Lieber Engels!
Du erhältst einliegend die Adresse des Briefes, den ich heute von Dir
empfangen habe, zurück. Sollte Pitt Ermen Deinen Brief erbrochen haben?
Du mußt diese Sache _éclaircir_.[1]
Dein Post Office Ordre kam mir sehr gelegen. Und diesmal hat die
Geschwindigkeit das Kapital verzehnfacht, wie die Eisenbahnrevenuen des
Signore Proudhon.
Du kannst Dir denken, daß ich nicht müßig bin. Und mit den _avances_,[2]
die Du machst, hoffe ich das Fehlende aus verschiedenen Weltgegenden
zusammenzubringen.
Über das _Mystère_[3] schreibe ich Dir nicht, da ich, _coûte que
coûte_[4] Ende April jedenfalls zu Dir komme. Ich muß auf acht Tage hier
heraus.
Das schlimmste ist, daß ich jetzt plötzlich in meinen Bibliothekstudien
gehemmt bin. Ich bin so weit, daß ich in fünf Wochen mit der ganzen
ökonomischen Plackerei fertig bin. _Et cela fait_,[5] werde ich zu Hause
die Ökonomie ausarbeiten und im Museum mich auf eine _andere
Wissenschaft_ werfen. _Ça commence à m’ennuyer. Au fond_[6] hat diese
Wissenschaft seit Adam Smith und David Ricardo keine Fortschritte mehr
gemacht, so viel auch in einzelnen Untersuchungen, oft supradelikaten,
geschehen ist.
Antworte mir auf die Frage, die ich Dir in meinem letzten Briefe
gestellt.
Da Du jetzt Kriegswissenschaft treibst, könntest Du nicht die
ungarischen Feldzüge, mit Hilfe der Neuen Rheinischen Zeitung, des _blue
book_[7] von Palmerston usw. die Sache von neuem bearbeiten? _Ça serait
très utile._[8] In kürzerer oder längerer Zeit werde ich zwei Bände zu
60 Bogen herausgeben, und da wäre das famos am Platze.
Meine Frau ist leider sehr angegriffen.
Einliegend ein Brief von Daniels, dem ich ausführlich über seine
Physiologie geschrieben. Jedenfalls _schreibe mir, was Du davon meinst_.
Dein K. M.
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[1] Aufklären.
[2] Vorschüsse.
[3] Geheimnisvolle Sache.
[4] Koste es, was es wolle.
[5] Dies gemacht.
[6] Das fängt mich an zu langweilen. Im Grunde ...
[7] Blaubuch.
[8] Das würde sehr nützlich sein.
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[Ohne Jahresangabe.] 3. April [1851].
Lieber Marx!
Die Geschichte mit meinem geöffneten Briefe ist sehr sonderbar. Auf dem
Kontor kann er nur von unserem Kommis geöffnet worden sein, und dem
traue ich die Courage dazu nicht zu; außerdem könnte er es nur während
der Abwesenheit des alten Hill getan haben, und ich glaube nicht, daß
der einen Moment das Kontor verließ. Von den Ermens war keiner in der
Stadt. Die Sache ist natürlich nicht zu ergründen, da eine bedeutende
Chance vorhanden ist – _vu_[1] die Interpellationen im Parlament wegen
der Flüchtlinge –, daß es auf der Post selbst geschehen. Daß ich dem
Kommis, der mehr in Ermen Brothers’ als in Ermen _and_ Engels’ Diensten
steht, in der letzten Zeit etwas verdächtig geworden bin, fiel mir schon
früher auf; aber von da bis zum Brieferbrechen _il y a loin encore_.[2]
Jedenfalls werde ich dem Ding in Zukunft vorzubeugen wissen. Wenn der
Narr den Brief auch gelesen hätte, so läge daran nicht einmal viel; denn
wollte der Kerl jemals, zum Beispiel wenn mein Alter herkäme, von der
Information Gebrauch machen, so wäre er so kompromittiert, daß er sofort
geschaßt würde. Indes, wie gesagt, ich traue ihm die Courage nicht zu.
