Könige, wieviel müßt ihr noch lernen! -- -- -- --

Die Maschine singt und klingt, sie geht ihren Takt, leise, regelmäßig,

nach den eisernen Gesetzen ihrer Seele, die der Künstler, der sie

erbaute, ihr einflößte mit Hilfe seines Denkens.

* * * * *

Das Meer war spiegelglatt. Beinahe geräuschlos durchschnitt unser

Dampfer die Wogen. Leise, wie vergeistigt, arbeitete die Maschine:

ruhig und doch unwiderstehlich der Kolben, unaufhaltsam das große

Schwungrad, treu und sicher die kleinen Zahnräder.

Und wenn meines Lebens Werk auch nur der Arbeit des kleinsten dieser

Räder gliche, jedes kleinste Rad lehrt es mich: die treue Erfüllung

jeder kleinsten Pflicht ist notwendig, um unsere Kultur vorwärts

zu bringen, auch die schwächste Kraft hat ihre Aufgabe, die sie zu

erfüllen hat, -- ohne Reibung.

Und nun schau einer dieses Geschreie und Gelärm in unserer Nation,

sobald irgend etwas Notwendiges, irgend etwas, was dem Ganzen

frommt, das Ganze fördert, durchgesetzt werden soll: da klagen die

Konservativen über die Erbschaftssteuer, -- sie wollen nichts missen

vom Ererbten -- da die Freisinnigen und die Brauer und die Tabakhändler

über Bier- oder Tabaksteuer, die Sozialdemokraten über Bevormundung,

die Brenner über die Branntweinsteuer, -- keiner will sich einfügen,

keiner geben, alle wollen den Nutzen vom Reiche, vom Ganzen, von

den anderen, einerlei, ob sie damit dem Ganzen, den anderen schaden

oder nicht. So werden unsere Flüsse zu Kloaken, unsere Städte zu

menschenmordenden Massensiedlungen und unser Volk in weiten Schichten

zu Proletariat. Und ihr, ihr alle seid schuld daran!

Wir brauchen heute, um die soziale Frage zu lösen, unsere Kultur

vorwärts zu bringen, nicht so sehr neue Gesetze, als neue Menschen,

Menschen mit neuem Pflichtgefühle dem Ganzen gegenüber, Menschen, die

wissen, daß sie kleine und große Räder sind in der großen Maschine

unserer Kultur, unserer Nation, daß sie totes Eisen sind, wenn diese

große Maschine jemals still stehen würde. Aber sie müssen lernen, Räder

zu sein, die still und treu ohne Reibung ihre Pflicht tun. Denn so

unerbittlich erheischt es das Leben des Ganzen. --

Kaiser, -- hierher, an die Maschine!

Sieh, du bist der Kolben; -- hier das große Schwungrad ist unser

Reichstag.

Kultusminister, du bist der Maschinist! Hast du deine Räder, deine

Lager, deine Kolbenstange mit hingebender Liebe geölt, wie jener treue

Mann da unten im Schiffsraum? Hast du es nicht getan, so warst du ein

schlechter Maschinist im Schiffe unserer Nation. Oh, geh in dich, und

nimm deine Ölkanne und lehre deine Räder, die großen und die kleinen,

wie sie ohne Reibung ihre Pflicht zu tun haben; -- aber nimm das Öl der

Liebe, denn alles andere wird ranzig und frißt den Stahl unserer Kraft.

--

Mir fiel der Balte wieder ein und sein an Liebe bares Vaterland. Ich

sah im Geiste das tote Eisen der russischen Schiffe in den vereisten

Häfen der Ostsee und auf dem Boden des japanischen Meeres. Sie waren

ohne Liebe gebaut, ohne Liebe geführt, ohne Liebe waren sie zugrunde

gegangen. Nun zerfraß sie der Rost. Und das große Reich, dem sie

entstammten, zerfiel wie sie aus Mangel an Liebe. -- --

* * * * *

Als ich beim Sternenschein vor meiner Kabinentür stand, hörte ich

leises Singen. Ich beugte mich über den Rand der Treppe und sah unseren

Freund von Madeira auf einem Deckstuhle sitzen, zu seinen Füßen das

Hexlein, das lockige Köpfchen in seinen Schoß gebettet. Und deutlich

hörte ich sein Lied:

Ich nehm' meine große Liebe

Und schütte sie über dich aus:

Will schmücken mit ihr dein Leben,

Will schmücken mit ihr dein Haus.

