mit Schank und Trunk und Flitter und Lärm und mit Licht und Fladusen
locken sie die noch mit dem Erdgeruch behafteten Kinder des Landes
hinein in die Städte. Sind die Wurzelfäden jener dann zerrissen,
sind sie benebelt von Branntwein und Bier, das die reichen und
vornehmtuenden Herren ihnen brennen und brauen, sind sie verwildert
und entnervt und stumpf und erschlafft in der Großstadtluft: dann
zetert und stöhnt und schilt und schreit kein Mensch mehr über die
»verwilderte Bande«, als Brenner und Brauer! So bilden diese, mit
den Wirten und Hausbesitzern im Bunde, einen wahrhaft edlen Kern der
staatserhaltenden Elemente.
Kein Tyrann knechtet unser Volk so wie diese Gesellschaft. Keinen
Tyrannen hat je die Weltgeschichte gesehen, der einem ganzen großen
Volke so das Mark aus den Knochen gesogen hat, wie dieses Kleber-Vier.
Und weiter sah ich. Wo waren die Nachen unserer fleißigen Fischer
geblieben, die bei Tag und Nacht auf schwankendem Kahn den schimmernden
Segen, die wimmelnden Fische, den Flüssen und Seen unseres schönen
Vaterlandes mit Netz und Angel entlockten? Wo sind die Scharen
geblieben von Knaben und Jünglingen, die schwimmend im reißenden Strome
die Kräfte erprobten? Dunkel und trübe ziehen die einst so klaren
Fluten der meisten unserer deutschen Bäche und Ströme dahin, seit der
Unrat unserer Städte und die Abwässer der Fabriken sie verpesten.
Und wiederum waren es die Reichen und Mächtigen der Städte und große
Fabrikherren, die sich sträubten, die deutschen Ströme rein zu halten.
Mochten selbst die Wiesen und Äcker vergiftet werden durch die trüben
Fluten der Ströme! Mochten die Fischer doch ihr Gewerbe aufgeben und in
die Städte ziehen, wenn die Flüsse ihnen keine Nahrung mehr lieferten,
-- was geht das die reichen Fabrikherren, was geht es die Magistrate
der Städte an! Jene sparen ihr Geld, und diese halten sich schadlos
durch Hinzuzug der reichen Leute, die nicht sehen mögen, wie ihr Dünger
dem Acker, der ihnen Brot und Gemüse liefert, zugeführt wird.
Alle diese Reichen und Mächtigen hören und sehen eins nicht. Ihr Hunger
nach Genuß und ihr Durst nach Geld macht sie blind und taub. Und ihr
vom Rauschtrank umnebeltes Gehirn dämmt ihnen ihren Horizont ein,
daß sie die Leiden und den Kummer und die Sorgen ihrer Volksgenossen
nicht sehen und nicht hören, sondern nur an sich denken. Und so hören
sie nicht, wie es im Volke gärt und murrt, in dem Volke, zu dem doch
auch sie gehören; wie es auseinanderfällt wie eine Ehe, aus der die
Liebe gewichen ist. Und doch könnten sie gerade tagtäglich in nächster
Umgebung prüfen, was es für die Ehe heißt, wenn die Liebe hinauszieht.
Da sind Hunderte von Paaren -- und gerade unter den Reichen und
Mächtigen, denen die Kinder versagt sind, weil der Gatte in jungen
Jahren ein lustiges Leben führte und sich, wie man sagte, die Hörner
ablaufen mußte. Da sind andere, deren Kinder siech und elend und
idiotisch sind, weil ihre Väter so urgermanisch den Becher schwingen
konnten. Und weiter gibt es Hunderte und Tausende von Ehen in allen
Ständen, und in ihnen Hunderte und Tausende von Frauen, die dem Manne,
der vor seiner Ehe nur käufliche Dirnen oder nur oberflächliche
Gesellschaftsbekanntschaften hatte, nur Magd oder Haushälterin im Hause
sind: Frauen, die als Mädchen mit höchsten Lebenszielen in die Ehen
gingen, und nun schaudernd gewahr werden, daß ihr Lebensschifflein als
sinkendes Wrack auf trübem Strome dahinfährt.
Und all der Tausende von Frauen mit ihrem Martyrium mußte ich
tagtäglich gedenken, weil ich tagtäglich Frauentränen zu trocknen
hatte. Und das war das schwerste für mich von allem: die Trauer und das
Leid um die Trauer und das Leid derjenigen, die die Seelen der Welt
bedeuten.
Und schließlich ward diese Trauer und das Leid über all dieses Elend
so groß, die dunkle Wand stieg so schwarz, so riesengroß vor mir auf,
daß sie mich zu Boden drückte, und alles Glück im eigenen Heim, alle
Liebe daheim, der Jubel meiner Kinder, mein Haus, mein blumen- und
vögelreicher Garten, die Freunde, die Freude am Gelingen der täglichen
Pflicht, mich nicht froh machen konnten. Ich war müde geworden. Und
wenn ich mich auch meiner Müdigkeit noch so sehr schämte, mir war's,
als ob alle Kraft von mir gewichen sei.
Nun war ich übers Meer gegangen. Hatte ich das Glück suchen wollen?
oder Frieden und Ruhe? oder neue Kraft?
Das Glück? was ist das Glück? Mir fiel ein Lied aus früherer Zeit
wieder ein:
Mir träumte bang, -- ein wundersamer Traum!
Mein Lieb und ich, wir flogen durch die Welt
Mit Fittichen, die uns die Nacht gelieh'n:
Wir wollten seh'n, ob außer uns noch Glück
In dieser Welt verborgen sei, --
Ob aller Sonnenglanz des Glücks
Vom Sonnenglanze unseres Glücks entsprang;
So voll von Sonne schien unser Herz!
Und unser Flügel trug uns in ein Dorf.
Still lag sein Kirchlein, leise rauscht der Fluß,
In dessen Wellen sich das Mondlicht barg.
An seiner Ufer Rand in einer Laube still,
Von jungem Frühlingsgrün verdeckt,
Saß, küssend sich, ein junges Paar.
Die Nachtigall sang zaubrisch hell
Dazu ihr Liebeslied, all Leid bezwingend.
Da raunt mein Lieb: da ist das Glück. --
Allein der Eifersucht häßlicher Stachel saß
Der Braut im Herzen, -- und das Glück entwich. --
Da stiegen wir selband in einen Kahn,
Der, wie von Geisterhand geführt, sich von dem Ufer löste
Und leise auf des Stromes Wellen trieb.
Wir saßen eng und traulich angeschmiegt;
Der kühle Nachtwind wärmte sich an uns, --
Wir hatten ja das Glück, und Glück macht warm.
Und an den Ufern trieb der Kahn entlang.
Das Dorf verschwand; der Kirchturm blieb zurück. --
In dufterfüllten Gärten reihte sich Palast
Stolz an Palast. -- Der Reichtum thronte hier,
Von Wein und Braten satt; die Fenster strahlten hell. --
Doch Kronenglanz ist noch kein Sonnenschein!
Hier war kein Sonnenquell des Glücks zu sehn.
Und weiter trieb der Kahn zum Lichtermeer
Der großen Stadt. Leis stieß er auf.
Wir stiegen aus und wandelten zu zweit,
Unsichtbar für der gier'gen Menge Blick,
Von unserm Zauberfittich treu gedeckt,
Zum hellen Festsaal. Zimbeln, Geigenspiel
Und Jauchzen, Beifallklatschen! Froher Sang
Schien lauter Glückeszeuge. -- Doch
Wir sah'n der Gäste Schar mit müdem Blick
Das Fest verlassen, arm an Sonnenglück.
Da raunt mein Lieb mir zu: vielleicht im Volk,
Im niedern Volk, da wohnt vielleicht das Glück.
Allein das wogte, lärmte, schrie und stritt, --
Ein trüber Nebel überm Häusermeer. --
Nur dort ein Fenster hell, als ob
Ein Sonnenstrahl vom Tag sich dort verirrt.
Wir stiegen auf mit leichtem Flügelschlag:
Sieh da, ein armes Judenmädchen ruht'
Matt und gelähmt auf seiner Lagerstatt.
Und doch im Angesicht ein sanfter Zug
Von Dankbarkeit und Glück und Sonnenschein.
Sein Mütterlein, vom Alter tief gebeugt,
War treu bemüht in warmer Mutterlieb':
Ein Blumenstrauß auf schlichtem, weißem Tisch,
Ein blankes Glas, ein großes Herz voll Lieb', --
Hier war ein Hauch vom wahren Sonnenglück,
Ein Hauch von Frieden, Liebe, wie wir ihn gesucht. --
Bacchantischer erscholl das Stadtgewühl;
Die Pulse schienen fieberhaft zu schlagen;
Fast wollten uns die Flügel nicht mehr tragen;
Mit gier'ger Klammer faßte es nach uns.
Mit eklem Dunst umnebelt's unser Hirn
Und raunte heiser: Kommt, ich bin das Glück.
Die Menschen nennen auch die Sünde mich; --
Doch meine Maske ziert der Totenkopf.
Laut schluchzt' mein Lieb und packte meinen Arm.
Mich schüttelte der kalte Fieberfrost.
Kaum trug ich sie auf meinem Fittich fort.
Mir war's, als hing wie schwerer Morgentau
Sich zentnerschwer die Reue an uns an.
Da wacht' ich auf, und heller Sonnenglanz
Schien in das Fenster, und an meiner Brust
Lag jubelnd mir mein blütenrosig Lieb, --
Da wußt' ich es, es gibt kein Sonnenglück,
Das unserer Seele nicht wie reiner Quell entspringt:
Ein Dach, daß uns der Regen nicht durchnäßt,
Ein Stückchen Brot und eine reife Frucht,
Ein Eckchen Garten für der Blumen Flor
Und reine Kunst, die uns das Leben schönt,
Ein blühend Kind, das unsre Seelen erbt,
Und Liebe, Liebe, Liebe noch einmal:
Das ist das Glück! -- -- --
Das Glück hatte ich in reichstem Maße, -- für mich. Aber die anderen?
mein Volk?
Und wieder legte sich der Gedanke an sein Elend wie Alpdruck auf meine
Seele.
Aber das Ächzen und Stöhnen klang wie aus weiter Ferne. Und dazwischen
klang Kinderjubel und Nachtigallensang, und wie Heimatduft kam es zu
mir. Da wurde mir leichter.
Und wie ich so lag in meiner Kabine und von den alten Zeiten träumte,
spürte ich kaum noch das Stampfen des Schiffes und hörte kaum noch, wie
die Wogen brandend an seine Brüstung schlugen. Ich drehte mein Lämpchen
wieder an, das am Kopfende meines Bettes hing, und griff nach meinem
kleinen Bücherbord hinüber. Dort stand in sauberem festen Einband
eine Mappe mit Erinnerungen aus alter und neuer Zeit, mit Briefen und
Liedern und kleinen Schriften, die ich veröffentlicht hatte im Laufe
der Jahre, mit Tagebuchblättern aus dem Leben und aus der Praxis,
Bildern von meinen Liebsten, von Weib und Kindern, und dazwischen
Rosenblätter und Zypressenzweige, -- das Ganze eine kleine Welt für
sich: Mein liebes Weib hatte es mir als Talisman mit auf die Reise
gegeben. »Wenn du in deiner Einsamkeit schwere Stunden hast, so nimm es
und zaubere dir aus der Vergangenheit eine neue Gegenwart und vergiß,
was dich drückt.« So hatte sie gesagt.
Und da fiel mir, als ich die Mappe öffnete, ein Heftchen in die Hand:
mein Erstlingswerk, das gedruckt war.
