25. September 1851.

Lieber Marx!

Dein Brief ist eingetroffen. Über Techows Gelehrsamkeit morgen. Kinkels

Bettelbrief nach New Orleans ist sehr reizend, leider habe ich ihn auch

bloß französisch zu Gesicht bekommen. Herr Stechan muß auch jetzt in

London sein, es ist sehr recht, daß Du den Kerl laufen läßt, wenn er

sich nicht meldet, und wartest, was geschieht, ehe Du jemand seine

Partei nehmen läßt. Unter den in Paris Freigelassenen, von denen die

heutigen Blätter sprachen, wird sich wohl auch Herr Konrad Schramm

befinden. Die Dummheit der deutschen Zeitungen, uns das alberne

W[illich]sche Aktenstück in die Schuhe zu schieben, hat mich ebenfalls

sehr geärgert. Es wird sich indes sehr bald herausstellen, daß wir mit

dieser elenden Schmiere nichts zu tun haben. _Par dieu, nous en avons

assez sur les bras_[1] mit den Aktenstücken anderer Leute, nach Stil und

Gehalt. Inliegend Artikel Nr. 3 für New York, jedenfalls etwas weniger

Schund als Nr. 2. Nr. 4. wird bald in Angriff genommen.

Du könntest mir von Zeit zu Zeit amerikanische Blätter _sous bande_[2]

zuschicken, man sieht den Dreck stellenweise ganz gern einmal _in

natura_. Ich werde Dir _ad hoc_[3] nächstens wieder ein Lot Stamps[4]

schicken.

Adieu!

Dein F. E.

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[1] Bei Gott, wir haben genug auf uns.

[2] Unter Kreuzband.

[3] Zu diesem Zweck.

[4] Anzahl Briefmarken.

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[Undatiert. Wahrscheinlich 26. September 1851.]

Lieber Marx!

Was die Techowsche Kriegsgeschichte angeht, so ist sie auch militärisch

ungeheuer flach und stellenweise direkt falsch. Abgesehen von den tiefen

Wahrheiten, daß gegen die Gewalt nur die Gewalt hilft, von den

abgeschmackten Entdeckungen, daß die Revolution nur dann siegen kann,

wenn sie allgemein ist (also wörtlich, wenn sie gar keinen Widerstand

findet, und dem Sinne nach, wenn sie eine Bourgeoisrevolution ist),

abgesehen von der wohlmeinenden Absicht, die fatale „innere Politik“,

die eigentliche Revolution also, durch einen bis jetzt, trotz Cavaignac

und Willich, noch nicht entdeckten Militärdiktator zu erdrücken, und

abgesehen von dieser sehr bezeichnenden politischen Formulierung der

Ansicht dieser Herren über die Revolution, ist militärisch zu bemerken:

Die eiserne Disziplin, die allein den Sieg verschaffen kann, ist genau

die Kehrseite der „Vertagung der inneren Politik“ und der

Militärdiktatur. Wo soll diese Disziplin herkommen? Die Herren sollten

doch in Baden und der Pfalz einige Erfahrungen gemacht haben. Es ist

eine evidente Tatsache, daß die Desorganisation der Armeen und die

gänzliche Lösung der Disziplin sowohl Bedingung wie Resultat jeder

bisher siegreichen Revolution war. Frankreich brauchte von 1789 bis

1792, um nur eine Armee von zirka 60 000 bis 80 000 Mann – die

Dumouriezsche – wieder zu organisieren, und selbst die zerfiel wieder,

und es gab sozusagen keine organisierte Armee in Frankreich bis Ende

1793. Ungarn brauchte von März 1848 bis Mitte 1849, ehe es eine

ordentlich organisierte Armee hatte. Und wer brachte in der ersten

französischen Revolution die Disziplin in die Armee? Nicht die Generäle,

die erst nach einigen Siegen in einer Revolution, bei improvisierten

Armeen Einfluß und Autorität bekommen, sondern die _terreur_[1] der

inneren Politik, der Zivilgewalt.

Streitkräfte der Koalition: 1. Rußland. Die Annahme von 300 000 Mann

Effektivtruppen, von denen 200 000 unter Gewehr auf dem

Kriegsschauplatz, ist hoch. _Passe encore._[2] Aber in zwei Monaten

können sie weder am Rhein (allenfalls die Avantgarde am Niederrhein, bei

Köln) noch in Oberitalien sein. Um gleichzeitig agieren zu können, sich

mit Preußen, Österreich usw. gehörig zu dislozieren, gehen drei Monate

hin – eine russische Armee marschiert nicht über 2 bis 2-1/2 deutsche

Meilen den Tag und ruht jeden dritten [Tag]. Es dauerte fast zwei

Monate, bis sie in Ungarn auf dem Kriegsschauplatz erschienen.

