebe zu den Menschen nie so warm gewesen sei,

wie jetzt: Liebe muß die Nacht besiegen, Arbeit, nie rastende Arbeit

die Menschheit vorwärts bringen!

Weiter, immer weiter wird der Blick, immer heller liegt mir das Ziel,

wie weithin der Wald in flammendem Sonnenlichte: Der Kampf gegen den

Trunk wird zum Kampfe gegen alles Niedrige, Gemeine, gegen alles

Unglück und Elend der Menschen! Er wird zum Kampfe für die Gesundheit

unseres Volkes, für das Schöne und Reine, für alles Gute und Große!

Der Kampf gegen das Zusammendrängen der Menschen in den Städten, den

Massenquartieren, er wird zum Kampfe gegen Selbstsucht und Habsucht,

gegen alles Enge und Kleine, zum Kampfe für den eigenen Herd, für

die Familie, die Ehe! Und der Kampf gegen die Verpestung der Flüsse,

er wird zum Kampfe für die Erhaltung der Heimat, zum Kampfe für die

Reinhaltung unserer Sitten, unserer Kunst, zum Kampfe für die geistige

Reinheit unseres Volkes, zum Kampfe für die Menschheit! Für diesen

großen Dreikampf das Leben einzusetzen, das heißt leben! Nun komm, Tod,

wann du willst, -- ich hab' gekämpft und kämpfe, bis du kommst! -- mir

ist es einerlei, -- ich hab' gelebt! -- Ihr Wellenringe, werdet frei!

-- -- --

Ja, stampf' nur, Maschine, -- dein Eisenton gibt mir den neuen Takt zu

neuem Leben! Auf zu neuem Kampfe, zu neuem Schaffen und Ringen! Auf zur

Heimat!

* * * * *

Jubelnder Zuruf weckte mich aus meinen Träumen. Vor uns lag die Kolonie

unserer Freunde. Aber welche Veränderung hatte hier stattgefunden.

Weithin war der Urwald gelichtet. Schmucke Blockhäuser, wohin man sah,

umgeben von Bananen- und Orangenhainen, üppigen Maisfeldern, dazwischen

saatgrüne Weiden mit wohlgenährtem Rindvieh, zahlreichen Pferden und

Schafen, das ganze ein Bild blühenden Wohlstandes.

Unsere Freunde waren mit der Pinasse längsseits des Dampfers gekommen,

der die Maschine gestoppt hatte und langsam stromab trieb. Während sie

stolz und frohlockend berichteten von ihrer Arbeit, ihren Erfolgen,

stand am Ufer jenes schöne Weib hochaufgerichtet, ein Bild strahlender

Gesundheit, in den erhobenen Händen ihr Knäblein haltend, braun von

der Sonne, mit dunkelblonden Locken. Und neben der glücklichen, jungen

Mutter fest und glücklich unser sächsischer Freund von der Ausfahrt.

Mich aber erfaßte ein heiliger, beseligender Schauer, -- ich sah den

Gedanken Wirklichkeit geworden, Mensch geworden: sah den germanischen

Stamm, wie er das Volk der Romanen zu neuem Leben erweckte, dieses

herrliche, weite Land neuer Menschheit erschließend.

Hier durfte ich nicht bleiben, soviel mich auch hinüberzog an

das verlockende Ufer. Die Pinasse löste sich vom Schiffe, -- ein

Tücherschwenken, ein Händewinken, -- und stampfend sang die Maschine

ihr »Vorwärts zur Heimat!« Lange stehe ich noch auf Deck und schaue in

der Richtung der im Urwaldzauber verschwindenden Kolonie. Da höre ich

über mir unseren Steuermann leise ein Lied singen:

Es blüht eine blaue Blume

In fernem Märchenland

An schroffem Berggehänge

An stillem Meeresstrand.

Und wer die Blume findet,

Kehrt nimmermehr zurück, --

Vergessen ist die Heimat

Und alles vergangene Glück!

Der Blume Duft bezaubert

Den Wanderer Tag und Nacht.

Die Welt liegt ihm versunken,

In blauer Märchenpracht.

Ich hab' am Meeresstrande

Die Wunderblume gesehn,

Leb' wohl, du Welt, du Heimat,

Es ist um mich geschehn!

Da schüttelte ich den Zauber von mir. Mich erwarten andere Aufgaben:

andere Liebe! anderer Kampf!

Mit Volldampf eilt unser Schiff, von der reißenden Strömung getragen,

flußabwärts. Eilends zieht der Wald an uns vorüber. Orangerot geht die

Sonne hinter dem Urwalde unter. Gegen Norden lagert violettes Gewölk

über den Wipfeln der Bäume, -- düster starrt von beiden Seiten der Wald

auf unser Schiff. Die Flußarme erweitern sich, -- eine frische Brise

weht von Osten uns entgegen, -- Seeluft, -- nur noch achtzig Seemeilen

von der Küste. Die drückende Schwüle ist verschwunden. Wie ein Traum in

farbenprächtiger Erinnerung liegt hinter mir das Erlebte. Im Dunkeln

flimmern die Lichter von Boa Vista auf, einer größeren Niederlassung.

Von den Gärten und den Booten, die im Dunkel des Dickichts versteckt

lagen, steigen uns zu Ehren Raketen leuchtend zum nächtlichen Himmel

empor, -- über uns hellschimmerndes Sternengeflimmer auf dunkelblauem

Grunde. Wie ich einsam oben auf der Brücke stehe, ist es mir, als hörte

ich es leise, lockend aus dem unendlichen Waldrevier ertönen:

+Nosso céo ten mais estrellas,

Nossos varzeas ten mais flores,

Nossas bosques ten mais vida,

Nossa vida ten mais amores+ -- -- --

* * * * *

In Pará gab's fieberhafte Arbeit. Unaufhörlich hob der Kran die

schweren Kisten mit dem kostbaren Gummi auf unser Schiff, daneben

Bananen, Orangen, Paranüsse, Mais, Erze und Felle: -- mit reicher

Rückfracht kehrten wir heim.

Im Hospital, wohin ein Bote mich rief, da ein Schwerkranker mich zu

sprechen wünschte, fand ich unseren Weinhändler aus Bordeaux. Das gelbe

Fieber hatte ihn gründlich gepackt gehabt. Die Ärzte hatten erklärt,

er könne nur noch Genesung hoffen, wenn er unter sorgsamer Pflege

nach Hause transportiert würde. Matt und abgezehrt lag er da. Auf

sein Flehen ließ ich ihn mittels Tragbahre auf unser Schiff schaffen

und bereitete ihm auf Deck ein bequemes Lager. Dankbar faßte er meine

Hand und sprach: »Sie haben nur zu recht gehabt mit Ihren Lehren. Ich

wollte, ich hätte Ihnen früher geglaubt. Aber Sie sollen noch Ihre

Freude an mir erleben.«

Unter anderen Passagieren nahmen wir in Pará noch einen reichen

Nordamerikaner mit seiner Tochter auf, ferner eine Dame

englisch-deutscher Abkunft, eine Miß Cantack, und einen deutschen

Grafen, der mittellos nach Südbrasilien gekommen war und hier die

Tochter eines reichen Großgrundbesitzers geheiratet hatte. Auch

unsere beiden ungarischen Juden reisten wieder mit zurück, beide sehr

kleinlaut. Der eine war krank, dem anderen hatte in Buenos Aires eine

internationale Schöne in einer Schäferstunde beim Glase Sekt seine

gesamte Barschaft abgenommen. Nun schimpften beide weidlich auf die

»Weiber« und waren doch nur betrogene Betrüger.

Im Zwischendeck fand ich unseren Teppichhändler aus Beirut wieder. Er

hatte alle seine singenden Teppiche verkauft und kehrte nun mit vollem

Beutel in die Heimat zurück.

In seiner Begleitung befand sich ein alter Neger, der schwer

lungenkrank war. Er wollte zurück um jeden Preis, um in der Heimat

zu sterben. Dabei quälte ihn arge Todesfurcht. Ein Neger nur, ein

einfacher Neger, und dabei doch so voll Seele und Empfinden, daß sein

ganzes Trachten danach ging, einmal die Heimat noch wiederzusehen, nur

einmal noch die Stätten seiner Kindheit, die Palmen seines Landes, --

und dann in ihrem Schatten sterben.

Auch einige von unseren spanischen Auswanderern, die mit uns

hinausgefahren waren, kehrten mit zurück. Die einen, um sich ihr

Bräutchen nachzuholen, die anderen, die schnell reich geworden waren,

um sich in der alten Heimat niederzulassen; andere aus Heimweh.

Ihnen schloß unsere junge Spanierin sich an, und es schien mir,

daß sie in nicht zu langer Frist den richtigen Ankergrund für ihr

Herzensschifflein gefunden hatte.

Neue reiche Post kam an Bord. Und dann ging es fort vom sonnigen

Wunderland, den Paráfluß hinab, an dem alten kleinen portugiesischen

Kastell vorbei mit seinen zwei nackten Soldaten, die wiederum zum

Flaggenhissen erst gelangten, als unser Dampfer bereits vorbei war,

weil der eine sein Hemd und der andere seine Hose nicht gleich finden

konnte, immer weiter flußabwärts, dem freien Ozean entgegen.

Der süße berauschende Duft wich wundervoll kräftiger Seeluft. Schäumend

mengten sich die gelben Fluten des Paráflusses und des Amazonas mit den

blauen Wogen des Atlantischen Ozeans. Dort in der Ferne Kap Salinas. --

Leb' wohl, du großes, freies, herrliches Land, -- leb' wohl, leb' wohl!

Mögen meine Enkel in dir eine neue sonnige Heimat finden!

* * * * *

Silbern und kornblumenblau schäumten und spritzten am Bug hochauf die

Wogen. Ein scharfer Nordostpassat trieb sie gegen das Schiff. Hart

arbeitete die Maschine.

Ich saß in meiner Kabine und studierte meine Post. Obenauf hatte der

Kapitän mir eine offene Postkarte, adressiert an den Balten, gelegt:

ein Freund schrieb ihm, er sende keinen Brief, weil ein solcher doch

nur abgefangen und nicht in seine Hände gelangen würde. Volk und

Regierung in Rußland verständen sich ebensowenig, wie je. Er möge nicht

erschrecken, hielte es aber doch für seine Pflicht, ihm mitzuteilen,

daß die Leiche seines Weibes, eingebettet in das Eis der Newa, beim

Aufbruche des Flusses im Frühjahre aufgefunden sei.

