26. Februar 1851.

Lieber Engels!

Ich habe Dir in den Briefen von Pieper und Schramm die Tatsachen von den

Beteiligten selbst erzählen lassen. Du wirst Dir so am besten ein

eigenes Urteil bilden. Unbegreifliche _lâcheté_[1] von seiten der 200

_fraternal murderers_, die ihren revolutionären Tatendrang an zwei

einzelnen auslassen, unbegreifliche _lâcheté_ des Dear, des Landolphe,

des Louis Blanc usw., ruhig zuzusehen und ihre fraternellen Phrasen zu

memorieren.

Eins noch aus der Unterredung Schramms mit Harney: Harney hob hervor,

daß Schapper ein „langjähriger Bekannter“ von ihm sei und, während wir

in Brüssel gewesen, in sehr intimem Verhältnis mit ihm gestanden.

Apropos. Den _ganzen Rapport_ über das Meeting hatten die Herren Louis

Blanc und Konsorten _schon den Tag vorher_ an ein Pariser Blatt

abgeschickt.

Die gerichtliche Prozedur würde Louis Blanc ruinieren. Du denkst Dir,

welches Fressen für die Times, namentlich da _Barthélemy_, der

_galérien_, der _meurtrier_[2] usw., als Angeklagter und _provocateur à

l’assassinat_[3] erscheinen würde. Barthélemy sagte nämlich mitten in

der Keilszene, auf Schramm zeigend: „_C’est un infâme, il faut

l’écraser._“[4] – Das Gerichtliche hat nur _den_ schlimmen Effekt:

Harneys und Jones’ projektiertes Blatt ist Klatsch, Harney und die

Fraternals sind Klatsch, die Times wird jubilieren, Pieper wird seine

Stelle verlieren (er ist nobel genug, nichts danach zu fragen) und

Schramm usw. werden schließlich doch die gesamten Chartisten auf den

Hals brechen. _Que faire?_[5] Ich werde morgen mit Jones darüber

sprechen. Freund Harney scheint sich mit Schapper darauf zu verlassen,

daß die Sache ruhig vorübergeht. Er hat es daher nicht der Mühe wert

gehalten, die nötigen _steps_[6] uns gegenüber zu tun und die nötigen

Konzessionen zu machen. Der Esel erschwert so die Situation. Ungerochen

kann man diesen Dreck doch nicht vorübergehen lassen.

Wenn Harney Dir schreibt, nimm Dich nur vor einem in acht. Du hast in

Deinem Brief zu sehr verweilt auf der theoretischen Kritik Ledru-Rollins

und Louis Blancs. Harney macht jetzt, als verlangten wir, daß er unsere

_queue_[7] bilden solle. Es ist ihm vor allem vorzuhalten:

1. daß es sich _ganz allein_ handelt um sein Verhältnis zu Schapper und

Willich, indem er unseren direkten persönlichen hundskommunen Feinden

sich als _Anhang_ konstituiert hat und, so viel Gewicht er hat, für sie

gegen uns in die Wagschale vor Deutschland geworfen. Und hatte er nicht

_mit uns schriftlich_ die Verbindung mit Vidil, mit Barthélemy und mit

Willich abgebrochen? Und wie konnte er sie aufnehmen ohne uns, _hinter

unserem Rücken_ und _wider_ unseren Willen! Wenn das fair ist, so

begreife ich es nicht.

2. Er hat _uns verleugnet_, indem er _nach_ dem Vorfall mit Schramm und

Pieper nicht sofort öffentlich in dem Meeting eine Revanche gab und dann

sich sofort zurückzog. Statt dessen tut er bei seinen Freunden alles, um

die Sache irrelevant darzustellen.

Einliegend den Brief von Dronke. Du wirst ihm ausführlich die ganze

Schmiere, das Neueste eingeschlossen, schreiben. Ich habe eine Masse

nach Köln, Hamburg usw. zu schreiben.

Wenn heute der Brief nicht frankiert ist, mußt Du entschuldigen. Es ist

zu spät, nach _stamps_[8] auszugehen, und es ist notwendig, daß der

Brief noch heute abend auf die Post kommt.

