Auch das mit dem Gewissen genügt also nicht. --

Halt, -- ich hab's: Sünde ist alles das an Gedanken, Worten oder

Werken, wodurch wir selbst oder andere krank oder unglücklich werden

oder gar sterben.

* * * * *

Mir ist so angst, seitdem mir seit gestern das Wesen der Sünde, wie es

schon in der Macht des Gedankens beruhen kann, klar geworden ist. Der

einzige Mensch, den ich je in meinem Leben wirklich gehaßt habe, aus

ganzer tiefster Seele gehaßt habe, weil er gar so verlogen und falsch

ist, die Jugend zum Trinken verführt und mit seiner Gehässigkeit so

viel Unglück stiftet unter den Menschen, saß mir im Gericht gegenüber,

wohin ich ihn zitiert. Und wie ich ihm gegenüber saß, hatte ich nur den

einen Gedanken, ihm im Zweikampf mit einer Hand, die, wenn sie will,

nicht fehlt, eine Kugel in die Stirn zu jagen, damit er nicht weiter

Haß und Unheil unter den Menschen säen kann. -- Und grauenhaft! Seit

dem Tage fast trägt der Mensch an seiner Stirn ein Kainszeichen, just

an der Stelle, an der meine Gedanken sich wie eine Kugel einbohrten, um

ihn zu töten. Und die Stelle heilt nicht, -- will nicht heilen, kann

nicht heilen. --

Die Okkultisten nennen das »schwarze Magie«. Aber das ist ja Unsinn.

Ich glaub' nicht daran.

Ich weiß als Arzt, woher die Stelle stammt und kann doch nicht ruhig

werden.

Herrgott im Himmel, -- gib, daß seine Stelle heilt! Hilf mir, wenn es

nicht anders sein kann, meinen Haß besiegen, damit sie heilen kann! --

* * * * *

Es ist entsetzlich in diesen ganzen Monaten. Ich habe sie nicht

gehaßt! Bei Gott im Himmel, ich habe sie nicht gehaßt, und sie

sterben reihenweise; der eine an Zuckerkrankheit, der andere an

Arterienverkalkung, der dritte und vierte an Herz- und Leberverfettung

und ich weiß nicht was alles. Ich weiß aber, sie haben sich gebrüstet

damit, wieviel sie vertragen könnten und haben auf uns Wassersimpel

geschimpft, haben uns verleumdet und schlecht gemacht. Wir haben

versucht, sie aufzuklären, ich habe es wahrhaftig an Mühe nicht fehlen

lassen, und nun sterben sie weg, diese armen Kerle, wie die Fliegen.

Sie sagten, wir wären ihre Gegner und ruinierten ihr Gewerbe. Mein

Gott, aber sie ruinierten die Menschen, und mehr als ein Dutzend

kräftiger, junger Männer könnte ich an den Fingern herzählen, die

gesund und arbeitsfroh in unsere Gegend kamen, und die sie an ihren

Stammtischen festgehalten haben, und die nun schon längst auf dem

Kirchhofe liegen. Ich habe sie nicht gehaßt, wahrhaftig, ich weiß

es, ich habe sie nicht gehaßt. -- Warum, mein Gott, hast du sie denn

sterben lassen und sie nicht aufgeklärt, daß sie gesund blieben?

Vielleicht hätten sie doch Einsicht bekommen und hätten alles anders

gemacht. Mein Gott, es ist zu entsetzlich!

* * * * *

Das erschwert uns den Kampf aufs äußerste, daß dieser Mann, dessen

Beispiel als Tat so unsagbar segenbringend für unser ganzes Volk,

für unsere ganze Nation wirken könnte, beständig hin und her gezogen

wird durch die Einflüsse seiner Umgebung. Da sind auf der einen Seite

diese vielen vortrefflichen, klugen Männer, mit allen Waffen der

modernen Wissenschaft und Technik ausgerüstet. Und ist er durch diese

aufgeklärt, so hält er vortreffliche Reden in unserem Sinne, begeistert

und begeisternd. Und alsbald kommt die Gegenpartei; Leute, die große

Brennereien haben auf ihren Rittergütern und die für den Absatz ihres

Branntweins fürchten, hohe Herren, deren Verwandte Brauereidirektoren

sind, und tuscheln ihm ins Ohr, der deutsche Trunk müßte hochgehalten

werden, die Alkoholgegner wären schlappe Kerle und Guttempler vollends

mit ihren internationalen Gefühlen verdächtig. Das »international«

erinnert womöglich ein wenig an die »internationale« Sozialdemokratie.

Und alsbald wird an einer passenden oder unpassenden Stelle wieder ein

freundliches Wort über das deutsche Trinken gesagt, und der Alkohol

müßte hochgehalten werden, und der Wein soll leben, und begeistert wird

von der ganzen Alkoholpresse und Alkoholindustrie das Wort aufgenommen

und in tausendfachem Echo in der deutschen Tagespresse breitgetreten.

Und dann wird wieder drauflos gesoffen, und wir Guttempler haben wieder

die Rettungsarbeiten in erhöhtem Maßstabe. So kommen wir nimmer und

nimmer vorwärts!

* * * * *

Heut morgen war die junge Heidbäuerin bei mir. Ich solle ihr helfen,

ihren Mann wieder auf den richtigen Weg bringen. Die braune Lisbeth

mache ihn ihr abspenstig.

Ich kenne die Bäuerin von klein auf. Das hübscheste Weib ist es in

ihrem Dorfe, und er ein kreuzbraver Kerl, und gut und tüchtig.

Ich lege ihr die Hände auf die Schultern, schau ihr ins Gesicht und

frage: »Sag, Margreth, hast ihm schon fix zugeredet?« -- »Und ob, --

ich passe ihm auf Schritt und Tritt auf, und kommt er mir einmal später

nach Hause, lese ich ihm tüchtig den Text.«

»So ist's recht, Heidbäuerin, dann wirst ihn bald los sein und der

anderen ins Garn jagen!« --

Oh, über euch törichten Weiber!

Ihr wollt, daß euere Männer euch lieb haben und euch treu seien, und

das einzige Zaubermittel, das unfehlbar wirkt, das nichts kostet und

euch nur Glück bringt, das wendet ihr nicht an!

»Deern, sei nicht so kreuzdumm, sondern leg' ihm Schlingen der Liebe um

seinen Hals und seinen Nacken, daß er dir nicht durchbrennen kann, --

sollst sehen, er ist zahm wie der Stier, der dem Hütejungen am dünnen

Strick folgt.«

Sie sieht mich ungläubig an. Als sie aber mein ernstes Gesicht sieht,

begreift sie. Dankbar schüttelt sie mir unter Tränen lachend die Hand.

Da schiebe ich sie zur Tür hinaus.

* * * * *

Der dicke Brauereidirektor aus der Stadt war bei mir wegen seines

Fettherzens und seiner Leber wegen, ein humaner, guter Mensch. Tausende

hat er mir gegeben für meinen Bauverein und 300 Mark für meine

Bestrebungen, die Elbe reinzuhalten, und manches Zwanzigmarkstück

für unsere Rettungsarbeit an Trunksüchtigen. Ist nun sein Gewerbe

ein sittliches oder unsittliches? Ich muß an den Brauer Jacobsen

in Kopenhagen denken, der seiner Vaterstadt die wunderbarsten

Kunstschätze und herrlichen Museen geschenkt und sie damit zu einer der

kunstreichsten und schönsten Städte der Erde gemacht hat.

Aber ich muß auch an unseren guten Br. Wobsen denken in Flensburg,

der vor fast einem Menschenalter in Dänemark den Vortrag eines

schwedischen Guttemplers hörte und dadurch aufwachte und erkannte,

welch furchtbares Unheil er mit seinem Schnapshandel über seine

Mitmenschen und Mitbürger die langen Jahre gebracht hatte. Als er

nach Hause kam, nahm er seine Flaschen und Demijohns mit den giftigen

Getränken und schüttete sie in den Handstein in seiner Küche, eine nach

der anderen, -- und wurde Guttempler! Er rettete durch seine Tat der

Erkenntnis und der Liebe Hunderten und Tausenden Leben und Gesundheit,

wie er früher Leben und Gesundheit von vielen, ohne es zu wissen und

zu wollen, vernichtet hatte. Das ist der Markstein, ich möchte sagen

die mathematische Lösung, die die Erkenntnis uns gibt: Nicht der

Beruf, nicht das Geschäft, alle diese giftigen Getränke herzustellen

und zu vertreiben, an sich ist unsittlich. Aber sie werden unsittlich

und werden zum Verbrechen, sobald diejenigen, die diese Getränke

herstellen und vertreiben, Wissende geworden sind, sobald sie diese

Getränke herstellen und vertreiben, trotzdem sie wissen, daß sie mit

den Groschen und den Milliarden Mark, die sie daran verdienen, ihre

Mitmenschen auf den Weg des Verbrechens und auf den Kirchhof bringen

und ihr Vaterland in Not und Gefahr. Sobald sie dies wissen und erkannt

haben, handeln sie nicht viel besser als der Straßenräuber, der sein

Opfer mit der einen Hand an der Gurgel packt und ihm mit der anderen

das Messer in die Brust stößt, um ihm sein Geld abzunehmen. Ob er ihn

langsam hinwürgt oder schnell, das bleibt sich für seine Gesinnung und

für das Endresultat gleich. Nicht die Verschiedenheit der Anschauungen

macht es, -- auf die Gesinnung kommt es an. Und weil sie instinktiv

fühlen, daß diese eigene Erkenntnis des furchtbaren Unheils, das

von diesen Trinksitten ausgeht, ihnen selbst ihr Urteil spricht, so

fürchten und hassen sie diese Erkenntnis, und alle, die sie ihnen

bringen. Und belügen sich und andere, um sich und ihr Gewissen zu

betäuben! -- Das ist der Kernpunkt unseres Kampfes!

* * * * *

Und wenn er nicht zu uns kommen will, weil er nicht ganz von seinem

Glase lassen will, so mag er doch die Kelle in die Hand nehmen und zu

den anderen gehen, wie sein Vater und Großvater getan haben. Dort wird

er manches lernen und erfahren, was ihm seine Höflinge doch niemals

sagen. Und wir Menschen können nie genug lernen. Besonders, wenn wir an

einer solchen Stelle stehen, wie er!

* * * * *

Ich fühle es, wie sie hetzen und schüren, die Gegner. Und da sie mir

sonst nichts anhaben können, versuchen sie es mit Lügengespinsten und

Verleumdungen.

Als mir ihre Stammtischausgeburten zu toll wurden, habe ich das ganze

Nest wieder einmal dem Staatsanwalt überantwortet. Der hat wacker

zugegriffen und sie als Verleumder festgenagelt und ihnen den Kopf

gewaschen, daß es dampfte.

Da sind sie zu Kreuz gekrochen, haben Abbitte getan und zugegeben, es

sei »nur ein Bierwitz« gewesen. Nicht meinetwegen hab' ich es getan,

-- aber von meinem Wirken sollen sie mir ihre unsauberen Hände lassen,

damit ich ungestört weiter schaffen kann für meine Armen und mein Volk!

Wie aber, wenn solch ein »Bierwitz« einen trifft, der dieses schmutzige

Gift nicht so, wie ich es getan habe, von sich abstreifen kann, als ob

er mit seinen Stiefeln in etwas getreten hat? Da kann's auch mal ein

Unglück geben, an das die Herren Stammtischphilosophen nicht gedacht

haben.

* * * * *

Unsere Knicks, die die Felder so lieblich umsäumten, die Hecken, in

denen die Vögel im Frühling nisteten und im Winter Schutz suchten,

zerstören sie, um Bauland zu gewinnen oder den Streifen ihrem Acker

zuzuschlagen. Unseren Wald holzen sie ab, und die Heide, meine geliebte

Heide, pflügen sie um. Aus allem wollen sie Geld machen. Ja, --

freilich! Unser Volk wächst und braucht Land und Brot. O mein Gott, daß

ich doch reich wäre und möglichst viel von dem Land aufkaufen könnte,

damit es uns wenigstens hülfe Häuser darauf zu bauen für meine Armen.

Ich fürchte aber, das meiste wird der Spekulation anheimfallen, bis

es schier unerschwinglich teuer wird. Und dann? -- Aber einen Teil

wenigstens muß ich für meine Arbeiter retten, und wenn die Gemeinden

mir auch noch so viele Schwierigkeiten machen! --

* * * * *

Nun kann ich nicht mehr. Eine seltsame Sehnsucht nach Ruhe erfaßt mich.

Heute morgen kommt der junge Heidbauer in meine Sprechstunde, fällt mir

wie ein Kind, -- der große starke Mann, -- um den Hals und schluchzt:

»Doktor, ich hab' sie geschlagen! Sie, die ich so über alle Maßen lieb

gehabt, lieber als mein Leben, die hab ich geschlagen, -- mit dieser

meiner Hand.«

Und dabei sieht er seine Hand an, als ob sie Blutflecken hätte.

Tribuliert hat sie ihn, gequält mit Eifersüchteleien, -- da hat's ihn

übermannt. Erst hat er sie gewarnt: tu's nicht, -- angefleht hat er

sie, -- aber sie hat weiter tribuliert. Dann ist's geschehen.

Und nun könnt' er sie nicht mehr lieb haben, weil sie ihn so weit

gebracht, daß er sich vor sich selber schämen müßte.

Ich red' ihm Mut und Trost ein, an den ich selbst nicht glaube. Dann

fahre ich auf Praxis.

* * * * *

Wie ich durch Nienhusen komme, werde ich angehalten: »Doktor, um

Himmels willen, schnell! Ein Gräßliches ist geschehen! In unserem Dorf!«

Ich denke zunächst an den Heidbauern.

Gott sei Dank, -- der ist's nicht. Aber der Hansen ist's.

Wie ich in den Buschwinkel komme, da steht Hinrich Hansen sein

rothaariger Bub in der Gartenpforte, den Kopf auf den Arm gebeugt,

und weint in sich hinein, daß es einen Kiesel erweichen könnte. Ich

streiche ihm über den struppigen Kopf und trete über den Flur ins

Zimmer.

Barmherziger Gott, liegt die Frau ausgestreckt auf dem Boden, -- tot,

-- der Kopf in einer großen Blutlache.

Ich gehe nebenan hin, wo unter dem nämlichen Dache der Bruder, der

Jakob, wohnt. Sitzt die Frau in der Küche am Kaffeetisch, die Kinder um

sie herum. Alle wie versteinert. Die abgebissenen Butterbröte und die

halbgeleerten Kaffeetassen verlassen und kalt auf dem Tisch.

