Lieber Marx!
Ich habe einen höchst ennuyanten Anfall von Grippe gehabt, der mich zu
allem Vernünftigen und Unvernünftigen unfähig machte, daher mein
Schweigen. Ich konnte Dir bloß die Post Office Ordre vorige Woche
schicken – Du wirst sie erhalten haben. Die 5 Schilling gehören Lenchen,
die gerade abwesend war, als ich mein Exit aus Deinem Hause machte. Wenn
es irgend angeht, schicke ich Dir diese oder spätestens nächste Woche
die 2 Pfund für Hipphipphurra [Harney], Schramm kann sie ihm hinbringen.
Da ich bisher auch von Dir – seit ich Dir Weerths Brief schickte –
nichts zu sehen bekommen habe, so weiß ich natürlich von nichts weiter
und warte auch noch immer auf die edlen Willichschen Briefe. Den Friend
of the People mit Schramms Erklärung habe ich nicht gesehen, dies Ding
kommt hier sehr unregelmäßig an; laß mir doch von Schramm ein Exemplar
_sous bande_[1] zuschicken, er wird sich gewiß leicht eins verschaffen
können, wenn er keines disponibel haben sollte. Daß der Landolphe sich
schließlich als ein Poltron herausgestellt hat, ist sehr angenehm zu
erfahren, auf den berühmten Brief von ihm warte ich noch immer.
Ich ärgere mich hier scheußlich über die dummen Einrichtungen, die mir
ein regelmäßiges und geordnetes Ochsen fast ganz unmöglich machen. An
die eine Bibliothek kann ich nicht kommen, die andere, öffentliche,
enthält die Sachen, die mich jetzt zunächst interessieren, nur
sporadisch, und die Stunden konvenieren mir nicht; so daß mir nichts
bleibt als das elende Athenäum, wo man nie etwas bekommen kann und wo
die Bibliothek sich in der scheußlichsten Unordnung befindet. Dem Napier
laufe ich zum Beispiel wieder vergeblich nach, und es dauert immer 2 bis
3 Wochen, bis man einen folgenden Band auftreiben kann. Aus Verzweiflung
habe ich mir Ciceros Briefe genommen und studiere darin das _règne de
Louis Philippe_[2] und die Korruption des Direktoriums. Eine höchst
heitere _chronique scandaleuse_.[3] Der Cicero ist wirklich unbezahlbar;
Professor Krug und Sebastian Seiler in einer Person. Eine gemeinere
Canaille wie diesen Kerl haben die Reihen der Biedermänner seit Anbeginn
der Welt nicht aufzuweisen. Ich werde mir dies anmutige Büchlein gehörig
exzerpieren. Ohne Mehreres für heute.
Dein F. Engels.
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[1] Unter Kreuzband.
[2] Regierung Louis Philipps.
[3] Skandalchronik.
71
London, 17. März 1851.
Lieber Engels!
Ich habe eine Woche nicht geschrieben. Einmal hatte ich selbst die
Grippe zur Wahlverwandtschaft, und dann _criblé de petites misères_,[1]
die alle in dieser verhängnisvollen Woche zum Ausbruch kommen.
Einliegend erhältst Du die heiteren Briefe des Ritters von Willich.
In dem Heinzenschen Schimpfblatt steht eine angebliche Korrespondenz aus
Paris, hier in London fabriziert, worin, wie es sich von selbst
versteht, erstens wir beide angegriffen werden, dann Rudolph Schramm,
der Deputierte, „weil er ohne Anstand das Geld seiner Frau verzehrt“,
und die „Halbmenschen Tausenau, Julius und Bucher“; schließlich, und
sehr bitter, der große _Kinkel_. Heinzen verzeiht ihm die Konkurrenz im
Bettel nie und nimmermehr. Gelobt wird nur der große Ruge und Struve.
Ruge läßt in diesem Brief aus Paris schreiben, daß er von Brighton nach
London eine eintägige Ausflucht gemacht hatte. Dieser Klatschartikel ist
dadurch entstanden, daß Heinzen Klatsch aus einem Privatbrief von Ruge
und einem Privatbrief von Bamberger, also ganz entgegenstehende
Anschuldigungen, zusammengeworfen und ediert hat.
