Lieber Marx!
Dein Brief ist eingetroffen. Über Techows Gelehrsamkeit morgen. Kinkels
Bettelbrief nach New Orleans ist sehr reizend, leider habe ich ihn auch
bloß französisch zu Gesicht bekommen. Herr Stechan muß auch jetzt in
London sein, es ist sehr recht, daß Du den Kerl laufen läßt, wenn er
sich nicht meldet, und wartest, was geschieht, ehe Du jemand seine
Partei nehmen läßt. Unter den in Paris Freigelassenen, von denen die
heutigen Blätter sprachen, wird sich wohl auch Herr Konrad Schramm
befinden. Die Dummheit der deutschen Zeitungen, uns das alberne
W[illich]sche Aktenstück in die Schuhe zu schieben, hat mich ebenfalls
sehr geärgert. Es wird sich indes sehr bald herausstellen, daß wir mit
dieser elenden Schmiere nichts zu tun haben. _Par dieu, nous en avons
assez sur les bras_[1] mit den Aktenstücken anderer Leute, nach Stil und
Gehalt. Inliegend Artikel Nr. 3 für New York, jedenfalls etwas weniger
Schund als Nr. 2. Nr. 4. wird bald in Angriff genommen.
Du könntest mir von Zeit zu Zeit amerikanische Blätter _sous bande_[2]
zuschicken, man sieht den Dreck stellenweise ganz gern einmal _in
natura_. Ich werde Dir _ad hoc_[3] nächstens wieder ein Lot Stamps[4]
schicken.
Adieu!
Dein F. E.
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[1] Bei Gott, wir haben genug auf uns.
[2] Unter Kreuzband.
[3] Zu diesem Zweck.
[4] Anzahl Briefmarken.
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[Undatiert. Wahrscheinlich 26. September 1851.]
Lieber Marx!
Was die Techowsche Kriegsgeschichte angeht, so ist sie auch militärisch
ungeheuer flach und stellenweise direkt falsch. Abgesehen von den tiefen
Wahrheiten, daß gegen die Gewalt nur die Gewalt hilft, von den
abgeschmackten Entdeckungen, daß die Revolution nur dann siegen kann,
wenn sie allgemein ist (also wörtlich, wenn sie gar keinen Widerstand
findet, und dem Sinne nach, wenn sie eine Bourgeoisrevolution ist),
abgesehen von der wohlmeinenden Absicht, die fatale „innere Politik“,
die eigentliche Revolution also, durch einen bis jetzt, trotz Cavaignac
und Willich, noch nicht entdeckten Militärdiktator zu erdrücken, und
abgesehen von dieser sehr bezeichnenden politischen Formulierung der
Ansicht dieser Herren über die Revolution, ist militärisch zu bemerken:
Die eiserne Disziplin, die allein den Sieg verschaffen kann, ist genau
die Kehrseite der „Vertagung der inneren Politik“ und der
Militärdiktatur. Wo soll diese Disziplin herkommen? Die Herren sollten
doch in Baden und der Pfalz einige Erfahrungen gemacht haben. Es ist
eine evidente Tatsache, daß die Desorganisation der Armeen und die
gänzliche Lösung der Disziplin sowohl Bedingung wie Resultat jeder
bisher siegreichen Revolution war. Frankreich brauchte von 1789 bis
1792, um nur eine Armee von zirka 60 000 bis 80 000 Mann – die
Dumouriezsche – wieder zu organisieren, und selbst die zerfiel wieder,
und es gab sozusagen keine organisierte Armee in Frankreich bis Ende
1793. Ungarn brauchte von März 1848 bis Mitte 1849, ehe es eine
ordentlich organisierte Armee hatte. Und wer brachte in der ersten
französischen Revolution die Disziplin in die Armee? Nicht die Generäle,
die erst nach einigen Siegen in einer Revolution, bei improvisierten
Armeen Einfluß und Autorität bekommen, sondern die _terreur_[1] der
inneren Politik, der Zivilgewalt.
Streitkräfte der Koalition: 1. Rußland. Die Annahme von 300 000 Mann
Effektivtruppen, von denen 200 000 unter Gewehr auf dem
Kriegsschauplatz, ist hoch. _Passe encore._[2] Aber in zwei Monaten
können sie weder am Rhein (allenfalls die Avantgarde am Niederrhein, bei
Köln) noch in Oberitalien sein. Um gleichzeitig agieren zu können, sich
mit Preußen, Österreich usw. gehörig zu dislozieren, gehen drei Monate
hin – eine russische Armee marschiert nicht über 2 bis 2-1/2 deutsche
Meilen den Tag und ruht jeden dritten [Tag]. Es dauerte fast zwei
Monate, bis sie in Ungarn auf dem Kriegsschauplatz erschienen.