Unwillkürlich gedachte ich der Symbolik unseres Hexleins. Mir war es,

als sähe ich die Regierung Rußlands, ohne Liebe zum Volke, zu Eis

erstarrt, zugrunde gehen, und mit ihm das ganze, einst so mächtige

Reich. Und von Rußland hatte der große Napoleon einst das Heil der Welt

gehofft und prophezeit! Hatte ihn die Größe geblendet? Hatte er, der

nur die Liebe zum Ruhme besaß, aber keine zu den Menschen, übersehen,

daß in Rußland keine Kultur entstehen konnte, da die Liebe fehlte, die

Liebe zwischen den herrschenden Klassen und dem großen Volke? Heute

würde auch er kaum noch das Heil der Welt vom großen -- unheiligen

Rußland erwarten! --

Wie pulsierendes Leben muteten mich zwei andere Briefe aus der Heimat

an. Der eine war von meinem treuen Mitarbeiter im Bauverein, Drazdak.

Mein Plan, den ich ihnen vor meiner Abreise hinterlassen, die Heide

und den Wald der Spekulation zu entreißen, sei gelungen. Hundert neue

Häuschen mit Garten seien nach meinen Angaben erbaut und bezogen, ein

fröhliches Gewimmel betriebsamer Männer und Frauen, jubelnder Kinder.

Nur in dem einen Dorfe seien die Bauern noch rückständig, aufgestachelt

von einem reichen Städter, der sich dort einen Luxushof gekauft, und

nun mit mammonistischem Raffinement sich ausgerechnet hätte, daß wir

ihm fein zu einem Wege durch sein Moorland verhelfen könnten. »Wir

sollten in der Heide, die zu dem Dorfe gehörte, nicht bauen, es sei

denn, daß wir eine Chaussee durch die Heide legten.« Das fehlte noch,

mit den Arbeitergroschen dem reichen Herrn sein Moorland in Baugrund

umwandeln!

Heftig stampft das Schiff gegen den Nordostpassat. Eisern singt die

Maschine ihr »Vorwärts«.

Das wird Kampf kosten! Prozesse und Eingaben bei der Regierung bis ans

Ministerium. Gott sei Dank, daß in Berlin Männer sitzen, die noch den

Begriff der Gerechtigkeit kennen. Mehr als einmal haben wir dort unser

Recht bekommen, das die unteren Behörden uns weigerten. Schimpfen auf

die Sozialdemokraten können sie, aber sie züchten sie künstlich und

gründlich mit ihren Härten und Ungerechtigkeiten. -- --

Brauchst mir kaum Mut zuzurufen, mein treuer Freund im Amte, -- ich

gebe doch nicht nach, und wenn diese Kurzsichtigen mir für meine

Armen auch noch so viel Schwierigkeiten machen. Den Prozeß der armen

Brotträgerin, der der Vogt die Invalidenkarte zerrissen hatte, weil sie

angeblich nicht versicherungsberechtigt war, die Karte, die ich ihr

geschenkt, und die ihren ganzen Trost für Alter und Arbeitsunfähigkeit

bildete, -- den haben wir auch gewonnen in letzter Instanz. Herr Gott,

gib unseren Vögten und Räten nicht nur Verstand, sondern auch Liebe,

damit sie nicht so viele Dummheiten machen und immer wieder Petroleum

ins Feuer gießen!

Und da ein langer Brief von Br. Asmussen über den Stand unserer

Guttemplerbewegung! Fein ist all der Same aufgegangen, den wir

gestreut. In Hamburg-Altona und Schleswig-Holstein ist unsere Hochburg.

Tausende kennen das Wahrzeichen des Glases Wasser als Symbol für die

Tat, für die Freiheit von törichtem Vorurteil und für die Liebe zu

unseren Brüdern. Und wo immer wir den Samen gestreut, am Rhein und

in Bayern, in Schlesien, und in Sachsen, überall ist er aufgegangen,

überall streuen die Logen Glück, Gesundheit, Wohlstand aus. Freilich,

die Wirte schimpfen, und die Brenner schreien Zetermordio.

Aus Berlin berichtet Freund Heinz, der mit seiner »goldigen« Ehehälfte,

dieser kleinen tapferen Volksschullehrerin, unermüdlich arbeitet,

rettet, aufklärt, Milchhäuschen schafft, Logen gründet, -- Wellenringe

aussät, die nie vergehen. Mensch, Lieber, wie bist du lebendig

geworden! Wie wärest du tot gewesen, wärst du in deinem soliden und

behaglichen Philistertum hängen geblieben! Ja, -- so ist's. Die

Lebendigen sind die, die für die anderen mitleben, und die Toten die,

die nur an sich denken, an sich, an ihren Bauch oder ihr Portemonnaie.

Die ziehen keine Wellenringe. Sie züchten sich dicke Bäuche, an denen

die Würmer reichen Schmaus haben, wenn sie sterben, und ihr bißchen

sogenanntes Leben sinkt mit ihnen ins Grab. Kommt mir nur mit eurer

Unsterblichkeit der Seele, diesem unsichtbaren, weißen Schatten, der

im Tode im langen weißen Hemde mit goldenen Flügeln gen Himmel fliegt,

-- zum ersten Rang, wenn's ein Reicher war, -- ins Parterre, wenn sie

einem armen Teufel gehörte. Nein, und tausendmal nein, -- will euch

ein ander Lied singen: Seele ist der Teil Gottes in euch, den ihr euch

einsogt durch euer Leben, um ihn als Wellenringe wieder von euch zu

geben, -- als Wellenringe der Liebe, denn Gott ist die Liebe! So ihr

aber keine Liebe hattet, hattet ihr Gott nicht, hattet ihr überhaupt

keine Seele, wart nur Fleisch und Blut, -- und das vergeht gar schnell.

-- --

Das Schiff stampft, und eisern singt die Maschine ihr Lied. In der

Kabine hört man, wie der Nordost die Wogen gegen den Bug schleudert.

Merkwürdig, -- beide, Asmussen und Freund Heinz klagen in gleicher

Weise, was auch mir immer schon ein Rätsel war, daß sie unsere Lehre

so schwer in die Reihen der Freimaurer tragen können, die doch die

»Humanität« als obersten Begriff auf ihre Fahne geschrieben haben. Und

jeder Begriff trägt doch seine Aufgabe, ihn zu erfüllen, ihn in Leben

umzusetzen, in sich! Hätten sie statt des fremden, lateinischen, lieber

das deutsche Wort gewählt: »Menschlichkeit«, vielleicht würde ihnen

das Wort wärmer zu ihrer Seele sprechen und ihnen den Zusammenhang all'

dieses grausigen Menschenelends mit seinen Trinksitten, die sie bei

ihren Festen pflegen, klarer werden lassen. Denn das Wort ist der Vater

der Tat, wie der Gedanke der Vater des Wortes.

Und doch, Schwager Ludwig, will ich nicht hart noch ungerecht gegen

dich und die Brüder sein. Viel schafft ihr, viel, viel Gutes und

Großes. Dein Brief führt es mir wieder so recht vor Augen, und ich

verstehe deinen reinen Stolz, wenn du von deiner Commeniusgesellschaft

berichtest und all den Werken der Liebe, die ihr ins Leben ruft, euren

Landerziehungsheimen, euren Töchterheimen, euren Säuglingskrippen

und Volksbibliotheken, und was ihr alles Gute schafft. Glaubst, ich

sehe die Wellenkreise nicht, die da aus deinem Studierstübchen und

aus deinem geheimen Archiv hinausziehen ins Land, alle die Geister

mit unsichtbaren Fäden umspinnend, die im Geiste der Liebe zu wirken

suchen? Möge vor allem euer Streben, unsere Erziehungskunst mit diesem

Geiste zu durchtränken, von Erfolg gekrönt sein!

Wie weit ist's noch bis dahin! In Berlin soll jetzt ein besonderer

Lehrstuhl für Pädagogik errichtet werden, nachdem unser vortrefflicher

Paulsen gestorben, schreibst du? Das ist famos! Freilich -- das hätte

vor hundert Jahren schon geschehen dürfen. Immerhin, es ist ein Schritt

vorwärts. Denn die Ergründung der Kindesseele und ihrer tausendfachen

Feinde in Schule und Haus, auf der Straße und im Wirtshause ist für

unser heutiges Kulturleben wahrlich eine Wissenschaft für sich.

Vorwärts, vorwärts! singt der Kolben in der Maschine. Ob der

Kultusminister die Melodie wohl kennt?

Und wir kommen vorwärts! Da zwischen den Zeitschriften, die mein Weib

mir, treulich gesichtet und geordnet, nachgeschickt hat, ein Aufsatz

von dem tapferen Gurlitt: »Erziehung zur Tat.« Ein mannhaftes Wort an

unsere akademischen Kreise über diesen entsetzlichen, so unsagbar viel

Gesundheit, Kraft, Seelenleben und Liebe zerstörenden akademischen

Trunk. Nur zu sehr hast du recht, wenn du wackrer Streiter sagst:

Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände

das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd

kein germanisches anderes Volk heute duldet. Es ist Heuchelei

schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten,

solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte,

noch Duldung genießt.

Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird

das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig

aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten

schädigen unser Ansehen im Auslande hauptsächlich da, wo wir vor allem

Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den

Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht,

weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen

Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.

Vorwärts, vorwärts! Wie der Kolben stößt! Hochauf wirbelt die Schraube

in die Luft, da das Schiff sich mit dem Bug vorn in die Wogen bohrt.

Zitternd steht das Schiff. Aber vorwärts, vorwärts stampft der Kolben,

und vorwärts drängt unser Kiel. --

Die Seele der Maschine hält mich in ihrem Bann. Wer gibt dir leblosem

und doch belebtem Ungetüme die Kraft, gegen diese vom Nordost

gepeitschten Wogen unermüdlich anzukämpfen? Wer beseelt dich, tote und

doch lebende, gewaltige Eisenmasse, mit diesem unermüdlichen Willen?