Um Gottes willen, was ist denn passiert? Tränenlos, mit müder Hand

zeigt die Frau durchs Küchenfenster auf den Hof.

Ich trete hinaus, und Grausen packt mich. Blut und Gehirnfetzen rings

auf dem Erdboden. Und mitten drin liegt der Jakob, tot, starr, der Kopf

von der Küchenschürze der Frau bedeckt. Neben ihm sein Gewehr.

Ich lüfte die Schürze. Schuß in den Mund. Der Schädel

auseinandergesprengt. --

Wie ich wieder vor der Frau stehe und ihr stumm die Hand reiche, löst

sich der Krampf. Unter Schluchzen stürzt es heraus: »O, er war so gut.

Trank nicht. Spielte nicht. Aber das Wildern konnt' er nicht lassen.

Vorige Woche hat er einen Fasan geschossen. Da hat der Flurschütz ihn

angezeigt.

Und nun ging's los. Ging er über's Feld, hänselten ihn die Arbeiter

schon von weitem, legten die Spaten an die Backe und taten, als ob sie

schössen.

Vom Stammtisch schickten sie ihm eine namenlose Karte, er solle sich

den Fasan nur gut schmecken lassen.

Die Schwägerin hat ihn auch geneckt und gehänselt. Er hat sich's

verbeten, ein-, zwei-, dreimal -- sie konnt's nicht lassen.

Morgen sollte er vor's Gericht. Das konnte er nicht überleben.

Drei Glas Grog hat er auf dem Heimweg hinuntergestürzt. Ganz gegen

seine Gewohnheit. Den Gram und den Groll hatte er hinunterspülen wollen.

Und wie er beim Kaffee sitzt mit den Seinen, geht die Schwägerin über

den Hof am Küchenfenster vorbei und macht ihm eine Grimasse zu.

Da ist sein Maß voll gewesen. Die Verbitterung und der aufgespeicherte

Groll haben ein Opfer verlangt. Das hat er mit hinübernehmen wollen in

das Nichts.

Denn der Haß ist der Tod. Nur die Liebe bedeutet Leben.

Plötzlich ist er aufgestanden vom Tisch. -- Gleich darauf zwei Schüsse.

Und nun haben zwei Kinder keine Mutter und sechs keinen Vater mehr. Und

alles um einen Fasan.«

Herr Gott, Vater, nimm mich zu dir. Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel

für einen Tag. Erst der Heidbauer und nun dieses.

Zwanzig Jahre habe ich Liebe zu säen versucht, und überall geht der Haß

hoch, und überwuchert die Liebe. Denn wo sie Haß säen, geht er auf, wie

Distelsamen auf Weizenland, daß der Weizen schier erstickt wird.

Was nützt da noch ein Leben in Liebe? Ich kann nicht mehr. Und hab' in

meinem eigenen Herzen mit meinem eigenen Haß zu kämpfen! -- --

Und den Gott der Liebe wollen sie auch noch abschaffen? Wie mag es dann

erst werden! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

* * * * *

Als ich am Morgen erwachte, hielt ich meine Tageblätter noch in den

Händen. Der Himmel hatte sich etwas aufgehellt. Von Englands Küste

war kaum etwas zu sehen. Dort im Nebel mußte Dungeneß liegen, weiter

nach Süden Brighton, dort Hastings, dort der Leuchtturm von Quessant.

Plötzlich trat die englische Majorsfrau auf mich zu, die sich bis jetzt

nur selten an der Tafel gezeigt hatte.

Wir hatten sie in Antwerpen mit an Bord genommen, da sie ihren

Gatten in Boulogne treffen wollte. In ihrem englischen Akzent, der

die amerikanische Herkunft verriet, fragte sie mich: »Nun, Doktor,

Sie schauen ja mit so bitterbösem Blick nach England hinüber, als

suchten Sie dort jemanden, den Sie erdrosseln möchten.« »Ich denke,«

erwiderte ich ihr, »mit banger Sorge an das, was der Minotaurus von

England wieder Schlimmes für England und für die Welt spinnt.« -- »Der

Minotaurus von England,« fragte sie, gespannt aufhorchend? »Erinnern

Sie sich nicht, Mrs. Elson, an die Artikelreihe aus der Pall Mall

Gazette, in der dieses Blatt vor rund zwanzig Jahren von einem Moloch,

dann wieder von einem Minotaurus berichtete, von einem Ungeheuer,

dem alljährlich Hunderte unschuldiger Kinder Englands geopfert

wurden? Haben Sie nie von diesem gekrönten Ungeheuer gehört?« »Nein,«

erwiderte sie, »die Geschichte ist mir entfallen. Richtig, sie war in

der Presse erschienen, als mein Gatte und ich in Afrika in unseren

englischen Kolonien waren und viele Monate fern von aller Kultur in

der Wildnis lebten. Ich weiß, wen Sie meinen. Und ich will Ihnen eine

kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die Ihre Kenntnis dieser

Persönlichkeit bereichern wird.

Mein Gatte und ich waren damals verlobt. Ich besuchte ihn in Aldershot,

wo er damals als Leutnant stand, um mit ihm noch einige Dinge für

unsere nahe bevorstehende Hochzeit zu besprechen. Wir saßen an einem

Tischchen in einem der ersten Hotels der Stadt, um unser Frühstück

einzunehmen. An einem zweiten Tischchen in unserer Nachbarschaft saß

ein General. Ich fühlte instinktiv, auch wenn ich nicht zu ihm hinsah,

wie derselbe mich fast unausgesetzt fixierte. Mein Verlobter mußte

bald nach unserer kurzen Mahlzeit in den Dienst. Mein Zug, der mich

nach London zurückführen sollte, fuhr früh abends, ehe mein Verlobter

den Dienst beendet hatte, so daß ich in dem nämlichen Hotel vor meiner

Abfahrt noch zu Mittag speiste. Kaum hatte ich mich an meinem Platze

niedergelassen, als ich an dem Nachbartischchen wieder jenen General

erblickte, der mich genau in derselben unverschämten Weise fixierte,

wie am Vormittage. Ich beendete, unangenehm berührt, hastig mein Mahl,

zahlte und fuhr nach Hause. Am andern Morgen meldete mir mein Diener

einen Herrn. Ich fragte nach seinem Namen. Der Diener antwortete,

der Herr hätte seinen Namen nicht nennen wollen. Ich nahm an, daß es

sich um irgend eine Überraschung oder einen Scherz meines Verlobten

handle und ließ den Herrn bitten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als

mit der verlegensten Miene von der Welt und mit tiefsten Bücklingen

der Wirt des Hotels in Aldershot bei mir eintrat. Ich unterbrach

seine endlosen Entschuldigungen, daß er es wage, sich bei mir melden

zu lassen, mit der Frage, was er von mir wünsche. Mit dem Zeichen

der höchsten Verlegenheit fragte er mich, ob ich mich entsinne, daß

an einem Nebentischchen im Hotel ein älterer Herr gesessen, der sich

sichtlich für mich interessiert habe. Ich nickte bejahend. »Was

ist's?« -- Er erwiderte: »Der Herr war General E.« -- »Ich habe ihn

erkannt; was wünscht der Herr von mir?« Der Wirt, sich sichtlich vor

Verlegenheit krümmend: »Der Herr General läßt das gnädige Fräulein

fragen, ob dem gnädigen Fräulein daran läge, Seiner Königlichen Hoheit,

dem Prinzen von Wales, vorgestellt zu werden.« Ich fühlte, wie mir

alles Blut zum Herzen schoß, als ob ich einer Ohnmacht nahe wäre,

und wie gleich darauf mir eine flammende Röte ins Gesicht stieg. Nur

einen kurzen Augenblick besann ich mich auf meine Antwort, -- dann

erklärte ich dem verlegen auf Antwort Harrenden mit so eisiger Stimme,

daß ich mein eigenes Organ kaum wiedererkannte: »Sagen Sie General

E., ich wäre die Braut des Herrn Leutnant R. bei den 4. Dragonern. In

vierzehn Tagen wäre unsere Hochzeit. Nach meiner Hochzeit würde es mir

eine Ehre sein, mit meinem Gatten zusammen Seiner Königlichen Hoheit

vorgestellt zu werden.« Wie der Wirt aus dem Zimmer gekommen ist, weiß

ich nicht mehr, -- ich hatte nur ein Gefühl von grenzenlosem Ekel, von

unsagbarer Scham, wie nach einer tödlichen Beleidigung. War doch in der

Gesellschaft genugsam bekannt, was eine derartige Einladung bedeutete.

-- Mir, der Tochter der großen Republik, der Braut eines königlichen

Offiziers, eine solche Schmach! -- Aber ich war schön und jung, von

tadellosem Wuchs, und so schien ich dem General geeignete frische Ware

für seinen königlichen Herrn. Wenige Tage nach unserer Hochzeit erhielt

mein Gatte seine Versetzung in die afrikanischen Kolonien, wohin ich

ihm selbstverständlich folgte. »Wissen Sie,« fuhr sie fort, »es mag

Mörder und Verbrecher in England und auf dem Kontinent geben, -- dieser

Minotaurus der Pall Mall Gazette ist der größte unter ihnen, der

blutgierigste, der habgierigste, der skrupelloseste. Erinnern Sie sich

an die Entstehungsgeschichte des Burenkrieges, den Jamesoneinfall in

Transvaal und die Gerichtskomödie mit der Bestrafung seiner Urheber?«

Ich nickte. Sie fuhr fort: »Ich kannte sie alle, diese Herren, den

Jameson, Cecil Rodes sowohl, wie Beit.

Die Depesche Ihres Kaisers war ein Zeugnis für das reine, gesunde und

starke Empfinden dieses großen Mannes, daß es sich um einen gemeinen

Schurkenstreich, um einen frechen, räuberischen Überfall auf ein

scheinbar wehrloses Volk handelte. Aber hinter diesem Jameson standen

Chamberlain, Cecil Rodes und Beit, von dessen Hotel geheime Gänge

zu den Gemächern im Palaste ihres Freundes führten, des Minotaurus

der Pall Mall Gazette. Und lediglich die gemeinste Habsucht war die

Triebfeder ihres verbrecherischen Vorgehens. Der gewinnbringende Handel

nach Afrika mit Branntwein, an dem alle diese Herren beteiligt waren,

war bedroht durch die antialkoholische Politik der Burenrepubliken;

die Goldgruben und die Diamantenfelder in Transvaal lockten diese

Mörderbande; die Waffen und Pulverfabriken, deren Mitinhaber sie waren,

mußten bei einem Kriege enorme Gewinne abwerfen. So wurde mit Hilfe

des käuflichen Teiles der englischen Presse der englischen Nation

und der übrigen Kulturwelt das Märchen aufgebunden, der Krieg gegen

die Burenrepubliken sei eine Ehrensache für England. Es sei eine

Kulturaufgabe für die englische Nation, aufzuräumen mit dem verkommenen

Volke dieser Freistaaten. Es ist die alte Geschichte: Wenn der großen

Masse das Verlogenste, Widersinnigste nur immer wieder aufgetischt

wird, vergißt sie, was ursprünglich wahr war, und glaubt das, was sie

glauben soll. Ich habe durch unseren jahrelangen Aufenthalt in Afrika

die Buren gründlich kennen gelernt, und ich kann Ihnen sagen, es waren,

natürlich von Ausnahmen abgesehen, die fleißigsten, intelligentesten

Leute, die ich je gesehen. Sie wären eine Quelle von unschätzbarem

Werte zur Regeneration unserer Kulturwelt gewesen. Sie wissen, wie

der Krieg verlief. Ein reiches, glückliches, lebensfrohes Volk wurde

vernichtet unter unsäglichen Martern, Englands Waffen befleckten sich

mit Schimpf und Schande, bis endlich die Scharte einigermaßen wieder

ausgewetzt wurde, bis endlich der schwächere Gegner nach jahrelangem

Ringen von dem um das Vielfache stärkeren erwürgt wurde. Aber um

welchen Preis! -- Wieviel gutes englisches Blut ist geflossen, wieviel

Elend über englische Familien gekommen, wieviel Glück zerstört! Ich

schweige von meinem eigenen angesichts des endlosen Jammers im ganzen

Königreiche. -- Und warum? Lediglich der gewissenlosen Habsucht dieses

Minotaurus und seiner verbrecherischen Freunde willen. Begreifen Sie,

daß ich diesen Menschen, der kein Mensch ist, hasse, hasse, wie man

die Sünde haßt? Mir ist es, als ob alles Böse, alle Verlogenheit, alle

Grausamkeit der Welt von ihm ausginge. Denken Sie an den Krieg zwischen

Rußland und Japan! Wer hat ihn geschürt? Der Minotaurus! Und nun

sehen Sie, wie er und seine Henkersknechte die Welt durch die Presse

beherrschen.

Haben Sie seinerzeit den Umschwung der öffentlichen Meinung beachtet,

als endlich unter Lord Roberts und Kitcheners Führung das Kriegsglück

sich zugunsten Englands wandte? Wie plötzlich der ganze Haß gegen

England verstummte? Wie plötzlich die Kulturtat Englands in allen

Tonarten gepriesen wurde?

Aber so wahr ein Gott lebt,« und hier hob sich ihre Stimme, daß sie

bei dem herrschenden Sturm und der Brandung des Meeres fast etwas

Dämonisches bekam, »so wahr es eine Gerechtigkeit im Leben des

einzelnen und der Völker gibt, es wird und muß der Tag kommen, wo

dieser Minotaurus entlarvt sein wird, wo er zusammenbrechen wird unter

der Wucht seiner Verbrechen, verfolgt von den Geistern seiner zahllosen

Opfer, die er gemordet hat, und wo endlich Frieden auf Erden sein

wird!«

Das war nicht mehr das in ihrer Frauenehre beleidigte, haßerfüllte,

rachedürstende Weib: wie eine Prophetin stand sie da, -- ihr

rotgoldenes Haar, vom Winde zerzaust, leuchtete durch den Gischt, der

uns entgegensprühte, wie strahlende Abendsonne, die in der Heimat im

Herbstnebel untergeht.

