28 Deanstreet, 10. November 1852.

Lieber Engels!

Einliegend Bericht meiner Frau über das gestrige Robert-Blum-Meeting.

Sie war in der Galerie der Free Mason Tavern, wo es stattfand, mit

Imandt.

Nun zu der Kölner Angelegenheit.

Ich in Bürgers’ usw. Stelle würde Herrn Becker keinesfalls erlaubt

haben, auf Kosten aller anderen sich so unverschämt als den _homme

supérieur_[1] hinzupflanzen und zum Triumph der Demokraten den Charakter

des ganzen Prozesses so sehr herabzudrücken. Sich verteidigen und sich

eine Apologie auf fremde Kosten halten, sind zweierlei. Becker ist einer

der Epigonen der Revolution, der viel Schlauheit, aber wenig Verstand

[besitzt].

Die Regierung in ihrer Verzweiflung hatte, wie Du schon weißt, in dem

nachträglichen Bericht des Goldheim, zu heroischen Mitteln ihre Zuflucht

genommen, aber sich nur von neuem in die Falle geritten.

Die Aussage des Goldheim gab zwei Daten an die Hand: „Greiff“ und

„Fleury“.

Ich stellte also Nachforschungen an (mietete zu diesem Zwecke selbst

einen preußischen Mouchard) über Greiff. Ich erhielt so seine Adresse

und fand, daß er 17 Victoria Road, Kensington, wohne. Dies ist aber das

Haus des Herrn Fleury. Es war also konstatiert, daß Greiff bei Fleury

wohnt. Ferner stellte sich heraus, daß Greiff hier offiziell nicht als

„Polizeileutnant“, sondern als Attaché der preußischen Gesandtschaft

figuriert. Endlich, daß er Sonnabend den 6. November von hier abgereist

ist für einige Wochen, wahrscheinlich nach Köln. Er selbst erklärte, er

reise aus Furcht vor den Marxianern ab. Fleury habe ihn geprellt usw.

Es war nun also klar, Greiff, der Vorgesetzte von Fleury, Fleury der

Vorgesetzte von Hirsch. So hat sich die Sache auch herausgestellt.

Andererseits begaben sich Freitag den 5. November Imandt und Dronke zu

Fleury, mit der Kölnischen Zeitung in der Hand. Er spielte natürlich den

Überraschten, behauptete, keinen Greiff zu kennen, erklärte sich zu

allen Erklärungen vor dem Magistrat bereit, wollte aber vorher seinen

Advokat sprechen. Gab zwei Rendezvous, für Sonnabend den 6. November

eines für 2, das andere für 4 Uhr, hütete sich aber wohl zu erscheinen

und machte, daß die Polizei so einen neuen Tag gewann, an dem wir nicht

operieren konnten, einige vorläufige Briefe nach Köln abgerechnet.

Sonntag den 7. November endlich preßten ihm Dronke und Imandt eine

Erklärung ab, die Du in der „Kölnischen“ lesen wirst. Ich schicke Dir

Kopie davon, die ich in diesem Augenblick nicht finde. Nachdem sie die

Erklärung in der Tasche, erklärten sie ihm, er sei Spion, Greiff wohne

bei ihm, wir hätten alles das gewußt und mit der Polizei gespielt,

während sie mit uns zu spielen glaubte. Er fuhr natürlich fort, seine

Unschuld zu beteuern.

Endlich sandte ich Leute herum, um Hirschs Wohnung aufzutreiben. Es fand

sich, daß er nicht weit von Fleury, ebenfalls in Kensington wohne.

Ehe ich nun weiter erzähle, noch eines. Die _ganze Aussage des Goldheim_

wird Dir sehr klar, wenn Du erwägst: 1. daß am 30. Oktober (Sonnabend)

Goldheim hier war und mit dem preußischen Gesandtschaftssekretär Albert

sich zu Greiff und Fleury begab; 2. _daß am Morgen desselben 30.

