* * * * *
Das war ein wunderlicher Traum! Erst das Kaiserdiner und dann der
Disput mit der Geistlichkeit. So schwer habe ich lange nicht geschlafen
und geträumt.
Ich stand am Säuleneingang eines hohen Tempels. Mir zu Füßen war eine
Riesentafel gedeckt. An ihrer Spitze saß der Kaiser, umgeben von seinen
Generälen in goldblitzenden Uniformen, von Prälaten und Bischöfen,
Ministern und Räten, dann kamen die Ratsherren, die Gelehrten, und
unten drängte sich in endloser, bunter Reihe das Volk. Es ging hoch
her. Trinksprüche wurden ausgebracht, Hurra gerufen, der Jubel wollte
kein Ende nehmen. Der Sekt am Kopf der Tafel floß in Strömen, bei
andern Gruppen der Wein, lange Reihen saßen beim schäumenden Bier, und
die grölende Menge, weil ihr Beutel für Wein und Bier nicht ausreichte,
stürzte Gläser voll Branntwein in sich hinein. Und nicht lange dauerte
es, da begann da unten am Tisch ein Schreien und Streiten; Messer
wurden gezogen, Blut floß, und mehr als einer sank tödlich getroffen
unter den Tisch. Aber die Tafel war so lang, daß sie oben nicht
hören noch sehen konnten, was unten geschah. Da aber das obere Ende
des Tisches höher lag, sahen die unten Sitzenden wohl, wie die oben
Sitzenden schmausten und pokulierten. Aber die silbernen Schüsseln mit
den Pasteten und Fasanen kamen nicht bis zu ihnen, -- und je mehr sie
tranken, desto kleiner waren die Schüsseln, die zu ihnen gelangten, ja,
schließlich kam nur ab und zu eine trockene Brotrinde von oben nach
unten heruntergereicht. Dann murrten die Zechenden wohl. Doch vergaßen
sie über den Trunk die trockene Rinde.
Und um die Bier und Schnaps zechende Menge drängte sich ein blasses
und hungriges Völklein, elende Kindlein und gramgebeugte Frauen, --
die zupften hin und wieder wohl leise die trinkenden Väter und Gatten
von hinten am Rockärmel und flehten, sie möchten doch mit nach Hause
kommen. Der eine oder andere erhob sich auch und schlich sich leise
mit den Seinigen fort; andere nahmen seinen Platz ein; für jeden, der
ausschied, waren drei frische Trinker da.
Aber halt, was war das? Bald erblaßte hier ein Bischof, dort ein
General, -- zwei verglaste Augen, -- ein Toter sank unter den Tisch,
-- bald dort ein Rat, der noch eben eine Flasche Sekt geleert, -- dort
einer, der schon längst Grimassen, wie vor Schmerzen, schnitt, -- --
die Opfer des Gelages, des Trunkes! -- Einer nach dem anderen sank
unter die Tafel. Ein kurzes Verwundern, -- schnell schloß sich wieder
die Reihe der Zechenden und Schmausenden.
Aber allmählich, -- der Kaiser stutzte, als ob ihn etwas schüttelte,
-- eine Unruhe, ein Zittern durchlief die Gesellschaft, -- ein
durchdringender Geruch, wie von Leichen, erfüllte den Saal, -- da hob
der Kaiser den Zipfel des Tafeltuches empor, schaute unter den Tisch
und sprang auf: er hatte die Tausende von Opfern seiner Tafelrunde
erblickt, die unter dem Tische verwesten.
Hoch aufgerichtet stand er da. Klirrend stieß er sein Schwert auf
den Boden. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll hoch, seine Augen
funkelten, und wie Donner klang seine Stimme: »Warum verschwieg man mir
dies?« -- Wie erstarrt hielt er inne, alles lauschte.
Während des Gelages hatten die wenigsten beachtet, daß unablässig
eine Schar von Männern und Frauen sich an die Reihe der Trinkenden
heran machte, und wo sie sahen, daß einer in Gefahr war, durch das
taumelerzeugende Gift zu erkranken, ihm winkten. Und manch einer stand
auf und folgte ihnen. Und mit seltsamen, frommen und frohen Gesängen
geleiteten sie ihn über die Brücke, die hoch im Bogen im Hintergrunde
der Tafel in selige Gefilde führte. Und Scharen von Geretteten
überschritten sie, und Reihen von Rettern und Helferinnen zogen singend
an ihnen vorüber, aufs neue ihr Werk an der Tafel zu tun.
Sprachlos schaute der Kaiser dem Treiben zu. Der Zorn wich aus seinem
Antlitz. Tiefer Ernst legte sich um seine Züge; -- um viele Jahre
reifer schien er plötzlich geworden; -- dann aber, festen Schrittes,
das Haupt geradeaus der Brücke zugewandt, als wollte er den Lärm der im
Zechen Gestörten nicht hören, schritt er dem Zuge der Singenden nach,
hinüber über die Brücke! Da erhoben sich viele und eilten ihm nach. Nur
ein Rest blieb sitzen und trank weiter, bis auch die letzten unter die
Tafel sanken, zu denen, die da schon moderten.
Plötzlich entstand eine Flamme, blitzschnell zu loderndem Feuer
entfacht, -- sie verzehrte die Tafel, die Zecher und die Leichname, --
und erlosch -- und ungetrübt schaute mein Blick von des Tempels Stufen,
auf denen ich stand, hinüber in die Gefilde der Seligen.
Da wachte ich auf.
* * * * *
In der Generalversammlung vom Bauverein meldeten sich zwanzig Genossen
für die neuen Häuser am Walde. Jeder will eins haben. Es ist aber auch
ein schönes Stück Land dabei und viel Sonne. Und ein Duft von Tannen!
Es ist schier zum Gesundwerden. Aber das blasse Weib aus der Stadt, dem
die Kinder in der Kellerwohnung gestorben waren! Sie sind eben erst
eingetreten in den Verein, haben noch kein Anrecht. Es ist gegen die
Statuten. Was mache ich nun? Da erzählte ich den Genossen, wie sie es
mir gesagt hat, und ich weiß, es ist alles wahr. Aber schließlich kann
ich nicht weiter. Mir läuft es naß über die Backe. Die Stimme will
nicht weiter.
Ja, -- was ist los? Alle zwanzig wollen zurücktreten. Kinder, -- eine
Wohnung brauche ich nur. Da erhebt sich ein wohlgenährter Brauer und
sagt bestimmt und gutherzig: »Mir macht's nichts. Ich kann in meiner
Wohnung gern noch ein Jahr wohnen bleiben. Für mich lost der Neue!«
Ich gehe zu ihm hin und schüttle ihm die Hand. Es ist ganz still. Dann
losten die anderen. -- Der Mann mit der blassen Frau hat sein Haus am
Wald.
Das sind nun die gefürchteten und gehaßten Sozialisten. Kinder sind es.
Mir ist zum Weinen, und doch bin ich so froh, daß ich am liebsten hell
lachte.
* * * * *
Wenn's nicht so bitter ernst wäre, -- zum Lachen wäre es! Heute mittag
zum Fischereikongreß in die Stadt hinein. Es war das reine Theater.
Wirklich dramatisch war es.
Ich sollte auf Wunsch des Vorsitzenden einen kurzen einleitenden
Vortrag über die Folgen der Flußverunreinigung für die Fischzucht
halten. Kaum hatte ich geendet, erhoben sich die Gegner. Aber nicht
mehr mit den früheren billigen Einsprüchen: die Schiffsschrauben
bewirkten durch die Wasserbewegung eine Sauerstoffanreicherung des
durch die Fäulnisprozesse an Sauerstoff verarmten Elbewassers. Das
hatte ein alter Apotheker ausgeklügelt. Und wütend waren die Herren
geworden, als ich ihnen in der Presse spottend vorwarf: das bißchen
Schiffsverkehr könnte den Schaden, den die Kloakenwässer der Elbe
zufügten, wohl nicht wettmachen. -- Hamburgs Welthandel, -- und den
nannte ich »das bißchen Schiffsverkehr!« Nun natürlich doch nur im
Verhältnis zu der Menge des Elbewassers und des Schmutzes, den die
Hamburger ihrem Trinkwasser zusetzten.
Dann kam der gelehrte Herr Professor und wollte den Herren Kollegen im
ärztlichen Verein, nachdem ich meinen Vortrag über meine Untersuchungen
des Flusses und seiner Ufer gehalten und ihnen den ganzen Schmutz +ad
oculus+ demonstriert hatte, mit Pathos weismachen: Die Möwen mit
ihren Augen, die schärfer sähen, als die der Menschen, fischten den
Unrat aus der Elbe wieder heraus.
Aber da kam er schön an. Den Unsinn ließen sie sich doch nicht
vorschwätzen. So wurde denn getrampelt und gezischt.
Aber heute war's bitter ernst. Sie hatten sich jetzt einen
»Spezialfachmann« herangebildet, um zu beweisen, »daß die Elbe
rein sei, und all der Schmutz aus ihren Kloaken die Elbe nur in
dankenswerter Weise -- dünge!« Der Herr fischte tagaus tagein auf
Infusorien, und da die Infusorien Fischnahrung bilden, und die Elbe
infolge von all der faulenden Substanz sehr reich, ja schier überreich
an Infusorien ist, so mußte die Elbe schier überreich an Fischen sein.
