11. April 1851.

Lieber Marx!

Ich dachte, ich wäre heute abend endlich mit meiner großartigen

strategischen Abhandlung fertig geworden. Teils abgehalten, teils zum

Nachschlagen über Details genötigt, teils weil das Ding länger wird, als

ich dachte, werde ich es schwerlich heute abend spät fertig bekommen. Es

ist übrigens _total unfit_[1] zum Drucke, nur für private Information

und eine Art Übung für mich.

Über den Wellington fange ich allmählich auch an, klar zu werden.

Eigensinniger, zäher, obstinater Engländer, mit dem vollen Bonsens[2]

und dem vollen Talent der Ressourcenbenutzung seiner Nation; langsam in

seinen Überlegungen, vorsichtig, trotz des kolossalsten Glückes nie auf

einen glücklichen Zufall rechnend; er würde ein Genie sein, wenn nicht

der _Common sense incapable_[3] wäre, sich bis zum Genie emporzugipfeln.

Alle seine Sachen sind musterhaft, keine einzige meisterhaft. Ein

General wie er ist für die englische Armee, in der jeder Soldat, jeder

Unterleutnant ein kleiner Wellington in seiner Sphäre ist, wie

geschaffen. Und er kennt seine Armee, ihre eigensinnige defensive

_doggedness_,[4] die jeder Engländer vom _Boxring_[5] mitbringt, und die

sie in den Stand setzt, nach achtstündiger angestrengter Defensive, die

jede andere Armee zusammenbrechen würde, noch eine imposante Attacke zu

machen, in der die ermangelnde Lebhaftigkeit durch die Gleichförmigkeit

und Stetigkeit aufgewogen wird. Die Defensive von Waterloo, bis die

Preußen kamen, hätte keine Armee ohne einen Kern von 35 000 Engländern

ausgehalten.

Übrigens hatte Wellington im spanischen Kriege mehr Einsicht in die

napoleonische Kriegskunst als die Nationen, denen Napoleon die

Überlegenheit dieser Kriegskunst auf den Rücken schrieb. Während die

Österreicher rein konfus wurden, und die Preußen, weil ihr Verstand _n’y

voyait que du feu_,[6] den Blödsinn und die Genialität für identisch

erklärten, wußte Wellington sich ganz geschickt zu benehmen und sich vor

den Schnitzern zu hüten, die die Österreicher und Preußen machten. Er

machte keine napoleonischen Manöver nach, aber er machte es den

Franzosen unendlich schwer, ihre Manöver bei ihm zu applizieren. Er

machte keinen einzigen Fehler, wenn er nicht aus politischen Rücksichten

mußte; dafür habe ich aber auch noch nicht das geringste entdeckt, wo er

nur einen Funken von Genie bewies. Napier selbst weist ihm Gelegenheiten

nach, wo er geniale Coups von entscheidender Wirkung tun konnte und

nicht daran dachte. Er hat – soweit meine Erfahrung geht – nie eine

solche Gelegenheit zu benutzen verstanden. Er ist groß in seiner Art,

nämlich so groß, wie man es sein kann, ohne aufzuhören, mittelmäßig zu

sein. Er hat alle Eigenschaften des Soldaten, sie sind alle gleichmäßig

und merkwürdig harmonisch ausgebildet; aber eben diese Harmonie

verhindert jede einzelne dieser Eigenschaften an wirklich genialer

Entfaltung. _Tel soldat, tel politique._[7] Sein politischer Busenfreund

Peel ist gewissermaßen sein Abklatsch. Beide repräsentieren den Toryism,

der _bon sens_[8] genug hat, mit Anstand eine Position nach der anderen

aufzugeben und sich in die Bourgeoisie aufzulösen. Es ist der Rückzug

nach Torres Vedras. _Voilà_ Wellington.

Dein F. E.

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[1] Ungeeignet.

[2] Nüchternheit.

[3] Gesunde Menschenverstand unfähig [wäre].

[4] Hartnäckigkeit, störrische Ausdauer.

[5] Platz, wo geboxt wird.

[6] Bei ihr nur das Feuer sah.

[7] Wie der Soldat, so die Politik.

[8] Gesunder Verstand.

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 37 / 196 题