Und aus dem stählernen Dröhnen des Kolbens heraus klingt es wie eine

unendliche Melodie: Die Sonne, die Liebe! --

Vor Jahrtausenden hatte die Sonne die Pflanzen aus der Erde gelockt.

Die Kraft der Sonnenwärme speicherte sich in ihren Zellenleibern auf;

-- Liebe zum Leben, Liebe zu Weib und Kind hieß den Bergmann in die

Tiefen der Erde hinabsteigen, die zu schwarzer Steinkohle gewordenen

Palmen und Farne der Urzeit ans Tageslicht zu fördern, damit sie hier,

in Herd und Ofen, den Menschen die Wärme wieder spenden, die sie vor

Jahrtausenden in den Sonnenstrahlen getrunken hatten, die nämlichen

Sonnenstrahlen, die hier unter den gewaltigen Dampfkesseln prasselnd

das Wasser in Dampf verwandeln, der stöhnend und fauchend den Kolben

zwingt, auf und nieder zu fahren.

Und der Ingenieur, der das rohe Eisen zur sinnreichen Maschine

umgewandelt hatte, die Schmiede und Schlosser, deren Schläge und

Feilenstriche ihr die Form gaben, -- waren sie nicht geworden, was

sie waren, durch die Liebe von Vater und Mutter? Und nun trug dieses

Gebilde von Menschenhand, geschaffen von Urzeiten her durch Liebe,

getrieben mit der Kraft der Liebe und der Sonne, Waren und Geistesfäden

von Land zu Land, Länder und Völker verbindend zu immer neuer

Freundschaft, den Pfändern der Liebe immer neue Wege weisend zu neuen

Ländern, ein Träger der Liebe, getrieben von Liebe, und doch alle diese

Liebe eingezwängt in den stählernen Rahmen des Gesetzes der Mechanik,

-- unabänderlich wie die Gesetze, die berufen sind, die Menschheit als

Menschheit zusammenzuhalten, soll sie nicht als Herde zugrunde gehen.

Und wie der Kolben mächtig stampfend sich hob und senkte, und desto

mächtiger, je mehr der Nordostpassat sich uns entgegenstemmte, da rief

er mir zu: »Je größer die Aufgabe, je größer der Widerstand, um so

größer sei unsere Kraft, um so eiserner unser Wille, ihn zu besiegen,

unendlich, unermüdlich.«

Da gedachte ich wiederum unseres Bismarck, des Mannes der Tat, dem kein

Widerstand zu groß war, und der seine Kraft schöpfte aus seiner Liebe

zu seinem Vaterlande und seinem Volke.

Und das Achsenlager, in dem er ruhte, -- dieser Eiserne, der uns

vorwärts brachte! -- ohne Reibung ruhte, -- es lag in seinem deutschen

Hause, in seiner Ehe, in der Liebe seines Weibes, seiner Johanna.

Und wieder flogen meine Gedanken heimwärts zu meinem Heime und den

Meinen, zu meiner Heimat, zu unserem Elbstrome, zu meiner Vaterstadt

Hamburg. Und wieder sah ich vor meinem geistigen Auge das Doppelzeichen

der Liebe und der Tat: unsere alte Michaeliskirche und das granitene

Standbild des eisernen Kanzlers. --

* * * * *

Neben mir standen der Amerikaner und seine Tochter. Unwillkürlich

flossen unsere Gedanken zusammen. Da begannen sie zu erzählen von

ihrem großen, freien Vaterlande, von ihrer Jugenderziehung, die

nur das eine Ziel hatte, starke, kluge Menschen heranzubilden, die

wußten, was sie ihrem Körper, dem Gefäße ihrer Seele schuldeten: die

wußten, was sie dem Lande, das sie hervorgebracht, das sie ernährte,

schuldeten. Stolze, freie Liebe sprach aus ihren Worten, wenn sie von

ihrem Lande sprachen. Und ihr Präsident, ihr Roosevelt! Den Trusts,

den schier allmächtigen Vereinigungen der Geldfürsten Amerikas, die

nur an ihr eigenes Portemonnaie dachten, aber kein Herz für ihr

Vaterland und ihr Volk hatten, hatte er den Riesenkampf aufgezwungen.

Die unermeßlichen Wälder, die sinnlose Habgier vernichtet hatten,

so daß das Klima nicht nur Amerikas, sondern sogar Europas darunter

litt, sollten neu aufgeforstet werden. Die Arbeiter sollten durch

eine Schutzgesetzgebung, der die deutschen Gesetze als Muster gelten

sollten, sichergestellt werden für den Fall der Not infolge von

Krankheit, Unfall und Alter. Fest und unerschütterlich hatte er gemahnt

zum Frieden mit Japan. Aber seine Regierung war nur die Fortsetzung

geworden all der anderen großen Präsidenten, wie Franklin und Lincoln,

bis auf seinen letzten Vorgänger. Den unglücklichen Negern hatten

sie das menschenunwürdige Sklavenjoch abgenommen, unbekümmert um das

Geschrei der Frommen im Lande und der Besitzenden. Staat um Staat hatte

sich frei gemacht von dem Fluche des berauschenden Giftes, Gefängnisse

in Schulen, endlose Einöden in blühende Gefilde verwandelnd! Das

alles hatte die starke Liebe eines freien Volkes zu seinem Vaterlande

vermocht!

Und dann berichtete die Tochter, wie sie im Vereine mit Männern und

Frauen für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der arbeitenden

Klassen arbeitete, erzählte von Pullmanns Arbeiterstadt mit ihren

vortrefflichen hygienischen und sozialen Einrichtungen, berichtete von

ihrer +sunshine society+, ihrer Sonnenscheingesellschaft, durch

die sie keine Wohltätigkeit ausüben, sondern nur Freude und Liebe,

Sonnenschein denen bringen wollten, die seiner bedurften. Ein Gedanke

sei es, der alle, die ganze Nation, beseele, vom Präsidenten an bis zum

jüngsten Mitgliede der Sonnenscheingesellschaft: daß die Menschen alles

seien, die Institution nichts. Darum sei das ganze Ziel des Regierens,

wie das der Erziehung, Menschen zu bilden, starke, freie, gesunde

Menschen, die ihr Vaterland liebten.

Mir aber war es, als fühlte ich trotz des eisigen Nordostpassats, der

uns entgegenwehte, einen warmen, weichen Hauch des Westwindes aus

höheren Luftschichten, wie er im Frühlingssturme von Amerika her über

den Ozean an die Küsten meines deutschen Vaterlandes braust.

Weich und warm wie Frühlingswind klang auch das, was uns die

Engländerin, die sich zu uns gesellt hatte, aus ihrem englischen

Vaterlande erzählte. Sie hatte es sich zur Lebensaufgabe gewählt,

zwischen dem englischen und dem deutschen Volke zu vermitteln, als eine

liebevolle, geschickte Geschäftsträgerin von Volk zu Volk hinüber- und

herüberzutragen, was jedes an sozialen Liebeswerken Neues, Großes,

Gutes schuf in Bekämpfung der Alkoholnot, der Säuglingssterblichkeit,

der Tuberkulose, der Flußsanierung, der Wohnungsnot, des

Arbeiterschutzes, der Volksbildung, der Gartenstadtbewegung, der

Bodenreform und der internationalen Schiedsgerichte zur Wahrung des

Weltfriedens.

Diese schlichte Frau mit ihrem warmen Herzen, ihrer sprudelnden

Lebhaftigkeit und ihrem klugen Verstande war eine Kulturträgerin und

Kulturvermittlerin, von deren segensreicher Arbeit nur diejenigen etwas

ahnten, die mit ihr zusammen arbeiteten, deren Arbeit wie befruchtende

Samenkörner der Liebe in das geistige Erdreich beider Völker fiel,

um zu immer neuer Saat aufzukeimen, und deren Name anspruchslos in

den Archiven schlummerte, für die sie arbeitete. Und während kein

Titel und kein Ruhmesblatt sie nannte, zog ihr Geist Wellenringe von

Volk zu Volk, die sich wie dichte Fäden hinüber- und herüberspannten,

unvergängliche Bande des Friedens knüpfend.

* * * * *

Bei Tisch wurde unser Gespräch fortgesetzt. Der Amerikaner erzählte,

wie Roosevelt Kanada und Mexiko zu einem Kongreß eingeladen habe, um

gemeinsam mit Nordamerika den Waldverwüstungen entgegenzuwirken, um so

die natürlichen Hilfsquellen des Landes zu erhalten.

Ich berichtete mit freudigem Stolze, welchen Vorsprung Deutschland

vor allen Ländern der Erde in der Arbeiterschutzgesetzgebung errungen

habe, welche Summen alljährlich von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern

aufgebracht würden, um dem Elend zu steuern; und wie in Deutschland

allen Ernstes jetzt an dem Ausbau der Witwen- und Waisenversicherung

gearbeitet würde. Beschämt berichtete der Amerikaner, wie zurzeit

in Nordamerika alljährlich noch 35000 Arbeiter infolge von

Betriebsunfällen ums Leben und zwei Millionen Arbeiter alljährlich

in ihren Betrieben zu Schaden kämen. Aber nun würde auch dieses bald

anders werden.

Leuchtenden Auges erzählte seine Tochter von den Apfelsinenpflanzungen

im San Bernardius-Gebirge in Kalifornien, wo menschliche Arbeit durch

Kultur des Bodens, durch Düngung und Bewässerung, Vertilgung der

Schädlinge, zweckmäßigsten Versand und Schaffung eines Riesenmarktes

gezeigt hat, was sie zu leisten vermag; wo ein Gut von hundert Hektar

alljährlich 100000 Dollars einbringt. Aber was ist geschaffen worden!

Flüsse sind um und über und durch Gebirge geleitet, um Wüsteneien in

Gärten der Hesperiden zu verwandeln.