Und Inspektor Meier und Schulze, die von auswärts kamen, die haben es
auch gesagt und haben sehr viel Weißfische gefangen. Und alles, was ich
geschrieben hätte, sei Phantasie und stamme vom grünen Tisch.
Schon wollte ich antworten, da kam unerwartet Hilfe: ein Fischer nach
dem anderen stand auf: »der grüne Tisch sei auf der anderen Seite.
Recht habe ich: die Laichplätze seien vergiftet und verschlickt durch
den Kloakenschmutz, die Fische, vor allem der Lachs, könnten nun nicht
stromaufwärts wandern wegen des verpesteten Wassers, und im heißen
Sommer stürbe durch die Fäulnisprozesse die junge Brut zu Tausenden und
Abertausenden. Und ihnen, den Fischern, ginge es ans Portemonnaie. Und
wenn die Elbe dreimal von Infusorien wimmele.«
Und dann kamen sie an, bieder und kernig, und schüttelten mir die Hand.
Das tat wohl.
Ich wollt', ich könnte den Kaiser selbst einmal an seiner geliebten
Elbe spazieren führen und ihm persönlich den Schweinekram
demonstrieren. Sonst kriegt er es doch nicht zu sehen! -- Herr
Gott, wenn der wüßte, was die Hamburger Herren ihm in seinem Kaffee
und seiner Bouillon vorsetzen, wenn er in Hamburg zu Gast ist, --
verdünnte Abtrittsjauche hat schon vor zwanzig Jahren der verstorbene
große Pettenkofer das Elbewasser genannt, -- und der mußte es doch
wissen! -- und wenn's auch filtriert und mit Grundwasser verdünnt ist,
-- es bleibt, was es ist! -- Daß sich aber alle die Tausende reicher
Leute in Hamburg und Altona eine derartige Schmutzerei tagtäglich
gefallen lassen, wo sie doch sonst so peinlich sauber mit ihrem Essen
und Trinken sind, das ist mir ein psychologisches Rätsel. Vielleicht
kommt es daher, weil sie diese heillosen Zustände von Kindesbeinen auf
gewohnt sind. Vielleicht fürchten sie auch, etwas mehr Steuern zahlen
zu müssen. -- Pfui Deubel aber, -- begreifen kann ich es doch nicht.
Wie bin ich dankbar, daß ich für mein Haus meinen schönen Brunnen habe!
* * * * *
In Mörchingen sind nach der amtlichen Statistik 30 Prozent der Garnison
syphilitisch.
Mein Kaiser, schläfst du, daß du nicht weißt, wie es in deinem Heere
hergeht?
Nach der amtlichen Statistik sind 25 Prozent der Marine syphilitisch,
8 Prozent vom Landheer! Und die Zahlen werden in den öffentlichen
Blättern gedruckt, und die Stammtischphilister lesen sie mit Grinsen
und pharisäerhafter Entrüstung.
Wer aber treibt die Söhne unseres Volkes, wenn sie als Soldaten ihrer
Pflicht gegen das Vaterland genügen, in die Bordelle? Der Schnaps, das
Bier, der Wein, bei den Einjährigen und Offizieren außerdem der Sekt.
Mein Kaiser, -- ich weiß ein Mittel. Kein Erlaß, kein Armeebefehl,
kein Verbot, keine Rede kann so wirken, als wenn du mit der Tat
voraufgingest! Leb enthaltsam, und du rettest Hunderttausenden
deutscher Eltern ihre Söhne, dir und dem Vaterlande Hunderttausende
tüchtiger Soldaten! Du säest in unzählige Familien, in unabsehbare
Generationen, die sonst von Siechtum verzehrt würden, Kraft und
Gesundheit. Du hebst den Sinn für Wissenschaft und Kunst in deinem
ganzen Volke, du hebst unsere ganze Kultur, -- aber die Philister am
Stammtisch werden dir grollen, und die Brenner und Brauer und die Wirte
werden dir fluchen.
* * * * *
Es gibt offenbar Wissenschaften, die beharrlich stehenbleiben,
anstatt sich weiter zu entwickeln. Das sind vorzugsweise diejenigen
Wissenschaften, deren Betätigung vorwiegend abhängig von den
Charakteren ist, die ihre Träger sind. Und da die Charaktere der
Menschen sich seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden
nicht geändert haben, sofern es immer schon Sanftmütige und Heftige,
Bescheidene und Anmaßende, Demütige und Hochmütige gab, so ist es
wohl kein Wunder, daß gerade diese Wissenschaften in all der Zeit
kaum fortgeschritten sind. Dahin gehört vor allem die Pädagogik. Das
fiel mir ein, als heute morgen die kleine Doktorswitwe mit ihrem
zehnjährigen blonden Krauskopf zu mir kam, dem der Oberlehrer B. mit
der Faust einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Warum? -- Weil der
Junge die Luftklappe geschlossen hatte, ohne dazu befugt zu sein. »Es
habe auf seinem Platze so gezogen.« Ich versprach der braven Mutter,
die ihren Jungen vortrefflich erzieht, selbst zu dem Lehrer zu gehen,
um solchen Vorkommnissen vorzubeugen. Ich kannte den schneidigen
Oberlehrer, der sich sehr viel auf seinen Reserveleutnant zugute
tut, seit Jahren schon als einen jähzornigen, bildungsbedürftigen,
von sich übermäßig eingenommenen Herrn. So ging ich denn gleich auf
den Kern meines Besuches ein und sagte ihm, ich käme wegen einer
pädagogischen Eigentümlichkeit von ihm, deren Begründung zu erfahren
mir als Psychologe interessant sei. Er meinte, er wüßte nicht, --
worauf ich ihn kurzerhand fragte, wie er psychologisch oder pädagogisch
wissenschaftlich seine Erziehungsregel begründete, die Jungen mit
der Faust ins Gesicht zu schlagen. Er errötete, stotterte etwas
von Übertreibung, worauf ich aufstand und ihm empfahl, die beiden
mitgebrachten Bücher zu studieren: Försters Erziehungslehre, von dem
ausgezeichneten Pädagogen in Zürich, und Gottfried Kämpfer, eine
Herrenhuter Erziehungsgeschichte, aus der jeder Pädagoge lernen kann,
wie er es nicht, und wie er es machen soll. Ich würde mich freuen, wenn
er mir an einem der nächsten Sonntagnachmittage zur Kaffeestunde die
Bücher wiederbringen wollte.
* * * * *
Wie hat Bismarck doch so schön gesagt? »An seinen Geheimräten wird
Deutschland noch einmal zugrunde gehen.« -- Es ist zu fidel: seit
Jahren haben meine Freunde und ich immer wieder darauf hingewiesen in
Dutzenden von Publikationen, daß ebenso wie die Flüsse, die Meere allen
Unrat, alles Tote an ihren Ufern absetzen, um sich rein zu halten, --
jeder Geheimrat kann's beobachten, wenn er in seinem Sommerurlaub ins
Seebad reist, -- nichts hat's genutzt: ertrinken da in einer Sturmnacht
oben im Schleswigschen an die achthundert Rinder. Als bei der Regierung
telegraphisch angefragt wird, was sie mit den achthundert Kadavern
machen sollen, telegraphiert irgend ein kluger Herr zurück: ins Meer
damit. Dabei ist in Kiel eine große Kadaververwertungsanstalt! Und
achthundert Rinder haben doch wahrlich einen respektablen Wert an Fett
und Knochen und Fleisch zu Dung- und Futterzwecken aller Art. Allein
der grüne Tisch kommandiert »ins Meer«, -- also ins Meer. Aber siehe
da, -- alsbald speit das Meer die Kadaver ans Land, jetzt heißt es,
schleunigst die verwesenden Teile sammeln und beerdigen, um Seuchen
vorzubeugen; und nun hat man zu den Extrakosten noch den Hohn und Spott
zu tragen.
Ja, ja, die Unfehlbarkeit ist ein eigen Ding!
* * * * *
Heute wurde ich eilends zur Brauerei gerufen. Einem der Heizer war ein
schweres Kohlenstück auf den Fuß gefallen. Nachdem ich ihn verbunden
und gelagert hatte, -- auf der Pritsche unten im Heizkeller neben den
Dampfkesseln, -- kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Krankenwagen
war bestellt, um ihn ins Krankenhaus zu fahren. Ich mußte noch seine
Personalien aufnehmen wegen der Meldung an die Berufsgenossenschaft.
Er war bekannt als einer der Hauptsozialisten auf dem Platz. Ein
tüchtiger Arbeiter, nüchtern, riesenstark. Ich fragte nach seinen
Familienverhältnissen. Sieben Kinder. Er hatte ein Haus vom Bauverein
bekommen. Nun ging's ein wenig besser. Er hatte doch nun wenigstens
einen Keller und einen Schweinestall und einen Garten. So konnte in
der kleinen Wirtschaft alles verwertet werden. Jeder Pfennig schlug zu
Buch. Die Milch und Fleischreste, die früher verdorben waren, -- sie
konnten im Keller bis zum nächsten Tage geborgen werden. Die Abfälle
bekam das Schweinchen. Der Mist düngte das Land. Das war Gewinn. Aber
es kneift doch arg mit der Miete bei sieben Kindern; die putzen was
weg. Und Kleider und Schuhe sollen auch da sein. Die Frau kann nicht
mehr vom Hause fort, -- der Jüngste bedarf der Mutter, -- und dann
die Krampfadern an den Beinen von den Wochenbetten. Ja, -- wenn er
noch einen kleinen Handel würde anfangen können, eine kleinere Hökerei
im Hause, der die Frau von der Küche aus vorzustehen vermöchte. Ich
versprach zu tun, was möglich sei.
