Lieber Marx!
Ich habe mit Bedauern gesehen, daß sich meine Befürchtungen wegen Deines
kleinen Mädchens nur zu schnell bestätigt haben. Wenn es nur irgend ein
Mittel gebe, daß Du mit Deiner Familie in eine gesündere Gegend und
geräumigere Gegend [?Wohnung] ziehen könntest!
Gern hätte ich Dir einiges Geld geschickt, aber ich habe in London so
viel mehr ausgegeben, als worauf ich gerechnet [hatte], daß ich selbst
hier bis Ende dieses Monats krumm liegen muß, und im nächsten Monat habe
ich an Rechnungen und für in Deutschland bestellte Bücher gleich 12
Pfund zu zahlen. Doch will ich sehen, wenn es irgend angeht, daß ich Dir
gleich anfangs Mai etwas besorge. Ich wollte, ich hätte vorher gewußt,
wie die Sachen in London ständen, ich hätte dann die _au fond_ ganz
überflüssige Reise nach London unterlassen und dadurch etwas freie Hand
bekommen.
Pindar ist hier, da er in Liverpool kein Unterkommen gefunden hat. Er
sucht eine Stelle oder Privatstunden, und ich werde mich natürlich für
ihn verwenden. Um ihm einen Beweis meiner guten Dispositionen zu geben,
habe ich russische Stunden bei ihm genommen. Um ihn aber hier empfehlen
zu können, muß ich etwas mehr über ihn wissen, und da man [aus] ihm
dergleichen nur mit der größten Mühe herauszerrt, so wäre es mir lieb,
wenn Du mir schriebst, was Du von ihm und seinen Verhältnissen weißt,
woher Du ihn kennst usw. Bei seiner stummen Manier sieht er mir übrigens
nicht danach aus, als ob er hier sein Glück machen werde.
Bei den jetzigen kommerziellen Aspekten besonders in bezug auf Ostindien
ist ein Punkt nicht außer acht zu lassen. Trotz der seit drei Jahren
fortwährend steigenden kolossalen Einfuhr englischer Industrieprodukte
nach Ostindien kommen seit einiger Zeit wieder ziemlich gute Nachrichten
von dort; die Vorräte verkaufen sich allmählich und werden dort besser
bezahlt. Dies kann nur darin seinen Grund haben, daß in den zuletzt von
den Engländern eroberten Provinzen, in Sindh, dem Pendjab usw., wo sich
die einheimische Handarbeit bisher noch fast ausschließlich gehalten
hatte, diese jetzt endlich von der englischen Konkurrenz erdrückt wird,
sei es, daß die hiesigen Fabrikanten erst neuerdings dahin gekommen
sind, die für diese Märkte passenden Zeuge anzufertigen, sei es, daß die
Natives ihren Geschmack an den einheimischen Geweben endlich dem
wohlfeileren Preis der englischen, gewöhnlich nach Indien exportierten
Zeuge geopfert haben. Die letzte indische Krisis 1847 und die damit
zusammenhängende große Depreziation der englischen Produkte in Indien
mag dazu sehr viel beigetragen haben; und schon aus dem alten Gülich
geht hervor, daß selbst das zu seiner Zeit von den Engländern eroberte
Indien noch lange nicht vollständig seine eigene alte Manufaktur
aufgegeben hatte. Nur hieraus ist es zu erklären, daß nicht längst in
Kalkutta und Bombay die 1847er Geschichte sich in verstärkter Form
wiederholt hat. Wenn aber erst die 3 000 000 Ballen Baumwolle der
letzten Ernte in den Markt gekommen und verarbeitet und als fertige
Waren dem größten Teile nach nach Ostindien spediert sind, wird sich das
schon ändern. – –
Nach allen Regeln muß die Krisis in diesem Jahre kommen, und
wahrscheinlich wird sie es auch; wenn man aber die gegenwärtige ganz
unerwartete Elastizität des ostindischen Marktes und die durch
Kalifornien und Australien hineingekommene Konfusion sowie die
Wohlfeilheit der meisten Rohprodukte, die die Industrieerzeugnisse
ebenfalls wohlfeil hält, und die Abwesenheit aller großen Spekulation
betrachtet, so kommt man fast in Versuchung, der gegenwärtigen
Prosperitätsperiode eine außerordentlich verlängerte Dauer zu
prophezeien. –
Grüße Deine Frau vielmals und schreibe bald.
Dein F. E.
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