Und dann erzählte sie, wie der Gesetzentwurf der Nationalreklamation

durchgebracht wurde, durch den diese Bewässerungen zur Tat wurden. Wie

es zum größten Teil der energischen Agitation des Senators Francis

Newland vom Staate Nevada zu danken war, der vor der Annahme des

Gesetzes Abend für Abend Lichtbildervorträge veranstaltete, um seine

Notwendigkeit zu beweisen. Zwei Fünftel der gesamten Landfläche der

Vereinigten Staaten bestanden bis vor zehn Jahren aus Wüsten oder doch

aus Ländereien, die nur während der kurzen Regenfälle, die über sie

niedergingen, sich mit einem Anfluge von Gras bedeckten. Und nun waren

es fruchtbare Fluren, die Tausenden Brot und Arbeit spendeten.

Unwillkürlich gedachte ich der endlosen Heiden und Moore in unserem

Vaterlande und sah sie umgewandelt im Geiste in blühende Gefilde und

bevölkert von jauchzendem glücklichen Volke.

Der deutsche Graf aus Brasilien meinte, alle diese Liebeswerke nützten

doch nichts, um die Sozialdemokratie aus der Welt zu schaffen; die

könne und müsse man nur mit Kartätschen von der Erde wegfegen. So

kam das Gespräch auf den Sieg der sogenannten nationalen Parteien im

deutschen Reichstage über die Sozialdemokraten. Der Graf meinte, diese

müßten ausgerottet werden, wie die Moskitos in den Tropen.

»Der Vergleich paßt recht gut,« ließ sich nun die Fürstin vernehmen.

»Wir können die Sozialdemokratie als die Folgeerscheinung

eines Krankheitszustandes in unserem Volke betrachten, eines

Krankheitszustandes,« -- und hier hob sie die Stimme, -- »an dem

wir aber selbst schuld sind. Die Moskitos sind freilich die

Krankheitsursache selbst, und doch wieder auch eine Folgeerscheinung

der Versumpfung des Bodens. So können wir ein altes Schlagwort:

›Eine jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient‹, dahin

ausdehnen, daß wir sagen: ein jedes Volk hat die Sozialdemokraten, die

es verdient, wie die Tropen die Moskitos.

Unsere bürgerlichen Parteien haben gesiegt? Gewiß, das ist erfreulich.

Sie haben für einige Jahre die Mehrheit im deutschen Reichstage. Es

war notwendig, schon der Erhaltung unserer Kolonien wegen. Aber jeder

Sieg legt Pflichten auf gegen die Besiegten. War der Haß der Besiegten

gegen die herrschenden Klassen ungerecht? Sind nicht seit langem

Herzlosigkeit, Hochmut und Ungerechtigkeit der Besitzenden Schürer

dieses Hasses? Füllen Brenner und Brauer sich nicht alljährlich ihre

Taschen mit den Milliarden, mit denen sie Jahr für Jahr aufs neue

Tausende und Abertausende in Schande und Tod treiben? Stecken nicht

die Bodenspekulanten die Riesengewinste ein, für die die anderen ihnen

hinterher zeitlebens fronen müssen? Die Besiegten sind unsere Brüder.

Wenn Krieg ist, sollen wir Schulter an Schulter mit ihnen kämpfen.

Sie sind die Masse, die unser Volk, unsere Nation ausmacht, die unser

Vaterland verteidigen soll, wenn es in Gefahr ist.

Es ist nicht nur Pflicht des Siegers, gerecht zu sein, sondern auch

klug.

Wenn die Menschen ein Land von Moskitos säubern wollen, so rotten sie

vor allem die Brutstätten dieser Plage aus, indem sie die Wassertümpel,

in denen diese Insekten ihre Eier ablegen, austrocknen oder mit Kalk

oder Petroleum desinfizieren. So müssen wir der Sozialdemokratie ihre

Brutstätten zerstören. Das sind diese Proletarierwohnungen in Stadt

und Land, und was Kalk und Petroleum gegen die Moskitos ist, das ist

Gerechtigkeit und Menschenliebe gegen die Besitzlosen. Jede Stadt,

jedes Land, jeder Gutshof hat die Sozialdemokraten, die sie verdienen.

Sie sehen, meine Herrschaften,« fügte sie lächelnd hinzu, indem

sie sich von der Tafel erhob, -- »die Hygiene bietet uns Handhaben

genug, um Parallelen zur Politik zu ziehen.« -- Ich konnte ihre

Darlegungen nur bestätigen. Der Graf von Holstein hatte ebensowenig

Sozialdemokraten auf seinen Gütern gehabt, wie mein guter Freund,

der Prinz von Schönaich-Carolath, weder Sozialdemokraten noch fremde

Arbeiter hatte, keine Polen, keine Italiener und keine Schweden. Die

Arbeiter blieben bei ihnen, weil ihre Herren gerecht waren, weil sie

durch Fleiß vorwärts kommen konnten, und weil sie fühlten, daß man sie

nicht gering achtete, sondern als Menschen liebte.

Wir traten aus der Kajüte ins Freie und schauten vom Deck aus über

die schäumende, blaue Flut. Gleichsam als wollte der Himmel uns den

unerschöpflichen Reichtum der Natur zeigen, stoben nach beiden Seiten

des Bugs silbern in der Sonne glitzernde Scharen von fliegenden Fischen

über die Wogen dahin.

* * * * *

Ich ging zur Kommandobrücke hinauf. Dort fand ich unseren Kapitän in

schwermütigem Brüten versunken. Ich fragte ihn nach seinem Kummer.

Erst wollte er nicht mit der Sprache heraus. Schließlich schüttete er

mir sein Herz aus. Er machte sich Sorgen, daß er mit dem Kohlenvorrat

nicht reiche. Der ungewöhnlich heftige Nordost, gegen den wir ankämpfen

mußten, hatte unsere Fahrt bereits um Tage verzögert. Leicht konnten

wir noch auf weitere drei bis vier Tage rechnen, ehe wir Madeira

erreichten. Ohne Kohlen im Sturm mitten auf dem Atlantischen Ozean,

das war freilich eine ernste Lage. »Stimmt unser Kurs?« fragte ich

ihn. »Wir haben genau navigiert, der Kurs stimmt.« »So kommen Sie mit

zum ersten Maschinisten. Er muß genau wissen, wie lange unsere Kohlen

reichen.«

Wir gingen in den Maschinenraum. Von dort mit unserem Maschinisten

in den Kohlenraum. Dessen Rechnung stimmte. Wir hatten noch genügend

Feuerung für mindestens sechs Tage. Und selbst wenn der Sturm anhielt,

mußten wir längstens in vier Tagen Madeira erreichen. Der Kapitän

atmete auf und schüttelte mir die Hand.

Da ward mir klar, ein Glaube ohne Gewißheit ist ein übles Ding.

Ich aber wußte, es gibt etwas, was nicht Stoff und nicht Kraft dieses

Stoffes, sondern Geist ist, und da Gott Geist ist, so mußte dieser

Geist Gott sein. -- Und so wahr, wie die Sonne am Himmel stand, gab es

Liebe in der Welt. Und die Liebe ist Geist, -- so mußte Gott die Liebe

sein, die alleinige, allmächtige Liebe. Aber dieser Glaube an Gott,

an diesen Gott der Liebe, muß Gewißheit sein. Und wie die Sonne nicht

tot ist, sondern lebendig und Leben schafft, so muß auch unser Glaube,

der ja selbst Liebe ist, und somit allein uns schon mit Gott vereint,

lebendig sein und Leben schaffen, Leben und neue Liebe. Denn der Glaube

ohne Liebe, der Glaube ohne Werke ist tot, wie die Sonne tot sein würde

ohne Wärme, wie unser Schiff ein toter Haufen Eisen und Holz sein würde

ohne die Kohlen, die erfüllt sind von der wärmespendenden Kraft der

Sonne.

Und über das Meer herüber grüßte mich das Doppelwahrzeichen der Heimat:

der Turm der Heimatkirche und das granitene Standbild des eisernen

Kanzlers, die Wahrzeichen der Liebe und der Tat.

* * * * *

Auf dem Vorderdeck war lustiges Gewoge Tag für Tag, Tanz und Gesang;

Spanisch und Portugiesisch klang durcheinander. Alle fröhlich,

ausgelassen, erwartungsvoll, was die in der Heimat Zurückgebliebenen

wohl sagen würden, daß man nun heimkam mit Geld in der Tasche. Nur

einer saß dazwischen, allein. Ich hatte ihn gefragt, was ihm fehle.

Errötend hatte er mir gestanden, er habe sich kurz vor der Abreise

mit einer Brasilianerin verlobt. Nun wollte er sich selbst von seinen

Eltern die Erlaubnis holen zur Heirat; aber er kriege sie, fügte er

tief aufatmend hinzu, denn sein Mädchen sei schön und gut, -- fast wie

die Madonna selbst. Als ich ihm den Rücken gekehrt hatte, hörte ich,

wie er leise sang.

Da ging ich zu einer anderen Gruppe. Die zählte ihr Geld, das sie mit

heim brachten. Der Amerikaner trat hinzu und fragte: »Womit habt ihr

euer Geld verdient, Leute?« »Wir haben Land urbar gemacht,« antworteten

die einen; »wir haben Straßen und Eisenbahnen gebaut,« die anderen. Da

stellte sich ein Kecker vor den Amerikaner hin und fragte: »Und womit

du?« »Du hast ein Recht zur Gegenfrage,« antwortete unser Mitreisender,

»ich habe Möbel fabriziert, einfache und kostbare. Ich war ursprünglich

Tischlergeselle, erfand mir dann selbst meine Maschinen für mein

Gewerbe und wurde Fabrikant.« Der Frager zog mit höflichem Danke für

die Auskunft ab.

»Wissen Sie,« wandte sich der Amerikaner lächelnd zu mir, »ich war

ehrlich froh, daß ich dem Manne die Antwort geben konnte und nicht

zu sagen brauchte: ich habe glücklich spekuliert; denn ich hätte mich

vor diesen Leuten geschämt. Reichtum und Reichtum ist zweierlei.

