17. März 1851.

Lieber Marx!

Ich habe einen höchst ennuyanten Anfall von Grippe gehabt, der mich zu

allem Vernünftigen und Unvernünftigen unfähig machte, daher mein

Schweigen. Ich konnte Dir bloß die Post Office Ordre vorige Woche

schicken – Du wirst sie erhalten haben. Die 5 Schilling gehören Lenchen,

die gerade abwesend war, als ich mein Exit aus Deinem Hause machte. Wenn

es irgend angeht, schicke ich Dir diese oder spätestens nächste Woche

die 2 Pfund für Hipphipphurra [Harney], Schramm kann sie ihm hinbringen.

Da ich bisher auch von Dir – seit ich Dir Weerths Brief schickte –

nichts zu sehen bekommen habe, so weiß ich natürlich von nichts weiter

und warte auch noch immer auf die edlen Willichschen Briefe. Den Friend

of the People mit Schramms Erklärung habe ich nicht gesehen, dies Ding

kommt hier sehr unregelmäßig an; laß mir doch von Schramm ein Exemplar

_sous bande_[1] zuschicken, er wird sich gewiß leicht eins verschaffen

können, wenn er keines disponibel haben sollte. Daß der Landolphe sich

schließlich als ein Poltron herausgestellt hat, ist sehr angenehm zu

erfahren, auf den berühmten Brief von ihm warte ich noch immer.

Ich ärgere mich hier scheußlich über die dummen Einrichtungen, die mir

ein regelmäßiges und geordnetes Ochsen fast ganz unmöglich machen. An

die eine Bibliothek kann ich nicht kommen, die andere, öffentliche,

enthält die Sachen, die mich jetzt zunächst interessieren, nur

sporadisch, und die Stunden konvenieren mir nicht; so daß mir nichts

bleibt als das elende Athenäum, wo man nie etwas bekommen kann und wo

die Bibliothek sich in der scheußlichsten Unordnung befindet. Dem Napier

laufe ich zum Beispiel wieder vergeblich nach, und es dauert immer 2 bis

3 Wochen, bis man einen folgenden Band auftreiben kann. Aus Verzweiflung

habe ich mir Ciceros Briefe genommen und studiere darin das _règne de

Louis Philippe_[2] und die Korruption des Direktoriums. Eine höchst

heitere _chronique scandaleuse_.[3] Der Cicero ist wirklich unbezahlbar;

Professor Krug und Sebastian Seiler in einer Person. Eine gemeinere

Canaille wie diesen Kerl haben die Reihen der Biedermänner seit Anbeginn

der Welt nicht aufzuweisen. Ich werde mir dies anmutige Büchlein gehörig

exzerpieren. Ohne Mehreres für heute.

Dein F. Engels.

----------

[1] Unter Kreuzband.

[2] Regierung Louis Philipps.

[3] Skandalchronik.

71

London, 17. März 1851.

Lieber Engels!

Ich habe eine Woche nicht geschrieben. Einmal hatte ich selbst die

Grippe zur Wahlverwandtschaft, und dann _criblé de petites misères_,[1]

die alle in dieser verhängnisvollen Woche zum Ausbruch kommen.

Einliegend erhältst Du die heiteren Briefe des Ritters von Willich.

In dem Heinzenschen Schimpfblatt steht eine angebliche Korrespondenz aus

Paris, hier in London fabriziert, worin, wie es sich von selbst

versteht, erstens wir beide angegriffen werden, dann Rudolph Schramm,

der Deputierte, „weil er ohne Anstand das Geld seiner Frau verzehrt“,

und die „Halbmenschen Tausenau, Julius und Bucher“; schließlich, und

sehr bitter, der große _Kinkel_. Heinzen verzeiht ihm die Konkurrenz im

Bettel nie und nimmermehr. Gelobt wird nur der große Ruge und Struve.

Ruge läßt in diesem Brief aus Paris schreiben, daß er von Brighton nach

London eine eintägige Ausflucht gemacht hatte. Dieser Klatschartikel ist

dadurch entstanden, daß Heinzen Klatsch aus einem Privatbrief von Ruge

und einem Privatbrief von Bamberger, also ganz entgegenstehende

Anschuldigungen, zusammengeworfen und ediert hat.