Oktober_ unsere Erklärung über die bevorstehenden Enthüllungen in fünf

englischen Blättern erschien; 3. daß für _denselben 30. Oktober_ Fleury

dem Imandt und Dronke ein Rendezvous gegeben, weil Dronke statt dem

Imandt die französische Stunde für ihn übernehmen solle; 4. daß _bevor_

Stieber seine _zweite_ Vernehmung mit den Enthüllungen über London gab,

ich _gleich_ nach seiner _ersten_ Vernehmung über Cherval usw. eine

_Erklärung_ in die „Kölnische Zeitung“, „Frankfurter Journal“ und

„Nationalzeitung“ schickte, worin schon dem Stieber mit seinem Briefe an

mich gedroht wurde. Diese Erklärung erschien zwar in keiner der

Zeitungen, Post und Polizei hatten aber unstreitbar Notiz davon

genommen.

So klärt sich die „Hellseherei“ Stiebers und die Allwissenheit seiner

Polizeiagenten in London höchst prosaisch auf. Alles, was Goldheim sonst

gesagt, waren _Fabulae_.[2] Nach Köln habe ich auf _verschiedenen_ Wegen

die nötige Erklärung über diese Dinge gelangen lassen neben Fleurys

Erklärung.

Aber nun kommt ein Hauptwitz.

Es war natürlich meine Absicht, einen Warrant [Haftbefehl] gegen den

Hirsch zu nehmen, wozu ich seine Wohnung ausgeforscht hatte. Ich erhielt

die Adresse aber erst Sonnabend. Hatte ich den Warrant gegen Hirsch, so

war ich sicher, daß dieser den Fleury und Fleury den Greiff hereinreiten

würde.

Was geschieht? Willich, ganz im geheimen, begibt sich am Freitag mit

Hirsch in Gegenwart Schärttners auf die Magistratur in Bowstreet, läßt

Hirsch angeblich in einem dreifach gefertigten Dokument gestehen, _daß

er und Fleury seit einem halben Jahre ungefähr die falschen Protokolle

fabriziert_, schickt diese drei Dokumente 1. an Göbel, den

Assisenpräsidenten, 2. an Schneider, 3. an die Kölnische Zeitung – und

gibt dem Hirsch Geld zum _Entrinnen_, ja, läßt ihn selbst auf den

Dampfer bringen, angeblich damit er selbst in Köln gesteht.

Wir alle erfuhren dies erst durch die Nachforschungen, die wir nach

Hirsch angestellt, und zum Teil in Bowstreet, wo wir [den] Warrant

herausnehmen wollten. Schapper erzählt dem Liebknecht, daß Willich _ihm

kein Wort_ von dem allen mitgeteilt. So hat Herr Willich uns die

Handhabe der Prozedur, die wir in London selbst anstellen wollten, aus

der Hand eskamotiert! – – –

Wie hoch dieser Fleury übrigens (ich habe ihn _nie_ gesehen) bei den

Demokraten angesehen – Techow, bei seiner Abreise nach Australien,

schrieb ihm noch vom Schiff einen Brief, worin er ihm bezeugt, daß Kopf

und Herz ihm auf dem rechten Fleck sitzt. –

Hirsch hat gestanden, er habe Liebknechts Handschrift nachzumachen

versucht und unter der Leitung des Kaufmanns Fleury (dieser Hund ist

dabei _vermögend_ und in eine sehr _respektable_ englische Quäkerfamilie

hineingeheiratet) gearbeitet, wie Fleury selbst unter Greiffs Leitung

stand. So bestätigt sich vollkommen alles, was ich gleich aus dem

von der Kölnischen Zeitung gegebenen Inhalt und Daten des

Originalprotokollbuches herausdeduziert hatte und was von den Advokaten

bis jetzt keiner gehörig exploitiert hat.

Daß die Kölner Angeklagten freikommen, _alle_ ohne Ausnahme, unterliegt

nach meiner Ansicht keinem Zweifel.

Es ist mir lieb, wenn Du dem Strohn schreibst, er verpflichte mich sehr,

wenn er _gleich_ einige Pfund mitschicke. Von den 4 Pfund 10 Schilling,

die ich durch Dich erhalten, sind beinahe 3 Pfund für die Laufereien,

Mouchards usw. draufgegangen. Es benutzen natürlich auch unsere armen

Bundesfreunde die vielen Laufereien, Rendezvous usw., um eine ganz

erträgliche Summe von _faux frais de production_[3] für Bier, Zigarren,

Omnibus usw. herauszubeißen, die ich natürlich liquidieren mußte.

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 148 / 196 题