Lieber Engels!
Es ist jetzt ein Uhr nachts. Vor einer Stunde ungefähr stürzt Pieper
hier herein, ohne Hut, zerzaust, zerrissen. Die Sache verhält sich wie
folgt.
Heute abend fand das Meeting oder Bankett in der City statt. _Willich
präsidierte_. Jones war seinem Versprechen gemäß nicht hingegangen.
Unser Dear trug ein rotes Bändchen. Anwesend an 700 Mann, 150 Franzosen
ungefähr, 250 Deutsche, 200 Chartisten und der Rest Polen und Ungarn.
Blanc las die ihm von seinen Gebrüdern [?] aus Paris zugekommenen
Adressen ab. Willich eine aus La Chaux de Fonds. Aus Deutschland hatten
sie keine. Außerdem wurde eine Adresse von Polen aus Paris verlesen.
Die Reden sollen spottschlecht gewesen sein, überhaupt trotz aller
_fraternité_ der Tau der Langeweile auf den Gesichtern und an den Zungen
geklebt haben.
Schramm und Pieper hatten Karten gelöst, um sich den Ulk anzusehen. Sie
wurden von vornherein molestiert. Schramm ging zu einem der
Ordnungshalter, dem braven chevaleresken Landolphe, und ersuchte ihn,
ihnen für ihr Geld wenigstens Ruhe zu verschaffen. Der Brave erwiderte,
es sei nicht der Ort, hier auf Auseinandersetzungen einzugehen.
_By and by_[1] dauerte es den Great Windmillstreetern zu lange. Sie
riefen: „_spy, spy_“,[2] [unlesbar] und nun wurden Schramm und Pieper
aus dem Saale herausgeprügelt, ihre Hüte zerrissen und vor dem Saale im
Hofe mit Füßen getreten, gestampft, geohrfeigt, beinahe in Stücke
zerrissen, Haarbüschel ihnen ausgerissen usw. Barthélemy kommt hinzu und
sagt von Schramm: _C’est un infâme! Il faut l’écraser._[3] Schramm
erwidert: _Vous êtes un forçat libéré_.[4]
An der Keilerei nahmen an 200 Subjekte teil, Deutsche, Franzosen und die
Herren _fraternals_ nicht minder „tapfer“ gegen zwei Unbewaffnete.
_Post festum_ läßt sich der Dear [Harney] sehen, und statt energisch
aufzutreten, wie es sich gebührte, stottert er, daß er die Leute kennt
und will sich auf lange Expositionen einlassen. Natürlich schönes Mittel
in solchem Moment.
Die beiden haben sich löwenmütig verteidigt.
Die Windmiller schrien: Der hat unserer Kasse 19 Schilling gestohlen.
Soviel für heute. _Qu’en dis-tu, mon cher?_[5] Wenn morgen eine
Revolution in London ausbricht, werden Willich-Barthélemy unfehlbar zur
Herrschaft kommen.
Dein K. M.
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[1] Nach und nach, mit der Zeit.
[2] Spion, Spion.
[3] Das ist ein Schandbube, man muß ihn zertreten.
[4] Sie sind ein entlassener Sträfling.
[5] Was sagst Du dazu, mein Lieber.
61
[Ohne Jahresangabe.] Dienstag, 25. Februar [1851].
Lieber Marx!
Gestern vor acht Tagen schickte ich Dir einen Brief für Harney und habe
seitdem keine Antwort von Dir, was mich einigermaßen in Verlegenheit
setzen könnte, wenn ein Brief von Harney, der jeden Tag ankommen kann,
rasche Beantwortung erfordern sollte, oder wenn die Unterhandlungen der
hiesigen neuen Chartistenclique, wegen eines Besuchs Harneys hier, zum
Ziele führten und er mir eines schönen Morgens auf die Kneipe gerückt
käme. Ich hoffe, daß Du alles richtig erhalten hast und daß es nicht
Unwohlsein ist, was Dich vom Schreiben abhält. Vielleicht sagt Dir der
Brief nicht zu oder die Manier, mit der ich ohne weitere Beratung mit
Dir sofort auf eigene Faust handelte. Aber gerade deswegen schickte ich
ihn Dir ja, und hattest Du etwas auszusetzen, so war nichts einfacher,
als dem Harney einfach sagen zu lassen, er solle vorderhand meinen
Artikel nicht drucken lassen, und mir den Brief zurückzuschicken nebst
Glossen, _which you know would have had all due attention_.[1]
Jedenfalls bin ich Dir noch seit längerer Zeit die Antwort auf die
Currency-Geschichte[2] schuldig. Die Sache selbst ist meiner Ansicht
nach ganz richtig und wird sehr dazu beitragen, die verrückte
Zirkulationstheorie auf einfache und klare _fundamental facts_[3] zu