Bei dem großen Bankett, wo Ruge als der „unendliche Dumme“ auftrat –

Wolff und Liebknecht waren Ohrenzeugen –, fand sich kein Berliner oder

Frankfurter Deputierter ein. Sie wollen keine Hegemonie Ruge-Struve. Die

Clique R. Schramm, Graf Reichenbach (der Frankfurter, nicht der Bart der

Partei) und Oppenheim, Bucher, endlich Julius auf eigene Faust,

intrigieren alle wieder gegen die Dummheitsgötter. Natürlich aus

erhabenen Gründen. _Je vous dis, de la merde, la merde tout pure, toute

cette canaille là._[2]

Kinkel, der die Infamien gegen uns drucken läßt, sprach in seiner

rotsaffianledernen Weise auf dem Bankett ein Wort der wehmütigen

Versöhnung „von dem einfachen Verfassungskämpfer an bis zum roten

Republikaner“. Alle die Esel, während sie für Republik, und Kinkel sogar

gelegentlich für rote Republik ächzten, krochen der englischen

Konstitution servilstens in den Hintern, ein Widerspruch, worauf sie

sogar das unschuldige Morning Chronicle als Mangel an Logik aufmerksam

zu machen geruhte.

Von Landolphe nichts weiter. Er trägt das Bewußtsein des enthüllten Grec

gelassen als „_homme d’honneur_“[3] mit sich herum.

Die Blanqui-Komödie war noch nicht beendet. Der _ancien capitaine_[4]

Vidil schickte eine Erklärung in die Patrie, worin er erzählt, sein

Ehrgefühl und Wahrheitsinstinkt dringen ihm die Erklärung ab, daß Louis

Blanc, alle anderen und er selbst gelogen haben in der ursprünglichen

Erklärung; das Komitee habe aus 13, nicht aus 6 Personen bestanden.

Ihnen allen sei der Toast Blanqui vorgelegt, von ihnen allen sei er

diskutiert worden. Er habe sich unter den Sechs befunden [die für

Verlesung des Toastes gestimmt hatten]. Der noble Barthélemy, der diesen

Brief nicht gelesen, schickt einige Tage später ebenfalls eine Erklärung

an die Patrie, er habe den Toast erhalten, den anderen nicht mitgeteilt,

konstituiert sich so als dreifachen Lügner. Die Patrie, indem sie diesen

Brief mitteilt und am Schlusse erklärt, sie werde nichts mehr von diesen

Eseln aufnehmen, macht folgende Vorbemerkung:

[Marx hat das nun folgende Stück im „Ritter vom edelmütigen Bewußtsein“

selbst wie folgt übersetzt]: „Wir haben uns oft gefragt, und die Frage

ist schwer zu beantworten, was bei den Demagogen größer sei, ihre

Ruhmredigkeit oder ihre Dummheit. Ein vierter Brief von London vermehrt

noch unsere Verlegenheit. Da sind ihrer, wir wissen nicht wie viele arme

Teufel in einem solchen Grade gemartert von der Wut, zu schreiben und

ihren Namen in den _reaktionären_ Blättern genannt zu sehen, daß sie

selbst vor einer grenzenlosen Beschämung und Selbstherabsetzung nicht

zurückschrecken. Was liegt ihnen am Gelächter und der Indignation des

Publikums – das Journal des Débats, die Assemblée Nationale, die Patrie

werden ihre Stilübungen abdrucken; um dies Glück zu erreichen, ist der

kosmopolitischen Demokratie kein Preis zu hoch .... Im Namen der

literarischen Commiseration [Mitleid] nehmen wir daher den folgenden

Brief des Bürgers Barthélemy auf; er ist ein neuer und wir hoffen der

letzte Beweis für die Echtheit des nur zu berühmten Toastes Blanquis,

den sie erst alle geleugnet und für dessen Beteuerung sie sich jetzt

untereinander in die Haare geraten.“

Ist das nicht superb?

Ich habe Deine Post Office Ordre erhalten. Wenn Du solche Zinsen in

Deinem Commerce zahlst, müssen entweder Deine Profite oder Deine

Verluste enorm sein.

Vergiß nicht an Dronke zu schreiben. Gabler ist tot. Also eingelegt an

Th. Schuster ist Frankfurt.

Dein K. Marx.

----------

[1] Bis über die Ohren von kleinlichen Nöten überhäuft.

[2] Ich sage [Euch] Dir, Dreck, absoluter Dreck, dieses ganze

Canaillentum.

[3] Ehrenmann.

[4] Hauptmann außer Diensten.

72

Mittwoch, 19. März 1851.

Lieber Marx!

Die Geschichte mit dem Toast Blanqui entwickelt sich wirklich über die

Maßen schön. Die Erklärung Vidils ist gegenüber Louis Blanc unbezahlbar

– der Kerl vor Frankreich und England als gemeiner Lügner hingestellt.