Sei du der Glanz der Sterne,

Sei du mein Sonnenschein;

Ich will dir Blumen und Früchte

Bringen als Erde dein!

Sei du mein blauer Himmel,

Der Sommerwölkchen Heer,

Und schau' dich in meiner Liebe,

Die grundtief wie das Meer!

Als ich dann in meiner letzten Runde beim Hintersteven vorbeikam,

wo die Schraube aus den blauschwarzen Wogen silbernen Schaum

emporwirbelte, da war es mir, als ob ich weit, weit aus der Ferne ein

gar trauriges Lied vernahm mit einer unsagbar schwermütigen Melodie.

Sang ein Geist sie über den Wassern? Gespenstisch klangen die Töne

durch die Nacht:

Ich habe keine Heimat mehr,

Meine Heimat ist das Grab ...

Alles andere verklang in dem Rauschen des Gischtes und in dem Brausen

des Nachtwindes, der um die Rahen und Masten raunte.

Ich wußte nicht mehr, wo ich das Lied gehört hatte, -- auf dieser

Reise war es gewesen. Mir war's, als ob der Balte es einmal vor sich

hingesummt hatte.

Brasilien!

Beim ersten Morgengrauen fuhren wir den Paráfluß hinauf.

Noch sahen wir kaum Land. Aber bald schimmerten durch den leichten

Nebel hindurch die Kronen der Wälder, unermeßlicher Wälder. Eine

weiche, warme, wunderbare Luft, erfüllt von märchenhaften Wohlgerüchen,

wehte uns entgegen. Immer größer, immer grüner wurden die Wälder, immer

berauschender der Duft.

* * * * *

Die portugiesische Mutter mit ihrer schönen Tochter hatte sich zu uns

gesetzt. Ich hatte der jungen Frau von meinen Kindern erzählen müssen.

Nun saß sie da und hielt traumverloren das Bild meines blondgelockten

Jüngsten in ihrer Hand. Tränen standen in ihren Augen.

Nach dem Frühstück erzählte mir die Mutter die Ursache ihrer

Traurigkeit. Ihr sehnlichster Wunsch, Kinder zu besitzen, war ihr

versagt geblieben. Ihr Ehemann war bereits krank in die Ehe gekommen

und trieb sich seit Jahren in den Hafenstädten von Südbrasilien oder

in Buenos Ayres herum, ein arbeitsscheuer, verkommener Lebemann. Kurz

vor ihrer Abreise hatte ein Telegramm die Damen nach Brasilien gerufen:

der Mann war in Rio in einer Schenke von einem Neger, dessen Tochter

er vergewaltigt hatte, erstochen. So war sie in jungen Jahren Witwe

geworden.

Die Tochter hatte vom Vater ausgedehnte Besitzungen am Amazonas geerbt,

die die junge Frau, so gut sie es vermochte, mit großer Energie

bewirtschaftete. Aber es mangelte an Arbeitskräften. Und vor allem, --

der Erbe fehlte, der einst die Frucht ihres Fleißes ernten, ihre Ideen

zu Ende führen könnte.

Als die Damen hörten, daß unsere Deutschen Land zur Niederlassung

suchten, jauchzte die Jüngere auf und hieß unsere Gesellschaft mit

offenen Armen willkommen.

In kurzem war der Plan fertig. Unsere Gesellschaft sollte sich in

Pará mit Handwerkszeug, Waffen, Sämereien, Nahrungsmitteln für die

erste Zeit versehen -- unsere neue portugiesische Freundin stellte

bereitwillig alle dazu notwendigen Mittel zur Verfügung -- und sollten

dann als Kolonisten in ihr Königreich am Amazonas einziehen. Ich aber

solle und müsse auch mitkommen. Lachend wehrte ich ab. Ich müsse in

Jahresfrist wieder daheim sein bei meinen Lieben. Da ward sie traurig.