Zu Anfang der achtziger Jahre war es gewesen. Tschechische Studenten
hatten damals in Prag die deutschen Kommilitonen überfallen. Die
Leipziger Studenten hatten keine Zeit, sich um die Schmach der
deutschen Brüder im Osten zu kümmern. Sie hatten offizielle und
inoffizielle Kneipen Abend für Abend. Da gelang es mir, einen Leipziger
Cherusker, mit dem ich auf dem Fechtboden Freundschaft geschlossen
hatte, für meinen Plan zu gewinnen: Die Gelegenheit zu benutzen und
die Kommilitonen aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Wir eilten von
Verbindung zu Verbindung, von Behörde zu Behörde. Endlich hatten wir
die Genehmigung zu einer großen Studentenversammlung. Annoncen wurden
veröffentlicht, Einladungen erlassen. Hofprediger Stöcker, der uns
jungen Studenten als Hauptvertreter des nationalen Gedankens am meisten
empfohlen worden war, wurde zum Vortrag gewonnen. In meisterhafter,
flammender Rede wußte er die Sympathien für das bedrohte Deutschtum
im Osten zu entfesseln. Aber als wir nach dem Vortrage im kleinen
Kreise mit ihm bei einem Glase Bier zusammen saßen, da schien es mir,
als ob er die Maske abwürfe und alles, was er in seinem Vortrage an
Begeisterung in unsere jugendlichen Herzen gepflanzt hatte, wieder
herausrisse und zerträte.
Hatte er vorher davon gesprochen, daß die akademische Jugend vor allem
dazu berufen sei, das Deutschtum hochzuhalten dadurch, daß es die
deutschen Tugenden pflege, so schwächte er die Wirkung seiner Rede
nunmehr gründlich dadurch ab, daß er erklärte, an dem Niedergange
des Deutschtums seien einzig und allein die Juden schuld; die Juden
müßten bekämpft werden. So säete er, ein gefährlicher Aufrührer im
Priesterkleide, damals die schlimme Saat des Antisemitismus in die
deutsche Studentenschaft, anstatt ihr das einzige zu bringen, aus
dem unserer Jugend neue Kraft zu neuen Taten erwachsen kann. Das ist
Selbsterkenntnis. Hatten doch die alten Athener nicht umsonst über
den Tempel des Apollo die Worte geschrieben: Γνῶθι σ'αὺτόν! »erkenne
dich selbst!« Ein neuer politischer Studentenverein entstand mit
deutschnationaler Tendenz. Es wurden viele Reden gehalten, und noch
mehr wurde gekneipt. Nach Prag wurden einige Begrüßungsdepeschen
gesandt. Es gehörte zum guten Ton, auf die Juden zu schimpfen und
germanisch zu kneipen. Das war die Frucht unserer Bemühungen gewesen!
Da nahm ich meinen Wanderstab und wanderte von Leipzig zu Fuß durch
die Goldene Aue über den Kyffhäuser nach Göttingen. Und wie ich da
oben auf dem sagenumsponnenen Kyffhäuser stand, allein in stiller
Wald- und Bergeinsamkeit --, noch stand kein Denkmal da oben, noch
kein Wirtshaus, -- da reifte in mir der Entschluß, für unser Volk zu
kämpfen und zu arbeiten, solange Gott mir Leben ließe.
Als ich in Göttingen ankam, rüsteten sich die Freunde gerade zur Fahrt
zum Kyffhäuser --, von dem ich eben herkam, -- um dort die erste
große Versammlung der deutschnational gesinnten Studenten aus ganz
Deutschland mitzumachen. Ich kannte von Leipzig her schon genug, was
bei solchen Versammlungen herauskam. Doch der Freunde wegen ging ich
mit. Es kam, wie ich gefürchtet hatte. Nur wenige Stunden des Redens
und des Hurrarufens, und die allgemeine Berauschung an Phrasen ging
über in eine große Berauschung durch das Bier, das in Strömen floß.
Da bäumte sich alles in mir auf, und weinend lief ich querfeldein, den
Berg hinunter. Unterwegs begegneten mir bereits Scharen von betrunkenen
Studenten, die gemeinsten Lieder gröhlend ... Im Wartesaal der kleinen
Eisenbahnstation an der Bahn, die mich nach Göttingen zurückführen
sollte, kam ich gerade dazu, wie ein angetrunkener Student sich an
einem Mädchen vergreifen wollte, das schüchtern in einer Ecke Platz
genommen hatte. Meine drohende Haltung verlieh meinem flammenden
Protest Nachdruck. Ich war voll Ekel!
Und dann, anstatt nach meiner Rückkehr in Göttingen zur Ruhe zu gehen,
schrieb ich voll Zorn und Scham über das Erlebte meinen »Mahnruf aus
Jungdeutschland an Jungdeutschland«.
Allein wanderte ich weiter über den Großen Meißner nach Marburg, von
Marburg rheinabwärts bis nach Bonn. -- Überall traf ich Freunde und
überall das gleiche sinnlose Kneipen. Und was hatte ich auf meinen
Tagen der Wanderfahrt alles gesehen und erlebt! Wie hatte sich der
Nüchterne berauscht an den Schönheiten der Natur, an der Größe und
Herrlichkeit des deutschen Vaterlandes! Wie hatte er mitgejubelt
und gefeiert, mitgetanzt und mitgesungen, wo immer er zu fröhlichen
Menschen kam! Wie war er auf einsamer Wanderung eingedrungen in das
Empfinden und die Sprache unseres Volkes, wie hatte er gelernt, es zu
achten und zu lieben!
Dann kam die Zeit des Kampfes um den Mahnruf.
Manch einer fühlte sich getroffen und glaubte, an dem Verfasser sich
reiben zu müssen. Keiner wagte es zum zweiten Male.
Aber eines Tages traf aus Würzburg ein Brief ein von dem Physiologen
Professor Fick. Der hatte den Mahnruf im Buchhandel entdeckt. Er
schrieb begeistert, ich solle dorthin kommen, mit ihm arbeiten, mit ihm
zusammen kämpfen. Welche Aussicht! Wie schlug das Herz höher! Der erste
Erfolg im Kampf. Ein Mitkämpfer und was für einer!
Und dann ein herrliches Jahr mit diesem vortrefflichen Manne zusammen.
Aber ein neues ging mir auf im Umgange mit ihm: nicht die Begeisterung
allein konnte zum Siege führen, -- die wissenschaftliche Erkenntnis
mußte helfen.
Jahrelang versuchte ich als Arzt in der Praxis meinen Mitmenschen zu
predigen, daß sie Maß halten müßten mit dem Trinken, damit sie nicht
krank würden. Alles vergeblich. Es war, als ob sie blind wären. Sie
sahen in allen Ständen die Männer sterben, -- fünfzig Familienväter
starben mir in zehn Jahren im besten Mannesalter am Trunk dahin, Reiche
und Arme, -- und die andern tranken weiter.
Da erhielt ich eines Tages wiederum einen Brief aus Würzburg, in dem
der Freund mir schrieb: seine physiologischen Studien hätten ihn aus
logischen Gründen geradezu gezwungen, gänzlich enthaltsam zu werden.
Ich aber verstand ihn nicht und schrieb ihm, ich hätte ihn immer
für einen so mäßigen und verständigen Mann gehalten und könne nicht
begreifen, warum er jetzt so übertrieben strenge sei. Und dann ging
ich zu meinem Freunde und früheren Lehrer, dem Professor Reuter, und
klagte ihm meine Skrupel. Ich wußte, daß er als Student ein flotter,
schneidiger Burschenschafter gewesen war. Er erwiderte mir auf meine
Zweifel: »Männer von so radikalem Standpunkt wie Ihr Freund, der
Professor Fick, sind in Zeiten des Niederganges gleichsam ragende
Säulen, Stützen, an denen die große Masse sich wieder aufrichten kann.«
Und doch -- wie schien es schwer, mit der alten Gewohnheit, der alten
Form der Geselligkeit zu brechen.
Da war unser Gänseessen im November, zu dem die Kollegen aus der
Stadt kamen. Wie mancher hatte sich ein fröhliches Räuschlein beim
gut temperierten Rotspon dabei geholt. Wie harmlos vergnügt waren wir
gewesen, und doch --, war irgend etwas von bleibendem Werte aus irgend
einer dieser Gesellschaften entstanden? -- Wie mancher Bocksbeutel
mit altem Steinwein war mit Kennermiene im engsten Freundeskreise
geleert worden bei ernstem, anregendem Gespräch, bei welchem Gedanken
über Pläne und Ziele des Lebens ausgetauscht wurden, nachdem wir
wissenschaftliche Arbeiten prüften und Kunst pflegten. Was hatte das
alles mit dem alten Wein zu tun! Und doch war es so unsagbar schwer,
mit dem alten Vorurteil zu brechen, daß ein gutes Glas Wein notwendig
sei zum Leben! Hatte ich doch meinem Mütterchen bei der Hochzeit
versprechen müssen, -- dieser einzig guten und klugen Mutter, -- meine
halbe Flasche Wein bei Tisch zu trinken. Das hätte ich nötig bei meinem
schweren Beruf. --
Draußen klatschte der Regen an die Kabinentür. Das Ohr gewöhnte sich
allmählich an das brandende Gewoge und die stampfende Gangart des
Schiffes.
In der Hand hielt ich noch immer die Mappe mit den Erinnerungen. Da
waren sie ja, die Tagebuchblätter aus dieser Übergangszeit, die mich
bald hinausführen sollte in den großen heiligen Kampf um die besten
Güter der Menschheit. Da hielt ich sie alle in der Hand, die Zeugen aus
jenen Tagen der ersten Kämpfe und der ersten Erfolge. Ich erinnerte
mich an jedes einzelne Erlebnis, als ob es gestern gewesen wäre. Und
während ich las, vergaß ich völlig, daß ich mit einem Dampfer mitten im
Schneesturm in nebliger Nacht durch den Kanal dahinfuhr, vergaß, daß
Jahre schwerer Arbeit und schweren Kämpfens dahingegangen waren, und
genoß in vollen Zügen aus den schlichten Blättern noch einmal die Zeit
des Erkennens und des Erwachens und der ersten Taten.
* * * * *
So muß es kommen. Treffe ich da heute den Hausmann angetrunken auf der
Straße. Als ich ihn stelle und ihm eine Standrede halte, daß er doch
das alte Schnapssaufen nachlassen solle, kümmerlich genug ging es doch
her in seinem Hause, und für sein Herz und seinen Rheumatismus tauge es
erst recht nicht, -- was antwortet er mir? »Ja, Herr Doktor, ich habe
kein Geld zu Bier und Wein, wie Sie, da trinke ich eben Schnaps!« Und
als ich ihm antworte: »Ja, mein Lieber, das wenige, was ich trinke, das
habe ich nötig als Anregung bei meinem schweren ärztlichen Beruf! Sie
wissen, Tag und Nacht muß ich heraus, immer soll man frisch sein.«
»Will ich auch gar nicht sagen, Herr Doktor, aber den ganzen Tag in dem
nassen Lehm stehen, ist auch was, da brauche ich eben meinen Schnaps,
wie Sie Ihren Wein.« -- Ich fühle mich doch recht beschämt. Was sollte
ich dem Manne nur darauf antworten? Und ich möchte dem armen Teufel
doch gern helfen.
* * * * *
Kommt da heute solch junger Fant zu mir zum Besuch, ein Studentlein,
lang aufgeschossen, mit hellblondem Flaum unter der langen, geraden
Nase, mit blitzenden, blauen Augen, ein echter junger Germane,
gesund, fröhlich, der Typ der Ariers. Ich kenne ihn von Jugend auf;
stammt aus altdeutschem Geschlecht; die Väter seit zwei Jahrhunderten
protestantische Prediger im Holsteinischen, Hannoverschen und in den
Hansestädten. Das ist Urrasse. Als ich ihn frage, wie er denn mit
seinem Wassertrinken auf der Universität durchkomme, -- hat er doch
überhaupt noch niemals Wein oder Bier in den Mund genommen --, lacht er
mich strahlend an: »Fein! wenn die anderen benebelt sind, bin ich fein
klar und fröhlich, und dann gehe ich nach Hause.« --
Von dem kann man lernen! Und als er mir rät, es doch einmal ebenso zu
machen, ich solle nur mal sehen, wie viel besser es sich ohne alle
diese Getränke leben ließe, schlage ich kurzerhand ein und verspreche
ihm, die nächsten vier Wochen nicht zu trinken. Wollen sehen, was es
gibt.