Was die Frage angeht, die Du in Deinem vorletzten Briefe stellst, so ist
sie nicht ganz klar. Indes wird, denke ich, folgendes genügen.
Der Kaufmann als Firma, als Profitmacher, und derselbe Kaufmann als
Konsument sind im Commerce zwei ganz verschiedene Personen, die sich
feindlich gegenüberstehen. Der Kaufmann als Firma heißt Kapitalkonto,
respektive Gewinn- und Verlustkonto. Der Kaufmann als Fresser, Säufer,
Wohner und Kindermacher heißt Haushaltungsunkostenkonto. Kapitalkonto
debitiert[3] also dem Haushaltungsunkostenkonto jeden Centime, der
aus der kommerziellen in die Privattasche wandert, und da
Haushaltungsunkostenkonto nur ein Debet, aber kein Kredit hat, also
einer der schlechtesten Schuldner der Firma ist, so ist am Ende des
Jahres die ganze Debetsumme von Haushaltungsunkostenkonto purer Verlust
und wird vom Profit abgeschrieben. Bei der Bilanz und der Berechnung des
Profits-Prozent wird indes gewöhnlich die Summe, die für die Haushaltung
verbraucht wird, als noch vorhanden, als Teil des Profits angesehen; zum
Beispiel bei 100 000 Taler Kapital sind 10 000 Taler verdient, aber 5000
verjubelt worden, so rechnet man, 10 Prozent Profit gemacht zu haben,
und nachdem alles richtig gebucht worden, figuriert Kapitalkonto im
nächsten Jahre mit einem Debet von 105 000 Taler. Die Prozedur selbst
ist etwas verwickelter, als ich sie hier darstelle, indem Kapitalkonto
und Haushaltungsunkostenkonto selten oder nur beim Jahresabschluß in
Berührung kommen, und Haushaltungsunkostenkonto gewöhnlich als Debitor
von Kassakonto figuriert, das den Makler macht, aber es kommt
schließlich auf dies hinaus.
Bei mehreren Associés ist die Sache sehr einfach. Zum Beispiel _A_ hat
50 000 Taler im Geschäft und _B_ ebenfalls 50 000; sie machen 10 000
Taler Profit und verbrauchen jeder 2500 Taler. Die Kontos stellen sich
also am Ende des Jahres bei einfacher Buchhaltung ohne die imaginären
Kontos:
_A_ Kredit bei _A & B_ – Kapitaleinschuß 50 000 Taler
_A_ Kredit bei _A & B_ – Profitanteil 5 000 -
-------------
55 000 Taler
Debet bei _A & B_ – für Bar 2 500 -
-------------
_A_ Kredit für nächstes Jahr 52 500 Taler
Ebenso _B_. Dabei rechnet das Geschäft aber immer, 10 Prozent Profit
gemacht zu haben. In einem Worte: die Kaufleute bei der Berechnung der
Profitprozente ignorieren die Existenzkosten der Associés, dagegen bei
Berechnung der Kapitalvermehrung durch den Profit bringen sie sie in
Anschlag.
