Lieber Frederic!
Ich habe vergangene Woche eine Scheußlichkeit durchgemacht, von der Du
Dir keine Vorstellung machen kannst. Am Tage des Begräbnisses blieben
die versprochenen Gelder von allen Seiten aus, so daß ich schließlich
gezwungen war, zu benachbarten Franzosen zu laufen, um die
[Beerdigungskosten] zu zahlen. Und unglücklicherweise kam noch der Brief
von Weydemeyer, wonach auch in Amerika alle Aussichten gescheitert
scheinen. Cluß, dessen Brief Du nächste Woche erhältst, gibt jetzt
bessere Aussichten. _Quoique de dure complexion_,[1] griff mich diesmal
die Erbärmlichkeit bedeutend an.
Einliegend ein Brief von Ewerbeck, der nie frankiert und immer die
letzten zehn Pence einem wegstiehlt. Dann einen Artikel von B. Bauer in
der Daily New York Tribune. Dein Artikel hat alles Aas dahingezogen. Du
wirst lachen über die Bauerschen Entdeckungen über die „Armeen“. Wenn Du
mir jetzt Artikel für Dana schickst, so kannst Du warten, bis es mehrere
sind, die ich dann gleichzeitig abschicke. – –
Heise (von der Hornisse), jetzt Willichs Intimus, teilen ein Bett. Was
ist an dem Kerl? Sie renommieren wieder mit einem beabsichtigen Putsch
in Deutschland. –
Apropos. Vergiß nicht _immédiatement_[2] folgende zwei Wische nach
London zu senden: 1. eine Vollmacht für Liebknecht, das Pfund Sterling
bei _Hain_ zu heben; 2. einen kleinen Wisch schreibe selbst an Hain,
worin Du dem „lieben Freund“ in zwei Zeilen mitteilst, da Du gehört, daß
es ihm gut gehe, habest Du Liebknecht an ihn gewiesen wegen des Pfund
Sterling. Man muß nämlich verhüten, daß keine Feindschaft nicht
entsteht.
Nämlich gestern, da einer unserer Bekannten, der bisher bei Liebknecht
Nachtlager fand, von dessen Wirtsleuten herausgeschmissen wurde und
keiner von uns einen Penny dem armen Teufel geben konnte, schrieb ich
Liebknecht ein Billett, worin ich ihm sagte, Du habest ihn auf Hain
wegen des einen Pfund Sterling angewiesen. Herr Hain schien etwas
ungläubig und verlangte von Liebknecht erst Deine Handschrift zu sehen.
Schicke mir einige Stamps, da ich Dir eine Masse Zeug zusenden muß.
Dein K. M.
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[1] Obgleich [ich] von Charakter hart [bin].
[2] Unverzüglich.
156
Manchester, 25. April 1852.
Lieber Marx!
Von Hain erhielt ich gestern abend ein Billett, was ich Dir nebst
Antwort darauf gestern zurückschickte. Ich denke, hiernach wird Herr
Hain schon zahlen.
Inliegend die Stamps, denen bald mehr folgen sollen. Auch die
Geschichten zurück. Der Brief von Ewerbeck ist ein würdiges Pendant zu
seinem Buche. „Helft mir doch gegen Ribbentrop! Ich werde ihn der
Demokratie als _hypocrite_ und _débaucheur_[1] denunzieren!“ Der Mensch
ist vollends verkindischt.
