16. Oktober 1852.

Lieber Marx!

Wie die Sache jetzt eingeleitet ist, kann’s gar nicht fehlen. Der Brief

von Stieber ist eine Entdeckung, die mehr wert ist als alle

australischen Goldgruben. Welches Glück, daß der _malheureux_ Nothjung

diese alten Neue Rheinische Zeitungspapiere aufgehoben und damals nach

London geschickt hat! Ich hoffe nur, das Ding kommt an, denn so etwas zu

unterschlagen, würde selbst der Oberprokurator für kein Verbrechen

halten. Du hättest diesen Brief besser nicht mit dem Auftrag des

Registerns geschickt, sondern sonstwie. Zwischen Frankfurt und Köln kann

immer noch ein Pech passieren, und wenn auch die Kopie schon viel

beweist, so ist das Original doch zu wichtig. Jemand mußte es selbst

oder per Expreß nach Köln bringen. Indes ich hoffe, es geht gut.

Auch die anderen Dokumente sind sehr schön, und wir werden jetzt einen

Hallo schlagen, der kolossal ist.

Der Sicherheit halber schickte ich gestern einen Brief an v. Hontheim,

der in Amsterdam auf die Post gelegt wird, und worin ich ihm in Auszug

den Inhalt Deines für Schneider bestimmten Briefes und die Nichtankunft

des von Schneider an Dronke adressierten Briefes mitteilte. Also vier

Abschriften und ein Auszug.

Auf einem anderen Wege werde ich heute noch eine Kopie des Stieberschen

Briefes nach Köln befördern, ebenso Ausschnitte, enthaltend den Artikel

im Freitags-Advertiser, und die Erklärungen im Samstags-Advertiser nach

der Rheinprovinz befördern, überhaupt Notizen über die Polizeiverbrechen

unter die Bourgeois schleudern.

Nun folgende Vorschläge:

1. Bei dem höchst zweideutigen und stellenweise von uns jetzt zu

erweisenden unzweideutigen Charakter der einzigen gravierenden Zeugnisse

ist Dein Zeugnis und das von Lupus, Pieper usw., wenn es _eidlich_

abgelegt und _beglaubigt_ wird, sehr wichtig. Das öffentliche

Ministerium mag sagen, was es will, das schadet nichts – die

Geschworenen halten uns und die Angeklagten doch für Gentlemen. Nun ist

aber nichts einfacher, als daß zwei oder drei von Euch sich zum Windham

begeben und dort diejenigen auf London Bezug habenden Sachen

_beschwören_, die Ihr alle wißt. Also zum Beispiel

a. daß gar kein *H.* Liebknecht existiert, sondern nur ein *W.*

Liebknecht, soweit Ihr wißt, und Ihr nie einen H. Liebknecht gekannt

habt;

b. daß die Frau Daniels Dir nie geschrieben;

c. daß Ihr außer den Mittwochzusammenkünften nicht auch etwa in einem

anderen Lokal an einem Donnerstag andere Zusammenkünfte gehabt und

d. daß Ihr die in den Protokollen von Hirsch enthaltenen Aussagen von

Reden, Vorträgen usw., die Ihr gehalten haben sollt, für _utterly

untrue_[1] erklärt;

e. daß der Zettel, der bei dem roten Katechismus beigelegen, und den das

öffentliche Ministerium als in Deiner Handschrift abgefaßt ansieht,

nicht von Dir herrührt – und was sonst noch aus den letzten

Verhandlungen und ersten Aussagen Stiebers als unwahr und der

Widerlegung wert erscheint.

Dies alles, vor Windham beschworen, wird dieser als gewöhnliches

Affidavit ausfertigen – Ihr könnt’s gleich englisch im Konzept

mitbringen – und Ihr bittet ihn, es einem Policeman zu geben, der mit

Euch zum preußischen Konsul Hebeler in die City geht, dieser _muß_ die

Unterschrift von Windham legalisieren, _sonst verliert er sein

Exequatur_. Dies in zwei Kopien so ausgefertigt, kann dann nach Köln

gehen und wird seinen Effekt nicht verfehlen. Ich halte dies für höchst

wichtig, da damit _alle_ legalen Formen befolgt sind und das Ding ein

gerichtlicher Akt ist. Sollte Hebeler trotzdem die Unterschrift weigern,

so geht Ihr zum ersten besten _Notary public_, der legalisieren wird

(letzteres ist ein Weg, der in einem ähnlichen Falle meinem Alten von

der Behörde in Preußen angegeben worden).

2. Einige Leute aus dem Stechanschen Arbeiterverein, Komiteemitglieder

usw., könnten ebenfalls, nicht mit kleinen Zettelchen, sondern mit

ganzen Seiten oder möglichst großen Stücken der Hirschschen Handschrift

vor den Magistrat gehen und _beschwören_, daß dies die Handschrift des

Hirsch ist. _Cela vaut infiniment mieux_[2] als bloße unbeglaubigte

Ausschnitte.

Wir werden Euch Montag wieder einiges Geld zugehen lassen, damit Ihr

deswegen nicht in Verlegenheit kommt. _Dein_ eidliches Zeugnis könnte

erst ganz zuletzt abgehen – das hat seine guten Seiten; nur muß man

sorgen, daß alles hinkommt, ehe die Zeugenverhöre geschlossen sind.

Vergiß nicht, mir sobald wie möglich einige sichere Adressen zukommen zu

lassen.

Die Aussage von Stechan wegen der Fälschung muß ebenfalls vor einem

Magistrat beschworen werden. _Cela pourra avoir de brillants

résultats._[3] – –

Str[ohn] ist wieder in Bradford, etwas krank, und kommt Mittwoch oder

Donnerstag her. Ich schreibe ihm heute und instruiere ihn so weit, daß

Du, wenn Du ihm Sachen schickst, auf geschickte, nicht mit _meinen_

Wegen kollidierende Besorgung rechnen kannst. Die Hauptsache ist, daß

alle kaufmännischen Adressen jede nur _einmal_ benutzt wird.

Wir müssen es dahin bringen, daß man künftig nicht mehr von

_Diebereien_, sondern von _Stiebereien_ spricht.

Da ist ja auch der Advokatanwalt Schürmann unter den Verteidigern. Auch

dessen Adresse kann für Einlagen benutzt werden. Schneider ist wirklich

zu gefährlich. – –

Werden die Kölner, was ich aber für fast unmöglich halte, wenn wir

fortfahren, alle Mittel aufzubieten, um alle Informationen und

Aktenstücke herüberzubefördern, doch verdonnert, so müssen wir unbedingt

etwas schreiben. Wo nicht, glaube ich, würde es den Effekt der

Regierungsniederlage nur abschwächen. Indes kommt’s auch dann noch

darauf an. Vor allen Dingen muß von allen Aktenstücken, Affidavits usw.

genaue Kopie behalten werden, mit allen Legalisationen usw., denn diese

Dinge machen dann eine Reihe _pièces justificatives_.[4]

Dronke hat mich um 10 Schilling gebeten, da er krank und im Pech ist.

Wenn das nächste Geld ankommt, also Dienstag, gib sie ihm oder etwas

mehr.

Die Adressen schickst Du mir am besten per Pickford oder Carver.

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 139 / 196 题