In mir aber war etwas, das mir Mut und Ruhe verlieh: der Glaube an

meinen Kaiser. --

Wie eine Lichtgestalt sah ich ihn durch das Dunkel der Nacht in die

Zukunft unseres Volkes schreiten. --

In diesem Augenblick kam ein Steward und bat mich, zu dem jungen

Elsässer zu kommen, der sich sehr elend fühle. Er saß vor seiner

Kabinentür zwischen seinem wohlverschnürten Handgepäck und seinen

fertig gepackten Koffern. »Wollen Sie an Land gehen?« fragte ich ihn

lachend, wohl wissend, daß sein Billett nach Brasilien lautete. »Ich

will wieder nach Hause,« stöhnte er, »ich kann nicht mehr. Sagen

Sie dem Kapitän, Doktor, daß er den nächsten Hafen anlaufen solle,

koste es, was es koste, ich muß an Land.« -- »Aber Ihr Billett?«

-- »Ist mir einerlei! -- Ich will an Land, ich will wieder nach

Hause.« Ich versuchte, ihm Mut einzureden. Ich erinnerte ihn an seine

kühnfliegenden Pläne, mit denen er prahlte, als er in Antwerpen aufs

Schiff gekommen war. Ich malte ihm aus, wie seine Landsleute ihn

verspotten würden, wenn er so bald und unverrichteterweise wieder

heimkehren würde, -- alles umsonst. Kalter Schweiß perlte auf seiner

Stirn, und mühsam stieß er die Worte heraus: »Durch die Biskaya bringen

Sie mich nicht lebendig durch, -- ich kann nicht mehr!« Er dauerte mich.

Bis zur seiner Abreise hatte er im Elternhause gelebt, unter der

Obhut des alternden Vaters und der schwächlichen Mutter, verzogen als

einziger Bruder von drei Schwestern, -- so hatte er niemals gelernt,

die Kraft im Kampfe ums Dasein zu erproben und zu stählen.

Sind doch die kleinen und großen Widerwärtigkeiten des Lebens,

auf welche die allermeisten Menschen schimpfen und schelten, die

notwendigen Heilmittel der Natur und des Lebens, um unsere Seelenkräfte

zu stärken, unseren Willen zu kräftigen, um unser ganzes geistiges und

damit auch unser körperliches Sein vor Erschlaffung zu behüten. Wehe

dem, dem diese Widerwärtigkeiten des Daseins in seiner Jugend allzusehr

erspart werden. Er bleibt ein Muscheltier ohne Schale, und ist den

Unbilden des Lebens in einer Weise ausgesetzt, wie der Hummer seinen

Feinden, wenn er im Frühling seinen Panzer abgeworfen hat.

Unwillkürlich mußte ich, während ich bei meinem Elsässer auf einem

seiner Koffer Platz genommen hatte, an eine Reihe junger und älterer

Leute denken, die bis ins reifere Alter im Elternhause geblieben und

dadurch in ihrer ganzen Entwicklung gehemmt, ja, geradezu geistig

verkümmert und krank geworden waren. Und plötzlich tauchte mein Garten

vor meinem Auge auf, und ich mußte daran denken, daß unter den Buchen

keine Buche, unter den Tannen keine Tanne, unter den Eichen keine Eiche

gedeihen könne.

Da ich sah, daß alles Zureden nutzlos sei, kalkulierte ich einfach:

stirbt er in der Biskaya vor Angst, mag er ebensogut nach seinem Willen

zu Hause sterben. Hoffentlich sorgt ein gütiges Geschick dafür, daß er

seine willensschwache Rasse nicht vererbt.

* * * * *

Da lag Boulogne auch schon vor uns. In sanftem Halbkreise lag die

freundliche Stadt mit ihrem Badestrand da, geschützt gegen die

anbrandende und hochaufschäumende See durch einen in großem Bogen

mehrere Kilometer in das Meer hinausgebauten Steindamm, hinter dessen

felsigen Böschungen haushoch das Meer seine Wellen in schneeweißem

Gischt emporpeitschte.

Kaum legte der Hafendampfer unserer Kompagnie längseits an unserem

Schiff an, so warf unser Elsässer auch schon sein Gepäck über die

Reeling in das Boot und sprang mit einem Satze nach, -- auf ein Haar

beide Beine brechend, -- begleitet von dem schallenden Hohngelächter

unserer Matrosen.

Statt seiner stieg ein fetter Herr mit gerötetem Gesicht an Bord, dem

man den Weinhändler aus Bordeaux auf den ersten Blick ansah, aber mit

mehr deutschem, als französischem Typus; ferner ein hagerer Franzose

mit Augen, die den fanatischen Politiker verrieten; nicht zu vergessen

eine allerliebste kleine Französin, mit großen dunkelbraunen Augen und

einem entzückend fein geschnittenen Mund, das fast schwarze Haar glatt

gescheitelt. Auf ihren Armen trug sie ein Kindchen, blondlockig, das

mich unwillkürlich an die Christuskinder von Rubens in der Antwerpener

Galerie erinnerte.

Als unsere neuen Passagiere an Bord waren, verließ unser treuer Lotse,

der uns so sicher durch den Kanal geleitet hatte, das Schiff. So führt

den Menschen, der in die Fremde zieht, durch Sturm und Klippen des

Lebens, die Erinnerung an die Heimat, dachte ich und wußte nicht, wie

bald die Erinnerung an die Heimat, an die Jugend, an alles, was ich

hinter mir gelassen, mein Lotse durch Sturmesnot mir werden sollte.

Unser kurzer Aufenthalt in Boulogne war beendet. Nun hinaus ins offene

Meer!

Wir Reisenden, die wir von Hamburg und Antwerpen schon an Bord waren,

hatten uns allmählich an den Sturm gewöhnt. Unsere Neuankömmlinge

hatten die Fahrt auch schon einige Male gemacht. So saßen wir trotz des

Unwetters ziemlich vollzählig bei der Mittagstafel.

»Ja, was ist denn das, meine Herren,« platzte der Weinhändler aus

Bordeaux heraus, »ich scheine hier ja auf ein nettes Schiff geraten zu

sein. Was muß ich sehen, der Kapitän trinkt nichts, der Doktor trinkt

nichts, -- lauter Selterswasser und Apollinaris, -- sind Sie denn alle

krank?« Ein schallendes Gelächter war die Antwort auf seine Frage.

Der dicke Ostpreuße brummte: »Bedanken Sie sich bei dem Doktor, der

verdirbt Ihnen das ganze Geschäft. Der hat die anderen alle angesteckt

mit der verdrehten Wassertrinkerei.« -- »Werde meinem Schwager in

Hamburg davon Mitteilung machen,« schnarrte der Weinhändler, »Mitglied

der Bürgerschaft. Wird dafür sorgen, daß künftig solche Leute auf

Hamburger Schiffen nicht mehr angestellt werden. Hat das größte

Rotweingeschäft in Hamburg, Herr, wird dem gerade passen, sich von

Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen das Geschäft verderben zu lassen.«

Die anderen Gäste der Tafel fochten statt meiner das Thema, über das

sie inzwischen genügend Kenntnisse, gesammelt hatten, in geschickter

Weise durch.

Ich versuchte der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben und lenkte

das Gespräch noch einmal auf die Kunstschätze Antwerpens, die wir

erst vor wenigen Tagen genossen hatten, und erwähnte beiläufig, wie

auffallend es doch sei, daß wir zurzeit und eigentlich seit langem

schon nicht einen Künstler gehabt hätten, der so wie Rubens einer

ganzen Zeitepoche den Stempel aufdrückte. »Mir will es immer wie ein

Zeichen des Niederganges erscheinen, wenn ein Künstler nicht wie der

gigantische Rubens oder Michelangelo aus sich selbst heraus aus seiner

Zeit heraustritt, sondern vielmehr den Künstlern von den regierenden

Fürsten, wie jetzt oft von unserem Kaiser, gewissermaßen die Richtung

vorgeschrieben wird, in der die Kunst ihrem Wunsche gemäß sich weiter

entwickeln soll.« -- »Kaiser, -- großartiger Mann,« schnarrte der

Weinhändler dazwischen, »kenne S. M.! Habe mit ihm in der Kieler Woche

an einer Tafel gespeist, -- kolossal gebildet, von allem unterrichtet,

-- steckt die ganzen Geheimräte in die Tasche! Sind die Herren mal

in Berlin gewesen? Hat Berlin überhaupt erst zu dem gemacht, was es

ist! Schönste Stadt der Welt!« »Kann ich nicht behaupten,« warf ich

dazwischen. »Eine Stadt, die solche Unsummen von Elend in sich birgt,

kann nie und nimmer eine schöne Stadt genannt werden. Wer gewohnt

ist, mit geistigem Auge zu sehen, sieht nicht nur die paar Statuen,

Paläste, Denkmäler, die breiten Parkstraßen und die glänzenden Läden,

sondern sieht in dem engen Häusergewirr die vielen, vielen Tausende von

Hungernden und Verkommenen.« »Na, Doktorchen,« sagte der Weinhändler,

»das ist wohl nur halb so schlimm, als Sie meinen.« -- »Lassen Sie

uns, meine Herren,« sagte ich, »nur eine Zahl nehmen, nur den einen

Umstand, daß diese schönste Stadt der Welt, wie unser neuer Freund aus

Bordeaux sie eben nannte, über 50000 Prostituierte in ihren Mauern

birgt. Können Sie ermessen, welche Unsummen von Menschenelend hinter

dieser Riesenschar von Unglücklichen lauert? Können Sie ermessen,

welche unglaubliche Flut von Unglück und Krankheit durch diese eine

Schar Unglücklicher über unser ganzes Volk gebracht wird? In wie viele

hunderttausend Familien durch den Verkehr mit diesen Unseligen die

entsetzlichsten Krankheiten getragen werden? Wie viele Hunderttausende

von Frauen mit den furchtbarsten Krankheiten durch ihre Männer

vergiftet werden, die diese sich im Verkehr mit jenen Verlorenen

zugezogen haben?« -- »Wir kennen schon Ihre trübselige Art,« grunzte

der Ostpreuße, »immer die Schattenseiten des Lebens zu sehen.« -- »Ich

sehe die Wahrheit«, entgegnete ich. »Diese Dinge waren immer so und

werden immer so bleiben«, behauptete der Ostpreuße gleichmütig. »Der

Doktor hat recht,« unterbrach ihn mein rheinländischer Kollege, »das

furchtbarste an der Sache ist nur, daß es in kaum einer deutschen Stadt

besser aussieht, als in Berlin, und daß die Pest dieser Krankheiten

unser ganzes deutsches Volk längst durchseucht hat. Wenn es so

weitergeht, werden wir in wenigen Generationen entartet sein, wie die

untergegangenen Völker des Altertums.« »Ach was,« rief der Ostpreuße

und schlug mit der Faust auf den Tisch, »so schlapp sind wir noch lange

nicht. Freilich, wenn die Wassertrinkerei so weiter zunimmt, -- wir

müssen nur ordentlich am deutschen Trunk festhalten! Steward, bringen

Sie mir noch eine Münchener!« -- »Mir noch eine Flasche Bordeaux«, rief

der Weinhändler.

Plötzlich wurden die beiden Vertreter des germanischen Trunkes

aschfahl, -- das Schiff stampfte wie ein Roß, das seinen Zügel

zerrissen hat, und legte sich bald auf die linke, bald auf die rechte

Seite. Schweigend standen sie auf und wanden sich mit tastender Hand

zur Kajüte hinaus aufs Deck.

Wir Zurückbleibenden schauten uns an, keiner sprach ein Wort. Aber auf

den Mienen aller lag es halb wie Verachtung und halb wie Mitleid. Mein

Herz aber war voll banger Sorge, weil ich diese Stimmen der Gemeinheit

und der Kurzsichtigkeit nur zu oft schon gehört hatte. Ich dankte

meinem Schöpfer, als ich erst wieder im nächtlichen Dunkel oben auf

Deck stand, umbraust vom Sturm, der uns den Gischt entgegenpeitschte.

Das Donnern der Wogen und das Kreischen der Möwen klang mir wie Musik

gegen das, was ich soeben wieder gehört hatte. Ich hatte das Gefühl,

als müßte ich mich, ehe ich zur Nachtruhe in meine kleine, weiße Kabine

ging, vom Sturm erst einmal ordentlich wieder reinigen lassen.

Und wie ich da oben stand, war es mir, als sähe ich wieder die

Hunderttausende blasser Schulkinder in Deutschland und die Tausende

junger Studenten mit bierstumpfen Gesichtern und die Millionen

deutscher Bier-, Wein- und Sektphilister, die Millionen deutscher

Schnapsbrüder, die Millionen von geschlechtskranken Männern, von eitlen

Strebern, von faulen Nichtsnutzen und albernen, hochmütigen Gecken! O,

könnte ich meinem Herzen Luft machen und den Mann treffen durch Sturm

und Schneeböen, der im Grunde doch maßgebend ist für die Erziehung

unseres Volkes, von dessen Beispiel der Geist ausgeht, der in die

Seelen der jungen Generationen gelegt wird.

Da fiel mir ein, was unser deutscher Philosoph Fechner, der Amerikaner

Trine und viele andere Philosophen schon, und mit Recht, behauptet

haben: daß die Wellenringe des Geistes ebensowenig der körperlichen

Leitung bedürfen, wie die Wellenringe des Äthers, die durch Schall,

Licht oder Elektrizität erzeugt werden. So setzte ich denn meine Hände

an den Mund und rief, um meinen Gedanken möglichsten Nachdruck zu

verleihen, in den Schneesturm hinaus:

Heda, Herr Kultusminister!

Jetzt hab' ich dich! -- --

Merkst du's,

Wie die schwingenden Wellen

Meines Geistes dich treffen? --

Gegen den Nordoststurm an,

Der mir die Schneeflocken übers Meer ins Gesicht peitscht,

Schießen sie zu dir hinüber

Übers Meer

Und treffen dich und packen dich, -- --

Du willst Minister sein

Über das Unterrichtswesen?

Ja, schläfst du denn,

Oder bist du tot?

Schau doch nach Amerika, nach Skandinavien und Finnland!

Schau doch, wie sie's dort machen! -- --

Du tust deine Pflicht nicht!

Du siehst nichts und hörst nichts!

Tausendmal schon habe ich dir zugerufen,

Daß unsere Kinder blaß und elend sind! --

Tausendmal habe ich dir schon zugerufen,

Daß du nur Lernmaschinen erziehst!

Keine Charaktere bildest,

Sondern Mollusken!

Aber keine Männer

Mit Knochen, mit Rückgrat! --

Weichlinge, die nachher

Den Verführungen im Leben nicht standhalten! --

Du bist schuld,

Denn du hast dafür zu sorgen,

Daß die Schule Charaktere bildet! -- --

Hörst du denn nichts?

Siehst du denn nichts?

Ein Viertel unserer männlichen Jugend

Ist erkrankt an ekelhaften Krankheiten!

Hunderttausend deutscher Mädchen werden zu Dirnen!

