Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter. Während ich in

Sinnen verloren die kahlen Ufer hatte vorüberziehen sehen, hatte ich

nicht bemerkt, daß der Franzose sich mir genähert hatte. »Ich lese

aus Ihrem ernsten Gesichte Ihre Gedanken,« redete er mich an. »Sie

haben recht, was müßte bei verständiger Regierung aus diesem Lande,

das von drei Seiten vom Meere umgeben ist, das unter der mildesten,

herrlichsten Sonne liegt, zu machen sein! Wie viele Millionen würden

hier Brot und Dasein finden, wenn Liebe und Klugheit hier das Szepter

führten. Der Hauptfehler liegt hier, wie auch in Italien daran, daß

der größte Teil des Landes in den Händen Großer und Mächtiger sich

befindet, die ihn durch Pächter und Unterpächter ausnützen, um immer

reicher, immer mächtiger zu werden, ohne sich des Segens, den sein

Besitz bringt, des Segens der Bearbeitung des Bodens bewußt zu werden.

Und wohin Sie sehen, finden Sie das nämliche Leid, nur in anderer

Form, in Ihrer Heimat, wie in der meinigen. Die Allgemeinheit schafft

neue Werte, baut Straßen, Bahnen, Kanäle, Plätze, Parks, Museen,

Schulen, -- aber nur die wenigen, die im Besitze von Grund und Boden

sind, haben den Nutzen davon, daß der Grund und Boden durch alle

diese Neuschöpfungen im Werte steigt. Die Städte drängen über ihre

Weichbilder hinaus. Was heute Kartoffelland ist, wird morgen Baugrund.

So wächst diese üble Sorte von Parvenüs aus der Erde heraus, diese

Millionenbauern, Menschen ohne Bildung, zumeist infolge des mühelos

erworbenen Reichtums Protzen und Schwelger, -- und die Masse muß ihnen

fronden mit Zins und Zinseszins. Die Schätze des Bodens, die Wälder

und Bergwerke, die Salzlager und Petroleumquellen machen einzelne zu

Fürsten des Geldes, -- und die Menge darbt.

Handel und Industrie schaffen ungeheure Reichtümer, die, nur zu oft

anstatt dem Ganzen zu dienen, törichten, schwelgerischen, übertriebenen

Luxus fördern.

Dräuende Rüstungen aller Länder verschlingen den Wohlstand der Völker,

die, aufgehetzt vom Rassenhaß durch eine gewissenlose und profitgierige

Presse, sich gegenseitig befeinden und beargwöhnen.

Die Länder schließen sich ab und erzeugen so den tollen Zustand, daß

hier Gebiete der Erde die Menschen kaum zu fassen vermögen, dort

unermeßliche Gebiete des Pflugs und der Axt harren.

Die Künstler, der Natur entfremdet, in einem entarteten Kulturleben

entnervt, schaffen zumeist Werke, die den Todeskeim schon in sich

tragen, wie Kinder, die einen kranken Vater hatten, oder die in den

Höfen der Großstadt erzeugt sind, wie Blumen, die der Sonne entbehrt

haben. Die Lehre Christi ist vergessen. Die Sonne des Lebens ist

erloschen. Die Liebe ist tot.« --

Vor uns lag die zerklüftete Steinwüste der Bocca da Inferno, der

Höllenstrand. Dunkel stiegen die Felsen aus dem brandenden Meere empor,

unheimlich finster. Wie eine Eiseshand legte es sich mir auf die Seele.

Und doch, -- war es nicht tröstend, daß ich hier auf fremdem Meere

einen Menschen fand, der so klar das Elend der heutigen Welt erfaßt

hatte! Aber gab es denn keinen Ausweg?

Oben auf der steilen Küste leuchtete weiß und hell ein Leuchtturm, ein

Wahrzeichen für die Schiffer, das gefährliche, riffreiche Gestade

zu meiden; warnte Portugiesen und Spanier, Engländer und Deutsche,

Holländer und Franzosen, und wer immer hier vorbeifuhr, Freund und

Feind.

Nein, und tausendmal nein, -- die Liebe ist nicht tot! Liebe hat den

Leuchtturm hier gesetzt, -- Liebe zu fremden, wildfremden Menschen. Und

Liebe muß dieses ganze Wirrsal entwirren.

Schweigend reichte er mir die Hand. -- Nach einer Weile sagte er kurz:

»Es ist schon so, der Alkoholismus, der Mammonismus und der Egoismus,

diese drei internationalen Bestien sind es, die unsere Kultur in den

Staub zu drücken drohen mit ihren Tatzen.« -- --

Allmählich wurden die Ufer lieblicher, Dorfschaften in grüne Gärten

eingebettet, dann wieder kahle Hügel mit felsigen Gestaden. Hügel,

deren Kämme, wie man wieder an den hier und dort einsam ragenden Bäumen

erkennen konnte, einstmals wohl Wälder getragen hatten, wechselten mit

kleinen Städten. -- Wir hatten es uns bequem gemacht und sahen das

Panorama der portugiesischen Riviera an uns vorüberziehen.

»Eines schlimmen Feindes, vielleicht des schlimmsten für das

Vorwärtskommen der Völker haben wir noch nicht gedacht,« hob mein

französischer Reisegefährte wieder an, »das ist die Schule.« Gespannt

fragte ich, womit er das begründen wolle. »Sie bringt den Kindern alle

möglichen Kenntnisse bei, aber das Wichtigste bringt sie ihnen nicht.«

-- »Und was ist das Wichtigste?« -- »Das Beste und Köstlichste! Sein

Glück darin zu finden, daß man andere glücklich macht, Not lindert und

der Not vorbeugt. Nicht der Besitz ist verwerflich, sondern der falsche

Gebrauch des Besitzes.« -- »Und worin besteht dieser falsche Gebrauch?«

-- »Darin, daß man seinen Reichtum, seine Stellung benutzt, um andere

auszusaugen, andere Menschen unglücklich zu machen. Sehen Sie, das

ist die Sünde. Und an dieser Sünde bewahrheitet sich wieder das alte

Wort: ich will die Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte

Glied. Denn der Mammonismus der Väter rächt sich an ihren Enkeln und

Urenkeln. Erst wenn wir gelernt haben, die menschliche Persönlichkeit

wieder zur Geltung zu bringen, die Selbstsucht der Besitzenden zu

brechen; wenn wir erst wieder Achtung haben vor dem Nebenmenschen, vor

dessen Leben; erst wenn wir gelernt haben, die Liebe zum Glück des

Nebenmenschen zu tatkräftigem Leben zu erwecken: erst dann werden wir

unser Ziel erreicht haben!«

Ich hatte während der letzten Worte des Franzosen die Augen

geschlossen. Durch meine Seele zitterte es nach: mit dem Billigsten,

mit dem, was nichts kostet, wie Sonnenschein und Luft, die noch allen

Menschen gemeinsam sind, sind die Menschen am sparsamsten, mit der

Liebe. O, mein Gott! Wie viel Liebe kann ein Mensch verschenken und

wird dabei immer reicher, -- und wie wenig Liebe verschenken die

Menschen. Und da wundern sie sich, daß sie immer ärmer, daß es um sie

herum immer finsterer, immer kälter, immer freudeloser auf der Erde

wird. Und tragen die Lebenssonne doch im Herzen, aus der sie nur zu

schöpfen brauchten, um die ganze Welt mit Licht und Wärme zu erfüllen!

--

Als ich die Augen öffnete, bot sich mir ein märchenhafter Anblick.

Hinter den Hügeln, die die Ufer begrenzten, stiegen bewaldete

Bergketten empor, terrassenförmig sich hintereinander emportürmend. Und

oben auf dem höchsten Gipfel, wie ein Gebild kühnster, dichterischer

Phantasie, in lichten blauen Nebelhauch gehüllt, ein Zauberschloß, mit

hochragenden Mauern und Zinnen, mit Türmchen und Türmen, und alles

überragend ein gewaltiger Turm mit hell im Sonnenlichte blinkender,

goldener Kuppel.

So mag dem Jüngling, der zuerst ins Leben tritt, von weitem das Ideal

seines Strebens entgegenschimmern, aus weiter Ferne, lockend, leuchtend

und doch fast unerreichbar.

Den Windungen des Ufers folgend, drängen sich neue Bergmassen vor

das liebliche Bild -- wie sich die Schwierigkeiten des Lebens vor

das Ideal drängen --; verschwunden ist das Schloß, verschwunden wie

Märchenzauber. Doch nun, was ist das, -- von neuem taucht es empor,

näher, deutlicher. Schon unterscheidet das Auge die arabischen

Zinnengesimse, die maurischen Zacken und Hufeisenbogen der Fenster.

Und wieder von neuem, obwohl dem Auge schon so faßbar nah, drängen

sich in erneuter Windung neue Bergketten vor den herrlichen Bau,

wiederum ihn den Blicken verbergend. Vergeblich sehnt sich das Auge,

das Wunder zu schauen, immer höher türmen sich graugelb gewaltige

Bergmassen im wirbelnden Zuge am Horizont empor, als wollten sie bis

zu den Wolken sich emporrecken. Jetzt aber, strahlend in Goldesglanz

und Farbenpracht, mit schimmernden Fenstern und leuchtenden Türmen,

machtvoll, gebietend, wunderherrlich liegt es da, gleichsam als wollte

es unser ganzes Denken und Empfinden erfüllen, wie das Ideal, das uns

gepackt hat, unsere ganze Seele erfüllt, daß wir fortan nur seiner

gedenken, ihm lebend, ihm uns hingebend mit jeder Faser unseres Seins.

Das ist die Cintra, die portugiesische Königsburg, mit ihren

Zaubergärten, die Byron schon ein wundervolles Eden genannt hat.

Unter ihr, wie die durch die Gegenwart besiegte Vergangenheit, völlig

beherrscht von dem machtvoll gebietenden Zauberschloß, ein kahler

Hügel, der Felsberg mit der alten, zerfallenen Maurenburg, deren Ruinen

melancholisch in die Täler zu ihren Füßen hinabschauen.

Ruhiger fließen die Wogen dahin. Wir sind längst in der Mündung des

Tejo. Barken mit fremdartig geschweiften bunten Segeln beleben die

Flut. Am Ufer grüßt der Turm von Belema, von dem aus Vasco da Gama

seine Forschungsreisen antrat, der Menschheit neue Gebiete der Erde zu

erschließen. -- --

Hinter uns lag die Cintra. Von weitem winkte schon Lissabon, beherrscht

von den Palästen des Königs und der Königin-Mutter.

»Warum fahren Sie nach Lissabon,« fragte ich den Franzosen? -- »Der

König muß abdanken.« -- »Warum?« -- »Weil er sein Land ruiniert, wie

seinerzeit Ludwig der Sechzehnte mein Vaterland ruiniert hat durch

seine Verschwendungssucht, seine Trägheit und seinen Mangel an Liebe

zu seinem Volke und seinem Lande.« -- »Und wenn er nicht abdankt?« --

»Dann muß er sterben, wie Ludwig der Sechzehnte. Denn es ist wichtiger,

daß ein Volk und ein Land gesund bleibt und gedeiht, als daß der Fürst,

der es zugrunde richtet, am Leben bleibt!«

»Das sind ja nette Grundsätze, -- Sie sind ja der reine Anarchist,«

ließ sich der schnarrende Bierbaß des Ostpreußen da plötzlich hinter

uns vernehmen, »werde Sie bei der Landung der Königlich Portugiesischen

Polizei bestens empfehlen,« setzte er höhnisch triumphierend hinzu, »um

Ihnen Ihre Throne stürzenden Ideen etwas zu durchkreuzen. Fehlte noch,

die Monarchien durch solche phantastische Köpfe in Gefahr zu bringen.

Müßte nicht Königlich Preußischer Unteroffizier der Landwehr sein, wenn

ich nicht wüßte, wie ich mit Leuten Ihres Schlages zu verfahren hätte.«

Lächelnd, ruhig in seinem Stuhle liegen bleibend, den dunklen

Schnurrbart leicht zwischen den Fingern zwirbelnd, hörte unser

französischer Reisekumpan das Geschnarre und Geschwätze seines

beleibten Gegners an, dessen Wut sich nur steigerte, als der Franzose,

ohne ihn eines Wortes zu würdigen, sich zu mir wandte und sagte: »Sehen

Sie dort die Fahne auf dem Palaste des Königs. Wir sind in Sicht. Wenn

sie jetzt niedergeht, so sind die Tage des Königs gezählt.« Kaum waren

seine Worte verhallt, da senkte sich die Fahne, um nach einer Weile

langsam wieder hochzugehen.

Vor uns lag die Stadt.

Ein wundervolles Panorama bot sich dem Auge. Wie ein Amphitheater zog

sich Straße um Straße an den Bergen empor bis oben zu den Höhen, von

denen die Königspaläste herabschauten.

Schon stoppte unser Dampfer seine Fahrt. Rasselnd fuhr der Anker zu

Grund. Unmittelbar vor uns lag der Hafenplatz mit seinen Triumphbogen.

Dahinter das Zeughaus, die Kathedralen, Kasernen, Klöster, ein Gewirr

von Straßen, dazwischen große, mit Bäumen bepflanzte Plätze, ein immer

aufs neue fesselndes Bild.

Die Dampfpinasse mit dem Regierungsarzte und der Hafenpolizei legte

an, Zollwächter kamen aufs Schiff, zahlreiche Boote umschwirrten uns

und legten zum Teil längsseits sich an den Dampfer. Der Franzose trat,

in der linken Hand ein Köfferchen, höflich auf mich zu und reichte

mir seine Rechte: »Leben Sie wohl, und bringen Sie uns Sonne mit.

Wir alle können sie brauchen.« Damit wollte er die Schiffstreppe

hinabsteigen, da sprang plötzlich unser Ostpreuße auf den nächsten

Zollwächter zu: »Verhaften Sie den da! Er führt etwas im Schilde gegen

Ihren König. Sie müssen ihn verhaften!« Der Mann verstand ihn nicht.

Der Franzose aber rief dem Zöllner auf portugiesisch zu: »Haben Sie

Mitleid mit dem Herrn. Er ist nicht ganz normal im Kopfe,« worauf

der Portugiese mitleidig lächelte und seinen Patrouillengang auf dem

Schiffe wieder aufnahm. Unser Ostpreuße aber, der sein Rettungswerk an

der portugiesischen Monarchie noch nicht aufgab, kletterte, so schnell

als seine Körperbeschaffenheit dieses erlaubte, in das nächste Boot,

das hinter demjenigen, mit welchem der Franzose den Dampfer verlassen

hatte, zur Hafentreppe fuhr, und landete kurz nach jenem am Kai.

