Lieber Engels!
Weydemeyer ist am 29. September von Havre nach New York abgesegelt. Er
traf daselbst Reich, der auch über See ging nach den Atlanticis. Reich
war mit Schramm verhaftet worden und berichtet, daß die Polizei bei
Schramm eine Kopie des Protokolls fand, worin sich die Verhandlungen
befinden, die sein Duell mit Willich veranlaßten, das Protokoll
desselben Abends, wo er Willich insultierte und aus der Sitzung lief.
Die Sache ist von seiner Hand geschrieben und ohne Unterschrift. Die
Polizei fand so heraus, daß er Schramm heißt und nicht „Bamberger“, auf
dessen Paß er sich in Paris aufhielt. Andererseits hat das Protokoll zur
Verwirrung des Herrn Stadthauptmann Weiß und Kompanie beigetragen, indem
unsere Namen so in den Dreck verwickelt worden. Da Schramm einmal diese
Dummheit begangen, ist es wenigstens erfreulich, daß der Ehrenmann
direkt dafür gezüchtigt wird.
Kinkel hat also die von Amerika gesandten 160 Pfund dazu verwandt, um
mit seinem Retter Schurz persönlich nach Amerika kollektieren zu gehen.
Ob er gerade in diesem Augenblick der _pressure on the american
money-market_[1] zur rechten Zeit kommt, scheint zweifelhaft. Er wählte
den Moment so, daß er _vor_ Kossuth eintraf, und schmeichelt sich,
letzteren bei irgend einer Gelegenheit im Lande der Zukunft öffentlich
zu umarmen und in allen Zeitungen drucken zu lassen: Kossuth und Kinkel!
Herr Heinzen hat, durch seine Sklavenemanzipationsheulereien
unterstützt, eine neue Aktiengesellschaft in New York zustande gebracht
und führt sein Blatt unter etwas verändertem Titel fort.
Stechan – traue keinem Straubinger nicht – befindet sich seit mehreren
Wochen hier im Gefolge von Willich-Schapper. Während das Faktum besteht,
daß seine an den Dietz geschriebenen Briefe zu Hannover auf der Polizei
liegen, schreibt Stechan eine Korrespondenz in die Norddeutsche Zeitung,
worin er meldet, Herrn Dietz sei das Pult erbrochen (_quelle
bêtise!_[2]) und so die Briefe entwendet worden. Der Spion sei, wie
jetzt konstatiert, der seit langem im Dienste der Polizei befindliche
Haupt aus Hamburg. Welch Glück, daß ich vor einigen Wochen jeden
öffentlichen Schritt in der Angelegenheit Dietz-Stechan verhindert habe.
Was den Haupt betrifft, so habe ich nichts mehr von ihm gehört und sinne
vergebens auf ein Mittel, einen Brief in seine Hände zu spedieren, denn
Haupt muß sich erklären. Mit Weerth habe ich’s schon einmal versucht,
aber die Hausleute Haupts haben ihn immer abgewiesen unter dem Vorwand,
er sei abwesend. _Que penses-tu de_[3] Haupt? Ich bin überzeugt, daß er
weder Spion ist, _noch jemals Spion war_.
Edgar Bauer soll auch hier sein. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Vor
einer Woche traf Blind hier mit Gattin (Madam Cohen) ein zum Besuch der
Exhibition, ist vergangenen Sonntag wieder abgereist. Ich habe ihn seit
Montag nicht wiedergesehen, und zwar durch folgenden abgeschmackten
Vorfall, der Dir beweist, wie sehr der Unglückliche unter dem Pantoffel
steht. Heute erhielt ich einen Stadtbrief, worin er mir seine Abreise
anzeigt. Am vergangenen Montag nämlich war er bei mir mit Gattin.
Außerdem anwesend Freiligrath, roter Wolff (der sich nebenbei bemerkt
ganz stille wieder herangeschlichen und zudem noch mit einem englischen
Blaustrumpf verheiratet hat), Liebknecht und der unglückliche Pieper.
Die Frau ist eine lebhafte Jüdin, und wir lachten und schwatzten ganz
lustiglich, als der Vater aller Lügen die Sprache auf Religion brachte.