Durch deine Hand sind sie gegangen!

Du hast nicht acht gegeben! -- --

Herr Minister!

Du hast es geschehen lassen,

Daß die teuflischen Gifte

So viele krank und elend

Und zu Verbrechern gemacht haben! -- -- --

Ha, ich weiß, warum du schweigst!

Du selbst trinkst gern Sekt

Und Weißwein,

Aber nur mäßig!

-- Natürlich! -- --

Aber ich zerre dich,

Und die Wellen meines Geistes

Sollen dich einengen und klemmen,

Wie die brandende See!

Und die Wahrheit soll dich pressen,

Wie eiserne Klammern!

Du selbst trinkst gern Sekt und Weißwein!

Und darum lässest du's geschehen,

Daß die andern sich

In Bier und Branntwein berauschen! -- --

Ein Wort von dir,

Und der Kaiser würde

Mit dem Beispiel vorangehen,

Und der Reichstag würde dem Beispiel folgen,

Und die Brauer und Brenner

Würden dir fluchen,

Aber die Mütter dich segnen! -- --

Und warum lässest du

Die Kinder verderben?

Warum kannst du nicht einsehen,

Wo die Quellen des Übels,

Der Krankheiten,

Des Elends

Entspringen? -- --

Du verschleuderst deine Kraft

In Kleinigkeiten,

In Quengeleien und Disziplinarverfahren! --

Doch nun ergreife die Axt

Und leg' Hand

An die Wurzel des Übels,

Wenn du Herr sein willst

Über das Unterrichtswesen eines ganzen Volkes! -- --

Nun wohl, die Quelle alles

Übels und Unheils

Ist Unterdrückung der Freiheit,

Die Mollusken erzieht

Statt Männer! -- --

Gib den Kindern gesunde Geistesnahrung,

Daß sie Einsicht bekommen,

Was gesund ist und gut,

Daß sie gefeit werden

Gegen die Sünde,

Die sie krank und elend macht! --

Dulde nicht,

Daß unsrer jungen Mannschaft

Durch diese Kreuzspinnen

Von Wirten und Brennern und Brauern

Das Mark

Ausgesogen wird!

Und vor allem:

Sä' Liebe in diese jungen Menschenherzen,

Warme, lebendige Liebe,

Und noch einmal Liebe! -- --

Du bist schuld an all dem Elend!

Hast du denn Liebe?

Nein, du bist träge und stumpf

Den Zeichen der Zeit gegenüber! --

Aber ich will dich rütteln,

Und dich in die Wellen hineinziehen!

Du mußt sie spüren, -- -- --

Gib acht!

Die Brandung wird so stark werden,

Daß sie dich zerschmettert,

Wenn du nicht auf mich hörst! -- -- --

Der Sturm schleuderte Hagelböen und Wogenschwall auf das Schiff. Er

donnerte durch die Takelage und die Rahen an den Schornstein, daß die

schweren eisernen Ketten, die ihn hielten, klirrten und kreischten.

Dann entfaltete er plötzlich seine Schwingen und wehte mit aller

Macht aus einem Atem der Heimat zu, als wolle er die Worte, die ich

ihm mitgegeben, in rasendem Schwunge hinüber tragen in mein geliebtes

Vaterland.

Warm und licht umfing mich meine Kabine. Vom Wärmeraum für die

Mannschaft hörte ich die Stimme unseres Schiffsjungen, der dort sein

triefendes Ölzeug trocknete. Seine Stimme, die sonst so froh klang,

hatte einen sehnsuchtsvollen Ton. Wort für Wort drang durch die dünne

Wand zu mir, und meine Seele, die auf den gleichen Ton gestimmt war,

sang mit:

Über die Matten, über die Sande

Streichet die Möwe hin zum Meer;

Über die Heiden, durch die Lande

Irr' ich wandernd hin und her.

Nach dem Lieb mein unter den Linden,

Wie sie ruht an meiner Brust,

Nach den meeresfrischen Winden

Geht mein Sehnen, meine Lust.

Über die Heiden, durch die Lande

Zieh' ich mit dem Wanderstab;

Ach, der Heimat süße Bande

Halten fest mich bis zum Grab.

Als ich dann in meiner Koje lag, wohl merkend, wie das Wetter zunahm,

mußte ich noch einmal unseres Lotsen gedenken, und wie er mir

vorgekommen war wie die Erinnerung, die uns durch die Stürme des Lebens

hindurchführt.

Und da kam sie schon selbst, die gütige Zauberin.

Das Lied des Schiffsjungen weckte alte Melodien und traute Farben und

süßen, berauschenden Erdgeruch. Ich vergaß den Sturm, vergaß, daß wir

im gefürchteten spanischen Meere auf schwankem Schiffe von brüllenden

Wogen auf und nieder gehoben wurden. Ich fand mich wieder im Geiste,

wie ich als Knabe mit meinem treuen Hunde durch die braune Heide

streifte. Ich lag in der duftenden Erika und sang mein Lied. Über mir

blaute der Himmel und aus dem nahen Kornfeld stieg jubelnd die Lerche

in die Luft.

Und mit dem Lerchengesang und dem Heideduft kamen die Lieder wieder

angeflogen, die der Zauber der Heide mir zugetragen hatte vor langer,

langer Zeit. Und eins nach dem anderen sang ich leise für mich hin, --

meine Begleitung war das Heulen des Sturmes draußen -- oft genug hatte

ich meine Lieder bei meinen nächtlichen Wanderungen durch die heimische

Heide mir gesungen, wenn die Äquinoktialstürme über die Erde brausten.

So war mir das Toben der Sturmgeister im Zauber der Erinnerungen an die

Jugendzeit doppelt heimisch.

Unwillkürlich griff die Hand nach dem Buche der Erinnerungen, das

mein Weib mir mitgegeben hatte beim Abschied. Da lagen sie sauber

eins beim anderen, und dazwischen gepreßter Jasmin, rote Rosenblätter

und Veilchen, da ein Goldlack aus ihrem Fenster und hier ein

Myrtenzweiglein von einem Bäumchen, das ich ihr einst in einer Scherbe

geschenkt. Und da, fast wehmuthauchend ein Taxuszweig, ein getrocknetes

Distelblatt, -- Erinnerungszeichen an all die kleinen Schmerzen

und Kämpfe der ersten Liebe, an dieses Suchen und Sehnen, dieses

Ausweichen und Fliehen, an all dieses wonnige Wiederfinden und zarte

Hoffen.

Und da kam die Zeit der Trennung, -- ich mußte hinaus in die Fremde,

die Kräfte wollten wachsen, -- ich mußte die Welt sehen, hinaus,

hinaus. Doch wo ich auch ging und stand, wie zog's mich immer wieder

zur Heimat hin. O wundervolle, sehnsuchtsvolle Zeit des Wanderns. Wie

stärkst du die Kraft, wie weitest du den Blick, wie lehrst du das Gute

der Heimat schätzen!

Aber auch diese Zeit des Drängens und Stürmens ging vorüber. Die

Sehnsucht nach dem eigenen Herd, der Drang, Wurzel zu fassen im eigenen

Lande, wurde so stark, daß der Wanderfalke sein Nest sich baute. Doch

nicht in der Stadt -- dahin paßte der freie Falke nicht, -- da hätte

er die Flügel sich wund gestoßen im engen Gemäuer. Aber da draußen,

weit vor dem Tore am Ufer des blinkenden Stromes, mitten im Grünen, da

fand er Platz, sein Nest zu bauen. Ein Häuschen, klein, aber sonnig

und freundlich, ein Rosenkranz über der Gartenpforte und Goldregen und

Jasmin, daß es nur ein Leuchten und ein Duften war, -- dahinein führte

er den Schatz. Und nicht zu lange dauerte es, da sandte Gott die erste

Frucht der Liebe, ein liebliches, rosiges Kind. Und siehe da, bald kam

ein zweites und drittes. Da ward das Häuschen zu klein.

War das das Glück? Himmel, welchen Sonnenschein hast du zu vergeben!

Mitten in jener weiten herrlichen Gartenstadt, die sich an den Ufern

der Elbe von Hamburg abwärts hinzieht, liegt mein Heim. Wie ein

geheimnisvolles Zauberschloß liegst du da, nach der Straße hin von

deinen alten Buchen und Eichen, zartnickenden Birken, deinen schattigen

Kastanien, hochragenden dunklen Zypressen und tiefgrünen Stechpalmen

umgeben. Den Eintretenden grüßen die Wappen der beiden seit Urzeiten

landeingesessenen Familien, das der eigenen und das meines Weibes.

Bilder und Wandschmuck im Treppenhaus, soweit das Auge reicht; -- doch

halt, gleich hier an der Wand bei der Tür, auch für den Geringsten,

der eintritt, leicht erreichbar, eine Reihe von Bauzeichnungen --

Einzelhäuser für Arbeiter --, damit sie sich leicht aussuchen können,

was für ein Häuschen sie in der Baugenossenschaft erwerben wollen.

In alle Fenster versucht der Sonnenschein einzufluten. Und vom Garten

her jubelnder Kinderlärm. Da erscheint die Hausfrau, mich willkommen

zu heißen, -- halb Krimhilde gleich an sonniger Lieblichkeit und

Innigkeit, halb Brunhilde an Kraft, groß, schlank, goldblond das Haar,

als ob ein Sonnenleuchten von ihrem Haupte ausginge und doch bei

aller Herzlichkeit und Wärme etwas Gebieterisches, als ob sie eine

Königin sei, gewohnt in ihrem Reiche zu herrschen. Und wie herrscht

sie! War das das Verhältnis der Herrin zur Dienerin, wie sie mit ihren

Mägden umging, oder waren es Freundinnen, die der Freundin einen

Gefallen erwiesen, indem sie ihr dienten? Wie flogen die Weisungen an

die Kinder, sobald das wilde Spiel Knaben und Mädchen in zu lauten

Jubel hineinriß: »Magda, vergiß deine Geige nicht, -- Emma, deine

Rosen müssen noch Wasser haben, -- Rudolf und Ernst, wird das neue

Segelschiff auch zum Wettsegeln zeitig fertig?«

Da lag es auf den Helgen, fast zwei Meter lang, aus Rippen und Planken

kunstfertig gefügt, -- die Späne auf der Hobelbank und am Fußboden

zeugten von dem Fleiß, der hier in der Knaben Werkstatt geherrscht

hatte.

Sinnig half ein blonder Lockenkopf der Schwester im Gießkännchen Wasser

tragen für die Blumenbeete und den Gemüsegarten, während aus offenem

Fenster ein Trio erscholl: Schwester und Bruder begleiteten die Älteste

zum Gesang, -- alles Schönheit, Kunst, Sonnenschein, Kraft, Gesundheit

und Leben.

Kinder von Armen kamen und holten Speisen für kranke Mütter, Väter,

Kinder, -- das war kein Wohltun an Fremde, sie traten ein, als ob sie

hier hingehörten, ohne Scheu, wie in das Haus ihres Bruders.

Leidende kamen und holten sich Rat. Freundlich wurden sie empfangen;

froher als sie gekommen, gingen sie wieder. Und über allem lag

Sonnenschein.

Hungrige klopften an und erhielten ihren Platz im Zimmer: -- »Hast

Arbeit?« -- »Nein.« »Weißt, wo du welche erhältst?« -- »Bin fremd

hier.« Da gab ihnen der Hausherr ein Verzeichnis mit, das er sich hatte

drucken lassen, mit allen genauen Angaben aller Arbeitsnachweise der

Umgegend. Mancher hat später mit einer Postkarte gedankt, daß ihm der

Weg zur Arbeit gewiesen wurde. Es ist merkwürdig, wie das Alleinsein in

der Fremde, Not, Sorge um die Zukunft und Hunger und Kälte den Menschen

dumpf und stumpf und verzagt machen. Viele hören nichts mehr und sehen

nichts mehr, nicht einmal die großen Plakate auf den Bahnhöfen. Sie

irren wie verlaufene Schafe umher, bis sie im äußersten Elend sind,

während andere ihrer Hände Arbeit dringend bedürfen.

Ich habe einmal in einem Terrarium eine Anzahl von Feuersalamandern

und Eidechsen beobachtet. Als sie frisch aus der Freiheit in ihr

Gefängnis hineingesetzt wurden, waren sie gefräßig und gingen rüstig

auf die Jagd nach Regenwürmern. Aber je mehr der Reptilien im Kasten

waren, je länger sie der Freiheit entbehrten, desto stumpfer und träger

wurden sie, so daß ich ihnen schließlich die Würmer vors Maul legen

mußte, damit sie nur nicht verhungerten. Gerade so geht es mit den

Menschen. Die Entfremdung von der Natur, die Not macht sie stumpf,

raubt ihnen die Tatkraft und bewirkt durch die Lähmung des Gehirns das

nämliche, wie der Überfluß, der die Menschen verhindert, ihre Kräfte zu

schulen und durch Übung zu nähren. Da heißt es, die warme Bruderhand

ausstrecken. Vater im Himmel, laß unserm deutschen Volke recht viele

warme Bruderhände wachsen, -- wir können sie brauchen! Über der Tür

meines Arbeitszimmers las ich täglich den Spruch als tägliche Mahnung:

»Liebe deinen Nächsten als dich selbst!« Das ist's -- was die Seele des

Christentums ausmacht, das können wir uns nicht oft genug wiederholen!

Und wie sah ich es überall daran fehlen, in der Ehe, zwischen

Herrschaft und Dienstboten, im Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und

Arbeitgeber, zwischen Regierung und Volk, -- überall, überall das

nämliche Lied. Mit Geld trachten sie alle danach, ihre Verpflichtungen,

ihre Dankesschulden gegen ihre Mitmenschen von sich abzutilgen,

sich gegenseitig voneinander loszukaufen, und vergessen darüber,

daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Oh, diese Stumpfheit des

Menschempfindens, die über uns gekommen ist!

Ich sah, wie das große Liebeswerk, das unser alter großer Kaiser mit

Hilfe seines noch größeren Dieners, unseres Bismarck, ins Leben rief,

als der Schuß des unseligen Nobiling ihn aufs Schmerzenslager geworfen

hatte, unter den Händen unserer Bureaukraten zu einer Quelle des Hasses

und der Erbitterung wurde.