Wir sahen vom Schiff, wie er heftig gestikulierend und laut rufend auf

Beamte der Hafenpolizei einredete, von denen ihn natürlich niemand

verstand, und konnten deutlich sehen, wie die Beamten den immer

aufgeregter sich Gebärdenden schließlich in ihre Mitte nahmen und

abführten.

Eine Stunde später gingen auch wir an Land und erfuhren, daß die

Polizei ihn als einen scheinbar Geistesgestörten erst einmal in

Schutzhaft genommen, nach Klarstellung der Dinge durch einen

Dolmetscher aber alsbald wieder entlassen hatte. Der Franzose war

inzwischen von seinen Freunden längst in Sicherheit gebracht.

Leichten Herzens durchschlenderten wir in Gesellschaft liebenswürdiger

Deutscher, die in Lissabon ansässig waren, die Stadt, labten uns an der

erlesenen portugiesischen Küche und vergaßen am Abend im Zirkus bei

Clownspäßen und Taschenspielerkunststücken die Todesnot der Biskaya und

die Schönheit der Cintra. So ist der Mensch. --

* * * * *

Faß um Faß flog mit Hilfe unserer Schiffskräne aus den Leichtern in

unsere Räume, Traubensaft aus Portugal enthaltend, vermischt mit

Hamburger Spiritus. Nun sollte dieses Gift die Brasilianer krank

machen. Der Teufel sollte dreinschlagen! Neuen Spiritus hatten wir

selbst für die nächste Weinkampagne in zahlreichen Fässern von Hamburg

mitgebracht und am Tage vorher ausgeladen. Gerade wie in Boulogne,

wo wir den Hamburger Spiritus zur Fabrikation »besten französischen

Rotweins« ausluden. Auch für Madeira hatten wir noch an die hundert

Fässer im Schiffsraum. Daß doch die Menschen nicht klug werden! Da

schauen sie mit Kennerblick nach den Etiketten, riechen am Glase,

loben die »Blume«, nippen, schnalzen mit der Zunge, »feiner Bordeaux«,

»feiner alter Portwein«. -- Feiner alter Esel, -- Hamburger Sprit

trinkst du in deinem vergorenen Traubensafte, -- wir selbst haben ihn

mitgeschleppt, selbst durch die Biskaya. Ich kann's bezeugen. Und du,

der du ihn trinkst, vergiftest damit dein Blut, dein Gehirn, deine

Nachkommenschaft, deine Seele, daß sie nicht mehr lieben kann!

Nicht mehr lieben, wie unser Volk es verdient, wie es die Menschheit

bedarf! --

Vor uns lag die Stadt, -- darüber die Paläste, zu ihren Füßen die Wogen

des Tejo. In schlanken Windungen führt durch weite Gefilde die alte

maurische Wasserleitung der Stadt ihr Wasser zu. Als ich aber weite

Strecken um die Stadt herum nur mangelhaft bebaut liegen sah, drängte

sich auch hier wieder die Frage auf: was würden die Leute unter diesem

Himmel aus diesem Lande machen können, wenn sie die Abwässer der Stadt

in richtiger Weise zur Berieselung ihrer weiten Ländereien heranzögen!

Aber wenigstens trinken die guten Lissaboner das verseuchte Wasser

des Tejo nicht, wie die Hamburger und die Altonaer die durch ihre

Kanalwässer vergifteten Fluten der Elbe.

Die Schönheit des Anblickes verscheuchte alsbald wieder die trüben

Gedanken. Das, was Lissabon als Stadt so schön erscheinen läßt, was

so harmonisch einen anmutet, ist nicht der Reichtum an Denkmälern

oder monumentalen Bauten, sondern eben diese Harmonie des gesamten

Stadtbildes, die Einheitlichkeit der Bauart, die selbst in den Straßen

mit den einfachsten Fassaden nicht ermüdend, sondern beruhigend und

wohltuend wirkt. Man sollte wirklich einmal die gesamten Architekten

und städtischen Baumeister Deutschlands auf längere Zeit hierher

schicken, um Harmonie der Formen zu studieren. Gerade in der

Einfachheit der Gesimsführung, in der schlichten Stilisierung der

Fensterumrahmung, die immer wiederkehrt, wirken diese Fassaden der

Straßen vornehm, behaglich.

* * * * *

In den Anblick der schönen Stadt versunken, habe ich kaum bemerkt, daß

wir den Anker schon wieder gelichtet haben. Schon taucht von neuem, wie

wir den Tejo wieder hinabfahren, die Cintra auf.

Oh, ich war da, in ihren Gärten mit der beispiellosen Üppigkeit;

Wälder von Eichen, Buchen und Eukalyptus fuhren zur Höhe hinauf. Und

droben, -- Kamelien und Oleander, mit Blüten übersät, zu hohen Bäumen

emporgewachsen, rosenübersponnene Laubgänge, von Veilchenduft erfüllte,

lauschige Grotten mit plätschernden Quellen und Springbrunnen, und

eine Pracht architektonischer Kunst, wie man sie kaum auf der Erde

wiederfindet.

Hier tragen schlanke Säulen Bogengänge aus Marmor, der unter dem

Meißel des Bildhauers zu einem zierlichen Spitzengewebe geworden zu

sein scheint, das sich, wie unendlich zartes Gitterwerk, in graziösen

Linienzügen bald zu geometrischen Figuren verbindet, bald sich trennt,

um sich aufs neue zu rätselhaftem, von Schriftzeichen wimmelndem

Gebilde zu gruppieren. Wände und Fußböden bedecken Arabesken,

Ranken streng stilisierter Pflanzenformen, in denen der Künstler

Farnkräutern, Pinien, Efeu und Granatäpfeln, dem ganzen Reichtum dieser

verschwenderischen Natur, unsterbliches Leben verlieh! Dann ragen

plötzlich massige Quadermauern auf steilem Felsen empor, die sich zu

mächtigen Palästen mit Türmen zusammenschließen, gleichsam, als wollten

sie ein Denkmal darstellen der unbesiegbaren Kraft des energischen

Willens.

Und doch bei all der Pracht des Palastes und des Gartens, trotz aller

Sonne und aller Blumen ein schwermütiger Hauch; -- die Liebe fehlt

doch in all dieser Schönheit. Einsam haust dort oben eine trauernde

Königin, fern von ihrem Volke, während der König mit seiner Mätresse im

Viergespann durchs Land kutschiert.

Das sagt alles. Und das Volk verarmt, durch Steuern ausgesogen, die der

Hof verpraßt. Die Höhen stehen unbewaldet, das Land zum Teil verdorrt,

Handel und Ansehen gesunken.

Ich gedenke des Franzosen und seiner Freunde. Wie wird das Schicksal

dieses Volkes und seines Königs enden? Die Liebe fehlt, vom Könige zum

Volke, und vom Volke zum Könige. Welch ein Menschheitsparadies würde

hier erstehen, wenn hier Liebe waltete!

Hier in dieser Welt von Schönheit wird es einem klar, welche

Bedeutung die Schönheit für unser Leben hat. Unzweifelhaft beruht

sie auf Gesetzen, auf Gesetzen, die so einfach und klar sind wie die

Grundgesetze der Natur. Es ist vor allem die Wirkung der Gegensätze und

der Wiederholung. »Schön« ist das, was in uns die Sehnsucht erweckt,

es wiederzusehen. Hier auf bewaldeter Höhe das stolze Königsschloß,

dort, nur durch eine Kluft von jenem getrennt, auf kahlem Felsenkegel

die Ruinen des alten maurischen Kastells. Das ist's, was dem Bilde

die Vollendung gibt. Und nun der stete Wechsel des Bildes: dieses

Verschwinden und Wiederauftauchen aus den Gebirgsmassen. Ist's nicht

der gleiche Reiz, der uns das Spiel der Wellen, diesen Wechsel von

Wellenberg und Wellental, so anziehend macht? Der gleiche Reiz des

Gegensatzes von Berg und Tal in der Landschaft, von Frühling und

Herbst, von Sommer und Winter, Tag und Nacht, Arbeit und Ruhe? Und nun

im stetig wiederkehrenden Wechsel des Lebens, -- ist's nicht dieser

ewige Wechsel, der uns das Leben so lebenswert macht?

Mir fielen die Psalmen ein mit ihren Wiederholungen, die der

hebräischen Poesie so eigentümlich sind, und die in ihrem Reichtum,

mit dem sie den Gedanken immer wieder neue Färbungen verleihen, so

machtvoll und eindringlich wirken.

Und weil die Schönheit in ihrer Wiederholung und in ihrem Wechsel zu

einem Bestandteil unseres Lebens wird, so können wir nicht anders, wir

müssen sie lieben, als ob sie ein Stückchen von uns selbst, von unserer

Seele wäre. Wir müssen sie lieben, eben weil sie schön ist, weil sie,

wie die Sonne, unser Leben erhellt, erwärmt, weil sie unser Leben erst

zum Leben schafft. Die Aufgabe der Kunst aber ist es, uns die Schönheit

so anschaulich zu machen, daß wir ohne sie nicht leben können, daß sie

unser ganzes Denken und Empfinden erfüllt, uns immer wieder emporzieht,

immer höher und höher hinauf zur Vollendung.

Da aber die Schönheit auf dem Gesetze beruht, so müssen wir auch das

Gesetz lieben, weil es uns zur Schönheit, zur Schönheit des Lebens

verhilft. Sollen wir aber das Gesetz lieben, so muß das Gesetz selbst

Liebe sein, -- denn alles, was Leben gibt, stammt von der Liebe ab.

Pflicht und Gesetz ist eins. Auch die Pflicht kehrt täglich wieder, sie

geht mit uns zur Ruhe, schläft mit uns und wacht in der Frühe wieder

mit uns auf, und dieser Wechsel macht auch sie schön. Wehe dem, der die

Schönheit der Pflicht nicht erkennt. Anstatt in fürstlicher Ehe ihr

vermählt zu sein, frönt er ihr als Knecht. Hier auf der Cintra hatte

der Stein selbst Leben gewonnen. Ihn hatte der Geist, der Fleiß, die

Phantasie, die Liebe des Künstlers beseelt, hatte ihm Geist von seinem

Geiste eingehaucht. Hier war die Arbeit nicht als Fron geleistet, --

hier war die Arbeit Freude, Leben gewesen! -- Das sagte der Stein in

tausendfältiger Form noch nach Jahrhunderten. Das war es, was ihn uns

als schön empfinden ließ, was ihn uns so lieb machte. --

Das Bild der Cintra kommt und geht, kommt wieder und geht wieder, um

leise im blauen Nebelhauch zu verschwimmen.

Seltsam, -- wie das Königsschloß meinem leiblichen Auge längst entrückt

ist, und nur das geistige Auge das Wunderbild noch schaut, da sehe

ich über dem maurischen Kunstwerk mit seiner Filigranarbeit und

seinen Zinnen Strebepfeiler der Gotik emporsteigen, ernst, aufwärts,

himmelan, wie eine Verkörperung der mahnenden Pflicht, zum Höchsten

zu streben; sehe die hohen Spitzbogen der Fenster, sehe, wie ihre

Pfosten in runde und spitze Kleeblattbogen auslaufen, wie sie sich

zu Kreisbogen, zu Dreiecken und Polygonen zusammenschließen, wie sie

in den großen Rundfenstern der Fassaden in strahlenförmigen Gebilden

auseinandergehen. Und wie mein geistiges Auge, angeregt durch all die

Herrlichkeit, die mein leibliches Auge geschaut hat, sich vertieft

in alle Schönheiten der heimischen Gotik, da reißt sich die Seele

plötzlich los und zieht wie ein Adler über das weite Vaterland, hoch

im Bogen, aus der Höhe hinabspähend, und schaut und schaut all den

herrlichen Reichtum an Münstern und Domen in Köln und Straßburg, in

Freiburg und Ulm und ringsumher, schaut die Burgen und Schlösser, die

stolzen Rathäuser; sie findet Rast in der Heimat am Fuße der herrlichen

Nikolaikirche, da, wo meine Wiege stand, in dem alten Patrizierhause zu

Füßen des hohen gotischen Turmes, der schon das Entzücken des Knaben

bildete, zu dem der Jüngling mit Ehrfurcht emporsah.

Und dann durchzieht es die Seele wie Heimatklänge. -- Ich sitze am

Fenster und kann mich nicht satt sehen an den herrlichen Formen, die

der Stein gewann, an den hohen Spitzbogen und den Zieraten. Die nach

oben strebenden Spitzbogen mahnen an die Aufgaben, die der Jüngling

sich gestellt, und die Zieraten an die Freuden, die ihm deren Erfüllung

bringt. Die Drachenköpfe und Fratzen an den Knaufen der Dachrinnen

aber, das sind die häßlichen Gedanken, die jedes Menschenherz einmal

gebiert. Und wie die Fratzen an den Dachrinnen in ihrer Häßlichkeit

noch dem praktischen Zwecke dienen, den stürzenden Regen vom Gesteine

der Spitzbogen abzuhalten, so sollte es auch mit der Sünde sein. Sie

soll die Treppenstufe sein, an die unser Fuß wohl stößt, die uns aber

immer wieder aufwärts führt zur Höhe.

Wunderlich führt mich mein Traum. Hinter mir im Zimmer sitzt die

Schwester. Unter ihren Fingern erklingt eine Symphonie Beethovens.

Und auf den Fittichen ihrer Klänge, ihrer verschlungenen und doch so

klaren Harmonien verirrt sich die Seele in immer neuen Gedankengängen,

sie sucht und sucht nach dem Urgrunde der Dinge und findet ihn immer

nur wieder in den strengen Gesetzen des Seins, gerade wie der Stein in

seinen tausend Formen sich immer wieder auflöst in die Urformen des

Kreises und des Dreiecks.

Das ist's, was diese hochragenden Münster und Dome uns zurufen:

werdet wie wir, in Schönheit vollendet, aufwärts, himmelan! Erwin von

Steinbach, das Münster, das du gebaut, es ist nicht dein Denkmal, das

du dir gesetzt, -- du selbst bist es, dein Leben, was da vor uns steht,

groß, erhaben, schön, uns mahnend, zu werden wie du! Und so alle ihr

erhabenen Baumeister, habt Dank, habt Dank für eure Beispiele, die

ihr uns gebt! O kommt, alle ihr anderen, laßt uns ihnen nachleben!