Dein K. Marx.

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[1] Feigheit.

[2] Der Galeerensträfling, der Mörder.

[3] Aufreizer zum Mord.

[4] Das ist ein Schandbube, man muß ihn zertreten.

[5] Was ist zu tun?

[6] Schritte.

[7] Schwanz, Anhang.

[8] Briefmarken.

64

[Undatiert, jedenfalls 26. Februar 1851.]

Lieber Marx!

Soeben finde ich Deinen zweiten Brief vor. Ich habe sofort einen zweiten

an Harney geschrieben; wenn Du ihn billigst, laß ihn ihm gleich

zukommen. Diese Schweinerei ist zu arg, und er muß es fühlen. Wenn er

sich mit den anderen assoziiert, _tant pis pour lui, I care the

devil_.[1]

Nachts 1 Uhr. Mittwoch.

Dein F. E.

Ich habe keine _stamps_,[2] und da ich den Brief jetzt noch zur Post

trage, kann ich ihn nicht mehr frankieren.

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[1] Um so schlimmer für ihn, ich frage den Teufel nach ihm.

[2] Briefmarken.

65

Donnerstag, 27. Februar 1851.

Lieber Marx!

Gestern abend 12 Uhr, als ich nach Hause kam und Deinen Brief mit der

Erzählung der Infamie gegen Schramm und Pieper vorfand, schickte ich Dir

sofort einen Brief für Harney. Du wirst diesem Brief, der unsicheren

Handschrift, der pathetischen Entrüstung, dem polternden und stolpernden

Gedankengang und der nicht sehr großen Harmonie des Ganzen angesehen

haben, daß er unter dem Einfluß einiger Gläser starken Rumpunsches

abgefaßt war, die ich den Abend ausnahmsweise zu mir genommen hatte, und

ihn daher nicht abgeschickt haben. _In fact_,[1] ich war so wütend, daß

ich nicht hätte zu Bett gehen können, ohne ihn abzuschicken, und so

rannte ich, mehr um mich selbst zu beruhigen, als in der Absicht, dem

Harney meine Meinung schleunigst zukommen zu lassen, noch um 1 Uhr auf

die Post. Du wirst den Brief heute gegen Mittag bekommen haben, und da

heute vor Abend keine Post ist, so war es mir unmöglich, einen zweiten

Brief vor dem gegenwärtigen abzuschicken. Ich schließe Dir nun einen

verbesserten Brief an Harney bei, den Du ihm zustellen willst, wenn Du,

wie ich hoffe, den ersten noch nicht spediert hast.

Briefe adressiere mir zukünftig wie folgt:

1. Alle Briefe, die Du vor 6 Uhr abends auf das Charing Croß Office,

oder vor 1/2-6 auf die Nebenbureaus besorgst, aufs Kontor (Ermen &

Engels). Ich habe sie dann morgens um 10.

2. Alle Briefe, die Du _nach_ 6 Uhr abends noch aufgibst, nach Great

Duciestreet. Ich habe sie dann nächsten Abend um 6 Uhr, während ich sie

auf dem Comptoir erst den [über]nächsten Morgen haben würde.

Hühnerb[ein] schrieb mir dieser Tage. Mirbach ist glücklich

durchgebrannt und geht von Paris [mit] seiner Frau nach Athen.

Dein F. E.

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[1] In der Tat.

66

Freitag 28. Februar 1851.

Lieber Marx!

Heute morgen erst kam Dein Brief von vorgestern an. Hätte ich diese

Details alle schon gestern gehabt, ich hätte dem _dear_[1] Harney noch

ganz anders geschrieben. Aber er wird mir schon kommen, und da werd’

ich’s ihm geben.