Aber es blieb bei der Abmachung mit unserer Gesellschaft.

Näher traten die Ufer. Immer wärmer wurde die Luft, immer würziger das

Duften, das von den Wäldern herüberdrang.

* * * * *

Mitten im Strome taucht plötzlich ein altes Kastell auf: Pont de

Barrá. Vor hundert Jahren mögen die ersten Ansiedler es zum Schutz

gegen Überfälle der Indianer errichtet haben. Es erinnert an die

Weihnachtsfestungen in unseren Spielzeugläden. Aus den Schießscharten

lugen neugierig-harmlos ein paar verrostete Kanonen. Zwei nackte

braune Gestalten markieren die Garnison. Als unser Dampfer in Sicht

kommt, rennt einer der Burschen zur Flaggenstange und hißt die

brasilianische Flagge, der andere steigt schnell in seine blauleinenen

Unaussprechlichen, um, auf dem Wall stehend, die Honneurs zu machen.

Glückliche Unschuld der Tropen!

Bald zeigen sich Villen am Flußufer, ein zweites Blankenese, die

Herrensitze der reichen Kaufherren von Pará. Der Kapitän läßt den

Mörser laden. Donnernd krachen hintereinander drei Böllerschüsse in

den stillen Morgen hinein, den Brasilianern die Ankunft des deutschen

Dampfers meldend.

Vor uns liegt Pará, ein kleines, bescheidenes Lissabon, umrahmt von

Palmenhainen und Urwald. Und über dem allen der strahlend blaue Himmel

und die wundervoll glühende Sonne.

* * * * *

Wir sind in fremdem Land. Am Hafen liegen und lungern schwarze Neger

und gelbe Mulatten, rothäutige Indianer und braune Brasilleres, ein

fremdartiges Bild. In unseren weißen Tropenanzügen, durch große

Panamahüte gegen die Sonne geschützt, schritten wir Deutsche wie ein

Herrschergeschlecht durch dieses buntfarbige Volk.

Schmeichelnd hängt die junge Portugiesin an meinem Arme. Der blonde

Germane hat es ihr angetan. Ich solle mitkommen. Ihr ganzes Königreich

solle mein sein. Einen Sohn wolle sie haben, groß und stark, wie ein

Deutscher, der solle ihr Erbe sein. Ich lasse sie schwatzen und lache.

Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dicke Tropfen fallen herab.

Eben war es doch noch strahlendes Blau? Wo blieb die Sonne? Schnell

in das nächste Kaufhaus, um einen Schirm zu erstehen. Schon gießt es

vom Himmel in Strömen. Ob wir das Schiff noch erreichen? Wir treten in

ein offenes Portal. Eine Kaserne. Ein Unteroffizier, augenscheinlich

indianisches Mischblut, tritt höflich an uns heran und bittet um

die Erlaubnis, mir meinen triefenden Schirm abnehmen zu dürfen.

Im Gewehrständer stehen die Gewehre. Gute Magazingewehre neuester

Konstruktion von deutscher Firma. Da erwachte der alte Soldat in mir.

Ich nehme eins heraus und übe stramm unsere deutschen Griffe. Staunend

stehen die Brasilianer herum. So scharf machten sie es nicht. So --

leichter, bequemer, wohl der Hitze wegen. Hitze? Ich fühle keine, fühle

mich wohlig, wie nur je in meinem Leben. Der Übermut packt mich. Noch

hält der Unteroffizier das Gewehr in der Hand, den Tornister hat er

auf dem Rücken. Mit einem Ruck habe ich den bepackten Mann mitsamt

seinem Gewehr wie ein Kind auf meinen Armen und trage ihn, gefolgt

von den staunenden Soldaten, wie im Triumphzuge durch die Korridore

der Kaserne. Beim Portal stelle ich ihn sanft wieder auf seine Füße,

ihm lachend auf portugiesisch zurufend: das ist deutsche Kraft!

Gleichzeitig strecke ich ihm zur Versöhnung die Hand entgegen, die er

ehrfürchtig erfaßt.