Laßt uns unser Leben schön leben, groß, erhaben, es ausgestalten, wie

einen gotischen Dom! Du kannst nicht? Bist schwach und klein? Hast

keine Kraft? Oh, so bau dein Lebenshaus, dein Hüttlein, und sei es

noch so klein, so schön und erfreulich, wie du nur kannst, bau es, ein

schlichtes Arbeiterhäuschen, bau es in Renaissance, bau es gotisch, --

nur bau es, bau es schön, und daß es mit seinem Dache nach oben strebt!

Aber bau dir dein Haus, dein Hüttlein, damit du ein Mensch bist!

Die Toren auf den Thronen und an den Stammtischen, -- wollen

Revolutionen, Kriege und Aufruhr mit Gewalt, mit Bajonetten und Kanonen

verhindern und aus der Welt schaffen! Gebt jedem Mann ein Hüttlein

in seinem Krautgarten, ein Stückchen Paradies, in dem er noch einmal

wurzeln kann, wie Adam in seinem, als der Erzengel mit dem flammenden

Schwerte ihn aus dem offiziellen Garten Eden vertrieben hatte, -- und

kein Mensch wird an Revolution, an Krieg, an Aufruhr denken. Aber das

ist's, -- der Mensch will wurzeln mit seinem Hüttlein, mit seinem

Hause, mit seinem Dom auf dem Urboden von Mutter Natur, wie dieses

stolze Königsschloß auf seinem Waldgebirge, wie unsere Vorfahren ihre

stolzen Dome erbauten auf hohen grünen Hügeln.

Oh, ihr Toren, ihr, die ihr an der Spitze des Volkes steht, -- fort

mit euren Bajonetten und Kanonen und eurem Haß und eurer Verachtung,

-- baut eure eigenen Dome und Häuser aus und pflanzt Liebe in eure

Lebensgärten und säet sie weiter! Schenkt eurem Volke Liebe und Raum,

Frieden drinnen und draußen, damit eure Nebenmenschen auch ihre

Häuschen und Häuser bauen können! Dann habt ihr Frieden! --

»Doktor, wollen Sie einen schönen Perserteppich kaufen?« weckte mich

die Stimme unseres Rheinländers aus meinen Träumereien.

Einer der Syrier, die wir in Boulogne an Bord genommen hatten, und

die in kaufmännischen Geschäften mit uns nach Brasilien fuhren,

wollte die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um auf

der Ausreise bereits von seinen Waren in Geld umzusetzen. Und da er

aus Erfahrung wußte, daß viele von den Passagieren in Madeira reiche

Einkäufe machten, so wollte er die noch ungeschwächte Kaufkraft seiner

Mitreisenden für sich nutzbar machen.

Er hatte einen in der Tat wundervollen Teppich, echt persische

Handarbeit, auf Deck ausgebreitet. In gebrochenem Französisch erklärte

er das Kunstwerk. »Ein guter Teppich sei wie ein Buch. Er müsse seinem

Besitzer erzählen, ihn belehren; denn der Künstler webt seine Seele

mit den Fäden und den Mustern hinein, wie der Dichter seine Seele in

ein Buch haucht. Hier der Stern in der Mitte, das ist der Kern von des

Mannes Leben: sein Beruf, seine Lebensaufgabe, die er sich gestellt,

-- bis zu dem Mittelpunkt des Lebens: seiner Erkenntnis Gottes. Und

dieser warme Purpurgrund des Ganzen, von dem sich Stern und Nebenmuster

so lebhaft abheben, als ob der Purpur des Grundes ihnen erst Leben

verliehe, das ist die Liebe eines Weibes.

Diese goldenen Fädchen, die so unregelmäßig und kurz aufleuchten und

wie Sonnenstrahlen dem Ganzen den Schimmer des Reichtums geben, das

sind die Begegnungen und Freundschaften mit edlen Frauen. Und sehen

Sie, diese blauen und roten Einschlagfäden, die den ganzen Teppich

durchziehen, um als Fransen an beiden Enden herabzuhängen, das sind

die Freunde, die sein Leben begleiten, die treuen und guten. Diese

gelben Tupfen aber, die immer wiederkehren, das sind die Schmeichler

die falschen Freunde. Und diese schwarzen? Das sind die Bosheit, der

Haß, die Eifersucht. Die schwarzen Fäden sind notwendig. Sie geben dem

Ganzen ein kraftvolles Gepräge und dem Muster gleichsam Richtung. Aber

sehen Sie, sie treten ganz zurück gegen dies weißen Wellenlinien, die

dem Ganzen ein heiter leuchtendes Aussehen geben; das sind die Freuden

des Lebens. Diese breiten hier bedeuten die Dankbarkeit für Wohltaten,

die uns erwiesen sind, diese schmalen die Freude an Guttaten, die wir

anderen erwiesen haben. Und dieser Kranz von konzentrischen Ringen,

der unser Auge fast magnetisch auf den Stern in der Mitte hinlenkt,

das ist die Hoffnung, die uns im Leben aufrechterhält, unser Ideal

doch noch zu erreichen. Und nun sehen Sie das Spiel der grünen Linien,

wie sie, im Verein mit den weißen, die schwarzen von dem Stern in der

Mitte fernzuhalten bestrebt sind. Wie sie die gelben isolieren, um

schließlich in wundervollen Wellen den Stern zu umsäumen.« --

Und das war ein Syrier, ein Heide, der uns das erklärte. Er hatte

keine Schule besucht, war nicht unter den lähmenden Fittichen eines

Kultusministers aufgewachsen, sprach miserabel französisch und kannte

keine Geschichtstabellen. Ich dachte an unseren Kultusminister. Er

hätte mit mir zusammen von diesem Heiden etwas lernen können.

Ein Deutscher, namens Zarges, der in Pará sein Heim hatte, kaufte den

sprechenden Teppich für einen angemessenen Preis. Mich freute es,

das Kunstwerk in dem Besitz eines so liebenswürdigen und geistvollen

Landsmannes zu wissen, als welchen ich den Käufer kennen gelernt hatte.

--

Unsere neuen Passagiere, die wir in Lissabon an Bord genommen,

bestanden vor allem aus portugiesischen Zwischendeckern, die Mangel

an Arbeit und Land in die Fremde trieb. Und wie viel unbebautes Land

hatten wir allein an der Küste vom Schiff aus gesehen! Mit Kisten und

Kasten kletterten sie auf den Dampfer, wehmütigen Blicks, weinende

Säuglinge an der Brust, verängstigte Kinder an der Hand.

»Signor, wo ist Numero vingt?« fragte mich mit verbindlichem Lächeln

eine vornehm aussehende, ältere Portugiesin, die in Begleitung einer

bildschönen, blühenden jüngeren Dame von reinstem romanischen Typus,

offenbar ihrer Tochter, die Schiffstreppe heraufgestiegen kam. Mich

amüsierte das Gemisch von Portugiesisch, Deutsch und Französisch. Ich

zeige ihr den Weg zu ihrer Kabine, sie galant am Arm durch die Kasten

der Auswanderer und über Ketten und Seile geleitend. Ein dankbarer

Blick aus den großen dunklen Augen der Tochter lohnte meinen kleinen

Ritterdienst.

Eins andere kleine Szene beobachtete ich. Eine junge Spanierin wurde

von ihrer Familie, wohlhabenden Bürgersleuten, an Bord gebracht. Ich

entnahm aus den lebhaften Abschiedsgesprächen, daß sie in Brasilien

einen Mulatten heiraten wollte, der ihr durch eine Zeitungsannonce warm

empfohlen war. Voller Hoffnung blickte sie in ihre Zukunft! Voller

Hoffnung schied sie von den Ihren!

Am Abend, ehe wir nach Madeira kamen, ging ich aufs Hinterdeck, um

dem Spiel des Mondes in dem blausilbernen Gischt des Kielwassers

zuzuschauen. Hinter dem Ankerspill lehnte der Balte an der Reeling und

starrte übers Meer hinaus. Er bemerkte mich nicht. Ich hörte aber, wie

er leise nach einer unsagbar traurigen Melodie, die an die finnischen

Volkslieder erinnerte, vor sich hin sang.

Auf dem Vorderdeck wurde es ruhig. Die Frauen lagen müde und

teilnahmslos in ihren Stühlen. Die Männer saßen da und rauchten ihre

Zigaretten oder ihre kleinen Pfeifen. Die Kinder spielten Kegel mit den

Apfelsinen, die ich ihnen bei meiner Morgenvisite geschenkt hatte, oder

schliefen auf Deck in der lauen Luft.

Unsere kleine Gesellschaft saß abends friedlich beieinander. Wir

hatten Gedanken und Empfindungen ausgetauscht, die die Eindrücke von

Lissabon und der Cintra in uns erweckt hatten. Der Badenser hatte in

warmherzigen Worten seines Großherzogpaares und des Königs und der

Königin von Württemberg gedacht, die, im Gegensatz zum portugiesischen

Königspaare, für ihre Länder und Völker in warmer Liebe sorgen. Da

ergriff die Badenserin ihre Laute, und sagte: »Wenn es allen genehm

ist, so singe ich Ihnen eine alte Königslegende. Sie paßt wohl in

unsere Stimmung.«

Als alle jubelnd beistimmten, begann sie mit sanfter, wohltönender

Stimme im Volksliedton ihr Lied:

Auf hohem Berge ein König thront

Mitten im grünen Wald.

Ein blühender Garten liegt rings ums Schloß

Mitten im grünen Wald.

Des Königs Volk im Tale wohnt

Weitab vom grünen Wald.

Viel Krankheit gab's und Elend und Tod

Weitab vom grünen Wald.

Der König täglich zu Tale schritt

Wohl durch den grünen Wald.

Sein Kind, das Mitleid, nahm er mit

Wohl durch den grünen Wald.

Er sorgte sich um des Volkes Troß

Weitab vom grünen Wald.

Und linderte Elend und Krankheit und Not

Weitab vom grünen Wald.

Einst kehrt' er vom Tale zum Schloß zurück

Wohl durch den grünen Wald.

Da saß am Wege ein Bettelkind

Mitten im grünen Wald.

Das fiel ihm zu Füßen: »Lieb König mein

Mitten im grünen Wald,

Laß mich deine Magd im Walde sein,

Mitten im grünen Wald.

Die Welt ist gar so laut und hart

Weitab vom grünen Wald,

Sie versteht nicht meines Herzens Art

Weitab vom grünen Wald.

Ich will dir dichten manch Märlein fein

Mitten im grünen Wald.«

Da nahm der König sie bei der Hand

Mitten im grünen Wald.

Und wiederum schritt der König zu Tal

Wohl durch den grünen Wald.

Da trat zu ihm eine schlanke Maid

Mitten im grünen Wald.

»Die Welt verstehet nicht mein Lied

Weitab vom grünen Wald.

Sie ist so elend, krank und laut

Weitab vom grünen Wald.«

Ihr Leid des Königs Herz umzieht

Mitten im grünen Wald,

Daß er auch ihr ein Hüttchen baut

Mitten im grünen Wald.

Und wiederum ein drittes Mal

Mitten im grünen Wald,

Der König ging zum Volk im Tal

Wohl durch den grünen Wald.

Ein Weib im weichen Moose saß

Mitten im grünen Wald,

Mit Tränen in einem Buche las

Mitten im grünen Wald.

»Wer bist du,« fragt der König sie,

»Mitten im grünen Wald?

Was führt dich her vom grauen Tal

Hinauf zum grünen Wald?«

Da leuchtet ihr Aug' wie Sonnenstrahl

Wohl durch den grünen Wald.

»Die Welt, sie hat verstoßen mich,

Weitab vom grünen Wald.

Die Weisheit bin ich, sie hassen mich,

Weitab vom grünen Wald.

Drum bin ich geflüchtet, König, zu dir

In deinen grünen Wald.

Und schenkst du mir ein Plätzchen hier

Mitten im grünen Wald,

Ich helf dir, König, bei deinem Tun

Mitten im grünen Wald.«

Da baute der König ein Hüttlein ihr

Mitten im grünen Wald.

Und Zauber schritt mit ihm fortan

Wohl durch den grünen Wald.

Der Weisheit Rat, des Liedes Klang

Mitten im grünen Wald,

Der Dichtung Zauber schritt mit ihm

Zu Tal vom grünen Wald.

Und war er müd' vom Werk im Tal

Weitab vom grünen Wald,

Wohl neue Kraft mit einemmal

Spürt' er im grünen Wald.

Das stolze Schloß verfiel zur Stund

Mitten im grünen Wald.

Der König wirkte froh gesund

Zu Tal vom grünen Wald. -- -- --

Die Sängerin schwieg. Die Saiten der Laute tönten noch eine Weile nach,

-- ich war wie im Traume. Der Zauber, der von dem seltsamen Liede

ausging, hatte mich ganz umsponnen.

Da riefen die anderen laut durcheinander, -- der Zauber verflog: ich

war nicht mehr im grünen Wald -- --

Tiefblau leuchtete das Meer, durchsichtig flimmerte die Luft.

In zarte Schleier eingehüllt schlummerten kleine Felseneilande im

Ozean, -- fuhren wir ein in das alte Märchenland Atlantic?

Noch eine Wendung nach Osten -- und vor uns in blauem Zauberduft lag

Madeira.

Madeira, du Insel der Seligen, wie ein Traumbild steigst du aus den

Tiefen des funkelnden Meeres empor! Wie trotzige Wächter erheben sich

die zerklüfteten Uferfelsen zu deinen Füßen und gleich schneeweißem

Hermelin umsäumt die Brandung das königliche Gewand, das dich umhüllt!

* * * * *

Wahrhaftig wie ein Traum lag das Märcheneiland da.

Zu unseren Füßen das tiefblaue Meer. Vom Strande terrassenförmig

aufsteigend die Stadt, die Masse der Häuser unterbrochen vom Grün

der Bäume, von Palmen, Bananen, Felswänden mit Geranien und Klematis

bedeckt und von rot und blau blühenden Schlinggewächsen überrankt.

Mitten im Stadtgewirr ein kleines altes Kastell auf steilragendem

Felsen, über und über mit tiefvioletter Blütenpracht übersponnen.

Die Stadt verliert sich allmählich höher hinauf an den Bergen hin:

hier noch ein Hotel, dort ein Sanatorium, ein Häuschen, ein weißes

Hüttchen, dort noch eins, wie ein Punkt, -- dann beginnt die Region des

Hochlandes. Neue Bergketten, von den vorderen durch tief einschneidende

Täler getrennt, tauchen empor. Aus den Talschlünden steigt ein in

zaubrisch zarten Schleiern bläulich schimmernder Duft, der sich

allmählich zu Wolken zusammenballt, die gespenstisch zur Höhe strebend

die hinter ihnen wiederum hochsteigenden Bergketten mit Nebelarmen zu

umfassen scheinen.