Ob ich den Hausmann nun durch mein Beispiel wohl nüchtern mache?
* * * * *
Wieder einer! Es ist ein Jammer, diese Zunahme der
Geschlechtskrankheiten. Und nicht nur unter der Stadtbevölkerung, nein,
auch die Landbevölkerung wird durchseucht. Entweder kommen die jungen
Burschen krank vom Militär zurück, oder die Knechte und die jungen
Bauernsöhne gehen in die Stadt, um sich zu »amüsieren«. Und nachher?
Kommen sie heulend in unsere ärztliche Sprechstunde und jammern um ihre
schöne verloren gegangene Gesundheit und um ihr Lebensglück. Denn
daß dies was auf sich hat, empfinden sie alle, und mit Recht. Wohin
ich komme als Arzt, fast überall sind diese Jugendsünden die Ursache
alles Elendes in der Ehe. Und wie ein Strom schwellen die Folgen dieser
Entgleisungen unserer jungen Männer an. Da lese ich kürzlich, daß die
Geschlechtskrankheiten unseren Krankenkassen bereits 100 Millionen
Mark kosten, und daß die Zeit nicht fern sei, wo sie mit 300 Millionen
rechnen müßten. Aber was nützt alles Predigen und Ermahnen, alles
Resolutionenfassen und Konferenzenmachen der Sittlichkeitsvereine
und des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, solange
alle diese vielen Herren in ihren maßgebenden Stellungen selbst noch
dem Sekt, dem Wein und dem Bier huldigen. Denn eins ist doch klar!
Nehmt unseren jungen Männern die Gelegenheit, den alten Adam in
ihnen mit diesen Getränken zu stacheln und gleichzeitig ihr Gewissen
einzuschläfern; gebt ihnen andererseits dafür Gelegenheit, sich zu
tummeln und auszutoben; gewöhnt sie, im zwanglosen täglichen Verkehr
das andere Geschlecht als ein ihnen gleichstehendes anzusehen; lehrt
sie, in jedem Mädchen die eigene Schwester, in jeder Frau die eigene
Mutter zu achten! Vor allem aber schafft unserem wachsenden Volke Raum
auf der Erde und besonders im eigenen Lande, daß es sich wieder seßhaft
machen kann auf eigener Scholle, -- heraus aus dem Dunst der Städte, --
wofür haben wir denn Eisenbahnen und Elektrische --: so muß es anders
werden! Aber mit Reden ist nichts getan, nur mit Taten.
* * * * *
Wenn wir doch lernen wollten, die Gesetze der Physik auf das Geistige
zu übertragen! Denn da die sichtbare Welt nur ein Gleichnis ist für die
unsichtbare, so müßten die Gesetze der sichtbaren Welt auch Gültigkeit
für die geistige haben! Und sie haben sie. Wir sehen es täglich; Kälte
erzeugt Kälte, Wärme Wärme. Das Gesetz der Polarisation, der Anziehung,
der Abstoßung, der Anhäufung der elektrischen Spannungen mit ihren
Entladungen, -- ist es nicht das gleiche in der sichtbaren Welt, wie
in der geistigen? Kann daher in dieser irgend etwas verloren gehen an
Kraft, da doch von der Kraft, die den Stoff bewegt und erwärmt, nichts
verloren geht? Die Kraft des Dampfes und der Gase, die unter Druck
stehen, ist sie nicht zu vergleichen mit der Kraft niedergehaltenen
Hasses, der eines Tages, übermächtig geworden, jeglichen Druck
überwindet? Sollte die Macht des Beispiels nicht ebenso nach gleichen
Gesetzen wirken?
* * * * *
Nun habe ich vier Wochen weder Wein noch Bier getrunken. Als ich dann
das erste Glas von meinem leichten Landwein an die Lippen setze, rieche
ich den Spiritus. Der erste Schluck schmeckt wie Branntwein. Da lasse
ich das Glas stehen. Ich schreibe an den Weinhändler, er solle mir
nicht so verschnittenen Wein schicken. Der tut bis in den Tod beleidigt
und verlangt gerichtliche Untersuchung seiner Vorräte. Kein Tropfen
Spiritus komme in seinen Keller. Nun weiß ich es, was ich längst wußte:
diese ganze Geschichte von dem sogenannten Göttertrank, mit der die
Weinhändler uns allen und sich selbst ein X für ein U vormachen, ist
Mumpitz. Vergorener, verdorbener Traubensaft ist's und weiter nichts,
der die Menschen duselig macht, weil satanische Hefezellen den süßen
Zucker der Trauben in noch satanischeren Sprit verwandelt haben. Das
ist der ganze Zauber, der uns hypnotisiert.
* * * * *
So geht es nicht weiter. Der dritte Fall von Kindbettfieber in vier
Wochen. Aber die Leute sind selbst schuld. Haben sie dem armen Weib
von Hebamme bei ihren Wochenbettbesuchen, an Kindbetten und Kindtaufen
das Trinken beigebracht, und nun scheinen Seife und Lysol unbekannte
Dinge für sie zu sein, und die armen Frauen müssen es büßen, und die
Männer werden zu Witwern und die Kinder zu Waisen. Was soll ich tun?
Der Kreisarzt reagiert nicht auf meine Meldungen, die Regierung nicht
auf meine Beschwerden. Es scheint, man sieht mich als unbequemen
Querulanten an. Und ich kann doch meine jungen Frauen nicht um dieses
Weibes willen dem sicheren Tode ausliefern!
* * * * *
Der Tischler ist untröstlich. Noch kein Jahr verheiratet! Und was hatte
er für eine Frau, -- fleißig, sauber, liebevoll wie nur eine. Nun liegt
sie da, -- mit verfallenem Gesicht und aufgetriebenem Leib, -- vier
Tage hat die pflichtvergessene Person sie schon mit heißen Umschlägen
behandelt. Bis heute abend wird die Kranke ausgelitten haben. Und das
Kind, den kleinen strammen Burschen, der erst acht Tage lang mit seinen
blauen Augen den Vater angeleuchtet hat, den können wir ihr getrost
mit in den Sarg legen, -- Nabelvereiterung. Natürlich, -- mit rostiger
Schere und ungewaschenen Händen besorgt. Es ist zum Rasendwerden.
* * * * *
Es lebe die Konkurrenz! Heute stellt sich eine neue Hebamme bei
mir vor, eine saubere junge Witwe mit gutem Gesicht. Ob ich sie
unterstützen wolle, eine Praxis zu bekommen. Sie habe schon gehört, daß
ich aus bestimmten Gründen die andere umgehe, wo ich könne.
Halt, -- Witwe ist die andere auch; aber ich kann die Verantwortung
nicht tragen. Drum, es sei! Vielleicht, daß die Not sie kuriert. Und
doch, ich kann nicht anders. Ich sage der neuen gleich dabei, wenn die
alte sich bessert, müssen sich beide in das Feld teilen.
* * * * *
Wir alle zusammen sind nur Tagelöhner, die die Türme ihres Lebens
bauen. Die einen kommen kaum dazu, ein paar Steine zum Fundament
zusammenzutragen; die anderen bauen das Fundament notdürftig; wieder
andere schleppen ihr ganzes Leben rüstig Steine, kommen aber nie zum
Bauen; nur wenige, die zum Bau von Türmen kommen, von denen sie ein
wenig Ausschau halten können; -- aber nur einzelnen Auserwählten
gelingt es, sich Lebenstürme zu errichten, von denen aus sie über die
Wälder des Irrtums, die Täler der Vergangenheit, die Schluchten der
Sünde und die Berge der Zukunft in die unendliche Weite der Ewigkeit
blicken können.
* * * * *
Heute war ich bei dem Hofbesitzer Helmers. Er lag um zwei Uhr noch
betrunken im Bett. Der Gülzow ist nun schon von Haus und Hof und
arbeitet als Gelegenheitsarbeiter in der Stadt. Und was war er für ein
netter Kerl. Ein echter Germane. Und der Evers? Sitzt im Armenhaus und
erwartet mit seinem gebrochenen Bein sein Letztes. Der reichste Bauer
in der Gegend einst. Aber nun wollte ihn niemand als Knecht mehr haben.
Und da sitzt der Krugwirt und reibt sich die Hände. Man sagt, er habe
sich in der Nähe von Berlin eine Villa gebaut, -- natürlich von den
Hufen unserer Bauern, die er ins Garn gelockt hat. Es ist eine Schande!
Was nützt uns da Agrarpolitik und Innenkolonisation! Sitzt da so eine
verfluchte Kreuzspinne in ihrem Netze und zieht ihre Opfer an sich
heran: Besprechung über den Bauernbund, Karpfenessen, Skatabend, -- und
schließlich sitzen die Brüder da abends und morgens und würfeln und
bilden sich ein, sie wären alte Germanen und sehen nicht, wie ihnen der
Teufel von Wirt das Blut aussaugt. Und ehe sie es sich versehen, zieht
der Jude die Schnüre zu, klagt die Wechsel ein, und der Hof kommt unter
den Hammer.
Meinem Bäuerlein habe ich einen Denkzettel mit großen, schwarzen
Buchstaben an seine Stubentür geheftet, daß er draufschauen muß,
sobald er aufwacht: »Wenn ich so weiter trinke, wie bisher, so muß
ich bald eines elendigen Todes sterben.« Der Helmers ist aufgestanden
am andern Tag, liest den Zettel über der Tür, zuckt zusammen und sagt
ruhigen, festen Tones zu seiner Frau: »Frau, nimm den Zettel von der
Tür. Ich trinke nichts mehr.« Wirklich zieht der gute Kerl tagtäglich
in der Früh mit zu Felde, wie er's seit Jahren nicht mehr getan hat,
nimmt seine Blechflasche voll Milch mit und setzt keinen Fuß mehr zum
Krugwirt hinüber.
Der grüßt mich seitdem nicht mehr. Ist mir auch recht. Spar' ich meinen
Hutrand.
* * * * *
Als ich heute zu Hofbesitzer Helmers komme, sitzt dort ein Weib aus dem
Nachbardorf, eines Kätners Frau. Sie habe gehört, daß ich den Bauer vom
Trunk befreit hätte, so solle ich auch ihr das Mittel geben. Auch ihr
Mann trinke so, schlage sie und die Kinder und versaufe den ganzen Hof.
Ich sage ihr, sie solle sich an ihren Arzt wenden. Der wüßte nichts
dafür, antwortet sie. Ich suche ihr klar zu machen, ich hätte keine
Medizin dafür, ich hätte dem Helmers nur etwas aufgeschrieben auf einen
Zettel, das habe er gelesen --, freilich hätte ich schon vorher auf
ihn einzuwirken versucht. So solle ich ihr das gleiche auf den Zettel
schreiben, drängt sie. Vielleicht hülfe es auch, und schaden könne es
ja nicht. Da das arme Weib mir leid tat und so flehte, schrieb ich ihr
mit innerem Widerstreben auf ein Stück Papier das nämliche auf, wie
erst kürzlich dem Helmers, und gab ihr das Blatt. Hocherfreut dankt sie
und fragt, was sie schuldig sei. Ich lehne ab, weil es mir im Innern
graust, als ob sie mir einen Judaslohn böte. Und weiß doch nicht,
warum. Ob's hilft? Wenn nur, sie haben sieben Kinder.
