Der Seewind und das Blau des Meeres waren meine Heilmittel, als ich
erwachte. -- -- -- --
* * * * *
Die Ruhe, die frische Seeluft und nicht zum mindesten die gute und
reichliche Verpflegung hatten bei unseren Auswanderern Wunder gewirkt.
Während der ersten Tage hatte eine Reihe von bleichen, mageren Frauen
und Mädchen noch müde und matt in ihren Stühlen gelegen, aber die
»+soupe de galienas+«, die Hühnersuppe, um die sie baten, und
die ihnen freigebig gereicht wurde, und was wir ihnen von unseren
Speisen, an Brot und frischen Früchten und Milch, brachten, hatte ihre
Kräfte bald gehoben. Schon nach einigen Tagen röteten sich die Wangen,
rundeten sich die Gesichter, die Augen erhielten wieder ihren Glanz,
und bald mischte sich in den Gesang der Männer das Klingen des Stahls
beim Schleifen ihrer Werkzeuge und das Klappern der Kastagnetten, und
die bunten Röcke und blauen und roten Tücher der Tanzenden gaben im
Umherwirbeln ein frohes, farbenprächtiges Bild.
Und wieder leuchtete mir die Sonne neue Hoffnung ins Herz. Ich dachte
an daheim. Aus der weiten Entfernung schien mir unser ganzes Volk
wie eine große, einheitliche Menge, wie ein Wald mit dichtem Bestand
an Bäumen, wie das Heidekraut da draußen auf der Heide. Ich aber sah
das Keimen und das innere Leben in unserem Volke in seinem feinsten
Wurzelgeflechte.
Oh, ich kannte Hunderte von jungen Volksschullehrerinnen und Lehrern,
-- nicht die im Dienste hart und grau gewordenen, -- nein, fröhliche,
frische Menschenkinder mit warmen Herzen. Die kannten auch diese
feinen, zarten, hoffnungsreichen Triebe, die in den unschuldsvollen
Kindern unseres Volkes schlummern, die aus den blauen Augen so frisch
und freudig herausleuchten. -- Kaiser, mein Kaiser, warum duldest du,
daß so viele von diesen feinen und zarten und hoffnungsreichen Trieben
im Elend verbittern und zugrunde gehen, und könntest sie retten mit
deiner Macht! -- -- --
* * * * *
Heute war unser Rheinländer an der Reihe, von sich zu berichten. Er
begann: »Man kann das Verhältnis zwischen Volk und Regierung sehr
wohl unter dem Bilde einer Ehe betrachten, in welchem der Mann das
Volk, das Weib die Regierung darstellt. Ebenso wie der schaffende
Mann des Weibes bedarf, wie er durch das Weib erst die Ergänzung zum
Vollmenschen erfährt, ebenso bedarf das schaffende, tätige Volk einer
Regierung, die ihm den Bestand als Volk gleichsam gewährleistet. Wie
eine prachtliebende und prunksüchtige Regierung ein Volk in Schulden
stürzen kann, so wird ein verschwenderisches und putzsüchtiges Weib den
fleißigsten Mann dem Bankerott zuführen.
Wie ein genußsüchtiges, rein sinnliches Weib den besten und gesündesten
Mann stumpf und früh altern macht, so wird eine Regierung, der es nur
auf ihre eigene Machtfülle ankommt, oder deren Ziele unklar sind, das
intelligenteste Volk lahm und unlustig zum wahren Fortschritt machen.
Das zeigen uns die romanischen Völker, vor allem aber die slawischen,
am meisten Rußland. Und wenn unsere Spanier eine bessere Regierung
hätten, dann brauchten vielleicht die Wackeren aus ihrem Lande, in dem
sicher bei verständiger Verwaltung noch Platz genug ist, nicht übers
Meer zu wandern.
Wie ich zu dieser Abschweifung komme? Ich will's Ihnen erzählen.
Ich bin von Hause aus Nationalökonom. Ich kam infolge meiner
handelspolitischen Studien und sozialen Bestrebungen viel in das Haus
eines unserer reichsten rheinischen Großindustriellen, eines klugen,
energischen Mannes mit einem guten, warmen Herzen für seine Arbeiter.
Sein Weib, von außerordentlicher Schönheit, war eine üppige Blondine,
klug, kannte die halbe Welt, -- aber sie war eine Kokette, kalt und
sinnlich zugleich, eine Potiphar schlimmster Art.
