Auch die Tugend begleitete das Schiff auf seiner Fahrt.« --

Hier legte unser Hexlein ihre Hand in die der jungen französischen

Mutter, die, wirklich wie die Madonna selbst, mit ihrem Kindchen auf

dem Schoße sich während der Erzählung neben dem Hexlein niedergekauert

hatte. --

Ihre Anwesenheit auf dem Schiffe war wohl einer der Gründe mit für

seine Rettung im Sturme gewesen.

»Und weiter fuhr mit« -- träumte das Hexlein weiter -- »die

Freundschaft, die der Treue zuliebe hinausging in die Fremde, da die

Treue in unglücklicher Ehe mit der Strenge vermählt war. Es war das

Richtigste. Nun mögen sie im Geiste aus der Ferne sich lieben. Dagegen

kann keine Macht der Erde, selbst die Strenge nicht, etwas haben.

Zur Reisegesellschaft gehörte auch der Pessimismus, ein unglücklicher

Kranker, den die Herzlosigkeit aus seiner Heimat in die Fremde trieb,

die Sonne, die Wärme zu suchen.

Und zum Schluß« -- hier lachte das Hexlein schelmisch -- »ein

schnurriges Paar, ein herzlieber, guter Kerl, ich taufe ihn die

Selbstlosigkeit, und seine Freundin, -- die Romantik.«

»Wie sie da saß, in ihrem weißen Gewande, vom Scheine des Mondes und

des tropischen Sternenhimmels überflutet, da konnte man tatsächlich

glauben, irgend ein poetischer Spuk, ein Nixlein oder Hexlein aus dem

Neckartale sei zu uns aufs Schiff gestiegen. »So kam« -- erzählte die

Romantik nun weiter -- »unser Schiff zur Insel des seligen Vergessens.

Hier traf unser Wanderer einen kraftstrotzenden Mann, die Verkörperung

der Tatkraft, der trauerte hier um sein gestorbenes Lieb, das verlorene

Ideal des Weibes. Aber unter dem Zuspruche unseres Freundes, des

Idealismus, raffte auch er sich zu neuem Werke auf und zum Zuge ins

Land der Sonne, der Liebe.

Was geschah? -- Ihr alle wißt es, -- der Pessimismus, unglücklich

darüber, daß ihn hier mitten unter der Sonne, im Kreise der Liebe, noch

fror, stürzte sich ins Meer. Mein Freund in seiner Selbstlosigkeit

wollte ihn retten. Da griff die Tatkraft zu und rettete mir den Freund

und damit auch mich. Denn sonst wäre ich mit zugrunde gegangen.«

»Und nun zieh auch du mit uns ins Land der Sonne« -- sagte das Hexlein

und streckte dem Rheinländer vertrauensvoll die Hand hin, die dieser

fröhlich ergriff und herzlich küßte, -- »wir können dich herrlich

gebrauchen, ja, ohne dich sind wir nichts.«

Wir alle waren von dem Zauber der Erzählung unserer kleinen Freundin

so gefangen genommen, daß wir alle instinktiv fühlten, wie jeder immer

weiter in die ihm von unserer Dichterin zudiktierte Rolle hineinwuchs.

Aber noch ehe jemand etwas sagen konnte, fuhr unser Hexlein fort: »Wißt

ihr was, -- wir bleiben alle zusammen, und gründen eine neue Kolonie

der Sonnenmenschen.« Ich protestierte lachend, ich müsse zurück zu den

Meinen. Desgleichen protestierte die junge französische Mutter, die zu

ihrem Gatten wollte.