Was hätte aus unserer Arbeiterschutzgesetzgebung werden können,

wenn sie einfach und schlicht und einheitlich für unser ganzes Volk

geschaffen wäre, für jeden, der in Not war durch Krankheit oder Unfall

oder Alter oder Verlust des Ernährers, -- keine Arbeiterversicherung

mit dem bitteren Beigeschmack der Trennung des Volkes in zwei Klassen,

Versicherte und Nichtversicherte, sondern eine Volksversicherung, die

alle umfaßte, die allen half, die wirklich hilfsbedürftig waren! Was

wäre das für eine Quelle der Liebe, der Versöhnung, der Gerechtigkeit

geworden! Und den Kindern hätte in der Schule gelehrt werden müssen,

daß es unehrenhaft und unmännlich und undeutsch sei, aus diesem Quell

zu schöpfen, wenn man seiner nicht bedürfe, also aus Trägheit oder

Bequemlichkeit. Und den angehenden Beamten hätte gelehrt werden müssen,

daß es ein Ehrenamt sei, Priester sein zu dürfen, um die Dürstenden

aus diesem Quell zu tränken! So aber wurde diese Quelle besudelt und

verschlammt mit Parteihader und Geiz und Gewinnsucht.

Findige Köpfe, hartherzige und ehrgeizige Bureaukraten taten Galle in

das Wasser dieser Quelle, so daß sich das Volk vielfach das Gift der

Erbitterung daraus trank.

Gastwirte benutzten ihre Ämter an der Quelle, um ihr schmutziges

Gewerbe zu fördern, indem sie die Hilfesuchenden zum Trunk luden.

Witwen und Waisen mußten mit den Behörden prozessieren, um endlich

ihr Recht auf Rente zu erkämpfen, nachdem ihnen die Maschine oder das

Gerüst den Ernährer geraubt hatte.

Krüppel und Sieche mußten darben, bis ihnen endlich nach jahrelangem

Kampfe die Rente in der letzten Instanz zugebilligt wurde.

Ich hatte geholfen, wo ich konnte. Wahrlich nicht für mich. Aber ich

sah ihre Not, ihren Jammer und ihre Ohnmacht dem Unrecht gegenüber. Und

ich schaffte ihnen ihr Recht, kämpfte für sie, nahm den Haß und den

Zorn der Besiegten auf mich für die, um derentwillen ich kämpfte. Und

der Händedruck jener Armen und ihre Tränen waren mein Lohn. Oft war es

mir, als ob es königliche Arbeit sei. Aber der Haß und der Groll der

anderen trug dazu bei, mich müde zu machen. Und doch konnte ich nicht

ablassen, für das Recht zu kämpfen. Wie Ertrinkende streckten sie ihre

Hände zu mir empor und riefen: hilf uns! Mir war das Helfen Inhalt und

Zweck des Lebens geworden.

Ich träumte weiter und hörte kaum noch das Donnern der Wogen und das

Stampfen der Maschinen.

In meinem Vorzimmer standen Schränke voller Sammlungen aller Art,

aus allen Reichen der Natur, aus aller Herren Länder. Seit meinen

Knabenjahren hatte ich Stück für Stück zusammengetragen. Mir galten

diese Schränke seit langem als ein Gleichnis für das Arbeiten an

unserer Seele. So sollen wir aus dem gesamten Reiche der Natur, aus

unserem Leben und dem Leben der anderen, wie aus der Geschichte aller

Völker sammeln und lernen, was uns nützt, uns bereichert und weitet,

und alles sorgfältig in uns ordnen und aufzeichnen. Nur so können wir

die Fülle des Lebens in uns aufnehmen und mit ihr wachsen.

Und dann das Leben gemeinsam, zu zweien! Hier war vollendet, was ich

mir immer unter der Ehe gedacht hatte: Mann und Weib zusammen erst ein

Mensch. Das Weib allein ist kein Mensch und der Mann allein keiner.

Wehe dem Weib, das glaubt, allein schon ein Mensch zu sein, -- sie

verliert ihr Bestes als Weib. Sie ist wie eine Regierung ohne Volk,

ihr Leben ein Scheinleben, dem die Grundlage des Seins fehlt. Aber

zweifach wehe dem Manne, der glaubt, des Weibes entbehren zu können, --

er ist wie ein Volk ohne Regierung, das dahindämmert ohne den Ansporn

seiner Besten, wie ein Land ohne Sonne, das nur Früchte des Schattens

hervorbringt. Aber Mann und Weib zusammen in der wahren Ehe, die sind

wie ein Volk und seine Königin. Sie aber ist die Tochter des ganzen

Volkes.

Das Weib ist die Sonne des Mannes, in der Liebe zu ihr lebt er, die

Liebe zu ihr adelt seine Arbeit. Ihr gemeinsames Leben ist gleichsam

die Spitze der Pyramide, die sich aus der Menge der Schaffenden

aufbaut, ihr Abschluß, ihre Krönung, und doch eins, untrennbar eins mit

ihr.

Glückseliger Mensch, der so aus Mann und Weib zusammengefügt ist. Auf

dir beruht die Zukunft der Menschengeschlechter, auf dir allein die

Möglichkeit, aus diesem Staub des Alltäglichen, des Irdischen immer

wieder emporzuwachsen zum Licht, zur Sonne, zum Ewigen, zum Geist, zu

Gott!

Aber immer größer ward der Drang zum Schaffen, zum Helfen. Das Haus

und der tägliche Beruf genügten nicht mehr, um alle schlummernden und

erwachenden Kräfte zu betätigen. Die Erkenntnis drängte zur Tat.

Die Kräfte wachsen. In gemeinsamer Arbeit mit den Gleichgesinnten

wächst das Selbstbewußtsein, und das Gefühl, anderen helfen zu können,

-- Wellenkreise auszusenden, -- Aufgaben zu erfüllen, zaubert immer

neue Kräfte, an deren Vorhandensein man selbst früher nie geglaubt

haben würde.

Im Dienste des Ordens zog ich durch Deutschland, durch Europa, von

Kongreß zu Kongreß, nach Wien, Paris, Stockholm. Überall säend und

erntend zugleich. Überall galt es, Aufklärung zu verbreiten, überall,

zu lernen. Und von Land zu Land, durchs Rheinland, Westfalen, durch

Schlesien, Sachsen, von Stadt zu Stadt zog ich, Vorträge haltend, Logen

gründend, Samen streuend. Wie ein richtiger Wanderfalke kam ich mir

wieder vor, der in stolzem Bogen über das Land streicht.

Und doch wie anders als damals, da ich als junger Student das Reich

durchstreifte.

Land und Leute lernte ich kennen, der Sinn weitete sich, und die

Tatkraft wuchs. Und nun wächst der Einfluß! Die Geisteswellen schlagen

Wellenringe! Nichts, was wir tun, vergeht spurlos: Der Kampf gegen

den Erbfeind, für die Linderung der sozialen Not, der Kampf gegen die

Volksmißwirtschaft zieht immer weitere Kreise.

Ich sah mich im Geiste an dem geöffneten Fenster meines Studierzimmers

stehen; der Blick schweift über die Baumkronen hoffnungsreich in die

sternendurchschimmerte Ferne, und neues Selbstvertrauen, neue Ruhe

zieht in mich ein.

Sieh, ich ziehe meine Kreise,

Und ich leb' in meiner Weise,

Ruf' und banne meine Geister,

Ich, ihr mächt'ger Herr und Meister.

Schicke sie in ferne Lande,

Laß sie knüpfen neue Bande,

Laß sie alte fester binden,

Laß sie neue Pfade finden!

Und so leb' ich, wirkend, strebend,

Mich an's End' der Dinge hebend,

Bis der Weltenherr der Geister

Mich auch ruft, mein Obermeister.

Die Gedanken hatten sich gejagt. Eine Zeitlang hatte ich vergessen, wo

ich war. Die Mappe mit den Blättern hielt ich in der Hand. Plötzlich

wurde ich gegen die Wand der Koje geschleudert.

Der Sturm riß an dem Schiff! Dann zwang er es, vorwärts zu jagen. Wenn

es sich bäumte, um wie ein gehetztes Roß vorwärtszustürzen, heulte er

von hinten nach vorn um das Schiff herum, stemmte sich ihm entgegen und

drückte es tief in die schäumenden, gurgelnden Wasser, daß es, nicht

wissend wohin, erzitternd stand.

Unser letztes Stündlein schien geschlagen zu haben. Der Sturm schrie in

den Masten und brüllte um den Schornstein.

Ich stand auf. An Stricken und Stangen arbeitete ich mich durch

rasselnde Hagelböen und Regengüsse von meiner Kabine über das Schiff!

Im Zwischendeck und in den Kajüten schlief alles, -- wie Kinder,

die sich wohl behütet wissen im Schutze der Mutter. Hatte es irgend

einen Sinn, auch nur einen zu wecken? Sollte es sein, so war es den

Arglosen zu gönnen, in süßem Schlaf auf den Grund des Meeres zu sinken.

Zu retten wäre keiner gewesen. Ein Dampfer mehr wäre in der Biskaya

verschollen.

Im Rauchsalon saßen noch ein paar von den Passagieren beim Bier und

spielten Skat und ahnten nichts von Gefahr. Alkohol und Tabaksqualm

hatten ihr Hirn so umnebelt, daß sie keine klare Vorstellung mehr von

ihrer Lage hatten. Ich mußte unwillkürlich an unsere Philister daheim

denken, die sich so klug und sicher dünken an ihren Stammtischen und

bei ihren Diners, und die keine Ahnung davon haben, wie der Sturm

pfeift.

Betrunken war keiner. Im Gegenteil, -- sie spielten sehr emsig. Ich

wünschte gute Ruh. Im Hinausgehen fing ich noch die Worte auf, -- es

wurde gerade zu einer neuen Runde ausgegeben --: »Majestät wirklich

famoser, schneidiger Kerl. Weiß es noch wie heute, als er mir nach

dem letzten großen Diner auf der Kieler Woche die Hand schüttelte

und sagte: ›Mahlzeit, wie jeht's?‹ -- wirklich famoser Mensch, ganz

genial.« Es war der Weinhändler aus Bordeaux, der es sagte. Die beiden

Juden aus Budapest nickten andächtig, die Zigarette im Munde.

Ich kämpfte mich durch das Unwetter hindurch bis auf die Brücke, Mein

Kapitän stand vorn und lugte in die Nacht hinaus. Ernst, nüchtern, wie

aus Bronze. Er zog mich in seine Kajüte. »Doktor, wenn wir diese Nacht

standhalten, dann sehen wir unsere Frauen und Kinder, so Gott will,

noch wieder. Sorgen Sie dafür, daß die Passagiere nichts merken.« Ich

konnte ihm berichten, daß die einen schliefen und die anderen Skat

spielten. Ein Lächeln flog über sein männlich schönes, ernstes Gesicht.

Dann drückten wir uns schweigend die Hände. Er ging wieder auf seinen

Posten.

Mit Not und Mühe gelangte ich durch die Finsternis und die Hagelböen

auf das Hinterdeck. Mir war es, als ob ich jemanden hörte. Sehen konnte

ich nichts. Doch, dort hinten beim Steuer kauerte, fest angeschmiegt an

die Schiffswand, eine menschliche Gestalt.

Der Balte war es! Als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte,

schüttelte er sie ab, und warf den Kopf zur Seite, -- ich verstand ihn,

-- er wollte allein sein! und so verließ ich ihn. Was quälte ihn? Angst

vor dem Tode war es nicht, das fühlte ich. -- Durch Sturm und Gischt

arbeitete ich mich wieder zu meiner Kabine. Und wie ich da stand in

der finsteren Nacht, mich haltend an den Eisenstangen, in denen das

Rettungsboot hing, um nicht von dem heulenden Sturme über Bord gefegt

zu werden, unter mir der schwarze, brodelnde, schäumende, donnernde

Ozean, da, -- oh, da wurde ich so klein, so namenlos klein, -- was

nützte mir nun meine Kraft, was die moderne Schiffsbautechnik, was

unser gut versorgtes Rettungsboot, -- wenn der eine nicht wollte! Und

dann wuchs, wuchs riesengroß, unfaßbar etwas vor mir auf, -- gerade

so wie damals, als ich ein Kind war, als ich ihm, dem nie Gesehenen,

meine kleinen Heiligtümer zum Scheiterhaufen auftürmte und sie opferte,

wie ich es in der Bilderbibel vom guten Abel gesehen hatte, -- groß,

unfaßbar, wie er mir in der Schule in der Religionsstunde erschienen

war, wenn unser Lehrer von ihm erzählte und von seinen Eigenschaften

redete, -- als ob ein Mensch von seinen Eigenschaften irgend etwas

wissen könne, -- aber wir mußten seine Eigenschaften auswendig lernen,

da standen sie ja gedruckt, schwarz auf weiß, -- und der Knabe,

der Jüngling bäumte sich auf gegen diese Entweihung seines Gottes,

seines großen, unfaßbaren Gottes, bäumte sich auf gegen die Anmaßung

dieser kalten, lieblosen Pharisäer und Heuchler, die mit diesem

Allerheiligsten hantierten, als ob sie es mit ihrem Menschenverstand

erfassen könnten! Den Gott wollte ich nicht kennen, den die erfassen

konnten! Den Gott nicht, um dessentwillen sie in all den Jahrhunderten

Tausende erschlagen und verbrannt hatten, über den sie in Konzilien

gestritten und sich vertragen hatten, um den sie gefeilscht hatten

auf ihren Kirchentagen, wie die Weiber am Markte um die Ware! Ich

fühlte Gott, -- das war mir genug. Ich wollte nichts Näheres von ihm

wissen, ja, ich haßte und verachtete die Menschen, die vorgaben, seine

Eigenschaften zu kennen, weil ich fühlte und wußte, daß sie nichts

Näheres wissen konnten, kein Mensch, niemand. Sie sollten mir meinen

Gott nicht beflecken mit ihren Lügen, anstatt sich einfach in Demut vor

ihm zu beugen und zu sagen: »Herr wir wissen, daß du bist, aber wie

du bist, und wer du bist, das wissen wir nicht: aber daß du bist, das

macht unser Leben aus!« -- --

Und wie alle diese Bilder aus der Vergangenheit unter dem Dröhnen des

Sturmes und der Wogen durch mein Hirn jagten, da kam wieder diese

himmlische große Ruhe über mich, wie früher, wenn ich nach dem Jammer

dieser Religionsstunden hinausflüchtete in die weite Heide: Die Sonne

sank. Die Nacht kam mit ihren Sternen und ihrem Nebelarme und ihrer

großen Stille. Und dann war er da, -- ich wußte es, fühlte es, ich

hätte ihn greifen können, so fühlte ich ihn, -- in diesem Gefühl, ein

Nichts zu sein in dieser schier endlosen Weite, kaum ein Stäubchen, --

darin erkannte ich ihn. Und dann strömte es zurück: Seinen Gesetzen

gemäß leben, seinen Gesetzen, die in der ganzen Natur, wie eine große

Harmonie sich ständig wiederholen, -- alles, was an uns und in uns

lebt, betätigen, ausbilden, zur höchstmöglichen Vervollkommnung, --

Mutter, das war dein Samenkorn, das du in mich gelegt, -- wie jede

Blume, jeder Kristall, jedes Tier die höchste Vollendung erstrebt, die

ihm möglich ist, -- das soll mein Ziel sein, so will ich dir dienen, du

Großer, Unfaßbarer, den ich weiß, weil ich ihn ahne, fühle, wie ich die

Nähe der Mutter fühlte, auch wenn es im Zimmer noch so dunkel war.