So türmen sich die Bergmassen hintereinander immer höher und höher, bis

der höchste Gipfel, aus Schnee und Eis emporragend, sich fast in den

Wolken zu verlieren scheint. Versunken in die wahrhaft majestätische

Schönheit des Bildes stand ich da. Da weckte mich aus meinen Sinnen

lauter Lärm.

Zahllose kleine Boote, von braunen Jungen gerudert, umkreisten unser

Schiff. Die Burschen warteten auf den Augenblick, daß einer von den

Passagieren ein Silberstück ins Meer würfe. Dann schnell den Mantel

abgeworfen, und wie Möwen, die nach den Bissen tauchen, die ihnen

vom Schiff ins Meer geworfen wurden, schossen die nackten, braunen

Gestalten ins Meer, um alsbald wieder aufzutauchen und triumphierend

in der hoch aus den Fluten emporgereckten Hand das Geldstück zu

zeigen. Klappernd und frierend saßen alsdann die armen kleinen

Kerle in ihren Booten, ein Bild menschlichen Elends mitten in dieser

schier überreichen Stätte und gleichzeitig Opfer menschlicher

Gedankenlosigkeit und frivoler Schauspielsucht. Gleichzeitig

kamen Scharen von Händlern an Bord mit Spitzen, Goldarbeiten,

Korbflechtereien aller Art, bis unser Schiff einem europäischen Basar

glich.

Endlich kamen der Hafenarzt und die Deutschen. Der eine der letzteren,

ein liebenswürdiger Mann, verheiratet, voll Sehnsucht nach der Heimat.

Der andere, von Haus aus offenbar ein gescheiter Kerl, total verkatert

von einem Zechgelage von gestern. --

Man lud uns, den Kapitän und mich, zu einem Mittagessen in einem der

vornehmsten Hotels auf der Insel ein. Wir speisten auf einer Art

offener Veranda, zu unseren Füßen ein Meer von Blumen und Blüten in

einer schier unerhörten Farbenpracht, darüber hinaus das azurblaue

Meer. Bei Tisch herrschte allgemeine Verwunderung, daß zwei Deutsche,

noch dazu ein Kapitän und ein Doktor, nichts tranken. »Warum?« Wieder

streute sich der Samen aus. Unbemerkt, aber sicher fiel er ins

Erdreich, helfend, rettend. Wirken die Wellenringe des Guten so stark?

Sie mußten wirken, -- nach den uralten Gesetzen von der Erhaltung der

Kraft!

Nach Tisch ritten wir aus, an der Küste entlang in ein romantisch

zwischen Felsen und Meer eingeklemmtes Fischerdorf.

Über schäumende Sturzbäche, die aus den Bergen zum Meer brausten,

zwischen Weinbergen entlang, an deren Felsmauern zahllose grau-

und grünschillernde Eidechsen entlang eilten. Von den Mauern

rankten Geranien und wild wachsende Kaktusfeigen, dazwischen

Bananenpflanzungen, Gärten mit wundervollen Obstbäumen -- ein Garten

Eden.

Endlich hieß es wieder aufbrechen. Die anderen reiten voraus. Wie ich

mein Pferd schon am Zügel habe, sehe ich neben mir auf der Türschwelle

ein Weib, in reifen Jahren, das immer noch schöne, von der Sonne

gebräunte Antlitz von Tränen überströmt. Ich frage freundlich, was der

Grund ihres Kummers sei. Ihr Sohn, ihr einziger, ist gestorben. Sie

wies auf ihren Gatten, der in unserer Nähe Gemüse und Früchte auf einen

Wagen ladet, um sie zur Stadt nach Funchal zu fahren: »Die Stütze ihres

Alters hätte er werden sollen!« Neues Schluchzen erschüttert ihren

Körper.

Ergriffen beuge ich mich zu ihr nieder und flüstere ihr leise ins Ohr,

-- sie schüttelt ihr Haupt und sieht mich ungläubig und verzagend an,

-- ich weise auf ihren Mann und wiederhole meine Trostesworte, -- da

beginnt sie zu hoffen und zu glauben. Sie winkt dem Gatten und nun

raunt sie dem ins Ohr, was ich ihr gesagt. Leuchtenden Auges tritt

er an mich heran, schüttelt mir die Hand und dankt für die tröstende

Aussicht, und wie ich mich aufs Pferd schwinge, ist mir's, als ob ein

leises Lächeln über das tränennasse Gesicht der Frau huscht, wie sich

ihre Augen in die des Gatten senken. --

Oh, wundervolles Los, Tränen trocknen zu dürfen! Und doch komme ich mir

so klein, so armselig vor. Könige, Könige, wie seid ihr glücklich, ihr,

die ihr berufen seid, durch eure Liebe, eure Macht, eure Gerechtigkeit

Tränen eines ganzen Volkes trocknen zu können! -- --

Ich will dem braunen Kerl, der mein Pferd gehalten hat, noch ein

Trinkgeld geben. Ein Bauer mit einer torfbeladenen Karre sperrt mir

meinen Weg. Mein Hengst darüber hin. Verschwunden sind die anderen.

Mein Weg führt über eine Brücke, unter der schäumend ein Flüßchen

zum Meer braust. Die Straße windet sich landeinwärts, dem Gebirge

zu. Immer romantischer wird der Pfad. Rechts und links türmen sich

waldbedeckte Berge immer dichter an den Weg heran. Bald scheint das

Tal vor mir vermauert durch undurchdringlichen Wald. Plötzlich weicht

der Weg zurück, in scharfem Bogen windet sich das Tal seitwärts,

immer mehr sich verengend, immer steiler emporsteigend. Plötzlich

ein neues, liebliches Tal, -- auf der Insel des seligen Lebens das

Tal des Vergessens. Soviel zauberhafte Üppigkeit habe ich nie vorher

gesehen. Die purpurn blühende Erika mannshoch, die berauschendsten

Düfte aushauchend; rote und weiße Kamelien; Rhododendron zu Bäumen

aufgewachsen; Veilchen, wilde Rosen, Glyzinien; Jasmin in wildem

Geranke, die Luft mit den herrlichsten Wohlgerüchen erfüllend.

Und mitten in dieser Blumenpracht ein Häuschen, klein, sauber, ein

märchenhaft anmutendes Schmuckkästchen in dieser Waldeinsamkeit,

umgeben von Wein, Bananen, Pfirsichen und Aprikosenbäumen. Zwischen

den Felsgesteinen wucherte die Kaktusfeige; an den Hecken ästen zwei

weiße Ziegen. Daneben eine kleine Weide mit saftigem Gras. Ich sprang

vom Pferde und ließ es durch das Heck hineintraben, hinter ihm das

Tor wieder schließend. Dann stieg ich den steilen Pfad zu Fuß bergan.

Schweigender Hochwald nimmt mich auf. Bald weichen die Eichen den

Tannen, die Tannen niedrigen Kiefern. Wolkenschwaden umspinnen den

Pfad. Steiler führt er bergan.

Da höre ich durch den Nebel hindurch, ohne jemanden sehen zu können,

eine wohlklingende Stimme in der Heimatsprache singen.

Ich bleibe stehen und lausche. Sehen kann ich niemanden.

Den unsichtbaren Sänger führt offenbar der Weg in Schlangenwindungen

bergab. Die letzten Töne verhallen beinahe unhörbar. Sollte es der

Bewohner jenes idyllischen Häuschens dort unten im Tale sein? Bei

meiner Rückkehr werde ich das Rätsel lösen.

Jetzt weiter dem Gipfel zu.

Steiniger wird der Pfad; immer steiler führt er bergan. Dort

hinauf winkt der Gipfel. Über Schneefelder schreitet mein Fuß;

kein Sterblicher vor mir ist hier gegangen. Unter mir liegen die

Wolkenschichten, die Nebelschleier, -- zu meinen Füßen der Wald, --

noch eine Steigung, -- endlich, endlich am Ziel.

Und wie ich oben stehe auf dem höchsten Gipfel, einsam in Schnee und

Eis und starrenden Felsen, unter mir die Waldtäler und Madeira mit

seinen blühenden, duftenden, fruchtreichen Gärten, zu meinen Füßen

das ewig blauende, reine Meer -- da fällt mir ein, wie ich vor Jahren

hoch oben auf dem »Père-la-chaise«, dem alten, berühmten Kirchhof von

Paris stand. Unter mir, soweit das Auge reichte, lag die Riesenstadt,

und aus dem Häusermeere empor hoben sich Türmchen und Türme, Dome und

Kuppeln und alles überragend der Turm des altehrwürdigen Domes »Notre

Dame«. Und wie mein Auge immer wieder traumverloren in die Weite

schweift, weithin über das Meer, nach Norden sich verlierend in grauem

Nebel, den das leibliche Auge schon nicht mehr sieht, -- hinüber in

das Heimatland, da scheint alles, was ich dort gelassen an Sorgen und

Schmerzen, an Not und Elend, an Gram und Furcht, so klein, so unendlich

klein, -- mir war's, als ob ich plötzlich Herrscher über alles das war:

die Brust dehnte sich, der Blick wurde heller und heller: jauchzend

zog ich die reine Luft ein. Mir war's, als ob mir Schwingen wüchsen,

Schwingen so groß, wie damals dem Genius in der Heide, dessen Flügel

von Osten nach Westen reichten, -- Schwingen und Hände, die vom Süden

bis zum Norden reichten! Mein ganzes Sein wuchs und dehnte sich.

Mein Blick reichte weiter und weiter; ich sah die Menschen und Männer

in meinem Vaterlande, wie sie sich quälten und mühten, wie sie dachten

und schufen; sah sie, wie ein Heer wimmelnder Ameisen, nur hier und

da ein Größerer, -- und dort, alle überragend und beherrschend, wie

der Dom von »Notre Dame« die Kuppeln und Türme von Paris, einen,

stark an Geist und Willen, klug, weitblickend, sorgend für das Reich.

Was Wunder, wenn er auf seiner Turmhöhe das Gewimmel und die Not der

Kleinen da unten zu seinen Füßen nicht sieht.

Aber ich stand noch höher, als er, und sah es doch. Freilich, ich

war ja dort unten aus dem Flachlande, aus ihren Höfen und Katen, aus

ihren Hütten und Kellern, aus ihrer Not und ihren Schmerzen hier

heraufgestiegen, Schritt für Schritt; hatte, den Rücken und die Seele

gebeugt, all ihr Leid und ihre Schmerzen bis hier hinaufgeschleppt --

was Wunder, daß ich ihr Leid, ihre Not, ihre Sorgen, ihr Elend selbst

von hier aus besser kannte, als jener, der gleichsam als Turm zur

Welt gekommen, nun hochragend dastand, selbst ein Türmer auf höchster

Warte, weit ausschauend in die Zukunft, weise, wohlbedacht, und doch

menschlich unvollkommen. Denn sonst müßte er ja auch zu seinen Füßen

schauen können, wo es wie Ameisengewimmel sich mühte und sorgte in

Elend und Tränen und Gram.

Da packte es mich mit Allgewalt. Das Bewußtsein von der Kraft der

Wellenringe des Geistes übermannte mich, wie damals, als ich im

Schneesturm den Kultusminister in die Wellenkreise zog, -- ich mußte es

ihm sagen, mußte meine Seele erleichtern, mußte Raum haben für das, was

mich schier erdrückte, -- und ohne es zu wollen, ohne Besinnung schier,

von einer geheimen Kraft getrieben, breitete ich die Arme weit aus, als

ob ich hinüberfassen könnte in mein Vaterland, -- mir war's, als ob der

Klang meiner Stimme in dem reinen Äther sich tausendfach verstärkte, so

daß er wie Donner hinüberhallte über den Ozean, durch die brandende See

der Biskaya, den Nebel des Kanals durchschneidend, nun über das Land.

Jauchzend, trunken vor Begeisterung stand ich da:

»Kaiser, mein Kaiser, gib acht!

Wellenringe vom höchsten Berge hier von Madeira, aus sonnenreinem Äther

und sonnenreinem Herzen dringen zu dir! Kaiser, mein Kaiser, gib acht!

Gib acht, es handelt sich um dich, deinen Ruhm, um dein Geschlecht, um

dein Volk, um die Menschheit!

Wer bin ich? Ein Mann wie du! Gleich alt wie du! Stark und gesund an

Geist und Körper wie du! Aus altem Geschlecht wie du, -- dir ebenbürtig

als Freier, Starker! So mußt du mich hören!

Wer bist du? Kaiser der Deutschen? Nur eines kleinen Teiles! Millionen

und Millionen kennen dich nicht, -- wie du sie nicht kennst! Wen

kennst du denn von deinem Volke? Deine Höflinge am Hofe, ein paar

Reiche, Vornehme. Und wenn dir einer die Wahrheit sagt, ja, sie dich

nur empfinden läßt, so jagst du ihn weg, weil du sie nicht verstehen

kannst. Wie kannst du dich Kaiser nennen des deutschen Volkes? Kennst

du dein Volk? Weißt du, wie es ihm geht, wie es lebt, wie es sich

freut, wie es leidet? Kennst du sein Elend, seine himmelschreiende Not?

Du sagst, Vaterlandsverräter seien es? Heimatlose Gesellen nennst du

sie? Unter deiner und deiner Vorfahren Regierung wurden sie heimatlos!

Sie haben keinen Boden mehr unter den Füßen; wissen nicht wohin mit

ihren Kindern! Weißt du, wie dein Volk haust? Tausende, Millionen?

Warum gehst du nicht hin, wie Kaiser Franz oder der große Fritz und

schaust selbst nach?

Potemkinsche Dörfer läßt du dir zeigen, wenn du im Viergespann oder

im Auto zur Kaiserparade jagst. Schaff' ihnen Land! Schaff' ihnen ein

Vaterland, eine Heimat! Lehr' sie wieder wurzeln im Boden. Es geht. Es

ist das einzige, was bleibt, dir, ihnen, uns allen.

Du hast keine Zeit, dich um alles zu kümmern? Ei, so lasse deine vielen

Feste zum Teufel fahren und schau' dir dein Volk an! Du hast keine

Macht, dieses alles zu ändern? Freilich, deine Erlasse und Gesetze

bleiben Papier, wenn du nicht vorangehst durch die Tat!

Armer Kaiser, wie oft hast du deinen Offizieren Einfachheit gepredigt!

Aber sie lachen deiner, und wenn sie unter sich sind, tuscheln sie und

schlemmen weiter und bekommen dicke Bäuche und Gicht. Sie bitten dich

zu Gast bei ihren Gelagen, und wenn du dort bist, vergißt du, was du

ihnen befohlen!