2. Preußen. Mobilisierung: mindestens vier bis sechs Wochen. Die
Spekulationen auf Abfallen, Aufstände usw. sehr riskiert. Kann im besten
Falle doch 150 000 Mann, im schlechtesten aber vielleicht nicht 50 000
disponibel machen. Da mit ein Drittel und ein Viertel zu rechnen, ist
reiner Humbug, es kommt alles auf Zufälligkeiten an.
3. Österreich. Ebenso _chanceux_,[3] noch vertuckter.
Wahrscheinlichkeitsrechnung _à la_ Techow hier außer aller Möglichkeit.
Im besten Falle stellt es, wie Techow angibt, vielleicht 200 000 Mann
gegen Frankreich, im schlechtesten kommt es nicht dazu, einen Mann zu
detachieren, und kann den Franzosen vielleicht 100 000 _höchstens_ bei
Triest entgegenstellen.
4. Bundesarmee – die bayerische geht gewiß zu zwei Dritteln gegen die
Revolution, und hier und da auch noch ein Stück. Mit drei Monat Zeit
läßt sich allenfalls ein Korps von 30 000 bis 50 000 Mann daraus bilden,
und gegen Revolutionssoldaten sind sie im Anfang gut genug.
5. Dänemark stellt gleich 40 000 bis 50 000 Mann gute Soldaten ins Feld,
und wie 1813 werden die Schweden und auch die Norweger mit müssen auf
den großen Kreuzzug. Techow denkt daran nicht, auch nicht an Belgien und
Holland.
Streitkräfte der Revolution. 1. Frankreich. Hat 430 000 Mann unter den
Waffen. Davon 100 000 in Algier. 90 000 nicht _présent sous les
armes_[4] – ein Viertel des Restes. Bleiben 240 000 – von denen in vier
bis sechs Wochen, trotz der jetzt bedeutend vervollständigten
Eisenbahnen, nicht über 100 000 Mann an der belgisch-deutschen und
80 000 Mann an der savoyisch-piemontesischen Grenze erscheinen können.
Sardinien wird diesmal versuchen, wie Belgien 1848, den Fels im Meere zu
spielen; ob daher das piemontesische Heer, ohnehin voll sardinischer
bigotter Bauernjungen – wenigstens in seiner jetzigen Gestalt mit
aristokratischen Offizieren –, der Revolution so sicher ist, als Techow
sich einbildet, ist sehr die Frage. Viktor Emanuel hat sich Leopold zum
Muster genommen, _c’est dangereux_[5].
2. Preußen –? 3. Österreich –? das heißt, was regelmäßige, organisierte
Soldaten angeht. Was Freischaren angeht, so werden sich ihrer Legion
melden, natürlich zu nichts zu brauchen. Wenn in den ersten Monaten aus
den abgefallenen Truppen 50 000 bis 60 000 brauchbare Soldaten zu machen
sind, so ist das viel. Wo sollen in so kurzer Zeit die Offiziere
herkommen?
Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade das, was Napoleon die
rasche Formierung riesiger Armeen möglich machte, gute Kaders nämlich,
in jeder Revolution notwendig fehlen (selbst in Frankreich), daß die
Revolution, wenn sie im nächsten Jahre zustande kommt, vor der Hand
entweder auf der Defensive bleiben oder sich auf hohle Proklamation von
Paris aus und sehr ungenügende, blamable und schädliche
_Risquons-tout_[6]-Expeditionen in größerem Maßstabe beschränken muß. Es
sei denn, daß die Rheinfestungen im ersten Sturm übergehen und daß das
piemontesische Heer dem Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die
Desorganisation der preußischen und österreichischen Truppen sofort
Berlin und Wien zu Zentren erhält, und dadurch Rußland auf die Defensive
versetzt; oder daß sonst Geschichten passieren, die sich nicht
vorhersehen lassen. Und darauf _à la_ Techow zu spekulieren und
wahrscheinlichkeitszurechnen ist müßig und willkürlich, wie ich das in
meinen eigenen Experimenten hinlänglich gesehen habe. Es läßt sich da
bloß sagen, daß von der Rheinprovinz enorm viel abhängt.
[Unterschrift fehlt.]
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[1] Schrecken.
[2] Mag noch hingehen.
[3] Ungewiß.
[4] Unter den Waffen anwesend.
[5] Das ist gefährlich.
[6] Der Name eines Fleckens in Belgien. [Setzen wir alles aufs
Spiel.]
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