Roßberg'sche Buchdruckerei, Leipzig

»Diese Blätter enthalten Wellenringe meines Geistes. Hilf ihnen, daß

sie frei werden.«

Mit diesen Worten vertraute mir mein Freund auf seinem Sterbebette ein

Manuskript, das Werk seines Lebens, an. In der Arbeit für andere, in

seinem Helferberufe, hatte er seine Kräfte erschöpft. Bei der Pflege

des kranken Kindes einer armen Witwe hatte er den Keim des Todes

eingeatmet. Sein Lebenslicht war erloschen. Aber der Samen seiner

Liebestätigkeit spreute weit über die Lande.

Nun hatten wir ihn da droben in den Bergen zur Ruhe gebracht, hoch oben

in den Schneeregionen, wie er gebeten, -- um der Sonne recht nahe zu

sein. --

Und wie wir ihn betteten, war es mir, als hörte ich deutlich drei

schrille Hammerschläge und spürte den Zauber, der von einer unendlichen

Kette unsichtbarer Hände ausging, die den Erdball umspannten, wie eine

wunderbare, schier übermenschliche Kraft. --

So flutet denn hinaus, ihr Wellenringe seines Geistes, um zu wirken,

wie er es gewünscht!

Die Geschichte eines Suchenden.

Ich war müde geworden im Kampfe gegen das Unglück und die Torheiten der

Menschen, gegen Krankheit und Tod, gegen Härte und Verzagtheit.

Von Jugend auf hatte ich Körper und Seele gestählt für diesen Kampf,

hatte als zarter Knabe Abend für Abend Gott angefleht, mich zum starken

Manne werden zu lassen, um meinem Vaterlande dienen zu können. Die

Spartaner und alten Germanen hatte ich mir zum Vorbild genommen, Hitze

und Kälte ertragen gelernt. Meine Muskeln waren hart und die Nerven

zähe geworden. Dulden von Schmerzen und Entsagung hatte ich auf mich

genommen, um mich für den Kampf des Geistes zu stählen. Sollte ich nun

doch unterliegen?

Ich fühlte, wie tausend Gegner nach meinem Leben zielten mit Haß und

Verleumdung, mit Hinterlist und Verhetzung, fühlte, wie Neid und

Eifersucht, wie wilde Kaninchen und Maulwürfe einen gut gehaltenen

Garten, mein Arbeitsfeld unterminierten. Und daß ich diese ganze

Gesellschaft von Philistern, von Kriechern und Strebern, von Heuchlern

und hoffärtigen Toren, die ich gewohnt war nur mit Mitleid zu

betrachten, in meinem Lebensgarten an der Arbeit sah: daß ich diese

ganze Gesellschaft als dräuende Gegnerschaft empfand, das machte schon,

daß ich mich doppelt elend und müde fühlte.

Ritt oder fuhr ich durch unser herrliches Land, über mir den blauen

Himmel, auf dem wie silberne Schwäne einzelne schneeweiße Wölkchen

schwammen, so sah ich über der nahen Stadt den Dunst stehen wie eine

große dunkle Mauer. Die erinnerte mich täglich, ja stündlich an die

Riesengröße meiner Aufgaben. Denn hinter dieser großen dunklen Mauer

da wohnten das Elend, der Tod, die Krankheiten, die Verkommenheit, die

Härte und Kälte, die Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit.

Und aus diesem großen dunklen Dunstkreise heraus kamen zu mir, wie

droben am Himmel die kleinen einzelnen Wölkchen, die bei Ostwind

von der Stadt her über unserer grünen Gartenlandschaft dahinzogen,

gleichsam, als wollten sie dem eklen Dunst entfliehen: Hungernde und

Verzweifelte, Ratlose, Liebelose, Kranke und Sieche, wie die Großstadt

sie aus dem Taumel der Arbeit und der sogenannten Genüsse gebiert. Und

alle wollten Hilfe, -- der wollte Rat, jener Liebe, dieser Brot, jener

Arbeit, einer sein Recht, ein anderer Aufklärung oder einen handfesten

Rippenstoß in die Seele, daß er aufwachte. Und ich gab, was ich hatte,

und was ich wußte.

Aber nun war ich müde geworden. Denn riesengroß, als ob sie mich

erdrücken und ersticken wollte, sah ich tagtäglich die dunkle Wand

am Horizonte stehen und wachsen, -- wie die riesengroße Verkörperung

meiner Lebensaufgaben, die ich mir gestellt: mein Volk, mein geliebtes

deutsches Volk, reich und frei, stark, gesund und glücklich machen zu

helfen.

Wohl klang mir das Wort des Altmeisters Goethe durch die Seele: Mensch

sein, heißt Kämpfer sein, wie ein steter Weckruf, nicht nachzulassen im

Kampf. -- Aber je mehr ich kämpfte, desto mehr erkannte ich die Größe

des Elends.

Manchmal war es mir geradezu, als schwanke der Boden unter meinen

Füßen. -- Ich hatte ein Gefühl wie vor langen Jahren, wenn ich als

Knabe über die Moore meiner Heimat schweifte: mir kam es vor, als

ob der Lebensboden unserer Heimat hohl sei, -- leer an Liebe. Ja,

das war's, die Liebe fehlte in der Welt! Und weil die Liebe fehlte,

zersetzte sich unser Lebensboden, und tausend Giftpflanzen schossen

auf, -- die Sünden unserer Zeit: Selbstsucht und Habgier, Neid und

Eifersucht, Unzucht und schrankenlose Genußsucht. Herrgott --, schenke

uns doch die Liebe wieder, wie du in jedem Frühling die Sonne der Erde

wiederschenkst, damit sie wieder erwärmt wird, grünt, blüht und Früchte

trägt.

Und so liebeleer schien mir die Welt trotz alles Glückes daheim, daß

ich schließlich nur noch das Elend sah und die Not, nur noch die Sünde

und die Lieblosigkeit, -- hoffnungslos.

Mir aber war's, als ob alle Kraft von mir gewichen sei.

Da ging ich in die Heide, um, -- wie einst der Riese Antäus im Kampfe

mit Herkules durch die Berührung mit seiner Mutter Gäa, der Erde, neue

Kraft gewann, -- im engen Zusammenleben mit Mutter Natur neue Kräfte zu

sammeln zu neuem Kampf und neuem Leben.

Ich zog über den Elbstrom in die schwarzen Berge des Hannoverlandes,

die den Nordrand der Lüneburger Heide bilden. An den Buchen hing

noch zum Teil goldgelbes Laub, durch das das satte Grün der Tannen

tröstend und wärmend leuchtete. Noch stand die Heide im Braunrot ihres

Herbstgewandes; Erde und Moos strömten ihren kräftigen Dunst aus.

Würzig frisch strich die Luft durch Heide und Wald, -- eine Zeit, so

recht zum Genesen und zum Kräftesammeln. Tag um Tag, Woche um Woche

schlenderte ich durch das Land. Mein Weggenosse war der Herbstwind, der

kühler und kühler wurde. Ich hielt Zwiesprache mit den Eichhörnchen

und den Rehen im Walde und den Hasen auf der Heide. Warf ich im

Tannendickicht meine Kleider ab, um in der frischen Herbstluft die

Glieder zu recken und mir von Wind und Sonne den Körper stählen zu

lassen, so kam das Wild und lugte neugierig nach dem Fremdling.

Freilich, die Kräfte und der Schlaf kamen wieder bei dem Leben, das ich

da führte, aber die Seele wurde doch nicht frei. Und das kam so. Wenn

die Sonne im Westen, dort, wo die Elbe sich ins Meer ergießt, versank,

und ihr letzter matter Strahl verglommen war, dann saß ich oben am

waldigen Bergesabhang, wo ich als Knabe schon gesessen und mich satt

getrunken hatte an der Abendsonnenglut, und schaute über die Elbe,

dorthin, wo in grünen Hügeln mein Heim versteckt lag, wo meine Lieben

hausten, mein Weib, die treue Gefährtin meines Lebens, meine Buben und

Mädel. Ich sah sie im Geiste ihre Schiffe bauen und ihre Spiele spielen

mit selbstgeschnitztem Pfeil und Bogen, sah sie ihre Gärtchen bestellen

und die Tauben füttern, ich sah, -- nein, ich durfte nicht sehen, sonst

erfaßte mich die große schlimme Krankheit, welche die Menschen befällt,

wenn sie eine Heimat haben, -- das Heimweh. Aber ich war ja kein Knabe

mehr, das Heimweh meisterte ich schon.

Doch es war ein Schlimmeres da, was ich sah, was meine Seele selbst

aus der Ferne nicht ruhen ließ, sondern wie ein ätzendes Gift in ihr

fraß und bohrte. Wenn über die Heide und den Wald, über die weiten

Marschwiesen und den Strom das Dunkel sich gesenkt hatte, dann

strahlte drüben im Westen, von Blankenese an bis zum Osten, da, wo

Harburg an den Elbstrom stößt, ein Riesenkranz von Lichtern auf, wie

eine ungeheure Perlenkette als Schmuck für die Königin Nacht. Wo

tagsüber die Dunstwolke über der großen Stadt gestanden hatte, flammte

jetzt eine heiße, qualmende Glut auf: der Widerschein von Tausenden

von Lampen und Lichtern. Gleichzeitig drang deutlich vernehmbar ein

Summen und Brausen an mein Ohr, wie das Rauschen eines fernen Meeres.

Mir klang es wie das Ächzen und Stöhnen eines großen Elends. Wohl hörte

ich das Rasseln und Stampfen der schweren Wagen und Maschinen, das

Pfeifen der Lokomotiven und das Tuten der Nebelhörner der Schiffe, --

das waren nur Zeichen des tätigen Lebens, -- die störten mich nicht,

die liebte ich. Waren sie mir doch vertraut von Jugend auf. Aber aus

all dem Lärm heraus hörte ich immer wieder, leise, doch ganz deutlich,

das Ächzen und Stöhnen der Tausende und Abertausende von Unglücklichen,

von Hungernden und Verzweifelnden, von Verführten und Verkommenen,

von Obdachlosen und Arbeitslosen, von Kranken und Siechen, die krank

und siech geworden waren durch eigene Schuld, durch den Trunk, zu dem

andere sie verführt, und zu dem sie wiederum andere verführt hatten,

krank und siech durch liederliche Dirnen, die, selbst ein Opfer des

großen Molochs, mit ihren Opfern elend zugrunde gingen.

Und durch das trunkene Jauchzen und wilde Schreien hörte ich das

Wimmern elender Kinder und das Schluchzen hungernder, gemißhandelter

Frauen, das Stöhnen der Reue und der Verzweiflung und das Röcheln

reuevoll und ruhelos Sterbender. Und nicht helfen zu können mit allem

guten Willen, das machte mich schier rasend! Und in ohnmächtigem

Schmerz sah ich die Glutwolke über der Vaterstadt und hörte den

Puls seines Lebens und das Stöhnen und Röcheln seiner Elenden und

Sterbenden. Und von der Vaterstadt flog mein Geist weiter durchs

deutsche Land und überall sah er das nämliche Elend. So nagte der Gram

weiter, und die müde Seele kam nicht zur Ruhe.

* * * * *

Eisiger wurde der Wind; kahl stand der Buchenwald; graubraun lag die

Heide. Regenschauer wechselten mit Nebeltagen, heulender Weststurm mit

Schneetreiben aus Osten. Da wurde mir allmählich klar, was mir fehlte.

Ich hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Ich hatte verlernt zu

hoffen, daß sie je aus dem Elend herauskommen könnte; hatte den Glauben

verlernt, daß je das Gute das Böse werde besiegen können. Aber ohne

diesen Glauben, ohne dieses Hoffen gleichen wir hungernden Reptilien,

die in dunkler Erde eklem Gewürm nachkriechen, um zu leben!

Tief im Herzen wohnte mir die Sehnsucht nach der Sonne, nach Wärme und

Licht, -- ich war ja Licht und Wärme und Sonne gewohnt, -- das rettete

mich -- aber nur zu oft kam immer wieder ein dunkler Drang über mich,

es ebenso zu machen, wie die Tiere des Waldes, wenn sie den Tod nahen

fühlen! Ich wußte oben im Tannendickicht ein lauschiges Plätzchen, wo

kaum je der Fuß eines Wanderers hinkam. Wenn ich mich dort hinlegte und

mit Laub ganz zudeckte und einschlief, einschlief für immer, -- dann

war ich alle meine Qualen los.