Bei dem großen Bankett, wo Ruge als der „unendliche Dumme“ auftrat –
Wolff und Liebknecht waren Ohrenzeugen –, fand sich kein Berliner oder
Frankfurter Deputierter ein. Sie wollen keine Hegemonie Ruge-Struve. Die
Clique R. Schramm, Graf Reichenbach (der Frankfurter, nicht der Bart der
Partei) und Oppenheim, Bucher, endlich Julius auf eigene Faust,
intrigieren alle wieder gegen die Dummheitsgötter. Natürlich aus
erhabenen Gründen. _Je vous dis, de la merde, la merde tout pure, toute
cette canaille là._[2]
Kinkel, der die Infamien gegen uns drucken läßt, sprach in seiner
rotsaffianledernen Weise auf dem Bankett ein Wort der wehmütigen
Versöhnung „von dem einfachen Verfassungskämpfer an bis zum roten
Republikaner“. Alle die Esel, während sie für Republik, und Kinkel sogar
gelegentlich für rote Republik ächzten, krochen der englischen
Konstitution servilstens in den Hintern, ein Widerspruch, worauf sie
sogar das unschuldige Morning Chronicle als Mangel an Logik aufmerksam
zu machen geruhte.
Von Landolphe nichts weiter. Er trägt das Bewußtsein des enthüllten Grec
gelassen als „_homme d’honneur_“[3] mit sich herum.
Die Blanqui-Komödie war noch nicht beendet. Der _ancien capitaine_[4]
Vidil schickte eine Erklärung in die Patrie, worin er erzählt, sein
Ehrgefühl und Wahrheitsinstinkt dringen ihm die Erklärung ab, daß Louis
Blanc, alle anderen und er selbst gelogen haben in der ursprünglichen
Erklärung; das Komitee habe aus 13, nicht aus 6 Personen bestanden.
Ihnen allen sei der Toast Blanqui vorgelegt, von ihnen allen sei er
diskutiert worden. Er habe sich unter den Sechs befunden [die für
Verlesung des Toastes gestimmt hatten]. Der noble Barthélemy, der diesen
Brief nicht gelesen, schickt einige Tage später ebenfalls eine Erklärung
an die Patrie, er habe den Toast erhalten, den anderen nicht mitgeteilt,
konstituiert sich so als dreifachen Lügner. Die Patrie, indem sie diesen
Brief mitteilt und am Schlusse erklärt, sie werde nichts mehr von diesen
Eseln aufnehmen, macht folgende Vorbemerkung:
[Marx hat das nun folgende Stück im „Ritter vom edelmütigen Bewußtsein“
selbst wie folgt übersetzt]: „Wir haben uns oft gefragt, und die Frage
ist schwer zu beantworten, was bei den Demagogen größer sei, ihre
Ruhmredigkeit oder ihre Dummheit. Ein vierter Brief von London vermehrt
noch unsere Verlegenheit. Da sind ihrer, wir wissen nicht wie viele arme
Teufel in einem solchen Grade gemartert von der Wut, zu schreiben und
ihren Namen in den _reaktionären_ Blättern genannt zu sehen, daß sie
selbst vor einer grenzenlosen Beschämung und Selbstherabsetzung nicht
zurückschrecken. Was liegt ihnen am Gelächter und der Indignation des
Publikums – das Journal des Débats, die Assemblée Nationale, die Patrie
werden ihre Stilübungen abdrucken; um dies Glück zu erreichen, ist der
kosmopolitischen Demokratie kein Preis zu hoch .... Im Namen der
literarischen Commiseration [Mitleid] nehmen wir daher den folgenden
Brief des Bürgers Barthélemy auf; er ist ein neuer und wir hoffen der
letzte Beweis für die Echtheit des nur zu berühmten Toastes Blanquis,
den sie erst alle geleugnet und für dessen Beteuerung sie sich jetzt
untereinander in die Haare geraten.“
Ist das nicht superb?
Ich habe Deine Post Office Ordre erhalten. Wenn Du solche Zinsen in
Deinem Commerce zahlst, müssen entweder Deine Profite oder Deine
Verluste enorm sein.
Vergiß nicht an Dronke zu schreiben. Gabler ist tot. Also eingelegt an
Th. Schuster ist Frankfurt.
Dein K. Marx.
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[1] Bis über die Ohren von kleinlichen Nöten überhäuft.
[2] Ich sage [Euch] Dir, Dreck, absoluter Dreck, dieses ganze
Canaillentum.
[3] Ehrenmann.
[4] Hauptmann außer Diensten.
72
Mittwoch, 19. März 1851.
Lieber Marx!
Die Geschichte mit dem Toast Blanqui entwickelt sich wirklich über die
Maßen schön. Die Erklärung Vidils ist gegenüber Louis Blanc unbezahlbar
– der Kerl vor Frankreich und England als gemeiner Lügner hingestellt.