Ich weiß nicht, wieviel Schuld an diesem Entgleisen ihres Empfindens
der Erziehung ihrer Jugend im Elternhause zuzuschreiben war, wieviel
vielleicht dem Umstand, daß ihr Mann, von seinen Bestrebungen und
seiner Tagesarbeit völlig in Anspruch genommen, ihrem weiblichen
Empfinden nicht genügend Rechnung trug.
So fehlte dem Hause, welches in seinem Reichtum und bei der Art des
Mannes ein weithin leuchtendes Vorbild hätte sein können, der wahre
innere Segen. Für den Mann empfand ich das tiefste Mitleid. Dieses Weib
hatte es auf mich abgesehen.
Wenn, was nicht selten vorkam, einer der Leiter der sozialistischen
Partei mit den glänzendsten Aussichten für eine ruhmvolle Führerrolle
an mich herantrat, um mich für ihre Partei zu gewinnen, so mußte ich
immer dieses dämonischen, in ihrem Wollen unklaren Weibes gedenken, --
unklar und verführerisch wie dieses war auch das Bild der Herrschaft in
dem zukünftigen Staate jener.
Sie wußte, daß ich die Absicht hatte, eine Reise um die Welt anzutreten.
Ich bin der Ansicht, daß unser Vaterland zu klein wird für unser
schnellwachsendes Volk. In gut einem Menschenalter sind wir von 38
Millionen zu einer Nation von 63 Millionen Köpfen herangewachsen. Da
habe ich mir die Aufgabe gestellt, selbst mich in der Welt umzusehen,
wo noch Platz auf der Erde für uns Deutsche ist. Ich wollte zunächst
nach Brasilien, von da nach Argentinien, Nordamerika, von dort nach
Afrika und Australien. Nicht um den Erwerb neuer Kolonien zu planen.
Unser Platz ist überall da, wo Spaten und Pflug einsetzen können,
wo Schafe und Rinder gedeihen, wo der Mensch in der Bearbeitung des
Bodens leben und gedeihen kann. Unser Vaterland soll seine Kinder so
erziehen, daß sie, wenn sie in fremde Länder gehen, die Gesetze dieser
Länder achten und ehren, und doch nicht vergessen, daß deutsches Blut
durch ihre Adern fließt. Die Leute sollen Korn und Früchte bauen;
das Vaterland wird ihre Ernten mit seinen Schiffen nach Deutschland
schaffen und ihnen für das, was sie dem Erdboden entraffen, Werkzeuge,
Kleider, Bücher, und was die Industrie nur schafft, liefern. So werden
wir ein stetig wachsendes Volk sein, froh, gesund, reich und kraftvoll
nach innen und außen.
Eines Abends kam ich früher als der Hausherr. Frau Potiphar, so will
ich sie nennen, saß am lodernden Kamin. Der rote Schimmer einer Lampe
überflutete die herrliche Gestalt. Sie bot mir einen Platz neben ihrem
Sessel. Schweigend saßen wir eine Weile. Ich sah, wie ihre Augen die
meinigen suchten, während ich in die knisternden Flammen sah. Plötzlich
fiel sie mir zu Füßen, überschüttete mich mit Liebesbeteuerungen und
geriet, als ich kühl und gelassen blieb, in eine Art Liebesraserei,
so daß ich mich ihrer nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte erwehren
konnte. Ich solle bleiben, sie wolle es, sie könne nicht ohne mich
leben, ich solle nicht die weite Reise machen, -- fast hätte sie Gluten
in mir entzündet, die nicht entzündet werden durften. Ich aber riß mich
los, um die Aufgabe, die ich mir für mein Volk gestellt, zu erfüllen.«
Als unser Rheinländer geendet hatte, herrschte einen Augenblick
nachdenkliches Schweigen in unserem Kreise. Es lag wie eine stille
Anerkennung auf aller Gesichter für unseren wackeren Reisegefährten,
der so unbeirrt durch die Lockungen der Welt sein Ziel verfolgte.
Plötzlich horchten wir auf. Die Luken, die zum Maschinenraum führten,
standen der Hitze wegen weit offen, und da wir in der Nähe saßen, so
hörte man, wenn es bei uns still war, und unten laut gesprochen wurde,
fast jedes Wort.
Die Maschine ging leise ihren Takt. Das Kohlenschaufeln war
eingestellt. So konnten wir deutlich das Lied vernehmen, das eine
kraftvolle Männerstimme, offenbar die eines der Heizer, trotzig in den
Raum hinaussang:
Ich kenn' dich nicht mehr,
Und ich mag dich nicht mehr, --
Wir haben die Rollen vertauscht!