Jeder Reichtum, der erworben ist durch Schaffung von notwendigen,

praktischen, gesunden oder schönen Gegenständen, von wirklichen Werten,

oder durch geschickte und richtige Verteilung dieser Güter unter die

Menschen, ist ein wohl verdienter Reichtum. Der Arbeiter, der Land

urbar macht; der Bauer, der Korn oder Obst pflanzt; der Fabrikant,

der irgend Gegenstände des täglichen Lebens anfertigt; der Kaufmann,

der den Überfluß unserer einheimischen Waren über das Meer schafft

und uns wiederum mit Früchten und Waren anderer Länder versorgt; der

Ingenieur, der uns elektrisches Licht schafft; der Schiffsbauer, der

unsere Schiffe, der Architekt, der unsere Häuser baut; der Arzt, der

uns unsere Gesundheit erhält oder wiedergibt; der Künstler, der unser

Dasein verschönt; der Seelsorger, der unseren Herzen Frieden spendet

-- sie alle schaffen Werte, die --« »Und die Könige, die Gesetzgeber?«

»Auch sie schaffen Werte und vielleicht die größten, vorausgesetzt, daß

sie ihre Pflicht tun und fähig sind, ihre Pflicht zu tun. Auf jeden

Fall ist ihre Verantwortung am größten.

Aber nehmen Sie alle diese anderen modernen Erwerbszweige, die

Brenner und Brauer, die mit ihren Erzeugnissen das Volk vergiften,

die Kornspekulanten, die dem Volke das Brot verteuern, wie dieser

Schuft von Patten, den sie den Weizenkönig nennen, und vor dessen

zusammengeraubten Millionen sie knixen, die Bodenspekulanten, die dem

Volke die Grundlage des Daseins verteuern, oft genug die Schaffung

des eigenen Heims unmöglich machen und sich dabei die Taschen füllen,

-- sie sind Vampyre in des Wortes schlimmster Bedeutung für unsere

menschliche Gesellschaft, und wir werden uns, soweit wir ihnen nicht

mit Hilfe des Gesetzes ihr unsauberes Gewerbe legen können, nur

dadurch von ihnen befreien, daß wir diese Art, Reichtümer zu sammeln,

als unehrenhaft, als schimpflich brandmarken. Sie müssen gerichtet

dastehen in der Gesellschaft, in einer Linie mit den Schnapswirten und

Bordellinhabern.«

Mir ging es bei diesen Worten wie eine Befreiung von schwerem

Druck durch meine Seele. Also auch jenseits des Ozeans der gleiche

Pulsschlag! Mein Herz pochte vor Freuden. Der gewaltige Stoß des

Kolbens aber, der zu uns herüberdröhnte, klang mir wie ein jauchzender

Kampf- und Siegesruf zur Anbahnung einer besseren, größeren,

glücklicheren Zeit.

Nach einer Weile, während wir beide in Schweigen unseren Gedanken

nachgegangen waren, griff mein amerikanischer Reisegefährte den Faden

unserer Unterhaltung noch einmal auf. »Sehen Sie,« begann er, »ich

bin Jude, -- aber mein Feind soll mir nicht nachsagen, daß ich an

der Krankheit leide, die man Mammonismus nennt. Ich bin im Gegenteil

der Ansicht und habe versucht, ihr durch mein Leben und das meiner

Kinder Nachdruck und Geltung zu verschaffen, daß vornehm sein sich

nicht verträgt mit irgend welcher Härte oder Ungerechtigkeit gegen

diejenigen, die anscheinend unter uns stehen, sondern daß auch der

Ärmste vornehm sein kann, wenn er freudig die Vorzüge des anderen

anerkennt und sein Leben dafür einsetzt, anderen zu helfen und dem

Ganzen zu dienen. Wir müssen dahin kommen, daß wir es als einen Mangel

an Bildung brandmarken, wenn einer, wes Standes er auch sei, nur an

sich denkt und hochmütig oder herzlos auf die anderen herabschaut.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sich diese, ich möchte sagen

krankhafte Selbstsucht der Menschen von heutzutage entwickelt hat,

und da komme ich immer wieder zu dem Resultat, daß sie zum Teil

begründet liegt in der tierischen Abkunft des Menschen, wurzelt in dem

rein tierischen Instinkte der Selbsterhaltung, des Hungers und der

Fortpflanzung. Zum Teil aber scheint sie mir direkt zusammenzuhängen

mit jenem von der christlichen Lehre zuerst gepredigten persönlichen

Fortleben nach dem Tode, als ob unsere Seele etwas Umrissenes,

etwas Substantielles, etwas in sich Abgeschlossenes, uns speziell

Ausmachendes und Angehörendes sei und nicht vielmehr, ebenso wie

unser Körper, ein sich täglich, stündlich Erneuerndes, Ergänzendes,

über seine Grenzen Hinüberflutendes und von allen Seiten in sich

Aufnehmendes, ständig Wachsendes und Gebendes.

Haben wir uns aber erst zu dieser Anschauung durchgerungen, so

verliert ebenso der Tod seine Schrecken, wie das eigene Ich dieses

überwiegende Interesse, das wir ihm heute schenken. Wir sind vielmehr

gezwungen, uns mehr für die zu interessieren, von denen wir ständig

neue Seelenbestandteile, wenn ich so sagen darf, in uns aufnehmen, als

auch für die, in die Teile von uns ständig übergehen. Ja, es wird

unser ernstestes Bestreben werden, möglichst viele solcher Seelenteile

von außen in uns aufzunehmen und auf andere wieder zu übertragen, da

wir sehr bald einsehen lernen, daß hierin vor allem und in denkbar

schönster, vollkommenster Weise das Leben besteht.«

Mir war eigen zu Sinn. Nun entwickelte mir hier, mitten auf dem Ozean,

ein Fremder diese innersten Gedanken meiner Seele, und noch dazu so

klar und sicher, als ob sie bereits Gemeingut der ganzen heutigen

Menschheit seien.

* * * * *

Ich saß in meiner Kabine und blätterte in Zeitungen aus der Heimat,

die ich in Pará noch an Bord bekommen hatte. Meine Gedanken weilten

noch bei den Gesprächen mit unserem Amerikaner. Wir waren wiederholt

auf die Arbeiterversicherungen gekommen. Ich hatte ihm meine Pläne

von der Vereinfachung und dem Ausbau dieser Versicherung zu einer

deutschen Volksversicherung erzählt. Er war ganz meiner Ansicht, daß

wir danach streben müßten, unser an sich schon kompliziertes modernes

Kulturleben großzügiger, einfacher zu gestalten und begrüßte daher

meine Vorschläge als wertvollen Anfang in dieser Richtung. Und nun

las ich hier: »Die neue Reichsversicherungsordnung. Es heißt nicht

mehr Arbeiterversicherung, weil eine ganze Reihe weiterer Berufszweige

einbezogen wird, Lehrer und Beamte mit kleinen Gehältern; sie will

endlich auch die Versicherung der landwirtschaftlichen Arbeiter

und der Dienstboten von Reichs wegen sicherstellen.« Soweit wäre

nun der Widerstand der Konservativen gebrochen, und diesen beiden

großen Gruppen von Arbeitenden, die bislang zum größten Teile dem

patriarchalischen Wohlwollen preisgegeben waren, endlich Gerechtigkeit

geschehen. Nun, -- meine Rechtsanwälte haben auf meine Kosten manchen

Strauß ausfechten müssen, um armen Dienstmädchen zu ihrem Rechte gegen

dieses »patriarchalische Wohlwollen« zu verhelfen, das nur zu oft

gerade dann versagte, wenn Krankheit die Ärmsten arbeitsunfähig gemacht

hatte.

Ja, stoß nur, Kolben, wirbele nur, Schraube, -- unser Schiff geht

vorwärts, -- ich fühle es hier in der Kajüte, mag der Nordostpassat

auch noch so ungebärdig sich entgegenstemmen. Und was du, eiserner

Kolben, dem Schiff bist, das ist für das Vorwärtskommen der Menschheit

die Kraft der Wahrheit und der Liebe.

Der Durst nach Gerechtigkeit in der Nation wächst. Der Wille ist da. So

wird auch der Weg gefunden werden zur Gerechtigkeit.

Aber das ist köstlich, -- das alte Gesetz hatte schon rund 900

Paragraphen, das neue gar 1793 Paragraphen! Herrgott, -- das haben

gewiß 1793 Geheimräte fabriziert! Und im Geiste sah ich 1793

Allongeperücken mit langen Zöpfen. Das Bild war so lustig, daß ich laut

zu lachen anfing.

Da schaute mein Kapitän herein: »Was lachen Sie denn, Doktor?« Ich

erzählte ihm von dieser drohenden Mißgeburt und erinnerte ihn an das

Wort Bismarcks, »Deutschland wird noch an seinen Geheimräten zugrunde

gehen.«

Er nahm aber meinen Arm unter den seinigen und zog mich auf die

Kommandobrücke. »So,« sagte er, »hier oben unter der Sonne, im Sturme

berichten Sie mir von Ihrem Plane, wie Sie sich die Sache denken.«

Er mußte mir recht geben: ein Kaufmann, der sein ganzes Leben schwer

gearbeitet hat und nun Bankerott macht, weil ein Bankhaus falliert,

mit dem er geschäftlich verbunden war; ein Fabrikant, der sich ehrlich

bemüht und fleißig geschafft hat, der sein Vermögen verliert, weil

irgend eine unvorhergesehene Konjunktur seine Industrie lahmlegt; der

Arzt, der durch Krankheit seine Tätigkeit einbüßt; der Künstler, den

sein Genie über die Grenze menschlichen Könnens hinausführte und ihn in

Trübsinn warf, daß seines Schaffens Kraft gelähmt wurde: wer sorgt für

sie in Krankheit und Alter? Für jeden Arbeiter, für jedes Dienstmädchen

soll gesorgt werden. Das ist gut, war längst notwendig, -- aber wer

sorgt für alle diese anderen?

Deswegen müssen wir eine deutsche Reichs- oder Volksversicherung haben,

in die jeder Deutsche vom vierzehnten Lebensjahre hineinzuzahlen hat,

wes Standes er sei, an die er aber erst Ansprüche stellen darf, wenn er

unter 2000 Mark Jahreseinnahme hat. So wäre für die Schwachen gesorgt

durch die Starken und für die Starken, wenn sie einmal schwach werden.

Und statt der 1793 Paragraphen brauchten wir nur diesen einen.

In diesem Augenblicke drückte der Sturm das Schiff mit seinem Bug in

die Wogen, daß der kornblumenblaue Schaum hoch über das Deck spritzte,

und die fliegenden Fische erschreckt nach beiden Seiten über das Meer

glitzerten. Sekundenlang schnarrte die Schraube hinten in der Luft, und

seufzend stampfte der Kolben, bis endlich das Schiff wieder Fuß in den

Wellen gefaßt hatte und seinen Kurs wieder aufnahm.