Dann fragte ich ihn, warum er Sozialist geworden sei. Da erzählte
er, wie er als Bergmann in den Steinkohlengruben gearbeitet habe,
in Schlesien, im Ruhrgebiet, in Gruben, die in Privatbesitz und in
solchen, die fiskalisch waren. Fast überall seien die Bergleute von
den Vorgesetzten gedrückt, oft übers Ohr gehauen, und wenn sie sich's
merken ließen, schikaniert worden bis aufs Blut. Die polizeilich
vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln seien oft nicht getroffen gewesen.
Habe einer sich beschwert, sei er als Nörgler gebrandmarkt worden und
Schikanen und Härten seien ihr Los gewesen. Um die Frage, wie die
Arbeiter hausten, habe kein Mensch sich gekümmert, ob sie mit dem
Lohn auskämen, noch viel weniger. Aber Kantinen und Wirtshäuser seien
massenhaft dagewesen. Denn die Grubenbesitzer seien oft auch selbst
Besitzer von Brennereien, und wenn sie nicht, ihre Freunde. So habe
das Geschäft doppelt geblüht: einmal habe die Kohle, die der Bergmann
mit Gefahr seines Lebens aus den Tiefen der Erde heraushole, die
Herren reich gemacht, -- dann aber sei der karge Lohn, den die Herren
dafür zahlten, zu einem guten Teil für Schnaps, den sie den Leuten
verkauften, wieder in ihre eigenen Taschen zurückgeflossen. Gerad wie
die Engländer es mit den Kulis, Hottentotten und Abenteurern in den
Diamantgruben und Bergwerken in Südafrika machten. Und weil er die
anderen vom Trinken abhielt, wurde er als unruhiger Kopf notiert und
erfuhr die üblichen Schikanen. Daher der Groll und die Verbitterung
unter den Leuten. Daher das Gefühl, daß von diesen Zuständen nur
Befreiung möglich sei, wenn alle zusammenhielten. Früher sei es anders
gewesen. Da habe jeder Bergmann sein Häuschen gehabt. Schnaps sei kaum
ins Revier gekommen. Der einzelne Besitzer habe getan, was er konnte,
habe jeden Bergmann gekannt, für jeden ein Herz gehabt. Aber nun!
Seitdem die Aktiengesellschaften da seien, kümmere sich kein Mensch um
die Arbeiter, und die ausrangierten Unteroffiziere, die als Aufseher
angestellt würden, trügen den Kasernenhofton auf die Arbeitsstätte. Und
das halte kein Mensch aus. Und dann das Saufen! Bei solchem Leben würde
der Beste zum Vieh. Da sei er abgewandert, und trotzdem, daß er es
sich sauer genug hier werden lassen müsse, wolle er's in seinem Leben
nicht besser haben. Er sei völlig zufrieden. Nur die kleine Hökerei,
-- die hätte er zu gern. »Ja, aber, -- wenn er so zufrieden sei, warum
er dann noch Sozialist wäre?« »Nicht für mich, Herr Doktor, können's
mir glauben,« -- und sein Gesicht leuchtet so ehrlich, -- das lügt er
nicht, -- »ich krieg's in Bebel seinem Zukunftsstaat nicht um einen
Deut besser, als ich's jetzt hab' -- aber ich denke an die anderen,
da in den großen Städten, in den Gängevierteln, an meine früheren
Kameraden, die noch in den Bergwerken sich abschinden und nicht
herauskommen aus ihrem Elend, -- ein Hundsfott wär ich, wenn ich die
vergessen wollt'.«
Der Krankenwagen kam. Er wurde hineingehoben. Ich mußte eilends zur
Sprechstunde. In meinem Ohr klingt immer noch sein: »ein Hundsfott wäre
ich, wenn ich die vergessen wollt'!«
* * * * *
Was für naive Menschen sind doch diese Theologen. Da glauben sie immer
noch, daß mit der Taufe und der Konfirmation der Mensch etwas Neues,
Bestimmtes geworden sei, -- und ist doch nichts von alledem, sondern
er ist und bleibt ein Werdender und Wachsender, der, wenn er gesund
ist und bleibt, sich durchringt zur Erkenntnis dessen, was Geist
bedeutet. Als der Pastor heute beim Abendmahl sein: »Das ist der Leib
Christi« sprach, -- da wollt' ich in dem Augenblick wahrhaftig lieber
Reformierter, als Lutheraner sein. Denn lediglich als symbolische
Handlung hat Christus das Abendmahl doch eingesetzt! Warum also diese
Verdrehung der Tatsachen? Warum in aller Welt diese ganzen Dogmen,
die auf den verschiedenen Konzilien von den Päpsten und den Parteien
zusammengeschroben sind, als ob es sich um Paragraphen irgend eines
menschlichen Gesetzbuches oder um Abmachungen eines Geschäftes handelte?
Seht ihr Männer auf der Kanzel denn nicht, daß das Volk nicht nur
der Kirche entfremdet ist, -- aber wohlvermerkt das ganze Volk, mit
Ausnahme einer kleinen, noch gläubigen Gemeinde, -- das ganze Volk,
arm und reich, gebildet und ungebildet, weil es an eure Dogmen nicht
mehr glauben kann und glauben will? Und weil es an eure im Laufe der
Jahrhunderte künstlich zusammengeschmiedeten Dogmen nicht mehr glaubt,
wirft es ohne Bedenken die Lehre Christi mit über Bord, als ob die
eins sei mit euren Dogmen, und -- vergißt sein oberstes Gebot, wie die
meisten von euch es vergessen haben über euren Streit um die Dogmen!
Mein Gott, wann wacht ihr auf und werdet klug?
* * * * *
Nein, so etwas, -- wer hätte das gedacht! Bringt mir der alte
Zigarrenmacher, der mich vor noch nicht allzu langer Zeit in der
Generalversammlung vom Bauverein so höhnisch angriff, als er sich mit
seinem Glase Bier Mut angetrunken hatte, -- er wolle den Genossen
nur sagen, warum ich den Bauverein gegründet habe, -- meinen reichen
Patienten, die Geld zu dem Häuserbau hergegeben hätten, wolle ich
nur hohe Zinsen damit verschaffen, -- bringt mir der heute in der
Sprechstunde, als ich ihm seinen Krankenschein unterschreiben soll,
ein Buch, sauber eingewickelt: Er sei ein anderer geworden. Seit zwei
Jahren habe er sein eigenes Haus. Seit einem Jahre sei er Guttempler.
Nun sei ihm erst so recht aufgegangen, wie reich und schön das Leben
sei. Und daß er mir das Buch bringe, solle ich ihm nicht übelnehmen.
Seine Frau habe ihn davon zurückhalten wollen, -- ich könne es als
Anmaßung auffassen und ihm übelnehmen. Er wolle mich aber sicher nicht
beleidigen, -- denn es sei so wundervoll schön und groß, daß, falls ich
es nicht kenne, ich es kennen lernen müsse. -- Und was ist es? Trines
herrliches Werk: In Harmonie mit dem Unendlichen.
O, nehmt unserem Volke das verfluchte Bier und den verfluchten Schnaps,
und gebt ihm wieder ein Heim, und ganz von selbst findet es sich
wieder, und das Volk der Dichter und Denker ersteht aus ihm von neuem!
* * * * *
Es geht nichts über den Patriotismus, der nebenbei bemerkt, nichts
gemein hat mit der Vaterlandsliebe. Es ist eben eins dieser vielen
Fremdwörter, mit denen wir Deutsche uns so gern beduseln, weil wir
uns bei ihnen nichts zu denken und somit keinen von ihnen angeregten
Gedanken in die Tat umzusetzen brauchen. -- Sitzt da der dicke
Kanzleirat Abend für Abend bei dem Lautenthal in der Wirtschaft,
streicht seinen langen Schnurrbart und trinkt und trinkt, nicht etwa
aus Lasterhaftigkeit oder Genußsucht, i Gott bewahre! -- nein, aus
reinem Patriotismus und treuer konservativer Gesinnung (d. h. der
»Konservativen« der Kreuzzeitung usw.). Denn wenn er dort nicht säße
und den anderen Gästen, die durch sein Dortsein angelockt werden,
nicht so reichlich spendierte, so könnte der Lautenthal sich nicht
halten, oder er müßte, -- schrecklich auszudenken --, sein Lokal den
Sozialdemokraten für ihre Versammlungen vermieten. »Aber so weit darf
es nicht kommen in unserem Dorf! Kinder, sauft, sauft, sauft, damit der
Lautenthal leben kann, und wenn wir alle darüber das Zipperlein oder
den Schlagfluß kriegen.«
Herr Kanzleirat, -- ich wollte, der Teufel holte dich, ehe du mir noch
mehr Unheil im Dorfe anstiftest!