Schmollend hob das Hexlein gegen mich den Finger und sprach: »So will

ich Ihnen prophezeien: Sie werden hier im Lande eine Fürstin finden,

die die Welt kennt, -- Sie als Doktor werden sie vielleicht prosaisch

die soziale Hygiene nennen, -- in ihrer Begleitung ein junges Mädchen,

die Wohlfahrtspflege. Mit denen werden Sie zurückkehren in die Heimat,

und die werden Ihnen helfen, unnennbaren Segen zu stiften unter allen

Völkern! Und dann, -- und dann« -- und damit nahm sie meine Hände in

die ihrigen, als ob sie darin lesen wollte, und ihre schönen, braunen

Augen füllten sich mit Tränen -- »dann werden Sie eines Tages in die

Berge des Ruhmes und der Einsamkeit wandern. Dort lebt eine Schwester

von Ihnen, die Frömmigkeit, mit ihrer Tochter, der Wohltätigkeit,

die hier in der Schneeregion ein friedliches, aber segensreiches

Leben führen, und hier in den schneeigen Bergen der Weltentrücktheit

werden Sie eines Tages, im Begriffe, eine scheinbar kleine Aufgabe zu

erfüllen, die zu erfüllen aber notwendige Pflicht ist, an eben dieser

Pflicht zugrunde gehen. Doch nur Ihr Körper. Denn, wie Sie selbst es

uns gelehrt haben, kann der Geist ja niemals sterben, und du, der

du dich dein Leben lang bemüht hast, zu wirken und zu helfen, -- du

stirbst niemals!«

Weinend lag mir das liebliche Kind zu Füßen. Ich küßte sie auf ihren

Scheitel, hob sie empor und legte sie ihrem Freunde in den Arm, der sie

herzlich umfing.

Wir alle aber waren so ergriffen von den Worten unserer jungen

Freundin, daß wir uns schweigend erhoben, uns die Hände schüttelten

und mit einem Abschiedsblicke auf das im Silberglanze des Mondes und

der unzähligen, hellflimmernden Sterne erschimmernde Meer still und

andächtig unsere Lagerstätten aufsuchten.

* * * * *

Mit einem Herzen voll Sehnsucht ging ich zur Ruhe. Da träumte mir, ich

läge zwischen zwei weißen Lilien, und mein Mund ruhte auf roten Rosen.

Aber die Lilien wurden kälter und kälter und größer und größer, und

plötzlich merkte ich, daß ich zwischen mächtigen Schneebergen wanderte.

Ich war in Graubünden, hatte in Davos meine kränkelnde Schwester und

deren zarte Tochter besucht und war dann weiter gewandert in die Berge

hinein.

Zuerst dem Landwasser nach auf der steilen Bergstraße hin in der

Richtung zum Flüelapaß. Dann führte mich der Weg hinauf in mächtigem

Zickzack durch Lärchenwald mit goldgelben Nadeln. Bald grüßen

tiefgrüne, ernste Tannen. Die sagen bald kriechendem Kiefergestrüppe

Lebewohl, dann eine Wegecke, und tot und steinern liegt die Bergwelt

vor mir.

Noch ein Weilchen raschen Steigens und leuchtend weiß liegt vor mir die

schneebedeckte Felsenwelt -- Ruhe ringsum, große, majestätische Ruhe,

-- unter mir, um mich herum strahlend weiß der frischgefallene Schnee,

über mir das leuchtende, reine Blau des Himmels, -- allein mit Gott.

Da schwebt über mir am Firmament ein Adler, in mächtigem Bogen strebt

er der Sonne zu, -- ein Bild der Seele, die suchend und strebend zum

Höchsten, zum Ewigen flieht.

Tiefer wird der Schnee, mühsam arbeitet der Fuß sich durch. Die

Einsamkeit legt sich schwer auf die Seele, sie fast erdrückend durch

ihre eherne Größe.