Es ist ein eigen Ding, wenn auf der Seefahrt die Kraft sich anhäuft.

Ich spüre es selbst. Wahrlich, wir sollten sehr ernst daran denken,

unserem Janmaat, wenn er an Land kommt, Gelegenheit zu geben, sich

auszutummeln in olympischem Spiel, anstatt daß er sein Geld den

Schnaps- und Bierhyänen in den Wirtschaften in den Rachen wirft und

seine Kraft bei liederlichen Dirnen vergeudet. Das wäre besser, als

pharisäisch zu richten.

Am anderen Tage geht's zum Professor Goeldi, einem Landsmanne meines

Schweizer Freundes, des Professor Forel in Zürich, -- Wassertrinker

wie dieser und wie ich. Er ist bald dreißig Jahre hier in diesem

als mörderisch verschrienen Klima, -- noch ist er keinen Tag krank

gewesen. Weder an Malaria noch an gelbem Fieber. Dabei züchtet er in

seinem Laboratorium die als so unheilvoll erkannten Stechmücken, die

Überbringer jener tödlichen Krankheiten. Er nimmt weder Chinin zum

Schutz, noch Arsenik, aber er meidet das berauschende Gift, gerade

wie Emin Pascha und Livingstone, Stanley und alle die anderen großen

Tropenforscher. Und hier, mitten im Urwalde, hat dieser Mann, fern von

der Heimat, der Wissenschaft die wichtigsten Dienste geleistet und ein

naturhistorisches Museum geschaffen, das einzig in seiner Art dasteht.

In seinem Garten finde ich am Wege ein mehrere Fuß langes stachlichtes

Gebilde, das Deckblatt der jungen Sprößlinge der Pupanhapalme. Wäre

dieser Schutz nicht vorhanden, die Affen, die Faultiere und die

Papageien würden das keimende Blatt schon zernagen und den Baum

zerstören. So sorgt die Natur in ihrem schöpferischen Reichtume überall

schützend für ihre Kinder.

Auf der Besitzung unserer in Pará ansässigen Freunde entdeckte ich eine

andere Palme von wunderbarer Art. Sie nannten sie Assaypalme. Gerade

und kräftig stieg ihr Schaft empor. Unter einer mächtigen Krone langer

und breiter Blätter hingen in Abständen fußlange, dicke Büschel mit

Nüssen, aus denen die Eingeborenen ein erfrischendes, gesundes Getränk

bereiten. Über jedem Fruchtbüschel wölbte sich als Kelchblatt ein

großes, holziges Dach in schön geschwungener Form, nach vorn in einen

gefälligen Zipfel auslaufend, so daß das ganze Gebilde einen anmutigen

Anblick erstaunlicher Fruchtbarkeit darbot. Auf den ersten Eindruck hin

war mir klar, daß dieses Dach den Fruchtbüschel vortrefflich gegen die

wolkenbruchartigen Tropenregen schützen müsse, die jeden Nachmittag

um drei Uhr vom Himmel herunterprasselten, und die ohne diesen Schutz

sicher die Früchte schon vor der Reife abschlagen würden.

Wie wuchs aber mein Erstaunen, als unsere Freunde mir erzählten, unter

jedem dieser Schutzdächer niste, von der Blütezeit des Kolbens bis zur

Reife der Früchte, ein kleines Eulenpärchen. Sobald die Früchte völlige

Reife erreicht hätten, seien die Jungen flügge und dann flöge die ganze

Gesellschaft von dannen.

Mit einem Schlage war mir der Zusammenhang klar. Das holzige Dach

schützte den Fruchtbüschel vor Regen, gleichzeitig bot er den

Eulenfamilien Schutz gegen Regen und Sonne, Tau und Wind. Aber die

Eulen bedurften für sich und ihre Jungen der Nahrung. Wären sie nicht

gewesen, so hätten sicher die zahlreichen Insekten, die in den von den

reifen Früchten entblößten Büscheln ihr Dasein hatten, Blüte und Frucht

schon im Werden zerstört. So aber sorgten die Eulen als treue Wächter

für die Unberührtheit ihres Heims. Als nun aber die Früchte gereift

waren und den Menschen zur Nahrung dienten, hatte der Aufenthalt der

Vögel unter dem Schutzdache keinen Zweck mehr, -- der von den Früchten

entblößte Büschel diente nunmehr dem Heere der zahllosen niederen Tiere

als Wohnstätte und Nahrung zugleich.

