Menschenkinder, fahrt übers Meer, dorthin, wo Land und Freiheit ist! --

Sinnend saßen wir da. Ich sah im Geiste unser deutsches Vaterland

in eine große Gartenstadt umgewandelt, hier und da kleine und große

Zentren mit Fabriken und himmelhohen Geschäftshäusern und dort herum im

Grünen weithin ein Gewimmel fröhlicher, glücklicher, gesunder Menschen,

dann wieder weite Fluren fruchtbarer Felder und Wiesen. -- Es muß so

kommen, um unseres Volkes, um unser aller, um der Menschheit willen!

Vor meinem geistigen Auge tauchten meine Maurer und Zimmerleute,

Garten- und Zigarrenarbeiter auf, denen ich ihre Häuschen durch unseren

Bauverein hatte schaffen können. Manche von ihnen waren verschuldet,

verbittert, andere mit biergedunsenem Gesichte eingezogen. Der hatte

bisher nie Miete gezahlt, jener wegen Schlägerei im Gefängnis

gesessen, der wegen seiner vielen Kinder nirgends Wohnung finden

können, -- und nun? Was für ein fröhliches, gesundes, nüchternes

Völkchen war es geworden. Dort mein Maurer Börs, dessen Bücherschrank

sich allmählich mit Schiller, Goethe, Liliencron und Prinz Schönaich

füllte, -- die er alle gelesen -- und wie gelesen hatte; hier die junge

Brotträgerin, die jetzt fröhlich per Rad ihr Geschäft besorgte, während

sie früher nicht wußte, wovon sie mit ihren Kindern leben sollte. Oh,

es ist gar einfach, aus einem proletarisierten Volke wieder Menschen zu

machen. Es gehört nur guter Wille dazu, etwas Geduld und viel Liebe.

-- --

Spät trennten wir uns. Als ich in meine Kabine trat, fand ich auf

meinem Tischchen einen dicken Brief. Ich öffnete ihn und las. Er war

von unserem Balten, offenbar in fliegender Hast, geschrieben. Er

schrieb:

»Lieber Doktor!

Ich finde nicht die Kraft in mir, Aug' in Auge mit Ihnen zu reden, und

vertraue diesem Papier an, was ich doch nicht ungesagt lassen möchte.

Irgend etwas in mir treibt mich, gerade Ihnen zu beichten. Ich tue

es, ohne über das Warum lange nachzudenken. In Ihren Augen, in Ihrem

ganzen Wesen liegt etwas, das mein gemartertes Herz warm berührt, und

so haben Sie mir, ohne es zu wissen, wohl getan, und dafür danke ich

Ihnen. -- --

Ich bin der Sohn eines baltischen Landedelmannes; mein Vater war nach

Sibirien geschickt, weil er seine Sympathien für Deutschland zu laut

bekundet hatte; meine Mutter, einem hannöverschen Adelsgeschlechte

angehörig, starb aus Gram über das Schicksal ihres Gatten.

Ihr letzter Wunsch galt mir, ihrem Sohne. Sie wünschte, daß ich in

Deutschland in der Familie eines Freundes ihres Vaters erzogen würde.

Mit mir wurde meine Pflegeschwester in die Fremde gebracht. Wie sie

in das Haus meines Vaters kam, weiß ich nicht. Das Gerücht sagte, sie

sei das Kind eines Großfürsten und einer Leibeigenen. -- Ich war der

Sklave meiner Pflegeschwester, ihr mit Leib und Seele verfallen, so

grausam sie mich mit ihren Launen auch quälte. Schon als Jüngling

dachte ich nur an die Zeit, da sie meine Frau werden würde. -- Durch

einen Gnadenakt des Kaisers kam ich wieder in den Besitz der Güter

meines Vaters, der inzwischen in der Verbannung gestorben war.

Meine Pflegeschwester wurde mein Weib. Vier Kinder entsprossen unserer

Verbindung -- alle vier sanken früh ins Grab, ich danke dem Himmel

dafür, -- und mein Weib -- --

Was weiß eine Frau davon, was der Mann leidet, der um Liebe fleht

und nur Kälte und Härte findet. Wie Kinder der mütterlichen Liebe

bedürfen, wie die Blumen die Sonne nicht entbehren können, so bedarf

der Mann zum Schaffen, was immer es auch sei, und wenn es sich nur

darum handelt, das Feld zu bestellen, des Weibes, das an ihn glaubt,

an seine Kraft, an seine Saat, an seine Ernte, des Weibes, das an ihn

glaubt mit allen Fasern ihrer Seele. Dieses Glauben an ihn macht ihn

zum Gott. Das ist's, was ihm Kräfte verleiht, von denen er früher

keine Ahnung hatte. Wo aber dieser Glaube in der Ehe fehlt, da sinkt

der Mann zum unfruchtbaren Philister herab, oder er sucht, wenn sein

Lebensdrang stark genug dazu ist, so lange in der Welt, bis er das

Weib findet, das an ihn glaubt.