Eines Tages tat ich es, schlief ein dort oben. Da träumte mir, ein

überirdisch schönes Weib, nur mit dem Schmuck ihrer langen blonden

Haare angetan, trat zu mir und weckte mich mit Küssen, die neues Leben

durch meine Adern rieseln ließen. Und als sie mir entwich durch den

Tann, eilte ich ihr nach und holte sie ein. »Wer bist du?«, fragte ich.

»Ich bin die Hoffnung,« sprach sie, »verzage nicht, ich will dir Wege,

immer neue Wege zeigen, wenn du am Ende deines Tuns und Könnens glaubst

angelangt zu sein.« -- Da wachte ich auf.

An einem der nächsten Abende, -- ich war wiederum völlig verzagt, --

wanderte ich weit, weit durch die Heide, durch braune, schweigende

Dünentäler, die kaum betreten schienen. In ehrfurchtgebietender Ruhe

lagen sie da, wie eine in sich abgeschlossene Welt, wie der verlassene

Riesentempel eines unbekannten Gottes.

Da war es mir, als hörte ich neben mir Schritte. Wie ich zur Seite

schaue, schreitet neben mir ernst und still ein Weib. So heilig ernst

und doch fröhlich heiter. Wunderlich wurde mir zu Sinn. Mir war's, als

käme die Stimme von ihr, und kam doch nur aus meinem Herzen: »Ich bin

die Pflicht. Hast du das Elend deines Volkes erkannt, so darfst du auch

nicht verzagen, mußt arbeiten und schaffen und helfen, solange noch ein

Atemzug in dir ist.« -- Und wie sie sprach, ging im Westen die Sonne

unter.

Am frostklaren Himmel stand eine große, zerrissene Wolke. Die sah aus

wie ein gigantischer Cherubim mit zwei Flügeln, die von Osten nach

Westen reichten. Dunkler wurde die Heide. Ihr Braun wich blauschwarzem

Violett. Plötzlich strahlten die Flügel des Wolkenengels in leuchtendem

Purpurgold, und es schien mir, als ob sein ausgestreckter linker Arm

nach Westen reiche und seine Rechte mich faßte, als ob sie mir den Weg

weisen wollte. Dann versank Himmel und Heide in tiefes nächtliches

Schwarz.

Da tauchte in mir wie ein heller Hoffnungsschimmer der Gedanke auf:

Geh' übers Meer, weit, weit fort, daß tausend Meilen zwischen dir und

dem Elend sind, damit du lernst, es aus der Ferne schauen. Dann wird es

dir kleiner scheinen, als jetzt, wo du es täglich vor Augen hast. Du

wirst zur Ruhe kommen und genesen. Und mit frischer Hoffnung und neuem

Mut, mit neuer Kraft wirst du ans Werk, an deine Arbeit, deine Pflicht

gehen!

So schüttelte ich den Staub von den Füßen und stieg zu Schiff, um

hinaus zu fahren über das Meer, um mir neue Kräfte und klaren Blick zum

Helfen und Schaffen und Kämpfen zu suchen.

Der Hafen von Hamburg war in Eis verwandelt. Krachend und stöhnend

arbeiteten sich die Schlepper durch die weißen Schollen der Elbe

hindurch. Mühsam drangen die Jollen hinterher. Ein grauer Nebel

lag über den Fluten der Elbe. Schrille Signale der Dampfsirenen

durchschnitten die kalte Luft. Von den Türmen der Stadt klang zitternd

der Ton der Glocken, die den ersten Weihnachtsfeiertag einläuteten.

Kalt und grau lagen Hafen und Stadt. Vereist und verschneit die Straßen

am Hafen. Vereist und verschneit das Schiff.

Fröstelnd bis in das Innerste meiner Seele betrat ich seinen Boden.

Doch was war das! Waren die Menschen, die mich begrüßten, eine andere

Rasse? Aus dem rauhen Ton ihrer Stimme klang etwas unendlich Warmes

und Weiches heraus, etwas Herzliches, als ob es aus einer anderen

Zeit stamme, etwas, was der Seele so wohl tat, wie dem Leibe bei

kaltem Wetter ein heißes Getränk. Ein kurzes, männliches, herzliches

»Willkommen«, ein derber Händedruck, »auf gute Kameradschaft für die

Reise«, und eingereiht war ich als Schiffsarzt in die Besatzung. Ich

trat in meine Kabine, und seltsam, -- als ich dies kleine Raumgeviert

betreten hatte, das wohldurchwärmt und behaglich erleuchtet war, so

groß, daß ich mit ausgestreckten Armen nach allen vier Richtungen fast

die Wände berühren konnte, da wurde mir so seltsam wohlig zumute,

es kam solche innere Ruhe über mich, wie ich sie seit Jahren nicht

gekannt. Ich hätte aufschluchzen können vor Glück und Frieden: hier in

den vier sauberen engen Wänden wird dir unendlich wohl sein. Ich hatte

die Empfindung, als ob ich in meinem eigenen Herzen zu Besuch war.

Ich saß und saß und träumte und fühlte mich selig wie ein Kind. Ab

und zu hörte ich wie aus weiter Ferne und doch ganz in meiner Nähe,

daß geklopft und gerasselt wurde. Doch es störte mich nicht in meinem

Glücke. So saß ich Stunden. Dann schritt ich hinaus auf Deck.

Knirschend schob sich unser Schiff durch das Eis des Hafens. Leer

gähnte in dem die Stadt verhüllenden Nebel die Lücke, wo einst mit

grünleuchtendem Haupte der hohe Turm der großen Michaeliskirche den

seewärts fahrenden Schiffern sein letztes Lebewohl zugewinkt hatte.

Mir war der mächtige Turm von Jugend auf wie ein steter Mahner zur

christlichen Liebe erschienen. Und nun hatten Gedankenlosigkeit und

Fahrlässigkeit, die so oft das Beste im Leben vernichten, ihn zu Schutt

und Asche werden lassen. Da faßte mich aufs neue namenlose Bitterkeit.

Dieses Kunstwerk, eines der schönsten, das Menschen je geschaffen

zu Ehren des Höchsten, des Gottes der Liebe, durch Nachlässigkeit

und Gedankenlosigkeit zerstört! Aber, machten sie es nicht mit der

ganzen christlichen Kirche so, mit der ganzen Lehre Christi? Ließen

sie die nicht ebenso verbrennen, wie die Handwerker bei ihrer Arbeit

den herrlichen Turm, beim Streit um das Dogma, beim Tanz um das

goldene Kalb, in ihrer öden Genußsucht? Wohl übten sie Wohltätigkeit,

veranstalteten Basare und Konzerte, Sammlungen und Tees, -- aber Liebe,

-- Liebe hatten sie nicht, oder doch nur die allerwenigsten unter

ihnen, keine Liebe und kein Nachdenken! Denn sonst hätten sie all das

Elend nicht entstehen lassen können bei all ihrem Reichtum, geschweige

denn dulden, daß es so fortwucherte, namenlos, riesengroß. Oh, sie

taten so viel mit Ferienkolonien und Lungenheilstätten, mit Asylen und

Kinderkrippen, mit Krankenhäusern und Arbeiterkolonien, in denen sie

den Armen die Brosamen reichten, die von ihren reichen Tischen fielen,

hielten fromme Reden und warnten das Volk vor Begehrlichkeit. Aber

ihre Hypothekenzinsen und ihre Einnahmen aus dem Bodenwucher wollten

sie nicht einbüßen; und deshalb bauten sie immer neue Massenquartiere

als Brutstätten des Elends um die alten herum. Oh, ich kannte wohl den

Dunst, der aus ihnen emporstieg, und was er sagen wollte. -- --

Eindringlich und gigantisch hob sich das Riesenstandbild unseres großen

Bismarck in den Nebel hinaus, warnend, mahnend, zur Tat aufrufend, wie

ein Herold aus alter, großer Zeit. --

Immer rascher wurde die Fahrt, immer freier das Fahrwasser. Hinter

uns lag die Stadt in Rauch und Nebel. Wir glitten vorbei an den

verschneiten Gärten der Hamburger Patrizier, vorbei an den weiten,

jetzt durch verschneite Deiche geschützten Marschen Schleswig-Holsteins

und Hannovers.

Längst war das Eis aus dem Strome verschwunden, nur an dem Ufer schob

es sich schneeig und glitzernd zusammen. In voller Fahrt eilte unser

Schiff dem Meere zu, und in der Brust erwachte und wuchs ein neues

seliges Gefühl -- Freiheit! Und dieses Gefühl wuchs und dehnte sich

aus, als wollte es das ganze Wesen, die ganze Seele erfüllen, als

wollte es alle Hüllen sprengen, die den inneren Menschen gefesselt

hielten. Es war, als ob in jenem leichten Dunstnebel, der nur von fern

anzeigte, wo Rauch und Qualm der großen Stadt verschwunden waren, alles

Kleinliche, alle Sorgen, alle Qualen hängengeblieben wären. Frei und

groß lag vor uns das Meer, frei und groß wurde die Seele, und es war,

als ob die Seele mit dem Meere verwandt wäre.

Der Tag ging zu Ende. Schatten um Schatten senkte sich hernieder auf

die Wogen. Der Mann am Steuer verfolgte seinen Kurs unverwandt, das

Auge auf den kleinen, erleuchteten Kompaß gerichtet. Um uns herum

tiefe, schwarze Nacht und eine eigenartig kraftvolle Symphonie,

deren Melodie gebildet ward von dem Stampfen der Maschine, und deren

Begleitung das tosende Grollen des Meeres bildete.

Da plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, durch alles Dunkel ein heller

Lichtschimmer in der Gegend, aus der wir kamen. Wie ein magischer

Strahl durchzitterte er hell auf Sekundendauer die finstere Nacht, und

wieder und wieder in regelmäßigen Zwischenräumen, so regelmäßig wie der

Schlag unseres Herzens: Das Leuchtfeuer von Helgoland. Wie ein letzter

Gruß aus der Heimat winkte er herüber, als wollte er sagen: nun, wo

du die Heimat hinter dir gelassen, laß dort alles Trübe und Schwere,

alles, was dich bedrückt und kränkt, und nimm nur mit hinaus aufs Meer

das Lichte, Helle, was dich erfreut, und was du liebst, -- so grüß' ich

dich, leb' wohl, fahr' wohl! --

Und weiter ging es in die schwarze, stürmende, tosende Nacht. Bald

tauchte rechts, bald links ein Lichtschein auf, als wollte er

uns warnen vor dräuender Gefahr. So geht es dem Wanderer auf dem

Lebenswege. Er schreitet dahin mit verbundenen Augen, keiner von uns

weiß, was die Zukunft bringt. Es ist, als ob unser Leben in Dunkel

gehüllt wäre. Unsere Pflicht, unser Lebenskompaß, weist uns den Weg

durch die Nacht. Weh' dem, der seines Lebenskompasses vergißt und auf

die Klippen und Riffe zusteuert, vor denen blinkende Lichter ihn warnen.

Eisig warf der Sturm schneeige Böen über das Schiff. Krachend und

donnernd schlugen die Wogen an seinen Bug. Ruhig und stolz kämpfte es

sich hindurch, dem Morgen entgegen.

Da suchte ich für kurze Stunden mein Lager auf. Mein kleines

Zimmerchen, fast kam es mir vor wie ein traulicher Sarg, in dem ich

lag. Mir war's, als ob alles Leibliche und Weltliche von mir abgeweht

sei, und ein unendlicher Friede und eine unendliche Ruhe kam über mich.

Das Wogen des Meeres wurde mir schließlich so vertraut, daß es mir war,

als würde ich in meine früheste Kindheit zurückversetzt und im Arme der

Mutter gewiegt.

Und so losgelöst von Zeit und Raum schlief ich erquickt bis in den

hellen Tag.

Mächtig umbrausten die Wogen der Nordsee das stampfende Schiff. Mit

rauher Hand umstrich mich der Sturm. Mir war es stärkende Wohltat. Und

jauchzend löste sich die Seele vom erdrückenden Gram:

Du urgewaltiges Wunder, du Nordsee!

