Lieber Engels!
Einliegend Bericht meiner Frau über das gestrige Robert-Blum-Meeting.
Sie war in der Galerie der Free Mason Tavern, wo es stattfand, mit
Imandt.
Nun zu der Kölner Angelegenheit.
Ich in Bürgers’ usw. Stelle würde Herrn Becker keinesfalls erlaubt
haben, auf Kosten aller anderen sich so unverschämt als den _homme
supérieur_[1] hinzupflanzen und zum Triumph der Demokraten den Charakter
des ganzen Prozesses so sehr herabzudrücken. Sich verteidigen und sich
eine Apologie auf fremde Kosten halten, sind zweierlei. Becker ist einer
der Epigonen der Revolution, der viel Schlauheit, aber wenig Verstand
[besitzt].
Die Regierung in ihrer Verzweiflung hatte, wie Du schon weißt, in dem
nachträglichen Bericht des Goldheim, zu heroischen Mitteln ihre Zuflucht
genommen, aber sich nur von neuem in die Falle geritten.
Die Aussage des Goldheim gab zwei Daten an die Hand: „Greiff“ und
„Fleury“.
Ich stellte also Nachforschungen an (mietete zu diesem Zwecke selbst
einen preußischen Mouchard) über Greiff. Ich erhielt so seine Adresse
und fand, daß er 17 Victoria Road, Kensington, wohne. Dies ist aber das
Haus des Herrn Fleury. Es war also konstatiert, daß Greiff bei Fleury
wohnt. Ferner stellte sich heraus, daß Greiff hier offiziell nicht als
„Polizeileutnant“, sondern als Attaché der preußischen Gesandtschaft
figuriert. Endlich, daß er Sonnabend den 6. November von hier abgereist
ist für einige Wochen, wahrscheinlich nach Köln. Er selbst erklärte, er
reise aus Furcht vor den Marxianern ab. Fleury habe ihn geprellt usw.
Es war nun also klar, Greiff, der Vorgesetzte von Fleury, Fleury der
Vorgesetzte von Hirsch. So hat sich die Sache auch herausgestellt.
Andererseits begaben sich Freitag den 5. November Imandt und Dronke zu
Fleury, mit der Kölnischen Zeitung in der Hand. Er spielte natürlich den
Überraschten, behauptete, keinen Greiff zu kennen, erklärte sich zu
allen Erklärungen vor dem Magistrat bereit, wollte aber vorher seinen
Advokat sprechen. Gab zwei Rendezvous, für Sonnabend den 6. November
eines für 2, das andere für 4 Uhr, hütete sich aber wohl zu erscheinen
und machte, daß die Polizei so einen neuen Tag gewann, an dem wir nicht
operieren konnten, einige vorläufige Briefe nach Köln abgerechnet.
Sonntag den 7. November endlich preßten ihm Dronke und Imandt eine
Erklärung ab, die Du in der „Kölnischen“ lesen wirst. Ich schicke Dir
Kopie davon, die ich in diesem Augenblick nicht finde. Nachdem sie die
Erklärung in der Tasche, erklärten sie ihm, er sei Spion, Greiff wohne
bei ihm, wir hätten alles das gewußt und mit der Polizei gespielt,
während sie mit uns zu spielen glaubte. Er fuhr natürlich fort, seine
Unschuld zu beteuern.
Endlich sandte ich Leute herum, um Hirschs Wohnung aufzutreiben. Es fand
sich, daß er nicht weit von Fleury, ebenfalls in Kensington wohne.
Ehe ich nun weiter erzähle, noch eines. Die _ganze Aussage des Goldheim_
wird Dir sehr klar, wenn Du erwägst: 1. daß am 30. Oktober (Sonnabend)
Goldheim hier war und mit dem preußischen Gesandtschaftssekretär Albert
sich zu Greiff und Fleury begab; 2. _daß am Morgen desselben 30.