* * * * *
Meine Ursula Lorenzen! Liegt das liebe Kind da, röchelnd, mit kurzem
Atem, doppelseitiger Lungenentzündung, -- den Rippenfellerguß habe ich
ihr abgezapft, hat gute Linderung gegeben. Aber nun muß sie schwitzen,
das mag sie gar nicht. Ich verspreche ihr für jedes Schwitzen zehn
Pfennige. Wie ich nach ein paar Stunden wiederkomme, hat sie sie
verdient. »Weißt du, Onkel Doktor, das Geld kann ich prachtvoll
brauchen.« »Wofür denn, Schatz?« »Erika braucht so schrecklich viel
Geld!« »So, die Erika?« frage ich neugierig, »wofür denn die?« »Für
ihren Kanarienvogel, -- der frißt so schrecklich viel Rübsamen! Aber
nun schenke ich ihr von meinem Geld.« -- Du wonniges Kind, wie du
deinem Schwesterchen eine Freude machen kannst, -- in all deiner Not
denkst du daran. O Liebe, wie bist du groß! Selbst in solch schwachem
Kinderherzen! -- Vielleicht da am meisten.
* * * * *
Nun ist der Kronprinz schon viermal in dieser albernen Narrensposse
»Die lustige Witwe« gewesen! Er soll sich ausgezeichnet amüsiert
haben, berichten die Blätter, ja, sogar seine Leibkompagnie habe er ins
Theater führen lassen.
Und das ist der Mann, der uns vielleicht einmal, wie Hermann der
Cherusker vor 2000 Jahren die alten Deutschen vom Joch der Römer
befreite, durch die Kämpfe des Weltbrandes führen soll!
Und dabei soll er durchaus einen guten Kern in sich und guten Willen
haben. Ist denn kein Mann in seiner Umgebung, der ihm zeigt, wie
sein Geschmack maßgebend ist für breite Schichten unserer Nation?
Verflachend, herunterziehend -- oder hinaufführend.
* * * * *
Heute ist großer Festtag im Dorf: Stiftungsfest des Vereins zur
Bekämpfung der Sozialdemokratie mit Karpfenessen beim Lautenthal,
nachher Vortrag über Capri, zum Schluß Ball und Preisskat.
Und mir wollen sie keine Baukonzession für die Häuschen von unserem
Bauverein geben, angeblich, weil sie die Schweineställe beim Hause
nicht wollen, der Ratten und des Geruchs wegen, -- als ob der
Schweinestall vom Herrn Bauernvogt nicht stänke und der Pferdestall
des Herrn Kanzleirat keine Ratten anzöge! -- Oh, ich weiß es wohl, ihr
wollt nicht, daß die von euch so gehaßten Sozialdemokraten ein eigen
Heim haben, -- diese Landesverräter verdienen das nicht.
Aber wenn der Herr Maurermeister Schulze oder Zimmermeister Müller
eine ordentliche Proletarierkaserne aufbaut, in der die Wohnungen fast
die Hälfte mehr kosten, als unsere wohnlichen Häuschen mit Stall und
Garten, dann gibt es prompt die Bauerlaubnis. In solcher Kaserne kann
das Pack hausen.
Daß ihr es aber zu dem macht, was ihr sie schimpft, durch euren Haß,
euren Mangel an Liebe; daß ihr sie von ihren Frauen, ihren Kindern,
ihren feuchten, dunklen, kalten, öden Heimstätten hinaustreibt in die
Kneipen, wo sie sich vollsaugen mit Bitterkeit und Haß gegen euch und
eure Gerechtigkeit, -- daran denkt keiner von euch, ihr selbstgerechten
Pharisäer!
Und jeder einzelne von euch, wenn er nicht der Herr Kanzleirat wäre,
oder der Herr Bauernvogt, oder der Herr Gemeindediener, sondern
Erdarbeiter oder Zigarrendreher, und sollte mit seinen sechs oder acht
Kindern in der feuchten Kate oder dem dunklen, muffigen Keller wohnen
und sehen, wie er trotz allen Fleißes und Sparens nicht um einen Deut
vorwärts kommt, und wie die Frau blaß und blässer wird, und die Kinder
immer krank sind, und wie nun das zweite schon stirbt, wer weiß, das
dritte, -- Herren, ihr wäret samt und sonders so knallrot, wie nur
irgend einer von jenen da und schriet und balltet die Fäuste noch
ingrimmiger in der Tasche als jene.
* * * * *
Nun haben wir auf Anraten von Freund Landesrat Schuldverschreibungen
ausgegeben für den Bauverein, zu tausend, zu hundert, zu fünfzig und
zu zwanzig Mark. Ich hatte gehofft, es würde ordentlich etwas bringen.
Und was hat's gebracht? Lumpige paar tausend Mark! Und von wem? Von ein
paar Leuten, die mir einen Gefallen tun wollen; der eine oder andere
auch, weil er es für »praktisch« hält, auch etwas von »gutem Zweck«
wittert. Kaum einer mit der warmen, brennenden Liebe, die nicht anders
kann, die jener hatte, den sie alle im Munde führen, aber den keiner
von ihnen im Herzen, und von dem mancher nicht einmal eine Ahnung hat.
Und könnten mit ihrem Kapital ihre vier Prozent verdienen und
gleichzeitig unsagbaren Segen stiften. Herr Gott, was für Segen. Aber
sie ahnen es nicht, wie Samen der Liebe aufgeht!
* * * * *
Vor kurzem habe ich meine Rundfrage an die deutschen Fischereivereine
geschickt. Und nun hagelt es Antworten und Bitten. Als ob ich der
Herrgott selbst sei. Es ist, als ob diese Männer aufatmen, daß
endlich jemand da ist, der sich ihrer annimmt, und der den Mut hat,
den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, -- denn hier ein armer Fischer,
-- und dort die große Stadt oder der reiche Fabrikherr, die den Fluß
verpesten: wie könnte einer dagegen ankommen!
Aber der eine Brief von dem ostpreußischen Dorfvorsteher, der ist
doch zu bunt. Die Zuckerfabrik hat das ganze Flüßchen, aus dessen
Fischereiertrag das einst arme Dörfchen sich zur Wohlhabenheit
heraufgearbeitet hatte, in eine Kloake umgewandelt. Kein Fisch ist
mehr darin. Beschwerden beim Landrat -- fruchtlos. Der Landrat ist
gut Freund mit den Fabrikherren. Beschwerde beim Kreisausschuß
-- fruchtlos. Der Landrat sei Vorsitzender. Beschwerde bei der
Provinzialregierung. Alles umsonst. Ging an den Landrat zur
Berichterstattung. Vorher hätten sie alle konservativ gewählt. Nun
seien sie fast alle Sozialisten geworden, weil sie sich nicht anders
zu helfen wüßten. Ihr Kandidat habe gesagt, er wolle es im Reichstag
schon an die große Glocke bringen. Aber nun hätte er zu mir doch noch
größeres Vertrauen. Sei ihm auch lieber, wenn die Sache in Frieden
geschlichtet werde. Aber geschehen müßte bald etwas. Ich habe ihm
geraten, schleunigst eine dringliche Eingabe beim Reichsgesundheitsamt
einzureichen. Habe ihm auch gleich die Eingabe dazu mitgeschickt, da er
mit der Feder nicht recht Bescheid weiß. Hoffentlich hilft's was!
Und wie in Ostpreußen, so sind auch hier bei uns die ganzen Flüsse
verpestet, -- kein Lachs, kein Aal, kaum noch ein Weißfisch darin. Es
ist ein Skandal. Die Gerbereien richten alles zugrunde. Und vor zwanzig
Jahren noch Lachse bis oben hinauf. Wegen des Schmutzes kommen sie
nicht mehr zum Laichen in den Fluß.
* * * * *
Heute nacht hatte ich einen wunderlichen Traum. In einem Garten
stand eine Tulpe dicht neben einer Narzisse im hellen, warmen
Frühlingssonnenschein. War es die Wärme, oder war es der Duft der
Narzisse, der die Tulpe sich zur Narzisse neigen ließ, ich weiß es
nicht. Aber die beiden freundeten sich an, sie tauschten Duft um Duft
und waren guter Dinge dabei und blühten und dufteten, daß es eine
Freude war. Und die Tulpe dachte nicht anders, als daß die Narzisse nur
ganz allein für sie blühte und duftete. Da kam der Gärtner, schnitt
beide ab und stellte sie mit anderen Blumen in eine Vase mit Wasser.
Als die Tulpe nun sah, in wie enge Berührung die Narzisse mit den
anderen Blumen trat, da richtete sie sich stracks auf, so daß ihr
Blumenhaupt möglichst weit von der Narzisse sich wegbog, und machte ein
steifes, selbstbewußtes Gesicht. Vor Scham über die Kälte der Freundin
ließ die Narzisse ihr Blütenhaupt hängen. Das merkten die anderen
Blumen und sprachen: »Tröste dich doch, sie hat nur zu viel Wasser
geschluckt. Sie wird verblühen, wie wir alle. Daher laß uns duften und
Freude spenden, solange es Zeit ist. Mag sie in ihrem Stolze prangen.
