Lieber Engels!
Ich habe Dir in den Briefen von Pieper und Schramm die Tatsachen von den
Beteiligten selbst erzählen lassen. Du wirst Dir so am besten ein
eigenes Urteil bilden. Unbegreifliche _lâcheté_[1] von seiten der 200
_fraternal murderers_, die ihren revolutionären Tatendrang an zwei
einzelnen auslassen, unbegreifliche _lâcheté_ des Dear, des Landolphe,
des Louis Blanc usw., ruhig zuzusehen und ihre fraternellen Phrasen zu
memorieren.
Eins noch aus der Unterredung Schramms mit Harney: Harney hob hervor,
daß Schapper ein „langjähriger Bekannter“ von ihm sei und, während wir
in Brüssel gewesen, in sehr intimem Verhältnis mit ihm gestanden.
Apropos. Den _ganzen Rapport_ über das Meeting hatten die Herren Louis
Blanc und Konsorten _schon den Tag vorher_ an ein Pariser Blatt
abgeschickt.
Die gerichtliche Prozedur würde Louis Blanc ruinieren. Du denkst Dir,
welches Fressen für die Times, namentlich da _Barthélemy_, der
_galérien_, der _meurtrier_[2] usw., als Angeklagter und _provocateur à
l’assassinat_[3] erscheinen würde. Barthélemy sagte nämlich mitten in
der Keilszene, auf Schramm zeigend: „_C’est un infâme, il faut
l’écraser._“[4] – Das Gerichtliche hat nur _den_ schlimmen Effekt:
Harneys und Jones’ projektiertes Blatt ist Klatsch, Harney und die
Fraternals sind Klatsch, die Times wird jubilieren, Pieper wird seine
Stelle verlieren (er ist nobel genug, nichts danach zu fragen) und
Schramm usw. werden schließlich doch die gesamten Chartisten auf den
Hals brechen. _Que faire?_[5] Ich werde morgen mit Jones darüber
sprechen. Freund Harney scheint sich mit Schapper darauf zu verlassen,
daß die Sache ruhig vorübergeht. Er hat es daher nicht der Mühe wert
gehalten, die nötigen _steps_[6] uns gegenüber zu tun und die nötigen
Konzessionen zu machen. Der Esel erschwert so die Situation. Ungerochen
kann man diesen Dreck doch nicht vorübergehen lassen.
Wenn Harney Dir schreibt, nimm Dich nur vor einem in acht. Du hast in
Deinem Brief zu sehr verweilt auf der theoretischen Kritik Ledru-Rollins
und Louis Blancs. Harney macht jetzt, als verlangten wir, daß er unsere
_queue_[7] bilden solle. Es ist ihm vor allem vorzuhalten:
1. daß es sich _ganz allein_ handelt um sein Verhältnis zu Schapper und
Willich, indem er unseren direkten persönlichen hundskommunen Feinden
sich als _Anhang_ konstituiert hat und, so viel Gewicht er hat, für sie
gegen uns in die Wagschale vor Deutschland geworfen. Und hatte er nicht
_mit uns schriftlich_ die Verbindung mit Vidil, mit Barthélemy und mit
Willich abgebrochen? Und wie konnte er sie aufnehmen ohne uns, _hinter
unserem Rücken_ und _wider_ unseren Willen! Wenn das fair ist, so
begreife ich es nicht.
2. Er hat _uns verleugnet_, indem er _nach_ dem Vorfall mit Schramm und
Pieper nicht sofort öffentlich in dem Meeting eine Revanche gab und dann
sich sofort zurückzog. Statt dessen tut er bei seinen Freunden alles, um
die Sache irrelevant darzustellen.
Einliegend den Brief von Dronke. Du wirst ihm ausführlich die ganze
Schmiere, das Neueste eingeschlossen, schreiben. Ich habe eine Masse
nach Köln, Hamburg usw. zu schreiben.
Wenn heute der Brief nicht frankiert ist, mußt Du entschuldigen. Es ist
zu spät, nach _stamps_[8] auszugehen, und es ist notwendig, daß der
Brief noch heute abend auf die Post kommt.
