Lieber Marx!
Wie die Sache jetzt eingeleitet ist, kann’s gar nicht fehlen. Der Brief
von Stieber ist eine Entdeckung, die mehr wert ist als alle
australischen Goldgruben. Welches Glück, daß der _malheureux_ Nothjung
diese alten Neue Rheinische Zeitungspapiere aufgehoben und damals nach
London geschickt hat! Ich hoffe nur, das Ding kommt an, denn so etwas zu
unterschlagen, würde selbst der Oberprokurator für kein Verbrechen
halten. Du hättest diesen Brief besser nicht mit dem Auftrag des
Registerns geschickt, sondern sonstwie. Zwischen Frankfurt und Köln kann
immer noch ein Pech passieren, und wenn auch die Kopie schon viel
beweist, so ist das Original doch zu wichtig. Jemand mußte es selbst
oder per Expreß nach Köln bringen. Indes ich hoffe, es geht gut.
Auch die anderen Dokumente sind sehr schön, und wir werden jetzt einen
Hallo schlagen, der kolossal ist.
Der Sicherheit halber schickte ich gestern einen Brief an v. Hontheim,
der in Amsterdam auf die Post gelegt wird, und worin ich ihm in Auszug
den Inhalt Deines für Schneider bestimmten Briefes und die Nichtankunft
des von Schneider an Dronke adressierten Briefes mitteilte. Also vier
Abschriften und ein Auszug.
Auf einem anderen Wege werde ich heute noch eine Kopie des Stieberschen
Briefes nach Köln befördern, ebenso Ausschnitte, enthaltend den Artikel
im Freitags-Advertiser, und die Erklärungen im Samstags-Advertiser nach
der Rheinprovinz befördern, überhaupt Notizen über die Polizeiverbrechen
unter die Bourgeois schleudern.
Nun folgende Vorschläge:
1. Bei dem höchst zweideutigen und stellenweise von uns jetzt zu
erweisenden unzweideutigen Charakter der einzigen gravierenden Zeugnisse
ist Dein Zeugnis und das von Lupus, Pieper usw., wenn es _eidlich_
abgelegt und _beglaubigt_ wird, sehr wichtig. Das öffentliche
Ministerium mag sagen, was es will, das schadet nichts – die
Geschworenen halten uns und die Angeklagten doch für Gentlemen. Nun ist
aber nichts einfacher, als daß zwei oder drei von Euch sich zum Windham
begeben und dort diejenigen auf London Bezug habenden Sachen
_beschwören_, die Ihr alle wißt. Also zum Beispiel
a. daß gar kein *H.* Liebknecht existiert, sondern nur ein *W.*
Liebknecht, soweit Ihr wißt, und Ihr nie einen H. Liebknecht gekannt
habt;
b. daß die Frau Daniels Dir nie geschrieben;
c. daß Ihr außer den Mittwochzusammenkünften nicht auch etwa in einem
anderen Lokal an einem Donnerstag andere Zusammenkünfte gehabt und
d. daß Ihr die in den Protokollen von Hirsch enthaltenen Aussagen von
Reden, Vorträgen usw., die Ihr gehalten haben sollt, für _utterly
untrue_[1] erklärt;
e. daß der Zettel, der bei dem roten Katechismus beigelegen, und den das
öffentliche Ministerium als in Deiner Handschrift abgefaßt ansieht,
nicht von Dir herrührt – und was sonst noch aus den letzten
Verhandlungen und ersten Aussagen Stiebers als unwahr und der
Widerlegung wert erscheint.
Dies alles, vor Windham beschworen, wird dieser als gewöhnliches
Affidavit ausfertigen – Ihr könnt’s gleich englisch im Konzept
mitbringen – und Ihr bittet ihn, es einem Policeman zu geben, der mit
Euch zum preußischen Konsul Hebeler in die City geht, dieser _muß_ die
Unterschrift von Windham legalisieren, _sonst verliert er sein
Exequatur_. Dies in zwei Kopien so ausgefertigt, kann dann nach Köln
gehen und wird seinen Effekt nicht verfehlen. Ich halte dies für höchst
wichtig, da damit _alle_ legalen Formen befolgt sind und das Ding ein
gerichtlicher Akt ist. Sollte Hebeler trotzdem die Unterschrift weigern,
so geht Ihr zum ersten besten _Notary public_, der legalisieren wird
(letzteres ist ein Weg, der in einem ähnlichen Falle meinem Alten von
der Behörde in Preußen angegeben worden).
2. Einige Leute aus dem Stechanschen Arbeiterverein, Komiteemitglieder
usw., könnten ebenfalls, nicht mit kleinen Zettelchen, sondern mit
ganzen Seiten oder möglichst großen Stücken der Hirschschen Handschrift
vor den Magistrat gehen und _beschwören_, daß dies die Handschrift des
Hirsch ist. _Cela vaut infiniment mieux_[2] als bloße unbeglaubigte
Ausschnitte.
Wir werden Euch Montag wieder einiges Geld zugehen lassen, damit Ihr
deswegen nicht in Verlegenheit kommt. _Dein_ eidliches Zeugnis könnte
erst ganz zuletzt abgehen – das hat seine guten Seiten; nur muß man
sorgen, daß alles hinkommt, ehe die Zeugenverhöre geschlossen sind.
Vergiß nicht, mir sobald wie möglich einige sichere Adressen zukommen zu
lassen.
Die Aussage von Stechan wegen der Fälschung muß ebenfalls vor einem
Magistrat beschworen werden. _Cela pourra avoir de brillants
résultats._[3] – –
Str[ohn] ist wieder in Bradford, etwas krank, und kommt Mittwoch oder
Donnerstag her. Ich schreibe ihm heute und instruiere ihn so weit, daß
Du, wenn Du ihm Sachen schickst, auf geschickte, nicht mit _meinen_
Wegen kollidierende Besorgung rechnen kannst. Die Hauptsache ist, daß
alle kaufmännischen Adressen jede nur _einmal_ benutzt wird.
Wir müssen es dahin bringen, daß man künftig nicht mehr von
_Diebereien_, sondern von _Stiebereien_ spricht.
Da ist ja auch der Advokatanwalt Schürmann unter den Verteidigern. Auch
dessen Adresse kann für Einlagen benutzt werden. Schneider ist wirklich
zu gefährlich. – –
Werden die Kölner, was ich aber für fast unmöglich halte, wenn wir
fortfahren, alle Mittel aufzubieten, um alle Informationen und
Aktenstücke herüberzubefördern, doch verdonnert, so müssen wir unbedingt
etwas schreiben. Wo nicht, glaube ich, würde es den Effekt der
Regierungsniederlage nur abschwächen. Indes kommt’s auch dann noch
darauf an. Vor allen Dingen muß von allen Aktenstücken, Affidavits usw.
genaue Kopie behalten werden, mit allen Legalisationen usw., denn diese
Dinge machen dann eine Reihe _pièces justificatives_.[4]
Dronke hat mich um 10 Schilling gebeten, da er krank und im Pech ist.
Wenn das nächste Geld ankommt, also Dienstag, gib sie ihm oder etwas
mehr.
Die Adressen schickst Du mir am besten per Pickford oder Carver.