Die du die weiten Strecken fruchtbarer Länder

In wildflutendem Wogenschwalle

Für ewige Zeiten grausig begrubst;

Und Kirchen und Dörfer

Und abertausend freie Friesen, --

Sie schlummern ewig in deinem Schoß!

Und jetzt noch nagst du mit tückischem Zahn

Der rollenden Brandung am ragenden Riff.

Vom Sturme gepeitscht brechen die Wogen

Der alten Riesen Grabgesteine,

Der nord'schen Gletscher ew'gen Granit,

Heraus aus den Dünen:

Und donnernd poltert die steile Küste

Hinab ins Meer!

Und ewig nagst du!

Wie lang wird's dauern,

Und nichts zu nagen beut sich dir, Meer!

Zerstörerin du! --

Doch Wunder, o Wunder,

Du Schöpferin du!

Das, was du dir rissest vom ragenden Riffe

Mit rastloser Hand, --

Das spülest du an mit lieblicher Woge

Als blühende Fluren

Am anderen Strand,

Und schaffst dort grünende Felder und Weiden,

Mit Blumen und Gras für die Herden bedeckt!

Und der nämliche Mensch, der dir fluchend grollte,

Dankt dir von Herzen

Für dein Geschenk!

Und wie du Länder nagend zerstörst

Und Länder schufst mit der nämlichen Wog',

So hast du der Menschen Tausend vernichtet, -- --

Nun mußt du Tausende retten dafür,

Und Heilung spenden

Dem, der im Wogenpralle des Lebens

Die Kräfte verlor!

Wer zu zagen beginnt,

Und matt sich fühlt zum Kampfe um's Sein:

Der eile zu dir!

Mit brausender Woge

Und tosendem Sturm,

Mit linde wärmendem Sonnenschein,

Mit kühlender Flut

Und Heideduft,

Mit Möwenflug und Dünenruh',

Mit des Leuchtturms tröstend schimmerndem Licht

Ins Herz pflanz'st du ihm Kraft und Ruh,

Und selig gestärkt und himmlisch erquickt

Ruft er aus überquellender Seele dir zu:

Hab dank, du Nordsee,

Du urgewaltiges Wunder! -- --

Brausend ließ ich den Sturm seinen Riesenarm um meine Glieder

schlingen. Mir war's, als ob die Urkraft selbst mich küßte. Alles

dehnte und reckte sich in mir.

Ich stand vorn im Schiff. Donnernd schlugen die Wellen über den Bug,

zerstäubten in silbern glänzendem Gischt und überschütteten mich mit

wundervoller Kraft.

Oben im Mastkorb saß der Schiffsjunge, putzte seine Laterne und sang

dabei:

Scheltet mir nicht mein Heimatland!

Ist es auch neblig und kalt,

Scheint doch bei uns auch die Sonn' gar oft,

Rauscht doch gar lieblich der Wald!

Scheltet mir nicht mein Heimatland!

Sind doch die Menschen gar treu!

Sittsam die Mädchen mit blauem Aug',

Ach, und die Männer so frei!

Höret mich, alle im schönen Süd'!

Scheltet mir nicht mein Heimatland,

Lieben würdet ihr's heiß, wie ich,

Wär's euch nur besser bekannt!

Mir klang es wie ein Widerhall des eigenen Empfindens, o Heimat, -- du

Wiege unseres Seins, du Urquell all unserer Kraft, unseres Schaffens!

Und wieder neigte sich der Tag. Mit dem Wachsen der Finsternis nahm der

Sturm zu. Zur Linken begannen Hollands Leuchtfeuer aufzublinken.

An der Scheldemündung stoppte plötzlich der Dampfer. Wie ein Falke

schoß durch die brandenden Wogen ein Boot auf uns zu und, nachdem es

unseren Schiffsrumpf berührte, wieder zurück in die dunkle stürmische

Nacht. Wir hatten den Scheldelotsen an Bord genommen.

Ehe er an sein Amt ging, setzte er sich zu uns an die Abendtafel. Und

da der Kapitän auf der Kommandobrücke blieb, nahm er dessen Platz

ein. Er war ein großer, starker Mann mit ruhigem, festem Gesicht und

Blick. Unsere Mitreisenden waren alle mehr oder minder seekrank. Eine

große Schüssel mit Spargel wurde aufgetragen. Unser Lotse, gewohnt mit

Geistesgegenwart die Situation zu überschauen und mit Schnelligkeit zu

handeln, ließ einen prüfenden Blick über die Tafelrunde gleiten, und da

er sah, daß ich bereits genommen hatte, und die anderen krank waren,

schnitt er mit ruhiger Hand dem gesamten Spargel die Köpfe ab und

legte sie schmunzelnd auf seinen Teller. Das ist die Überlegenheit der

starken, gesunden Menschen im praktischen Leben über die Schwachen.

Als ich die blassen Gesichter der anderen sah, meist Leute in

jüngeren Jahren, denen man aber anmerkte, daß sie beim Becher oder in

nächtlichen Kaffeestunden oder durch zu langes Sitzen in der Schule, im

Bureau und Kontor, oder bei dunklen Dingen, die das Licht des Tages zu

scheuen haben, ihre jungen Manneskräfte gelassen hatten, da befiel mich

ein Grausen vor der Zukunft unseres deutschen Volkes.

Ich sah vor meinen geistigen Augen die Scharen ausgemergelter

Industriearbeiter in unseren Großstädten vorüberziehen. Und wie Hohn

kam es mir vor, wie auf all den Kongressen mit den schön klingenden

Namen für die Bekämpfung der Tuberkulose gesorgt werden sollte. Und ich

sah hinein in die Hunderttausende von Proletarierwohnungen im deutschen

Vaterlande, klein, dumpf, dunkel, ohne Licht und Luft, vollgepfropft

mit Menschen und Lampen und Petroleumkochherden, Einmietlinge mitten

zwischen den Familien untergebracht, alle gleich stumpf, übermüdet,

unlustig, verbittert. Und heißer Groll stieg in mir hoch, wenn ich

daran dachte, wie all die klugen Professoren und Geheimräte und all

die Minister und Landräte, und wie sie alle heißen, so schön ihres

Amtes walten, und wie die Fürsorgevereine und Frauenvereine und alle

diese Menschen sich Mühe geben, das grenzenlose Elend zu lindern, und

wie sie Erholungsheime bauen und Waldkurorte und Sanatorien, und wie

keiner den Mut hat, hervorzutreten und die Wahrheit zu sagen, daß das

alles ja Humbug ist und eitel Schwindel und Selbstbetrug. Seht ihr denn

nicht, wie die großen Städte aus ihren Gängevierteln und Höfen, aus

ihren Mietskasernen und Mansardenstübchen immer neue Hunderttausende

bleicher, ausgemergelter, müder, verbitterter Gestalten hervorquellen

lassen, als ob eine Welt von Finsternis und Krankheit und Unglück sich

entladen wollte?

Was nützt es euch denn, den krankgewordenen Familienvater ein paar

Wochen aus seinem Elend herauszureißen und in ein Sanatorium zu

stecken, um ihn nachher in sein häusliches Elend wieder zurückzusenden,

das er nun doppelt empfindet? Wenn daheim sein Weib und seine Kinder in

der dunklen Mietswohnung dahinsiechen?

Krank und müde und verbittert schleppt sich eine Generation nach der

anderen an ihr Tagewerk, und warum? Weil einige Tausende in unserem

Volke in dem Grund und Boden der Städte und in den Häusern ihr Geld in

Hypotheken angelegt haben. Sie wollen ihre Zinsen einsäckeln, sie haben

die Gewalt in Händen, dafür zu sorgen, daß es nicht anders wird, daß es

so bleibt bis an der Welt Ende.

Und im Gewirbel der Wogen, die schaumsprühend an die Kajütenfenster

klatschten, zogen sturmschnell andere Bilder an meiner Seele vorüber.

Da saßen sie, dicht gedrängt wie Heringe, die Knaben mit blassen

Gesichtern, die Mädchen schmalbrüstig, blaß, in einer Luft zum

Ersticken, ein übler Geruch den ganzen Raum erfüllend, in der Schule.

Ich hörte die pedantisch harte Stimme des Lehrers, der mit dem in

jahrelangem Dienste angewöhnten Berufspathos sein Pensum dozierte und

seine Fragen stellte. Und die Jungen und Mädchen machten gelangweilte

Gesichter und hatten nur den einen Gedanken: ach, wenn es doch nur erst

Pause wäre und Frühling, und die Schule zu Ende und Ferien! Und alles,

was der Lehrer sagte, ging zu dem einen Ohr herein und zu dem anderen

wieder hinaus. Und als sie die Schule verließen, hatten sie vieles

gelernt, was sie schnell wieder vergaßen, aber nur bitterwenig, was sie

fürs Leben reicher, froher, glücklicher machte. Und vielen waren die

Schwingen gebrochen, und sie waren schwach und krank und unlustig und

unfähig zu eigener Denkarbeit von all dem Druck aus ihrer Schulzeit! --

Mächtig stampfte das Schiff. Die Wogen prasselten aufs Deck, als

wollten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, mit sich reißen.

Traumverloren saß ich da. Wieder schweiften meine Gedanken zurück zu

all dem Elend, das ich in der Heimat gelassen. Ich sah die Scharen

von Studenten auf der Universität mit verhauenen, biergedunsenen

Gesichtern, und manche von ihnen mit einem Ausdruck, der an die

Physiognomien ihrer großen Verbindungshunde erinnerte. Herrgott im

Himmel, was hat denn diese jahrzehntelange Fütterung mit humanistischer

Bildung genützt, wenn sie weiter nichts vermochte, als solch' stumpfe,

anmaßende Gesellen zutage zu bringen? Freilich, es waren auch andere

da. Einzelne feine Kerle mit blitzenden Augen und frischen, roten

Gesichtern, biegsam wie Stahl, blondgelockt, aber es waren wenige

Ausnahmen. Ich sah Kneipen in feudalem Kreise, buntbebänderte

Jünglinge, trunken vom Saft des Gambrinus. Und mancher, der einer

der Ersten sein sollte und der Besten, tanzte wie ein Wahnsinniger

auf den Tischen, rasend in der Tollheit des Trunkes, ekelhaft und

bemitleidenswert zugleich. Es war ein Jammer. Und aus der Rausch- und

Katerstimmung der Zechgelage spann sich wie ein giftiges Kraut heraus

das hochmütige und herztötende +odi profanum vulgus et arceo+ des

Horaz.

Und diejenigen, denen die Nation ihre köstlichen geistigen Güter von

Jugend auf überliefert hatte, um mit diesem Pfande zu wuchern und

die Gedanken der Humanitas und Charitas ins Leben zu übersetzen,

sie, die nach ihrem Wissen und mit ihrer Bildung in der Lage hätten

sein sollen, zu übersehen, was unserem Volke nötig war, um die große

Masse des Volkes nicht weiter in Elend und Verkommenheit versinken zu

lassen, sondern es hochzureißen aus der Stumpfheit, alle seine geheimen

Samenkörner zu pflegen, ihm zu helfen, alle seine schlummernden

Keime zu entfalten, -- sie denken überhaupt nicht an dich, mein Volk

-- odi profanum vulgus. Und wenn sie an dich denken oder über dich

schreiben und reden, so fehlt ihnen nur zu oft zum Worte die Tat,

und wenn sie etwas für dich tun, so tun sie es, weil sie es müssen,

denn eins fehlt ihnen allen, bis auf einige Ausnahmen, die heiße,

glühende Liebe zu dir, die Liebe, die sie sich selbst vergessen läßt.

-- Aber auf ihren Gütern pflanzen und ernten sie das Korn, um es zu

dem Gifte umzuwandeln, mit dem sie sich und dich vergiften. Freilich,

deinen Branntwein trinken sie nicht, dazu sind sie zu wohlanständig,

den brennen sie nur, -- aber die Weinhändler sorgen dafür, daß

das sogenannte edle Rebenblut mit ihrem Spiritus verschnitten

wird, und dieser ihnen so wieder zugute kommt. Und das nennen sie

Nationalökonomie und sich selbst konservativ. Und ihre Gelder legen

sie in Brauereiaktien an, denn das trägt zehn und vierzehn und mehr

Prozente, und gaukeln dem Volke vor, daß es die deutsche Tugend

der Germanen sei, zu trinken. Und so füllen sich ihre Taschen und

gleichzeitig die Gefängnisse und die Irrenhäuser.