* * * * *
Durch ein Stück Papier zum Mörder geworden! Herrgott, daß mir das
widerfahren mußte! Wollte Segen stiften und trieb einen in den Tod.
Heute erzählt mir Frau Gärtner, sie sei die Schwester des Kätners,
dessen Frau ich neulich den Zettel aufgeschrieben habe. Mich schüttelt
es wie im Fieberfrost. Weiter, weiter. Sie habe das Blatt, wie ich
geheißen, über die Tür genagelt; da habe der Mann es gelesen, habe
mit der Faust auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Und wenn ich
nicht mehr trinken soll, hänge ich mich auf.« Damit sei er aus der
Stube gestürzt. Als er nach einer Stunde noch nicht zurückgekehrt sei,
hätten sie ihn gesucht. -- Endlich hätten sie ihn auf dem Heuboden am
Dachsparren erhängt aufgefunden.
Die Sinne wollten mir schwinden. Ein Stück Papier, ein einfaches
kleines Stück Papier, bekritzelt mit ein paar Worten, die einen
Menschen warnen, ihm helfen sollen, treiben ihn in den Tod.
Grundgütiger Vater, konntest du so grausam sein und das dulden?
Dachtest du nicht an seine sieben Kinder? Und ich, ich habe ihn
ermordet! Hätte ich nicht lieber hinüberreiten sollen übers Moor und
ihn aufklären und trösten und heben? Statt dessen schicke ich, ich, der
Liebe säen will, ihm ein Stück Papier. Ich solle mich trösten, sagt
die Schwester des Toten. »Gut,« sagt sie, »daß das Schwein tot ist,
es ist ein Glück für ihn und die Familie; die kommt ohne ihn besser
durch als mit ihm.« Gott im Himmel, wohin sind wir geraten, in welchen
Höllensumpf von Herzensroheit und Verzweiflung. Und dabei ist diese
Schwester keineswegs ein schlechtes Weib, ist eine kreuzbrave Gattin
und Mutter. Aber ein Stück Papier! Daß das eine solche Macht haben
kann! Und da will einer leugnen, daß leblose Dinge Kraft und Geist an
sich haben können, den wir nicht sehen, nicht schmecken, nicht fühlen
noch wägen können!
Ich will sehen, was ich für die Witwe tun kann. Aber es ist furchtbar!
* * * * *
Nein, es ist schier zu arg. Sechs- oder siebenmal habe ich versucht,
den Lehrer Horst zu retten. Das Stadtverordnetenkollegium, der
Superintendent ebenfalls, hatten mich hingeschickt, -- er würde ohne
Gnade kassiert, wenn er sich noch einmal betränke. -- Auf den Knien hat
er vor mir gelegen, seiner braven Frau und seiner Kinder willen solle
ich ein gutes Wort für ihn einlegen, er selbst habe es nicht verdient.
Aber nun solle es anders werden. Bei allem, was ihm heilig sei, schwöre
er es, -- und drei Tage darauf war er wieder total betrunken in die
Klasse gestolpert. Ich weiß es wohl, wer der eigentlich Schuldige
war. Die Herren Honoratioren am Stammtisch, vor allem der schneidige
Herr Brauereidirektor, der ihn angrölte: »Nanu, Sie wollen doch kein
lappiger Wassertrinker werden? Oder gar eine Teeschwester?« -- Da
hatte er sich seinen Stammschoppen kommen lassen und Bescheid getan,
bis er lallte. Und nun? Kommt da ein alter Bettfedernfabrikant, und
was ich als Arzt und Stadtverordneter mit aller meiner Autorität nicht
erreichen konnte, erreicht er mit ein wenig -- Liebe.
Liebe, Liebe, was bist du? Frage, die mich nicht verlassen will! Ich
rufe dich hinaus in den sonnenwarmen Tag und in die sternenklare
Nacht, in den heulenden Sturm, in den leis rauschenden Wald und die
stille Heide und in das Getriebe der Menschen, und immer wieder
tönt es mir zurück: es ist das Aufgehen des einen in den anderen,
das Sichselbstvergessen und Selbstverlieren, um sich im anderen
wiederzugewinnen. Wie die Sonne die Erde erwärmt, und die Erde die
Wärme wieder ausstrahlt; wie die Sterne sie erhellen, und sie ihr Licht
zurückgibt, wie der Sturm die Wolken türmt, daß sie bersten und den
Wald und die Heide tränken, bis diese, vom Regen gesättigt, dem Himmel
den Tau zurückgeben unter dem Kuß der Sonne, daß er neue Wolken aus
ihm forme! Es ist Hingabe der Mutter an ihr Kind, das sie hegt von der
wachsenden Zelle, deren Befruchtung sie in liebender Umarmung erfuhr.
Es ist das ewige »Nicht ich, sondern du!«, mit dem Christus dahinging,
um uns vom Todgedanken zu befreien, um uns zu zeigen, daß es keinen
Tod gäbe, um uns alle Angst und allen Schrecken zu nehmen und uns zu
lehren: seid eins mit eurem Vater im Himmel, dem Inbegriff aller Liebe,
und es gibt keinen Tod für euch, wie es keinen für mich gibt, denn ich
bin die Liebe und das Leben. Lieben und Leben sind eins, denn Gott ist
die Liebe!
* * * * *
Heute war ein wunderlicher Alter bei mir, der Bettfedernfabrikant aus
der Stadt, Sonnemann. Mit seinem langen, grauen Bart sah er gar würdig
aus, fast wie der Weihnachtsmann in den Bilderbüchern der Kinder. Er
sei Guttempler, habe von mir gehört, daß ich mich für Trinkerrettung
interessiere, auch, daß ich schon mehrmals versucht habe, auf den
Gärtner einzuwirken, bis jetzt allerdings nur mit zweifelhaftem
Erfolg. Ich wisse wohl selbst, daß er trinke wie immer. Ob es mir als
Arzt recht sei, wenn er nun einen Rettungsversuch unternähme und den
Gärtner dem Guttemplerorden zuführe. Ich dankte ihm und freute mich im
voraus auf seinen Erfolg. Dann erzählte ich ihm von meinem Erfolg bei
dem Hofbesitzer, von dem er bereits wußte, und von meinem Unglück bei
dem Kätner im Moor, und sagte ihm, wie tief unglücklich ich darüber
sei. Er sagte nichts, und doch lag in seinem ganzen Wesen eine solche
sichere Ruhe, ein solcher Frieden und so viel warme Menschenliebe,
daß mir selbst ganz warm ums Herz wurde. Mir war zumute, als säße ich
beim Beichtvater. Ich wüßte selbst, fuhr ich fort, woher das Unglück
käme. Mein geschriebener Spruch habe den alten Trinker zu unvorbereitet
getroffen. Da erhebt der Alte sein Gesicht, sieht mich ernst und warm
an und sagt nur: »Es war keine Liebe dabei. Daher kam es.«
Daher kam es. Ja, bei Gott, daher kam es. Es war keine Liebe dabei.
Das Weib hatte keine mehr für den Mann, der sie und die Kinder so oft
verprügelt hatte. Und in meinem Zettel war auch nichts vom Geiste der
Liebe zu spüren.
Herr Gott, lehre mich, im Geiste der Liebe zu arbeiten! In deinem
Geiste!
* * * * *
Kommt da heute abend spät der Tischler weinend bei mir angerannt.
»Mensch,« sage ich, »was haben Sie, armer Kerl, denn schon wieder?«
»Herr Doktor, kaum vier Wochen ist meine Frau tot, und nun liegt über
mir die Frau von dem Schneidermeister krank im Wochenbett. Und der Kerl
sitzt schon den ganzen Tag beim Wirt ›Zur Eiche‹ und säuft und will
nicht heimkommen. Und meine Frau ist tot, und er hat noch eine und
kümmert sich nicht darum. Ich kann's nicht mit ansehen!«
Halt, -- nun ist's genug. Etwas in mir regt sich und gibt mir neue
Kraft. Ein heißer Strom rinnt durch meine Adern. Den Lindwurm, der
mit seinen Ringen unser herrliches deutsches Volk erdrosseln will,
sehe ich leibhaftig vor mir! -- Wohlan, ich nehme den Kampf auf. Hier,
Obermeister, hast du meine Hand: in deinem Geiste! Bis zum letzten
Atemzuge! Ich habe einen Augenblick vergessen, daß mein verzweifelter
Tischlermeister neben mir steht, -- mir ist, als stände ich auf hohem
Berge.
Plötzlich zerreißen die Nebel um mich her, und mit einem Male wird
es klar und licht vor meinen Augen. Da ist der Drache, furchtbar und
dräuend, voll Riesenkraft und arger Hinterlist: Mit schmeichelndem
Lockruf lockt er die Opfer, ein ganzes Volk, -- nein, ganze Völker!
Mit Nebeldunst betört er die Hirne der Besten und Klügsten, der Ersten
im Volk, und die Menge läuft ihnen nach, wie eine Herde Hammel. Und
immer neue Hekatomben verschlingt er, und doch merken sie es nicht,
betäubt von seinem eklen Atem. Sie sehen nicht, wie die Frauen und
Kinder dahinsiechen, die Höfe verfallen, das Land verdorrt; sehen
nicht, wie das Volk in den Städten, angelockt wie die Fliegen im Sommer
vom Sirupfaß, in den Branntweinschänken und Bierpalästen verdummt und
verwildert, die Kinder verrohen und die Mütter ermüden im Kampfe um
den Tag. Sie taumeln und taumeln endlich in den Rachen des Ungetüms,
lachend und jauchzend, gröhlend und schreiend, bis es auch sie
verschlingt.
Aber es soll und muß anders werden! Gib mir, mein Gott, ein Schwert,
flammend, unter den Händen mir wachsend; gib, daß mein Auge sehend
wird! Zeige mir Wege, die ich sonst nie geschaut, Sonnenblicke in die
Zukunft, die ich sonst nicht geahnt.
»Herr Doktor, kommen Sie recht bald, die Frau ist sehr krank«, weckt
mich mein Tischler aus meinen Sinnen. -- »Ich komme sofort mit.«
Bleich und abgezehrt liegt die kleine gute Frau auf ihrem Bette. Der
Gram hat tiefe Furchen in ihr noch jugendliches Gesicht gegraben.
Ich untersuche sie. Sie ist noch zu retten. Ich fasse ihre Hand und
sehe ihr ins Auge und sage fest und ruhig: »Haben Sie guten Mut. Ich
weiß alles, was Sie drückt. Es wird noch alles gut.« Da bricht der
Tränenstrom befreiend los, und ein Hoffnungsstrahl überflutet das
Gesicht.
»So, Tischler, nun gehen Sie mit diesem Rezept in die ›Eiche‹ und sagen
Sie ihm, ich hieße ihn sich beeilen, er solle mit diesem Rezept sofort
zur Apotheke gehen.« -- »Er wird nicht gehen.« -- »Sagen Sie es ihm in
dem nämlichen Tone, wie ich es Ihnen eben sage.«
* * * * *
Der Schneider ist denn richtig sofort aufgestanden und ist zur Apotheke
gegangen. Mein Tischler war selbst starr über seinen Erfolg. Hatte
in meiner Stimme etwas vom Geiste deiner Liebe gelegen, du Ewiger,
und hatte mein kleiner Tischler das hinübergetragen in das lärmende,
rauchige Wirtshauszimmer? Es kann schon nicht anders sein.
Der Frau geht's heute besser.
Er stand am Fenster, machte ein Gesicht wie ein Schulbube, der was
ausgefressen hat.
Da trat ich zu ihm und legte meinen Arm um seinen Nacken und strich ihm
mit der Hand über den Kopf: »Lieber!« -- Da blickte er mich an, als ob
er etwas fragen wollte.