Dein K. Marx.
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[1] Feigheit.
[2] Der Galeerensträfling, der Mörder.
[3] Aufreizer zum Mord.
[4] Das ist ein Schandbube, man muß ihn zertreten.
[5] Was ist zu tun?
[6] Schritte.
[7] Schwanz, Anhang.
[8] Briefmarken.
64
[Undatiert, jedenfalls 26. Februar 1851.]
Lieber Marx!
Soeben finde ich Deinen zweiten Brief vor. Ich habe sofort einen zweiten
an Harney geschrieben; wenn Du ihn billigst, laß ihn ihm gleich
zukommen. Diese Schweinerei ist zu arg, und er muß es fühlen. Wenn er
sich mit den anderen assoziiert, _tant pis pour lui, I care the
devil_.[1]
Nachts 1 Uhr. Mittwoch.
Dein F. E.
Ich habe keine _stamps_,[2] und da ich den Brief jetzt noch zur Post
trage, kann ich ihn nicht mehr frankieren.
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[1] Um so schlimmer für ihn, ich frage den Teufel nach ihm.
[2] Briefmarken.
65
Donnerstag, 27. Februar 1851.
Lieber Marx!
Gestern abend 12 Uhr, als ich nach Hause kam und Deinen Brief mit der
Erzählung der Infamie gegen Schramm und Pieper vorfand, schickte ich Dir
sofort einen Brief für Harney. Du wirst diesem Brief, der unsicheren
Handschrift, der pathetischen Entrüstung, dem polternden und stolpernden
Gedankengang und der nicht sehr großen Harmonie des Ganzen angesehen
haben, daß er unter dem Einfluß einiger Gläser starken Rumpunsches
abgefaßt war, die ich den Abend ausnahmsweise zu mir genommen hatte, und
ihn daher nicht abgeschickt haben. _In fact_,[1] ich war so wütend, daß
ich nicht hätte zu Bett gehen können, ohne ihn abzuschicken, und so
rannte ich, mehr um mich selbst zu beruhigen, als in der Absicht, dem
Harney meine Meinung schleunigst zukommen zu lassen, noch um 1 Uhr auf
die Post. Du wirst den Brief heute gegen Mittag bekommen haben, und da
heute vor Abend keine Post ist, so war es mir unmöglich, einen zweiten
Brief vor dem gegenwärtigen abzuschicken. Ich schließe Dir nun einen
verbesserten Brief an Harney bei, den Du ihm zustellen willst, wenn Du,
wie ich hoffe, den ersten noch nicht spediert hast.
Briefe adressiere mir zukünftig wie folgt:
1. Alle Briefe, die Du vor 6 Uhr abends auf das Charing Croß Office,
oder vor 1/2-6 auf die Nebenbureaus besorgst, aufs Kontor (Ermen &
Engels). Ich habe sie dann morgens um 10.
2. Alle Briefe, die Du _nach_ 6 Uhr abends noch aufgibst, nach Great
Duciestreet. Ich habe sie dann nächsten Abend um 6 Uhr, während ich sie
auf dem Comptoir erst den [über]nächsten Morgen haben würde.
Hühnerb[ein] schrieb mir dieser Tage. Mirbach ist glücklich
durchgebrannt und geht von Paris [mit] seiner Frau nach Athen.
Dein F. E.
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[1] In der Tat.
66
Freitag 28. Februar 1851.
Lieber Marx!
Heute morgen erst kam Dein Brief von vorgestern an. Hätte ich diese
Details alle schon gestern gehabt, ich hätte dem _dear_[1] Harney noch
ganz anders geschrieben. Aber er wird mir schon kommen, und da werd’
ich’s ihm geben.