Schon lange hatte ich am fernen Horizonte einen leichten, grauen

Streifen betrachtet, der wie eine Fata Morgana bald schwand und bald

wieder sichtbar war, einer Nebelbank gleich, die über den Wogen zu

ruhen schien. Aber nun wuchs das wolkenartige Gebilde. Es nahm Formen

an, Bergketten ähnlich. Die Formen erhielten Farbe, das nebelhafte

Grau wich helleren Streifen und dunkleren Schatten, -- es war kein

Zweifel mehr: vor uns lag Madeira. Dort oben, zum Teil im Sonnenlichte

glitzernd, zum Teil von Nebelwolken verhüllt, der ewige Schnee jenes

höchsten Gipfels, von dem aus ich Befreiung erlangt hatte von der Qual

meiner Seele.

Und nun, am Fuße der Bergketten hier und da grüne Streifen, dazwischen,

wie aus einer Spielzeugschachtel entnommen, Häuschen, Dörfer, und nun,

in großem Bogen dem Meere angelagert, die Hafenstadt Funchal.

* * * * *

Kaum hatten wir Anker geworfen, so waren auch die Händler schon

wieder an Bord mit Stickereien und Goldwaren, Spielzeug, aus seltenen

Hölzern geschnitzt, und anderem Tand. Ich kaufte ein für meine Lieben

daheim, was mir gefiel. Nur für mein Weib fand ich nichts, was mir gut

genug schien. Und doch, -- da oben in meiner Kabine lagen eine Anzahl

Blätter, auf denen hatte ich festgehalten, was Sturm und Sonne mich

gelehrt auf der Reise, -- der »Sonnenscheinsamen«, der mir geworden war

in fremden Landen und auf dem unendlichen Ozean.

* * * * *

Ich fuhr mit einem der zahlreichen Boote an Land, -- einmal wollte

ich noch das Tal des Vergessens erleben, in dem ich damals den

österreichischen Kollegen entdeckt hatte. Ein gutes Pferd war bald

gesattelt und in scharfem Trabe ritt ich die mir bekannten Pfade ins

Gebirge hinein.

War niemand in der Zeit dorthin gekommen in diese Einsamkeit? Oder

hatten Dankbarkeit und Pietät der Anwohner gegen den einstigen Besitzer

das verlassene Häuschen mit einer Art heiliger Scheu beschützt? Ich

fand noch alles genau, wie wir es seinerzeit verlassen. Nur der Garten

war zu einer Art Wildnis ausgewachsen, so daß das Haus völlig versteckt

in einem Walde von Bananenbüschen, Kamelien und Rhododendron lag, das

Ganze mit wilden Rosen, Wein und Efeu überrankt, wie das Zauberschloß

Dornröschens.

Und wie ich auf einem moosübersponnenen Stein dasaß in der Wildnis,

tauchte noch einmal der ganze Zauber der Geschichte meines Freundes

wieder vor mir auf, sein Leid, seine Liebe, seine Lieder.

Und unwillkürlich mußte ich eines Weibes gedenken, das mir selbst vor

langen Jahren wie ein guter milder Stern erschienen war, an die ich

geglaubt, und zu der ich gehofft hatte, und die mir dann schweres,

bitter schweres Leid angetan. Ich hatte sie ausgemerzt aus meinen

Sinnen, -- doch wunderbar, hier in dieser märchenhaften Einöde, hier

kam mir unwiderstehlich die Erinnerung und mit dieser das Bewußtsein,

daß sie der Hilfe bedürftig sei. Da schwand der letzte Rest von Haß und

Groll aus meinem Herzen, und das Gefühl drängte zur Tat, ihr helfen zu

müssen um jeden Preis. Ja, -- das wollte ich, sobald ich daheim war.

Und von dem einstigen Besitzer des Hauses zogen die Gedanken zu den

anderen, die damals mit hinausfuhren: alle, alle kamen sie noch einmal

im Geiste und grüßten mich, ehe ich von dem blauen Ozean, der uns nun

trennte, Abschied nahm. Und leise, leise hörte ich aus weiter Ferne ein

weiches brasilianisches Lied und sah ein paar glückliche Mutteraugen

auf einem prächtigen Krauskopfe ruhen. -- -- --

Da horch, -- vom Hafen her, wie ein störendes Aufwecken aus seligem

Traume, drei schrille, doch nur zu bekannte, langgezogene Töne unserer

Nebelpfeife, -- das Zeichen meines Kapitäns, daß es Zeit zum Aufbruche

sei.

Mir war es die Stimme der Pflicht, die mich aus weichen Träumen zur

Arbeit, zu neuem Leben rief. Fort, ihr romantischen Zauber, die ihr so

süß seid und die Wunden der Seele so wonnig zu heilen versteht. Das

Leben verlangt mich, die Arbeit, die Tat. Denn nur Arbeit, strenge,

ernste, ausharrende Arbeit führt zum Ziele.

Hellauf wieherte mein Pferd, als ich im Bügel saß. Die Studentenzeit

tauchte noch einmal vor mir im Geiste auf. So hoffnungsfroh war mir

zu Sinn. Während ich in der Richtung nach dem Meere zu durch die

Schluchten Madeiras ritt, sang ich mein altes Reiterlied, das ich als

fröhlicher Bruder Studio so oft gesungen hatte, wenn ich auf meiner

Schimmelstute durch Marburgs Wälder und Berge geritten war. Und ich

sang mein Lied von Anfang bis zu Ende:

Ich reite über die Felder

Im hellen Sonnenschein,

Bin frohgemut im Herzen

Und bin doch so allein!

Der Wind streicht über die Heide;

Ich merk's an seinem Duft!

Mir ist's, wenn ich ihn trinke,

Als ob mich die Liebste ruft!

So reit' ich über die Berge

Und durch manch tiefes Tal,

Ihr Bild in meinem Herzen,

Bis sinkt der Sonne Strahl.

Bald sinkt die Nacht hernieder,

Die bringt mir der Freuden viel.

Ich reite unverdrossen,

Bis ich an meinem Ziel.

Mein Ziel? -- Was war mein Ziel? -- Mein Heim stand fest begründet.

Darinnen erwartete mich mein Weib und die blonde Schar meiner Kinder,

meine schlanken Mädchen und meine starken Buben. -- Größer noch war

mein Ziel, -- so groß, daß es mich schier erdrückt hätte: meinem Volke

hatte ich helfen wollen nach meinen Kräften aus seiner Not, seinem

Elend. Und dabei hatte ich mich müde und krank gearbeitet, und bitter

gering hatte mich der Erfolg meiner Arbeit gedeucht, -- zum Verzweifeln

gering.

Aber da oben auf dem schneebedeckten Berge, da war es mir klar

geworden, daß der Wille von uns Menschen größer ist, als alles Elend

der Welt, daß der Geist mächtiger ist, als alle sogenannte Macht. Denn

der Geist ist Liebe, und die Liebe stammt von Gott, dem allumfassenden,

allmächtigen Geiste. So muß der Wille, der von der Liebe erfüllt ist,

alles erreichen können!

So kam es denn nur darauf an, mit diesem Geiste diejenigen zu erfüllen,

die an der Spitze des Volkes stehen, das ganze Volk, vor allem sich

selbst erfüllen: dann mußte es anders werden.

Ich hatte erkannt, daß jeder Mensch sein Leid, seine Bürde hat. Daß

aber ein froher Wille uns frei macht auch von dieser Bürde.

Die Weite der Erde hatte ich erkannt, und wie sie noch Platz hat für

uns alle.

Und wohin ich kam, hatte ich die große, allumfassende Liebe gespürt,

die das Weltall regiert. Aus aller Herren Länder hatte ich Atemzüge

dieser Liebe empfunden und war erwärmt und gestärkt von den Wellen

warmen Geistes, die von dieser Liebe ausgingen. Was Wunder, daß ich mit

neuem Mute meinem Ziele entgegenstrebte.

So kam ich zum Hafen. Dem braunen Burschen übergab ich das Pferd, und

dann aufs Schiff.

* * * * *

Dunkel drohte der Himmel. Ich hatte, in Sinnen verloren, nicht bemerkt,

daß ein schweres Gewitter heraufzog. Schon fielen dicke Tropfen.

Heulend brauste der Sturm los, während wir die Anker lichteten. In

finstere Nacht versunken lag das schöne Madeira. Kaum sah man hier und

da ein Lichtlein blinken. Dumpf rollten die Donner von Berg zu Berg,

gespenstisch durchglühten Blitze die Finsternis.

Da -- ein scharfer Blitz, ein Krachen, ein Splittern, als ob der Himmel

einstürzen wollte, -- plötzlich sah ich in der Richtung, aus der ich

soeben gekommen, eine Flamme auflodern, fern oben in den Bergen.

Dort droben in der Richtung des Feuers lag der Gletschergipfel und

an seinem Fuße das Hüttchen, in dem ich noch soeben geweilt. Weit

und breit war kein anderes Haus. Kein anderes konnte es sein, das der

Blitz sich ausgewählt. Nun sah man deutlich im Scheine der Flammen auf

einen Augenblick die Umrisse erschimmern. Dann sank die Glut in sich

zusammen, und dunkele, stille Nacht lagerte sich über die Insel.

Wir aber fuhren Volldampf voraus, der Heimat entgegen.

* * * * *

In meiner Kabine lag reiche Post, Briefe und Zeitungen, sorgfältig von

liebender Hand gesichtet, aus langer Zeit angesammelt.

Wie schnell doch die Menschen heranreifen!

Meine Älteste will sich mit dem blonden Studentlein, der ein tüchtiger

Arzt geworden, verheiraten, nach dem Osten des Vaterlandes, dort, wo

der Slawenansturm unsere deutsche Kultur schon zu bedrängen droht!

Recht so -- das nenne ich Liebe zum Vaterlande durch die Tat. Helft nur

mit eurem Leben und eurem Blute dort die Grenzwache verstärken und den

germanischen Schutzwall.