Ich sah ihn zum ersten Male.
Plötzlich stürzten ihm die Tränen aus den Augen.
»Nicht wahr,« sagte ich, »Sie wollen ein recht glücklicher Mensch
werden, so glücklich, wie damals, als Sie um Ihre kleine Frau freiten?«
Da schüttelt es den Mann, und schluchzend kommen die erstickten Worte
heraus: »Helfen Sie mir.« »Werden Sie Guttempler!« -- »Wie die in
Hamburg? Nein, niemals! -- Zum Gespött der Leute werden? -- Ja, wenn
ich wüßte, daß Sie Guttempler wären, -- dann ja.« -- »Ich gehe mit,
morgen nachmittag um 7 Uhr treffen wir uns auf dem Bahnhof.«
* * * * *
Heute früh um sieben Uhr hinausgerufen zu Gärtner Friedrichs. Sollte
Verbandzeug mitbringen. Schußverletzung. Was war's? Der Sohn, 25 Jahre,
hatte gestern abend gekneipt. Als er heute früh um sechs Uhr vom
Vater geweckt wird, hält der ihm noch eine Gardinenpredigt, daß er so
spät nach Hause gekommen sei, überhaupt in letzter Zeit die Gärtnerei
vernachlässige und viel herumkneipe. Nimmt der Kerl seinen Revolver vom
Nachttisch und schießt sich kurzerhand eine Kugel in die Brust. Er hat
aber Glück gehabt. Ich konnte ihm das Blei hinten zwischen den Rippen
aus der Haut herausschneiden. Es muß aber doch die Lunge verletzt
haben, denn er röchelte bös und hustete Blut.
* * * * *
Friedrichs ging es besser. Morphium und Kampfer, gegeben, um den
Schmerz und den Hustenreiz zu lindern und gleichzeitig die erlahmende
Herzkraft in Gang zu halten, haben ihre Schuldigkeit getan. Als ich ihm
heute ins Auge sehe und ihm sage, daß er genesen würde, da bricht's
durch, und unter Schluchzen meint er, es sei doch nichts mehr an ihm
gelegen, er sei zu tief gesunken. Da nahm ich seine Hand und mache
ihm klar, daß er ja eigentlich erst zu leben anfange. Wie er da so
etwas sagen könne. Er solle einfach den alten Menschen abschütteln und
ein neues Leben beginnen. Sieht er mich mit großen Augen verwundert
an und fragt: »Ja, aber wie?« Da erzähle ich ihm von dem neuen
Enthaltsamkeitsverein, der jetzt in Deutschland so viel von sich reden
mache und auch in der Stadt schon Anhänger habe. Dem solle er sich
anschließen. »Zu den Guttemplern?« Er schüttelt den Kopf. »Nein, -- ja
das heißt, wenn ich wüßte, daß Sie auch dazu gehörten.« -- Da überläuft
es mich heiß. Nun schon der zweite! Trinken tue ich ja sowieso
nichts mehr, -- hab' ich ja meinem urdeutschen Studentelein schon
abgeschworen, -- nun kann ich hier vielleicht schon wieder ein junges,
hoffnungsreiches Menschenleben retten, einem Vater seinen Sohn, einer
Mutter ihr alles, einer Braut den Verlobten! »Schön, es sei. Heute
abend werde ich Guttempler. Aber nun hübsch still liegen. Und nachher
werden Sie ein ganz gesunder, tüchtiger, glücklicher Mensch, und Ihre
Eltern erleben frohe Tage.« Wir hatten beide Tränen in den Augen. Der
wird gut. Die Eltern können's noch nicht fassen, daß ihr Sohn nicht
nur am Leben bleibt, sondern, -- vielleicht, -- noch ein tüchtiger
Mensch wird. Ich aber weiß es, -- denn der Augenblick war zu heilig, --
der kann nicht trügen.
* * * * *
Nun habe ich ihn kennen gelernt, den Mann mit dem eisernen Willen und
dem reichen, warmen Herzen, Asmussen. Tags leitet er auf der großen
Werft von Blohm & Voß den Bau der großen Schiffe, Hunderte von Händen
packen zu nach seinem Wort, Kräne drehen sich, Maschinen schwirren,
Schiffe gleiten ins Wasser nach seinem klugen, starken Willen, und
abends steht er in der Loge, trocknet Tränen, richtet gebrochene Herzen
wieder auf und sammelt die Geister zur Geisterschlacht.
Er hat auch mich eingeführt in den Orden. Nun weiß ich, was Liebe
heißt, und was sie wirken kann.
* * * * *
Heute waren drei Frauen aus Westhusen bei mir, um mich zu bitten, doch
dafür zu sorgen, daß der Stein die Schankkonzession in dem Neubau
nicht bekäme. »Warum?« Sie wohnten dort in der Nähe. Und bekäme er die
Konzession, dann würde er so lange hinter ihren Männern her sein, bis
er sie zu Stammgästen hätte, die dort ihren Wochenlohn verzehrten, und
sie und ihre Kinder könnten dann darben. Ich versprach ihnen, zu tun,
was ich könnte, -- ich fürchtete aber, ich würde nichts ausrichten.
Verwandte des Stein säßen im Kreisausschuß, die würden schon dafür
sorgen, daß er die Konzession erhielte.
Das beste ist, ich beuge vor und bringe die Männer vorher zu den
Guttemplern. Dann hat der Stein sich doch verrechnet. Denn die
Konzession ist ihm sicher.
* * * * *
Wie ich's gefürchtet, so ist's gekommen. Der Landrat wand sich wie ein
Wurm. Der Kreisausschuß habe die Konzession anstandslos bewilligt;
insbesondere hätten mehrere angesehene Leute aus Westhusen dieselbe
aufs wärmste befürwortet, auch die patriotische Gesinnung des Stein
lobend hervorgehoben. -- Womit hat derselbe denn diese betätigt?
Vielleicht damit, daß er zu faul ist, mit seinen derben Knochen irgend
eine ehrliche Arbeit zu tun? Und wovon soll er nun leben? Er kann nur
existieren, wenn er die Nachbarschaft zum Saufen verführt; denn fremder
Verkehr ist nicht da. Gottlob, daß ich meine Leute aufgeklärt und fest
habe. Freilich, den einen oder anderen wird er doch wohl in seine
Schlingen ziehen.
* * * * *
Was soll nun die Tollheit! Hat der Lautenthal seine schöne Krämerei. In
der kleinen Gaststube kehren die Fuhrleute ein, die ihre Pferde tränken
wollen und nebenbei ihre Einkäufe besorgen. Aber der Kerl ist zu faul,
um sein Geschäft zu betreiben. Lieber liegt er den ganzen Tag hinter
der Tonbank. Nun hat er einen Kriegerverein im Dorf gegründet. Zum Lohn
bekommt er die Konzession zum vollen Wirtschaftsbetrieb und zur Anlage
eines Salons. Die Krämerei wird verpachtet. Er selbst liegt den ganzen
Tag auf der Lauer, wen er wohl zum Mittrinken verführen kann. Sein Land
hat er ebenfalls verpachtet. Man kennt in drei Monaten den früher so
gesunden und fleißigen Mann nicht wieder, so dick und aufgeschwemmt
sieht er aus. Mich grüßt er nicht mehr. Solange er die Kneipe nicht
hatte, war ich der beste Doktor!
Herrgott, Landrat, siehst du denn nicht oder willst du nicht sehen?
Kennt ihr das Leben denn nicht? Kennt ihr unser Volk denn, ihr Herren
vom grünen Tisch? Wißt ihr denn nicht, daß ihr mit jeder neuen
Konzession eine Anzahl neuer Witwen und Waisen macht, mit jeder neuen
Konzession zu einer Kneipe unsere Krankenhäuser und Gefängnisse füllt?
Denn der, dem ihr die Konzession verleiht, will leben, muß leben, --
er kann aber nicht von den paar Mäßigen leben; er muß die Mäßigen zu
Trinkern, zu Unmäßigen machen, sonst kommt er nicht auf seine Kosten!
Und während die Spinne ihren Opfern das Blut aussaugt, vergiftet
sie sich selbst und geht mit zugrunde! Schaut, ihr Landräte und ihr
Kreisausschüsse, guckt doch nur in die Statistik, -- nein, besser
schaut ins Leben, schaut in eure Dörfer und Flecken, lernt das Leben
der Bürger in den Städten kennen, -- und dann wagt noch zu behaupten,
daß wir unrecht haben! Ihr spielt mit einem furchtbaren Gift, als ob
es Milch wäre! Was würdet ihr wohl zu uns Ärzten sagen, wenn wir
so leichtfertig mit der Verschreibung von medizinischen Giften sein
würden? Und doch besitzen wir im ganzen Arzneischatz keins, das aus
Verständigen Toren, aus ruhigen Menschen Berserker, aus Wohlanständigen
Bestien macht, wie es das Gift in euren Kneipen-Apotheken tut, die ihr
konzessioniert, als ob es Kindergärten wären.
Bei Gott im Himmel, ich klag euch an, -- nein, ich brauche euch nicht
anzuklagen: Hunderttausende Witwen und mißhandelte Frauen im ganzen
Reich, Hunderttausende darbende und entartete Kinder klagen euch an,
daß ihr den Strom des Wohlstandes unseres Volkes -- 3000 Millionen
Mark! -- nicht in die Bäckereien und Mühlen, nicht zu den Schlachtern
und Fruchthändlern, nicht zu den Schneidern und Schustern, nicht zum
Maurer und Zimmermann hindämmt, sondern zum Kneipwirt, zum Brauer, zum
Brennereibesitzer. -- Ist's vielleicht gar euer leiblicher Vetter, dem
ihr die Kundschaft nicht verderben wollt? -- Tod und Hölle, ist unserer
Regierung denn das Hirn vertrocknet oder das Herz versteinert?
* * * * *
Heute kommt in die Sprechstunde eine weinende Frau aus der Stadt
bei mir an, ob ich ihren Mann nicht retten kann. Vor Jahren sei er
Guttempler gewesen. Vorher ein arger Trinker. Eines Tages fiel er vom
Gerüst und brach ein Bein. Im Krankenhause hat er seine abendliche
Flasche Bier standhaft täglich wieder hinausgeschickt. Aber als er
entlassen werden soll, sagt der junge Assistenzarzt zu ihm: »Recht
so, Meves, Bier taugt nicht viel. Ist mir auch zu wabbelig. Macht
dicken Bauch. Aber ein kleiner Schnaps, der schadet nicht, wärmt die
Eingeweide.« Da ist er hingegangen und hat einen getrunken. Seitdem
säuft er nun und ist noch nicht nüchtern gewesen. -- -- »Will sehen,
was ich tun kann.«
* * * * *
Kommt da heute zu mir ein blasses Weib. Ob ich nicht ein Häuschen
für sie wüßte, am liebsten da oben am Wald. Sie hätten eine so
feuchte Kellerwohnung in der Stadt. Und zwei Kinder seien ihnen schon
gestorben, an Tuberkulose. Nun wollten sie die anderen beiden so gern
retten. Und sie wüßten nun, es käme von der Wohnung her.