2. Preußen. Mobilisierung: mindestens vier bis sechs Wochen. Die

Spekulationen auf Abfallen, Aufstände usw. sehr riskiert. Kann im besten

Falle doch 150 000 Mann, im schlechtesten aber vielleicht nicht 50 000

disponibel machen. Da mit ein Drittel und ein Viertel zu rechnen, ist

reiner Humbug, es kommt alles auf Zufälligkeiten an.

3. Österreich. Ebenso _chanceux_,[3] noch vertuckter.

Wahrscheinlichkeitsrechnung _à la_ Techow hier außer aller Möglichkeit.

Im besten Falle stellt es, wie Techow angibt, vielleicht 200 000 Mann

gegen Frankreich, im schlechtesten kommt es nicht dazu, einen Mann zu

detachieren, und kann den Franzosen vielleicht 100 000 _höchstens_ bei

Triest entgegenstellen.

4. Bundesarmee – die bayerische geht gewiß zu zwei Dritteln gegen die

Revolution, und hier und da auch noch ein Stück. Mit drei Monat Zeit

läßt sich allenfalls ein Korps von 30 000 bis 50 000 Mann daraus bilden,

und gegen Revolutionssoldaten sind sie im Anfang gut genug.

5. Dänemark stellt gleich 40 000 bis 50 000 Mann gute Soldaten ins Feld,

und wie 1813 werden die Schweden und auch die Norweger mit müssen auf

den großen Kreuzzug. Techow denkt daran nicht, auch nicht an Belgien und

Holland.

Streitkräfte der Revolution. 1. Frankreich. Hat 430 000 Mann unter den

Waffen. Davon 100 000 in Algier. 90 000 nicht _présent sous les

armes_[4] – ein Viertel des Restes. Bleiben 240 000 – von denen in vier

bis sechs Wochen, trotz der jetzt bedeutend vervollständigten

Eisenbahnen, nicht über 100 000 Mann an der belgisch-deutschen und

80 000 Mann an der savoyisch-piemontesischen Grenze erscheinen können.

Sardinien wird diesmal versuchen, wie Belgien 1848, den Fels im Meere zu

spielen; ob daher das piemontesische Heer, ohnehin voll sardinischer

bigotter Bauernjungen – wenigstens in seiner jetzigen Gestalt mit

aristokratischen Offizieren –, der Revolution so sicher ist, als Techow

sich einbildet, ist sehr die Frage. Viktor Emanuel hat sich Leopold zum

Muster genommen, _c’est dangereux_[5].

2. Preußen –? 3. Österreich –? das heißt, was regelmäßige, organisierte

Soldaten angeht. Was Freischaren angeht, so werden sich ihrer Legion

melden, natürlich zu nichts zu brauchen. Wenn in den ersten Monaten aus

den abgefallenen Truppen 50 000 bis 60 000 brauchbare Soldaten zu machen

sind, so ist das viel. Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere

herkommen?

Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade das, was Napoleon die

rasche Formierung riesiger Armeen möglich machte, gute Kaders nämlich,

in jeder Revolution notwendig fehlen (selbst in Frankreich), daß die

Revolution, wenn sie im nächsten Jahre zustande kommt, vor der Hand

entweder auf der Defensive bleiben oder sich auf hohle Proklamation von

Paris aus und sehr ungenügende, blamable und schädliche

_Risquons-tout_[6]-Expeditionen in größerem Maßstabe beschränken muß. Es

sei denn, daß die Rheinfestungen im ersten Sturm übergehen und daß das

piemontesische Heer dem Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die

Desorganisation der preußischen und österreichischen Truppen sofort

Berlin und Wien zu Zentren erhält, und dadurch Rußland auf die Defensive

versetzt; oder daß sonst Geschichten passieren, die sich nicht

vorhersehen lassen. Und darauf _à la_ Techow zu spekulieren und

wahrscheinlichkeitszurechnen ist müßig und willkürlich, wie ich das in

meinen eigenen Experimenten hinlänglich gesehen habe. Es läßt sich da

bloß sagen, daß von der Rheinprovinz enorm viel abhängt.

[Unterschrift fehlt.]

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[1] Schrecken.

[2] Mag noch hingehen.

[3] Ungewiß.

[4] Unter den Waffen anwesend.

[5] Das ist gefährlich.

[6] Der Name eines Fleckens in Belgien. [Setzen wir alles aufs

Spiel.]

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 66 / 196 题