Mir war's, als hätte ich kaum je zuvor so anschaulich die unendliche

Vatergüte der Alliebe zu bewundern Gelegenheit gehabt: in dem einen

Blütenkolben schuf »er« so Nahrung für die Menschen, die Vögel und die

kleinste Lebewelt in schönster Form und in so harmonischer Abwechslung

und Ergänzung, daß ich am liebsten auf die Knie gefallen wäre, um hier

an Ort und Stelle dem Allmächtigen zu danken. Und unwillkürlich fiel

mir das alte Wort ein von den Lilien auf dem Felde und den Vögeln unter

dem Himmel: sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die

Scheunen, und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.

Da übermannte es mich. Tränen füllten meine Augen und bittere Wehmut

mein Herz: in der ganzen Natur, auf der ganzen Erde diese schier

unbegrenzte Fruchtbarkeit, diese endlose Weite, dieser unendliche

Reichtum zum Leben, zum lachenden, blühenden, glücklichen Leben in

Friede und Liebe, -- und wir Menschen? O Gott, du Allgütiger und

Allweiser, wir sind nicht wert, daß wir deine Kinder heißen, sind

nicht wert, daß du uns diese wundervolle, überreiche, sonnige Erde

geschenkt hast! Wie haben wir die Freiheit mißbraucht, die du uns

geschenkt! Was haben wir daraus gemacht in unserer Selbstsucht, in

unserer Genußsucht, unserer Lieblosigkeit und Härte, unserer Unvernunft

und Kurzsichtigkeit! Und riesengroß stieg mitten in all dieser

Sonnenherrlichkeit, all dieser Farbenpracht, all dieser Blumenfülle,

dieser üppigen Fruchtbarkeit das Elend der Menschheit, das Elend

meines Volkes wieder vor meinen Augen empor, riesengroß, dunkel, zum

Himmel schreiend. Mir brauste es vor den Ohren, wie Gedröhn klang mir

das Chaos der anklagenden, schluchzenden Stimmen der Hungernden und

Frierenden, der Verlassenen und Verzweifelten, der Verkommenen und

Verbitterten, und wie ein Angstschrei rang es sich aus meiner Seele los.

Haben es zugegeben, daß Menschen um schnöden Geldes und Gewinnes halber

verführt wurden, all diese entsetzlichen Gifte zu sich zu nehmen,

Opium und Branntwein, Bier, und wie sie sie alle tauften, Gifte, die

sie krank und elend, arm und stumpf machten, falsches Glück ihnen

vorgaukelten, sie und ihre Nachkommenschaft in Unglück und Tod stürzten?

Haben es geschehen lassen, daß Menschen von der Natur, dieser

allgütigen Mutter aller, entfernt, in steinerne Massenquartiere

zusammengedrängt wurden, so daß sie verlernten, die Allgüte und

Alliebe zu erkennen und zu achten und zu lieben, -- und wiederum nur,

damit wenige sich bereicherten? Wir hatten zugegeben, daß Menschen,

diese höchsten Geschöpfe der allmächtigen Liebe, als Sklaven verkauft

wurden, und gaben es zu bis auf den heutigen Tag, daß sie sich mit

ihrer Seele und ihrem Leibe verkauften, aus Not oder aus Unwissenheit,

um fremden Lüsten zu dienen, seelenlos, schlimmer, als ob sie Tiere

seien? Und wir, wir wagten es, uns Christen zu nennen? Da sprang ich

auf! Auf euer Christentum pfeife ich, ihr Heuchler und Pharisäer, ihr

kalten, herzlosen, selbstsüchtigen, herrschsüchtigen Priester und

Mammonsknechte, Fürsten und Fürstendiener! Lügner und Heuchler seid

ihr, die erhalten wollen, was euch beliebt, was euch paßt und guttut,

damit ihr im warmen Nest euch wärmen, damit ihr schwelgen könnt,

unbekümmert darum, daß Tausende, Millionen darben, hungern, frieren,

zugrunde gehen!