Sie renommierte mit Atheismus, Feuerbach usw. Ich griff Feuerbach nun
an, aber natürlich sehr manierlich und freundlichst. Im Anfang schien
mir die Jüdin Spaß an der Diskussion zu haben, und das war natürlich der
einzige Grund, warum ich mich auf dieses mir ennuyante Thema einließ.
Dazwischen orakelte mein doktrinär-naseweises Echo, Herr Pieper,
allerdings gerade nicht sehr taktvoll. Plötzlich sehe ich, daß die Frau
in Tränen schwimmt. Blind wirft mir melancholisch vorwurfsvolle Blicke
zu, sie bricht auf – und ward nicht mehr gesehen, _ni lui non plus_.[4]
Solch Abenteuer habe ich in meiner langen Praxis noch nicht erlebt.
Pieper ist abgesegelt nach dem Hause Rothschild nach Frankfurt a. M. Er
hat sich die sehr unangenehme Manier angewöhnt, wenn ich mit jemandem
diskutiere, sich in sehr albern schulmeisterlichem Tone einzumischen.
Der Ehren-Göhringer hat mir eine _summons_ [Zahlungsforderung] auf den
22. dieses Monats geschickt wegen der alten Forderung. Gleichzeitig ist
der große Mann nach Southampton gereist, um Kossuth zu empfangen. Es
scheint, daß ich die Empfangsfeierlichkeiten zahlen soll.
Ich habe aus Paris zwei Briefe erhalten, einen von Ewerbeck und einen
von Sassonoff. Herr Ewerbeck gibt ein unsterbliches Werk heraus:
_L’Allemagne et les Allemands_.[5] Erstreckt sich von Arminius dem
Cherusker (so schreibt er mir wörtlich) bis auf das Jahr des Herrn 1850.
Er verlangt von mir biographisch-literarhistorische Notizen über die
drei Männer: Friedrich Engels, Karl Marx und Bruno Bauer. Die
Schmiererei hat schon begonnen mit dem Drucke. _Que faire!_[6] Ich
fürchte, wenn man dem Kerl gar nicht antwortet, bringt er den größten
Unsinn über uns in die Welt. Schreibe mir, was Du davon denkst.
An Sassonoffs Brief ist jedenfalls das Interessanteste das Datum
„Paris“. Wie kommt Sassonoff in diesem diffizilen Augenblick nach Paris?
Ich werde ihn um Aufschluß über dies _mystère_ bitten. Er räsoniert
seinerseits sehr über Dronke, der ein _fainéant_ [Nichtstuer] sei und
sich von einigen Bourgeois „_enjôler_“[7] lasse. Er habe die Hälfte des
Manifestes übersetzt. Dronke habe sich zur Übersetzung der anderen
Hälfte verpflichtet. Durch seine gewöhnliche Nachlässigkeit und Faulheit
sei aus dem Ganzen nichts geworden. Letztere Sache sieht unserem Dronke
allerdings ähnlich, wie ein Ei dem anderen. Nachdem Herr Campe meine
Anerbietung zu der Broschüre gegen Proudhon, Herr Cotta und später
Löwenthal die (durch Ebner in Frankfurt vermittelte) wegen meiner
Ökonomie ausgeschlagen, scheint sich endlich für letztere eine Aussicht
zu eröffnen. In einer Woche werde ich wissen, ob sie sich realisiert. Es
ist ein Buchhändler in Dessau, auch durch Ebner vermittelt. Dieser Ebner
ist ein Freund von Freiligrath.
Von der Tribune habe ich noch keinen Brief erhalten, sie auch noch nicht
zu Gesicht bekommen, zweifle aber nicht, daß die Sache ihren Fortgang
hat. Jedenfalls muß sich das in einigen Tagen aufklären.
Du mußt mir übrigens endlich Deine _vues_[8] über Proudhon, wenn noch so
kurz, mitteilen. Sie interessieren mich um so mehr, als ich jetzt in der
Ausarbeitung der Ökonomie begriffen bin. Ich habe übrigens in der
letzten Zeit auf der Bibliothek, die ich fortbesuche, hauptsächlich
Technologie, die Geschichte derselben, und Agronomie geochst, um
wenigstens eine Art Anschauung von dem Zeug zu bekommen.