Weißt du, wie dein Volk seine Feste feiert? Kennst du seine Freuden,

die von Tausenden, Millionen? Die der Jugend deines Volkes? -- Nein?

-- Ei, so geh' einmal Sonntags oder auch Alltags in die Tausende von

Tanzsälen und Bierpalästen und sieh, wie die Kultur, die du erstrebst,

und die wir alle begeistert pflanzen und hegen, dort vergeudet und in

den Staub getreten wird, erstickt in Bierdunst und Tabaksqualm. -- --

Weißt du, wie dein Volk wohnt? Ei, so geh' in die Massenquartiere der

Städte, in die Katenwohnungen der Arbeiter deiner Adligen, und du

wirst schaudernd sehen, wie die Kultur, die du erstrebst, und die wir

alle begeistert mit dir erstreben, in Elend und Schmutz und Schmach

verkommt! -- --

Willst du einmal sehen, wie deine Landräte, wie die großen Herren in

der Industrie, wie die Städte deinen Königlichen Erlaß respektieren,

die Flüsse, unsere herrlichen deutschen Flüsse reinzuhalten? Halte die

Nase nicht zu dicht heran, mein Kaiser, -- sie stinken, wie Kloaken!

-- --

Kaiser, mein Kaiser! Wohin sind wir gekommen unter deiner Regierung!

Du meinst es so gut und bleibst auf dem Papier! Du hältst Reden, aber

deinen Reden folgen keine Taten! Du predigst Christentum, aber Christus

war demütig und war die Liebe. Du aber gehst in Purpur und kennst dein

Volk nicht.

Nur zu oft haben auch deine Räte und Diener keine Liebe, sondern nur

Hoffart; und Hoffart erzeugt Haß.

Du ziehst Wellenringe und stürzest Völker mit ihnen ins Unglück. Sie

haben an dich geglaubt, alle, alle, und wie an dich geglaubt! Du aber

hast ihnen dein Kaiserliches Wort nicht gehalten! Und nun lachen sie

über dich und spotten deiner und hassen dich! Die Buren und die Russen,

die Marokkaner und die Türken und ach, so viele, viele in unserem Volke!

Kaiser, mein Kaiser, was hast du gemacht! Kaiser, mein Kaiser! Nun gibt

es nur eins für dich: schweige und handle! Lern dein Volk kennen, und

du wirst es lieben! Denn wenn du als Kaiser dein Volk nicht kennst,

so heißt du wohl Kaiser, bist aber kein Kaiser, und wenn du drei

Purpurmäntel übereinander anziehst!

Lern dein Volk kennen!

Lern seine Leiden kennen und lindere sie! Dein Beispiel in allem, deine

Nüchternheit, deine Einfachheit sei deine Tat!

Deine Demut sei deine Größe!

Dein Schweigen in der Tat deine Beredsamkeit.

Kaiser, mein Kaiser! Wir brauchen einen Großen, Starken, der uns führt

in den Kämpfen der Zeit! Wir brauchen dich!

Wie vor Jahrhunderten die Raubritter das Land zerfleischten und das

Volk aussogen, sieh', so zerfleischen jetzt Gemeinheit und Genußsucht

unser Volk, und Selbstsucht und Gewinnsucht saugen unser Land aus!

Härte und Hochmut erzeugen Haß!

Oh, komm zu uns und bring uns deine Liebe! Zeig ihnen allen, diesen

Hoffärtigen, Eigennützigen, Gewinnsüchtigen, wie man die Menschen,

wie man sein Volk lieben muß! Das Kleinste sei dir groß genug, deine

Kraft daran zu zeigen. Und die Völker ringsum werden aufhören, dich

zu verspotten und zu verachten und zu hassen. Denn von dir und deinem

Volke werden Wellenringe ausgehen des Reichtums und des Friedens!

Kaiser, mein Kaiser! Ich wecke dich! Hör mich, Kaiser!« -- --

War es das Meer, das ich branden hörte? Oder der Wald zu meinen Füßen,

der rauschte? -- Waren es Stimmen aus der Heimat, die herüberklangen?

War es das Echo meiner Stimme, die sich am Elend unseres Volkes in der

Heimat brach? -- Ein seltsames Rauschen und Flüstern ging durch die

Luft. -- Er mußte mich gehört haben, -- tausendfach rollte das Echo

durch die Luft dahin, -- ein ganzes Volk fing meine Stimme auf und gab

sie weiter, millionenfach sie verstärkend. --

»Kaiser, mein Kaiser, ich bin dir über trotz deines Purpurs und

Hermelins. Denn du stehst einsam auf deiner Höhe, nur wenige Getreue

um dich, die in Sorgen um dich sind. -- Deine Schmeichler und Höflinge

zähle ich nicht, das ist Fliegengeschmeiß! -- Ich aber stehe inmitten

eines ganzen großen Volkes, das dich lieben möchte und dich nicht

lieben kann, weil du dein eigen Volk nicht kennst! -- Oh, lern es

kennen und lern es lieben! Kaiser, mein Kaiser, dein Volk, die

Menschheit braucht deine Liebe! Denn weil du so mächtig bist, muß auch

deine Liebe Macht haben! Und wir brauchen soviel der Liebe in der Welt!

Kaiser, mein Kaiser, gib Liebe um Liebe!« -- --

Wunderlich, -- noch nie war mir so leicht gewesen. Mir war's, als

ob ich mich befreit hätte von einer unerträglichen Last. War es die

leichte, freie Bergluft, die mir das Blut schneller durch die Adern

trieb? Mein Schritt war so leicht, mein Mut so frisch, mein Herz so

voll von neuen Hoffnungen und Kraft, -- ich fühlte es, ich war genesen!

Nun vorwärts ins Land der Sonne! Viel gab es noch zu ergründen! Viel

zu erkennen! Viel zu durchkosten! Mir war's, als müßte ich mich nun

noch so ganz von Sonnenschein volltrinken, um dann als Sonnenspender zu

meinem Volk zurückzukehren!

Ja, arbeiten wollte ich, wieder schaffen, leben, helfen, heilen, lieben!

So stieg ich bergab. Als ich in die Nähe des Häuschens kam, hörte ich

wieder jene einsame Männerstimme singen, der ich beim Aufstieg im Nebel

gelauscht hatte. Der Sänger war offenbar in seinem Weingarten mit der

Pflege der Reben beschäftigt. So konnte er mich nicht sehen, und ich

ihn nicht. Wie in seligem Rausche der Erinnerung klang sein Lied.

Ich stand in Tränen verloren. Selige Jugendzeit stieg wieder empor.

Des Pfarrers Töchterlein hinter den blühenden Linden, -- der Deich mit

seiner Jasminlaube, -- die Heide mit ihren wilden Rosen, -- in Träumen

schwand die Zeit. Und dann klang es voll Inbrunst, als ob der Sänger zu

einer Heiligen betete.

Ich merkte, wie er mit der Arbeit einhielt. Stützte er sich auf seinen

Spaten? In meiner Seele tauchten neue Bilder auf. Ich sah mein blondes

Weib, den Buben auf dem Schoß, einer Madonna gleich, selig lächelnd

ihre Augen in die des blühenden Kindes versenken. Und nun lag zwischen

uns die Biskaya. Ob ich sie wiedersah? Ob mich ein gütiges Geschick zum

zweitenmal beschirmen würde? Es konnte nicht anders sein, -- ich mußte

sie noch einmal in die Arme schließen, sie, die Sonne meines Lebens. Da

hub von neuem der Sänger an. Schwermütig klang seine Stimme.

Was mußte der Ärmste gelitten, wieviel Liebes verloren haben!

Ein Baumstumpf am Wege bot mir Rast. Sinnend saß ich da.

Der Abstand von dem, was ich soeben dort oben auf des Berges Gipfel

erlebt hatte, zu diesem Herzeleid eines einzelnen war zu groß, um mich

nicht zu übermannen.

Ich, ich hatte alles, was das Menschenherz nur wünschen kann: ein

blühendes Weib, eine Schar kraftstrotzender Kinder, ein sonniges Heim,

-- und doch freudlos durch das Elend der Menschheit, deren Leid mein

Leid war. Ich aber rang mit mir und meiner Hoffnungslosigkeit, die mich

mit einem Male wieder überfiel. Und der Schmerz des Sängers mischte

sich mit dem meinigen, als er von neuem wehmütig anhub.

Mein unsichtbarer Freund hatte sich augenscheinlich wieder erhoben und

war wieder an seine Arbeit gegangen. Ich hörte es an seiner Stimme.

Wie ein Volkslied von den rebenumpflanzten Hügeln am Rhein, selig und

sterbenstraurig zugleich, klang nun sein Lied.

Nun hörte er wieder auf. Ich hörte ihn tief aufatmen und litt mit ihm.

Wieder legte es sich wie ein Alp auf meine Seele; wieder hörte ich das

Stöhnen von Millionen Unglücklicher, denen ich nicht helfen konnte, und

vor Schmerz krampfte sich meine Seele zusammen. Da setzte die Stimme

aufs neue ein; fast hart, bitter klang das Lied durch die Stille.

Grausen packte mich. Stand ich denn auch mit meiner Liebe zu den

Menschen so ganz allein?

Nein, und tausendmal nein, -- ich durfte nicht verzagen! Hatte ich doch

Freunde allüberall! Und nach Tausenden zählte das Heer der Mitarbeiter

und Mitstreiter! Ich durfte nicht mutlos sein! Es wäre feige und

undankbar zugleich gegen alle jene, die ebenso empfanden, wie ich,

ebenso vorwärts strebten für ihr Volk, für die Menschheit.

Schon wollte ich mich erheben, um den Unbekannten zu trösten. Da klang

seine Stimme von neuem, als ob er allen Schmerz in seiner Brust zum

letzten Male so recht von Grund aus durchkoste, um ihn, zum Schlusse

ihn meisternd, lieben zu lernen wegen der Kraft, die im Leide liegt:

O Urleid du, von Menschheit Anbeginn,

Du Urquell aller Schmerzen!

O Scheiden, bittres Meiden du,

Du Tod für alle Herzen!

Hätt' nimmer ich das Glück verspürt

Vom glutenheißen Lieben, --

Zwar wär ich tot, doch glücklich wär'

Im Tode ich geblieben.

Doch da ich selig nun erkannt,

Dieses heiße Lieben und Leben,

So will ich getrost bis an mein End'

In des Urleids Schmerzen erbeben!

Ja, -- ich fühlte es mit, -- hier verarbeitete ein starker Mensch

seinen großen Lebensschmerz in aller Abgeschiedenheit, wie ein

Heiligtum ihn hütend, beinahe ihn pflegend, und dabei sein ganzes

großes, heiliges, verlorenes Glück noch einmal genießend.

Es ist schon so, -- wenn das Glück so groß ist, daß es keine Steigerung

mehr erträgt, dann muß der Schmerz um das verlorene Glück uns eine neue

Quelle werden, um es in einer reineren Form noch einmal zu genießen.

Mein Sänger schwieg. Nun hielt es mich nicht länger. Nicht Neugierde

trieb mich zu ihm, sondern eine Art Geistesverwandtschaft. Hatte ich

nicht, gerade wie jener, soeben mein eigenes großes Leid, meinen

Schmerz um das Elend der Menschen, in neue Zuversicht verwandelt, in

eine Quelle neuen Glücks?

Ich trat durch die Büsche in seinen Garten. Er staunte. Beinah

erschrocken blickte er auf.

Groß, blond, breitbrüstig, die Arme von der Sonne gebräunt, sehnig und

muskulös, so stand er vor mir. Fragend ruhte sein großes, helles Auge

auf meiner Erscheinung. Ich reichte ihm stumm die Hand. Mein Blick

sagte ihm wohl, daß ich seine Lieder gehört, und er mir infolgedessen

kein Fremder mehr sei.

Wir waren schnell bekannt. Es war so, wie ich vermutet hatte. Er hatte

ein Weib geliebt, so schön und gut, wie nur eins. Als sie auf dem

Gipfel des Glückes sich glaubten, entriß ihm der Tod die Ergänzung

seines Seins, sie, die die Sonne seines Lebens gewesen war.

Ich versuchte ihm Mut einzusprechen. Er sollte nicht verzagen, sich

aufraffen. Da zog ein feines, wehmütiges und gleichzeitig siegesfrohes

Lächeln über sein Gesicht. »Ich verzagen? Niemals! Nur meinen Schmerz

verarbeiten mußte ich hier in der Stille. Wenn doch die Menschen mit

ihren Schmerzen, die ihnen heilig sein müßten, nicht immer auf den

Markt des Lebens gingen. Oh, der Schmerz ist wunderbar schön. Aber nun?

Hör zu!«

Da sprang er auf, seine Gestalt reckte und dehnte sich. Mir war's, als

ob er zusehends größer wurde, und trotzig jubelnd klang sein letztes

Lied in den Abend hinaus:

Ich kenn' eine Kraft, die mächt'ger als du,

Du grausames Schicksal, härter als Stahl:

Das ist mein Wille, vom Leben gestählt,

Bereit zu ertragen der Schickungen Qual.

Du hast gar oft mir schon Schweres gesandt,

Zu schwer wohl beinah' für mein menschliches Herz.

Ich aber trug mein schweigendes Leid,

Verwandelt' in Freude den beißenden Schmerz!

Mit jedem Siege wuchs mir die Kraft!

Wie eisengepanzert ward mir die Brust!

Nicht einmal sahst du am Boden mich:

Mein Leid zu tragen ward mir zur Lust!

Und bürdest du mir das Schwerste auf,

Und nimmst mir mein Liebstes, was ich nur hab',

Zertrittst mir mein Leben und raubst mir das Sein:

Ich trotze dir, Schicksal, bis an mein Grab!

Jubelnd fiel ich ihm um den Hals. Wie Feuerstrom war mir sein

Lied durch die Seele gedrungen, neue Kraft erweckend, neue Ziele

entflammend. Das war gleicher Pulsschlag!

Aber das ist der Kernpunkt: der Schmerz um das eigene Herzeleid wird

uns als ein Wichtiges, Notwendiges vom Schicksal ebenso auferlegt, wie

der Schmerz um fremdes Leid. Der Schmerz ist eine heimliche, heilige

Macht, durch die unsere Seele gereinigt, gekräftigt werden soll zu

Größerem. Der Schmerz soll nicht uns, sondern wir sollen den Schmerz

besiegen. Und während wir, mit ihm ringend, siegen, zwingen wir die

Mächte, die den Fortschritt der Menschheit hemmen möchten.