Dufte du nur und erquicke die Menschen.«
Als ich aufwachte, fiel mir ein kleines Erlebnis ein, das ich kürzlich
auf der Straße gehabt hatte. Ich hörte im Vorbeigehen, wie zwei
Bürschchen von vier bis fünf Jahren sich zankten, nachdem sie mir
ihre Patschhände gegeben und guten Tag gesagt hatten: »Dat is mien
Doktor!« »Nee,« sagt der andere, »dat is mien Doktor!« So fliegt Rede
und Gegenrede immer erregter herüber und hinüber, bis schließlich der
eine weinerlich ausruft: »Wenn dat ok dien Doktor is, denn mag ick em
gornich mehr lieden.«
Merkwürdig, daß die Menschen die Neigung haben, alles ganz besitzen zu
wollen, während doch unser ganzes Leben darauf hinweist, daß uns allen
alles gemeinsam ist; das Sonnenlicht, das uns alle umflutet, die Luft,
die wir alle gemeinsam einatmen, die Töne, die gemeinsam unser Ohr
treffen. So sollten auch wir lernen, neidlos Liebe um Liebe zu geben
und zu nehmen, uns an ihr zu freuen und zu erquicken, wie am Duft der
Blumen, und uns in ihr stärken, wie durch das Licht der Sonne; denn die
Liebe ist das Sonnenlicht der Seele!
* * * * *
Da schreibt mir der Ökonomierat Ahsbahs aus Glückstadt, daß 1890 im
Deutschen Reiche an Milzbrand und Rauschbrand 2798 Stück Rindvieh
krepiert sind, 1906 schon 7333 Stück, in Schleswig-Holstein 1890
86 Rinder, 1906 1324 Stück. Er habe meine Schriften gelesen und
eingesehen, daß ich völlig recht habe. So dürfe es nicht weitergehen.
Die verjauchten Flüsse träten bei Hochwasser über ihre Ufer und
verpesteten die ganzen Weideländereien. Die ganze holsteinische
Pferdezucht litte darunter. Seine besten Rassetiere unter den Kühen
seien dem Milzbrand zum Opfer gefallen. Nun wolle er mit mir Schulter
an Schulter für die Wahrheit kämpfen.
* * * * *
Der König von Schweden, der schon als Kronprinz durch seine
Mitgliedschaft des schwedischen Nüchternheitsvereins ein tapferer
Vorkämpfer im Kampfe gegen das Elend war, hat die Vertreter des
Guttemplerordens auf der Weltlogensitzung in seiner Sommerresidenz
empfangen, und offen vor allem Volk die Notwendigkeit unseres Kampfes
anerkannt. Nun muß er sich den Haß von Brennern und Brauern gefallen
lassen. Aber sein Volk liebt und verehrt ihn mit heißem Herzen.
* * * * *
Ich sah in einer Gemäldesammlung ein wunderlich ergreifendes Bild.
Auf einem sandigen, kahlen Hügel, auf dem nur spärlich stachlichtes
Kraut wuchs, stand ein Kreuz, aus drei rohen Balken gezimmert. An ihm
hing ein jugendliches Weib. Sein Antlitz zeigte noch im Tode ein selig
verklärtes Lächeln und eine schier überirdische Güte. Zart umhüllte
das weiße Gewand den vollendet schönen Körper. An dem Fuß des Hügels
brandete grau und tot das Meer. Am fernen Horizont ging in trübem Nebel
die Sonne unter. Das Bild war ergreifend gemalt. Erschüttert stand ich
vor ihm. Wollte es mir eine Geschichte unseres Lebens erzählen, einen
Schlüssel des menschlichen Lebens geben? Plötzlich berührte jemand von
hinten meine Schulter. »Gefällt es Ihnen,« kicherte eine leise Stimme.
»Soll ich Ihnen sagen, was es bedeutet? Ich weiß es, denn ich bin der
Maler, der es gemalt hat. Sehen Sie, das schöne Weib dort am Kreuz
ist das Glück. Der Hügel, auf dem das Kreuz steht, mit seinen Nesseln
und Disteln, -- das ist der Alltag, -- die drei Balken, die das Kreuz
zusammenhalten, sind der Hochmut, die Herzlosigkeit und die Genußsucht.
Das Meer sind die unnützen Sorgen, die wir uns machen, der Nebel ist
der Kleinmut, der die Sonne, unsere Tatkraft, verdunkelt.« Der Maler
hatte recht, aber er war über seine Erkenntnis wahnsinnig geworden. Ihm
hatte offenbar die Kraft gefehlt, die Nebel zu verscheuchen, das Weib
vom Kreuz zu erlösen und vom Hügel herab durch die Wogen des Meeres zum
Land der Sonne zu tragen.
* * * * *
Herrgott, -- ich wollte, ich wäre ein reicher Kerl; ich wüßte, was
ich täte! Ich legte mein ganzes Geld in Bauvereinen an. Aber nur
Einzelhäuser mit Gärten müßten sie schaffen, weit draußen, wo das Land
noch billig ist, aber so, daß die Leute mit der Bahn doch schnell zur
Stadt kommen könnten, -- und mit den Zinsen, die sie in ihrer Miete
zahlen müßten, schüfe ich immer neuen Segen, trocknete ich Tränen von
Witwen, hülfe Kranken und Armen und trüge Aufklärung in unser Volk und
immer wieder Aufklärung. So schüfe ich ihnen Leben und Vaterland und
zeigte ihnen, wie sie beides lieben könnten. Denn Aufklärung heißt
Lieben. Nur wo die Aufklärung fehlt, wo die Beschränktheit das eigene
Ich in den Vordergrund schiebt, fehlt die Liebe! Nur hier fehlt sie auf
die Dauer!
* * * * *
Ist es Zufall? Oder sind es die Wellenkreise des Geistes, die unser
menschliches Leben ausmachen und, unsichtbar für uns und, oft genug von
uns nicht beachtet, sich gegenseitig schneidend uns berühren?
Heute abend war ich bei Professor U., einem der Führer des neuen
Monistenbundes, zum Herrenabend eingeladen, »zu Ehren von Professor
Verworn«, dem Physiologen und Philosophen aus Göttingen. Lange schon
haben sie an mir herumgebastelt, daß ich in ihr Lager übertrete; ich,
als alter Naturwissenschaftler, Anhänger der Deszendenztheorie, Schüler
von Darwin und Haeckel, könne und dürfe gar nicht anders. Aber mich
hielt etwas zurück, wußte selbst nicht was.
Monisten? »Monos?« »Nur Eins« -- das ist's, was mich abhielt: Ihr seht
nur den Stoff und seine Kraftäußerungen. Für euch ist die Seele nur die
Tätigkeit der Ganglienzellen in euren Gehirnen, die aufhört zu sein,
wenn euer Gehirn nach eurem Tode wieder in Atome zerfällt, -- aber
ihr vergeßt die Wellenringe, die von diesen Ganglienzellen ausgingen,
als sie noch zusammenhielten, diese Wellenringe des Geistes, die
ebensowenig vergehen können wie irgend eine Kraftäußerung der Materie.
Und nun nehmt die Summe dieser Wellenringe des Guten, Schönen; nehmt
die Summe dieser Wellenringe der Liebe, die, ehe es Lebendiges auf der
Welt gab, das All durchfluten, die es durchfluten seit Ewigkeiten;
nehmt die Summe aller jener Gesetze, die so wunderbar das Ganze
»werden« ließen, in denen auch ihr die Zweckmäßigkeit bewundern müßt,
die wir Weisheit nennen, -- was wollt ihr mit der Summe all dieser
Liebe und Weisheit anfangen, die seit Ewigkeiten wirkt und webt?
Ich kenne ihren Träger nicht und hüte mich, das Gebot Mosis zu
verletzen, mir ein Bildnis von ihm zu machen! Aber diese Summe ist da,
-- ist »Er!« --
Sie wollen auf meine Kinderstubenweisheit nicht hören. »Man könne
nicht ins Aschgraue weiterfragen. Man müsse sich mit der erreichbaren
Erkenntnis der Gesetze zufrieden geben.« Ein schöner Trost.
Aber es sind feine, kluge, gute Menschen, zumeist Juden. Und einer
der klügsten und besten mein Professor U. Es ist wirklich schade, daß
er »Monist« ist, und hat doch solch starke Dosis von dieser großen
Summe der »Liebe« abbekommen, jener Charitas, die Christus der Welt
als Lebensbasis gepredigt hat, Er, der doch auch aus dem Judentum
hervorgegangen ist, wenn auch manche jetzt behaupten wollen, Christus
sei arischen Stammes gewesen. Aber gelernt hat er im jüdischen Tempel.
Mehr als einmal hat mir der gute Professor geholfen, wo es galt, Not zu
lindern, Kollegen, Mitmenschen aus tiefster Not wieder emporzureißen zu
menschenwürdiger Existenz. Und nun Monist? Zu schade.
Nach dem Essen komme ich mit seiner braven Frau ins Gespräch, einer
feingebildeten, strenggläubigen Jüdin.