Ich finde es nicht mehr.

Sie hatten recht, als Sie kürzlich das Verhältnis zwischen Mann

und Weib in der Ehe mit dem Verhältnis zwischen Regierung und Volk

verglichen.

Sie sagten: ›Weib und Mann sollen in der Ehe zusammenklingen wie

Glockentöne, die zusammen einen harmonischen Zweiklang geben.‹ Wo

die Menschenglocken dies aber nicht tun, da gibt es nur ein amtlich

attestiertes Zusammenleben, aber keine Ehe. Heutzutage gibt es leider

Gottes nur zu viel Ehen, deren Glockentöne nicht zusammen erklingen,

und andere, die überhaupt nicht tönen, -- die tot sind. Und wie es mit

den Ehen geht, so geht es auch mit dem Verhältnis zwischen unserer

Regierung und unserem Volke.

Aber das ist das größte Verbrechen, das ein Weib begehen kann,

schlimmer als Treulosigkeit und Verrat: dem Manne, der sie zum Weibe

gewählt hat, die Liebe nicht entgegenzubringen, deren er bedarf, und

die er begehrt. Sie entwürdigt seine Mannheit und wandelt seine Liebe

und Tugend in Haß und Verbrechen. Sie verkehrt Natur in Unnatur und

verdient nicht mehr den heiligen Namen Weib.

Wie diese Liebe sein muß? Still, warm, hingebend, gleichmäßig. Der

schaffende Mann will vor allen Dingen die Achtung vor seiner Arbeit,

das Verständnis für seine Mühen sehen, einerlei, ob er als einfacher

Knecht auf dem Felde ackert, oder als Künstler geistige Ewigkeitswerte

schafft.

Und wie es dem einzelnen Manne geht mit seinem Liebesbedürfnis, so

geht es dem ganzen schaffenden Volke.

Wehe der Regierung, die nicht die Achtung vor diesem Schaffen von

früh bis spät hat, sei es das Schaffen mit der schwieligen Faust, sei

es das Grübeln des Gelehrten oder das Jagen des Künstlers nach dem

göttlichen Prometheusfunken!

Wehe der Regierung, die nicht diese stille, warme, hingebende

gleichmäßige Liebe zu dem ganzen großen Volke hat; die duldet, daß

Tausende verbittern, darben und verkümmern. Aus dem Moder dieser

Tausende wächst furchtbare Saat.

Oh, es ist leicht, Liebe zu säen und Liebe lebendig zu erhalten; aber

es ist unsagbar schwer, erstorbene Liebe neu zu erwecken, oder in Haß

verwandelte Liebe in Liebe zurückzuverwandeln.

Wenn ein Weib einem Manne, der ihrer Liebe begehrt und von Natur

ein Recht auf diese Liebe hat, diese ihre Liebe versagt, so tut

sie dasselbe wie ein Wahnwitziger, der einen Damm mitten quer in

einen Fluß hineinbaut, anstatt schützende Dämme an seinen Ufern zu

errichten, und sich nun wundert, daß die sich aufstauenden Fluten

verheerend Wiesen und Acker, Dörfer und Städte überfluten. -- -- --

Eines Tages tat mein Weib das Letzte: sie verließ mich und lebte mit

einem Fürsten in der Großstadt.

Einsam, mit blutender Seele dämmerte ich auf meinen Gütern dahin. Der

Schulmeister im Dorfe war mein einziger Freund, mit ihm las ich die

Klassiker. Das war meine Erholung nach des Tages Last und Mühe. Mein

alter Freund war ein aufgeweckter Mensch, -- anders wie die Lehrer im

russischen Reiche zu sein pflegen.

Eines Tages wurde er vor den Popen zitiert; in der Schule hatte

er darüber gesprochen, wie grausig das Elend des Volkes sei, wie

die großen Herren es mit Branntwein betäubten, um es auszusaugen.

Einer seiner Schüler hat das im Hause erzählt, so kommt es auch dem

Polizeiobersten zu Ohren, der meldet es dem Popen und der Pope wirft

dem Lehrer Neigung zu nihilistischer Aufhetzerei vor.

-- -- Ich legte den Brief aus der Hand und dachte an vergangene Zeit,

als auch ich als Schüler sozialistischer Umtriebe verdächtigt wurde,

ja, mir war es einst ja in die Konduitenliste vermerkt: ich stände

mit den Arbeitern auf vertrautem Fuße. Und warum das? Weil ich einem

Arbeiter zu Hilfe kam, der von einem Hoteldiener mit einem Stock zu

Boden geschlagen war. Und an den Judas Ischariot in unserem Kreise

dachte ich. -- Ja, ja, wie so etwas tat, hatte ich jung schon am

eigenen Leibe verspürt. -- Ich las weiter:

Nur wenige Tage später stand der Lehrer wieder vor dem Popen.