Ich erzählte ihm von mir, von dem Elend daheim.

Er nickte zustimmend, kannte genug davon. Er war mit seinem Schmerz

hier in die Einsamkeit gezogen, um die Seele erst genesen zu lassen.

Und nun? -- In die Heimat wolle er nicht wieder. Dort sei zu vieles,

was ihn ständig an seinen Verlust erinnere.

Da schlug ich ihm vor, mit mir auf unser Schiff zu kommen; erzählte ihm

von unserem Kapitän, unserer Reisegesellschaft, von dem Land der Sonne,

in das wir führen. Er horchte hoch auf. Das paßte in seinen Lebensplan:

neue Ziele, neue Felder zu schaffen für die Tatkraft, die in ihm wohnte.

Ein kurzer Entschluß: »Ich fahre mit.« -- »Und das Häuschen?« -- »Mag's

ein anderer bewohnen, der seinen Schmerz verarbeiten will.«

Seine wenigen Habseligkeiten waren leicht gepackt. Ich warf meinem

Hengst den Zaum wieder über, nahm ihn am Zügel. Das Gepäck hing über

dem Sattel. So wanderten wir zwei fürbaß durch die Berge der Hafenstadt

zu.

Längst hatte die Nacht sich auf Wald und Tal gesenkt. Aber was für

eine Nacht! Die laue Luft von unendlichen Düften erfüllt, über uns ein

Funkeln und Leuchten vom dunkelblauen Himmel herab, daß es einen schier

berauschte. Zu unseren Füßen murmelten die Bäche. An unserer Seite

rauschten die Quellen von den Felswänden ins Tal. Schweigsam wanderten

wir unseren Weg, selig erfüllt von den wonnigen Wundern dieser

zauberhaften Natur.

Im Morgengrauen gelangten wir nach dem Hafen. Ein Knabe nahm uns das

Pferd ab. Ein Fischerboot brachte uns ans Schiff. Mein Kapitän, der

sich schon um mein langes Ausbleiben gesorgt hatte, machte große Augen,

als ich mit dem neuen Passagier ankam.

Aber es ging ihm, wie mir. Auch ihm war der Fremde bald kein Fremder

mehr. Er paßte zu unserem kleinen Kreis. Als mein Findling, wie ich

ihn scherzweise nannte, unserer jungen Badenserin vorgestellt wurde,

zuckte er zusammen. Sein Gesicht wurde wachsbleich, um gleich darauf

von flammender Röte übergossen zu werden. Hastig ergriff er ihre Hand,

drückte sie, faßte sich mit der Linken an die Stirn, und ich hörte, wie

er murmelte: »Verzeihung, -- eine Ähnlichkeit, wie ich sie nie erlebt,

-- Sie sehen meiner verstorbenen Frau so unsagbar ähnlich!« Ich sah,

wie er zitterte. Gleich darauf raffte er sich gewaltsam zusammen.

Der kleine Zwischenfall war von niemandem weiter beachtet worden. Ich

aber bemerkte wohl, wie sein Auge an der lieblichen Erscheinung hing,

wo sie auch ging und stand.

Bald darauf lichteten wir die Anker. Und wunderbar, wie wir

dahinglitten auf diesen blauen Wogen, vorbei an der Küste Madeiras mit

seinen grünen Wäldern und blühenden Gärten, seinen braunen, in blaue

Märchenschleier gehüllten Felsen, da war das erste, was mir auffiel, --

die Möwen, meine Sorgenvögel, die uns von der Heimat durch den Nebel

des Kanals, die Stürme der Biskaya bis nach Madeira begleitet hatten,

-- sie waren verschwunden. Die Fahrt ins Land der Sonne machten sie

nicht mit. Statt ihrer gaben uns eine Weile zwitschernde Seeschwalben

das Geleit. Dann blieben auch diese zurück. Und einsam und majestätisch

durchfurchte unser Schiff, die letzten Felseneilande in bläulichem

Dunst hinter sich lassend, die kornblumenblauen Wogen des unendlichen

Ozeans.

Atlantisches Meer! Wer dich nicht gesehen hat, hat nicht gelebt! Wer

deine Luft nicht eingeatmet hat, deine kornblumenblauen Wogen, in denen

der Kiel des Schiffes silberne Furchen zieht, nicht geschaut, deine

Sonne nicht getrunken, deine unendliche Weite nicht gekostet hat, der

hat das Größte und Schönste der Erde nicht genossen.

Alles schien aufzuleben. Alles trank Bläue des Himmels und des Meeres.

Alles trank sich satt an der Sonne und an ewigem Frühling.

* * * * *

Unsere Auswanderer hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Die

Frauen schlummerten in ihren Liegestühlen; die Kinder balgten sich auf

dem Boden, jauchzten und tanzten. Die Männer sangen oder rauchten,

machten Pläne und waren guter Dinge. Ein Bild des Friedens und der

Hoffnung.

Wir standen auf dem Hinterdeck zusammen und schauten in die zaubrisch

blauen Fluten. Plötzlich tauchte eine Schar Delphine auf. Paar auf

Paar, Männchen und Weibchen, begleiteten in anmutigen Wellenbewegungen

unser Schiff, gleichsam als wollten sie voll Freuden zeigen, daß es

ihnen ein Vergnügen sei, mit unserem schnellen Schiff Schritt halten zu

können.

Plötzlich trat einer unserer beiden Magyaren, der auf eine kurze Zeit

verschwunden gewesen war, eine Doppelflinte, die er aus seiner Kabine

heraufgeholt hatte, in der Hand, zum Schuß bereit an die Reeling.

»Was wollen Sie machen?« scholl es einstimmig und entsetzt aus unserem

Kreise. »Eins von den Tieren wegblasen,« antwortete der Magyarenheld

mit fadem Lächeln. Und damit legte er an.

In dem nächsten Augenblick ging der Schuß los, und die Rehposten flogen

prasselnd nach oben in den blauen Himmel. Unser neuer Freund hatte dem

Halunken blitzschnell die Flinte nach oben geschlagen.

In der ersten Wut wollte der kühne Schütze den zweiten Schuß auf sein

wehrloses Gegenüber abfeuern. Allein der kam ihm zuvor, -- ein Ruck,

und der Schießprügel flog in weitem Bogen ins Meer. Wutschnaubend

verduftete der Held aus Ofen-Pest.

Damit war unser Neuling nun tatsächlich unser Freund geworden. Und

wie es im Leben geht -- ein an sich keineswegs welterschütterndes

Ereignis, aber eins, in dem die Gedanken und Empfindungen vieler

sich begegnen, sich einen, genügt oft, um alle diese zu einem Kreise

zusammenzuschließen.

Bis dahin waren wir nur eine Reisegesellschaft gewesen, wie andere

auch. Aber unser gemeinsames Empfinden bei diesem Geschehnis hatte uns

mit einem Schlage, ohne daß wir es selbst in dem Augenblicke so voll

empfanden, zu einem Freundeskreise zusammengeschmiedet.

So geht es im Leben der einzelnen Familien, wie ganzer Völker. Deswegen

sollten die Familien sehen, daß sie recht viel gemeinsam erleben, und

sei es nur ein gemeinsamer Sonntagsspaziergang in Wald und Heide,

ein feierlich begangener Geburtstag, ein Buch, das gemeinsam oder

nacheinander von allen gelesen wird; damit sie etwas haben, was sie

immer wieder durch das gemeinsame Empfinden neu zusammenbindet. Das ist

der Segen gemeinsamer Freuden und gemeinsam ertragener Trauer, daß sie

die Menschen immer wieder zusammenführen. Geistige Fäden sind es, die

sie verbinden, indem sie sich von einem zum anderen spinnen.

Wehe den Familien, den Völkern, die nichts erleben, deren Leben im

steten Alltagsgleichmaß dahinfließt. Ihr Zusammenhang wird sich

lockern; das Gefühl ihrer Einheit wird absterben, und die Stunde der

großen Freude, der Not, der Trauer findet eine zerfahrene Gesellschaft.

Aber ebenso wirkt jeder Schmerz, jeder Streit, jedes harte Wort, jede

Wunde, die einer dem anderen schlägt, trennend, entfremdend, zerstörend

zwischen Freunden, in der Ehe, in der Genossenschaft, zwischen Volk und

Regierung: die geistigen Verbindungsfäden zerreißen!

So gibt es Menschen, die andere anziehen, wie der Magnet das Eisen

anzieht, weil sie es verstehen, alles Harte, Trennende auszumerzen

und mit ihrer Liebe und ihrem zarten Verstehen Geschehnisse zu

erwecken, die eben bindend wirken. Und andere gibt es, Rechthaberische,

nur an sich Denkende, alles auf sich Beziehende, nur ihre eigene

Individualität bewahren Wollende, die wirken wie Schwefelsäure. Und

mögen sie noch so mächtig sein, sie werden einsam stehen und einsam

zugrunde gehen.

Die nächste Frage, die nach dem soeben Erlebten unseren kleinen Kreis

beschäftigte, war die: haben die Tiere eine Seele? Wie ein stiller

Jubel ging es durch unsere Reihen, als wir feststellten, daß wir

sämtlich die Frage bejahten.

Nun kam die große Frage: was heißt »Seele«, -- was ist die Seele? Ich

sollte das, was wir alle empfanden, in Worte kleiden.

»Nun wohl, die Seele ist das, was wir am Sichtbaren nicht riechen und

nicht sehen können, was aber vom Sichtbaren zu uns hin und von uns zu

ihm strömt, wie die Atemluft von ihm zu uns und von uns zu ihm. Noch

während du mit mir sprichst, wird dein Seele zu einem Teil der meinigen

und meine zur deinigen, wie ich die Luft einatme, die dir entströmt,

und du die Luft in dir aufnimmst, die ich ausatme.

Wenn du meinen Brief erhältst, so erhältst du Papier und Tinte und

etwas, was nicht Tinte und nicht Papier ist, was du nicht sehen und

nicht wägen kannst, und was doch da ist: das ist der Geist, die Seele

des Briefes, die ich ihm eingehaucht habe, als Teil meiner Seele.

Der Kristall, der klare Tropfen, der dich in seiner Klarheit und

Reinheit mahnt, deine Seele reinzuhalten, er gibt dir etwas Geistiges,

Seelisches, was er dir nicht geben könnte, wenn er es nicht besäße. Was

es ist? Woher es stammt? Wohl von dem einen, der die Seele der Welt

ausmacht, und den wir nie ergründen können.

Und nun vollends ein Tier! Nimm deinen Hund, dein Pferd mit seiner

Treue, mit seinem Verständnis deiner Freude und Trauer, -- die sollten

keine Seele haben? Das kann nur leugnen, wer das Denken verlernt hat.

›Aber ein Wurm, ein Fisch, ein Vogel?‹ Habt ihr denn nicht gehört,

nicht gesehen, daß bei allen diesen Tieren das Männchen, wenn es um das

Weibchen wirbt, in hellen Farben schillert?

Sieh den Täuber, wie er sich fein macht, wenn er die Taube umgirrt!

Sieh den Hengst, wie er sich trägt, Kopf und Schweif und Rücken, um

der Stute zu gefallen; die Katze, wie sie für ihre Jungen sorgt! Jedes

Vöglein mit seiner rührenden, aufopfernden Mutterliebe; die Ameisen mit

ihrem Seelenleben und ihren sozialen Einrichtungen; -- und all diese

Geschöpfe sollen seelenlos sein?

Ich sage euch, es geht durch das ganze All ein Geist der Liebe, von dem

wir alle, Kaiser und Knecht, täglich, stündlich nur in Demut lernen

können.

Und nun denkt an zwei Menschen, die sich lieb haben, -- -- wie das

von einem zum andern hinüberflutet, unmeßbar, unsichtbar und doch

so allgewaltig, wie zwei Ströme, die, sich zu einem vermischend,

zusammenfließen.

Sagen wir nicht selbst: ein Herz und eine Seele? Gesehen hat sie

keiner, aber da ist sie; denn sonst könnten wir sie nicht spüren.

Und selbst der, der sie nicht spürt, ist nicht seelenlos. Er hat wohl

nur verlernt, ihr Leben zu spüren, in der Not und Hast des Tages,

vielleicht auch im Dunst von Tabak und Bier. Aber auch er hat eine

Seele. Habt nur Geduld mit solchem Menschen; klopft immer wieder mit

Liebe auf den Stein -- mit einem Male leuchtet sie aus ihm heraus, wie

ein Feuerschein. Vielleicht kam es nur daher, daß seine Seele noch zu

sehr mit Bierdunst und Zigarrenqualm überzogen war, durch den sie nicht

so recht zu uns dringen konnte, wie die unsrigen nicht zu ihr.

Schaut, wohin ihr wollt, und ihr werdet den Geist, die Seele der Welt,

erkennen!«

Ich hatte mich ganz warm geredet vor Eifer.

Gleichsam als wollten sie sich dankbar für die Fürsprache beweisen,

schossen einige Delphinehepaare in ihren eleganten Bogensprüngen

fröhlich neben dem Schiffe hin.

Unser Magyare, der, ohne daß ich es bemerkte, unser Gespräch mit

angehört hatte, trat offenherzig auf mich zu, reichte mir seine Hand

und sagte beschämt: »Ich erkläre mich für besiegt und will mich

bessern! Nun bitte ich die Gesellschaft, mir nicht länger zu zürnen

wegen meiner Unbedachtsamkeit.« Wir verziehen ihm alle aufrichtigen

Herzens. Allein er blieb uns doch ein Fremder. Es lag eine Kluft

zwischen seinem Empfinden und unserem. Und die trennte uns, so sehr wir

uns Mühe gaben, eine Brücke zu schlagen.

* * * * *

Als ich am folgenden Morgen nach dem Bade in meine Kabine trat, lag,

sauber auf Papier gebettet, ein fast fußlanger fliegender Fisch auf

meinem Sofa. Ich hatte den freundlichen Geber richtig erraten: unser

erster Offizier hatte den Fisch bei seinem morgendlichen Rundgang auf

dem Deck gefunden. Der arme Schelm hatte seinen allzu kühnen Sprung

aus den blauen Fluten mit dem Leben bezahlen müssen. Aber welch zarte

Aufmerksamkeit von unserem rauhen und doch so weichherzigen Ostfriesen.

Zum Frühstück prangte der Fisch, delikat gebraten, auf unserer

Tafel, und da er auf meinem Platz stand, hatte ich das Vergnügen,

auch noch den gütigen Gastgeber spielen zu können. Unter Lachen und

Scherzen erhielt jeder Fahrgast sein Stückchen, und alle fanden, daß

es eine äußerst wohlschmeckende Speise sei. Für die Segelschiffer

bilden diese Fische in der Tat einen höchst erfreulichen Leckerbissen

und gleichzeitig eine sehr gesunde Abwechslung in der eintönigen

Schiffskost.