* * * * *
Wieder geht durch die Zeitungen ein Wort des Kaisers von den
»vaterlandslosen Gesellen«. Merkwürdig, -- als ich es las, tauchten
zwei Bilder der Vergangenheit vor mir auf. Ich sah einen Jüngling in
meinem Geiste. Der besuchte das letzte Jahr vor dem Abiturientenexamen
das Gymnasium und erzählte mit leuchtenden Augen den Freunden, wie
er als Kaiser schaffen wollte, um sein Volk zum ersten der Welt zu
machen, -- ein Kaiser des ganzen Volkes wollte er sein, -- ja, lieber
wollte er ein »Arbeiterkaiser« heißen, als ein Kaiser für die oberen
Zehntausend sein. Not und Elend sollten unbekannte Gespenster in seinem
Reiche werden. Jeder, auch der Ärmste, sollte zu ihm kommen dürfen. Den
Vornehmen wollte er durch die Tat zeigen, wozu Adel verpflichtet. Die
Gerechtigkeit gegen die Geringsten des Volkes solle ihm Richtschnur
seines Handelns sein. Alles wolle er praktisch kennen lernen, wie
Kaiser Franz wolle er sich ungekannt und ungesehen unter sein Volk
mischen! Die Not des Bergmannes und des Fabrikarbeiters sollte ihm
nicht fremd bleiben, die Armut der Weber und der Heimarbeiter wolle er
kennen lernen, das Wohnungselend in den Großstädten und die Arbeitsnot
auf dem Lande.
Früh kam er ans Ruder, jung, überschäumend an Kraft und gutem Willen.
Dann kamen die Erlasse! Die Bergleute kamen an den Hof!
Arbeiterdeputationen wurden gehört. Versprechungen wurden gemacht. Das
Volk fing an, aufzuhorchen: es könnte wahr werden! Der Kaiser, die
Regierung hatten Herz fürs Volk. Der Not sollte gesteuert werden! Wie
eine warme Welle ging der Glaube durch das Land.
Aber die Schmeichler und Scharfmacher waren an der Arbeit -- der
Kaiser solle nicht blind sein: Nattern zöge er an seinem Herzen groß;
Falsche seien es, Erbschleicher, Lügner, Heuchler, -- Sozialisten
seien sie alle, Landes- und Hochverräter, -- ausgerottet werden müßten
sie, niedergetreten! Zugeständnisse würden nur neue Unzufriedenheiten
wecken. Altar und Thron, die Heiligkeit der Familie, die Fundamente des
Staates seien in Gefahr durch die Umstürzler! -- Solche Leute rühmten
sich öffentlich seiner Gunst.
Freilich waren es Sozialisten, -- aber er wollte sie ja gewinnen,
gewinnen zur Mitarbeit an seiner großen Aufgabe: sein Volk reich und
glücklich zu machen!
Er aber vergaß im Rausch der höfischen Feste, daß er das Elend und
die Not ja noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte, den Urgrund, aus
dem die »umstürzlerischen« Bestrebungen, wie eine dunkle Quelle aus
mooriger Tiefe, empordrangen; -- kaum daß er ihr leises Murmeln je
hörte --; und wie er die Not und das Elend zu sehen, selbst mit eigenen
Augen zu sehen, vergaß, so trat auch im täglichen Glanz der Wunsch,
hier Wandel, gründlich Wandel zu schaffen, in den Hintergrund; --
anderen, anscheinend größeren Zielen schlug sein jugendlich stürmisches
Herrscherherz entgegen: Deutschland sollte Weltmacht sein; eine Periode
des Glanzes sollte anbrechen, eine neue Renaissance -- in der Allianz
der Fürsten der Erde wollte er als glanzvollster sein Kaiserreich
vertreten! -- Persönlich wollte er jeden einzelnen gewinnen, überall
Glanz und Licht verbreiten helfen! -- So begann die Zeit der Reisen
und der Reden; und das Volk vergaß, daß es einen Kaiser hatte. Und
weil Hunderttausende kein Heim besaßen, das ihnen auch nur einen
Blutstropfen wert war, so vergaßen sie auch ihr Vaterland, und so
wurden sie »vaterlandslose Gesellen«, -- und du, und du, mein Kaiser,
warst mit schuld daran!
* * * * *
Nun sag' einer, daß unser niederes Volk kein Herz hat! Hat der Ahrends
vor Freude geweint, als ich ihm sagte, sein Junge würde gerettet.
Schwere, eitrige Rippenfellentzündung. Aber die Operation ist glatt
verlaufen. Nun einige Wochen Geduld, und dann hat er seinen Buben
wieder.
* * * * *
Der Hochtempler der Loge, welcher der Sattler Meves angehört, ist bei
mir gewesen. Mit einer Kriegslist will er den Meves veranlassen, zu
mir in die Sprechstunde zu kommen. Er selbst könne ihn nicht wieder
zum Eintritt in den Orden bewegen, und er habe doch schon so manchen
gewonnen.
* * * * *
Meves war da. Pochte ganz siegesgewiß darauf, daß der Doktor ihm den
Schnaps selbst, freilich nur einen kleinen, empfohlen habe. Da erinnere
ich ihn an die Zeit, als er nüchtern war und zum Orden gehörte, und
frage ihn, welche Zeit schöner war, damals oder jetzt, da er nicht aus
dem Rausch herauskommt. Da bricht er zusammen und weint wie ein Kind.
Nun wollen wir zusammen den Doktor retten, denn der hat's auch nötig.
* * * * *
Ich weiß nicht, der Ahrends ist nicht mehr, wie früher. Er sieht elend
und schlapp aus; auch sein Blick hat etwas Unstetes. Ich kann mir nicht
denken, daß er trinkt.
* * * * *
Da haben wir's! Das erste Opfer der Konzessionserteilung an den faulen
Halunken, den Lautenthal. Heut hat mir die Frau Ahrends, als ich sie
so gar elend und verweint antraf, denn gebeichtet, sie habe schon den
Plan gehabt, mit ihrem Jungen ins Wasser zu gehen. So ginge es nicht
weiter. Kaum, daß sie Brot im Hause hätten! Und ihr Mann hätte doch
seine gute Arbeit. Der aber sei seit einiger Zeit wie verwandelt. Und
nun, -- vor Schluchzen konnte sie kaum sprechen, -- niemals habe er sie
früher belogen; heute aber habe sie von dem Krämer, dem Pächter des
Lautenthal, eine Rechnung für Mehl und Salz und dergleichen bekommen,
und da habe sie denn erfahren, daß ihr Mann das Geld, das sie ihm zum
Einkauf mitgegeben, beim Wirt vertrunken, und die Waren beim Krämer
hätte anschreiben lassen.
Zum Glück kam er gerade nach Hause. Ich sagte ihm sein Sündenregister
auf den Kopf zu. Beschämt schwieg er. Als ich ihn nun aber an seine
gute Zeit erinnerte, wie glücklich er mit Weib und Kind gehaust habe,
-- da schluchzte der Mann bitterlich. Heute abend fährt er mit zur
Loge. Das wird ein guter Mitkämpfer. Gerade zur Aufklärung unter seinen
Mitarbeitern am Kanal kann ich ihn gut gebrauchen.
* * * * *
Heute war schon wieder einer von den Führern der Arbeiterpartei bei
mir. Warum ich bei meinen menschenfreundlichen Bestrebungen nicht zu
ihnen käme. In kurzem würde ich einen der ersten Plätze in ihrer Partei
einnehmen. Wie das auf meine Praxis einwirken würde, -- die ganze
Arbeiterschaft sei mir sicher! Toren, -- die über ihren Brotkorb und
ihren Ehrgeiz nicht hinaussehen können. Als ob man dazu auf der Welt
ist! Und nicht vielmehr dazu, zu helfen, zu fördern, wo immer es not
tut. Mir erzählte kürzlich ein Schiffsoffizier von der Woermann-Linie,
ein rotbärtiger, stämmiger Urgermane, wenn dort an der Südwestküste
Afrikas, bei Swakopmund, die Neger die schweren Mahagoniblöcke nicht
durch die Brandung wälzen könnten, dann spränge er wohl aus seinem Boot
ins Wasser und legte selbst Hand mit ans Werk, da es unter Umständen
darauf ankäme, zur rechten Zeit den Block über die richtige Kante zu
rollen. So ist's im Menschenleben, wie im Volksleben. Ich muß frei
sein, um da zupacken zu können, wo es not tut.
Was wollen denn alle unsere heutigen Parteien? -- Laßt sie doch
endlich ihre fadenscheinigen, politisch klingenden Deckmäntelchen
abwerfen und sich offen und ehrlich nach ihren Interessen benennen: die
katholische Partei, die Arbeiterpartei, die Großgrundbesitzerpartei,
die Kleinbauernpartei, die Handelspartei, die Industriepartei,
die Gelehrten- und Beamtenpartei, die Kleinhändler- und die
Handwerkerpartei -- dann könnte noch wieder Ehrlichkeit in unsere
Politik kommen. So aber triefen sie von Patriotismus und meinen sich
selbst. Wenn sie aber ehrlich wären und sagten, dies und das brauchen
wir für uns, dann könnten die anderen Stände kommen und sagen: »soweit
können wir euch entgegenkommen und soweit nicht«, und jeder Stand fände
die natürliche Begrenzung seiner Interessen in denen der anderen. Und
das Ganze könnte gesunden.
* * * * *
Das kommt davon. Immer wollte ich hinein in die Stadt. Aber Abend für
Abend kommen neue Kranke. Nun ist's zu spät. Der Doktor, den der Meves
und ich retten wollten, ist tot. Ist im Rausche nach Hause gekommen,
-- »alter Herrenabend« -- die Lampe hat geschwelt -- ist erstickt.
Kohlschwarz von Ruß haben sie ihn auf dem Fußboden gefunden. Schade um
ihn -- es war ein heller Kopf und der Sohn einer Mutter. Warum hat die
Mutterliebe ihn nicht gerettet? Kam auch sie zu spät, wie ich? Mein
Gott, gib mir zwei Köpfe und zweimal zwei Arme und zwei Beine. Es ist
zum Wildwerden, daß man nicht so kann, wie man möchte.
* * * * *
Das mögen die Bauern aber. Kommt da der Militärfiskus und kauft ihnen
ihr schlechtes Sand- und Heideland für 200 Mark den Morgen ab, um einen
neuen großen Truppenübungsplatz zu schaffen, -- und kaum 20 Mark ist er
wert.
Hei, wie die neuen Scheunen in die Höhe fliegen und neue
Schweineställe und Anbauten an die Gehöfte, damit die Frau eine gute
Stube und die Kinder ein großes Schlafzimmer erhalten. Nur für die
Tagelöhnerwohnungen bleibt nichts übrig. Es geht mit dem Mammonsrausch,
wie mit dem Alkoholrausch -- er umnebelt die Sinne, daß sie nur ihr
eigenes Joch noch merken.
Ein paar machen mir Sorgen, daß sie ihr ganzes schönes Geld in den Krug
tragen werden.
* * * * *
Sie wundern sich alle darüber, daß ich von der Alkoholfrage so viel
Aufhebens mache. Alkoholfrage? Kaum wissen sie, was es bedeutet! Zum
Donnerwetter, -- ist es denn etwas Gleichgültiges, wenn wir alljährlich
mit einem Kostenaufwand von dreitausend Millionen Mark die Gehirne
unserer Nation lähmen, von den Regierenden an bis zu den Strolchen
der Landstraße! Dreitausend Millionen Mark alljährlich in unsere
Nachtgeschirre und Kloaken fließen lassen, anstatt so viele dringende
Kulturaufgaben mit ihnen zu lösen! Für dreitausend Millionen Mark
jährlich Elend, Krankheit und Tod uns kaufen, und in was für unsagbaren
Zahlen! Und hätten das Geld so dringend nötig, um sechzig Millionen
Deutsche gesund und glücklich zu halten! --
* * * * *
Die Bauern in Groß-Wandendorf bekommen, glaube ich, den
Größenwahnsinn. Nun ist ein Konsortium aufgetaucht, das will neben
dem Truppenübungsplatz eine Villenkolonie anlegen, die Höhen sollen
aufgeforstet und mit Gartenanlagen versehen werden. Die ersten
Villenbewohner werden mehrere von den Bauern selbst sein. Denn was
sollen sie sich nun noch mit Arbeit schinden. Ein paar ziehen nach
Hamburg und Berlin als Rentiers. Und den Rest ihrer Höfe, den haben
sie teuer an Leute verkauft, die dort mit ihrer Hände Arbeit ihren
Unterhalt verdienen wollen und nun mit ihrem Schweiß dem mageren Boden
nicht nur ihr Brot abringen müssen, wie es vorher die Bauern getan,
sondern noch obendrein die unsinnigen Zinsen, die sie den früheren
Besitzern schulden.