Und nun stand ich mit den gleichen Gedanken, den gleichen Empfindungen

hier oben in dem brandenden Gischt, umtobt vom Orkan, und nun fühlte

ich ihn wieder ganz deutlich, -- befreiend, stärkend, wunderbar

stärkend, daß die Brust sich jauchzend dehnte, -- nun laß das Schiff

bersten und das Meer sich auftun, -- daß ich dich gefühlt habe,

Unendlicher, Unfaßbarer, dafür will ich gern mein Leben geben. --

Ich kleidete mich aus und legte mich in meine Koje. Beim Schein meiner

Lampe las ich in Fechners Büchlein »Vom Leben nach dem Tode«. Mir sagte

es nichts Neues, nur Allvertrautes: es gibt überhaupt keinen Tod. Mag

der Leib sich auflösen in seine Atome und tausendfach neue Gestalt

annehmen, -- das, was von uns geistiger Natur war, kann ebensowenig

vergehen, wie irgend eine Kraftäußerung der Materie. Geht doch nach

Robert Meyers unumstößlichem Gesetze weder von der Materie selbst,

noch irgend etwas von einer ihrer Kraftäußerungen jemals zugrunde. Und

ist nicht unsere Seele, die Zeit unseres Lebens an unseren sterblichen

Körper gebunden war, unser Geist, in letzter Linie auch eine solche

Kraftäußerung unseres sterblichen Leibes? Und diese feinste Äußerung

unserer Materie, die einst im Leben uns gehörte, sollte vergehen

können? Unmöglich! Was wir auch tun und sagen, denken und empfinden, --

es muß seine Wirkung haben in alle Ewigkeit. --

Ja, ja, so ist's, -- in unsere Hand hat Gott es gelegt, daß unsere

Seele, unser Leben, das unvergänglich ist, kleine oder große

Wellenringe zieht, gute oder schlechte. -- Oh, Gott im Himmel, gib, daß

nur Gutes aus meiner Seele hineinfließt in die Welt! -- --

Das Schiff erzitterte und krachte in seinen innersten Fugen. Ich

hörte aus dem Ächzen seiner Planken und dem Kreischen in allen Ecken,

wie die Nieten sich lockerten. Wie lange würde es den Elementen

noch Widerstand leisten? Hatte ich doch Furcht? Da dachte ich eines

anderen Lieblingsbüchleins von mir, »Die Hemmungen des Lebens« von

Johannes Müller, der im Maintal in seinem Schloß Mainberg allen denen

ein trauliches Asyl bietet, die ihre Seele in der Stille ausbauen

wollen. Die Furcht sei eine der Hemmungen des Lebens, sagt Müller. Ja,

wahrhaftig, das ist sie nur zu vielen! Herr, gib, daß ich keine Furcht

habe, wenn es ans Sterben geht! Laß mich freudig sterben!

Und doch ergriff mich grenzenlose Verzagtheit.

Meine Seele kam mir so klein, so einzig klein und schwach vor. Was

hatte ich denn geleistet, wie bitter wenig. Freilich, ich hatte mir

Mühe gegeben, Tränen zu trocknen und Schmerzen zu stillen, war bestrebt

gewesen, glückliche Menschen zu schaffen und Unglück zu verhüten, und

wo es da war, zu lindern und zu mindern. Aber war es nicht bitter

wenig gewesen, was ich erreicht? Würde es genügen, auch nur einen

kleinen Wellenring ins Meer der Ewigkeit zu entsenden? Und hatte ich

nicht auch oft, ach, gar so oft gefehlt? Ich hatte Christus nachleben

wollen in Werken der Liebe, -- und wie oft hatte ich ihn vergessen!

Ich, ich hatte gesündigt, oft und schwer! Ich hatte Wellenringe des

Bösen hinausgesandt, die diejenigen des Guten sicher aufheben mußten,

-- was blieb dann noch? So wollte Gott mich denn hier verderben? --

Doch still, was war das, -- heute war ja daheim Gustavs erstes großes

Kirchenkonzert! Mein blinder junger Freund! Ihm hatte der Brand der

herrlichen Michaeliskirche die kühnsten Hoffnungen für seine Zukunft

zerstört. Aber die Liebe zum Höchsten führte ihn durch seine Kunst zu

neuem Leben. Und nun? --

Hatte die Seele doch Flügel? Schwieg der Sturm? -- Deutlich hörte ich

weihevolle Klänge. Ich sah den Freund in der Kirche hinter seiner

geliebten Orgel, -- und deutlich vernahm ich von einer weichen,

seelenvollen Altstimme das Lied:

Herr, du kennest meine Sünden,

All mein Leben ist dir Licht,

Woll'st dich doch nicht von mir wenden,

Herr, verlaß mich Sünder nicht!

Wohl, ich kannte die Gebote,

Die du uns gegeben hast.

Ja, ich hab' sie übertreten,

Hätte sie vergessen fast.

Doch nun kam ich zur Besinnung,

Sehne mich nach deiner Ruh.

Herr, nun hilf mir wieder werden,

Wie dein Ebenbild, wie du!

Reich mir deine starken Hände,

Ziehe mich zu dir empor!

Laß mich ruhn in deinem Geiste,

Leihe gnädig mir dein Ohr!

Klar liegt vor mir meine Sünde,

Und mir ist so sterbensbang,

Vater unser, laß mich hören

Deiner sanften Stimme Klang.

Sieh' ich lieg' dir hier zu Füßen,

Jede Strafe ist mir recht,

Will gern büßen meine Sünden,

Nur erhöre deinen Knecht.

Nimm von mir die Last der Sünden,

Hebe mich in deine Ruh'!

Herr, nun hilf mir wieder werden

Wie dein Ebenbild, wie du!

Da zog es wie ein warmer, sonniger Strom von Demut und Frieden in mein

Herz. Es hilft nichts, -- wir müssen uns beugen vor dem, in dem allein

und durch den allein wir sind, der allein die Größe ist und die Güte

und Liebe.

Und jetzt wußte ich mit einem Male, wo ich gefehlt, was ich gesündigt:

ich hatte das Schlechte hassen wollen und bekämpfen und hatte darüber

die Menschen, die Träger des Schlechten waren, gehaßt und verachtet und

bekämpft; und im Bestreben, zu helfen und zu lindern, zu trösten und

Liebe zu geben, war ich über das Ziel hinausgeschossen und hatte mehr

gegeben, als ich durfte. -- Christus war Maß und Harmonie. Er hatte uns

gezeigt, Maß zu halten, harmonisch zu bleiben, -- ich hatte nicht von

ihm gelernt, -- so mußte ich als Mensch mich verirren in meinem Fühlen

und Denken und Handeln. Und nun litt ich, litt unsäglich. Das war meine

Strafe.

Aber da setzte die weiche Altstimme auch schon wieder ein, und wie beim

Klang der Orgel durch die weiten Hallen der Kirche das Lied ertönte,

drang es wie Trost in meine Seele:

Lern zu leiden, ohne zu klagen,

Erst im Dulden erweist sich der Mann!

Lern, ohne Hoffnung nicht zu verzagen:

Gott ist allmächtig! Denke daran!

Lern zu leiden, ohne zu klagen!

Niemand trägt schwerer als er nur kann.

Hab' nur Geduld: Gott hilft dir bald tragen, --

Gott ist Alliebe! Denke daran!

Lern zu leiden, ohne zu klagen,

Sieh nicht dein Leid als das schwerste an!

Sieh als Prüfung an deine Plagen, --

Gott ist allweise! Denke daran!

Und nun erscholl jauchzend und triumphierend der Schlußchor:

Wenn ich gestorben bin,

Sollt ihr nicht trauern!

Frei aus den Mauern

Schwingt sich mein Geist

Wenn ich gestorben bin,

Sollt ihr euch freuen:

Mögt ihr euch scheuen,

Daß nicht der Faden, der zarte, zerreißt.

Wenn ich gestorben bin,

Fort mit den Tränen!

Schwächliches Sehnen, --

Bin ja bei euch!

Wenn ich gestorben bin,

Führt mich der Meister

Schaffender Geister

In sein großes, himmlisches Reich!

Unendlicher Friede überkam mich. Eine unsagbare, große, wohltuende Ruhe

erfüllte mich, und in mir selbst klang es wie eine sanfte Harmonie, wie

ein Abschiedsgruß an die Menschen.

Aus der Fülle meines Seins

Wollt' ich euch beschenken,

Drückt' den einen dies und eins,

Wollte keinen kränken.

Habe Sonnenschein gesät,

Nicht um selbst zu ernten, --

Samen, den kein Wind verweht,

Zeiten, den entfernten!

Vom Unendlichen geborgt,

Mögen sie's erwerben:

Hab' für Enkel treu gesorgt,

Will nun ruhig sterben!

Voll Ruhe, wie in einer Feiertagsstimmung, schlief ich ein. Ein

wunderbarer, großer Friede war über mich gekommen.

Wie lange ich geschlafen, ich weiß es nicht. Schließlich träumte mir,

ich wäre auf meiner geliebten Nordseeinsel, auf Sylt. Donnernd schlug

die Brandung gegen die Dünen, aber der Sturm hatte sich gelegt. Ich

sah, wie die Männer mit ihrem Rettungszeuge vom Strande heraufkamen,

triumphierend und singend:

Den Starken und Klugen gehört das Recht,

Den Feigen und Schwachen die Nacht;

Sich selbst vernichten, nur das heißt schlecht,

Sich selbst erhalten, die Macht.

Wenn das Meer die Wogen am Deiche zerschellt,

Und der Sturm seine Schwingen bricht,

Dann jauchzt der Friese: mein ist die Welt,

Ich fürchte die Brandung nicht!

Zwar hat das Meer seinen Vätern geraubt

Manch fruchtbaren Acker Land;

Da hat er Scholle zu Scholle geklaubt

Mit unermüdlicher Hand.

So entstand einst der Deich!

Und bezwungen das Meer!

Und gebrochen der Wogen Schlacht!

Doch heute noch gilt, ist's lange auch her:

Dem Starken gehöret die Macht!

Ganz deutlich hörte ich den Gesang. Ja, -- was war das? Ich rieb mir

die Augen, ich tastete nach der Wand meiner Koje, -- ich war wach,

wahrhaftig wach, und noch immer hörte ich in Wahrheit den Gesang, das

alte Friesenlied, das ich von meiner Jugend auf kannte, das ich die

Männer meiner nordischen Heimat so manches Mal hatte singen hören,

wenn sie, den Spaten auf der Schulter, im festen Marschschritt von der

Arbeit am Seedeich nach Hause marschierten. Mit einem Satze war ich

aus dem Bette, die Tür aufgerissen, -- wahrhaftig, lachend und singend

wuschen sie bereits mit kräftigem Strahl das Deck, um die Spuren der

furchtbaren Sturmnacht zu vertilgen. Die Biskaya war besiegt. Vorüber

alle Not und Gefahr! -- -- --

Kap Finisterre! Ich kann mir denken, daß die alten Römer, wenn sie

von Süden an diese Landspitze kamen, glaubten, daß hier das Ende der

Welt gekommen sei. Noch umstürmte uns eisiger Wind, noch zog jeder von

uns den Mantel fester an sich, als nach Südost hinüber eine niedrige

leichtgraublaue Gebirgslinie sichtbar wurde. Aber dann, -- war es

Sinnestäuschung, war es Zauber? Der Sturm ließ nach, die Kälte wich, es

schien plötzlich Frühling zu werden! Nein, es wurde Frühling! Linde,

laue Lüfte umwehten uns, -- den Mantel ab, in meinem Herzensstübchen

die Heizung abgestellt, -- wunderlich: Kaum hatte ich den Hebel auf

kalt gestellt, ward mir fast wehmütig zu Sinn. Mir war's, als ob

auch dieser tote Mechanismus eine Seele gehabt hätte: ich war ihm

dankbar gewesen, er hatte mich gewärmt, hatte mir in Eiseskälte und

Sturmeswüten Trost und Wärme gespendet, wie ein liebender, guter

Freund, wie eine liebe, gute Freundin. Und nun, da wir ins Reich

der Sonne kamen, drehe ich ihm mit einer Kurbeldrehung die Seele ab

und stelle ihn auf kalt! Da fielen mir die Menschen ein, die ihr

Herz, ihre Seele, ihr Empfinden so meisterlich in der Gewalt haben,

wie eine Zentralheizung. Brauchen sie Wärme, rugs, stellen sie ihre

Herzensleitung auf warm; wird es ihnen zu warm, rugs, stellen sie ihre

Herzensleitung auf kalt. Was geht es sie an, wie die anderen empfinden,

-- haben sie nicht das Recht, die Zentralheizung ihrer Seele so zu

stellen, wie es ihnen paßt?

Ich dachte einer schönen, klugen und guten Frau meiner Bekanntschaft.

Die verstand es meisterhaft, ihre Herzensstimmung nach Bedarf zu

regulieren. Bedurfte sie der Wärme, so flogen die Herzen ihrer

Umgebung, ihrer Freunde und Verwandten, der Dienstboten, der Armen und

Bedrängten in die Heizung, daß es nur so prasselte; -- kam dann die

Zeit, in der es ihr zu heiß wurde, hatte der eine dieses, der andere

jenes verbrochen: hier wurde eine Heizung abgestellt, dort eine andere.

Und vor mir tauchten die Gesichter meiner Armen auf, die ich ihr zur

Hilfe anvertraut, mit deren Herzen sie ihre Heizung geheizt hatte,

und die die schöne, kluge und gute Frau nicht verstehen konnten, wenn

sie nun plötzlich die Heizung abstellte. Und dann flogen sie zurück

zu mir mit stummem Flehen und tränenden, fragenden Augen: ob sie was

verbrochen hätten; -- du läßt uns doch nicht im Stich, du läßt uns doch

nicht fallen? Nein, nein, nein, und tausendmal nein, -- ich stelle die

Heizung meines Herzens nicht ab, und wenn ich darüber zugrunde gehen

sollte. Kommt nur, kommt, ihr trauernden, bekümmerten Herzen, ihr, die

ihr in Not und Sorge seid, kommt nur, es findet sich wohl noch Rat und

Hilfe, und wenn's nicht anders geht, so gehe ich für euch betteln, wie

ich es schon so oft getan. Aber ich kann nicht frieren, und ihr sollt

auch nicht frieren!