Da, -- was ist das? -- Keuchend stürmt von oben den Weg herab ein Mann,

das Antlitz gerötet, der Schweiß perlt ihm auf der Stirne. Schon will

er ohne »Grüß Gott« vorüber eilen. -- »Wohin? Wohin? Ist ein Unglück

geschehen?« -- »Laßt mich, -- zu Tal muß ich. Den Doktor holen. Der

Fels hat dem Wegesepp das Bein zerschlagen. Droben im Flüelahospiz

liegt er, aber sie können das Blut nicht stillen.« »Aber ich bin ja

Arzt. Schnell, kommt. Wollen sehen, ob wir ihn retten können.«

Sprachlos starrt der Mann mich an. »Euch hat der Herrgott selber

geschickt. 's ist nicht allein um den Sepp, aber auch um seine neun

Kinder, und sein Weib liegt krank in den Wochen.«

Das ist kein Steigen mehr durch den Schnee, -- wir laufen.

Ich sah im Geiste das Blut rinnen, -- das treibt an. Endlich am

Flüelapaß, da ist auch das Hospiz.

»Kinder, hier ist der Doktor. Der Herrgott hat ihn mir unterwegs

geschickt.« -- Nun schnell den Hosenträger herunter, das Bein

abgebunden, die Wunde mit dem Notverband, den ich stets bei mir führe,

verbunden, geschient, -- das Blut steht; -- nun einen erquickenden

Trunk, eine große Schale Milch, noch eine, -- der Sepp ist gerettet.

Nun zu der Frau, und die schonend vorbereiten. Schwach ist sie. Ein

paar ätherische Tropfen, -- nun ist ihr besser. »Ich hab's gleich

gewußt, daß ein Unglück geschehen mußt'. Mir war gar zu elend. Aber

Ihnen vergelt's Gott.« --

Ich ging. Draußen lag tiefer Schnee. Nachdem ich eine Weile gegangen,

überfiel mich eine große Müdigkeit. Ein Felsblock bot mir einen Sitz.

Da schlief ich ein, und schlief und schlief. --

Dann kamen Leute. -- »Der ist tot. Ist erfroren.« -- Vorsichtig trugen

sie mich auf einer Bahre zu Tal. Die Kollegen kamen und untersuchten

mich. Sie sagten Freundliches und Gutes. Meine Schwester und ihre

Tochter kamen und schluchzten. Dann fuhren sie den blumengeschmückten

Sarg zum Kirchhof hinaus. Wie in ein weißes Trauergewand gehüllt lag er

da, unter ihm das weite Tal und ringsherum die Häupter der Berge, mit

blendendem Schnee bedeckt. Als sie den Sarg ins Grab senkten, stieg ein

Adler, die Schwingen weit ausgebreitet, in den blauen Äther empor, in

weitem Bogen immer höher kreisend, zur Sonne. -- -- -- Da erwachte ich.

Und wie ich da lag in meiner kleinen Kabine, den Traum überdenkend, da

fiel mir die Geschichte von einem alten Doktor wieder ein. Der hatte,

als er sein Hörrohr auf das Herz einer Patientin gesetzt hatte, einen

Herzschlag bekommen. Als er gar solange horcht und auf die Frage der

Kranken, ob er denn nicht bald fertig sei mit seiner Untersuchung,

nicht antwortet, da stößt sie ihn an und entdeckt, daß ihr Doktor

tot ist. Oh, es muß etwas Wundervolles sein, so mitten aus der Arbeit

für andere abgerufen zu werden! Ja, ich will arbeiten, arbeiten, wie

bisher, für euch alle, solange mir Gott nur Odem läßt, denn arbeiten

für euch, heißt für mich -- leben!

* * * * *

Es mochte zwei Uhr nachts sein, da kam der Kapitän und weckte mich. Das

Kreuz des Südens stände am Himmel, und in einer halben Stunde müsse der

Leuchtturm von Kap Salinas an der brasilianischen Küste in Sicht kommen.

In zauberhaftem Lichte strahlte der Himmel. Rubinrot funkelte der

Aldebaran. Leuchtend glänzten das Schwert des Orion und das Sternbild

der Plejaden und dort, ein schimmerndes Geheimnis, das Kreuz des

Südens. Alles flimmerte, leuchtete, glänzte, strahlte, -- es war eine

Herrlichkeit ohne Ende.