Oktober_ unsere Erklärung über die bevorstehenden Enthüllungen in fünf
englischen Blättern erschien; 3. daß für _denselben 30. Oktober_ Fleury
dem Imandt und Dronke ein Rendezvous gegeben, weil Dronke statt dem
Imandt die französische Stunde für ihn übernehmen solle; 4. daß _bevor_
Stieber seine _zweite_ Vernehmung mit den Enthüllungen über London gab,
ich _gleich_ nach seiner _ersten_ Vernehmung über Cherval usw. eine
_Erklärung_ in die „Kölnische Zeitung“, „Frankfurter Journal“ und
„Nationalzeitung“ schickte, worin schon dem Stieber mit seinem Briefe an
mich gedroht wurde. Diese Erklärung erschien zwar in keiner der
Zeitungen, Post und Polizei hatten aber unstreitbar Notiz davon
genommen.
So klärt sich die „Hellseherei“ Stiebers und die Allwissenheit seiner
Polizeiagenten in London höchst prosaisch auf. Alles, was Goldheim sonst
gesagt, waren _Fabulae_.[2] Nach Köln habe ich auf _verschiedenen_ Wegen
die nötige Erklärung über diese Dinge gelangen lassen neben Fleurys
Erklärung.
Aber nun kommt ein Hauptwitz.
Es war natürlich meine Absicht, einen Warrant [Haftbefehl] gegen den
Hirsch zu nehmen, wozu ich seine Wohnung ausgeforscht hatte. Ich erhielt
die Adresse aber erst Sonnabend. Hatte ich den Warrant gegen Hirsch, so
war ich sicher, daß dieser den Fleury und Fleury den Greiff hereinreiten
würde.
Was geschieht? Willich, ganz im geheimen, begibt sich am Freitag mit
Hirsch in Gegenwart Schärttners auf die Magistratur in Bowstreet, läßt
Hirsch angeblich in einem dreifach gefertigten Dokument gestehen, _daß
er und Fleury seit einem halben Jahre ungefähr die falschen Protokolle
fabriziert_, schickt diese drei Dokumente 1. an Göbel, den
Assisenpräsidenten, 2. an Schneider, 3. an die Kölnische Zeitung – und
gibt dem Hirsch Geld zum _Entrinnen_, ja, läßt ihn selbst auf den
Dampfer bringen, angeblich damit er selbst in Köln gesteht.
Wir alle erfuhren dies erst durch die Nachforschungen, die wir nach
Hirsch angestellt, und zum Teil in Bowstreet, wo wir [den] Warrant
herausnehmen wollten. Schapper erzählt dem Liebknecht, daß Willich _ihm
kein Wort_ von dem allen mitgeteilt. So hat Herr Willich uns die
Handhabe der Prozedur, die wir in London selbst anstellen wollten, aus
der Hand eskamotiert! – – –
Wie hoch dieser Fleury übrigens (ich habe ihn _nie_ gesehen) bei den
Demokraten angesehen – Techow, bei seiner Abreise nach Australien,
schrieb ihm noch vom Schiff einen Brief, worin er ihm bezeugt, daß Kopf
und Herz ihm auf dem rechten Fleck sitzt. –
Hirsch hat gestanden, er habe Liebknechts Handschrift nachzumachen
versucht und unter der Leitung des Kaufmanns Fleury (dieser Hund ist
dabei _vermögend_ und in eine sehr _respektable_ englische Quäkerfamilie
hineingeheiratet) gearbeitet, wie Fleury selbst unter Greiffs Leitung
stand. So bestätigt sich vollkommen alles, was ich gleich aus dem
von der Kölnischen Zeitung gegebenen Inhalt und Daten des
Originalprotokollbuches herausdeduziert hatte und was von den Advokaten
bis jetzt keiner gehörig exploitiert hat.
Daß die Kölner Angeklagten freikommen, _alle_ ohne Ausnahme, unterliegt
nach meiner Ansicht keinem Zweifel.
Es ist mir lieb, wenn Du dem Strohn schreibst, er verpflichte mich sehr,
wenn er _gleich_ einige Pfund mitschicke. Von den 4 Pfund 10 Schilling,
die ich durch Dich erhalten, sind beinahe 3 Pfund für die Laufereien,
Mouchards usw. draufgegangen. Es benutzen natürlich auch unsere armen
Bundesfreunde die vielen Laufereien, Rendezvous usw., um eine ganz
erträgliche Summe von _faux frais de production_[3] für Bier, Zigarren,
Omnibus usw. herauszubeißen, die ich natürlich liquidieren mußte.