Hier am Fuße dieser Palme knie ich und bete dich an, du Grundgütiger,

Alliebender, und flehe dich an: gib mir Kraft und ein reines Herz,

damit ich zu meinem bescheidenen Teil mit dazu beitrage, daß die Sonne,

die Wärme, die Liebe, die du in deiner grenzenlosen Güte über die Erde

ausgießest, sich auch über die Menschen ausbreitet und in ihre Herzen

hineinfließt, sie erweichend, erwärmend, erhellend, wie deine Sonne,

die die Erde erwärmt und erhellt! --

* * * * *

Die spanischen Auswanderer hatten bereits bei unserer Ankunft in Pará

unser Schiff verlassen, um von hier über Ceará nach Südbrasilien und

Argentinien weiterzureisen. Mit ihnen die junge Französin und unser

Rheinländer. Unsere Verabredung ging dahin, er solle diese beiden

Länderstrecken durchqueren und durch Mittelbrasilien bis nach Bolivia

durchdringen, um dann mit mir am oberen Laufe des Amazonas wieder

zusammenzutreffen. So würden sich unsere Erfahrungen ergänzen, und von

hier aus würden wir dann gemeinsam heimfahren.

Inzwischen war unsere Reisegesellschaft beim Gouverneur gewesen, hatte

die nötigen Schritte zur Erlaubnis der Niederlassung getan, hatte

Spaten und Beile, Pflugschar und Äxte, Sägen und Seile eingekauft,

und was sonst noch nötig war, um im fremden Lande eine neue Heimat zu

gründen. So fuhren wir denn frohen Herzens den Paráfluß wieder hinab,

noch einmal an der alten Festung im Flusse vorüber, und in schlankem

Bogen um die Insel herum in die Mündung des gewaltigen Amazonenstromes

hinein, und damit in das Reich des schier unbegrenzten Urwaldes.

Kein Dom, keine Kirche kann die Andacht erwecken, die die Gewalt dieser

großen Natur über die Menschen bringt. Breit, majestätisch rollt der

Amazonas seine gewaltigen, gelben Fluten dem Meere zu. Schweigend,

unendlich dehnt sich der Wald an seinen beiden Ufern. Dann wieder

verengt sich das Bett des Stromes. Dicht gleitet das Schiff am Ufer

entlang. Der Wald, der eben noch, aus der Ferne gesehen, schweigend

dalag, er ist nicht tot, nein, -- er lebt, -- Scharen buntbeschwingter

Papageien beleben das Dickicht, hoch oben in den Baumkronen uralter

Urwaldsriesen wiegen sich königliche Kakadus, farbenreich glüht es,

wohin das suchende Auge irrt, im Dickicht von wunderbaren Blüten,

goldgelben und in purpurnem Rot. Berauschender Duft erfüllt die

Atmosphäre.

An kleinen Ranchos fahren wir vorbei, Hütten aus Bambus, mit

Palmenblättern gedeckt, vor denen Kinder brauner Indianer sich fröhlich

tummeln, laut jauchzend, als unser Schiff bei ihnen vorüberzieht,

lange Kielwellen ans Ufer werfend. Ab und zu eine Lichtung im Walde,

weißgetünchte Häuser. Auf fetter Weide wandeln wohlgenährte Rinder,

gerade wie bei uns in der Marschenheimat. Und wieder Wald und Wald,

Hüttchen der Indianer, wieder eine Farm mit Weiden und Rindern und

wieder Wald, endloser, üppiger Wald, Tag um Tag.

* * * * *

Tropisch schwül sinkt die Nacht hernieder. Die ganze Welt ist in

berauschenden Duft gehüllt. Wunderbare Schmetterlinge, schillernd

in leuchtenden blauen und grünen Farben, durchgaukeln die Luft.

Sternenklar ist der Himmel. --

Ich stand in meiner Kajütentür, lässig an den Pfosten gelehnt, bereit,

zur Ruhe zu gehen. Auf dem Vorderdeck lagen die Auswanderer, die noch

an Bord geblieben waren, schlafend zwischen ihren Kisten und Körben.