Seitdem du dem anderen Küsse geschenkt,
Hast deinen Liebsten zu Tode gekränkt,
Ist meine Liebe verrauscht!
Einst warst du mir meine Märchenblum',
Die blaue, am Meeresstrand, --
Jetzt seh' ich nur graue Wogen dort
Und weißen, toten Sand.
Einst warst du mir meine Königin,
Mein Lebenssonnenschein, --
Jetzt höre ich nur in einemfort
Das Sterbeglöckelein.
Jetzt möchtest du wohl,
Und jetzt kann ich nicht mehr,
Wir haben die Rollen vertauscht!
Ich kenn' dich nicht mehr,
Und ich mag dich nicht mehr, --
Meine Liebe, die ist verrauscht!
Armer Bursche, -- welch Leid hat dich wohl solch ein Lied gelehrt? --
Das war nicht nur der Liebe Leid! Fast klang es wie Haß gegen alles
Bestehende.
Grimmig schurrte die Kohlenschaufel, -- ich hörte, wie der, der sie
handhabte, heftiger als sonst die Kohlen ins Feuer warf. Krachend flog
die Feuertür des Kessels ins Schloß.
Dann war es stille da unten. Nur die Maschine sang ihr gleichmäßiges
Lied von der Arbeit.
Der Sachse brach zuerst das Schweigen, das sich schließlich fast
beklemmend unserer bemächtigt hatte.
»Ich will mich kurz fassen,« begann er. »Mir ist es ähnlich wie unserem
Freund Rheinländer gegangen, -- und doch um vieles anders. Ich bin
eines Weibes wegen über See gegangen. Sie war klug, schön, edel, --
wie kaum eine; ihr Mann, soweit ich sehen konnte, ein vortrefflicher
Mensch. Aber aus einem Jugendfehltritt war ihm ein Kind entsprossen.
Das hatte er ihr beim Eingehen der Ehe verschwiegen. Ihre Ehe selbst
war kinderlos -- eine Folge jener Liebschaft.
Eines Tages schrieb die verlassene Geliebte an seine Gattin und bat sie
um Unterstützung für das kränkelnde Kind. Da fing sie an, den Mann
zu hassen, -- nicht, weil er ihr seine Vergangenheit nicht offenbart
hatte, sondern weil er sich um sein Kind, sein Fleisch und Blut,
nicht besser kümmerte. Und ohne daß er es wußte, half sie der armen
Verlassenen mit ihrem Kindchen, sparte für dasselbe und sorgte für
beide in rührendster Weise. Da ging ihre Liebe wandern.
Wir fühlten es, wie unsere Seelen zueinander drängten. Aber wir wollten
nicht aus dem Gleise der Pflicht heraus. Ihr Händedruck, als ich von
ihr Abschied nahm, um übers Meer zu fahren, sagte mir zur Genüge, daß
wir uns voll und ganz verständen.
Nun warte ich ab, wohin der Zufall mein Lebensschifflein steuert.
Ich habe meinen Abschied genommen, bin frei und ledig, gesund und
arbeitsfroh, -- irgendwo wird mir mein Glück ja wohl blühen.«
Sein männlich schönes Gesicht leuchtete voll zuversichtlicher Hoffnung
bei diesen Worten. --
Es war ein eigen seltsamer Genuß, dieses Ineinanderaufgehen und
Sichmitteilen. -- -- --
* * * * *
Vom Vorderdeck klang leise ein spanisches Lied in schwermütiger Weise.
Unser Schiff glitt sanft durch die dunkelblaue Flut. Ich stand am
Steuer und schaute in die Richtung der Heimat. Wie Abendglocken klang
es in meiner Seele.
* * * * *
Als ich auf meinem Lager lag, führte mich der Traum heimwärts, und von
einer lieben, lieben Stimme hörte ich das Lied:
Wenn meine Seele die deine sucht,
So schwinden Raum und Zeiten,
Und schreit' ich einsam durch den Wald,
Du wandelst an meiner Seiten!
Und wenn du noch so fern mir bist,
Ich kenn' dein Denken und Fühlen,
Und dankbar spür' ich deine Hand,
Die mir die Stirn' will kühlen.
Wenn meine Seele die deine sucht,
Und das ist immer und immer,
Die ganze Welt mir wonnig ruht
In rosigem Hoffnungsschimmer.
Wenn meine Seele die deine sucht,
Dann schwinden Sorg' und Kummer,
Du bist bei mir, und selig leg'
Ich mich zum letzten Schlummer.