Und die Trinksitten der hohen Herren von den Korpskneipen und den

Offizierskasinos, sie spreuen wie giftiger Unkrautsamen aus durch das

Beispiel, das der Offiziersbursche daheim in seiner Heimat, in seinem

Dorfe in Hinterpommern gibt, und der Lohnkellner der Korpskneipe in

seinem Kreise, bis der Handwerksbursche in der Fuhrmannskneipe am Wege

mit seinem Kumpanen Komment trinkt.

Und weiter sah ich, wie diesen Sitten Mord und Totschlag folgte. Hier

ist der Handwerksbursche auf einsamer Landstraße, vom Branntwein

berauscht, zum Wegelagerer geworden. Dort fällt der Sohn des greisen

Gelehrten durch den Schuß seines Gegenübers, weil sie sich im Ballsaal

im Champagnerrausche auf die Füße getreten oder um ein Mädel geschimpft

haben.

Wirbelnd, stürmend jagten diese Bilder und Gedanken sich, und immer

wieder endigten sie in dem Ausruf: »Herrgott, Kaiser, ist denn niemand

da, der dir ob all des Elendes die Augen öffnet, der dir zeigt, wie

dein Volk wohnt, wie die Kinder von stumpfen Lehrern in überfüllten

Klassen stumpf gemacht werden fürs Leben, wie dein Volk sich dumpf und

siech und müde trinkt und seine Keime und Knospen vergiftet durch den

Trunk. Und wie es glücklich und froh und frei und stark sein könnte,

wenn es die Wissenschaft als schöne Blume pflanzte und als heilige

Frucht zöge, und wenn der Grund und Boden wieder in den Besitz der

Allgemeinheit käme, der er gehört, so daß jedem sein Plätzchen an der

Sonne sicher wäre! Oh, könnte man den Menschen das verfluchte Gift doch

nehmen, das sie so aufgeblasen und hart und voll falschen Stolzes

und Dünkels macht, und so siech und so schlecht, und Tausende so

todunglücklich.

Und wenn dir, mein Kaiser, niemand einen alten Hut und Mantel borgen

will, so nimm den meinen und tue endlich das, was schon vor dir mehr

als ein König und Kaiser tat, und gehe ohne Kling Klang Gloria und ohne

Töff-Töff hinaus in dein Volk, still und unerkannt, aber mit offenen

Augen und Ohren, und sieh zu, wie es ihm geht, was es treibt, und was

es leidet, was es sündigt, wie es sich quält, was es ersehnt, was es

sich wünscht, was es glaubt, und was es hofft, was ihm fehlt und ihm

mangelt. Dann bist du ein Kaiser, nein -- dann bist du ein Vater!

Jetzt bist du nur ein glänzender Kaiser. O Gott, Kaiser, könntest du

doch groß sein, was könntest du schaffen, was könntest du helfen,

was könntest du aus unserem Vaterlande machen, was für ein Denkmal

könntest du dir setzen! Wenn du auf all den Firlefanz verzichtetest,

Schnurrbartbinden und Purpurmantel, Champagner und Paradefrühstück, --

Kaiser, mein Kaiser, wie könntest du glücklich sein!« -- --

* * * * *

Bitterkalt war die Nacht. Scharf trieb ein schneidender Oststurm dichte

Schneemassen unserem Schiff entgegen, als wir die Schelde hinauffuhren.

Weißgrau dehnten sich im Morgennebel rechts und links die Ufer hin.

Dunkel hoben sich aus dem Grau die Türme Antwerpens ab. Lautes Pfeifen

und Tuten kündeten an, daß wir im Hafen waren, Schiff bei Schiff, fast

alles deutsche Schiffe. Ich sehe es, mein Volk, noch wohnt Riesenkraft

in dir, noch Tatenlust und Unternehmungslust, -- Gott Lob und Dank.

Nach langem hin und her der Lotsen und Hafenpolizei erhielten auch

wir endlich unser Plätzchen am Kai. Meterhoch lag der Schnee auf den

Straßen. Grau und kalt hob sich die Silhouette des Steen von dem

Häusergewirr der Stadt ab. Alles überragte die majestätische Pyramide

des Domes. Starkknochige, schwere Pferde zogen am Hafen Karren voll

Schnee. Zahlreiche Arbeiter, die sonst wohl keinen Verdienst fanden,

schaufelten den Schnee aus den Straßen. Alle, ebenso wie die Frauen des

Volks, derb, starkknochig wie ihre Pferde.

Wie wohltätig, trotz Schnee und Frost, wieder Land unter den Füßen

zu haben, wenn es auch fremde Erde war. Je mehr ich dieses Antwerpen

kennen lernte, um so mehr drängte sich in mir die Empfindung auf, daß

hier eigentlich zwei Städte in eine vermengt waren: Hier eine Stadt

der Gegenwart, die lebte nur im Handel und vom Handel. Es war, als ob

der Trieb nach Provision, die Jagd nach Gewinn alles andere erstickt

hätte, den Trieb zu großem, freiem Schaffen und Handeln. Die Anlagen am

Hafen, sie machten den Eindruck, als wenn sie neu, aber unter dem Druck

der dringendsten Erfordernisse entstanden wären. Wo waren die Schiffe,

die Flotte der einst so stolz die Meere beherrschenden Holländer und

Belgier? -- Und dann im Gegensatz zu dieser, fast möchte ich sagen

nüchternen Gegenwartstadt diese warm empfindende sonnige Stadt der

Vergangenheit, die, obwohl Jahrhunderte tot, doch so intensiv gelebt

haben muß, daß man den Puls ihres Lebens noch jetzt zu spüren vermeint

-- die Stadt Rubens' und van Dycks.

Einsam schlenderte ich durch die verschneiten Straßen, von Museum zu

Museum, von Kirche zu Kirche.

Niemals in meinem Leben bin ich von einem Kunstwerk so ergriffen

gewesen, wie von Rubens' Kreuzabnahme in der Kathedrale. Das ist

tatsächlich ein vollendetes Meisterwerk. Will der Meister uns hier

zu Gesichte führen, was die Liebe vermag, -- daß sie selbst den Tod

überwindet? Fast scheint es so! Sieh nur, wie der Leichnam Christi,

von der Liebe getragen, sanft und leise vom Kreuz herabgleitet, wie

die Schulter der Maria dem gleitenden Fuß Halt bietet, wie alle Hände

beschäftigt sind, mit größter Sorgfalt den Körper zu stützen, wie

selbst der Mund mithelfen muß, das Leinentuch zu halten, wie alle

Blicke und Gebärden sich in der einen Aufgabe vereinigen, ihn zu

stützen, ihm durch dieses letzte Liebeswerk noch irgend etwas Gutes zu

erweisen. Hier hat menschliche Kunst wahrhaft Unsterbliches geschaffen.

Im Königlichen Museum erkannte ich, wie dieses wunderbare Werk zustande

gekommen war. Saal bei Saal, gefüllt mit Hunderten von Zeichnungen,

Entwürfen, Skizzen und Bildern, großen und kleinen, und immer wieder

die Kreuzabnahme. Ein ganzes, langes Leben hat der Meister sich mit

eiserner Selbsterziehung und Selbstkritik durchgearbeitet, bis er das

Werk zustande brachte, nach dem seine Seele dürstete. Hier könnt ihr

Modernen lernen, ihr, die ihr so viel Wesens macht von eurer Kunst,

und die ihr mit so viel Leinwand die modernen Kunsthallen schmückt

und bezeugt, daß euer Können auch noch nicht annähernd eurem Wollen

entspricht, hier könnt ihr lernen, wie man ein Meister wird, und daß

das Genie nur zur Reife gelangen kann durch eisernen Fleiß.

Ich sah in der Kathedrale das unsagbar fein gemalte Christushaupt von

Leonardo da Vinci auf weißer Marmorplatte, -- kunstvoll geschnitzte

Altäre und über dem allen ein Duft von Mystizismus, der sonderbar

kontrastierte mit dem nüchternen Geschäftsleben draußen.

Sieh, lauschig, in schwere Eichenholzschnitzereien eingebettet ein

Beichtstuhl, dessen traulicher Charakter beinahe etwas Verführerisches

hat zugunsten des Katholizismus. Als ich dann aber im Steen die Mittel

der Inquisition sah, die Marterwerkzeuge und die dunklen, engen

Kerkerverließe, gerade wie in Nürnberg auf der Burg, da packte mich ein

Schauder vor der Kirche, die solches vollbringen konnte.

Aber ist es heute denn anders? Ist es bei uns im evangelischen Lande

anders? Verfolgt nicht auch heute noch bei uns die Kirche jedes Streben

nach Wahrheit? Will sie nicht heute noch herrschen, hart, liebeleer,

unerbittlich? Jesus Christus, daß du so falsch verstanden werden

konntest und heute noch so falsch verstanden wirst!

Und wie ich in Sinnen und Schaudern versunken stand vor all den

finsteren Kerkerlöchern mit ihren eisernen Ketten und Ringen, da war

es mir, als quöllen aus den dunklen, modrigen Winkeln wie greulicher

Schrecken die Geister der Vergangenheit heraus, unheimlich, schwarz,

tödlich kalt, die Geister der Inquisition, der Unduldsamkeit, des

Pharisäertums, der Härte und Lieblosigkeit, des Fanatismus, -- und wie

sie quollen, -- Entsetzen --, da nahmen sie Gesichter an von heute

noch lebenden Menschen, Erzbischöfen und Kultusministern, Vikaren und

Superintendenten, von Katholischen und Lutherischen, die alle den

rechten Glauben hatten -- nur eins fehlte ihnen: die Liebe!

Da, Gott sei Dank, ein heller Strahl der Wintersonne, und verschwunden

der grausige Spuk. Und als ich hinaustrat in Eis und Schnee, da schien

es mir frühlingswarm im Vergleich zu dem eisigen Grabeshauch, welcher

der Fronfeste einstiger Unduldsamkeit entströmte.

Während ich so in der Stadt herumschlenderte, herrschte an Bord reges

Treiben. Unaufhörlich hoben die Kräne aus den Eisenbahnzügen die an das

Schiff herangeführten Ballen um Ballen in den Raum. Nürnberger Tand

und Webereien waren da aus dem Rheinland, Stahl aus Westfalen; ganz

Deutschland entlud hier die Produkte seiner Industrie.

Wie aber, wenn die Belgier in Antwerpen und die Holländer in Rotterdam

darauf kämen, selbst Schiffe zu bauen und die Produkte deutschen

Gewerbefleißes über die See zu führen? Dann würde ein großer Teil

deutscher Arbeiter brach liegen, unser Sechzig-Millionenvolk um ein

gut Teil seiner Schiffahrt verkürzt werden, und +navigare necesse

est, vivere non necesse+. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Ei, so

baut doch eure Kanäle, wie der Kaiser sie wollte, mit klarem Blicke und

scharfem Verstande, vom Rhein zur Weser, von der Weser zur Elbe; warum

laßt ihr nicht Emden und Bremen die Ausfuhrhäfen deutschen Fleißes sein?

Kaiser, mein Kaiser, hat dich das Junkertum, das dir schon andere

Suggestionen um den klaren Verstand herumgesponnen hat, so weit

schon untergekriegt, daß du deinen guten Willen zu großer Tat nicht

mehr durchsetzen kannst? Das nämliche Junkertum, das dir das +odi

profanum+, das deinem warmen Herzen so fern lag, als Jüngling in die

Seele gehaucht hat, daß es sich wie Mehltau auf dein ernstes, großes,

heiliges Wollen legte, damals, als du ein Kaiser werden wolltest

dem ganzen Volke, ein Arbeiterkaiser. Besteht doch dein ganzes Volk

aus Arbeitern, mit Ausnahme jener kleinen Schar giftiger Drohnen,

die dir dein Leben zu verbittern und zu lähmen drohen! Sie, die dir

beständig vorgaukeln, daß sie deine treuesten Freunde seien, die

sich die Konservativen nennen, die Erhalter des Reiches, und die dir

jedesmal lähmend in den Arm fallen, wenn du zu großem Wurf und Werk

ausholen willst? Klar hattest du erkannt, daß große Wasserwege unser

Binnenland mit unseren Häfen verbinden müssen, um die Landesprodukte

billig und schnell ans Schiff bringen zu können. Werde stark und

vollende dein Werk, fahre über das Meer und ziehe in die Fremde und

sieh, wie notwendig das ist, was du als richtig erkannt hast. Und dann

jage die selbstgefälligen Schmarotzer zum Teufel, die vor dir kriechen

und dienern, so lange es ihnen Vorteil bringt, und die dir Gruben

und Fallstricke bereiten, sobald es ihrem Geldbeutel frommt, und für

die dein Volk nur Bagage ist, die ihnen Geld einzubringen hat, bis es

zugrunde geht. --

* * * * *

Reges Leben herrschte trotz des Feiertages am Hafen. Knirschend und

schreiend flogen die großen Kräne von den Eisenbahnwagen, die an der

Kaimauer entlang standen, hinüber zum Schiff und wieder herüber.