reduzieren. Über die Ausführung in Deinem Brief finde ich nur folgendes
zu bemerken:
1. Gesetzt, im Anfang der _period of pressure_[4] stände die Rechnung
der Bank of England, wie Du sagst, 12 000 000 Pfund Deposits[5] und 8
Millionen Bullion oder Coin.[6] Um die überflüssigen 4 Millionen Bullion
loszuwerden, läßt Du sie den Diskontosatz herabsetzen. Ich glaube, daß
sie das nicht zu tun brauchte, und soviel ich mich erinnere, ist die
Herabsetzung des Diskontosatzes im Anfang der _pressure_ bisher nie
vorgekommen. Meiner Ansicht nach würde die _pressure_ sofort auf die
Deposits wirken und sehr bald nicht nur das Gleichgewicht zwischen
Bullion und Deposits herstellen, sondern die Bank zwingen, den
Diskontosatz zu erhöhen, damit das Bullion nicht unter ein Drittel der
Deposits sinkt. In demselben Maße, wie die _pressure_ zunimmt, stockt
auch die Zirkulation des Kapitals, der Umsatz der Waren. Die einmal
trassierten[7] Wechsel verfallen aber und wollen bezahlt sein. Daher muß
das Reservekapital – die Deposits – in Bewegung gesetzt werden – Du
verstehst, nicht _qua_ Currency, sondern _qua_ Kapital, und so wird der
einfache _Drain of Bullion_[8] nebst der _pressure_ von selbst
hinreichen, die Bank von ihrem überflüssigen Bullion zu befreien. Dazu
ist nicht nötig, daß die Bank ihren Zinsfuß unter Verhältnissen
herabsetzt, die den allgemeinen Zinsfuß im ganzen Lande gleichzeitig
steigern.
2. In einer Periode der wachsenden _pressure_ würde, wie ich glaube, die
Bank in demselben Maße das Verhältnis des Bullion zu den Deposits
steigern müssen (um nicht in Verlegenheit zu kommen), in welchem die
_pressure_ zunimmt. Die vier überzähligen Millionen würden ihr ein
gefundenes Fressen sein, und sie würde sie so langsam ausgeben wie nur
möglich. Bei steigender _pressure_ würde, unter Deinen Voraussetzungen,
ein Verhältnis des Bullion zu den Deposits wie 2/5 : 1, 1/2 : 1 und
selbst 3/5 : 1 durchaus nicht übertrieben sein, und um so leichter
durchzuführen, als mit der Abnahme der Deposits auch die Bullionreserve
absolut abnehmen, wenn auch relativ zunehmen würde. Der _run_[9] auf die
Bank ist hier ebenso möglich wie beim Papiergeld und kann durch ganz
gewöhnliche Handelsverhältnisse herbeigeführt werden, ohne daß der
Kredit der Bank erschüttert wäre.
3. „Die Currency wird _zuletzt_ berührt,“ sagst Du. Deine eigenen
Voraussetzungen, daß sie infolge des stockenden Geschäftes berührt wird
und dann natürlich weniger Currency nötig ist, führen zu dem Schlusse,
daß die Currency sich gleichzeitig mit der Aktivität des Commerces
vermindert und ein Teil derselben überflüssig wird in dem Maße, wie die
_pressure_ steigt. _Fühlbar_ wird sie freilich erst am Ende, bei hoher
_pressure_, vermindert; aber im ganzen geht doch dieser Prozeß vom
Beginn der _pressure_ an vor sich, wenn er sich auch nicht tatsächlich
im einzelnen nachweisen läßt. Aber insofern, als dies _superseding_[10]
eines Teiles der Currency _Folge_ der übrigen kommerziellen
Verhältnisse, der von der Currency unabhängigen _pressure_ ist, und alle
anderen Waren und Handelsverhältnisse _vor_ ihr davon betroffen werden,
und ebenfalls insofern diese Abnahme bei der Currency zuletzt
_praktisch_ fühlbar wird, insofern wird sie allerdings zuletzt von der
Krise berührt.
Diese Glossen, wie Du siehst, beschränken sich rein auf Deinen _modus
illustrandi_;[11] die Sache selbst ist vollständig in Ordnung.
Dein F. E.
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[1] Denen, wie Du weißt, alle gebührende Beachtung zuteil geworden
wäre.
[2] Currency = Umlaufsmittel, Geldwährung.
[3] Grundlegende Tatsachen.
[4] Periode des [Geschäfts-]Drucks.
[5] Einlagen, Einzahlungen.
[6] Bullion = ungemünztes Geldmetall, Coin = Metallgeld.
[7] Gezogenen.
[8] Abfluß von Geldmetall.
[9] Ansturm.
[10] Verdrängung.
[11] Art der Veranschaulichung.