Auch Freund Bruno hat nicht zugenommen an Weisheit und Erkenntnis
Gottes. _Il valait bien la peine_,[2] von Berlin aus die amerikanische
Presse in Bewegung zu setzen, um auf diesem weiten Umweg der erstaunten
Welt zu verkünden, daß die kontinentalen Armeen zur Aufrechterhaltung
der inneren Ruhe da sind. Herr Bruno repräsentiert noch immer die
Hegelsche Dialektik auf der Stufe ihrer tiefsten Versumpfung. Die ganze
Tiefe der Geschichtsauffassung beschränkt sich in diesem
Entwicklungsstadium darauf, die banalsten Gemeinplätze mit einem
hinreichenden Aufwand von Pathos und scheinbarer Entwicklung umständlich
zu beweisen und sie dann als ein ganz neu entdecktes Resultat des
Forscherfleißes hinzustellen. Alles das ist erträglich bei längst
vergangenen Historien, aber wenn einem die unmittelbare Gegenwart auf
diese Weise vermystiziert wird, so ist das zu arg, und jeder Esel muß
merken, daß nichts dahinter steckt. Und die tiefe Wahrheit: die
Regierungen haben recht gegen die Revolutionen, weil diese noch unreif
sind, aber die Revolutionen haben auch recht gegen die Regierungen, weil
sie die Ideen der Zukunft zwar embryonisch und unreif, aber doch
substantiell repräsentieren – alter Hegelscher Witz, der gewiß selbst in
Amerika nicht mehr neu ist! Und immer und ewig die „Verstimmung“, die
„Verdrießlichkeit“, die „gründliche Gleichgültigkeit“ des „Bürgers“. „In
einigen Ländern kämpfen Klassen gegen Klassen, in anderen Nationen gegen
Nationen.“ Genau genommen ist dieser ungeheuer gescheite Satz das Ganze,
was Bruno aus der Revolution gelernt hat.
Herr Tellering ist offenbar aus Frankreich fortgeschafft worden als
heimatlos vagabundierendes Mitglied des Lumpenproletariats und nicht
einmal in der _société du 10 Décembre_[3] brauchbar.
Wenn Du nicht positiv weißt, daß Dr[onke] freiwillig nach Deutschland
gegangen ist, so scheint mir die Sache wahrscheinlicher so, daß er, als
früher schon aus Frankreich ausgewiesen, diesmal nicht nach einer
beliebigen, sondern nach der _deutschen_ Grenze transportiert worden ist
.... Man wird ihn sehr bald nach Köln transportieren und vielleicht vor
den Assisen versuchen, als Zeuge auftreten zu lassen. Ihm selbst
geschieht diesmal ganz recht. Das Geld, was er etwa brauchte, konnte er
in Frankfurt gewiß auftreiben oder sich von Lassalle irgendwo
hinschicken lassen, aber nein, das Kerlchen muß absolut nach Koblenz, wo
ihn jeder Gendarm und jeder Hund auf der Straße kennt. _En attendant il
est sûrement logé._[4]
Dein F. E.
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[1] Heuchler und Verführer.
[2] Es hat der Mühe sehr gelohnt.
[3] Verein des 10. Dezember [Titel der bonapartistischen
Verschwörung].
[4] Inzwischen ist er sicher untergebracht.
157
Manchester, 27. April 1852.
Lieber Marx!
Inliegend Neuestes von Weydemeyer, das etwas besser lautet. Deinen
Artikel behalte ich einstweilen hier, 1. um ihn zu lesen und 2. um ihn
später eventuell ins Englische zu übersetzen, was mit Weglassung einiger
nur Deutschen verständlichen Redeblumen sehr gut geht.
_Voilà donc_ Moses Heß in der Kölnischen Zeitung steckbrieflich wegen
Hochverrats verfolgt. Ich will mich hängen lassen, wenn das nicht
infolge von bei Vater Dronke gefundenen blödsinnigen Papieren über ihre
wichtigen Genfer Geschichten geschehen ist. _Cela valait bien la
peine!_[1] Inzwischen ist Moses wieder Märtyrer, was sein _otium cum
dignitate_[2] sehr verschönern wird; vielleicht wird man ihn bald nach
London spedieren – _est-ce que nous n’échapperons jamais à cet
imbécile_![3] Jedenfalls kann alles das für die armen Teufel in Köln
wieder sehr fatal werden und neuen Grund zu Verschleppungen ihres
Prozesses geben; wären sie wirklich schon vor die Assisen verwiesen, so
hätten wir das doch gehört.
Freiligrath schreibt mir wegen einer Introduktion an meinen Schwager –
ich schicke sie ihm heute, er will also doch sich mit Gewalt nach einer
Stelle umsehen.