Ich sah mein Weib an ihrem Flügel sitzen, das Fenster war geöffnet.
Durch die Blumen, die auf der Fensterbank standen, zog milde
Frühlingsluft. Aus dem Garten tönte Kinderjubel in das Lied hinein.
* * * * *
Mit einem Herzen voll Sehnsucht erwachte ich. Wie hatte ich je verzagen
können! Ich hatte eine Heimat! Eine sonnige, liebedurchflutete Heimat!
Kein Mißton, kein kalter Hauch trübte die Quelle der Kraft, -- so
konnte und durfte diese nie versiegen.
Es war mir, als ob mir die Bedeutung des Weibes und der Heimat für den
Mann noch nie so klar geworden sei, wie hier, fern von der Heimat,
draußen auf dem weiten Ozean, und ganz besonders nach den Erlebnissen
der letzten Tage mit ihren Erzählungen und Beichten. Klarer als je war
es mir: das Weib ist die Seele der Welt, die Sonne unseres Seins! -- --
* * * * *
Auf dem Vorderdeck wurden eifrig Pläne geschmiedet. Einige der
Auswanderer wollten mit uns den Amazonenstrom aufwärts, andere von
Pará südwärts, nach Ceará und Pernambuco. Wie Samen streuten sie sich
über das weite Land. Auf dem Promenadendeck, in einer schattigen Ecke,
saßen unsere Magyaren mit dem deutschen Weinhändler aus Bordeaux --
und spielten ihren Skat. Für sie gab es keine Biskaya, für sie keinen
Atlantischen Ozean, keine Sorge und Liebe ums Vaterland, um ihr Volk.
Sie tranken ihr Bier und spielten ihren Skat. So ist der Philister.
Sein Horizont reicht nicht weiter, als der Rand seines Bierglases,
seines Portemonnaies, im besten Fall bis zur Türe seines Hauses. Was
Wunder, daß die erschreckend große Zahl dieser Sorte von Menschen, die
sich in allen Ständen findet, unter den Handwerkern, wie unter den
Geheimräten und Ministern, im Gemeinderat des Dorfes, wie im Reichstag,
in steigendem Maße zu einem Hemmschuh, ja, geradezu zu einer Gefahr für
unsere Kultur wird.
* * * * *
Während unser Trio von Zeit zu Zeit ein Stöhnen über die Hitze laut
werden ließ, labten wir uns in unserem Kreise an der herrlichen
Sonne. Die Freunde waren längst meinem Rate gefolgt, hatten mit der
zunehmenden Wärme sich in steigendem Maße des Fleischgenusses enthalten
-- Wein und Bier hatte schon längst keiner mehr angerührt -- und hatten
sich durch regelmäßige Sonnen- und Luftbäder oben auf der Kompaßbrücke
derart an die Tropensonne gewöhnt, daß sie sie ebenso wie ich, nur noch
als wundersame Lebensweckerin empfanden.
So saßen wir denn wie gewöhnlich in trautem Kreise beisammen. Ich
sollte erzählen von mir, von daheim, warum ich auf die Reise gegangen
sei.
Da berichtete ich ihnen denn, wie ich müde geworden war in meinem
Kampfe gegen das Elend und die Krankheiten und die Dummheit der
Menschen. Und wie ich keine Hoffnung und keinen Glauben an die Menschen
mehr gehabt hätte, weil ich tagtäglich gesehen habe, wie mit der
Zunahme unserer Kultur das Elend, anstatt abzunehmen, riesengroß wuchs.
Aber durch die Erlebnisse der letzten Tage sei es mir so recht klar
geworden, welch unerschöpfliche Quelle der Kraft für den Mann in einer
liebevollen, geordneten Ehe und in einer Heimat läge, in der der Mensch
wirklich wurzele. Noch niemals hatte ich das eigene Glück im eigenen
Hause so warm und lebendig empfunden, wie am gestrigen Tage bei den
Erzählungen der Freunde.
Und nun berichtete ich ihnen, von der Erinnerung an daheim und von der
Sehnsucht getragen, von meinem Weibe, von meinen Lieben, meinen blonden
Mädeln und meinen flinken und starken Jungen, wie sie mit der Armbrust
zu schießen verständen, und wie geschickt sie ihre Schiffe bauten. Und
von allem und jedem erzählte ich, und wenn ich's nicht tat, war des
Fragens kein Ende. Alles wollten sie wissen. Sie hungerten förmlich
nach dem Sonnenscheine meines Hauses. Und wie ich ihnen davon erzählte,
wurde mir das eigene Glück so recht im Innern lebendig und erfüllte
mich so ganz und gar mit Sonnenschein, daß ich schließlich durch die
offene Tür in die Kajüte trat, in der das Klavier stand und jubelnd das
Lied anstimmte, zu dem ich den Text gedichtet und mein Weib die Melodie
komponiert hatte.