Mir aber war es, als ob meine Seele größer und größer wurde und sich

dehnte und weitete, bis sie eins war mit Gott. --

* * * * *

Ich stieg von der Kompaßbrücke, wo ich einsam, in Andacht versunken,

die Wunder des Tropenhimmels getrunken hatte, hinunter zur

Kommandobrücke, wo ich meinen Kapitän neben dem Steuermann stehend

traf, die Uhr in der Hand. Tagelang waren wir über den weiten Ozean

gefahren, -- der hatte keinen Meilenstein, keine sichtbaren Fährten, --

und nun? Ein Aufblinken am Horizont, -- da ist er, der Leuchtturm von

Salinas, just auf die Minute, da wir ihn erwartet hatten.

So geht es dem Manne, der die Wahrheit sucht und sie findet, und müßte

er einen Ozean von Irrtümern durchqueren. -- --

* * * * *

Wie ich bei der Maschine vorbeikam, war gerade der Maschinist dabei,

die Achsenlager zu ölen. Schweigend schaute ich zu, wie er mit fast

andächtiger Liebe seine Maschine behandelte, als ob es ein beseeltes

Wesen sei. Mächtig arbeiten die Kolben in unermüdlicher Arbeit. Es war,

als sängen sie ein Lied von der Pflichttreue. Wie ich hineinschaute

in das Getriebe und sah die Kurbeln sich drehen, da fiel mir ein:

ein jedes Rad braucht einen Punkt, in welchem seine Achse ruht, sein

Achsenlager. In diesem Punkte duldet es keine Reibung. Und je größer

die Schwungkraft des Rades, desto weniger Reibung duldet es. So geht

es auch mit uns Menschen: Einen Punkt, ein Herz müssen wir haben, bei

dem wir rasten können, ohne Reibung, ohne Kampf. Und je härter und

schwerer unser Tagewerk ist, desto mehr sehnt sich unser Herz nach

diesem Ruhepunkt. So braucht der Mann des Weibes, wie das Weib ohne den

Mann ein Nichts ist. Erst Mann und Weib zusammen sind der Mensch. Nur

aus dieser Verbindung heraus erwachsen die höchsten Seelenkräfte. Diese

höchsten Seelenkräfte sind aber die eigentlich staatsbildenden Kräfte.

So hängt von dem Verhältnis des Mannes zum Weibe unsere gesamte Kultur

ab.

Ich gedachte des unglücklichen Balten und seines zerrütteten

Vaterlandes.

Aber die Maschine lehrt uns noch mehr. Es ist nicht nur das, daß die

Seele des Mannes einen Ruhepunkt braucht, von dem aus er schaffen und

wirken kann. Wie das Rad sich nach dem Gesetze stets in seiner Richtung

dreht, nicht nach links, noch nach rechts abweicht, so hat auch der,

der einer sozialen Mission dient, nicht mehr das Recht, sich von der

inneren Vorbereitung auf sein Ziel durch das ablenken zu lassen, »was

die anderen tun«. Wahrhaft soziales Handeln kann nur aus einer ganz

gründlichen Reinigung der Seele von allen Vorurteilen und aller Furcht

vor Vorurteilen, von allen zügellosen Leidenschaften und von aller

Selbstsucht, und aus einer tiefinnerlichen Begeisterung für die höheren

Güter der Seele, der Menschheit entstehen.

Ohne eine tiefere Seelenbestimmung und Seelenbesinnung dient alle

Haushaltungsfertigkeit nur der Welt des Todes: die Sparsamkeit

der Habsucht, die Hygiene der Verweichlichung, die Kochkunst der

Genußsucht, die Ordnung der Selbstsucht, die Schneiderei der Eitelkeit,

die Erziehung dem Scheine, und alles zusammen der Verrohung und

Verfeindung aller Beteiligten.

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 16 / 39 题