Seltsam, wie sich auf diese Weise selbst auf dem unwirtlichen Meere

wieder der Geist dieser wunderbaren großen Liebe offenbart, deren Größe

wir nie ergründen können.

* * * * *

Gegen Mittag begann von neuem das Spiel der Delphine. Fast schien es,

als ob es die nämlichen Tiere vom Tage vorher seien. So waren sie uns

alte Bekannte.

»Ob die beiden dort wohl eine andauernd glückliche Ehe haben,« fragte

plötzlich unsere junge Freundin, auf ein fröhliches Delphinenpaar

weisend, die in schlanken Bogen die blauen Fluten durchschnitten. »Oh,

-- ich habe eine Idee: -- wir setzen uns hier zusammen in die Sonne,

und jeder erzählt uns, da die Delphine nicht sprechen können, von

daheim, von seinen Schicksalen, seinem Lande und seiner Regierung, und

da wir Deutschen nun einmal das Volk der Dichter und Denker genannt

werden, so soll es jedem freistehen, uns seine Dichtungen vorzulesen,

aus denen wir seine Erlebnisse ersehen können. Fliegen wir wieder

auseinander, -- nun, so werden wir uns wohl kaum wiedersehen. Aber

durch die Mitteilung dessen, was wir erlebt haben, sammeln wir die

Erfahrungen der anderen ein, erleben ihre Empfindungen mit und werden

so reicher, weiser, klüger -- und vielleicht,« fügte sie schelmisch

lächelnd hinzu, »immer noch ein wenig besser. Schöner können uns die

Tage der Ozeanfahrt nicht vergehen. Und werden wir heute nicht fertig,

desto besser, so fahren wir morgen fort. Hier hat keiner von uns Eile.

Und es ist ein Labsal für die Seele, in unserem heutigen Kulturleben

einmal nicht hetzen zu brauchen. Kein Telephon, kein Telegramm kann uns

hier abrufen. Nicht wahr, Herr Doktor?« wendete sie sich neckend zu

mir. Ich konnte ihre Ansicht nur bestätigen und dehnte mich wohlig in

meinem Madeirastuhl.

»Wer soll beginnen?« »Der Jüngste fängt an.« Der jüngste Passagier war

immer der Neuhinzugekommene. So war's dieses Mal mein Findling.

Ich war gespannt, weiteres von ihm zu hören, soviel ich nun auch schon

von ihm wußte.

»Ich bin Österreicher von Geburt,« begann er, »und war Arzt in der

schönen Kaiserstadt an der Donau, in Wien. Eines Tages wurde ich in

ein rebenumsponnenes Häuschen der Vorstadt gerufen zu einem kranken,

jungen Weibe von seltener Schönheit. Bald erkannte ich, daß ihre Seele

noch kränker war als ihr Leib. Ich erfuhr ihre Geschichte, ihr Leid.

Sie entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Ihre

Eltern waren früh gestorben und hatten ihr nichts hinterlassen als eine

Seele, wie eine Blume, ein Gemüt, wie ein Bergsee, -- oh, mein Gott,

wohin verliere ich mich!« Ich sah, wie er mit sich kämpfte, um nicht

weich zu werden.

»Hatte sie denn niemanden auf der Welt,« fragte unsere Badenserin?

»Doch,« -- fuhr unser Österreicher fort, »eine Schwester, die

frühzeitig nach dem Tode der Eltern nach Baden ausgewandert war, und

die dann verschollen blieb. Wenigstens hatte kein Brief sie in den

letzten Jahren erreicht.«

Unsere junge Freundin errötete. »Weiter, weiter,« fragte sie mit Augen,

die die Worte von dem Munde des Erzählers wegsaugen zu wollen schienen.

»Man sagte, sie sei in Heidelberg mit einem Studenten, der sie in seine

Netze gelockt hatte, auf und davon gegangen.

Als nun das arme Weib so verlassen in der Welt stand, das Herz voll

Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Kunst, Schönheit, Glück, näherte sich

ihr ein Mann, ebenfalls aus altadliger Familie, der ihr vorspiegelte

und vielleicht selbst davon überzeugt war, daß er sie liebe. Sein Vater

war großer Brennereibesitzer. Er selbst hatte zu Hause nicht guttun

wollen, war in der Welt herumgefahren, Kognakreisender geworden, war

in Australien gewesen, hatte in den Spelunken in Melbourne Whisky

verkauft, war dann nach Österreich zurückgekehrt und sollte nun, als

Träger des alten Namens, ein geordnetes Leben beginnen.

Sie vertraute seinen Versprechungen und Beteuerungen. Die Eltern waren

anfangs dagegen. Endlich heirateten sie. Das Ende vom Liede? Sein

elterliches Erbe war bald vertan. Auf dem Gelde, an dem das Elend von

Hunderttausenden klebt, ruht kein Segen. Aber zerstörend hatte der

Unhold auf dieses einzige Weib gewirkt. Selbst krank durch seinen

liederlichen Lebenswandel, hatte er sie mit erkranken gemacht. In die

gemeinsten Spelunken hatte er sie unter Drohungen und schändlichem

Zwang geschleppt, die niedrigsten Zumutungen hatte er an sie gestellt:

Zeugin zu sein seiner Freundschaften hinter bier- und schnapsduftenden

Schenktischen.

An Leib und Seele gebrochen fand ich dieses Weib vor. Durch eine

Operation auf Leben und Tod gelang es, sie von ihrer schmachvollen

Krankheit zu heilen. Allein ihre Seele blieb wund. Der tägliche Kampf

mit der Gemeinheit drohte sie aufzureiben.

Das Leid eines Weibes ist das Leid eines Teiles der Seele der Welt. Ich

habe nie ein Weib weinen oder leiden sehen können, ohne selbst auf das

schwerste mitzuleiden. In dem Leide dieses Weibes litt ich das Leid der

Welt, und um dieses ihres Leides willen liebte ich sie, liebte in ihr

die leidende Menschheit, liebte in ihr das Leid der Welt. --

Da starb eines Tages der Mann. In der Trunkenheit war er eine steile

Treppe, die zum Donauhafen hinabführte, hinunter gestürzt und hatte das

Genick gebrochen. Sie sah blaß und müde aus, als ich kam, und doch lag

in dem unendlichen Liebreiz ein Hauch auf ihrem Antlitz, der mich immer

an die Heimat erinnerte, der die ganze Fülle jenes geheimnisvollen

Zaubers auslöste, der, wie leise violetter Heideschimmer, sich als

Erinnerung über unsere Jugendzeit legt, die Zeit der ersten Liebe, zart

verhüllt, zu neuem Leben erweckt. Und ihre Stimme klang mir wieder wie

eins jener weichen, zarten, schwermütigen Lieder, die sie mir einstens

sang, wenn ich in den traurigsten Stunden meines Lebens zu ihr ging, um

in ihrer Nähe für eine Stunde mein Leid zu vergessen, ihr helfend, das

ihrige zu vergessen.

Als das Gesetz es erlaubte, hielt ich um ihre Hand an.

Von Tag zu Tag erkannte ich mehr, daß ich mich in ihr nicht

getäuscht hatte, als ich sie zur Lebensgefährtin erwählte, daß alles

Unnatürliche, alles Gezwungene nur Folgen der voraufgegangenen

Leidenszeit waren.

Oft war es mir, als ob sie in ihrem Inneren mit einer bösen Macht

kämpfe. Nur Toren verzagen im Kampfe gegen das Böse und schelten auf

die Erbsünde, daß sie uns erdrücke und herunterzöge. Bei Schwachen

mag sie es tun, den Starken aber ist sie die Prüfung zur Kraft, die

Treppenstufe zur Vervollkommnung, zur Höhe. Nicht das Sündigen an sich

ist Schwäche, -- nur das Untergehen, das sich Untergehenlassen in der

Sünde, das ist Schwäche, das ist Sünde, das ist der Tod. Das ist eine

billige Tugend, die tugendhaft bleibt, weil ihr die Gelegenheit oder

die Kraft zum Sündigen fehlt. Aber die Wollust der Sünde gekostet

haben, mit der Schlange gespielt haben, und sie dann doch überwinden,

sich losreißen aus den zuckenden Umwindungen der Überwundenen, und nun

Stein um Stein empor, bis zur Höhe, bis dahin, wo wir uns eins fühlen

mit Ihm, -- das ist herrlich, -- das ist die Lösung, auf deren Höhe wir

es jauchzend singen hören: Tod, wo ist dein Stachel -- Hölle, wo ist

dein Sieg!

Und ihre Seele war groß. Ihre Seele war sie selbst, denn sie selbst

war ganz Seele. Und groß wie ihre Seele war ihre, unsere Liebe. Unsere

Liebe hatte nichts Selbstsüchtiges; die Liebe zueinander war gleichsam

nur das Gefäß, das unsere Liebe zur leidenden Menschheit barg. So war

es nur zu natürlich, daß sie in kurzem die gute Fee meiner Armen und

meiner Kranken wurde.

Da sie immer wieder kränkelte, siedelte ich mit ihr nach Madeira

über. Hier verlebten wir Zeiten seligsten Glückes. Schon hoffte ich

auf vollständige, endgültige Genesung. Wie eine seltene Blume, die

liliengleich aus Schutt und Moder erblüht, entfaltete sich ihr Geist.

Aber ihre Krankheit saß doch schon zu tief, oder unser Glück war

zu groß; nach einer kurzen Spanne Zeit wurde sie mir durch den Tod

entrissen.« --

»Und ich bin ihre Schwester!«

Schluchzend lag die Badenserin zu Füßen unseres Erzählers. Schluchzend,

abgerissen erzählte sie, wie ein Student ihr vor wenigen Jahren Liebe

vorgegaukelt, gerade als die Eltern gestorben waren; sie sei ihm von

Wien nach Heidelberg gefolgt. Sie habe versucht, ihn zu halten, er

aber habe sie in sein leichtsinniges Leben mit hineinziehen wollen. Da

habe sie der Ekel erfaßt, sie habe sich von ihm losgesagt und habe ihr

Lehrerinnenexamen gemacht, um auf eigenen Füßen zu stehen. Nun sei sie

mit dem jungen Lehrer, dem treuen Berater ihrer Studien, der auch in

der Neuen Welt das Glück versuchen wolle, hinübergefahren.

Da reichte unser Freund ihr eine Anzahl Blätter hin: -- »Hier, nimm

diese, als Erbteil deiner Schwester. Es sind die Lieder aus der Zeit

unseres Glückes.« Sie aber nahm die Blätter und schaute still über das

Meer, als suche sie die Lösung all dieser wunderbaren Schikkungen.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann stand sie auf und ging fort.

Man sah, sie brauchte Einsamkeit.

Wir anderen saßen noch lange schweigend beieinander. Als ich am Abend,

träumend von all den Erlebnissen des Tages, in meiner Kabine saß,

klopfte es, und herein trat mein Findling und die junge Badenserin.

Auf beider Antlitz lag ein Hauch von Frieden und reinstem Glücke. Es

bedurfte keines erklärenden Wortes: ihre Seelen hatten sich gefunden.

»Sie haben mir mein Lebensglück aufs Schiff gebracht, Doktor,« sprach

sie --, »so nehmen Sie die Lieder, die meiner verstorbenen Schwester

gehörten, und bewahren Sie sie als ein Dokument aus der Vergangenheit

und zur Erinnerung an ringende Menschenherzen. Wir aber wollen der

Gegenwart gehören und der Zukunft leben.«

Lange noch saßen wir drei zusammen in traulichem Gespräch, das mir

den feinen Geist und das tiefe Gemüt dieser beiden Menschen, die sich

hier auf dem Schiffe so wunderbar gefunden hatten, in seltsamer Weise

offenbarte.

Ich aber freute mich von Herzen dieser Fügung.

Als sie gegangen waren, las ich in meiner Kabine die Lieder und

durchlebte dabei das Ringen zweier Seelen mit der Sünde und der Liebe.

Und während ich sie las, dachte ich daran, wie mein neuer Freund von

dem Weibe stets als von der Seele der Welt sprach. Ich aber dachte an

daheim und an diejenige, die die Seele meiner Welt, die Sonne meines

Hauses war.

Und dann dachte ich wiederum, wie die Sonne gleichsam die Seele der

sichtbaren Welt sei, und wie sie hier auf dem Ozean alles beherrschte,

gerade wie Gott die Seele des Weltalls ist, die das Weltall

durchdringend beherrscht. Und gleichzeitig mußte ich daran denken,

daß noch niemals das Weib an sich so viel Raum in meinem Denken und

Empfinden eingenommen hatte, wie hier auf dem Ozean. Kam es daher, weil

hier draußen auf dem Meere die Sonne herrschte, daß das Weib als die

Sonne des menschlichen Lebens die Gedanken an das Elend in den Schatten

drängen wollte?

Es ist schon so. Die Liebe eines reinen, warmherzigen Weibes ist für

den Mann der Himmel auf Erden. Wehe dem Ärmsten, der diese Himmelsgabe

nie gekannt, -- und wehe dem, der sie besessen, aber nicht erkannt und

von sich gestoßen hat.

Aber dreifach wehe dem Weibe, das seine Aufgabe, die Lebenssonne des

Mannes zu sein, nicht begriffen hat oder vergißt!

Sie verstößt gegen die Naturgesetze und bricht die Ehe, indem sie den

Mann aus seinem Gleise treibt, wie die Erde ihre Bahn verlassen würde,

wenn die Sonne nur auf einen Augenblick -- nicht die Sonne wäre! --

Dieses Weib war eine Lebenssonne für den Mann gewesen. Sie hatte ihre

Aufgabe erfüllt. --

Ich legte die Lieder zwischen die Blätter meines Tagebuches, wie man

Rosenblätter zwischen die Blätter eines lieben Buches legt. Mag sie

dort nach meinem Tode finden, wer will, und sie lesen, wer will. Mir

waren sie Dokumente der Kämpfe zweier sich zum Guten und zueinander

sehnenden Menschenherzen.

* * * * *

Am anderen Morgen erscholl vom Vorderdeck Gesang und Kling-Klang. Einer

unserer spanischen Auswanderer hatte sich bei einem der Maschinisten

einen Schleifstein erbettelt, und nun ging ein lustiges Schleifen los

an Beil und Messer, an Sense und Sichel, Spaten und Säge. Oh, es ist

etwas Herrliches und Großes um Menschen, die ihr Vaterland größer

machen wollen, damit Raum wird für die Kinder ihrer Liebe! Jeder

einzelne, der der alten Heimat in diesem Sinne den Rücken kehrt, ist

ein Held, ein Großer und Freier, den seine Enkel deswegen noch dankbar

feiern müssen.