* * * * *

Kap Finisterre! Was hast du mich gelehrt! Hab Dank! -- Fast hätte ich

die Heizung in meiner Kammer wieder angestellt, um ihr die alte Seele

wieder zu geben, das heiße, behagliche Rauschen in ihren Adern, den

Röhren, -- aber was war das? Die Seele war nicht tot, -- strahlende,

wonnige Wärme erfüllte mein kleines Gemach, himmlische Helle, blauender

Himmel, lachende, lockende Sonne! O Liebe! Liebe, du bist wie die

Sonne, nein, du bist die Sonne selbst, wärmend, hellend, lebenspendend!

Weh euch Ärmsten, Unglücklichen, die ihr keine Liebe, keine Sonne,

keine Wärme, keine Helle in eurem Leben habt! Ich wollte, ich könnte

sie alle herrufen, oder zur Sonne sagen: geh hierhin, oder dorthin und

wärme und helle, da tut es not!

Oh, ihr Menschen, die ihr reich an Sonne in eurem Leben seid,

verschließt sie nicht in euch, nicht so ängstlich, nicht so

selbstsüchtig, -- strömt eure Liebe, eure Wärme aus, wie die Sonne ihr

Licht, ihre Wärme jenseits von Kap Finisterre!

Ich eilte auf die Kommandobrücke. Oben erwartete mich schon mein

Kapitän und empfing mich mit siegesfrohem Lächeln. »Das war eine harte

Nacht. Graue Haare habe ich bekommen. Aber nun ist's überstanden.« Der

erste Offizier kam und reichte mir die Hand --: »Nun sehen wir unsere

Frauen und Kinder doch noch wieder.« »Ja, ich wußte schließlich nichts

Besseres mehr zu tun, als zu Gott zu beten«, gab ich ruhig und fest

zur Antwort. Da faßte der Friese aufs neue meine Hand, drückte sie

und sprach: »Das habe ich auch getan, das ist das beste, was man dann

tun kann.« Der Kapitän, der gerade voraus lugte, hatte unser Gespräch

gehört, trat hinzu und sagte schlicht: »Ich habe es auch getan; es ist

das einzige, was bleibt: seine Pflicht tun und beten!«

Wie ich am Zwischendeck vorbei kam, saß eine junge Französin, die in

Boulogne mit ihrem Kindchen an Bord gekommen war, mit dem Rücken am

Schornstein, ihr Kind, ein liebliches, blondlockiges Mädchen von zwei

Jahren auf dem Schoß, und sang leise, dem Kind mit den Fingern die

Locken streichend:

+Enfant de mon amour,

Bienfait par Dieu,

Tu es ma vie,

La fleur de mes yeux!+

+Enfant de mon amour,

Fille de mon coeur,

Tu es mon âme,

Tu es mon bonheur!+

Es war ein Bild reinster Mutterseligkeit. Ich redete sie an: »Ihr

Kind ist wohl Ihre ganze Freude?« »O ja,« sprudelte sie mit echt

französischer Lebhaftigkeit entgegen, »meine ganze Seligkeit. Ich

wünsche mir unzählige. Ich hasse das Eheleben, wie es in Frankreich

betrieben wird. Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes. Mein Mann ist

vor gut zwei Jahren, unser Mädel war noch nicht geboren, nach drüben

gegangen. Dieses Kind ließ er mir als Pfand unserer Liebe zurück. Nun

will ich es ihm nachbringen. Er kann es nicht erwarten, es zu sehen.

Er hat sich eine Farm in Brasilien erarbeitet und schreibt, ich solle

kommen und ihm so viel Kinder schenken, als Gott uns anvertrauen wolle.

Land sei genug da, und jedes Kind sei eine neue Arbeitskraft für uns

und damit für die Menschheit. Wie viel Kinder haben Sie?« Ich erwiderte

ihr, ich hätte sieben. »Können Sie die denn in Deutschland auch alle

ernähren?« Da antwortete ich, mein Weib und ich erzögen unsere Kinder

so, daß sie erstens einen gesunden, starken und widerstandsfähigen

Körper hätten, sodann aber in der Anschauung, daß Arbeit ihnen Freude

und Lebensgenuß dünke. Zu dritt lehrten wir sie, die ganze Welt als

ihr Vaterland zu betrachten, da sie Menschen seien. In diesem großen

Vaterlande sei ihr engeres Vaterland Deutschland, noch enger ihr Dorf,

das engste ihr Elternhaus. Ebenso, wie sie als Kind, als sie zuerst

die Schwelle des Elternhauses überschritten, sich an ihr Dorf gewöhnen

mußten, und später, als sie hinauszogen, die Fremde sich ihnen als ihr

Vaterland erwies, ebenso müßten sie sich gewöhnen, die weite Welt als

ihr Vaterland in weiterem Sinne aufzufassen und lernen, sich darin

zurechtzufinden.

Darauf bricht sie in den Ruf aus: »Es muß doch grenzenlos hart sein,

keine Kinder zu haben. Ob es wahr sei, daß so oft der Mann schuld sei?

Ein ihr befreundeter Arzt habe ihr gesagt, daß Professor Noeggerath

in Neuyork, einer der größten Kenner der Frage dort, gesagt habe, 95

Prozent aller Frauen, die an Frauenkrankheiten litten, seien krank

durch ihre Männer; das wäre ja entsetzlich!« Ich konnte es nur

bejahen. »Dann«, fuhr sie fort, »hätte sie doppelt Mitleid mit allen

kinderlosen Frauen. Nach ihren Empfindungen müsse jeder gesunde Mann

das grenzenloseste Mitleid mit solchen Frauen haben und ihnen helfen,

wenn es noch möglich sei, ihre Aufgabe zu erfüllen, sonst sei er kein

Mann in ihren Augen. Der Ehemann aber habe sein Anrecht auf die Frau

als Weib verscherzt.« Die kleine Frau glühte förmlich vor Zorn und

Eifer. Ich erwiderte ihr, daß der sittenstrenge Martin Luther die

Frage bereits ähnlich gelöst habe, wie sie, indem er dem kranken und

unfähigen Ehemanne den Rat erteilte, zu seinem Freund oder Bruder zu

gehen und den zu bitten, seine Pflichten zu übernehmen. »Sehen Sie,«

eiferte die junge Mutter, -- »ich bin ja freilich katholisch, aber das

ist so ehrlich und gut gesprochen, das könnte mich mit Ihrem Doktor

Luther beinahe aussöhnen.« Ich warf ihr ein, daß mir die Bedeutung der

Ehe noch mehr in dem Zusammenschmelzen der Seelen beider Ehegatten

zu liegen scheine und in der Erzeugung neuer Kulturwerte für die

Menschheit aus dieser Verschmelzung, als in der Hervorbringung von

Nachkommenschaft. Da rief sie leidenschaftlich aus: »Was nützen denn

diese neuen Kulturwerte, wenn keine neuen Geschlechter da sind, denen

das Menschenpaar, das diese Werte zutage förderte, sie vererben kann?«

-- --

* * * * *

Ein Heizer meldet sich krank, der im Sturm in der Biskaya gegen die

Wand geschleudert war. Seine rechte Hand war stark gequetscht. Ein echt

deutsches Gesicht. Er sprach auch deutsch; aber seine Sprache hatte den

Beiklang des Polnischen. Ich fragte ihn, während ich ihn verband: »Was

für ein Landsmann?« »Pole.« »Wo bist du her?« »Aus Schlesien.« »Wo da?«

»Aus der Gegend von Ratibor.« »Was war deine Mutter von Geburt?« »Eine

Deutsche.« »Dein Vater?« »Österreicher.« »Kerl, hast du Glück, dann

bist du ja ein Deutscher. Freust dich?« »Ja.« Seine Augen leuchten auf.

Etwas wie Zweifel liegt noch in seinem Gesicht. »Wer hat dir Karnickel

denn aufgebunden, daß du ein Pole bist?« »Der Pfarrer. Er sagt, ganz

Schlesien sei polnisch, alle seien wir polnisch. Deswegen dürften

wir auch nur polnisch sprechen.« »Und ich sage dir, ganz Schlesien

ist deutsch. Und ihr könnt stolz sein, deutsch sein zu dürfen, weil

ihr deutsch seid. Bekommt eine Stute junge Hunde, oder eine Hündin

Fohlen?« »Nein.« »Nun überleg' dir, kann der Sohn von einer deutschen

Frau eine Pole sein? Oder der Sohn von einem deutschen Vater?« »Nein.«

»Na also.« Nun leuchtet's ihm ein. Am andern Tage kommt er wieder zum

Verbinden. »Ei, da kommt ja mein Schlesier. Was bist du doch für ein

Landsmann?« »Ein Deutscher.« »Freust dich darüber?« »Freilich,« grinst

der Bursche und strahlt über sein ganzes Gesicht. »Und ich will's dem

Herrn Pfarrer schon klar machen.« Ob er's tut? Ob's was nützt? Aber

schlimm ist's, wenn diese Vertreter Christi auf Erden sich in die

Politik mengen. Eher könnte man eine Herde Wölfe in einer volkreichen

Stadt loslassen. Größer wäre der Schaden auch nicht. Was in aller Welt

hat das Evangelium der Liebe mit der Nationalität zu tun, mit der

Politik? Wölfe sind es, Wölfe in Schafskleidern, diese »Diener des

Höchsten«, blutgierige und macht- und ehrsüchtige Hetzer.

Noch ein Opfer des Sturmes in der Biskaya. Der 3. Maschinist war

bei dem starken Seegang mit dem Knie gegen die Treppe geschleudert.

Er mußte einige Tage das Bett hüten. In seiner Koje hing an der

Wand, sauber eingerahmt, unter Glas, eine weiße Atlasschleife,

augenscheinlich von einem Totenkranz stammend. Mit Schwarzdruck stand

darauf: Die Hilfskrankenkasse der Schlosser in treuem Gedenken ihrem

langjährigen Mitgliede Frau Eliese W. Ich fragte ihn nach der Bedeutung

dieses seltsamen Wandschmuckes. Die Schleife stammte von dem Kranz, den

die sozialistische Krankenkasse seiner Frau gestiftet hatte. Während

des Sommers trug er den Kasten mit der Schleife alljährlich auf das

Grab seiner Frau, während des Winters aber nahm er ihn mit in seine

Koje, da er auf dem Kirchhof bei dem schlechten Wetter zu viel gelitten

hätte. Und nun freue er sich immer auf den Winter, dann sei es in

seiner Koje noch einmal so gemütlich. Es sei ihm dann immer, als ob er

ein Stück von seiner verstorbenen Frau Liebsten noch bei sich habe. Und

was ich wohl meine, ob wohl an solchen Dingen ein bißchen Seele haften

könne. Ihm sei es manchmal, als ströme von der Schleife etwas zu ihm

hinüber, daß ihm ganz warm werde.

Geht's nicht allen so? Ist's nicht so? Gibt es irgend etwas, was

wirklich seelenlos ist, irgend etwas, was nicht Gedanken, Empfindungen

auslöst, zu uns spricht? Sagen wir nicht selbst, »dieses, jenes,

spricht uns an?« Ist es nicht tatsächlich ein Stück vom Leben, was an

dieser Schleife haftet, was sie beseelt? Die Dankbarkeit und Treue

der Freunde, die Erinnerung an die Liebe und Güte der Verstorbenen,

sind das wirklich nur tote Begriffe? Sind es nicht vielmehr lebendige

Kräfte, wie die Sonnenstrahlen, Kräfte, die andere Empfindungen

ausgelöst haben, die Taten ins Werk gesetzt haben? Oh, ich glaube, wir

sind nur so stumpf geworden im Gedränge des Alltags, so abgestumpft

und gehärtet, so unfähig zu feinem Empfinden und Genießen aller dieser

zarten, geistigen Dinge, -- eben durch unser vieles Genießen. Und hier

ein schlichter Mann in seiner kleinen Klause, der nur die Pflicht

kennt, sein Glück, was man so Glück nennt, früh ins Grab gesenkt,

allen Tand des Lebens von sich getan hat, -- er genießt mit stiller

Andacht die feinen Strahlen, die von dem Totenkranze der Geliebten

ausgehen, und damit zieht ihre Liebe, die Treue der Freunde und neues

Leben, neue Wärme in sein Herz. Bei Gott, -- ich wollte, ich könnte

unseren Reichen, unseren Gebildeten zeigen, wie arm sie vielfach sind

diesem Manne gegenüber, und wie reich das Leben ist an Schätzen, die,

ach, so viele verlernt haben zu genießen. Schätze, die sie vielleicht

nie gekannt haben. Schätze, deren Genuß ein ruhiges Herz, eine stille

Stunde, ein feines Horchen und Empfinden verlangt. Ich kenne euch,

wärmende Strahlen und grüße euch als vertraute Freunde. Bahn möchte ich

euch brechen, damit ihr wieder die Welt beherrscht mit eurer Wärme,

eurem Licht, und das Lärmende und Gleißende und doch so Kalte dieser

Zeit verdrängen helft.

* * * * *

Immer wärmer strahlte die Sonne. Das ganze Schiff schien von ihr

erfüllt. Auf dem Hinterdeck ging der rothaarige Kapitän aus Friesland,

die Pfeife im Munde, die Hände in den Hosentaschen, und wies mit

dem Kopf grinsend auf seinen Schützling, der, noch blaß von den

überstandenen Strapazen, sich wohlig in dem warmen Lichte reckte. Die

Matrosen dehnten und sonnten sich, während der Dampfer die immer blauer

werdenden Fluten flott durcheilte. Die junge Polin hatte ein reines,

leichtes Kleid angezogen und freute sich ebenfalls am Leben und am

Licht. Ich versuchte in freundlicher Weise auf ihre Seele einzuwirken,

allein sie entschlüpfte allen Fragen wie ein Aal. Und doch schien auch

ihr die Sonne, und auch sie wärmte sich an den warmen Strahlen. Sollen

wir Menschen nicht lernen von dieser Alliebe, die das All beherrscht

und die Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte?