Der Barthélemy hat sich wunderbar hineingeritten. – Eine Stelle Deines

Briefes verstehe ich nicht. Vidil erklärt, das Komitee habe aus 13,

nicht aus 6 Personen bestanden ... er habe sich „unter den sechs

befunden“. Wer sind die sechs? Die Unterzeichner der ersten Erklärung

oder etwa die Fraktion, die für Vorbringung des Toastes Blanqui stimmte?

Der Klatsch unter den Deutschen ist auch angenehm. Ich sah den Report

des Banketts in der Daily News – da das Ding respektabel war, so hat

sich diesmal ja auch Mazzini nicht geniert, hinzugehen. „Der General

Haug _in the chair_!“[1] Dieser Kerl verspricht eine Karikatur des

Generals Dubourg von 1830 zu werden. Nach der Annonce in der Times zu

urteilen, ist Göhringers Golden Star Tavern jetzt sehr respektabel. Da

ich doch den Klatsch all zusammen haben muß, so wäre es nicht übel,

einmal eine Patrouille dort rekognoszieren zu lassen – _il s’en trouvera

bien un qui voudra mettre son nez dans cette merde là, même au risque

d’être mis à la porte_.[2]

_Last – but not least_ –[3] haben die Willichiana sehr zur Erheiterung

meines heutigen Frühstücks beigetragen. Dieser Schafskopf! Wie der den

Schr[amm]schen Brief als Antwort auf seinen ersten ansehen konnte, ist

mir wirklich kaum begreiflich. Aber die Chance der Militärdiktatur in

der Rheinprovinz ohne Presse, die ihn schikanieren könnte,

_sapristi_,[4] das mußte diesem vernagelten Rindvieh den Kopf natürlich

verdrehen. Neiner _capitaine d’armes_[5] und Feldwebel! Die soziale

Revolution vermittels der Pauperverpflegung der Familien der Landwehr,

die Statistik reduziert auf ein Register der „Vorräte, Viehe,

Transportmittel und Mannschaften“! Dieser Revolutionsplan schlägt den

früheren, mit 5000 Mann Deutschland zu erobern, gänzlich platt. Wenn der

Landwehr _das_ nicht einleuchtet, so müßte man ja an der Menschheit

verzweifeln. „Ich würde einige Männer mitbringen, andere _berufen_“ –

weißt Du, was der Kerl vorhatte? „Der Bürger Karl Marx ist berufen,

binnen 48 Stunden in Köln sich zu stellen und die Leitung des

Finanzwesens und der gesellschaftlichen Reformen unter Aufsicht und

Kontrolle des Bürgers Gebert zu übernehmen. Ungehorsam gegen diesen

Befehl und jede Widersetzlichkeit oder Räsonieren, sowie unziemliche

Witze werden mit dem Tode bestraft. Der Bürger Marx wird zur Bewachung

einen Unteroffizier und sechs Mann erhalten.“ – Und wie spricht der Kerl

von N. N.! „_Nous ne voulons plus de jouisseurs!_“[6] Also selbst der

spartanische _pot half and half_[7] und die Widerstandslosigkeit bei

Frauen gelten dem Feldwebel schon für Sybaritismus.

Aber worauf antwortet Willich in dem dritten, jubelnden, siegesgewissen,

nur am Geld hapernden Brief? Hat ihm Schramm einen zweiten geschickt

oder hatte Becker auf Willichs zweiten Brief geantwortet? _Explique moi

cela_[8] und sage, ob Du die Sachen jetzt zurückhaben mußt; ich behielte

sie gerne einstweilen noch hier, um gelegentlich die nötigen Notizen zu

machen.

Die Eisenbahnspekulation wird wieder brillant – seit dem 1. Januar die

Aktien meist 40 Prozent gestiegen, und die schlechtesten am meisten. _Ça

promet!_[9]

Dein F. Engels.

----------

[1] Auf dem [Präsidenten-]Sitz.

[2] Es wird sich wohl jemand bereit finden, seine Nase in jenen

Dreck zu stecken, selbst auf die Gefahr, vor die Tür gesetzt zu

werden.

[3] Schließlich, aber nicht zum wenigsten.

[4] Potztausend.

[5] Kammerunteroffizier.

[6] Wir wollen keine Genußmenschen mehr haben.

[7] Maß halb [Ale] und halb [Porter].

[8] Erkläre mir das.

[9] Das verspricht!

73

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 33 / 196 题