Kommandorufe der Schiffsoffiziere, Fluchen und Lachen der belgischen

Schauerleute, Klirren der Ketten und das Aufknirschen der Lasten

im Schiffsraum, Pfeifen der Dampfsignale im Hafen ringsum, und zum

Zeichen, daß Feiertag ist, von den Türmen der Stadt feierliches

Glockengeläute.

Endlich ist die Ladung fertig, die Luken werden geschlossen. Alles

drängt zur Abfahrt, der Lotse schilt und mahnt, daß wir mit der Tide

fortkommen. Schon rasseln die Ankerketten in die Höhe, fauchend

entweicht aus dem Bauche des Schiffes der Dampf.

Ein Dutzend und mehr der belgischen Schauerleute sind noch an Bord

beschäftigt mit Stauen und Packen. Da löst sich unser Schiff vom Ufer

und stromabwärts geht's, die Schelde hinunter, dem Meere zu. Neues

Fluchen und Schelten der Männer, daß sie nun mit müssen, bis der

Lotsenschoner kommt, den Lotsen von Bord zu holen. Frierend und hungrig

stehen sie am Deck. Ein junger Mensch tritt höflich auf mich zu und

teilt mir auf französisch mit, daß er den ganzen Tag eigentlich noch

nichts genossen hätte, ob ich ihm ein Stück Brot verschaffen könne. Ich

spreche mit dem behäbigen Obersteward. Doch der kennt keine Not. Er

regiert in seiner Sphäre wie ein Fürst. Das +odi profanum+ steht

auch ihm auf den Lippen geschrieben. Mit harten Worten fährt er die

Bittenden an, so daß sie scheu zurückweichen, aber unter sich grollend

und murrend. Merkwürdig, daß das Wohlleben und der Luxus die Menschen

oft gerade so hart und herzlos macht, wie die Not und die bittere Armut.

Die kleine Stewardeß hat unseren kurzen Wortwechsel belauscht, sie

weiß noch, wie der Hunger tut. Ehe sie aufs Schiff kam, hatte sie es

erfahren. Viele, viele Pfunde Brot und Speisereste wandern tagtäglich

ins Meer, ein Fraß für den Mövenschwarm, der von Hamburg her schreiend

und kreischend unser Schiff begleitet. Und da sollte man diesen

Männern nichts zu essen geben? Kaum ist der gestrenge Obersteward um

die Ecke verschwunden, so wandert Teller um Teller mit Bröten durchs

Küchenfenster in die Hände der hungrigen Gesellen.

Vorbei ziehen wieder die schnee- und eisbedeckten flachen Ufer der

Schelde, schon holt der Lotsenschoner die Belgier vom Schiff, und

hinaus geht es wieder in die wogende See, in Schneegestöber und Sturm.

Nach der Abfahrt von Hamburg hatte ich anfangs noch genug mit

mir selbst zu tun gehabt, so daß ich wenig Muße fand, auf meine

Mitreisenden zu achten. Jetzt schaute ich um mich. Mein Kapitän war ein

trefflicher Mann, Sohn eines Predigers in der alten Hohenzollernburg.

So rühmte er sich denn mit gutem Humor, er sei auch ein Hohenzoller,

aber höher geboren als der Kaiser. Unser erster Offizier, ein

breitschultriger Friese, der schon drei Schiffbrüche mitgemacht

hatte. Der erste Maschinist, im Dienste ergraut, hatte vor wenigen

Jahren seinen Dampfer allein mit einem kleinen Rest der Mannschaft,

nachdem Kapitän, Offiziere und Mannschaften im Hafen von Santos dem

gelben Fieber erlegen waren, sicher nach Hamburg zurückgeleitet. Die

Mannschaft, vom Bootsmann bis zum Schiffsjungen, bestand zumeist aus

Friesen, echt deutschen Gestalten, breitschultrig, blondbärtig, mit

herzgewinnenden, offnen blauen Augen und gesunden, von Sonne und Sturm

gebräunten Gesichtern. -- Als Kajütspassagiere hatten wir von Hamburg

her, außer einem kindlichen jungen Hanseaten, nur zwei österreichische

Juden mit, die sich bei der Vorstellung stolz als »Magyaren« bezeichnet

hatten, weil sie, die in Wien geboren waren, in Pest wohnten. Verlebte,

läppische Kerle, von denen der eine, nachdem er den Tag in seiner

Koje mit Katzenjammer und Seekrankheit gekämpft hatte, immer erst in

den Abendstunden erschien, um dann mit seinem älteren Bruder zusammen

um die Wette Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Zoten zu

erzählen. Mit letzteren hatten sie freilich kein Glück; denn keiner

von uns Schiffsoffizieren zeigte Neigung, ihr fades, unsauberes

Gewäsch anzuhören. Außer diesen führten wir von der Heimat noch

zwei Zwischendeckspassagiere mit, einen vierschrötigen, rothaarigen

dänischen Kapitän, der sein Segelschiff in Lissabon treffen wollte,

nebst seinem neu angemusterten Schiffsjungen, den er, da dessen Vater

gestorben war, unter seine Flügel genommen hatte, um ihn für das

Seehandwerk auszubilden, einen blassen, schmalbrüstigen Jungen. Der

arme Schelm tat mir von Herzen leid, da er vor Seekrankheit kaum auf

den Beinen stehen konnte. Ich gab ihm von meinen Äpfeln und Nüssen und

meinem Weißbrot, weil es das einzige war, was er bei sich behielt.

In Antwerpen erhielten wir eine ganze Anzahl frischer Kajütspassagiere.

Der erste, der auf unser Schiff stieg, war ein junger sächsischer

Offizier von höchst sympathischem Äußeren, männlich, vornehm in

seinem Auftreten, mit freien, offnen, ehrlichen Augen. Nach ihm kam

ein Thüringer auf Deck, ein feiner Mensch, gesund und kräftig; ich

hielt ihn anfangs für einen Musikus. Später stellte sich heraus, daß

er Eisenbahningenieur war, voll Sinn für Kunst. Von ernstem, fast

finsterem Ausdruck war ein Balte, ein Mann in reifen Jahren, dem der

Ernst des Lebens tiefe Furchen ins Antlitz gegraben hatte. Um seinen

Mund zuckte es oft wie in schmerzlicher Verzweiflung. Mit schwerem,

müdem Schritt war er die Schiffstreppe emporgestiegen.

Mit fröhlichem Lachen betrat nach ihm ein Ehepaar in mittleren Jahren

unser Schiff. Frohe Hoffnung lag auf ihren Gesichtern. Sie war blond,

schlank, mit den grau-blauen Augen, die man in Norddeutschland so viel

findet, die bei flüchtiger Bekanntschaft eher fernhalten, als anziehen,

die aber bei näherem Kennenlernen die ganze Tiefe und Wärme der Seele

erkennen lassen.

Den gleichen lebensbejahenden Zug, nur froher noch als bei der Frau,

fand ich bei ihrem Gatten, einem sehnigen, augenscheinlich an Arbeit

gewöhnten Manne, dem der Schalk und die Schwärmerei aus den blauen

Augen leuchtete. Mir war es gleich, als ich ihn sah, als ob ein

Stückchen Heimathimmel sich in ihnen widerspiegelte.

Ganz im Gegensatz zu diesen schien mir ein junger badenser Lehrer,

ein weicher, fast zarter Geselle mit großen, träumerischen, braunen

Augen, die aber doch von gesundem, kräftigem Wollen sprachen. In

seiner Begleitung befand sich ein junges Mädchen, braunlockig, mit

seelenvollen Augen, deren Dialekt an österreichische Abkunft erinnerte.

Als sie das Schiff betreten hatte, war es, als ob plötzlich etwas

Frühlingsartiges, Märchenhaftes auf unser überschneites Fahrzeug

geraten war, -- so eine Art verirrter Märzensonnenschein, nach dem man

sich schon im Dezember sehnt.

Einen höchst sympathischen Eindruck machte mir ein rheinländischer

Kollege, eine auffallende schöne, kräftige Erscheinung mit hoher Stirn

und edlen, energischen Zügen.

Pustend und schnaubend, auf alles, auf den Schnee, die Kälte,

Antwerpen, das Schiff, den Kapitän, die Mannschaft, Belgien und Gott

weiß was schimpfend, kam ein dicker, aufgeschwemmter Mensch an Bord,

wie sich herausstellte, ein geborener Ostpreuße, der als Delegierter

zum internationalen Gastwirtstag nach Lissabon wollte. Und weil er

gleichzeitig Vorsitzender des Kriegerverbandes seiner Heimat war,

reiste er mit einer Art Ordensbändchen im Knopfloch. Er streckte den

dicken Bauch immer möglichst weit vor, als ob er sagen wollte: »Platz

da, ich komme!« Ein grenzenlos unausstehlicher Mensch, an dem man schon

genug hatte, wenn man ihn zum erstenmal sah.

Schließlich kam noch ein junges Kerlchen aufs Schiff, ein

Elsaß-Lothringer, dem man das Muttersöhnchen auf den ersten Blick

ansah. Und endlich, damit das weibliche Element nicht fehle, eine

fragwürdige junge Polin aus Warschau, die angeblich ihre Schwester in

Manáos besuchen wollte, die aber, wie unsere beiden ungarischen Juden

bald, nachdem sie angekommen war, ausbaldowert hatten, sich in ihrer

Heimat für ein bekanntes Bordell in Manáos hatte anwerben lassen.

Als unser braver Kapitän von diesen Dingen erfuhr, schüttelte er den

Kopf. Hatte er an den beiden Lästermäulen von Juden schon genug gehabt,

so machte ihm die Ergänzung dieser beiden zu einem Kleeblatt ernste

Kopfschmerzen. Etwas von Aberglauben steckt in jedem Seemann. Und wenn

ein Schiff untergeht, so sagt ein alter Seemannsglaube, war einer an

Bord, der's verdient hatte, den Fischen zum Fraß zu dienen. Und nun

drei, -- das war ein bißchen viel.

Das Wetter war danach, um solchen Gedanken Vorschub zu leisten.

Schreiend umkreisten die Möwen wie Boten der Sorge das stampfende

Schiff. Stockfinster war die Nacht, als wir aus der Schelde wieder in

den Kanal einliefen. Dabei dicker Nebel, der von Hagel und Schneeböen

nicht lichter wurde. Unaufhörlich warnten die Sirenen. Aber tapfer

kämpfte sich unser braver Dampfer durch Wetter und Wogen hindurch.

In dickem, graugelbem Nebel lag Englands Küste versteckt. Mir aber

war es, als hörte ich durch das Donnern der Wogen und das Brausen

des Sturmes hindurch das Hämmern auf den Werften unserer englischen

Vettern, auf denen sie Schiff um Schiff bauten in siegdürstendem

Eifer, um über uns Deutsche herzufallen und unseren aufkeimenden

Welthandel brachzulegen. Und im Geiste sah ich den gekrönten Moloch

der Pall-Mall-Gazette als +Commis voyageur+ im Hermelin unter dem

Frack von Hof zu Hof reisen, das Feuer zum Weltbrand zu schüren.