Über die ungarische Kampagne – oder noch besser, wenn’s ginge, über
sämtliche Kampagnen von 1848/50 zu schreiben, wäre mir schon recht, wenn
nur die Quellen alle beizuschaffen wären. Die Neue Rheinische Zeitung
könnte mir zu nichts dienen als zur Vergleichung der österreichischen
Bulletins, und wie lückenhaft die sind, weißt Du. Ich müßte wenigstens
zehn bis zwölf Werke über diese Kampagne allein haben, und selbst dann
fehlte mir noch die Hauptsache: der Kossuthsche Közlöny (Moniteur). Bei
nichts blamiert man sich so leicht wie bei der Kriegsgeschichte, wenn
man räsonieren will, ohne die sämtlichen Data über Stärke,
Verproviantierung und Munitionierung usw. zu haben. Alles das geht für
eine Zeitung, wo alle Blätter gleich schlecht unterrichtet sind und wo
es darauf ankommt, aus den paar Daten, die man hat, die richtigen
Schlüsse zu ziehen. Aber um _post festum_ sagen zu können in allen
entscheidenden Fällen: hier hätte so und so gehandelt werden müssen, und
hier wurde richtig gehandelt, obwohl der Erfolg dagegen zu sprechen
scheint; dazu sind, glaube ich, die Materialien für den ungarischen
Krieg noch nicht genug vor dem Publikum. Zum Beispiel wer schafft mir
die Etats der österreichischen und ungarischen Armeen und der
verschiedenen Korps am Vorabend jeder Schlacht und jeder wichtigen
Bewegung? Kossuths und Görgeys Memoiren müßten erst heraus sein, und die
von Dembinski vorgelegten Schlacht- und Kampagnenpläne in authentischer
Gestalt vorliegen. Indes selbst mit dem existierenden Material ließe
sich schon manches aufklären und vielleicht ein ganz interessanter
Artikel machen. So viel ist jetzt schon klar: die ungarische
Insurrektion, wie die polnische von 1830, wie das russische Reich 1812,
ist Anfang 1849 nur gerettet worden durch den Winter. Ungarn, Polen und
Rußland sind die einzigen Länder Europas, wo eine Invasion im Winter
unmöglich ist. Es ist aber schon immer fatal, wenn eine Insurrektion nur
durch den Dreck gerettet wird, der sie in unergründlicher Tiefe umgibt.
Wäre die Geschichte zwischen Österreich und Ungarn im Mai statt im
Dezember zum Eklat gekommen, so wäre nie eine ungarische Armee
organisiert worden und der ganze Quark endigte wie Baden, _ni plus ni
moins_.[4] Je mehr ich Krieg ochse, desto stärker wird meine Verachtung
gegen den Heldenmut – eine abgeschmackte Phrase dieser Heldenmut, die
ein ordentlicher Soldat nie in den Mund nimmt. Napoleon, wo er keine
Proklamationen und Tiraden macht, sondern _coolly_[5] spricht, spricht
nie von _glorieux, courage indomptable_[6] usw., sondern sagt höchstens:
_il s’est bien battu_.[7]
Wenn übrigens im nächsten Jahre eine Revolution in Frankreich ausbricht,
so ist gar kein Zweifel, daß die heilige Allianz _wenigstens_ bis vor
Paris kommt. Und bei den merkwürdigen Kenntnissen und der raren Energie
unserer französischen Revolutionäre ist noch sehr die Frage, ob die
Forts und die Enceinte[8] von Paris auch nur bewaffnet und
approviantiert sind. Sind aber zwei Forts genommen, zum Beispiel Saint
Denis und das nächste nach Osten zu, so ist Paris und die Revolution
_jusqu’à nouvel ordre_[9] im Sumpf. Ich werde Dir das nächstens einmal
genau militärisch auseinandersetzen und zugleich die einzige Maßregel,
die dagegen getroffen werden kann, um wenigstens die Invasion zu
schwächen: die Okkupation der belgischen Festungen durch die Franzosen
und der rheinischen durch einen sehr zweifelhaften insurrektionellen
_coup de main_.[10]
Folgender Spaß zur Charakteristik des preußischen Kamaschenrittertums
und zur Erklärung der späteren Niederlage bei Jena usw. wird Dich
erfreuen. Die scheinbar kühnen, _au fond_[11] aber überaus sicheren
Coups[12] Napoleons in der Kampagne von Marengo brachten den preußischen
General Bülow, aus der Schule des alten Fritz, Vater oder Onkel [Bruder]
des späteren Bülow von 1813, zu folgender Einsicht: 1. ein Kriegssystem
basiert auf das Absurde aufzustellen, damit man den Gegner stets durch
neue Verrücktheiten „in Verlegenheit setze“, und 2. anstatt des
Bajonetts der Infanterie Lanzen zu geben wie im Dreißigjährigen Kriege!