Und mein Ältester, -- das freut mich, -- von unten auf! Willst du

Baumeister werden, mußt du erst wissen, wie der Mörtel gemischt wird

und die Steine gesetzt werden, und lernen, wie es tut, in Sonne und

Regen mit gekrümmtem Rücken den Tag über stehen, und die Hände rühren.

Höre von Mund zu Mund, wo unser Volk der Schuh drückt, -- und hilf ihm

später. Ich wollte, daß auch unsere Fürsten solche Lehrzeit von unten

auf durchzumachen hätten!

Und die Emma? Ist am Rhein, lernt Obstbäume ziehen und Gemüse bauen.

Ja, -- wurzele nur mit beiden Beinen und deiner ganzen Seele im Reiche

der Natur, erkenne ihr weises Walten, erstarke dabei an Leib und Seele,

und zeige den anderen Frauen und Mädchen später den Weg zur Gesundung,

damit wir herauskommen aus diesem faden, schwächenden Genußleben von

heute. So tust du eine Kulturtat, so groß, daß du ihre Wellenringe

heute noch nicht ahnen kannst.

Ich träumte lang, mit dem Briefe meines Weibes in der Hand, -- sah im

Geiste meine drei jüngsten Buben bei ihren Büchern sitzen, sah sie

ihre Schiffe bauen und ihre Kähne zimmern, sah mein Weib meine Kranken

trösten und Sonnenschein ausgießen über die Menschen. Alles, was sie

schreibt, ist erfreulich, erwärmend, um sie herum ein Kreis sonniger,

gütiger Menschen. Die reiche Nachbarin, die elf Kinder hat, hat bei dem

Schneewetter einen ganzen Waschkorb voll alter Kinderstiefel geschickt.

Bald ist's im Dorfe ruchbar geworden, und nun ist eine Völkerwanderung

losgezogen von armen Leuten, die Schuhzeug für ihre Kleinen bei uns

haben konnten.

Der Dölke, der Nachbar von meinem Freunde Maurer, ist seinem

Krebsleiden endlich erlegen. Da hat denn Tante Olly, die vorher schon

mit Bettzeug und Mietegeld ausgeholfen hatte, weil die Krankenkasse

abgelaufen war, mit ihrer Schwester für die Hinterbliebenen einen

musikalischen Abend veranstaltet; alle Freunde und Verwandten sind

geladen worden. Die dritte Schwester hat an der Kasse gesessen, und

jeder hat sein Scherflein beisteuern müssen. Sechshundert Mark haben

sie zusammengebracht. Tante Olly hat einen Prolog gesprochen, weil die

Schwester sich gar soviel Mühe gegeben hat. Den hebe ich mir auf!

Aber die Olly ist stecken geblieben, so hat sie die Rührung gepackt.

Das ist doch ein anderes Wohltätigkeitsfest, als die sonst üblichen

Basare mit Putz und Flirt. Ich sehe sie vor mir, diese warmherzigen

Frauen, -- da ist nichts von Eitelkeit und Zurschaustellen. Da ist

alles Herz und Liebe. Ein Fest sei es gewesen, so recht nach meinem

Geschmack, alles äußerliche, Bewirtung und Bedienung, so einfach wie

möglich, aber alles Frohsinn, Kunst und Liebe, -- ein Fest im Geiste

einer neuen, schönen Renaissance.

Noch einmal griff ich nach dem Briefe aus der Heimat, da, auf einer

Seite, die ich vorhin übersehen:

»Und nun noch eine ganz besonders große Freude für Dich. Erinnerst

Du Dich noch des Eisenfabrikanten aus der Stadt, dem Du beim Notar,

als Du das letzte Stück Land für Deinen Bauverein kaufen wolltest,

das halbe Prozent Zinsen abbetteltest? Du warst so glücklich

darüber, hattest ihm klar gemacht dabei, wie wichtig es für die

Arbeitgeber sei, gesunde, tüchtige, zufriedene und glückliche

Arbeiter zu beschäftigen, statt eines in den dumpfen Höfen der

Großstädte verkümmerten und verbitterten Proletariats, und wie es

Dir gelungen sei, in Deinem Bauverein hier draußen, eine ganze Reihe

solcher unglücklichen Familien wieder aufwachen zu sehen zu neuem

Menschendasein. Und dann hatte er Dich acht Tage später gebeten,

da ihm deine Worte als Samenkorn in die Seele gefallen waren, im

Verein der Industriellen einen Vortrag zu halten über dieses Dein

Lieblingskapitel. Weißt Du es noch? Denk' Dir nur, wie die Saat

aufgegangen ist! Die Stadt hat die ganze große Heide aufgekauft!

Und Dein Freund von der Wandsbecker Gartenstadtgesellschaft, für

die Du damals den ersten Vortrag hieltest, um die Menschen für

diesen neuen Gedanken zu gewinnen, der wird auch dort helfen, eine

Arbeiter-Gartenstadt zu erbauen, wie es heißt für zwanzigtausend

Familien, mit Einzelhäuschen, und alle im niedersächsischen

Heimatstil. Was sagst Du nun dazu?« -- -- --

Wie eine Woge von warmem Sonnenschein durchflutet es mich: Hei, wie der

Samen der Liebe aufgeht! Ich muß wieder heim, muß wieder dazwischen

sein! Mein Herz verlangt nach Frohsinn, Kunst und Schaffen in Liebe.

-- --

* * * * *

Die Nacht ist längst hereingebrochen. Ruhiger ist das Meer, kraftvoll

durchschneidet unser Schiff die Wogen, lind zieht die Luft in meine

Kabine, durch deren offene Tür die Sterne zu mir hereinfunkeln.

Ich kann nicht schlafen. So greife ich denn zu meinen Zeitungen.

Herrgott -- was ist das? -- Der Kaiser hat einem englischen

Berichterstatter sein Herz ausgeschüttet, -- er wolle Frieden mit

England um jeden Preis. Er habe sogar den englischen Feldherren damals

im Burenkriege den Feldzugsplan geschickt, nach dem die unglücklichen

Afrikaner dann besiegt wurden, -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- nein,

nein und tausendmal nein, das ist nicht wahr, das hast du nicht getan,

Kaiser, -- so klein, so -- -- so kannst du nicht sein.

Aber zuviel geredet hast du, Kaiser, und nun kommen sie und schieben

dir Dinge unter, die du nicht getan und nicht gesagt hast, -- und du

als Kaiser kannst dich nicht verteidigen, kannst dich nicht mit dieser

Preßmeute herumzanken und sagen, das habe ich gesagt und getan, und das

habe ich nicht gesagt und nicht getan. Oh, ich weiß es, drüben über

dem Kanal, da neiden sie dich uns und wollen Katzenhaare säen zwischen

dich und uns, damit du wehrlos seiest ohne dein Volk, und dein Volk

führerlos ohne dich.

Doch du tust das, was du allein als Kaiser tun kannst: du schweigst.

Oh, das ist schön, ist groß von dir, -- nun kann ich dich wieder lieben

wie zuvor, und über die Wogen des Ozeans hinüber fühle ich -- sie alle

lieben dich nun wieder wie zuvor um dieses deines Schweigens willen!

Nun bist du wieder unser Kaiser! Und hast du auch zehnmal verkehrt

gehandelt, du bist ein Mensch, warum solltest nicht auch du dich irren

können? Allein diese Leute von der Feder, die angeblich deutsche

Politik treiben wollen, aber an einem Strange ziehen mit deinen

Verleumdern jenseits des Kanals, sie sollen dich uns nicht verleiden,

damit sie ihr Geschäft machen; -- sie können uns dir nicht abspenstig

machen, -- denn du bist aus unserem Stamme und unser Fürst, unser

Kaiser, und sollst es bleiben!

Aber warum die lauten Feste, Kabaretts und Narrenspossen in so ernsten

Tagen, in denen dein Volk um dich bangt? Haben sie dir die Wahrheit

vorenthalten, deine sogenannten Freunde? Es kann nicht anders sein! Und

da, -- in deiner schwersten Stunde, während dein Volk entsetzt über

das, was ihm zu Ohren gekommen, im Reichstage über dich zu Gericht

sitzt, -- beim glänzenden Festmahle -- fern von deiner Hauptstadt

-- dein Flügeladjutant tot, -- dein bester Freund, -- tot von der

Tafel gesunken -- die Hand erstarrt, die eben noch den Sektpokal

umklammert hielt, -- der schöne, kraftvolle Mann! -- Armer Kaiser, --

deine Freunde holt das Geschick dir weg, als ob sie aus Unkrautsamen

hochgeschossen seien! Armer, armer Kaiser! -- --

Sei froh, Kaiser, -- es waren keine Freunde! Feinde waren es, die dich

umsponnen hatten und dich blind gemacht! -- -- -- --

Ich aber gedenke meines Traumes, damals nach der Kaiserparade, --

als ich die lange Tafel sah, an der unser Volk zechte, und oben

saß der Kaiser. Und als er das Sterben an der Tafel sah und den

Verwesungsgeruch roch von den Leichen, die beim langen Mahle zu Boden

gesunken waren, da stand er auf und schritt über die Brücke. -- --

Kaiser, mein Kaiser, wann stehst du von der Sterbetafel auf und

schreitest über die Brücke in das Tal der Liebe und der Tat? -- --

* * * * *

Die Nacht ist wundervoll. Sternenklar der Himmel, maienlinde die Luft,

blausilbern das leichtbewegte Meer. Ich gehe zur Brücke hinauf. Unser

erster Offizier Stockhorst hat die Wache. »Nun sind wir bald heim,«

flüstert er, sich die Hände reibend. »In zwei Tagen Lissabon, dann die

Biskaya, Vigo, Havre, Rotterdam, -- die Nordsee, unsere Elbe --« »Halt

ein,« falle ich ihm ins Wort, »es ist zu schön, um es auszudenken, --

und über allzu Schönem in der Zukunft soll man die schöne Gegenwart

nicht vergessen.«

Nach einer Weile Schweigen berichtete er mir denn aus seinen Zeitungen

von dem entsetzlichen Erdbeben in Messina: »Zweimal hunderttausend

Menschen mit einem Schlage tot, eine ganze große Stadt mit einem Male

ein riesiger Trümmerhaufen, ein unsagbar furchtbarer Kirchhof!« --

»Warum?« -- »Ich bin dagewesen,« brach er los mit ungestümer Kraft.

