Lieber Marx!
Hierbei ein Artikel für Dana – die Sache war nicht anders abzubrechen.
Gelingt es mir, noch heute abend das Ganze fertigzubringen, so bringe
ich’s später noch auf die Post. Einstweilen geht dies, damit Du doch
wenigstens _etwas_ zur Zeit erhältst. Übrigens kann Dana zur Abwechslung
auch einmal mit 3/4 bis 4/5 Druckspalten zufrieden sein, besonders wenn
er so langsam zahlt.
Ich würde mich gar nicht wundern, wenn der Kölner Prozeß noch einen
Monat dauert. Am Montag scheint keine Sitzung gehalten worden zu sein –
vielleicht war ein Angeklagter oder ein paar Geschworene krank, oder
alle bedurften zwei Rasttage hintereinander. Namentlich bei den famosen
Zeugen, die alle nichts auszusagen wissen. Dem Herrn Henze ist schon auf
die Kappe gestiegen worden. Weerth traf diesen Edlen in Hamburg, wo er
fürchterlich auf Dich schimpfte – _cela t’acquitte de toute obligation
envers lui_.[1] Er gestand auch ganz offen das bürgerliche Motiv seiner
Wut. Schreibe doch direkt – _registered letter_[2] – an einen der
Advokaten und mache sie darauf aufmerksam, daß die Anklage ganz aus den
Händen des Herrn Sädt in die des Mouchard Stieber übergegangen, der
unter stillschweigendem Konsens des öffentlichen Ministeriums ganz neue
juristische Theorien aufstellt:
1. daß es ein Verbrechen ist, wenn ein moralisch beim Prozeß Beteiligter
vom Ausland den Advokaten Akten und sonstige Mitteilungen im Interesse
der Angeklagten macht und die Polizeilügen eines Stieber als Lügen
aufdeckt; daß es ebenfalls ein Verbrechen ist, dergleichen Briefe zu
empfangen;
2. daß die Polizei dagegen das Recht hat, sich alle möglichen Verbrechen
zu erlauben und sogar damit vor dem Gericht und dem Publikum öffentlich
zu renommieren:
a. _Diebstahl mit Einbruch_ – die Erbrechung des Pultes von Dietz und
die Entwendung der Aktenstücke daraus;
b. _Verleitung dazu_, eingestandenermaßen durch Geldangebote; ebenso
_Bestechung_;
c. _Diebstahl von Akten_, die der Verteidigung gehören, indem man von
Deinem Memoire für die Advokaten ein Stück abschneidet und zurückbehält;
von der Brieferbrechung will ich nicht einmal sprechen, weil die Kerle
da nachher wenigstens legale Formen vorzuschieben suchen;
d. _falsches Zeugnis_ und _Meineid_, indem Herr Stieber absichtlich die
Kölner als Beteiligte und Genossen von Cherval usw. hinstellt, was er
selbst besser weiß und nachher auch zugibt; indem er namentlich schwört,
daß ein Brief erst am 19. Oktober mit der Post in Köln angekommen sei,
der schon am 15. da war, indem er seine ganze Lüge vom außerordentlichen
Kurier erfindet usw.;
e. _Fälschung_, indem das angebliche Protokoll direkt von der Polizei
geschmiedet und als echt vorgelegt wird, während uns alle Mittel
abgeschnitten werden, den Gegenbeweis in die Hände der Verteidiger zu
liefern.
Und so weiter.
Wenn die Advokaten sich brav und geschickt benehmen, so kann die Sache
nicht mit der Verurteilung der Kölner, sondern mit der Arretierung des
Herrn Stieber wegen Meineids und sonstiger preußischer Verbrechen gegen
den gottlosen französischen _Code pénal_ endigen.
Ich wollte Dir noch über was anderes schreiben, aber ich hab’s total
vergessen, da ich mit Weerth, der eben nach Hause kommt, geplaudert
habe.
Eben höre ich von ihm, daß Frau Daniels auch als Schutzzeugin zitiert
ist – _tant mieux_.[3] Die Protokolle werden ein schönes Ende nehmen.
Und _ce pauvre_[4] Bermbach scheint gleich ohne weiteres mit aufs
Angeklagtenbänkchen gewandert zu sein. Was sie nur diesem unschuldigen
armen Teufel wollen mögen!
Dein F. E.
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[1] Das enthebt Dich jeder Verpflichtung ihm gegenüber.
[2] Eingeschriebener Brief.
[3] Um so besser.
[4] Dieser arme.
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