Seid ihr blind, oder sollen wir in kurzem wiederum einem Jena

entgegentreiben? Die Weltgeschichte schreitet im Zeitalter des Dampfes

und der Elektrizität schneller als in der Zeit der Postkutschen und

Galeeren. England hat mit Japan sein Schutz- und Trutzbündnis; mit

Amerika ist es durch die Sprachverwandtschaft enger verbunden als wir;

-- an Frankreich ist es durch herzliches Einvernehmen verknüpft, --

mit Rußland fädelt es Verhandlungen ein, die einem Bündnis verzweifelt

ähnlich sehen, -- Österreich buhlt augenscheinlich um Englands

Freundschaft, -- Frankreichs Kriegsflotte schwärmt an der Nordsee wie

eine Schar Krähen, -- und von Englands besten Schiffen liegen siebenzig

kriegsbereit an der Küste des Atlantischen Ozeans. -- Und unser Heer,

unsere Offiziere, unser Volk? Sollte es doch an der Zeit sein, daß wir

wieder einmal die Not des Krieges kennen lernen? Für viele unserer

Offiziere wäre es ein Aufrütteln aus eitler Streberei und fadem

Genußleben. Ist nicht unser ganzes Bürgertum angesteckt von diesen

beiden Krankheiten?

Ja, der Krieg ist furchtbar, und doch möchte man fast ausrufen: »Kommt,

ihr Feinde, greift uns an, damit der deutsche Michel, damit der

Stammtischphilister in Uniform und Zivil erwache aus seiner Narkose,

damit wir herauskommen aus dem Zeitalter der Phrase in das Zeitalter

der Tat.«

Ihr Gedanken, wohin verirrt ihr euch! -- Freilich ist es verführerisch,

diese schlaffe Masse mit einem Male aufgerüttelt zu sehen durch

den dröhnenden Kriegslärm, aber tausendfach ehrenvoller und größer

ist es doch, in tausend und abertausendfacher Arbeit, in Liebe und

Gerechtigkeit ein Volk zu heben und aufzuklären und vorwärts zu führen

zur Gesundheit, zur Freiheit, zur wahren Kultur.

Mit diesen Gedanken kam ich zur Tafel. Gleich zum Beginn fielen unsere

neuen Gäste über mich her, ich solle berichten, warum ich nichts

tränke, warum ich den guten deutschen Trunk verabscheue. Ich blieb

ihnen die Antwort nicht schuldig: »Sicherlich,« führte ich aus, »rührt

nicht alles menschliche Elend aus der Trinksitte und von der Trunksucht

her; aber ebenso sicher ist es, daß wir einen sehr großen Teil aller

Not und allen Elends aus der Welt schaffen könnten, wenn wir die

Trinksitte, das heißt, die Sitte, berauschende Getränke als Genußmittel

zu gebrauchen, aus der Welt schafften. Und ich an meinem Teil will

diese Sitte nicht stützen helfen.«

Ich sah, wie der eine und der andere nachdenklich wurde. Zwei oder

drei riefen, während die Stewards aus und ein liefen: »Doktor,

erzählen Sie mehr!« Und da sagte ich ihnen kurz, wie ich's wußte, und

wie es mir in den Sinn kam: »Es ist im Laufe der letzten Jahrzehnte

tatsächlich eine ganz neue Wissenschaft entstanden, die leider selbst

manchem sonst ausgezeichneten Gelehrten ein noch unbekanntes Gebiet

ist. Sie umfaßt eine neue Volkswirtschaftslehre und eine neue und

doch uralte Sittenlehre. Sie lehrt uns die Schädlichkeit selbst

des mäßigen Trinkens; sie lehrt uns, wie schon durch dieses unser

Denken verlangsamt und unsere Widerstandskraft gegen Krankheiten

herabgesetzt wird. Diese neue Wissenschaft zeigt uns, daß eine Reihe

wichtigster Kulturaufgaben in unserem Volke liegen bleibt wegen

angeblichen Geldmangels; aber unser Volk vertrinkt den zehnten Teil

seines Gesamteinkommens und gibt noch einmal die gleiche Summe aus, um

die Opfer unserer Trinksitten in Krankenhäusern, Irrenanstalten und

Gefängnissen unterzubringen.«

Da warf einer der beiden Juden ein: »Doktor, Sie vergessen die

vielen Tausende, die in der Alkoholindustrie ihr Brot verdienen.«

»Jawohl,« antwortete ich, »anderthalb Millionen deutsche Männer.«

»Sehen Sie wohl,« zischte triumphierend der Jude über den Tisch

herüber, »die macht der Doktor brotlos mit seiner Temperenzlerei.«

»Nein, Herr,« erwiderte ich ruhig und ernst, »nicht brotlos. In der

Alkoholindustrie haben sie die schlechteste Sterbestatistik. Alle

diese Wirte und Brenner und Brauer und Direktoren und Weinhändler

und Whiskyreisenden« -- bei diesem Worte zuckte die Begleiterin des

Badensers schmerzlich zusammen, ich wußte nicht warum, weil er mir

nicht danach aussah, als ob er je im Leben Whiskyreisender gewesen

wäre -- »haben eine schlechtere Sterbestatistik als die Feilenhauer

und die Arbeiter in den Schwefelbergwerken.« »Ach was,« schnarrte

der andere edle Magyare über den Tisch hinüber in einem Ton, mit dem

er offenbar den Anschein erwecken wollte, als habe er in den Kreisen

von Honvedoffizieren verkehrt, »auf Statistik gebe ich gar nichts!

Alles läßt sich auf statistischem Wege beweisen.« -- »Nun,« erwiderte

ich, »Sie haben ja einen gut ausgeprägten Geschäftssinn, Sie wissen

selbst, die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften nehmen keine

Alkoholisten auf, geschweige denn die englischen. Nun lehnen schon

seit Jahren viele deutsche Gesellschaften Brauereidirektoren und

Weinreisende von vornherein ab und machen selbst oft bei den solidesten

Hotelwirten die größten Schwierigkeiten. Warum wohl? -- Aber noch

mehr. Eine Reihe großer, englischer Lebensversicherungsgesellschaften

führt getrennte Statistiken über die Lebenschancen der Mäßigen und der

Totalenthaltsamen und gibt den letzteren auf Grund ihrer Erfahrungen

erheblichen Prämienrabatt. Bis zu fünfundzwanzig Prozent! Glauben

Sie, daß diese Engländer so geschäftsunkundig sind, daß sie das tun

würden, wenn sie nicht ihren Profit dabei machten?« Ich sah, wie unsere

beiden ungarischen Helden um eine Nuance nachdenklicher wurden; der

jüngere der beiden Brüder bestellte sich eine Flasche Apollinaris,

und als der Steward sie brachte, folgte der ältere seinem Beispiel,

schenkte sich ein und rief mir mit verlegenem Grinsen über den Tisch

zu: »Prost Doktor.« »Aber diese anderthalb Millionen, die jetzt in der

Alkoholindustrie ihr Brot verdienen, die machen Sie brotlos; das müssen

Sie doch zugeben?« »Meine Herren,« erwiderte ich, »wir haben Gott sei

Dank noch eine derartige Fülle großer Kulturaufgaben zu erledigen, daß

die Hände und Köpfe dieser anderthalb Millionen Männer kaum ausreichen

werden, um diese Aufgaben in Deutschland zu erfüllen. Sehen Sie unsere

Schulen. Tausende sind überfüllt, und die Kinder unseres Volkes aus

allen Ständen erleiden durch die Überfüllung der Klassen in dumpfiger,

übelriechender Atmosphäre von ermüdeten und überangestrengten Lehrern

unterrichtet, dauernden Schaden und erhalten, statt daß sie fürs

Leben mit Herzens- und Geistesbildung ausgerüstet werden, im besten

Falle einen Geistesdrill, der sie aufjubeln läßt, wenn die Zeit

des Schulbankdrückens für sie vorüber ist. Jetzt schlagen Sie aber

einmal im Staate oder in der Gemeinde vor, daß mehr Schulen gebaut

werden müssen, da heißt es gleich: Es ist kein Geld vorhanden. Aber

über dreitausend Millionen Mark vertrinken wir jährlich! Gehen Sie

durch unsere Großstädte, und sehen Sie, wie unser Volk dort haust,

in engen Höfen und finsteren Mietskasernen zusammengepfercht, und

da wundern wir uns noch, wenn diese Leute, die einen großen Teil

ihres sauer verdienten Geldes für Wohnungen ausgeben müssen, die die

meisten von ihnen sich scheuen würden zu betreten, Sozialdemokraten

werden, unzufrieden mit der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung

........« »Aha,« rief der Delegierte vom deutschen Gastwirtsverbande

und gleichzeitiger Ehrenvorsitzender im Provinzialkriegerverein,

»merken Sie es, meine Herren, wohin der Doktor hinaus will? Das sind ja

die reinen sozialdemokratischen Anschauungen.« »Mann,« erwiderte ich

ihm, »ich bin Arzt und Offizier und weiß, was ich meinem Vaterlande

und meinem Kaiser an Treue schuldig bin. Aber das sage ich Ihnen,

wenn Sie und ich und wir alle, die wir hier sitzen, einfache Arbeiter

wären und in diesen Gängevierteln und Kasernen unserer Großstädte

wohnten, wir wären Narren oder Schwächlinge, wenn wir uns nicht

gegen eine Weltordnung aufbäumten, die so viel Ungerechtigkeit und

Elend im Gefolge hat.« Alle stimmten mir bei, der patriotische

Gastwirtsvertreter wurde rot wie ein Krebs und schwieg. Der Ingenieur

fragte gespannt: »Und wie denken Sie diese Zustände zu ändern?«

»Sehr einfach,« erwiderte ich, »statt der jetzigen Zentralisation

der Bevölkerung in die Städte müssen unsere Städte systematisch

dezentralisiert werden. Der Staat muß das die Städte umgebende Gelände

zu dem Preise ankaufen, der dem Werte entspricht, den der jetzige

Besitzer seinem Grund und Boden verliehen hat. Dieses Land wird vom

Staate nur in Erbpacht gegeben. Durch geeignete Bauverordnungen wird

die Bebauung des Landes in der Weise geregelt, daß die sozial und

hygienisch verderbliche, heute beliebte großstädtische Bebauungsweise

vermieden wird. Sodann müssen in radiärer Weise Verkehrswege aus der

Stadt nach diesen neuen Ortschaften geführt werden, die dem Arbeiter

und den draußen Wohnenden ermöglichen, auf schnellstem Wege des

Morgens in der Frühe in die Stadt zu den Arbeitsstätten zu gelangen.«

»Beim Zeus,« sagte der Rheinländer, »das scheint einleuchtend und

einfach genug, und warum wird's nicht so gemacht?« »Freund,« sagte

ich, »wir haben kein Geld, unser Patriotismus und der Gastwirtestand

verlangen, daß wir alljährlich dreitausend Millionen Mark vertrinken.«

Der dicke Ostpreuße brummte etwas in den Bart, was ich nicht verstand.

»Nun, Herr Kollege,« sagte der rheinländische Doktor, der mit einem

Blick voll Heimweh übers Meer hinüber sich nach seiner herrlichen

Heimat zu sehnen schien, »wenn Sie durch die Befreiung unseres Volkes

von seinem sinnlosen Trinken so viele Millionen flüssig bekommen, so

tun Sie mir eine Liebe und helfen Sie mir, unseren schönen Rhein,

dessen früher grüne Fluten von unseren Dichtern besungen wurden,

von seinen entsetzlichen Verunreinigungen zu befreien.« Da fiel ihm

der Thüringer ins Wort: »Ach, Doktor, und unsere Saale und unsere

Unstrut, -- die reinen Kloaken! Es ist doch der reine Hohn, wenn

unsere Studenten singen: An der Saale hellem Strande. Sind doch in

ganz Sachsen und Thüringen fast alle Flüsse und Bäche bis ins Gebirge

hinein verpestet und verjaucht.« »Bei uns ist's kaum besser,« klagte

der Badenser. »Was wollen Sie denn mit allem Wasser aus den Flüssen und

Bächen machen?« brummte der Baß des Ostpreußen. »Als ich noch Lehrer

war, ließ ich mich auf einer Turnfahrt von meinen Jungens verleiten,

einen Schluck aus einer Quelle zu nehmen. Den schönsten Typhus hätte

ich mir beinahe geholt, so hatte ich mir den Magen dabei erkältet! In

einem guten Restaurant ein gutes Glas Bier, wenn möglich einen Kognak

vorher, oder ein gutes Glas Wein, noch besser eine Flasche, das sind

die einzigen Getränke, an denen ein echter Deutscher seinen Durst

löschen sollte.« Keiner der Anwesenden würdigte sein fades Geschwätz,

mit dem gewohnheitsgemäßen Pathos des Bierphilisters vorgebracht, auch

nur eines Wortes. Es war einen Augenblick so still, daß man durch das

Klatschen der Wogen gegen die Kajütenfenster den gellenden Schrei der

Sturmmöwen, meiner Sorgenvögel, hören konnte, die kreischend, durch

das Licht der Kajüte angezogen, im Dunkel der Nacht an der Schiffswand

entlangstrichen.

