Lieber Frederic!
Deinen Brief nebst 5 Pfund erhalten. 10 Schilling an Dronke gegeben.
Die Zeit ist jetzt vorbei, wo wir uns zu genieren haben, offen zu
schreiben unter unseren direkten Adressen. Sonnabend (30. Oktober)
erhielten die Advokaten die Masse der Dokumente, Sonntag den zweiten
Brief von Frankfurt, gestern meinen letzten Brief mit der Deklaration
vor dem Magistrat. Heute habe ich die im heutigen Morning Advertiser
erschienene Deklaration an Schneider II direkt registriert geschickt,
weniger, weil dies jetzt noch nötig ist, als damit die preußische
Regierung sieht, daß wir Mittel haben, die Ehrlichkeit ihrer Post zu
forcieren und im Gegenfall sie vor dem Londoner Publikum bloßzustellen.
Die Advokaten haben alles Nötige rechtzeitig erhalten, nämlich _vor
Schluß_ der Anklage. Gegenwärtig bin ich der Meinung, daß, sollte nicht
ein neuer Inzident den Prozeß verlängern und eine neue Intervention
unsererseits nötig machen, nichts mehr nach Köln abgeht. –
Was den mir fälschlich zugeschriebenen Wisch betrifft, so fehlt mir nur
noch _die Adresse von Moses Heß_, der in Lüttich haust. Ich werde ihm
nämlich schreiben: „Erkläre mir, wem Du die Katechismen gegeben und wer
sie kolportiert hat in Deutschland, sonst erkläre ich Dich in der
Independence für einen Forger.[1]“ Moses wird schon herausrücken.
Vergiß nicht, mir den Schluß für Dana zu schicken. Donnerstag kommt das
Parlament zusammen. Der Artikel ist schon jetzt etwas antiquiert. _Nach_
Freitag aber hätte er gar keinen Wert mehr.
Beste Grüße an Weerth und Strohn.
Dein K. M.
----------
[1] Fälscher.
207
London, den 4. November 1852.
Lieber Engels!
Ich muß die paar Zeilen an Dich heute diktieren, da die perfiden
Preußischen mich am Sitzen hindern.
Einliegend Brief von Schneider, der gestern abend ankam.
Du siehst, daß Simeon sein Manuskript zurück haben will.
Vehse erzählte mir gestern, Weerth habe ihn zu einem falschen Termin
nach London bestellt, worüber ich ihm die gehörigen Aufklärungen gab.
Dein K. M.
Viele Grüße vom Sekretär, der Ehefrau Marx’.
Kossuth ist wütend über Marx, daß er seinen _dodge_[1] mit Bonaparte,
Vetter usw. dem Dana mitgeteilt, der aus diesen Notizen einen
fulminanten Artikel gemacht hat.
----------
[1] Winkelzug, Mogelei.
208
[Undatiert. Freitag, 5. November 1852.]
Lieber Marx!
... Die Aktenstücke sind also glücklich angekommen, auch der Brief
Stiebers im Original. Jetzt wird die Sache heiter, sobald der edle
öffentliche Ankläger geendigt haben wird. Etwas Alberneres, als was der
Seckendorf sagt, ist doch selbst bei angestrengter saurer Arbeit des
Gedankens nicht ans Licht zu fördern. Weil der Engels hat drucken
lassen, daß die besten Kommunisten die couragiertesten Soldaten waren,
deswegen muß Bürgers wegen Komplott verdonnert werden. Die Fragestellung
schließe in sich, ob der Angeklagte den _Willen_ gehabt habe – _suspect
de suspicion d’incivisme_[1] –, und daher sei es auch _ganz
gleichgültig_, ob der Angeklagte Mitglied des Bundes sei oder nicht –
also Herr Seckendorf in seiner Verzweiflung an der Verurteilung von
Daniels und Komp. fordert die Geschworenen direkt auf, auch den Bürgers
und Röser freizusprechen! Der Kerl muß wenigstens acht Nächte durch
stark _brandy and water_[2] gesoffen haben, ehe es ihm so wüst und wirr
im Kopfe werden konnte. In der ganzen Schmiere ist doch auch nicht ein
Wort _to the purpose_.[3] Übrigens habe ich an der Freisprechung auch
von Bürgers usw. keinen Moment mehr gezweifelt, seit der Präsident die
Fragestellung bekannt gemacht. Es ist unmöglich, Bürgers’ Jammermanifest
und seine Rundreisen in ein „Unternehmen“ zu verwandeln, das den Zweck
hatte, die Staatsverfassung usw. Oder soll es in den Annalen der
Geschichte heißen: Im Mai des Jahres 1851, während in London der
Glaspalast eröffnet wurde, reiste der Schneider Nothjung von Berlin nach
Leipzig, um die preußische Staatsverfassung umzustoßen und den
Bürgerkrieg zu beginnen. Zudem ist das Protokollbuch fallen gelassen,
und, wie Strohn behauptet, sind unter den Geschworenen v. Rath, v.
Bianco, Leven, Leiden, Herstatt und noch einer ganz gut.
Ich glaube, wie sich die Sache jetzt entwickelt, auch, daß wir unter
allen Umständen etwas publizieren müssen. Es wäre nur gut und sogar
nötig, daß nach dem Prozeß Schneider und einer der Angeklagten nach
London kämen – ich würde sehen, daß ich dann auf einen Samstag und
Sonntag nach London käme, und wenn alles abgesprochen, könntest Du mit
hierher gehen, und das Manuskript würde in einigen Tagen fertig sein.
Inzwischen schreibe an den alten Ebner, ob er dies Broschürli nicht bei
Löwenthal anbringen kann – meinetwegen auf halbe Rechte, für Gewinn wie
Verlust, zwischen ihm und uns.
Den 6. November. Ich kam gestern aus physischen Gründen nicht zur
Absendung des Obigen. Seitdem wieder eine Stieberiade in der Kölnischen
Zeitung gelesen. Also das Originalprotokollbuch ist fallen gelassen,
dagegen Herr Liebknecht in Gestalt einer Geldquittung von den Toten
erstanden. Monsieur Hirsch und Komp. – denn es müssen ihrer mehrere sein
– scheinen die dummen preußischen Polizisten gehörig um Geld
beschwindelt zu haben. _Il valait bien la peine_,[4] einen
Polizeileutnant nach London zu schicken, um diesen Bären angebunden zu
erhalten, und dazu die Nachricht von der _ganz geheimen_ Sitzung bei
Dir.
Was ist das aber eine Geschichte mit dem Fleury, Dronkes Freund, der
hier direkt und offen als Polizeiagent bezeichnet wird? – –
„Bürgers ist geständig, Mitarbeiter der Neuen Rheinischen Zeitung
gewesen zu sein!“ Das ist natürlich hinreichend, ihn zum Galgen
verurteilen zu lassen. So was ist mir doch noch nicht vorgekommen.
Heute abend wird die Kölnische Zeitung nun wohl die ersten Nachrichten
darüber bringen, daß sich das Blättchen gewendet hat. Die Advokaten
haben sehr richtig agiert, daß sie alles zurückhielten, wenn sie nur
jetzt gehörig ins Geschirr gehen.
Dein F. E.
----------
[1] Des Verdachtes schlechter Gesinnung verdächtig.
[2] Kognak mit Wasser, Grog.
[3] Zur Sache.
[4] Es lohnte sehr der Mühe.
209