»Weswegen seid ihr eigentlich aus dem Lande gegangen,« fragte unser

Österreicher das Lüneburger Ehepaar; »ich dachte, in eurer Heide wäre

noch Platz genug.«

»Unser Hof lag an der Grenze der Petroleumbezirke. Der Qualm der

Schornsteine, der Lärm, der von den Bohrtürmen ausging, die Abwässer,

die unseren Forellenbach vergifteten, die polnischen Arbeiter,

die betrunken Sonntags unsere Dörfer unsicher machten, die Unzahl

polizeilicher Bestimmungen, mit denen man uns in unserer freien Heide

das Leben sauer machte, all das hat uns bewogen, die alte Heimat

aufzugeben. Sauer genug ist uns der Entschluß geworden. Aber wir

hoffen von der Tätigkeit unserer Arme besten Erfolg in neuen, freien

Weiten. Unsere Heide ist schwer zu bearbeiten, ihre Schönheit schwer zu

begreifen; aber hat man ihren Zauber erst erfaßt, dann läßt er einen

auch nicht wieder los.

Und wie es mit unserer Heide geht, so geht es auch mit unseren

Menschen. Schwer ist ihre Liebe zu erringen, -- nicht wahr, Schatz?«

und dabei legte er seinen Arm zärtlich um den Nacken seines Weibes und

zog sie an sich, während sie ihn voll Liebe anlächelte, -- »aber wenn

sie sich erst einmal lieb gewonnen haben, dann trennt sie auch nichts

mehr in der Welt.

Und wie es mit den einzelnen Menschen geht, so geht es der Regierung

mit dem Volke. Und das ist der Grund, warum wir Hannoveraner noch immer

nicht unser altes Welfenhaus vergessen können, soviel die preußische

Regierung auch für unser Hannoverland getan hat. Anstatt unsere Liebe

zum angestammten Herrscherhaus zu verfolgen und zu vertilgen, hätte sie

unsere Treue ehren und verstehen sollen, das wäre klüger und besser

gewesen.

Eine weise und liebevolle Stiefmutter ehrt die Liebe der Kinder erster

Ehe zu der verstorbenen Mutter und hegt und pflegt ihr Andenken. Gerade

dadurch erwirbt sie sich am ehesten die Liebe der fremden Kinder und

bringt wieder Sonnenschein in das durch den Tod durchkältete Haus. Eine

neue Regierung ist wie eine Stiefmutter. Mag sie an diesem Beispiel

aus unserem Menschenleben lernen. -- Wie einst bei uns in Hannover,

so geht's wohl überall in der Welt, -- in Elsaß und Lothringen nicht

anders als in unseren Kolonien, -- schließlich ist die Liebe doch eine

stärkere Macht, als alle Schneidigkeit und Waffengewalt.«

»Hätte Bismarck 1866 seinen Willen gegen die preußischen Junker

durchsetzen können,« warf der Rheinländer dazwischen, »ihr Hannoveraner

hättet damals schon eine andere Verfassung nach eueren Wünschen

erhalten. Denn unser großer Kanzler war nicht nur der Mann mit der

eisernen Faust, sondern ebensosehr der Mann mit dem großen Herzen voll

Liebe und Gerechtigkeit.« --

Es waren widerstreitende Empfindungen, die die Worte des Lüneburgers in

mir auslösten. Die geschichtlichen Notwendigkeiten haben sicher für die

Nächstbeteiligten Härten im Gefolge, die nur schwer verwunden werden,

-- aber seltsam, -- gewisse Ideengänge liegen gleichsam in der Luft,

wie Düfte im März, von denen alle Wege, alle Felder erfüllt sind, --

an denen wir merken, daß der Frühling kommt. -- Ist es das, was den

Zeitgeist ausmacht, den »Geist der Zeit?«

Dann wäre das, was der Lüneburger uns da eben erzählte, ein Zeichen des

Geistes, der nach Liebe hungert.

Bismarck hatte diesen Geist der Zeit damals begriffen, -- oh, er war

gut und groß, und seine Taten entsprangen einzig aus dem Geiste der

Liebe, der Liebe zu seinem großen deutschen Vaterlande.

Doch der Haß und die Selbstsucht und die kleinliche Gesinnung jener

preußischen Junker, die heute noch so viel Unheil bei uns anrichten,

die lähmten selbst dem Starken damals den Arm zur Tat im Geiste der

Liebe! --

Wenn aber ein Volk nach Liebe hungert, so ist es ein Zeichen, daß es

nach Leben hungert! Nach dem höchsten Leben!

Ihr Könige, gebt acht, daß ihr diesen Liebeshunger eurer Völker nicht

vergeßt! Sonst sterben sie ab, und ihr mit ihnen! -- -- --

»Du bist schuld mit deinen ernsten Auseinandersetzungen,« schmollte

sein Weibchen, »daß sich diese Schweigewolke auf unsere Gesellschaft

niedergelassen hat. Nun will ich versuchen, deinen Fehler wieder

gutzumachen, und Ihnen, wenn's allen genehm ist, ein Märchen vorlesen,

das ich mir zur Erinnerung an die Heimat mit aufs Schiff genommen habe,

und das Ihnen, was mein Schatz da soeben berichtet hat, vielleicht noch

ein wenig weiter erläutert und Sie den Zauber unserer geliebten Heide

ahnen läßt.«

Ein Lied von der Heide, voll Sonne und Heimatduft, das war freilich

verlockend hier draußen auf dem wogenden Ozean. So begann sie mit ihrer

weichen Stimme, die bei dem Vortrage der eingestreuten Lieder wie

seltsam feine Musik klang, »das Märchen aus der Heide«.

Und wie sie las, flutete es über den Ozean von der Heimat her, wie

starker Heideduft. Alle Entfernung schwand. Ich war daheim, daheim im

Vaterland! Das war der Dichtung Zauber! -- --

* * * * *

Vor meinem geistigen Auge tauchte die Heimat wieder auf mit ihren

Tannenwäldern, ihren Mooren und Heiden. Ich sog den kräftigen

Tannenduft und den Erdgeruch der frischgepflügten Felder ein, den

feinen Rauchdunst, der im Frühling beim Westwind von den ostfriesischen

Mooren zu uns herüberweht, wenn sie dort das Moor brennen. Ich vergaß

den Atlantischen Ozean. Ich hörte nicht mehr die spanischen Lieder vom

Vorderdeck und das Schleifen der Spaten!

Im rötlichen Heidekraute lag ich draußen in einsamer Heide. Sengend

brannte die Sonne auf mich herab. Da schlief ich ein, vergaß die Welt

und Haus und Hof. Mir war's, als ob ich glühende Küsse spürte. War das

ein Weib? War's die Sonne? Feuer durchrieselte meinen Leib. Ich fühlte,

wie ich wuchs, neue Kräfte durchfluteten meinen Körper, -- endlich

erwachte ich. Ich lag noch immer im Heidekraut. Glühend strahlte

die Julisonne. Da sprang ich auf. Eine neue heiße Liebe hatte mich

erfaßt, heißer als je, die Liebe zur Heimat. Und dann kam ich heim.

Noch ganz trunken vom Sonnenrausch und seligem Wollen. Da kommt mir

ein altes Mütterchen unterwegs entgegen. »Haben's schon gehört?« fragt

sie mich mit erregtem, verstörtem Gesicht. »Ja, was denn?« »Die große

Michaeliskirche in Hamburg ist abgebrannt.«

Blitzschnell liefen die Bilder vor meinem geistigen Auge dahin:

ich sah die Jugendgeliebte, blond, züchtig, mit gesenktem Blick,

das Gesangbuch in der Hand, zur Kirche wandern, den goldenen Zopf

wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ich sah den grünen Turmhelm aus

der Ferne aus dem Stadtnebel zu uns in unser Gartenhaus draußen

am Strome herüberschimmern und unter dem Helme die große Uhr mit

ihrem vergoldeten Zifferblatte blinken. Ich hörte die Stimme meines

Töchterleins: »Vater, heb' mich hoch, ich will die Uhr auch 'mal

sehen!« -- Und wieder sah ich uns, mein Weib und die Freunde, in der

Kirche sitzen; durch ihre mächtigen Bogen hallten jubelnd und gen

Himmel tragend die Orgeltöne, die Chöre der Bachschen Matthäuspassion.

Und nun? Ich hörte im Geiste das Prasseln der Flammen, das Krachen der

zusammenstürzenden Mauern. Fiebernd jagten sich die Bilder, -- während

ich träumend in der Heidesonne gelegen hatte, brannte in der Vaterstadt

die Kirche nieder, die wir alle so liebten! -- --

»Doktor, wo sind Sie mit Ihren Gedanken?« -- »In der Heimat,« erwiderte

ich, -- »das Heidemärchen hat's mir angetan.«

Da stand ich auf und ging auf das Kompaßdeck, hoch oben über dem

Schiffe, um allein zu sein mit meinen Träumen und Gedanken.

Wunderlich, wie die Perspektive durch die Ferne wirkt. Durch das

Heidemärchen war mir die Heimat vor die Sinne gezaubert, -- aber wie

ein fernes, grünes Land sah ich sie liegen, und wie auf sanftem Hügel

hob sich aus dem Grün die Kirche mit ihrem Turme heraus. Deutlich sah

ich sie vor mir liegen, die doch in Wirklichkeit in Trümmern lag. -- --

Da war es mir, als müßte ich hier draußen auf dem Ozean die Kirche neu

erstehen sehen, jetzt gleich, emporgewachsen aus dem grünen Boden der

Heimat, aber größer, schöner als je zuvor.

Der unendliche, blaue Dom des Himmelsgewölbes, das sich wie ein azurnes

Zelt über den weiten Ozean spannte, schien mir gerade groß genug, um

den Tempel, den ich in meinem Herzen baute, aufzunehmen.

Hatte ich soeben den Zusammensturz der alten Kirche in meiner

Erinnerung erlebt, mit deren Zusammenbruch gleichsam dieses ganze

künstliche Gebäude verstaubter Dogmen in Asche zusammenstürzte, dieser

künstlich zusammengestoppelten Lehren, die mit ihrem Moder lange genug

die Herzen verstaubt hatten, so wuchs nun hier in dieser unendlichen

Freiheit und Schönheit der Natur in meinem Geiste ein neuer Tempel

empor und wuchs und wuchs, unendlich, wie der Geist dessen, der uns

alle, der das All erfüllt, der eins ist mit dem All, und durch den wir

eins sind mit dem All.

Ich wußte von der alten Orgel, die damals bei dem Brande der Kirche in

Asche versank, daß geheime Kanäle unter dem Boden der Kirche hingingen,

um zwischen den Emporen und den Reihen der Andächtigen zu münden. Nur

einer außer mir kannte ihr Geheimnis. Von ihm hatte ich es erfahren.

Alle Welt staunte nur über den Zauber, mit dem die alte Orgel den

ganzen Riesenbau der Kirche erfüllte. Diese geheimen Kanäle waren die

Lebensadern der Orgel. Durch sie strömte sie ihre Schallwellen, ihre

Töne unter die Menge, andächtigen Zauber in ihr erweckend.

Oh, mein Tempel, den ich der Menschheit baute, hatte auch solche

geheime Kanäle, durch die der Geist des Tempels in die Menschheit

strömen sollte. Und dieser Geist hieß Liebe!

Liebe, du bist die Mutter der Kraft!

Liebe, du bist die Mutter der Tat!

Liebe, sei mit uns! -- -- --

Verschwunden war der Heidetraum. Verschwunden Schiff und Atlantischer

Ozean. Ich hörte nicht mehr das Singen und Kastagnettengeklirr vom

Vorderdeck, nicht das Stampfen der Maschinen, noch das Wogen der

kornblumenblauen Wellen rings um mich herum. Sehnsucht nach der Heimat

hatte mit elementarer Macht den Wunsch entfesselt, gleichsam als ein

Symbol der Heimat, die Kirche neu erstehen zu sehen. So träumte ich

denn weiter, da oben, hoch über den Wogen des Ozeans: unser Leid über

die Zerstörung der alten Kirche der Heimatstadt, ihren Wiederaufbau,

ihre Einweihung; und halb im Traum, im Erinnerungsrausch, im

Sehnsuchtsdrang nach daheim schrieb ich nieder, wie es mir kam. -- --

Und siehe da: als es fertig war, wachte ich auf aus meinen Träumen. Vor

mir lag der Text zu einem Oratorium für die Einweihung der neuerbauten

Kirche. Und weil dieses Kind meiner Seele hier auf dem Ozean gezeugt

und geboren ist aus der Liebe zur Heimat und zu den Menschen, so gehört

es auch mit in meinen Reisebericht, -- als ein Bindeglied im Geiste

zwischen dem, der da draußen fuhr, und der Heimat, zu der ihn sein

Sehnen trug.

* * * * *

Als ich nachts in meiner Kabine lag, sah ich im Traume wieder den

abgebrannten Turm der alten Michaeliskirche. Ein riesiges Gerüst

hatten sie um ihn gezimmert, mächtige eiserne Sparren in die Höhe

geführt. Ja -- es war offenbar -- sie gaben sich alle Mühe, die durch

Leichtfertigkeit zerstörte Kirche wieder aufzubauen.

Mir aber war es, als ob der Neubau keine Seele hatte.

Und dann versank alles in dunkles Schwarz. Es war Nacht. Plötzlich

flammte es hell auf. In bengalischem Lichte erstrahlte das steinerne

Standbild des großen Bismarck. Musik erscholl. Hurrarufen. Die

deutschen Studenten brachten dem Eisernen einen Fackelzug. Da nahten

sie schon. Wie eine Schlange mit tausend leuchtenden Schuppen ringelte

sich der Zug durch die Finsternis herum um den Berg, vom Standbilde

wiederum hernieder ins Tal. Dann erloschen die Fackeln, und in der

Finsternis verschwand auch das Bild des Mannes der Tat.

Da hörte ich Gläser klirren und Brüllen von Kommersliedern, sah

schwankende Gestalten und Dirnen in buntem Flitter und mit geschminkten

Gesichtern, -- und schließlich hörte ich Weinen, sah Jünglinge, die

sich grämten und schämten über Grauen und Elend. -- -- -- Der Geist der

Tat war weggespült mit Bier. -- --

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 10 / 39 题