Weh dir, Deutschland, dachte ich, daß so viele solcher Subjekte in

deinem Volke ihr ungewaschenes Maul auftun dürfen.

»Nun Doktor, worüber sinnen Sie,« fragte mich unser erster Maschinist

über den Tisch herüber, »wollen Sie von Ihren Millionen etwas hergeben

oder nicht?« »Und ob ich will! Hat mir unser Reichskanzler doch selbst

zu wiederholten Malen versichert, daß er die Reinhaltung unserer

deutschen Gewässer, für die ich seit Jahren mit meinen Freunden mit

allen Kräften kämpfe, für eine der wichtigsten Kulturaufgaben des

Reiches halte.« »Der Reichskanzler?« fragte mein rheinländischer

Kollege mit einem leichten Anflug von Ironie, und fügte gleichzeitig

hinzu: »Ich bin überzeugt, er hat Ihnen mit guter Absicht und

redlichstem Willen sein Versprechen gegeben. Aber wird er's halten? Er

ist ein so gutherziger Kerl, daß er allen alles verspricht, -- aber die

Tat, -- die fehlt ihm. Er will's allen recht machen und kommt nicht

dazu, es auch nur einem recht zu machen. Und diese Schwäche wird ihn

eines Tages noch zu Fall bringen. Herr Gott, wenn wir doch endlich

einmal wieder einen Mann der Tat unter uns hätten. Aber verzeihen Sie,

Kollege, daß ich Sie unterbrach.«

Ich fuhr fort.

»Vor gut einem Menschenalter noch brachte die Elbe einen schier

überreichen Segen an Fischen aller Art, und die Ortschaften an ihren

Ufern waren bevölkert von Hunderten von fleißigen Fischern, die in

ihrem gesunden Gewerbe behaglichen Wohlstand fanden. Längst ist das

Wasser verpestet, die Ufer sind verschlammt und die Fische zum großen

Teil verschwunden.

Gut ein halbes Menschenalter ist es erst her, daß die Cholera wie ein

furchtbarer Würgengel Tausende und Abertausende von Bürgern des reichen

Hamburgs ins Grab warf und grenzenloses Elend über die Einwohnerschaft

brachte, weil die Regierung der Stadt in unglaublicher Verblendung es

gelitten hatte, daß ihre Bewohnerschaft mit dem ungereinigten Wasser

des verseuchten Flusses versorgt wurde. Sie hatten die Kosten für die

Klärung gescheut. Und das Vielfache dieser Kosten wird alljährlich in

Hamburgs Mauern vertrunken. Freilich, wer gewohnt ist, seinen Durst

nur mit Wein und Bier zu löschen« -- hier bebte meine Stimme vor Zorn,

so viel ich mir auch Mühe gab, mich zu beherrschen -- »und sich dabei

das Denken immer mehr abgewöhnt, der braucht sich über die Umwandlung

unserer deutschen Flüsse in Kloaken keine grauen Haare wachsen zu

lassen.« Der Ostpreuße schwieg, weil er offenbar instinktiv scheute,

einen neuen Sturm zu entfesseln. So tat er, als wenn er meine Worte

nicht gehört hätte und kaute um so eifriger als der Vertreter des

Materialismus und der Streberei an dem gebratenen Geflügel.

»Aber Doktor,« warf der Badenser ein, »bedenken Sie unsere herrlichen

Weinberge im Rheinland und bei uns in Baden, was soll aus ihnen

werden? Hat man mich doch im Elternhause, so streng mäßig wie es bei

den ernsten Lebensanschauungen meines Vaters und meiner Mutter auch

herging, gelehrt, den Wein als eine edle Gottesgabe zu betrachten.«

»Laßt uns da,« erwiderte ich, »wo mehr Trauben wachsen, als wir

verzehren können, unsere herrlichen übrigen Früchte anbauen. Ist's doch

ein Jammer, daß wir alljährlich Hunderte von Millionen für Früchte ins

Ausland schicken! Und dabei bekommt ein guter Teil unseres deutschen

Volkes beinahe überhaupt kein Obst auf seinen kärglichen Tisch. Ich

gehe aber noch viel weiter.«

In diesem Augenblick wollte der dicke Ostpreuße sein volles Rotweinglas

an die Lippen setzen. Man sah's auf seinem Gesicht geschrieben, wie

es ihm schmeckte, weil er's nicht zu bezahlen brauchte, denn es war

von dem offiziellen Tischwein, der in offener Karaffe vor ihm stand.

Plötzlich legte sich das Schiff nach Lee hinüber -- unser Ostpreuße,

sein Glas mit Rotwein, die Kompottschüssel, die vor ihm stand, die

Karaffe mit Wein, beschrieben gemeinsam eine große Bogenlinie nach

der Schiffswand hin. Als sich der Dicke wieder erhob, scheltend

und fluchend über die schlechte Gangart des Schiffes, über die

Unberechenbarkeit der Meereswogen, über mangelhafte Führung des Kahnes,

wie er sich ausdrückte, mußte er es sich gefallen lassen, daß irgend

jemand aus der Gesellschaft ihn fragte, ob er es dem seligen König

Jerome hätte nachmachen und in seinem Rotspon hätte baden wollen.

Er sah aus, seine weiße Weste mit roten Kirsch- und Weinflecken

übersät, das dicke Gesicht fast grün vor Ärger, wie ein halbverblühtes

Rhododendronbeet.

Der Ostpreuße verschwand in seiner Kabine. Die andern hatten große

Neigung, mich meinen Vortrag weiter halten zu lassen. Mich aber drängte

es hinaus in die Nacht und den Sturm. Schwer rollten die Wogen,

hochauf spritzte der Gischt am Bug des Schiffes -- kein Stern am Himmel.

Ich ging hinauf zur Kommandobrücke, weil es mir ein Labsal war,

nach dem Zusammensein mit diesem faden Menschen, dessen Kaumuskel

ich noch im Geiste immer arbeiten sah, einen Augenblick mit unserem

braven Kapitän zu verplaudern. Seine ernste Ruhe tat mir wohl. Mit

sicherer, ruhiger Stimme gab er dem Steuermann seine Befehle. Mir

war's, als ob der Glaube an sein Ziel ihn durch das Dunkel der Nacht

seinen Weg finden ließ, und doch, welcher Fleiß, welches Nachdenken,

welche Gewissenhaftigkeit, welche Umsicht, zugleich aber welches

Selbstvertrauen gehörte dazu, mit diesem schwankenden Werk von

Menschenhand sich seinen Weg durch diese schier undurchdringliche

schwarze Wand, die ständig vor uns stand, zu bahnen.

Der Glaube an uns selbst, das ist eine der Quellen der Kraft für unser

Handeln, die wir uns bewahren müssen. Wer den Glauben an sich selbst

verloren hat, der lasse alles andere beiseite stehen und sehe zu, daß

er diesen Kompaß des Lebens wiederfinde.

Ich fühlte es, es war nicht nur der Sturm und die frische Nachtluft,

das Atmen des Meeres, was mir neue Kraft einflößte, sondern es war

immer wieder die Nähe dieses kraftvollen, ruhigen, festen Mannes,

die auf mich wie ein beruhigender und stärkender Zauber wirkte. Wir

wechselten nur wenige Worte: »Nach Boulogne werden wir gut kommen; was

dann kommt, müssen wir abwarten. Boulogne erreichen wir morgen früh um

zehn und nehmen neue Passagiere an Bord. Nach einer Stunde dampfen wir

weiter in die Biscaya.« »Gute Nacht.« »Gute Ruh'!« Ein Händedruck, und

durch den sprühenden Gischt kletterte ich treppauf, treppab, bis ich in

meinem kleinen, hellerleuchteten Traumreich wieder anlangte.

Mir kam der Disput von der Mittagstafel wieder ins Gedächtnis. Wie

war's denn eigentlich gekommen, daß der Streit um die alt geheiligten

Trinksitten unseres Volkes solchen Raum in meinem geistigen Leben

eingenommen hatte? Wie war's gekommen, daß ich in diesem Riesenkampf

in vorderster Reihe mit stand? -- Wie es kam, ich weiß es selbst

nicht. Das Bild meines guten lieben Mütterchens tauchte plötzlich

vor mir auf, ich sah ihren tränenschweren Blick, sah sie mit ihrer

sorgendurchfurchten Stirn sich zu uns, ihren Knaben, wenden, als ob

sie in banger Sorge um uns und unsere Zukunft sei, in banger Sorge, was

wohl das Leben mit seinen tausend Versuchungen aus uns machen würde.

Wie oft hatte sie uns Jungen gesagt: »Vor allem hütet euch vor einem,

vor dem Trinken. Der Wein macht hitzig, und das Bier macht dumm. Und

gebt acht, wo ihr Elend findet in der Welt, zum allergrößten Teil rührt

es vom Trunk her! Bleibt nüchtern und gut, wie euer Vater es war.

Alles, was Gott in euch hineingelegt hat, das baut aus und verwertet es

für euch und eure Mitmenschen.

In jedem, auch in dem Geringsten, achtet den Nächsten. Nur aus dieser

Achtung kann die Liebe zum Nächsten erwachsen.

In jedem Mädchen achtet eure eigene Schwester, in jeder Frau eure

Mutter; dann werdet ihr euch am leichtesten vor der Sünde hüten.

Euer Körper sei euch das heilige Gefäß eurer Seele. Seele und Körper

untrennbar voneinander hat euch eine wunderbare Güte geschenkt. Haltet

das Gefäß eurer Seele rein und heilig, damit eure Seele rein und heilig

bleibe.«

Mit solcher Lehre zog ich hinaus in die Welt.

Und dann sah ich mich als Schüler auf dem Gymnasium der kleinen Stadt,

die rote Primanermütze keck auf die Locken gedrückt im Kreise der

Kommilitonen. Ich wollte sie herausreißen aus ihren Kneipgewohnheiten.

Aber wie? Da lockte ich sie mit der Einladung zu einem Wurstessen in

mein Bodenkämmerchen: Doch die Wurst wurde erst aufgetischt, nachdem

wir »Die Räuber« mit verteilten Rollen gelesen hatten. Und siehe, es

gefiel ihnen so sehr, daß wir die Wurst fast ganz vergessen hätten,

wenn »Philipp der Eiserne«, unser Athlet der Prima, zum Schluß des

letzten Aktes nicht daran erinnert hätte.

Dann kamen sie allwöchentlich, und wir verschlangen die Dramen von

Schiller, Goethe, Lessing, Shakespeare und vergaßen darüber Wurst

und Bier. Und sie nannten mich ihren Führer, ihren Achilles. Wir

Myrmidonen hielten gute Freundschaft bis auf den heutigen Tag. --

Und die nicht zu unserem Kreise gehörten, -- wo sind sie geblieben?

Verdorben, gestorben. Der eine ertrank im Rausch bei einer Bootfahrt

auf der Elbe, der andere starb im Gefängnis, der dritte im Delirium,

der vierte siechte an der Schwindsucht dahin, und der fünfte, der als

Zwischendecker nach den Vereinigten Staaten auswanderte, verscholl als

Schafhirte in den Prärien Amerikas.