Auf der Brücke war alles still. Plötzlich huschte eine Gestalt auf

mein Bootsdeck die kleine eiserne Schiffstreppe hinauf, -- von einem

dunkelen Mantel lose umhüllt, in leichtem Hemd, die Polin. Sie gleitet

zu meinen Füßen nieder, umklammert meine Knie und bettelt um Liebe.

Die Nacht ist glühend schwül. Vom Urwald weht süßberauschender Duft

herüber. Leise stampft die Maschine ihren Takt, -- oder ist es mein

Herz? Das Blut siedet in meinen Adern, pocht in den Schläfen. Zu meinen

Füßen fleht verführerisch das junge Weib. In all der Glut stehe ich wie

aus Marmor. O, ich weiß es nur zu wohl, warum ich zitternd erstarre.

Plötzlich ertönt von der Brücke, leise und doch deutlich vernehmbar die

Stimme des ersten Bootsmannes:

Es leuchtet ein Stern in Wintersnacht

An des Himmels nächtiger Bläue.

Er scheint in ewig strahlender Pracht;

Es ist der Stern der Treue.

Im Moore das Irrlicht schimmert und winkt

Und führt dich in Tod und Grauen,

Doch folgst du dem Stern, der vom Himmel blinkt,

So wirst du das Morgenrot schauen.

Schon mehrmals hörte ich das Lied von ihm in stiller Nacht, -- es ist

sein Lieblingslied. Da kommt neues Leben über mich. Fast hart klingt

meine Stimme: »Geh' in deine Kammer!« Mein Herz aber ist voll Mitleid.

Ich fühle, wie die Arme von meinen Beinen sich lösen. Ich sehe, wie die

dunkle Gestalt die Treppe hinabhuscht. Tief aufatme ich, als ob eine

Last von mir genommen sei. Aber der Duft und die glutende Schwüle, --

haben sie mein Blut zum Sieden gebracht? Will es die Adern sprengen?

Wie ich in meine Kabine trete, um schlafen zu gehen, -- kaum habe

ich die Tür hinter mir geschlossen, -- barmherziger Gott, -- was

ist das? -- Weiche Arme umschlingen meinen Hals, glühende Küsse

bedecken mir Mund und Augen: »meinen Sohn will ich von dir, -- einen

blondgelockten!« -- Die Portugiesin! --

»Signora!« -- Schon habe ich mich befreit und halte die Zitternde an

beiden Händen. -- »Seien Sie doch vernünftig! Wie könnte ich! Denken

Sie an meine Lieben zu Hause! Die warten auf mich und brauchen mich!

Und mein Weib! Und hätten Sie einen Sohn von mir, so müßte ich mit

Ihnen gehen, -- denn mein Kind ließe ich nicht im Stiche.« -- »Ich will

aber nicht vernünftig sein! So komm mit mir! Ich will meinen Sohn!« --

Es gelingt mir, mit der einen Hand schnell die elektrische Lampe

anzudrehen, so daß ich ihr Auge ins Auge sehen kann. Gluten bedecken

das schöne Antlitz. Da senkt sie beschämt die Lider. Das helle Licht

verträgt der Glutenrausch nicht.

Sanft drücke ich die schlanke Gestalt auf einen Stuhl und gebe ihre

Hände frei, in die sie schluchzend ihr Gesicht birgt.

Leise flüstere ich ihr in ihrer Muttersprache zu: »Signora -- der

sächsische Offizier geht mit Ihnen, -- er hat mir gestern heimlich

anvertraut, daß Sie es ihm angetan hätten. Er ist schön und stark

und gut. Ehe Sie morgen alle von unserem Schiffe scheiden, will

ich ihm Mut machen, daß er auf Gegenliebe hoffen dürfe! Er ist der

Gatte für Sie, den Sie suchen, und den Sie brauchen. Als Sohn eines

Rittergutsbesitzers ist er im landwirtschaftlichen Betriebe groß

geworden. Selbst wenn ich frei wäre, paßte er besser für Sie, als ich.

