Lieber Marx!
Ich dachte, ich wäre heute abend endlich mit meiner großartigen
strategischen Abhandlung fertig geworden. Teils abgehalten, teils zum
Nachschlagen über Details genötigt, teils weil das Ding länger wird, als
ich dachte, werde ich es schwerlich heute abend spät fertig bekommen. Es
ist übrigens _total unfit_[1] zum Drucke, nur für private Information
und eine Art Übung für mich.
Über den Wellington fange ich allmählich auch an, klar zu werden.
Eigensinniger, zäher, obstinater Engländer, mit dem vollen Bonsens[2]
und dem vollen Talent der Ressourcenbenutzung seiner Nation; langsam in
seinen Überlegungen, vorsichtig, trotz des kolossalsten Glückes nie auf
einen glücklichen Zufall rechnend; er würde ein Genie sein, wenn nicht
der _Common sense incapable_[3] wäre, sich bis zum Genie emporzugipfeln.
Alle seine Sachen sind musterhaft, keine einzige meisterhaft. Ein
General wie er ist für die englische Armee, in der jeder Soldat, jeder
Unterleutnant ein kleiner Wellington in seiner Sphäre ist, wie
geschaffen. Und er kennt seine Armee, ihre eigensinnige defensive
_doggedness_,[4] die jeder Engländer vom _Boxring_[5] mitbringt, und die
sie in den Stand setzt, nach achtstündiger angestrengter Defensive, die
jede andere Armee zusammenbrechen würde, noch eine imposante Attacke zu
machen, in der die ermangelnde Lebhaftigkeit durch die Gleichförmigkeit
und Stetigkeit aufgewogen wird. Die Defensive von Waterloo, bis die
Preußen kamen, hätte keine Armee ohne einen Kern von 35 000 Engländern
ausgehalten.
Übrigens hatte Wellington im spanischen Kriege mehr Einsicht in die
napoleonische Kriegskunst als die Nationen, denen Napoleon die
Überlegenheit dieser Kriegskunst auf den Rücken schrieb. Während die
Österreicher rein konfus wurden, und die Preußen, weil ihr Verstand _n’y
voyait que du feu_,[6] den Blödsinn und die Genialität für identisch
erklärten, wußte Wellington sich ganz geschickt zu benehmen und sich vor
den Schnitzern zu hüten, die die Österreicher und Preußen machten. Er
machte keine napoleonischen Manöver nach, aber er machte es den
Franzosen unendlich schwer, ihre Manöver bei ihm zu applizieren. Er
machte keinen einzigen Fehler, wenn er nicht aus politischen Rücksichten
mußte; dafür habe ich aber auch noch nicht das geringste entdeckt, wo er
nur einen Funken von Genie bewies. Napier selbst weist ihm Gelegenheiten
nach, wo er geniale Coups von entscheidender Wirkung tun konnte und
nicht daran dachte. Er hat – soweit meine Erfahrung geht – nie eine
solche Gelegenheit zu benutzen verstanden. Er ist groß in seiner Art,
nämlich so groß, wie man es sein kann, ohne aufzuhören, mittelmäßig zu
sein. Er hat alle Eigenschaften des Soldaten, sie sind alle gleichmäßig
und merkwürdig harmonisch ausgebildet; aber eben diese Harmonie
verhindert jede einzelne dieser Eigenschaften an wirklich genialer
Entfaltung. _Tel soldat, tel politique._[7] Sein politischer Busenfreund
Peel ist gewissermaßen sein Abklatsch. Beide repräsentieren den Toryism,
der _bon sens_[8] genug hat, mit Anstand eine Position nach der anderen
aufzugeben und sich in die Bourgeoisie aufzulösen. Es ist der Rückzug
nach Torres Vedras. _Voilà_ Wellington.
Dein F. E.
----------
[1] Ungeeignet.
[2] Nüchternheit.
[3] Gesunde Menschenverstand unfähig [wäre].
[4] Hartnäckigkeit, störrische Ausdauer.
[5] Platz, wo geboxt wird.
[6] Bei ihr nur das Feuer sah.
[7] Wie der Soldat, so die Politik.
[8] Gesunder Verstand.
78