Und wie ich das alte Lied, das vor langen Jahren mein Lieblingslied
gewesen war, mir vom Herzen gesungen hatte, da wuchs wiederum mein Mut,
das Vertrauen in meine Kraft und mein Glaube an die Menschheit! Gewiß,
-- viele waren noch verblendet in Kurzsichtigkeit und Gehässigkeit,
-- aber stammten diese Fehler nicht vorzugsweise aus Unkenntnis und
mangelhafter Erziehung her? Nun, Unkenntnis und mangelhafte Erziehung
lassen sich abhelfen. Und schließlich waren es doch nur untergeordnete
Mächte, die sich dem Fortschritte entgegenstellten. War nicht das
Verhältnis der Regierung zum Volk in meiner Heimat ein ähnliches,
liebevolles, fruchtbringendes, wie in unserer Ehe zwischen mir und
meinem Weibe?
Hatte die Regierung mir nicht alle die Jahre treulich geholfen mit
unermüdlicher Hergabe großer Summen, um Häuser zu bauen für meine Armen?
Waren es nicht nur die engherzigen, beschränkten, selbstsüchtigen
Philister gewesen, die sich meinem Werke entgegenstellten, aus Angst,
daß sie vielleicht ein paar Mark mehr Steuern bezahlen müßten, wenn
sie der Kinder der Armen wegen eine neue Klasse anbauen, vielleicht
sogar eine neue Schule einrichten müßten? Oder daß ihre Mietskasernen
vielleicht einmal leer stehen könnten? Oder daß sie bei dem Bau der
Arbeiterwohnungen statt Tausende nur Hunderte verdienen könnten?
Oder, noch törichter, daß in der Nähe der Villen der Reichen zu viel
Sozialdemokraten zu wohnen kämen, deren Kinder dann Lärm machen könnten
oder Unfug? Als ob ihre Kinder und ihre Hunde keinen Lärm und keinen
Unfug verursachten!
Hatte die Regierung mich nicht vor der Landwirtschaftskammer
Vortrag über Vortrag halten lassen darüber, wie der Dung der Städte
nutzbar gemacht werden könnte für unsere Felder, unsere Einöden, um
gleichzeitig unsere Flüsse reinzuhalten von allem Unrat?
Mußte ich nicht Geduld haben, wenn die neuen Lehren nur langsam in
die Hirne der Geheimräte und Philister einziehen wollten, die in den
Städten in den Kollegien saßen, ängstlich den Knopf auf dem Beutel, und
doch nicht einsehen konnten, daß die neuen Lehren ihnen Vorteil über
Vorteil bringen würden?
Hatte die Regierung in der Heimat nicht seit Jahren unsere Guttempler
unterstützt, wo und wie sie konnte?
Waren es nicht wiederum nur die Philister gewesen, die Stammtischler,
damit sie sich nicht zu schämen brauchten, daß sie immer noch hinter
dem Bierglas hockten, -- die Schenkwirte und Brauer, die in den
Gemeindevertretungen saßen, die die Menschen immer wieder in die
Kneipen zwingen wollten, damit sie ihre unsauberen Groschen durch
das Elend, die Krankheit und die Not ihrer Mitmenschen verdienten?
Und aller der Tausende gedachte ich, die mitkämpften im deutschen
Vaterlande gegen das Elend, gegen Selbstsucht und Beschränktheit, gegen
Ungerechtigkeit und Härte.
Und ich wollte mutlos werden? Hatte müde werden können? Nein, und
tausendmal nein, -- hab' Dank, du Atlantischer Ozean, daß du mir neue
Kraft in die Seele brandetest, mit deiner Sonne mir neue Hoffnung
einglutetest, -- ich fühle es, -- jetzt schon, -- der Kampf muß zum
Siege führen! -- --
Es ist seltsam: wie nach dem Gesetze der Anziehung verwandter Körper
in den Urzeiten der Erdentstehung aus dem Chaos das Eisen, das Silber,
das Gold, der Sand, das Wasser, das Erdöl hier und dort sich anhäuften,
so finden sich im Leben auch die Menschen, die geistesverwandt sind,
zusammen aus der ganzen Welt, sei es auf dem Lande, sei es auf
schwankendem Schiffe. Und gerade auf dem Schiffe, dem beweglichsten,
aber so eng begrenzten Boden, finden sie sich oft am ehesten.