»Sie wissen, Doktor, wie lieb ich meinen Mann habe, und wie ich ihn
verehre, -- aber in seinen Monistenbund kann ich nicht mit eintreten.
Als mein Mann vor einem Jahre so krank war, daß wir uns alle auf das
schlimmste gefaßt machten, da habe ich zu Gott gebetet, täglich,
stündlich, -- und mein Mann genas. Und nun, wo es uns so gut geht,
da soll ich Gott abdanken und in den Bund eintreten, -- das kann ich
nicht. Das käme mir zu treulos und undankbar vor.«
Mich durchrieselt es wie von heiliger Scheu vor dieser Frau,
die so still und schlicht und dabei so offen und ehrlich ihr
Glaubensbekenntnis ablegt. Ich wollte, recht viele von unseren
kaltherzigen, modernen Christenfrauen könnten ihr Glaubensbekenntnis
hören. Vielleicht würden sie dann auch mehr Dankbarkeit und Liebe für
ihre Männer haben.
Und was mich da aus dem kindlichen, unwissenschaftlichen Bekenntnis
dieser Jüdin packt, -- ist's nicht wieder ein Wellenring jenes großen
Geistes, der eben die Summe aller jener guten, großen, liebevollen
Gedanken umfaßt, die die Welt des Geistes seit ihrem Bestehen erwärmt
haben? --
Wie ich daheim auf der Eisenbahnstation unserer Vorortsbahn in unserem
Gottesgarten aussteige, -- 's ist der letzte Zug, Mitternacht ist
vorbei --, treffe ich den Hochtempler unserer Loge, meinen braven
Schulmeister. Er sieht so gedrückt aus, fast, als habe er geweint,
und etwas Zorniges, Festes liegt auch noch auf dem Gesicht. »Hallo,
Bruder, was gibt's? Wo drückt der Schuh?« -- Da erzählt er mir, während
wir durch den nächtlichen Nebel heimwärtsschreiten, er käme aus der
Distriktslogensitzung. Heiße Köpfe habe es gegeben. »Was war denn los?«
-- Zwei Ordensbrüder, -- ich kenne sie wohl, intelligente Köpfe sind es
und eifrig an der Rettungsarbeit, -- hätten den Antrag gestellt, aus
unserem Ritual alles, was von Gott, Christus oder Gebet darin vorkomme,
zu streichen. Es sei nicht mehr zeitgemäß. Wir lebten im Zeitalter der
Naturwissenschaften, und da sei es an der Zeit, mit den Überbleibseln
der alten Dogmen aufzuräumen. Aber er wolle sich seinen Gott und seinen
Christus nicht rauben lassen; lieber träte er ganz aus dem Orden aus.
-- So heftig und scharf habe ich den sanftmütigen Mann noch nie reden
hören.
Der Teufel soll drein schlagen! Was hat denn Gott und Christus mit
dem Dogma zu tun! Mag doch ein jeder sich seinen Gott so groß und so
behaglich denken, wie er's kann nach seinem bißchen Verstande. Aber ihn
so einfach mir und dir nichts streichen, das ist ja gerade wie zur Zeit
der Französischen Revolution!
»Wann ist die nächste Sitzung?« -- »In vierzehn Tagen.« -- Da muß ich
hin, ich will ihnen Wellenkreise um ihre Köpfe ziehen, daß ihnen die
Schuppen von ihren Augen fallen, und ...
* * * * *
Das war eine heiße Sitzung. Das Gebet sollte fallen. Es sollte nur eine
Aufforderung erlassen werden zu einem sittlichen Lebenswandel. -- Warum
nicht in Form des Gebetes?
Wunderlich, die Antragsteller sind alle Beamte. Da liegt's. Sie wollen
außerhalb ihres Amtes keinen Vorgesetzten haben. Und wenn sie bitten:
Herr, hilf mir --, so spüren sie in dem »Herrn« eben den über ihnen
Stehenden. Und weil sie von der Schule her gewohnt sind, dabei an den
»Persönlichen« zu denken, so wollen sie ihn abschütteln, wollen frei
sein.
Da sagte ich ihnen, wie ich es erschaut hatte: ich halte es für einen
Frevel, von einem »persönlichen Gott« zu reden, für einen Frevel gegen
das Wort im 2. Buch Mosis: »Ihr sollt euch kein Bildnis machen!« Denn
diesen »persönlichen Gott« haben sich die Menschen nach ihrem kleinen
Menschenbildnis zurechtmodelliert.
Ich aber beuge mich vor dem »Unbekannten«, -- der in der Welt ist
als Seele der Welt, unvergänglich, wie die Welt unvergänglich ist,
unvergänglich, wie jede Kraftäußerung der Materie, -- eins mit ihr und
doch über ihr stehend, wie eure guten, mitfühlenden Herzen, die euch zu
eurem Samariterwerk treiben, die Verlorenen aufzusuchen und zu retten;
die euch treiben, die Wahrheit zu bekennen, Aufklärung zu verbreiten
und Samen des Guten auszustreuen, Samen, der, wenn eure Körper längst
in Atome zerflattert sind, weiterwächst und weiterwuchert, wie ein
feiner Same, heute und weiter wohl in alle Ewigkeit.
Und mögen sie tausendmal beweisen, daß der Christus, den sie sich
in ihren Dogmen zurechtgeschnitzt haben, nicht gelebt hat, -- Einer
hat sicher gelebt, Der, dessen Wellenringe der Liebe nun schon zwei
Jahrtausende die Menschen lebendig gemacht haben; die, wie die Sonne,
Wärme und Licht in die Menschheit ausgestrahlt haben! Und wenn sie
sagen, daß Christi Lehre schuld sei, daß so viel Blut vergossen ist,
und so viel Martyrium erduldet ist, so sage ich euch: nicht Christus,
nicht Christi Lehre ist daran schuld, sondern einzig und allein der
Mangel an Liebe, die Genußsucht und die Selbstsucht der Fürsten,
Pfaffen und ihrer Knechte.
Aber dieses: »Herr, hilf uns!« -- Da sagte ich ihnen: »dann laßt uns
beten: Du Unfaßbarer, Unendlicher, von dem jeder von uns ein Teil ist,
der du das Ganze, das All umfassest und mit ihm eins bist, wie das
Gute, das aus irgendeinem von uns herausging, eins ist mit dir und
doch noch weiterwirkt, wenn der Leib, dem es entsprang, längst verweht
ist, du Großer, Inbegriff alles Guten, aller Liebe, sei in mir, sei
in uns lebendig, damit wir dich ausströmen in die Menschheit als neue
lebendige Liebe, als neue lebendige Kraft, wie die Sonne tagtäglich
neue Wärme ausstrahlt in das allnächtlich erkaltende All. -- -- So
wollen wir uns konzentrieren, um möglichst gut und groß zu werden.«
Das war ihnen wieder zu lang. Da blieben wir denn bei dem kurzen: Herr,
hilf uns!
* * * * *
Heute war ich bei dem Ehepaar Waldbrecht. Mein Gott, was ist das
für ein Elend. Beides brave, tüchtige, gesunde Menschen. Sie eine
kühle, nordische Natur, nüchtern, ihrem Hause, ihren Kindern lebend,
er mit seinem heißeren, südlichen Temperament alles ergreifend, was
ihm in den Weg kommt, in sich verarbeitend, von Tag zu Tag, von Jahr
zu Jahr über sich selbst hinauswachsend. Aber anstatt in ihrer Ehe
immer mehr in eins zusammen zu wachsen, entfremden sie sich immer
mehr, und anstatt in Frieden und Freundschaft ehrlich zu sagen: »wir
hatten uns ineinander geirrt, laß uns wie ein paar gute Kameraden, die
ein Stück Weg zusammen gewandert sind, auseinandergehen und unseren
heranwachsenden Kindern, jeder in seiner Art, Freund und Berater sein«,
zerquälen sie sich gegenseitig in diesem Martyrium ihrer Ehe ihr
schönes Leben und machen sich gegenseitig, ohne es selbst zu wissen
und zu wollen, krank. Und unser Leben auf dieser Welt fliegt doch gar
so schnell dahin und wird uns doch nur einmal geschenkt. Da ist eine
ehrliche und reinliche Scheidung doch das einzig Sittliche.
* * * * *
Es gibt Menschen, die von Natur jeder Verinnerlichung und Vergeistigung
abhold, und andere, für die die gesamte äußere Welt lediglich Symbole
des Geistigen sind, und die in sich nicht zur Ruhe kommen, die nicht
leben können, wenn sie nicht diesen geistigen Kern der Außendinge
erfaßt, in sich verarbeitet und aufgenommen, -- ihn genossen haben.
Wenn zwei derart verschiedene Naturen in einer Ehe zusammenkommen, so
muß das zur Katastrophe führen, -- früher oder später.