Auf der Reeling hockte unser Schiffsjunge aus Finkenwärder, mein

blondlockiger Freund, und putzte die Messingbeschläge, an denen

sich Rost und Grünspan als Erinnerung an die Stürme der Biskaya

angesetzt hatten, gerade wie die Seele Rostflecken bekommt in den

Schicksalsstürmen des Lebens.

Halb wehmütig, halb schelmisch, wohl denkend, den Sturm hätten wir

erst einmal wieder überstanden, sang er ein altes Volkslied aus seiner

Heimat. Sein Schatz hatte es ihm wohl dort beim Abschied vorgesungen.

Nun dachte er ihrer und zauberte sich ihr Bild, indem er ihr

Lieblingslied sang.

Auch unsere anderen in Antwerpen an Bord gekommenen Mitreisenden

freuten sich der leuchtenden Wärme. Selbst dem finsteren Balten schien

ein Strahl seinen Gram ein wenig aufhellen zu wollen.

Der Weinhändler aus Bordeaux, der ostpreußische Delegierte vom

internationalen Gastwirtetag und unsere beiden Magyaren saßen mit müden

Gesichtern auf der Schattenseite des Schiffes, jeder ein großes Glas

Pilsener vor sich, wegen der Hitze. »Wissen Sie,« hörte ich ohne zu

wollen den Weinhändler mit Emphase ausrufen, »hier auf dem Meere kommen

einem die großartigsten Gedanken. Wir alle, die wir an möglichst großem

Konsum der mit Recht so beliebten Getränke beteiligt sind, sollten uns

zusammentun, um dieser albernen sogenannten Menschenfreundlichkeit,

von der auch unser Doktor angekränkelt ist, den Garaus zu machen.

Ich habe in Hamburg einen Freund, einen großen Spiritusfabrikanten,

der wird Feuer und Flamme sein, wenn ich dem unsern Plan vortrage.

Dieser verdammte Humanitätsdusel.« »Ja,« grunzte der Ostpreuße in

seinem Bierbaß, »mit dem Wort haben Sie recht. -- Wissen Sie, was

der Doktor neulich sagte, als ich ihm seufzend vorrechne, was wir

Besitzenden, die wir doch die Säulen des Staates sind, an Beiträgen für

die verfluchten Arbeiterversicherungen in Deutschland zahlen müßten?

-- Das wäre unsere nackte Pflicht und Schuldigkeit und Bismarcks

größtes Verdienst, daß er diese Versicherungen gegen den Willen der

Mächtigen durchgesetzt hätte. Wissen Sie, was ich ihm am liebsten

geantwortet hätte? -- Se. Majestät hätte am klügsten getan, Bismarck

vor Erfindung dieser Arbeiterversicherungen den Laufpaß zu geben. War

entschieden Humanitätsdusel aus beginnender Altersschwäche. Äh, -- sehr

guter Schnack, nicht? Na, über Bismarck nichts Übeles: denn wissen

Sie, was auf diesen Bismarck-Kommersen gesoffen wird, -- meinetwegen

könnte es zehn Bismärcke geben; -- äh, muß selbst über meinen Schnack

lachen.« Der Weinhändler lachte heiser mit und sagte: »Kommt von der

Seeluft, macht so witzig, -- haben aber vollständig recht. Großartig,

was der Patriotismus unsereins einbringt. Freilich sollen wir die

Geistlichen, die Ärzte und die Lehrer auch warm halten, denn die

Kerls sind maßgebend in Deutschland und trinken gern akademisch bis

in ihr Alter weiter, wie sie es auf der Universität gelernt haben.

Aber der Patriotismus ist die Hauptsache, denn wenn der Deutsche

patriotisch wird, dann säuft er. Muß Ihnen aber doch mal erzählen,

-- genialer Streich, -- wie ich vor längerer Zeit mal etwas schlappe

Champagnermarke auf den Markt brachte. Fabrikant zahlte ausgezeichnete

Prozente. Lag mir viel daran, dem Manne einen Gefallen zu tun.

Stiftete einfach Offizierskasino zwei Dutzend Flaschen ›zum Wohle Sr.

Majestät.‹ Seitdem beständig Nachbestellungen. Habe nun ganze Reihe

von Kasinos, wo ich's ebenso mache. Nenne das patriotischen Sekt.

Geschäftsspesen. Rentieren sich großartig.« »Wissen Sie,« tönte der

Baß des ostpreußischen Gastwirtsvertreters, »ähnlich geht es uns mit

den Kriegervereinen. Ist das beste Geschäft von allen. Fahnenweihen,

Stiftungsfeste, Sedan, Kaisers Geburtstag, Komiteesitzungen,

Schießabende, Tanzkränzchen, na, usw. -- alles bringt Geld in unsere

Kassen. Die Wirte müssen natürlich mit im Verein sein, lieber nicht

im Vorstand, fällt zu sehr auf. Was die Bande wegtrinkt an diesen

Festen, -- wundervoll, sage ich Ihnen. Wäre eigentlich Hauptspaß, auf

dem internationalen Gastwirtetag Komitee anzuregen zur internationalen

Ausnutzung des Patriotismus seitens des Wirtsgewerbes.« Allgemeines

Gelächter belohnte den sinnlosen Schnack.

Voll Ekel über diese Gesellschaft wandte ich mich wieder der

Sonnenseite des Schiffes zu und trank mich satt an der Sonne, bis sie

sank.

* * * * *

In einen märchenhaft zarten, blauvioletten Schleier gehüllt, tauchten

von fern die Bergketten der spanischen Küste auf, die Ciousfelsen, die

den Eingang zum Hafen von Vigo bilden. Donnernd brechen sich an den

schroffen Klippen auf beiden Seiten der engen Einfahrt die Wogen.

Inzwischen ist die Nacht herabgesunken. Nur äußerste Vorsicht kann das

Schiff ungefährdet in den Hafen bringen.

Aber nun sind wir in der Bucht und gehen vor Anker. Die erste ruhige

Nacht seit unserer Abreise aus der Heimat.

Im ersten Morgengrauen erhob ich mich. In weitem, sanftem Bogen rahmen

Bergketten das Meer ein. In liebliches Grün eingebettet liegt die

Stadt. Noch ruht die Welt in morgendlicher Stille. Vereinzelt blinken

sogar noch Lichter in den Fenstern. Aber der Nebel hebt sich. Leuchtend

bricht im Osten die Sonne durch. Nun beginnt es am Ufer zu leben.

Dampfpinassen und Boote stoßen vom Lande ab. Plötzlich wimmelt das Meer

von Fischerbooten, die, wie große Möwen, mit weißen, geblähten Segeln

schnell und sicher die Wogen durchschneiden.

Mit flotter Wendung legt sich eine große Schaluppe längsseits an unser

Schiff, so daß sein Rumpf das Fischerboot gegen die Blicke vom Land

her verbirgt. Das Segel fällt. Hoch aufgerichtet steht der Kommandant

auf Deck und reckt den Hals auf unser Schiff. Da sieht er die beiden

Zollwächter, die mit aufgepflanztem Bajonett gravitätisch auf unserem

Schiff auf und nieder promenieren. Zum Glück sind es Bekannte. Er

nickt ihnen zu, sie nicken wieder. Ein Tritt mit dem Fuß, und Tauwerk

und Netze, welche die Falltür zur Kajütentreppe bedecken, fliegen zur

Seite. Vorsichtig wird der Deckel gelüftet. Ein Kopf wird sichtbar,

saugt gierig die frische Morgenluft ein, fragt nach oben, gibt das

gehörte Ja nach unten weiter und heraus quillt's, als ob man von einem

Korb mit Aalen den Deckel lüftet; braune Gestalten, der eine strahlend,

jener keck, dieser schelmisch, ein anderer ängstlich, der frech beinah,

jeder Gefahr spottend, die im engen Gelaß steif gewordenen Glieder

reckend; und nun wie die Katzen vom Boot an der Strickleiter auf unser

Schiff hinauf. Oben empfängt sie der Kommandant. Er stellt sie in Reih

und Glied, zieht gravitätisch eine Rolle aus der Tasche und ruft die

Namen auf. Dann zählt er noch einmal nach, geht zum Zollsoldaten und

meldet 37. »Nein,« erwidert der Spanier, »es sind 38.« Der erstere

beteuert die Richtigkeit seiner Zahl. Hier sei die Liste. Dort stehen

die Leute. Es stimmt. -- Schmunzelnd steckt der Soldat die Handvoll

Silbermünzen in die Tasche. Ein Pfiff, und jauchzend fliegen die

braunen Burschen vom Achterdeck über das Promenadendeck nach vorn -- in

die Arme ihrer Frauen, ihrer Liebsten.

Während die Schaluppe auf der einen Seite unseres Schiffes anlegte, um

diese spanischen Deserteure heimlich einzuschiffen, war auf der dem

Land zugekehrten Seite des Schiffes Boot um Boot mit Frauen und Kindern

angekommen, mit Kisten und Kasten, mit Ballen und Körben. Nun fanden

sich die Paare jubelnd zusammen.

Ich trat auf den Posten zu und redete ihn auf spanisch an, es sei doch

unverantwortlich, um schnöden Geldes willen diese Leute dem Dienste

fürs Vaterland zu entziehen. Da zuckte er lachend die Schultern und

meinte: es sei ja doch nur Schund. Nein, es war kein Schund! Fixe,

tüchtige Kerle waren es, sehnig, in Arbeit hart geworden, aber sie

wollten Freiheit, Land, Arbeit und den Ertrag ihrer Arbeit, sie wollten

lieben, und die Frucht ihrer Liebe wollten sie gedeihen sehen. Oh, ich

verstand sie nur zu gut. Daheim? Da war es auch schön. Aber das Land

gehörte den großen Herren. Und wollte man arbeiten, dann galt's für

die, und für einen selbst blieb nichts nach. Nein, den eigenen Acker

wollten sie bebauen, und wenn es noch so heiß, noch so mühsam sei. Aber

was durch ihren Schweiß wuchs, das sollte auch ihr Eigen sein. Das

wollten sie. Und deswegen kehrten sie ihrer schönen Heimat den Rücken.

War es nicht bei uns das nämliche Lied? Die eigene Scholle! Nur so

groß, daß man sich ordentlich müde darauf arbeiten könnte und satt

werden, selbst und die Seinen, -- nicht mehr. Aber was darauf wuchs,

ganz mein, mein Schweiß, meine Frucht. Und wenn Kinder kamen, so mußte

Platz auch für sie sein, Luft, Licht, Boden, Frucht und Brot. Nur

nicht die ewige, entsetzliche Angst, -- um Gotteswillen, wovon soll

es satt werden, das, was noch gar nicht geboren ist? Vor allem Elend

ringsum ist der Sonnenschein des Wortes von den Lilien auf dem Felde

der Menschheit verloren gegangen, -- als ob kein Platz mehr für die

Menschen auf der Erde sei! -- --

* * * * *

Schon durchfuhren wir vorsichtig steuernd das enge Felsentor des

Hafeneinganges, im Hintergrunde verschwindet das liebliche Panorama,

-- die Heimat unserer Auswanderer. Wehmütig sitzen die Männer da,

leise weinend die Frauen. Wie wird es werden? Werden wir dich wieder

sehen, Land unserer Väter, dich, schönes Spanien? Selbst die Kinder

scheinen angesteckt von der Wehmut der Eltern und lassen die Köpfchen

hängen, wie Blumen, denen das Lebenslicht fehlt. Ich bringe den Kleinen

Apfelsinen und Kuchen von unserer Kajütstafel, spreche den Männern Mut

zu; die Frauen lachen, da sie die Freude der Kinder sehen. Nun kommt

neues Leben in die Gesellschaft. Wie sie erst sehen, daß sie selbst

hier auf dem Schiffe als Menschen gelten, da überkommt sie ja wohl

das Gefühl: das warme Sonnenlicht, das in der Heimat uns die Früchte

reifte, wird uns auch in der Ferne nicht verlassen!

Mich aber durchflutet es heiß, wie ein glühender Wunsch:

Ich möchte die Sonne sein,

Die alle Seelen auf Erden wärmt,

Wo immer ein Herz im Busen sich härmt, --

Die Sonne möchte ich sein!

Ich möchte die Sonne sein. --

Ich gönnte wohl jeder Erde den Mond!

Doch, die Wärme spendend am Himmel thront,

Die Sonne möchte ich sein!

Ich möchte die Sonne sein,

Die die Welt erfüllet mit Liebesglut,

Zum Leben erweckend, was licht und gut, --

Die Sonne möchte ich sein!

In ruhiger Fahrt fuhren wir an Spaniens Küste entlang. Auf den

Bergketten hoben sich scharf vom blauen Himmel in langen Reihen die

dunklen Silhouetten alter Pinien ab, die wie Wächter den Kamm des

Gebirges hüteten. Mir schienen es Mahner. Wo sind die Wälder geblieben,

von denen die einzelnen Stämme traurige Reste bildeten? Hatte hier

die Habsucht die Axt geführt, wie überall, wohin Romanen den Fuß

setzten? Hatte hier sinnlose Gewinnsucht die Berge entwaldet? Wie die

Italiener ihre Berge in den weiten Gebieten, die einst in unerhörter

Fruchtbarkeit die Kornkammern der Welt genannt wurden, und die nun zum

Teil in trostloser Dürre daliegen? Und weiter schweifte mein Geist

nach Palästina, wo die Entwaldung der Berge das Land in eine Wüstenei

verwandelt, von dort nach Mexiko, wo die Barbarei der Spanier vor

Jahrhunderten den Wald ausgerottet und das reiche fruchtbare Land

der Azteken zum Teil in öde Steppen verwandelt hatte. Voll Sorge

dachte ich an das schöne Schweden, wo in ähnlicher Weise die Raffgier

fremder Kapitalisten beginnt, skrupellos den Wald zu lichten; dachte

frohlockend an Deutschlands sorgsam gehegte Forsten, an Dänemarks

treue Arbeit am Kattegatt, wo seit Jahrzehnten liebevolle Sachkenntnis

den öden Dünen herrlichsten Wald entlockt hat, der nun das dahinter

liegende Land vor der verheerenden Wucht der Meeresstürme schützt, so

daß der dänische Bauer hoffnungsfroh sein Korn in den Acker senkt. Aber

hier? -- Wie fruchtbar müßte dieses Land sein, wenn der Wald das Wasser

auf den Bergen hielt, um es von dort den tiefer gelegenen Ländereien

als befruchtendes Element mitzuteilen. Wie viel tausende glücklicher

Familien könnten hier wohnen, Korn, Trauben, Früchte aller Art bauend,

sich und der Menschheit zum erquickenden Segen.

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 9 / 39 题