So ging es auch unserer kleinen Gesellschaft. Die Beichten und
Erzählungen der letzten Tage hatten uns alle in wunderbarer Weise näher
gebracht. Ein Wort weckte das andere, ein Gedanke den anderen. Nichts
ist fruchtbringender und bereichernder für uns Menschen, als dieses
Ineinanderfluten der Seelen, nichts lebenweckender und lebensstärkender
als das Bewußtsein, Wellenringe zu ziehen im Reiche des Geistes, die,
auch die kleinsten nicht, ebensowenig untergehen können, wie irgend
eine Kraftäußerung der Materie.
»Ihr Bericht über Ihr häusliches Glück und das erfreuliche Verhältnis
zwischen Ihrer Regierung und Ihrem Volke in Ihrer Heimat ruft mir die
Worte Fichtes in die Erinnerung zurück,« fing der Badenser an, als ich
geendet hatte, »in denen er sagte: Der Glaube des edlen Menschen an die
ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit gründet sich auf die Fortdauer des
Volkes, aus dem er selber sich entwickelt hat und der Eigentümlichkeit
desselben, nach jenem verborgenen Gesetze, ohne Einmischung und
Vererbung, durch irgend ein fremdes und in das Ganze dieser
Gesetzgebung nicht Gehöriges. Diese Eigentümlichkeit ist das Ewige, dem
er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die
ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt.
In seinem Volkstum hat der Mensch seine Aufgaben, auch wenn er nicht
zur Fortpflanzung gelangt. Die Liebe zum eigenen Leben kann umgesetzt
werden in die Liebe zum Leben des Volkstums; denn dieses ist ein Stück
vom eigenen Ich, nicht anders wie die Kinder ein Stück vom eigenen Ich
sind.
So freue ich mich von ganzem Herzen des Glückes meiner lieben Freundin,
die in unserem neuen Freunde, -- hier wandte er sich zu unserem
Österreicher -- wie ich erkannt habe, den Mann gefunden hat, der
mit ihr zusammen und durch sie sich zum Menschen ergänzen wird. Nun
verzichte ich gern auf das Glück, das ich mir einst erträumt, das
auszusprechen ich aber bis heute noch nicht gewagt hatte, und will mich
auflösen in meiner Lebensarbeit für unser Volkstum.«
Feuchten Auges streckte das junge Paar ihm die Hände entgegen. Unsere
junge Freundin erhob sich, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und
drückte einen innigen Kuß auf seine Stirn.
So kam es, daß eigentlich keiner von uns so recht darauf achtete,
daß unser Balte, der als ein schweigsamer, aber gern gelittener Gast
sich ganz unserem kleinen Kreise angeschlossen hatte, aufstand und
verschwand.
Da er sich des öfteren nicht wohl fühlte, so fiel es auch nicht weiter
auf, als er bei Tische nicht erschien.
Bei der Mahlzeit fing unsere junge Freundin, die wir bald »unser Kind«,
bald »unser Mütterchen«, bald unser »Hexlein« nannten, »Hexlein« weil
sie verstand, alles mit einem poetischen Schimmer zu vergolden, an:
»Nun sagt einmal, ihr klugen Männer, woher kommen diese unendlich
vielen unglücklichen und unstimmbaren Ehen heutzutage? Woher überhaupt
diese Mißstimmungen in unserem ganzen Leben, in unserem ganzen Volke?
Die Männer verstehen die Frauen nicht mehr, die Frauen die Männer
nicht, die einzelnen Stände im Volke einander nicht. Fast scheint es,
als ob die Nation in Erwerbsklassen auseinanderfallen will. Vor allem
aber versteht die Regierung das Volk nicht mehr, und das Volk die
Regierung nicht.
Jene meint, sie müsse regieren, während sie doch offenbar nur dazu da
ist, das Volk glücklich zu machen, andererseits ein glückliches Volk,
meiner Ansicht nach, ganz von selbst eine starke Regierung haben wird.