Eine gerichtliche Verfolgung dieser Geschichte ernstlich einzuleiten,

könnte, glaube ich, nicht viel nutzen. Abgesehen von Harney und Jones

und den Chartisten, würde die Geschichte auf gegenseitige

Rekriminationen und Anschuldigungen hinauslaufen. Mit Hilfe des ersten

besten Advokaten würden die anderen den Schramm und Pieper die

unverschämtesten Fragen vorlegen lassen, zum Beispiel, ob Schramm nicht

Kassengelder der Great W[indmillstreet] gestohlen usw. usw., die

hinreichen würden, um allen Effekt zu verderben, so energisch sie auch

zurückgewiesen würden. Die Gegenzeugen würden schwören, Schramm habe das

und das gesagt, sie würden auf einige Great Windmillszenen Schramms

zurückkommen und diese ins Kolossale übertreiben, um Schramm als einen

_disturber of public meetings_[2] darzustellen usw., und der

_magistrate_,[3] zu glücklich, die _demagogues_[4] sich gegenseitig als

Schufte traktieren zu sehen, würde alles zulassen, was auf beide

Parteien kompromittierenden Schein werfen könnte. – – –

Und dann wäre die sichere Folge eines solchen Skandals die Einführung

einer neuen Fremdenbill, zum Schutz der honetten Reaktionäre, die vom

Kontinent für die Exhibition kommen.

Gerade Postzeit. Adieu!

Dein F. E.

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[1] Lieben, teuren.

[2] Störer öffentlicher Versammlungen.

[3] Polizeirichter.

[4] Demagogen, Volksaufwiegler.

67

Samstag, 1. März 1851.

Lieber Engels!

Du mußt ganz absonderliche Postgäule besitzen, da alle meine Briefe zu

spät kommen. – – –

Deine sämtlichen Befürchtungen wegen Skandal richtig. Aber man wird

einen scharfen Advokaten auch seinerseits haben. Etwas mehr oder weniger

Verruf kann dem Schramm ganz gleichgültig sein. Läßt er aber die Sache

auf sich beruhen, jetzt, nachdem die Franzosen der Churchstreet sich

darin eingemischt, so ist er _perdu_,[1] wenn er nicht entweder seine

öffentliche Satisfaktion von den Chartisten erhält oder wenn er die

Sache nicht vor Gericht bringt. Eins von beidem.

Jones, wie ich Dir geschrieben, war nicht auf dem Meeting vom Montag.

Ich hatte mit ihm eine Zusammenkunft in meinem Hause verabredet, stürzte

aber schon Dienstag hin, traf ihn nicht, ließ ihm ein Billett zurück,

doch ja Mittwoch zu kommen. Kam nicht. Ging Donnerstag hin. Wurde

abgewiesen. Ließ ein Billett zurück, worin ich ihn einlud. Kam nicht.

Donnerstag abend schrieb ich ihm einen ausführlichen Brief, worin ruhig,

einfach, klar der ganze Skandal von Anfang an entwickelt, ihm die eklige

Folge in der Perspektive gezeigt, öffentliche Satisfaktion verlangt und

er schließlich aufgefordert wird, mich zu besuchen zur Besprechung.

Kömmt nicht, obgleich er in der Stadt war, auch kein Antwortschreiben

von ihm. Jones ist also offenbar von dem kleinen schottischen

Intriganten bearbeitet, der fürchtet, ihn mit mir zusammenzulassen. Du

siehst also: von seiten der Chartisten keine Aussicht auf öffentliche

Satisfaktion. Bleibt nur die gerichtliche Prozedur. _Adviendra que

pourra._[2] Unangenehm nur, weil Pieper seine Stelle dabei verliert und

wir vielleicht _plus ou moins_[3] den chartistischen Mob auf den Hals

bekommen.

Es ist nur noch Ein Mittel, die Sache zu arrangieren, ohne es zum

äußersten Skandal zu treiben, und das ist, wenn Du _unmittelbar_, aber

ohne Verzug, _herkömmst_. Du könntest bei mir absteigen, da ich jetzt

zwei Zimmer zugemietet. Anderes Mittel, erkläre ich Dir definitiv, gibt

es nicht. Briefe verwirren, verschleppen, richten nichts aus.

Dein K. M.

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[1] Verloren.

[2] Möge kommen, was da kann.

[3] Mehr oder weniger.

68

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 31 / 196 题