_Qu’est ce que fait la crise commerciale?_[9] Der Economist enthält
Tröstungen, Beteuerungen und Ansprachen, die den Krisen regelmäßig
vorausgehen. Man fühlt indessen seine Furcht, während er den anderen die
Furcht auszuschwatzen sucht. Wenn Dir folgendes Buch in die Hände fällt:
Johnston, _Notes on North America_, zwei Bände, 1851, so wirst Du
allerlei interessante Notizen darin finden. Dieser Johnston ist nämlich
der englische Liebig. Ein Atlas für physische Geographie von „Johnson“,
nicht mit dem obigen zu verwechseln, ist vielleicht in einer der
Buchbibliotheken Manchesters zu haben. Er enthält die Zusammenstellung
sämtlicher neueren und älteren Forschungen in diesem Gebiet. Kostet 10
Guineen. Also nicht für Private berechnet. Von dem _dear_ Harney
verlautet nichts. Er scheint noch immer in Schottland zu hausen.
Die Engländer geben zu, daß die Amerikaner den Preis in der
Industrieausstellung davongetragen und sie in allem besiegt haben. 1.
Gutta-percha. Neuer Stoff und neue Produktionen. 2. Waffen. Revolver. 3.
Maschinen. Mäh-, Säe- und Nähmaschinen. 4. Daguerreotyps zum erstenmal
im großen angewandt. 5. Schiffahrt mit ihrer Jacht. Endlich, um zu
zeigen, daß sie auch Luxusartikel liefern können, haben sie einen
kolossalen Klumpen kalifornisches Golderz ausgestellt und daneben ein
goldenes Service von Virgingold.
Salut.
Dein K. M.
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[1] Druck auf den amerikanischen Geldmarkt.
[2] Welche Dummheit.
[3] Was hältst Du von [Haupt]?
[4] Ebensowenig er.
[5] Deutschland und die Deutschen.
[6] Was tun?
[7] Beschwatzen.
[8] Ansichten.
[9] Was macht die Geschäftskrisis?
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Mittwoch, 15. Oktober 1851.
Lieber Marx!
Inliegend Post Office Ordre für 2 Pfund. Partikulars wie früher. Die
Geschichte mit Göhringer ist sehr fatal, Du wirst zahlen müssen. Die
Gentlemen vom Country machen kurzen Prozeß, und die Handschrift ist auch
da. Ich würde an Deiner Stelle so rasch wie möglich das Geld nebst
Summonskosten auftreiben und dem Kerl zuschicken, _il n’y a rien à
faire_,[1] und in den Gerichtshof zu gehen und sich verdonnern lassen,
macht nur noch mehr Kosten und ist nicht zu angenehm. Wieviel beträgt
die Summe, und was kannst Du auftreiben? Schreibe mir möglichst genau
darüber, ich tue gewiß mein möglichstes, um Dir die _brokers_
[Gerichtsvollzieher] aus dem Hause zu halten, so knapp ich jetzt selbst
bin.
Was den Haupt angeht, so werde ich ihn nicht eher für einen Spion
halten, als bis ich Beweise davon in der Hand habe. Der Kerl mag im
Cachot Bevuen [Fehler] gemacht haben, und verdächtig ist allerdings die
Geschichte mit Daniels, der auf seine Denunziation hin verhaftet sein
soll. Aber dies Knotengeschwätz aus der Windmillstreet ist um so
alberner, als es zu gleicher Zeit mit der Erbrechung des Dietzschen
Pultes laut wird.
Die Geschichte mit Blind und Gattin ist allerdings noch nie dagewesen.