»Ein Gottesgericht möchte ich es nennen. Die Menschen wußten doch,

auf welch gefährlichem Boden sie wohnten! Warum mußten sie denn die

Bevölkerung in diese steinernen Massenquartiere zusammenpferchen?

Hätten sie die Bevölkerung auseinandergezogen, nach Art der neuen

englischen Gartenstädte, nicht die Hälfte, nicht der zehnte Teil des

Unheils wäre erfolgt. Aber der Bodenwucher, die Profitsucht hatte

sie alle geblendet. So eng mit Mietskasernen besetzt, brachten die

städtischen Grundstücke ungeheuren Zins.«

Da dachte ich an meine Vaterstadt und das Unglücksjahr 1892, als

der Würgengel Cholera in wenigen Tagen die Tausende von Menschen

dahinraffte, und an die Gängeviertel mit ihren Proletariermassen und an

das schmutzige, verpestete Wasser der Elbe.

»Aber großartig«, fuhr unser Friese fort, »war die Hilfeleistung von

allen Nationen. War noch kein Unglück, das die Menschheit betroffen,

so groß gewesen, wie dieses, so waren die Völker noch nie so einig

im Liebeswerk gewesen, wie hier. Gelt, Doktor, wenn wir gerade im

Mittelmeer gewesen wären, wir wären auch gleich hingefahren und

hätten mitgeholfen, so gut wir konnten?« Ich nickte nur und drückte

ihm die Hand. In meinem Sinne dachte ich daran, wie dieses furchtbare

Unglück Wellenkreise der Liebe gezogen hatte, die nie vergehen können,

Freundschaftsbande unter den Nationen geknüpft hatte, fester, inniger,

als irgend eine Predigt es vermocht hätte. So mußte auch wohl dieses

große Unglück im Weltenplane vorgeschrieben sein, ohne dessen Gesetz

nichts geschieht, vorgesehen, um die Menschheit ihrem großen Ziele, in

Liebe vereinigt zu sein, näher zu bringen. -- --

* * * * *

Am anderen Morgen tauchten die neuen Passagiere auf, die wir in Madeira

spät abends an Bord genommen hatten. Ein Kommerzienrat aus Dresden, der

mit seiner Tochter auf Madeira zur Kur geweilt hatte, um die Nachwehen

eines schweren Unfalles ausheilen zu lassen. Das Automobil seines

besten Freundes daheim hatte ihn auf der Straße überfahren und ihm ein

paar Rippen gebrochen.

Mit Ingrimm gedachte ich bei seiner Erzählung dieser rasselnden und

stinkenden Ungeheuer, in denen, wie unser Amerikaner sarkastisch

bemerkte, vorzugsweise Menschen führen, die sehr viel Zeit haben:

Reiche Damen, junge Gecken, Demimonde und dergleichen an Muße reiche

Menschenkinder, die nun in ihrem Übermenschendünkel nichts Besseres

zu tun haben, als ihre weniger wohlhabenden, auf der Chaussee

dahinhastenden oder zur Erholung schlendernden Mitmenschen in graue,

benzinduftende Staubwolken zu hüllen.

Und im Geiste sah ich einen endlosen Totenreigen, von Chausseestaub

eingehüllt, von Reichen und Armen, von Greisen und Kindern, von Blinden

und Trunkenen, lauter Opfer des Automobilsports, und hörte endlose

Schmerzensschreie und Flüche von vereinsamten Müttern.

»Gott sei Dank«, fügte die Tochter des Amerikaners hinzu, »wird

neuerdings bei uns in Amerika jeder, der durch zu schnelles Fahren

einen Menschen tötet, kurzerhand wegen Totschlags bestraft, und ein

Chauffeur, der das Auto seines Herrn ohne dessen Erlaubnis aus der

Garage nimmt, um auf eigene Faust auf demselben Vergnügungsfahrten zu

unternehmen, wegen Diebstahls, weil man beobachtet hat, daß gerade bei

solchen Fahrten dieser rücksichtslosen Menschen das meiste Unglück

passiert!«

Sodann war ein junger Arzt aus Südwestafrika aufs Schiff gekommen, ein

paar Franzosen und Belgier aus dem Kongogebiete, feine, schneidige,

jüngere Leute, dabei bescheiden und zurückhaltend und ein besonders

angenehmer Landsmann in mittleren Jahren, der Sohn eines Hamburger

Senators, der, von Ostafrika kommend, den Seeweg durchs Mittelmeer

genommen hatte, um in Madeira Zwischenstation zu machen, ehe er in

seine nordische Heimat zurückkehrte.

Ich erkundigte mich bei den Belgiern und Franzosen nach dem

Gesundheitszustande in ihren Kolonien. »Uns geht es dort

ausgezeichnet«, erwiderten zwei von ihnen in gutem Deutsch und

lächelten dabei vielsagend. Ich fing den Blick auf und fragte, was sie

mit der eigentümlichen Betonung des Wortes »uns« sagen wollten. »Eh

nun,« sagte der Belgier, »die Deutschen sterben bei uns fast alle an

der Malaria und am gelben Fieber.«

»Und warum?« »Sie können das Trinken nicht lassen, Bier und Wein und

Whisky mit Soda; dazu essen sie viel zu viel Fleisch und vor allem die

in den Tropen so überaus schädlichen Konserven, Wurst, Schinken und

Büchsengemüse. Wir leben wie die Einheimischen dort von den Gemüsen und

Früchten des Landes, Brot und Reis, etwas Fisch, ab und zu ein Huhn,

und unser Getränk ist Milch, Kaffee, Tee oder Limonade aus unseren

Früchten.«

Mein junger Kollege aus Südwest sprang erregt auf und sagte:

»Meine Herren, Sie haben völlig recht. Ich selbst habe das Glück

gehabt, zeitig durch einen vortrefflichen Landsmann, den deutschen

Regierungsarzt +Dr.+ Külz in Kamerun, über diese wichtigen

Fragen aufgeklärt worden zu sein, der seit zehn Jahren in unseren

Kolonien tätig ist und durch unausgesetzte Aufklärungsarbeit dort

unendlichen Segen stiftet. Er ist einer der wenigen Deutschen dort,

der absolut enthaltsam lebt und infolgedessen in den ganzen Jahren

nicht einmal krank gewesen ist, während fast alle übrigen Deutschen

durch Malaria und gelbes Fieber schwer zu leiden haben. Aber was soll

der einzelne machen, solange in Berlin in unseren leitenden Kreisen

eine solche schülerhafte, ja, ich möchte sagen frivole Unwissenheit

über diese Frage herrscht. Hören Sie nur den Bericht über eine Rede

des Staatssekretärs Dernburg, die ich soeben in einer meiner deutschen

Zeitungen fand, die meine Mutter mir nach Madeira nachgeschickt

hat. Dernburg hat diese Rede am 21. Januar in der deutschen

Kolonialgesellschaft in Gegenwart des Kaisers im Plenarsitzungssaale

des Reichstages gehalten:

›Die Tausende Bastardkinder machen einen geradezu schmerzlichen

Eindruck. Die Eingeborenenverordnungen, die das Verhältnis der

Schwarzen und Weißen regeln, müssen im wesentlichen aufrechterhalten

bleiben. Der Schwarze wünscht eine Autorität über sich, die ihn

verständig leitet. Da die Ansiedler in Südwestafrika eine dauernde

Heimat für ihre Kinder und Kindeskinder suchen, wird ein Ausgleich

ihrer speziellen Farminteressen und der allgemeinen Interessen

leicht zu erreichen sein. Die meiste Bevölkerung gibt in der Heimat

sehr vieles auf. Der einzige Ort zum Austausch der Gedanken und zu

geistiger Anregung ist in Südwestafrika das Wirtshaus, daher ein

enormer Alkoholkonsum; außer Spirituosen und Wein für 7000 erwachsene

Männer jährlich 35000 Hektoliter Bier. (Große Heiterkeit, in die auch

der Kaiser einstimmt.) Damit vergleiche man, daß auf der vorjährigen

Münchener Ausstellung nur 8600 Hektoliter Bier ausgeschenkt wurden.

(Erneute Heiterkeit.)‹«

Der Leser schwieg tiefaufatmend. Ein schwüles Schweigen herrschte in

unserem kleinen Kreise. Mir schwindelte. Ich stand im Geiste wiederum

auf dem Bergesgipfel von Madeira und reckte meine Hand nach ihm aus,

der so viel Unheil verhüten konnte, und es nicht tat. -- Kaiser, mein

Kaiser, wie konntest du lachen, wenn der Mann, den du zur Erkundigung

unserer Kolonien hinausschicktest, so entsetzlich beschämende Dinge

mitteilt! -- -- Du hast nicht gelacht. Die Zeitung lügt einmal wieder.

Oder hast du die Opfer vergessen, die unser Feldzug in Südwest gekostet

hat, all dieses gute deutsche Blut, was dort geflossen ist?

Du hast es gelitten, daß den Hereros, die vor der Zeit, ehe wir ihnen

»unsere Kultur« brachten, ein fleißiges, starkes, gesundes, nüchternes

Volk waren, schiffsladungsweise der von unseren adligen Herren und

Schnapsbrennern gebrannte Sprit hinübergebracht wurde. Wir haben diese

Wilden, die uns fleißige Arbeiter in diesem heißen Klima hätten werden

sollen, zu faulen Bestien gemacht, ihre Häuptlinge zu Trunkenbolden, --

deine eigenen Behörden in unseren Kolonien haben ihnen den Branntwein

verkaufen helfen und die Gewehre dazu, mit denen sie dann die Söhne

unseres Landes aus dem Hinterhalt niederknallten, als ihnen in ihrer

Verkommenheit der Durst nach der alten Freiheit -- Freiheit von

»unserer Kultur!« -- aufdämmerte! Und als der Mann, den du selbst

hinübergeschickt hast, dich über all das Unheil, was dort herrscht,

durch uns dort herrscht, unterrichten will, -- da lachst du mit der

Menge, wie ein unwissender Knabe, -- Kaiser, mein armer Kaiser, --

wieviel mußt du noch lernen! -- -- -- -- -- --

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 18 / 39 题