Und was war der Dank von seiten der Lehrer dafür, daß ich die

entsetzlichen Trinksitten auf der Schule durch Erweckung der Liebe

zur Kunst und zu allem Guten, durch Sport und Turnen, in einem Teil

der Schülerschaft ausgerottet hatte, dafür, daß mir in kurzer Zeit

gelang, was die Herren Magister in jahrelangem Kampfe mit drakonisch

strengen Polizeimaßregeln nicht hatten erreichen können? Ich sehe sie

noch, die vom Weinfrühschoppen geröteten und gedunsenen Gesichter der

Herren, wie sie aus der Tür ihres Stammlokals auf mich Ahnungslosen

zugesegelt kamen, gleichsam als ob meine rote Primanermütze die gleiche

Anziehungskraft auf sie ausgeübt hätte, wie das rote Tuch auf den

Stier. »Wir kennen Sie! Unter dem Vorwand, das neue Fußballspiel von

Hamburg hier einzuführen, treiben Sie Politik! Wir werden Ihnen das

eintränken!« -- Zu ihrer Entschuldigung konnte ich nur anführen, daß

wir in den Attentatsjahren lebten. Kurze Zeit war verstrichen, nachdem

jener wahnsinnige Verbrecher auf unseren geliebten greisen Kaiser

geschossen hatte.

Ich und Politik! Aber ich wollte den Schmutz und die Gemeinheit aus dem

Leben meiner Mitschüler ausmerzen. Und da galt ich ihnen als Idealist,

und Idealisten sind Schwärmer, sind gefährlich. Und dabei lag mir die

Politik schon damals so weltenfern, wie heutigen Tages noch.

Aber halt -- ich hatte mit meinen 17 Jahren einen Vortrag gehalten

über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt Hamburg. Das hatte der

Schmidt, der Judas Ischariot in unserem Kreise, der würdige Sohn

eines preußischen Subalternbeamten, seinem Vater hinterbracht, und

dieser hatte es gewissenhaft der Schulbehörde weiter gemeldet, und

diese hatte den Fall pflichtgemäß registriert, -- und daher die Wut

und der Zorn der Herren Schulmänner, nachdem sie sich soeben mit dem

edlen Wein gestärkt hatten. Über Wohnungsnot zu sprechen in einem

Schülerleseverein, -- das war ja tatsächlich kolossal verdächtig. Wie

ich dazu gekommen war? --

Hatten im Vater die Überlieferungen nachgewirkt, daß die Vorfahren

aus edlem Hugenottengeschlecht ihr Vaterland Frankreich um ihres

Glaubens willen verlassen hatten, um in der alten Hansastadt ungestört

ihrem Glauben nachleben zu können? Hatte das Christentum der Tat, das

mein Vater von den Ahnen ererbte, ihn veranlaßt, seinen blühenden

Handel nach Brasilien in andere Hände zu legen, nachdem er so viel

verdient hatte, um seine und der Seinen Zukunft vor Not und Sorge

gesichert zu sehen, damit er den Rest seines Lebens als Armenpfleger

in der Vaterstadt wirken und auf seinen täglichen Gängen durch die

Höfe und Gassen der Stadt das Elend der Ärmsten lindern könne? Hatte

die Mutter dieses Erbteil des früh verstorbenen Vaters auf den Sohn

verpflanzt, hatte dazu das eigene warme Herz, das sie von ihren Vätern

ererbt hatte, auf ihre Kinder wieder vererbt? Sicher nicht ohne Grund

hatte sie ihren hoch aufhorchenden Kindern von den Vorfahren erzählt,

wie diese in Urzeiten als edle Ritter im Westfälinger Lande gesessen

hatten. Wie der Erzbischof von Bremen sie als die Tapfersten und

Zuverlässigsten in die Marschen an der Elbmündung gesandt, damit sie

das reiche Land dort gegen den verheerenden Ansturm der Wenden und die

räuberischen Überfälle der Normanen schützen sollten. Und wie sich

die Bauern des Landes um sie sammelten zu einer Heldenschar, genannt

die Männer vom Morgenstern. Die bauten für sich und ihre ritterlichen

Schirmherren, die Ritter von Lappen, die feste Burg Ritzebüttel,

die heute noch steht wie ein aus der Urzeit ragendes Wahrzeichen

schirmender Kraft.

Es war wohl beides gewesen, das Gefühl der Pflicht, den Sinn des Vaters

auf die Kinder zu vererben, und das eigene warme, mitempfindende Herz,

das die Mutter antrieb, uns als Kinder schon in die Wohnstätten der

Armut zu schicken, um Not lindern zu helfen, wo immer sie davon erfuhr.

Und wenn ich mit der Schwester, dem guten Geiste meiner Kindheit, die

engen finsteren Stiegen in den dunklen Gassen und Höfen hinaufstieg, um

in den dumpfigen Wohnungen der Armen uns unserer kleinen Aufträge zu

entledigen, und wir all das namenlose Elend und Unglück dieser Menschen

sahen, die doch auch Menschen waren, wie wir, deren Kinder Kinder

waren, wie wir, dann krampfte sich mein jugendliches Herz zusammen, und

wenn ich abends auf meinem Bette lag, betete ich inbrünstig zu meinem

Gott: »Herr, hilf mir, daß, wenn ich ein Mann bin, ich dieses Elend

lindern kann.«

Aus diesen Erfahrungen heraus hielt ich eines Tages meinen Myrmidonen

einen Vortrag über die Wohnungsnot in meiner Vaterstadt. Und daraus

drehten sie mir den ersten Strick.

Als die Zeit heranrückte, in der wir uns vorbereiten sollten für

das Reifeexamen, da warf der Ordinarius mit seinem weingeröteten

Gesicht mir, dem Primus, mein Zeugnisbuch durch die Klasse zu mit dem

höhnischen Ruf: »Bei mir werden Sie nie das Examen machen.« Ich ließ

das Heft unter dem Tische liegen, wohin es geflogen war, nahm meine

Bücher unter den Arm und verließ mit einem stolzen: »Lebt wohl, --

Kameraden!« die Klasse.

Oh, wie danke ich es euch guten, freundlichen Menschen heute noch, dir,

meinem alten guten Direktor Detlefsen, und dir, meinem alten treuen

Freunde und Magister Reuter, daß ihr mich, wie einst die Phäaken den

irrfahrtmüden Odysseus, in Glückstadt's traulichen Mauern so freundlich

aufnahmt. Ihr kanntet kein Polizeiregiment und keinen Frühschoppen,

und mit warmem Herzen halft ihr dem Vorwärtsstrebenden, die Flügel zur

Fahrt durchs Leben zu entfalten.

Und dann hinaus zur Universität, nach Leipzig, in das geistige Zentrum

akademischen Lebens. Wohl schäumte dem jungen Studio fröhlich das Leben

entgegen. Aber die Klinge war scharf und gut geübt, um dem eklen Zwang

zum viehischen Saufen mit Trotz zu begegnen. --

Nun aber war ich zwanzig Jahre gegen den Strom geschwommen und hatte

geliebt, wo die anderen verachteten und haßten. Zwanzig Jahre lang

hatte ich versucht, ihnen klar zu machen, wo sie fehlten. Ich sah, wie

Lieblosigkeit und Härte, Genußsucht und Gewinnsucht, Ungerechtigkeit

und Hochmut Tausende und Abertausende krank und elend, hart und trotzig

und schließlich fähig zu allem Bösen machten. Ich sah, wie man Scharen

unserer Volksgenossen in Gefängnisse und Zuchthäuser sperrte, weil sie

schlimme Dinge getan hatten, Junge und Alte, und sah, wie die Alten, im

Verbrechen grau Gewordenen, die Jungen, deren Herz noch weich und gut

war, die nur der Taumel ins Gefängnis geworfen hatte, in den Morast der

Sünde hinabzerrten.

Ich sah die Irrenhäuser und Krankenanstalten sich füllen mit Siechen

und Schwächlingen. Unzählige lebensunfähige Kinder, -- andere, die den

Keim elenden Siechtums in sich trugen, sah ich geboren werden; Kinder,

die entweder keinen Vater hatten, oder wenn sie einen hatten, besser

daran gewesen wären, wenn sie keinen gehabt hätten. Und ich sah den

Staat und seine hochweisen Behörden lächelnd an Toren und Schurken die

Erlaubnis erteilen, Brotkorn in Gift zu verwandeln und dieses Gift dem

Volke zu verkaufen.

Ich sah die nämlichen Herren, die diesen großen unbekannten Geist,

»Regierung« genannt, zusammensetzen, lächelnd bei Tisch aus ihren

Pokalen das nämliche Gift schlürfen und abends aus schweren Krügen noch

einmal das gleiche Gift beim Qualm der Zigarren, der ihnen half, die

Sorgen um Land und Volk in ein sanftes Grau zu hüllen. Und weil sie

selbst von dem Gifte schlürften, gaben sie ruhigen Gewissens und dreist

die Erlaubnis, dieses Gift auch dem Volke zu schenken. Und Scharen um

Scharen deutscher Männer zogen alljährlich, vergiftet durch den Trank,

ein in die Gefängnisse und Zuchthäuser und füllten die Lücken, die dort

der Tod durch die Bazillen der Schwindsucht alljährlich riß. Schar um

Schar taumelte in eklem Rausch in die Bordelle, um sich dort bei den

unglücklichen Opfern ihrer Lüste mit den Seuchen zu vergiften, die sie

daheim dann ihren Frauen und Kindern einimpften, -- körperliches und

geistiges Siechtum verbreitend nach Mosis grausigem Wort: Ich will die

Sünde der Väter heimsuchen bis ins dritte und vierte Glied.

Und als meine Seele mit ihrem geistigen Auge dieses grauenhafte Elend

überschaute, schluchzte sie auf, und in ohnmächtigem Schmerz und Zorn

krampfte sich mein Geist, daß trotz aller Arbeit es nicht gelingen

wollte, die beim eignen Becher erstarrten Gewissen der klugen Herren,

die an der Spitze des Volkes stehen, aufzurütteln.

An den Grenzen unseres Landes hörte ich das Klirren der feindlichen

Schwerter. Und wie dunkle Gewitterwolken gefahrdräuend eine blühende

Ortschaft mit Nacht überziehen, so sah ich an unseren Grenzen die

Gefahr feindlichen Überfalles von Westen und Osten. Anstatt aber wie in

alten Zeiten zusammenzuhalten, wie ein Volk, wie Kinder einer Familie,

in deren Haus ein feindlicher Nachbar eindringt, hörte ich in unserem

Volke Gekeif und Geschelt von beiden Seiten, von den Besitzenden und

Besitzlosen. Die einen sollten alles, die anderen wollten alles. Und

ich sah, wie die einen, die im Besitz waren, nur danach strebten,

ihren Besitz zu mehren. Sie hatten das Land, sie hatten das Geld und

damit die Macht, Häuser zu bauen. Da suchten sie diejenigen, die kein

Heim hatten, auf kleiner Fläche hoch übereinander in den Städten

zusammenzuschichten, nicht duldend, daß jeder ein Heim hatte; damit sie

aus ihren steinernen Quartieren den höchstmöglichen Zins zögen. Und

nachdem sie so den Volksgenossen das Vaterland genommen, schalten sie

sie noch dazu vaterlandslose Gesellen!

Und die Besitzlosen, anstatt in Ruhe nachzudenken, was ihnen fehle,

suchten und suchten, in ihrer Erbitterung und Wut blind, und fanden

nicht den Ausweg aus dieser Wirrnis. Bald suchten sie Arbeit, wenn der

Hunger sie quälte, bald warfen sie ihr Arbeitszeug hin und ließen die

Maschinen stille stehen. Und der Gifttrank verwirrte ihr Hirn vollends.

Und die weisen Herren dort oben sahen es, runzelten die Stirn über

die Unzufriedenen, gaben Gesetze über Gesetze und wußten sich doch

keinen Rat. Und der Staat, den sie regierten, hätte mit leichter Hand

rings um die Städte das Ödland von den Bauern kaufen können; fleißige

Genossenschaften würden Häuschen um Häuschen errichten, mit Stall und

Garten; der Dung von Mensch und Vieh konnte in Kürze aus den sandigsten

Einöden blühende Gefilde schaffen. Auf Schienensträngen müßte der Zug

morgens in der Frühe, wie in Holland und Nordamerika, arbeitsfreudige

Scharen aus ihren dörflichen Gärten in wenigen Minuten in die Städte

tragen, wo sie auf den Speichern und auf der Werft rüstig die

kräftigen Hände regen könnten. Und abends hätte die nämliche Bahn die

Heimatdurstenden aus den Städten wieder hinausgeführt zu den von Luft

und Sonne gebräunten Ihrigen.

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 6 / 39 题