Um Napoleon zu schlagen, das Pulver abzuschaffen, _qu’en dis-tu_?[13]
Daß Du trotz alledem Ende des Monats herkommst, freut mich sehr. Du mußt
mir aber bei der Gelegenheit das vollständige Exemplar der Neuen
Rheinischen Zeitung mitbringen – ich werde daraus über sämtliche
deutschen demokratischen Esel und desgleichen über französische
Dossiers[14] anlegen, eine Arbeit, die jedenfalls geschehen muß, ehe wir
wieder in irgend einen Dreck hineingeschleudert werden. Es wäre gut,
wenn zu diesem Zwecke der würdige Liebknecht, _qui est assez bon pour
cela_,[15] aufs Museum ginge und dort die Abstimmungen der Berliner,
Frankfurter und Wiener Versammlungen, die gewiß dort sind (in den
stenographischen Berichten), nachläse und für die gesamten Linken
exzerpierte.[16]
Du weißt, ich habe den Schluß von Daniels nicht gelesen. Daß sich der
Kerl auf die „Begriffe“ als das Vermittelnde zwischen den Menschen usw.
steift, ist erklärlich; Du wirst das einem über Physiologie Schreibenden
nicht ausreden. Er rettet sich immer schließlich mit dem Argument, daß
jede faktische Tatsache, die auf die Menschen einwirkt, Begriffe in
ihnen provoziert, und daß die Reaktion gegen diese Tatsache also zwar in
zweiter Instanz eine Folge der Tatsache, in erster aber eine Folge der
Begriffe ist. Gegen diese formelle Logik ist freilich nichts zu sagen,
und es kommt dabei ganz auf die Art seiner Darstellung im Manuskript an,
die ich nicht kenne. Ich meine, es wäre am besten, ihm zu schreiben, er
wisse jetzt, welchen Mißdeutungen diese und jene Partien ausgesetzt
seien, und solle sie also so ändern, daß die „wahre“ Ansicht deutlich
hervortrete. Das ist alles, was Du tun kannst, oder Du müßtest das
Manuskript selbst umschreiben an den fraglichen Stellen, was doch auch
nicht geht.
Laß mich wissen, wie es Deiner Frau geht, und grüße sie herzlich von
mir.
Ich bin froh, daß Du mit der Ökonomie endlich fertig bist. Das Ding zog
sich wirklich zu sehr in die Länge, und solange Du noch ein für wichtig
gehaltenes Buch ungelesen vor Dir hast, so lange kommst Du doch nicht
zum Schreiben.
Wie sieht’s mit einem Verleger für Deine beabsichtigten zwei Bände in 60
Bogen aus? Wenn das _all right_ wäre, so könnte man den Kerl schon dazu
kriegen, daß er die nötigen Sachen für den ungarischen Artikel – ich
würde sie schon angeben – beischaffte, _au besoin_ gegen spätere
Verrechnung beim Honorar. Notwendig wäre dann noch eine sehr gute
Spezialkarte von Ungarn und Siebenbürgen, womöglich Schlachtpläne, die,
soviel ich weiß, in den bisherigen Werken nicht enthalten sind – und die
Karte allein könnte auf zirka 15 bis 20 Taler zu stehen kommen. Ich
würde diese durch Weydemeyer aussuchen lassen. Apropos, hast Du seine
Adresse? Ich möchte ihn wegen der militärischen ABC-Bücher über
Organisation und Taktik befragen, gerade diesen Dreck kann ich hier
nicht bekommen. Den Decker, der noch bei Dir ist, muß ich auch haben.
Dein F. E.
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[1] Siehe.
[2] Ist es noch weit.
[3] Belastet, schreibt auf die Schuldenseite.
[4] Weder mehr noch weniger.
[5] Kühl.
[6] Glorreich, unbändigem Mut.
[7] Er hat sich gut geschlagen.
[8] Befestigungsmauer.
[9] Bis neue Verhältnisse eintreten.
[10] Handstreich.
[11] Im Grunde.
[12] Überraschungsstreiche.
[13] Was sagst Du dazu?
[14] Personalakten.
[15] Der dafür gut genug ist.
[16] Auszöge.
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