* * * * *
Ich sag's ja, der Mammonismus ist so schlimm, wie der Alkoholismus,
oder vielmehr, er ist noch schlimmer als dieser. Will da eine
verständige Gesellschaft neben dem Truppenübungsplatz ein Soldatenheim
errichten. Verlangen die Bauern für zwei Morgen Land 1400 Mark! Es
ist ein Skandal, -- vierzig wäre es wert. Ist denn da ein Unterschied
zwischen Geldwucher und Bodenwucher?
* * * * *
Hei, das war eine Fahrt! Wie der Sleipnir, der brave Hengst, vor dem
Schlitten ausholte, um seinen Doktor möglichst schnell aus dem rasenden
Schneegestöber ins warme Nest zu bringen!
Aber der Heinsen war doch dankbar, daß ich kam. Leid tut er mir doch,
trotz seines Trinkens und seiner selbstverschuldeten Not. Das Wasser
in den Beinen zu haben und dabei das Bewußtsein, daß einem kein Ziegel
auf dem Dache mehr gehört, das ist keine Kleinigkeit. Ja, wenn er seine
Maria nicht hätte, sein braves Weib. Und wenn sie auch dreimal von
Juden abstammt, -- fix ist sie doch. Wo wäre heute dieser alte trunkene
Germane wohl, wenn sie ihm nicht seit Jahresfrist die Schlüssel und
Bücher aus der Hand genommen und wenigstens erst einmal Ordnung in
diesen Wust von Schulden gebracht hätte. Und kein Wort der Klage
darüber, daß er fast ihr ganzes Erbteil durchgebracht hat, daß Vater
und Mutter sich, weil sie treu zum Gatten hielt, von ihr losgesagt
haben. -- Und wie die Felder anders bestellt sind als früher! Wie
sehen die Gebäude, wie die Leute schon anders aus. Unter den ganzen
Leuten ist ein anderer Zug. Man merkt, sie haben Achtung vor der Frau.
Aber eine Kunst muß es sein, die drängenden Gläubiger von Tag zu Tag
hinzuhalten, bis man endlich wieder Boden unter den Füßen fühlt. Aber
nur so, wie sie's macht, ist's möglich.
Jede Ecke im Garten selbst wird ausgenutzt. Hier für Beerenobst, da
für Erdbeeren, dort hat sie Gemüse angebaut gehabt, alles Dinge,
die schnell Geld bringen; kein Ei geht in die Wirtschaft, kein Maß
Milch wird gebucht, zu dem sie nicht ihr ja und Amen gesagt. Und was
sie in unserer Kreisstadt nicht absetzt, geht wohlverpackt zu noch
besserem Preise zur Stadt. Ich wette, daß sie in absehbarer Zeit den
Hof schuldenfrei gearbeitet hat, während ihr Gatte seine geschwollene
Leber, das Resultat eleganter Herrendiners und feiner Bowlen, im
Lehnstuhl pflegt. Das Ganze ist ein Stück unserer Agrarfrage, wie es
im Buche steht. Entweder kaufen diese Herren ihre Güter zu teuer,
weil sie nun mal versessen darauf sind, und der Verkäufer nutzt
das aus. Oder sie kaufen aus Ehrgeiz oder jugendlichem Tatendrang
eins, das größer ist, als ihre Mittel es erlauben, so daß sie kein
Betriebskapital in Händen behalten, -- da nützt denn freilich kein
Fleiß und keine Umsicht! -- Oder aber der Herr Papa setzt sie so recht
warm in die Wolle, und sie verstehen nichts von der Landwirtschaft oder
zechen und reisen im Lande herum, als ob sie der Kaiser selbst seien,
und überlassen ihrem Inspektor die Verwaltung, der dann mit seinen
akademischen Kenntnissen bestenfalls so viel herausackert, wie er
versteht, -- wenn er's nicht ebenso macht, wie sein Herr, und sich bei
Skat und Bier auf die faule Haut legt. Und dann kommt Herr Diederich
Hahn, unser Reichstagsabgeordneter, mit seinen Genossen im Land und in
der Presse und schreit über die Not der Landwirtschaft, bis die Bauern,
bis die Parteien, die Minister und der Kaiser selbst es glauben: Und
schwupps hagelt es Getreidezölle und Grenzsperre fürs Vieh, und der
kleine Bauer hat das Nachsehen, weil er das Futter fürs Vieh zukaufen
muß und nicht bezahlen kann bei den hohen Preisen, und der Arbeiter in
den Städten klagt über die hohen Fleischpreise und verlangt mehr Lohn.
Und je mehr Lohn er erhält, desto mehr laufen die deutschen Knechte vom
Lande in die Stadt, und weil sie dort nicht ihr gesuchtes Brot finden
können, wenden sie sich weiter nach Westen übers Meer und werden drüben
zu Konkurrenten für uns. Und statt ihrer kommen zu uns die Polen. Und
da auch sie von den hohen Löhnen in den Städten und im Westen hören,
wenden sie sich ebenfalls weiter, und so kommen die Russen über die
Grenze. Und das nennt man »nationale Wirtschaftspolitik«!
Heilige Einfalt! Und hier zeigt ein Weib, wie man es machen muß. Das
Geheimnis heißt: arbeiten, rechnen, sparen, gerecht sein. Ist ihr doch
in diesem ganzen Jahr kein Knecht, keine Magd weggelaufen! Freilich
kriseln tut's auch hier. Wenn ich ihr nur helfen könnte!
* * * * *
Dann kam eine schwere Zeit. -- Da lagen die Blätter, die davon
berichteten. Ich kannte ihren Inhalt nur zu genau. Ein halbes Jahr
unter unsäglichen Qualen und Schmerzen, sehenden Auges ständig zwischen
Tod und Leben. Aber mein Geist rang mit dem Körper, -- ich mußte ja
leben, leben meines Weibes, meiner Kinder, meiner Armen, meines Volkes
willen!
Doch leise traten meine vom Trunk geretteten Freunde an mein
Krankenbett: »Bruder, wir haben schon wieder einen! den haben wir
gerettet!« »Und wieder einen!« »Und noch einen! Und bald sind wir so
viele, daß wir selbst eine Loge gründen können.« »Ja, -- ich bleibe am
Leben und helfe euch, treu als Bruder Hand in Hand! Und dann wollen wir
gemeinsam retten, helfen, Samen des Guten ausstreuen!« Das half. Wie
Feuerstrom glitt es durch die Adern. Wahrhaftig! die Seele überwand den
Körper. -- Ich genas.
Die Loge wurde gegründet. Sie wuchs und gedieh. Töchterlogen wurden
abgezweigt in die Umgegend. Einer riß den andern aus dem Sumpf. Die
Inhaber der Branntweinschenken, die schon in sicherer Hoffnung auf
meinen Tod wahre Orgien in ihren Spelunken gefeiert hatten, sie mußten
bald sehen, wer der Stärkere war. Wir siegten. Nein, -- die Wahrheit
und die Liebe siegten.
Bald gab's kaum noch einen Trinker in unseren Gemeinden!
Und dann sprach es sich herum. Da sitzt einer, der rettet die Menschen
vom Trunk. Da kamen sie heran, in Scharen, flehend, Hilfe suchend,
Frauen und Mütter, Bräute und Schwestern, Greise und Jünglinge, Arme
und Reiche. Offiziere, die als junge Leutnants durch das Beispiel des
Herrn Hauptmanns oder des Herrn Obersten an den Trunk gebracht waren,
Grafen, Minister- und Professorensöhne, die der Sekt an der elterlichen
Tafel ins Elend gestürzt hatte, Lehrer, die den Trunk auf dem Seminar
vom Herrn Direktor oder auf der Universität vom Professor gelernt,
Ärzte, die ihren reichen Patienten zuliebe sich das Trinken angewöhnt
hatten.
Auch ein Pfarrer kam. Er hatte in seiner Gemeinde viel Gutes getan,
viel Segen gestiftet. Sein Superintendent konnte viel vertragen, er
aber nicht, weil sein Vater gern pokuliert hatte. Aß er nun aber bei
seinem Vorgesetzten zu Mittag, so trank ihm dieser fleißig zu. Daher
kam es, daß er eines Tages nach der Nachmittagspredigt, noch erhitzt
von dem Wein des Herrn Superintendenten, sich in der Sakristei am
Abendmahlswein vergriff, dann im Halbrausch, um das Fehlen des Weins
zu maskieren, die Kirchenfenster einschlug, den Chorrock zerriß und so
einen Einbruch mit Schändung des Gotteshauses vortäuschte. Durch Zufall
wurde er entlarvt.
Der nämliche Herr Superintendent, der ihn an seinem Tische das Trinken
gelehrt hatte, und der selbst so viel vertragen konnte, saß über ihn zu
Gericht. Mit Schimpf und Schande wurde der Pfarrer aus dem Amte gejagt.
Da kam er zu mir. Und ich half ihm. Nun sitzt er wieder in Ehren im
Amt, trinkt aber nichts mehr und ist ein Segen für seine Gemeinde.
Draußen heulte der Schneesturm, rasselten die Ketten am Schornstein.
Stampfend arbeitete das Schiff sich vorwärts. Wunderlich drängten sich
die Erinnerungen. Wie Scharen lebender Menschen quollen sie aus der
Tiefe empor. Ich sah die verweinten Gesichter, die gramdurchfurchten
Züge, sah die Verzweiflung, die Reue, -- sah das ungläubige Aufhorchen,
das Aufleuchten der Augen und fühlte den dankbaren Druck der Hände. Mir
wurde ganz warm ums Herz. Aber weiter, weiter wie das Schiff, jagten
die Gedanken.
Neue Aufgaben drängten. Immer teurer wurden die Wohnungen, immer
knapper der Boden, immer größer die Not. Es mußte Wandel geschaffen
werden.
Eine Baugenossenschaft wollte ich gründen, wie sie anderswo auch
bestanden. Keiner wollte helfen. Jeder hatte eine andere Ausrede: in
unserer Gegend sei das Land zu teuer. Ein anderer: die Löhne seien
zu hoch. Solche Häuschen, wie ich sie wollte, würden unerschwinglich
werden für die Arbeiter. Der dritte: Wer denn für alle die vielen
Arbeiterkinder, die in den Häusern geboren werden würden, die
Schullasten tragen sollte! -- Als ob in den Mietskasernen der
Herren Unternehmer keine Kinder geboren würden! Der vierte: die
Schweineställe würden riechen und Ratten herbeiziehen. -- Als ob
die Schweine der Herren Ortsvorsteher und Honoratioren im Dorfe nach
Eau de Cologne röchen! -- Der fünfte hielt die ganze Sache für sehr
riskant, -- er wolle kein Risiko laufen und sich die Finger verbrennen.
Das Genossenschaftsgesetz -- na, und dann ... Der Sechste war der
Patriotische: er sähe im voraus, in den Häusern würden Sozialdemokraten
wohnen, und denen auch noch obendrein Häuser bauen, -- nee, Deibel. --
Da wünschte ich ihnen eine »gute Nacht«, -- dann würde ich das Werk
allein angreifen. Aber gemacht würde es. Das half. Der eine und der
andere lenkte ein: Wenn ich denn durchaus meinte, daß es ginge, dann
wollten sie auch nicht zurückbleiben.
Aber die Feigen, die Halben und diejenigen, die sahen, daß es nichts
für sie zu fischen gab, verzogen sich leise im Hintergrund.
Die Baugenossenschaft wurde gegründet.