Denn eine Regierung, die, weil sie ihre Pflicht tut, das Volk glücklich
macht, wird auch von der Liebe und Achtung des ganzen Volkes getragen
werden, -- gerade wie ein Weib, das einen Mann voll und ganz glücklich
macht, weil sie ihn so recht von ganzem Herzen liebt, so daß sie ganz
und gar in ihm aufgeht, nicht zu herrschen braucht und doch seine
Königin ist, für die er lebt und schafft, eben weil er sein Glück, sein
Leben, seine Zukunft in ihrem Glück, in ihrem Leben, ihrer Zukunft
sieht.«
Ich dachte an unseren Kultusminister und hatte große Lust ihn wieder
einmal in meine Wellenkreise zu ziehen, wie damals im Kanal. Da kam
mir unser Rheinländer zuvor: »Das will ich Ihnen sagen,« begann er.
»Der Hauptkrebsschaden, an welchem wir kranken, der die Ursache
dieses Nichtverstehens zwischen Mann und Weib, zwischen den einzelnen
Bevölkerungsklassen, wie zwischen Volk und Regierung ist, das ist
neben der Vernachlässigung unserer Charaktere, das heißt unserer
Willensbildung, die ungleiche Ausbildung, die bei uns in Deutschland
nicht nur Knaben und Mädchen, sondern noch mehr die einzelnen
Bevölkerungsklassen erhalten. Und zu dieser verschiedenen Ausbildung
kommt dann noch die verschiedene Lebensführung hinzu.
So kommt es, daß bei der Ausbildung der Mädchen viel mehr Gewicht
gelegt wird auf die Ausbildung des Gemüts, des Seelenlebens -- in der
Volksschule schon, mehr noch in den höheren Töchterschulen --, während
in die Knaben schon von früh auf Kenntnisse, Kenntnisse, Kenntnisse
hineingepaukt werden, von denen er nach Schulschluß neun Zehntel
schleunigst wieder vergißt. Als ob das Leben selbst nicht schon Mann
und Weib genügend drangsalierte.
Und die sogenannten unteren und oberen Volksklassen! Wie wenige Kinder
unserer wohlhabenden Leute, aus denen sich später unsere Regierungsräte
und Geheimen Regierungsräte rekrutieren, von unseren Ministern und
Fürsten ganz zu schweigen, haben in ihrer Jugend einen armen Jungen
gekannt, haben ihn hungern gesehen, haben, von Mitleid ergriffen, ihn
in das elterliche Haus mitgenommen, um ihn dort zu sättigen. Ja, wie
viele oder besser, wie wenige von unseren hohen Herren, aus denen
dieser Organismus, Regierung genannt, sich zusammensetzt, sind denn
je in einer Armenleutestube gewesen, haben mit ihnen Freud und Leid
geteilt, haben mit ihnen empfunden und gesorgt?« --
Mich durchzuckte es ordentlich in Erinnerung an das, was ich noch vor
kurzem selbst alles erlebt hatte. --
»Dieses ich hasse das gemeine Volk und halte es mir fern«, das
die hohen Herren zu allermeist aus ihrem Korpsstudentenleben von
der Universität, aus dem Offizierskasino, in dem sie als junge
Reserveoffiziere mit den »Aktiven« trinken durften, mit ins praktische
Leben hinübernehmen, in die Fabrik, ins Bureau, in den Gerichtssaal,
ins eigene Haus, -- das ist der Krebsschaden, an dem wir kranken!
So entsteht durch die getrennte und völlig verschiedene Ausbildung auf
der Unterstufe, in der frühesten Kindheit schon ein in sich zerrissenes
Volk, das sich untereinander in seinen einzelnen Ständen und Schichten
kaum noch versteht. Und ebenso verstehen sich schließlich nicht mehr
Mann und Weib, Volk und Regierung.
Freilich, -- so, wie die Dinge jetzt liegen, läßt sich wohl kaum das
ganze Volk mit einem Schlage in eine Schule bringen, -- dazu ist durch
unsere herzlose Wirtschaft bereits ein zu großer Teil unseres Volkes
oben und unten proletarisiert.
Der Hochmut der Kinder der Reichen und die Verkommenheit der in
den Gängevierteln der Großstadt, zwischen Bordellen und Kneipen
aufgewachsenen Straßenjugend würde vielfach einen zu großen Gegensatz
bilden.