Der Barthélemy hat sich wunderbar hineingeritten. – Eine Stelle Deines
Briefes verstehe ich nicht. Vidil erklärt, das Komitee habe aus 13,
nicht aus 6 Personen bestanden ... er habe sich „unter den sechs
befunden“. Wer sind die sechs? Die Unterzeichner der ersten Erklärung
oder etwa die Fraktion, die für Vorbringung des Toastes Blanqui stimmte?
Der Klatsch unter den Deutschen ist auch angenehm. Ich sah den Report
des Banketts in der Daily News – da das Ding respektabel war, so hat
sich diesmal ja auch Mazzini nicht geniert, hinzugehen. „Der General
Haug _in the chair_!“[1] Dieser Kerl verspricht eine Karikatur des
Generals Dubourg von 1830 zu werden. Nach der Annonce in der Times zu
urteilen, ist Göhringers Golden Star Tavern jetzt sehr respektabel. Da
ich doch den Klatsch all zusammen haben muß, so wäre es nicht übel,
einmal eine Patrouille dort rekognoszieren zu lassen – _il s’en trouvera
bien un qui voudra mettre son nez dans cette merde là, même au risque
d’être mis à la porte_.[2]
_Last – but not least_ –[3] haben die Willichiana sehr zur Erheiterung
meines heutigen Frühstücks beigetragen. Dieser Schafskopf! Wie der den
Schr[amm]schen Brief als Antwort auf seinen ersten ansehen konnte, ist
mir wirklich kaum begreiflich. Aber die Chance der Militärdiktatur in
der Rheinprovinz ohne Presse, die ihn schikanieren könnte,
_sapristi_,[4] das mußte diesem vernagelten Rindvieh den Kopf natürlich
verdrehen. Neiner _capitaine d’armes_[5] und Feldwebel! Die soziale
Revolution vermittels der Pauperverpflegung der Familien der Landwehr,
die Statistik reduziert auf ein Register der „Vorräte, Viehe,
Transportmittel und Mannschaften“! Dieser Revolutionsplan schlägt den
früheren, mit 5000 Mann Deutschland zu erobern, gänzlich platt. Wenn der
Landwehr _das_ nicht einleuchtet, so müßte man ja an der Menschheit
verzweifeln. „Ich würde einige Männer mitbringen, andere _berufen_“ –
weißt Du, was der Kerl vorhatte? „Der Bürger Karl Marx ist berufen,
binnen 48 Stunden in Köln sich zu stellen und die Leitung des
Finanzwesens und der gesellschaftlichen Reformen unter Aufsicht und
Kontrolle des Bürgers Gebert zu übernehmen. Ungehorsam gegen diesen
Befehl und jede Widersetzlichkeit oder Räsonieren, sowie unziemliche
Witze werden mit dem Tode bestraft. Der Bürger Marx wird zur Bewachung
einen Unteroffizier und sechs Mann erhalten.“ – Und wie spricht der Kerl
von N. N.! „_Nous ne voulons plus de jouisseurs!_“[6] Also selbst der
spartanische _pot half and half_[7] und die Widerstandslosigkeit bei
Frauen gelten dem Feldwebel schon für Sybaritismus.
Aber worauf antwortet Willich in dem dritten, jubelnden, siegesgewissen,
nur am Geld hapernden Brief? Hat ihm Schramm einen zweiten geschickt
oder hatte Becker auf Willichs zweiten Brief geantwortet? _Explique moi
cela_[8] und sage, ob Du die Sachen jetzt zurückhaben mußt; ich behielte
sie gerne einstweilen noch hier, um gelegentlich die nötigen Notizen zu
machen.
Die Eisenbahnspekulation wird wieder brillant – seit dem 1. Januar die
Aktien meist 40 Prozent gestiegen, und die schlechtesten am meisten. _Ça
promet!_[9]
Dein F. Engels.
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[1] Auf dem [Präsidenten-]Sitz.
[2] Es wird sich wohl jemand bereit finden, seine Nase in jenen
Dreck zu stecken, selbst auf die Gefahr, vor die Tür gesetzt zu
werden.
[3] Schließlich, aber nicht zum wenigsten.
[4] Potztausend.
[5] Kammerunteroffizier.
[6] Wir wollen keine Genußmenschen mehr haben.
[7] Maß halb [Ale] und halb [Porter].
[8] Erkläre mir das.
[9] Das verspricht!
73