Eine gerichtliche Verfolgung dieser Geschichte ernstlich einzuleiten,
könnte, glaube ich, nicht viel nutzen. Abgesehen von Harney und Jones
und den Chartisten, würde die Geschichte auf gegenseitige
Rekriminationen und Anschuldigungen hinauslaufen. Mit Hilfe des ersten
besten Advokaten würden die anderen den Schramm und Pieper die
unverschämtesten Fragen vorlegen lassen, zum Beispiel, ob Schramm nicht
Kassengelder der Great W[indmillstreet] gestohlen usw. usw., die
hinreichen würden, um allen Effekt zu verderben, so energisch sie auch
zurückgewiesen würden. Die Gegenzeugen würden schwören, Schramm habe das
und das gesagt, sie würden auf einige Great Windmillszenen Schramms
zurückkommen und diese ins Kolossale übertreiben, um Schramm als einen
_disturber of public meetings_[2] darzustellen usw., und der
_magistrate_,[3] zu glücklich, die _demagogues_[4] sich gegenseitig als
Schufte traktieren zu sehen, würde alles zulassen, was auf beide
Parteien kompromittierenden Schein werfen könnte. – – –
Und dann wäre die sichere Folge eines solchen Skandals die Einführung
einer neuen Fremdenbill, zum Schutz der honetten Reaktionäre, die vom
Kontinent für die Exhibition kommen.
Gerade Postzeit. Adieu!
Dein F. E.
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[1] Lieben, teuren.
[2] Störer öffentlicher Versammlungen.
[3] Polizeirichter.
[4] Demagogen, Volksaufwiegler.
67
Samstag, 1. März 1851.
Lieber Engels!
Du mußt ganz absonderliche Postgäule besitzen, da alle meine Briefe zu
spät kommen. – – –
Deine sämtlichen Befürchtungen wegen Skandal richtig. Aber man wird
einen scharfen Advokaten auch seinerseits haben. Etwas mehr oder weniger
Verruf kann dem Schramm ganz gleichgültig sein. Läßt er aber die Sache
auf sich beruhen, jetzt, nachdem die Franzosen der Churchstreet sich
darin eingemischt, so ist er _perdu_,[1] wenn er nicht entweder seine
öffentliche Satisfaktion von den Chartisten erhält oder wenn er die
Sache nicht vor Gericht bringt. Eins von beidem.
Jones, wie ich Dir geschrieben, war nicht auf dem Meeting vom Montag.
Ich hatte mit ihm eine Zusammenkunft in meinem Hause verabredet, stürzte
aber schon Dienstag hin, traf ihn nicht, ließ ihm ein Billett zurück,
doch ja Mittwoch zu kommen. Kam nicht. Ging Donnerstag hin. Wurde
abgewiesen. Ließ ein Billett zurück, worin ich ihn einlud. Kam nicht.
Donnerstag abend schrieb ich ihm einen ausführlichen Brief, worin ruhig,
einfach, klar der ganze Skandal von Anfang an entwickelt, ihm die eklige
Folge in der Perspektive gezeigt, öffentliche Satisfaktion verlangt und
er schließlich aufgefordert wird, mich zu besuchen zur Besprechung.
Kömmt nicht, obgleich er in der Stadt war, auch kein Antwortschreiben
von ihm. Jones ist also offenbar von dem kleinen schottischen
Intriganten bearbeitet, der fürchtet, ihn mit mir zusammenzulassen. Du
siehst also: von seiten der Chartisten keine Aussicht auf öffentliche
Satisfaktion. Bleibt nur die gerichtliche Prozedur. _Adviendra que
pourra._[2] Unangenehm nur, weil Pieper seine Stelle dabei verliert und
wir vielleicht _plus ou moins_[3] den chartistischen Mob auf den Hals
bekommen.
Es ist nur noch Ein Mittel, die Sache zu arrangieren, ohne es zum
äußersten Skandal zu treiben, und das ist, wenn Du _unmittelbar_, aber
ohne Verzug, _herkömmst_. Du könntest bei mir absteigen, da ich jetzt
zwei Zimmer zugemietet. Anderes Mittel, erkläre ich Dir definitiv, gibt
es nicht. Briefe verwirren, verschleppen, richten nichts aus.
Dein K. M.
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[1] Verloren.
[2] Möge kommen, was da kann.
[3] Mehr oder weniger.
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