* * * * *
Heute zum Hofbesitzer R. gerufen. Herzlähmung. Tod. -- Jahrelang
habe ich um ihn gekämpft. Als ich ihn vorzeiten zum erstenmal
untersuchte, merkte ich gleich, wo der Hase im Pfeffer lag. Herz und
Leber vergrößert. Die Bäuerin sagte nichts. Aber ihr gramerfülltes,
stummes Gesicht und das angsterfüllte Auge sprachen mehr als eine
lange Jeremiade. Er war einer der Hauptkunden von dem patriotischen
Lautenthal. »Junge, so'n Kerl as du, de ward doch wol noch 'n Grog
drinken können.« »Du warst di doch von de Waterdrinkers nich int
Slepptau nehmen loten? 'n Kerl as du!« »Wenn du di dat nich leisten
wullt, wokeen kann sik denn sünst dat leisten?« -- Mit solchen
Redensarten umgarnte die fette Kreuzspinne ihn immer wieder, wenn er
eben versuchte, den stummen Bitten der Augen seiner Frau zu folgen
und daheim zu bleiben. Nun hatten sie ihn so weit. Ein Glück, daß der
Sohn inzwischen herangereift war. Der hatte sein Einjährigenexamen
bestanden, sein Dienstjahr hinter sich, -- nun leitete er mit seinen
zwanzig Jahren den Hof, so gut er's konnte. Vom Vater hatte er keinen
Rat. Der stand nur höchstens störend auf der Tenne oder dem Hofe herum,
wo er am wenigsten am Platze war.
Aber ehe der Sohn zum Militär ging, hatte er Sommertags auf dem Hofe
gearbeitet und im Winter die landwirtschaftliche Schule besucht. Daher
befremdete es mich auch nicht, als ich den Hof betrat, in dem ich den
Vater auf dem Totenlager wußte, daß auf der Diele die Dreschmaschine
ging, -- es war der Pulsschlag gesunden Lebens. Den Vater hatten sie
schon längst zu den Toten gerechnet.
Als ich auf dem Heimweg den Kanzleirat traf und meinem Kummer Luft
machte, daß der 54jährige Mann so früh hätte ins Gras beißen müssen,
meinte der achselzuckend: »trank zu viel.« --
An sämtliche Ecken im Dorf möchte ich mich stellen und rufen: »Die da
sind seine Mörder! Die da sind die Räuber, die seinem Weibe den Gatten,
seinen Kindern den Vater geraubt haben, um seine Taler zu kriegen,
die er mit Pflug und Egge aus seinem Acker herausgearbeitet hat im
Schweiße seines Angesichts. Mit Lug und Trug haben sie ihn umnebelt,
bis sein Geist umnachtet war, und er als halber Idiot auf seinem Hofe
herumschlich.«
Oh, -- aber es ist so patriotisch zu saufen! Der Lautenthal muß ja
doch gehalten werden gegen die verdammten Roten. Und erst neulich im
Reichstage haben die Konservativen wieder einstimmig dagegen Front
gemacht, daß der Zehnte aus der Branntweinsteuer zur Bekämpfung der
Trunksucht verwandt würde, -- das sei keine Sache des Reiches, das sei
»Privatsache«. Jawohl, Privatsache! Privatsache von euch adligen und
bürgerlichen Branntweinbrennern, die ihr euch die »staatserhaltenden
Elemente« schelten laßt, -- als ob man unser Volk wie Museumspräparate
in Spiritus konservieren könnte!
Wie sich in alten Zeiten die Germanen gegenseitig in Bruderkriegen
abschlachteten, so vernichten sie sich heutzutage gegenseitig mit der
Verführung zum Trunk aus schmutziger Erwerbssucht, aus Eitelkeit, aus
Stumpfsinn, aus »Patriotismus« und aus sonstigen blödsinnigen Gründen.
Man möchte mit dem Schwerte dreinschlagen!
* * * * *
Heidi, nun tobt der Kampf! Aber Methode haben die Gegner, -- das muß
ihnen der Feind lassen. Die Arbeiter unter meinen Kranken hetzen
sie dadurch gegen mich auf, daß sie ihnen vorhalten, ich sei so ein
hochnasiger Reserveoffizier, und was ich für sie täte, tue ich nur
aus politischen Gründen, aus Eitelkeit und aus Selbstsucht. Den
Unternehmern sagen sie, ich hetze ihnen die Arbeiter auf, mache sie
begehrlich und verwöhne sie mit meinen Häusern, die ich ihnen mit
Hilfe der Baugenossenschaft baue. Den Führern in der Arbeiterschaft
haben sie klar gemacht, daß ihre politischen Versammlungen nur
deshalb so schlecht besucht seien, weil die Arbeiter jetzt diese
verdammte Genügsamkeit sich angewöhnten und mehr an Schweineschlachten
und Kohlpflanzen und Kartoffelbauen dächten als an Politik. Und
gleichzeitig denunzierten sie mich bei meinem Bezirkskommando, ich
hielte es mit den Arbeitern und sei nur so ein verkappter Roter, und
das dürfe doch nicht gelitten werden! Aber sie sagen nicht dabei, daß
sie nur deswegen so wütend auf mich sind, weil ihr Schnapshandel nicht
mehr so floriert und die Schankstuben nicht mehr alle vierundzwanzig
Stunden des Tages so voll gepfropft sind voll rauchender und trinkender
Menschen, die dort ihr Geld und ihre Gesundheit lassen, wie ehedem.
Und sterben doch immer noch genug Männer in den Dörfern ringsumher, die
nicht auf uns Guttempler hören wollen, die auf uns schimpfen und über
uns lachen, Wirte und Stammtischler, Arbeiter, Handwerksmeister und
Rentnersleute, denen kein Mensch ansah, daß Herz und Leber längst gelb
und verfettet waren.
Daß ich aber mit meiner Nüchternheit und mit meinem Häuserbauen nur
eins will: gesunde, glückliche Menschen schaffen, -- oder vielmehr --
auf eine praktische Art den Menschen helfen will, gesund und glücklich
zu werden, -- ein Sandkorn beitragen will mit meinen schwachen Kräften,
daß unser geliebtes deutsches Volk stark und tüchtig bleibe für
alle Zeiten, das sagen diese edlen Patrioten, obwohl sie es selbst
klar genug wissen und durchschauen, weder den Arbeitern, noch den
Unternehmern, weder den Führern, noch meinem Bezirkskommando. Nun wohl,
-- so muß ich's allen diesen wohl selber sagen.
* * * * *
Sie wollten's nicht wahr haben mit ihrer Verurteilung und hatten
Revision eingelegt. Nun haben sie noch die Kosten und den Spott dazu.
Hatten gedacht, sie könnten's mit mir ebenso machen, wie mit dem armen
Landpfarrer, den das Gericht zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt hat,
weil er öffentlich gesagt hat, das Braugewerbe sei ein unsittliches
Gewerbe.
Zurücknehmen sollte ich, was ich in meinem letzten Vortrage von den
Vampyren und Kreuzspinnen unter den Wirten gesagt hätte. Nichts nähme
ich zurück, habe ich ihnen geantwortet. Aber beleidigend für mich und
albern sei es, mir, der ich, wenn ich hungrig und durstig auf der
Praxis sei, tagtäglich bei den Wirten einkehre, um mich mit Milch und
Brot oder Früchten oder Bouillon zu restaurieren, zuzumuten, diese
Leute, die mir helfen, mich zu erquicken, schlechthin von Standes wegen
zu Vampyren stempeln zu wollen.
Da habe ich es ihnen naturwissenschaftlich klargemacht, was ich gesagt
habe. Vampyre und Kreuzspinnen sögen ihren Mitgeschöpfen das Blut aus.
Und daß viele, nur zu viele unter den Wirten dieses ebenso machten,
dafür wolle ich den Beweis der Wahrheit antreten und ihnen reihenweise
die Bierfahrer aufführen als Zeugen an Gerichtsstelle, die mir, ihrem
Arzte, ihr Leid geklagt, daß sie, um ihre Familie ernähren zu können,
erst ordentlich trinken müßten bei den Wirten, weil diese ihnen sonst
kein Bier abkauften, und wieder trinken, damit sie nur ihr Geld beim
Einkassieren erhielten. Und die Witwen und Waisen von solchen, die sich
auf diese Weise zu Tode getrunken hätten.
Und wie das Gericht eine Pause machte, tritt aus dem Zuschauerraum
ein Milchhändler auf meinen Rechtsanwalt und mich zu und bietet sich
gleich als weiteren Zeugen an, um das, was ich gesagt, sofort unter
seinem Eid zu bekräftigen. Champagner hätte er ausgeben müssen, nur um
die Ehre zu haben, in einer Wirtschaft seine Milch zu verkaufen, und
Wirt und Wirtsfrau und Kellnerin hätten mittrinken müssen, um die Zeche
hochzubringen. Da hätte er die Sache vor Gericht gebracht, und der Wirt
sei wegen Nötigung und Begünstigung der Völlerei verurteilt und mit
Entziehung der Konzession bedroht.
Aber meine Richter kannten die Gesellschaft offenbar ebensogut wie
ich. Der Vorsitzende hat hochdeutsch mit ihnen geredet. Nun ist ihr
Schimpfen und Verleumden ihnen teuer zu stehen gekommen.