Und nun gehen Sie, damit Sie hier niemand findet, in so später Stunde!«

Ein glühender Kuß auf meiner Hand, -- ein leises Öffnen der Tür, ein

Rauschen, wie von einem Frauengewande, -- war es ein Traum gewesen, --

ein Spuk der Tropennacht, vom Urwalde hergeflattert? -- -- --

Ich steige zur Kompaßbrücke hinauf, um unter freiem Himmel die Nacht zu

verbringen. Hier oben weht milde, frische Luft.

Über mir schimmern die Sterne und erzählen funkelnd von der Pracht und

Größe des Alls, von der der Nordländer sich keinen Begriff macht.

Die Allgewalt der Natur und die Kühle der Nacht bringen den erregten

Nerven allmählich wieder Ruhe.

Anfangs freilich wogen Gedanken und Empfindungen noch wild

gegeneinander: die Gedanken an daheim, -- an meine Lieben. Dann aber

wallt das heiße Blut wieder auf, und das Bild der Portugiesin tritt

dazwischen. Dann wieder war es mir, als ob ich das Lied unseres

Steuermannes noch hörte, -- das Lied von der Treue. -- --

Und dann taucht in meinen Träumen neben der jungen portugiesischen

Witwe plötzlich das Gesicht unseres braven Sachsen auf. Sein schönes,

männliches Antlitz leuchtet siegesfroh. Mit zärtlichem Lächeln schmiegt

sich das schöne Weib an ihn an. -- -- --

Nun drängt sich ein blondes Frauenantlitz durch die Sternenwelt über

das Meer her, -- wie Abendsonnenglut leuchtet ihr Haar, -- ich höre den

Jubel und das Geplauder der Kinder, -- meiner Kinder! -- -- --

Dann kam eine wunderbare Müdigkeit über mich. Ich rollte meinen Mantel

zusammen, legte mich aufs Deck nieder, schob die Rolle ins Genick und

schlief ein.

Wie ich am Morgen erwache, ist mir so wunderbar leicht, -- ich fühle

mich so rein, so frei, so aufgelegt zu allem Großen und Schönen und

Guten, -- wie ein Sieger! -- Das kommt, -- mein Herz ist frei von Reue,

weil es Herrscher blieb über die Sinne.

Und dann denke ich an unseren Sachsen und die Portugiesin, und welch

stattliches Paar sie abgeben werden, und denke an die Erfüllung der

Hoffnungen dieser beiden jugendlichen Menschenkinder.

* * * * *

Eine frische Brise streicht über den Fluß. Ich muß einen Jauchzer

hinausschicken in den vom Morgennebel dampfenden Urwald, der in

majestätischer Ruhe an unserem Schiffe vorüberzieht.

Da quillt es aus meinem Herzen hervor, wie Jubelgesang lasse ich es in

die frische Morgenluft hinausklingen:

Ich streue der Liebe Samen,

Wie Eicheln der Eichbaum streut,

Wie Stern' ohn' Zahl und Namen

Die Sonne dem Weltall beut.

Ich streue der Liebe Blüten,

Streu' sie ohn' Ziel noch Zahl;

Möcht' jedes Herz behüten

Vor Leid und Sorg' und Qual.

O Frühling, liebewarmer,

Hätt' ich die Kräfte dein!

So aber bin ich Armer

Nur Staub im Sonnenschein!

Was ist das? Wie leises Echo schallt vom Kajütendeck ein

portugiesisches Lied herauf, lockend, weich, schwärmerisch, selig:

+Nosso céo ten mais estrellas

Nossas varzeas ten mais flores,

Nossos bosques ten mais ares,

Nossa vida ten mais amores!+

Ich kannte das Lied. Mein sterbender Bruder, der selbst auf seinem

letzten Schmerzenslager sein schönes Brasilien nicht hatte vergessen

können, hatte es mich kurz vor seinem Tode gelehrt:

Unsere Wiesen sind so voll Blumen,

Und unser Himmel voll Sonnenlicht,

Und unsere Büsche so voll von Vöglein,

Und unser Leben voll glühender Liebe,

Wie auf der Erde kein anderes nicht!

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 17 / 39 题