Hier und dort wurde unter der Hand ein Stückchen Land gekauft, hier
ein sandiges Feld, da eine Ecke Heideland, dort ein Stück Wald; die
Landesversicherungsanstalt gab uns Kredit, -- der Landpreis blieb als
Hypothek stehen; Häuschen um Häuschen entstieg dem Boden, weiß, mit
rotem Dach und grünen Fensterrahmen, einem Stall fürs Schweinchen und
die Ziege, ein Gärtchen für Obstbäume und Gemüse lockte zur Arbeit, --
Himmel, welch ein glückliches Leben entwickelte sich da!
Aber Sozialisten waren dazwischen, hatten Häuser erhalten, --
Staatsfeinde bauten Kohl und freuten sich am Gedeihen ihres Schweines.
Das war ja der reine Landesverrat, -- diesen Feinden von Thron und
Altar auch noch Häuser bauen, und noch dazu mit staatlichen Geldern!
Das mußte gerochen werden. Und Neid und Haß und Klatschsucht machten
sich an die Hetze und Wühlarbeit. Da nahm ich mein Schwert in die Hand
und ließ es funkeln, und die Feinde schwiegen feige eine Zeitlang, um
aber immer aufs neue wieder zu stören. Ich aber ließ nicht nach im
Kampf, so müde er auch machte.
Eines Tages wurde ich vor den Landesdirektor zitiert. So ginge es nicht
weiter mit der Baugenossenschaft. Mit staatlichen Geldern, mit den
Mitteln der Landesversicherungsanstalt den Sozialisten Häuser bauen, --
das hieße auf den Landesverrat Prämien aussetzen.
Während der alte Herr auf mich einsprach in ständig steigender
Erregung, sah ich durchs Fenster die jungen Apfelbäume in seinem
Garten. Als er geendet hatte, stand ich ruhig auf, zeigte mit der Hand
in seinen Garten und sprach: »Die Bäume haben Sie neu gepflanzt, Herr
Graf?« »Jawohl, Herr Doktor, -- was soll's?« »Wie lange müssen Sie wohl
warten, bis sie Früchte tragen?« »Fünf bis sechs Jahre schätze ich.«
»Und dann verlangen Sie von mir, daß ich aus verbitterten Proletariern,
die durch den Mangel an Liebe und Weisheit in unserer Regierung zu
verbitterten Feinden der Gesellschaft geworden sind, im Handumdrehen
hurrarufende Bürger mache? Warten Sie wenigstens so lange, wie Sie bei
Ihren Apfelbäumen auf die Frucht warten, und Sie sollen aus diesen
verarmten, heruntergekommenen, verbitterten Leuten wieder Menschen,
Staatsbürger werden sehen. Aber damit sie's werden, werden können,
braucht's Zeit und -- Liebe.«
Mit Tränen in den Augen reichte mir der alte brave Mann über den Tisch
hinüber die Hand: »Bauen Sie nur, -- Sie haben den Kredit, den Sie
brauchen.«
* * * * *
Wie ich heute meinen Vortrag im ärztlichen Verein über die Fortschritte
unserer Wissenschaft in der Erkenntnis der Giftwirkungen kleinster
Mengen von berauschenden Getränken gehalten habe, -- natürlich unter
verstecktem Gekicher und schlecht unterdrücktem Grinsen einer großen
Zahl der zuhörenden Kollegen, -- was erwidert mir in der Diskussion
der Klügsten einer? 's ist kaum zu glauben! Als Antwort auf die
Mitteilungen von all den nackten Tatsachen und exakten Forschungen
unserer besten Gelehrten, unserer ersten Nervenärzte und Physiologen:
»er glaube nicht, daß ein mäßiges Glas so schädlich sei, -- ihm sei
es immer vortrefflich bekommen, -- und dann solle man doch einmal an
unseren größten Deutschen, an Bismarck, denken, -- der habe einen
tüchtigen Humpen gehoben und habe doch so viel geleistet!« --
Da erwachte teutonischer Zorn in mir: »Meinen Bismarck sollten sie mir
unangetastet lassen! Freilich habe er zeitweise reichlich getrunken,
-- eine Folge alter studentischer Suggestionen aus der Zeit des
Korpsstudententums, -- aber selbst diesen urgermanischen Recken habe
das heillose Gift zerrüttet, wie er oft genug selbst bitter geklagt
hat, kaum aus Doktors Händen ist der alte Riese gekommen sein Leben
lang, -- er selbst hat in nüchternen Stunden dem Nationallaster unseres
Volkes arg genug gegrollt, -- und was er, der Gewaltige, wenn er stets
nüchtern gewesen wäre, unserem Volke noch mehr geleistet hätte, als er
so schon getan hat, -- von uns Epigonen soll's keiner sagen!« --
Die Diskussion war zu Ende. Aber Sturm gab's. Die einen waren für
mich, die anderen gegen mich. Wenn sie nur erst zum Nachdenken kommen.
Die Wahrheit siegt doch. Haben die Sklavenbefreier unter ihrem Banner
gesiegt, so werden auch wir unter dem gleichen Zeichen siegen!
* * * * *
Da -- ein neues Blatt!
Kaiserparade! -- Ich hatte mit meiner Sanitätskolonne den
Sicherheitsdienst beim Publikum, dort, wo der Kaiser aufs
Paradefeld ritt. Das Gedränge war fürchterlich. Zehntausende waren
zusammengeströmt, von weit her, um das glänzende Schauspiel zu sehen.
Von hinten drängte das Volk, von vorn die Pferde der zur Absperrung
kommandierten Reiter. Fast schien größeres Unglück unvermeidbar. Da
postierte ich in Zwischenräumen meine braven Sanitäter, ich selbst ging
ständig durchs Gedränge, -- vor der Uniform bahnten sie willig eine
Gasse, -- und ermahnte in ruhigem, freundlichem Ton die Massen zur
Vernunft, ihnen die Gefahr kurz auseinandersetzend. Und siehe da, -- in
weniger als einer halben Stunde hatte sich die wogende Menschenmasse
beruhigt, -- kein Unfall kam vor, -- jeder stand auf seinem Platz; die
Hintersten gaben die Aufklärung gleich in dem gleichen Tone weiter an
die Neuzukommenden, -- in Ruhe und Frieden verlief das ursprünglich
unheimliche Gedränge. Mir aber wurde klar, wie der Ton die Musik macht,
-- wie das Samenkorn zur Ernte wird, -- wie sich das Geistige in
Wellenringen fortpflanzt bis ins Urewige, -- wie nichts verloren geht,
was wir tun, wie auch das Geringste seine Wirkung hat fort und fort,
wie die Kraft unbeschränkt weiterwirkt im Reiche der Natur.
* * * * *
Paradeessen im Rathaussaal! Sämtliche »Spitzen der Behörden« waren
geladen. Der Kaiser ließ sich alle vorstellen, redete mit diesem und
jenem ein paar Worte und war anscheinend befriedigt von der »Fühlung«,
die er mit seinem Volke hatte.
Während der Tafel saß ihm zur Rechten der Erzbischof von Stablewsky,
jener polnische Schürer, der im geheimen die Brandfackel durchs Land
trägt. Verdenken kann's ihm kein Mensch; denn er ist Pole und will
seine Polen polnisch erhalten. Dann soll er aber ehrlich sein und
vor den Kaiser hintreten und sagen: »Kaiser, ich kann dir nicht in
deinem Geiste zu Willen sein. Ich und meine Volksgenossen wollen keine
Deutschen sein, sondern Polen, freie Polen.« -- Aber hier mit ruhiger
Stirn neben dem Kaiser zu sitzen, mit diesem süßlichen, devoten Lächeln
das Zutrinken des Kaisers erwidern und dabei im Innern brütend, wie er
die Seinen zum Siege führen könne gegen den verhaßten Deutschen; --
Kaiser, mein Kaiser, bist du denn blind?
Der Kaiser trank hastig von seinem Sekt; sein Auge glühte, als er
den Trinkspruch ausbrachte auf sein Heer, auf die Provinz, auf die
Zunahme des Deutschtums -- glatt, wie ein Meer vor dem Sturme, waren
die Züge des Erzbischofs, -- auf die Zunahme von Wohlstand und Bildung
im Bürgertum, -- die Philister schmeckten mit Wollust noch das letzte
Genossene. -- Allgemeines Hurra! Und jeder schlürfte andächtig sein
Glas aus. Wie war man patriotisch!
Dann sprach der Bürgermeister. Er erstarb in Ehrerbietung und
Dankbarkeit und zählte beredt alle guten Eigenschaften der
allerdurchlauchtigsten Majestät auf, alle guten Absichten und
Ziele; zum Schluß ein dreimaliges Hurra, -- die Herren vom
Honoratiorenstammtisch riefen so laut, daß sie sicher alle den
Kronenorden vierter Güte zu erwarten haben, -- dann schlürften alle
ihren Sekt und setzten sich mit höchst befriedigten Mienen in dem
Bewußtsein, eine große patriotische Tat getan zu haben, wieder auf ihre
Polster.
Nach Tisch sprach der Monarch leutselig mit diesem und jenem ein
paar Worte und bekam überall höchst zufriedenstellende Auskünfte und
schied endlich, -- eine Wolke von Patriotismus hinterlassend; die aber
verflog, wie der Rauch der Zigarren, die sie qualmten.
Ich hatte zum Schluß noch einen langen Disput mit den anwesenden
Geistlichen über die Alkoholfrage. Sie machten mir mein Wassertrinken
zum argen Vorwurf. Dies taten sie aber offenkundig nur aus Neid!
Sie konnten nicht von ihrem eigenen Glase lassen, obwohl sie in
innerster Seele einsahen, daß sie eigentlich als Seelsorger und Hüter
des geistigen Wohles zum mindesten ebenso viele Ursache hatten, den
Menschen mit gutem Beispiele voranzugehen, wie ich als Arzt und Hüter
des leiblichen Wohles meiner Mitmenschen, da die Seele ja immerhin
noch etwas Vornehmeres ist, als der Leib, und die Seele durch den
Rausch noch mehr leidet, als der Körper. Ihr gröbstes Geschütz
führten sie wider mich zu Felde. Anmaßung sei es, mich auszuschließen
von allgemeiner Sitte, sagte der Propst; der Erzbischof meinte mit
lächelnder Miene, da selbst das Oberhaupt der Christenheit den Wein
nicht verschmähe, so dürfe wohl jeder gläubige Christ das nämliche
tun. Der rechtgläubige Pastor meinte, Gott habe nichts Schlechtes
geschaffen, also könne auch der Wein nicht schlecht sein, worauf ich
ihm erwiderte, Gott habe auch das Opium geschaffen, ein vortreffliches
Heilmittel gegen Schmerzen, so sei der Wein ein herrlich linderndes
Trugmittel für den Sterbenden. Das Volk, das sich dem Opiumgenuß
ergäbe, ging unter, wie auch die Goten in Italien nicht dem römischen
Schwerte, sondern dem römischen Weine erlegen seien. Der alte
Burschenschaftler, der liberale Pastor, zitierte singend »wer nicht
liebt Wein, Weib und Gesang!« Er hielte es mit Dr. Martin Luther, --
was? -- das Lied ist ja gar nicht von Luther, -- hat Luther selbst
doch den Erfinder des Bieres eine Pest für Deutschland genannt! Ob sie
denn alle nicht den Zusammenhang zwischen ihren Gläsern und dem ganzen
entsetzlichen Elend im ganzen Reiche, ja, in der ganzen Menschheit
durchschauen könnten? Es nützte nichts.
Der Kaiser war längst gegangen. Mit ihm sein Gefolge. Die Honoratioren
nur noch waren geblieben. Bald hörte man hier ein lautes: »nach Hause
gehen wir nicht«, -- bald dort ein: »und so wollen wir denn noch mal«.