* * * * *
Ich kann nicht darüber wegkommen, daß die Juden in der Monistenbewegung
wiederum die Hauptrolle spielen. Das Gute, das sie dabei tun, ist
wieder die zersetzende Kritik, die sie damit an unseren verspakten
Dogmen üben, an die ja doch von hundert keine drei mehr glauben. Es ist
die reine Bakterienarbeit, die sie treiben: wie die mikroskopischen
Tausendkünstler der Chemie zersetzen sie, was immer in unserem
Kulturleben sich als Absterbendes, Totes zeigt, in Rußland, in
Österreich, in Italien, in Frankreich, in Spanien, wie bei uns. So sind
sie in der Tat der Sauerteig der Erde.
Wunderbar, wie fein die Bibel diese Wirkung der Hefezellen des
Sauerteigs bereits auf das Geistige zu übertragen wußte, obgleich sie
von der mikroskopischen und mikrochemischen Natur dieser kleinsten
Lebewesen noch keine Ahnung hatte. Aber es ist keine Frage; die alte
Prophezeiung ist eingetroffen: sie sind der Sauerteig der Erde.
Aber wirken sie nur zersetzend, nicht auch aufbauend, schaffend? Ist
nicht die Tätigkeit jener zahllosen jüdischen Frauen, die ihr Leben
selbstlos der Wohltätigkeit, besonders in den Frauenvereinen widmen und
gewidmet haben, -- ich denke an eine Rahel Varnhagen, Lina Morgenstern,
-- ist nicht die Tätigkeit aller dieser eine aufbauende? Ja und nein.
Vor allem zersetzen sie die Kälte, die Lieblosigkeit, die ein Zeichen
des Todes ist, und bringen die Herzen in Gärung, und Gärung erzeugt
Wärme, und Wärme ist Liebe.
Wohlan, ihr tapferen, warmherzigen, jüdischen Frauen, kommt mit eurer
Wärme, die ihr vor tausend Jahren mit der wärmeren Sonne eures
Vaterlandes Palästina eingesogen habt, und helft die Gleichgültigkeit
und Kälte des Nordens in Gärung versetzen! Ich heiße euch willkommen im
Kampfe der Geister!
* * * * *
So mußte es kommen. Haben sie den großen starken Lümmel, den Jacobsen,
auf der Schulbank festgehalten, anstatt ihn, der mit seinen vierzehn
Jahren so ungeschlacht war, wie ein starker Zweiundzwanzigjähriger,
laufen zu lassen. Der Vater hat gebeten, -- er könne den Jungen nicht
mehr zahm halten, -- der Großvater habe mit fünfundsechzig Jahren noch
die fünfte Frau gefreit.
Die Mutter hat gefleht, -- sie sollten den Jungen konfirmieren, damit
er zur See könne. Ungern ließe sie den Einzigen aufs Schiff; aber sie,
als Mutter, wisse am ehesten, daß es das Beste für den Jungen sei.
Er müsse sich ausarbeiten; könne die Kraft nicht mehr zügeln. Alles
umsonst. »Er weiß noch nicht genug. Soll noch ein Jahr zur Schule
gehen.«
Vor einem halben Jahre erst hat er den Streich gemacht und ist mit
des Brückenwarts Boot die Elbe hinuntergesegelt, -- hat nach Amerika
wollen, -- fort, nur fort!
Nun ist es über ihn gekommen, der große dunkle Drang, -- alles Denken
hatte aufgehört in ihm, wie er nachher selbst geäußert hat.
Mit des Nachbars Zehnjährigen hat er Holz gesammelt am Strand. Da hat
er sie niedergeworfen in den weichen Sand. Und da ist's geschehen. Das
Mädel ist nachher zur Mutter gelaufen, die Mutter zum Gendarmen, -- der
hat den Burschen gleich verhaftet. Dann ist sie mit dem Kind zu mir
gekommen. Ich sollte es untersuchen. Nichts ist ihm geschehen zum Glück.
Aber der Bursche! Wenn er gelind davonkommt, stecken sie ihn in die
Fürsorgeerziehung. Einstweilen sitzt er erst einmal Wochen, Monate in
Untersuchungshaft, wie sie das so schön nennen, bis diese entsetzlich
langsam arbeitende Maschine Justiz Untersuchung und Urteil beendet hat.
Und dann? Dann ist aus dem kräftigen Burschen mit seinem ungebändigten
Naturtrieb ein elender, verkommener Wicht geworden. So züchtet man
Verbrecher, -- +im maximam Dei gloriam et scholae+.
* * * * *
Alle Kämpfe, die wir draußen im Leben kämpfen, müssen wir zuerst in
unserem Herzen durchgekämpft haben. Sei es, daß es sich um die Klarheit
in unserem Verhältnis zu dem handelt, was wir Gott nennen, sei es, daß
es sich um unsere Stellung handelt, die wir den sozialen Fragen unserer
Zeit und unserer Regierung gegenüber einnehmen wollen, vor allen Dingen
unseren Mitmenschen gegenüber, -- sei es, und das ist das Wichtigste
für den Mann, daß wir das Weib zu gewinnen suchen, mit dem zusammen wir
in eins verschmolzen uns zu dem Gemeinschaftswesen »Mensch« verbinden
und erheben wollen, in der Erkenntnis, daß weder der Mann allein,
noch das Weib allein den Ehrennamen Mensch verdient! -- -- -- Nur die
Unklarheit diesen Fragen gegenüber ist es, die uns schwächt und lähmt
und nur zu oft die Sucht in uns großzieht, uns zu betäuben, damit wir
nicht an sie zu denken brauchen. Und doch ist dieser Kampf in uns das
einzige, was uns Klarheit und Ruhe und damit die Kraft zum Weiterleben
und den Sieg über uns selbst wiedergeben kann.
Wie ich es vorher gesagt, ist es gekommen! Nun gibt es was zu reden
für die Sittlichkeitsrichter, unter denen sich nur zu oft Leute
befinden, die sich mit ihrem vielen Bier dicke Bäuche herangezüchtet,
und, wie Bismarck so schön gesagt hat, »impotent getrunken« haben, nun
jammern und zetern sie über das Zunehmen der Sinnlichkeit. Und was
ist geschehen? Ein unreifer Schlingel, der längst auf dem Schiff oder
auf dem Acker sich seine pferdestarken Muskeln und Knochen hätte müde
arbeiten sollen, hat, krank vor unverbrauchter Kraft, unreife Früchte
pflücken wollen.
Diese verfluchten scheinheiligen Pharisäer mit ihrem Zetern über die
Zunahme der Sinnlichkeit, als ob die an sich eine Sünde wäre. Und ist
doch eingesetzt von der ewig gütigen und allweisen Mutter Natur zur
Erhaltung der Menschheit! Ist zu vergleichen einer reinen und schönen
Quelle, die uns Gesundheit und Kraft zu geben bestimmt ist. Aber die
Torheit und Gemeinheit der Menschen wirft Kot und Unrat hinein und
verunreinigt und vergiftet sie und wundert sich dann, wenn diese Quelle
ekle Krankheiten und Tod hervorbringt, oder die Menschen lassen sie
versiegen, wie diese Stammtischpharisäer mit ihren dicken Bäuchen, und
schelten dann neidisch auf die Gesunden, bei denen sie sprudelt. Und
dabei fangen die deutschen Regierungen bereits an, sich zu sorgen
über die Abnahme der Geburten! -- Verdammt noch mal, -- schließt doch
diese verfluchten Schnapshöllen, Bierpaläste und Bordelle, und gebt
unserem Volke Land, Land und nochmal Land, und unser Volk wird für alle
Ewigkeiten der Menschheit eine Quelle sein für Kraft und Gesundheit und
Fortschritt zum Guten!
* * * * *
Ich kann in mir nicht zur Ruhe kommen. Was heißt denn Sünde? Ich
habe herumgefragt bei den Autoritäten, auch den amtlich für solche
Fragen angestellten, -- aber keiner scheint es zu wissen. Auch mein
Pfarrer nicht. Der eine sagt, alles, was den Gesetzen widerspricht.
Den Gesetzen? Welchen Gesetzen? Jenen, die von Menschenhand gemacht
sind und anders sind in diesem oder jenem Land, anders heute und
anders morgen? Ein anderer sagt, alles sei Sünde, was unserem Gewissen
widerspricht. Da haben die Menschen es sich freilich bequem gemacht,
-- denn Fürst, Minister, Professor, Doktor bis zum jüngsten Lehrling,
-- sie betäuben einfach ihr Gewissen mit ein wenig oder -- mit etwas
viel Wein, Bier, Sekt oder Schnaps, -- und dann schweigt der unbequeme
Schlingel Gewissen, -- und die Sünde ist keine mehr. So machen sie es,
wenn sie nach ihren Diners, Kommersen, patriotischen Festgelagen und
Kneipereien in Gott weiß was für Winkelschenken ins Bordell taumeln,
wie neulich erst wieder die Turner nach ihrem großen Fest zu Hunderten,
-- so machen sie's am Regierungstische, wenn sie zugeben, daß unseren
so wertvollen, ja unentbehrlichen Arbeitskräften in unseren Kolonien,
den Negern, schiffsladungsweise der Schnaps, den unsere hohen Herren
brennen, verkauft wird, und dann, wenn sie zu Säufern geworden sind,
noch obendrein Gewehre hinterher. Denn Menschen mit klarem Gewissen und
nüchternem Verstande können doch solche an Wahnsinn grenzende Taten
nicht begehen oder auch nur gutheißen!