Aber schließt von heute ab zehn Jahre lang alle Schnapskneipen und
Bierhallen, lehrt unsere Studenten, daß Sichbetrinken eine Gemeinheit
ist, unwürdig eines freien Mannes, lehrt in diesen zehn Jahren die
Kinder unserer Reichen, daß sie Kinder eines Volkes sind, in dem jeder
jeden als Menschen, als Schwester und Bruder, voll und ganz zu achten
hat, einerlei, welch Gewand er auch trägt, und was er arbeitet; daß für
andere zu leben das größte Glück ist; gebt unserm Arbeiter außerhalb
der Erwerbs- und Geschäftsstadt ein Häuschen mit Stall und Garten, wo
sein Völkchen gedeihen kann, für sich und die Seinen, wo er mit der
Bahn morgens in der Früh' schnell zur Fabrik oder in die Stadt kann,
und unser deutsches Volk wird in einer kurzen Spanne Zeit in seinen
breitesten Schichten wieder ein Volk von Aristokraten sein, stark,
gesund, glücklich, fröhlich, -- unüberwindbar auf jedem Gebiete.
Dann ist die Zeit gekommen, das ganze Volk, Mädchen und Knaben, Kinder
aller Stände, wieder gemeinsam zu unterrichten, bis Neigung, Befähigung
und Berufswahl die Geister auseinanderziehen und verschiedene
Ausbildung und Bildung verlangen.«
»Bruder, Freund, -- das waren ja meine Gedanken und Empfindungen!«
-- »Geht's uns im Rheinland denn anders, als euch im Norden? Kranken
wir nicht alle, alle im weiten deutschen Vaterlande, an dem gleichen
System? dem System der Symptomenkuriererei und Flickarbeit? Hier
ein Armenhaus und dort ein Findelhaus, hier eine Lungenheilanstalt
und dort ein Siechenhaus, und hier eine geschiedene Ehe und dort
eine geschiedene Ehe, hier ein trunksüchtiger Arbeiter und dort ein
hypergenialer, verknöcherter Geheimrat, alter Herr von irgend einem
Korps oder irgend einer Burschenschaft, feudal und konservativ bis in
die Knochen. Aber in seinem Bezirke herrscht Not und Unglück.
Doch ich will nicht klagen. Es rührt sich bei uns im Rheinland mächtig,
ebenso wie in Westfalen. Schaut, was Krupp Vorbildliches für seine
Arbeiter geleistet hat! Seht nur, was die Baugenossenschaften überall
schaffen, rings um die Städte die kleinen schmucken Häuschen!
Nur hier und da, wo Grundbesitzer in den Gemeindevertretungen sitzen,
durchbrechen sie uns auch schon im Umkreise der Städte das Baugesetz
und richten Mietskasernen in die Höhe, ein Fluch für unser Volk. Denn
sobald der Mensch dem Erdboden entrissen ist, fehlt ihm der Boden, in
dem er wurzeln kann. So zieht man ›vaterlandslose Gesellen!‹ Hier fehlt
uns der Bismarck, der uns mit eiserner Hand ein Reichswohnungsgesetz
aufzwingt mit nur einem Paragraphen: Zum Bewohnen durch Menschen dürfen
im Gebiete des Deutschen Reiches und seiner Kolonien nur Häuser erbaut
werden, in denen höchstens zwei Familien unter einem Dache wohnen. Zu
Geschäftszwecken dürfen die Häuser in geschlossener Bauweise und so
hoch erbaut werden, als die Bautechnik hierfür Sicherheit gewährt.«
Hier war das klar ausgesprochen, was ich seit Jahren bei mir selbst
länger erwogen, was, wie es schien, wie Zündstoff in der Luft lag. Wenn
der Kaiser, als ein zweiter Bismarck, hier zupackte, -- hier galt eine
Tat zu vollbringen, die, wie eine Quelle in der Wüste, ein steriles
Land in eine Oase umwandeln könnte! --
Vom Auswandererdeck tönte leise ein Lied herüber, aus dem es wie scheue
Hoffnung auf eine schönere Zeit heraus klang. Der schwarzlockige
Bursche, der dort singend auf einer Kiste hockte und so keck über
die See hinauslugte, erinnerte mich plötzlich an einen meiner
Feuersalamander, der mir aus meinem Terrarium eines schönen Tages
entschlüpfte. In seinem Gefängnisse hatte er meist trübselig in einer
Ecke gesessen. Bald darauf traf ich ihn im Garten. In der Freiheit hob
er stolz und frei den Kopf, als ob er sagen wollte: »Du kannst es nicht
über dich gewinnen, mich wieder einzusperren, -- sieh nur, wie mir die
Freiheit in der kurzen Zeit gut getan hat.« -- Und ich konnte es nicht.
Ich ließ ihn laufen -- und seine Kameraden mit. --