Der Totengräber, der gern Küster geworden wäre, hatte ihn wegen

Gotteslästerung verklagt: der Lehrer habe in der Schule behauptet,

man könne nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel stände.

›Das wolle er ihm eintränken!‹ hatte der Pope gerufen, und er

tat's, tat's so gründlich mit Inquisitionen und Visitationen und

brutalen Beschimpfungen angesichts der Kinder, daß er meinen

armen, einzigen Freund in den Tod jagte. -- Die Pulsadern hat er

sich durchgeschnitten! Als man mich zu ihm ruft, liegt er röchelnd

auf seinem armseligen Bette, -- händeringend steht seine alte

Lebensgefährtin neben mir. Er versucht noch zu sprechen. Ich verstehe

nur einen Satz: ›Wilde Tiere haben mich zu Tode gehetzt!‹ -- und sein

Auge bricht.

Ich suchte die Ehre meines Freundes zu retten. Da fragte man mich, ob

ich Lust habe, mit Sibirien Bekanntschaft zu machen.

Die Revolution feierte ihre Orgien. Das Volk, dem man mit Hilfe des

Branntweinmonopols den Schnaps auf allen Gassen feilbot -- denn

der Staat brauchte Geld, viel Geld -- war wild und toll in seinem

Freiheitsdrang, die Jugend entartet und verwildert, je jünger der

Nachwuchs, desto sinnloser.

Nur ein holdes Kind, ein Mädchen von seltener, überirdischer

Schönheit, einer Lilie gleich, die in einem Sumpfe erblüht ist, die

Tochter des Krugwirtes im Dorfe, war mir treu geblieben. Bei ihr

saß ich oft und streichelte ihre fieberheiße Hand. Ihre Tage waren

gezählt, da sie an der nämlichen Krankheit litt, an der ihr Vater kurz

vorher hingesiecht war.

Eines Tages überfielen meine Bauern und Tagelöhner, aufgestachelt von

ruchlosen Buben, mein Haus, zerstörten mein Hab und Gut und legten

mein Heim in Asche.

Ich entkam in den Wald und kehrte, wie so viele meiner

Leidensgenossen, meinem Vaterlande den Rücken.

Ich hatte gehofft, in der Ferne Frieden zu finden.

Aber je mehr ich über die Verrottung unserer Zustände nachdenke, die

Allmacht des Beamtentums, die Dummheit und Korruption desselben,

die Roheit, die fade Genußsucht, den Stumpfsinn in unserem Volke,

die Früchte eines tyrannischen, kurzsichtigen Regimentes, und dann

wiederum sehe, welche Fülle von Kraft und Liebe, von Freiheit und

Einsicht Ihr ganzes deutsches Volk vom Fürsten bis zum Arbeiter

durchdringt; als ich dann von Ihrem häuslichen Glücke hörte, da

erkannte ich, wie in diesem Familienleben, das wir in Rußland kaum

noch kennen, die Wurzeln der Kraft für ein ganzes Volkstum verborgen

sind, wie recht Sie haben, daß die Ehe kennzeichnend sei für das

Verhältnis zwischen Fürsten und Volk, wie recht unser Badenser hat,

wenn er auf Fichtes Wort hinweist, daß unser Leben abhängig ist vom

Leben unseres Volkes, daß wir nur in unserem Volke und durch unser

Volk leben.

Das sogenannte heilige russische Reich aber ist ein Abgrund, aus

dessen Tiefe giftige Dünste steigen, -- Tod und Verderben!

Auch ich habe jene Dünste eingeatmet, -- mein Leben ist vergiftet,

meine Kraft gebrochen, -- ich kann nichts mehr von der Zukunft hoffen,

-- ohne Hoffnung ist das Leben unerträglich, -- Gott verzeihe mir

meine Sünden.

Mein letzter Wunsch ist, daß diejenigen, die mir in den letzten Tagen

meines Lebens in freundlicher Weise begegneten, über die Beweggründe,

die mich den Tod suchen lassen, aufgeklärt sind.

Leben Sie wohl! Mögen die Hoffnungen unserer kleinen Gesellschaft in

Erfüllung gehen. Mögen Sie die Sonne finden auf Ihrer Reise, die Sie

Ihrem Volke mitbringen wollen!

Leben Sie wohl, und seien Sie stolz auf das Vaterland, dessen Sohn Sie

sind, und für das Sie kämpfen dürfen!

Dieser Brief soll Ihnen erst gegen Abend gegeben werden. Wenn Sie

ihn gelesen haben, schlummert mein Körper schon seit Stunden in den

Wellenarmen des Ozeans.

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 12 / 39 题