Tränen zu vergießen und durchzubrennen, weil Monsieur Pieper den
Feuerbach schlecht macht? _C’est fort._[2]
Gebrauchst Du das Wort „_verheiratet_“ vom roten Wolff im englischen,
solid bürgerlichen Sinne? Ich muß es fast glauben, da Du es
unterstreichst. Das wäre doch über alle Bäume erhaben. Mr. Wolff _bon
époux, peut-être même bon père de famille_![3]
Ich glaube, Du tust am besten, den Ewerbeck mit einigen mageren Notizen
abzuspeisen und ihn passablen Humors zu halten, es kann zu nichts
nützen, daß der Kerl in Frankreich gar zu großen Blödsinn über uns
verbreitet. Der Mensch hat übrigens eine Zähigkeit in seinen
Experimenten ein großer Mann zu werden, die unbegreiflich ist, da sie
sogar seinen Geiz überwindet, denn das neue „Unsterbliche“ geht doch
unzweifelhaft wieder auf eigene Kosten, mit Aussicht auf Absatz von 50
Exemplaren.
Von Sassonoff lasse mich weiteres hören, wenn Du von ihm hörst. Dies
Abenteuer ist pikant, und Mr. Sassonoff wird äußerst verdächtig.
Ich bin gerade dran, mir aus Proudhon die nötigen Zusammenstellungen zu
machen. Warte bis Ende dieser Woche, und Du erhältst ihn mit Glossen
zurück. Die Rechnungen des Kerls sind wieder kapital. Wo eine Zahl ist,
da ist auch ein Schnitzer.
Wie es hier mit der Krise gehen wird, ist noch nicht zu sagen. Vorige
Woche ist nichts gemacht worden wegen der Königin. Diese Woche auch noch
nicht viel. Der Markt hat aber eine _downward tendency_[4] bei noch
festen Preisen des Rohmaterials. In einigen Wochen wird beides bedeutend
heruntergehen, und wahrscheinlich, nach der jetzigen Aussicht, das
Industrieprodukt verhältnismäßig mehr als das Rohmaterial, der Spinner,
Weber, Drucker also wird mit geringerem Nutzen arbeiten müssen. Das ist
schon sehr verdächtig. Aber der amerikanische Markt droht auszugehen,
aus Deutschland sind die Berichte nicht übermäßig günstig, und wenn das
so fortgeht mit dem Absterben der Märkte, so können wir den Anfang des
Endes in ein paar Wochen erleben. In Amerika ist schwer zu sagen, ob die
_pressure_ und die Bankrotte (zusammen 16 Millionen Dollar Passiva)
schon wirklicher Anfang sind oder bloße Sturmvögel. Jedenfalls sind hier
schon sehr bedeutende Sturmvögel in Gang. Der _iron trade_[5] ist ganz
paralysiert, und zwei der ihn besonders mit Geld versehenden Banken –
die in Newport – sind kaputt; außer den neulichen _failures_[6] in
London und Liverpool jetzt ein Talgspekulant in Glasgow, und an der
Londoner Stockexchange Herr Thomas Alsopp, Freund von O’Connor und
Harney. Ich habe heute die Berichte aus den Woll-, Seiden- und
Metallwarendistrikten nicht gesehen, _cela ne sera pas trop brillant non
plus_.[7] Jedenfalls sind die Anzeichen jetzt gar nicht mehr zu
verkennen und die Aussicht, ja fast die Gewißheit vorhanden, daß die
kontinentalen Krämpfe des nächsten Frühjahrs mit einer ganz hübschen
Krise zusammenfallen. Selbst Australien scheint wenig tun zu können, das
Goldfinden ist seit Kalifornien alt und die Welt darüber blasiert. Es
fängt an, ein _regular trade_[8] zu werden, und die umliegenden Märkte
sind selbst so überführt, daß sie, ohne ihrem eigenen _glut_[9]
besonderen Abbruch zu tun, unter den 150 000 Neusüdwalesern einen extra
_glut_ zustande bringen können. –
Dein F. E.
Jones schickt mir ein Zirkular zu, er müsse noch 600 Subskribenten haben
oder kaputt gehen, _mais quo puis-je faire_?[10]
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[1] Es ist nichts zu machen.
[2] Das ist stark.
[3] Guter Ehemann, vielleicht sogar guter Familienvater.
[4] Tendenz nach unten.
[5] Eisengeschäft.
[6] Bankrotte, Zahlungseinstellungen.
[7] Das wird auch nicht allzu glänzend sein.
[8] Regelrechtes Gewerbe.
[9] Überfüllung.
[10] Aber was kann ich tun?
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