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Mittwoch, 26. Februar 1851.
Lieber Marx!
Dein Brief vom 23., gestempelt 25., kam mir heute morgen zu. Adressiere
in Zukunft immer an mich, _care of Messrs._ Ermen & Engels, Manchester.
Die Briefe kommen mir sicherer zu und rascher, da ich oft unregelmäßig
nach Hause komme und die Postbeamten ohnehin zuweilen die nach meiner
Wohnung adressierten Briefe mir ins Comptoir zuschicken, wo ich
jedenfalls einmal per Tag bin. Benutze womöglich die erste Londoner
Abendpost – bis 6 von Charing Croß, oder bis 1/2-6 in den kleinen
Bureaus, die Briefe sind dann sicher den nächsten Morgen um 10 Uhr auf
dem Comptoir.
Den Brief von Dronke hast Du vergessen beizuschließen. Schicke ihn mir
bald, ich möchte ihm schreiben, speziell um die Korrespondenz mit Lupus
wieder anzuknüpfen, von dem ich gar nicht mehr weiß, wo er ist, da ich
auf alle meine Briefe keine Antwort erhalte. Wenn Du vorziehen solltest,
das Porto für auswärtige Briefe sowie die Frankatur nicht zu tragen, so
schicke sie mir zu oder lasse sie an mich adressieren, ich werde es der
Firma zuschieben.
Der Constitutionnel sagt, D’Ester sei aus der Schweiz ausgewiesen und
habe sie bereits verlassen – _en sais-tu quelque chose_?[1]
Dein Atlas ist gerettet. Ich habe mich schließlich geweigert, ihn zu
verkaufen, und behalte ihn einstweilen hier, da ich ihn sehr brauche,
ich lese jetzt die Geschichte des Consulats und Empire in französischen
und englischen Historikern, speziell militärisch. Das Beste, was ich bis
jetzt in dieser _line_[2] gefunden habe, ist W. P. Napiers (jetzt
General) _History of the war in the Peninsula_.[3] Der Kerl hat seine
Marotten wie alle Napiers, aber daneben enorm viel _common sense_[4]
und, was mehr ist, einen sehr richtigen Blick in Beurteilung des
militärischen und administrativen Genies Napoleons. Ein Franzose wäre
rein inkapabel, so ein Buch zu schreiben. Der Thiers steht, was
historische Zuverlässigkeit und selbst richtige Beurteilung angeht,
nicht die Laus höher als der elende Tory Southey, _poet laureate_[5]
selig, der auch eine Schimpf- und Rodomontiergeschichte des spanischen
Kriegs geschrieben hat. Napier streicht nur seinen Obergeneral
Wellington zu sehr heraus, doch bin ich noch nicht weit genug in der
Darstellung avanciert, um definitiv darüber urteilen zu können.
Die Mitteilungen über die _citoyens_[6] Louis Blanc und Harney werde ich
mir _ad notam_ nehmen. Von letzterem habe ich noch nichts gehört. Er muß
es übrigens jedenfalls zu fühlen bekommen, wenn er sich wieder meldet.
Was den kleinen Blanc angeht, so könnte es nicht schaden, wenn wir bei
nächster Gelegenheit einmal seine _œuvres complètes_[7] vornähmen – Du
die _Organisation du travail_ und die _Histoire de la Révolution_,[8]
ich die _Dix ans, sauf à critiquer ensemble l’Association du travail
mise en pratique après Février, et les „Pages d’histoire“_.[9] Ostern
komme ich nach London, und da ließe sich schon einiges machen. Die
Sachen selbst wären in belgischem Nachdruck hier wohlfeil zu haben. Da
mir mein Manöver mit meinem Alten vollständig gelungen ist, wenigstens
bis jetzt, so kann ich mich hier definitiv häuslich niederlassen und
werde mir ohnehin von Brüssel meine Bücher kommen lassen. Wenn Du Dir
vielleicht von Köln einiges kommen zu lassen hast, so lasse mich’s
wissen, ich schreibe dieser Tage an Daniels wegen meiner Sachen, und wir
können es dann in einem Paket machen lassen. _NB._ Alles, nur keine
englischen, auf dem Kontinent nachgedruckten Bücher. Die Entwicklung der
Geschichte mit meinem Alten und das neue Manöver, das ich anspinnen
mußte, einerseits, um meine Unentbehrlichkeit hier zu verlängern, und
zweitens, um mich vor zu großer Überbeschäftigung auf dem Comptoir zu
schützen, erzähle ich Dir mündlich, in sechs Wochen ist ohnehin Ostern,
und die Sache ist umständlich. So viel ist gewiß, daß mein Alter mir das
alles schon in bar bezahlen soll, besonders wenn er erst hier gewesen
ist und ich ihn noch mehr hereingeritten habe. Die Schwierigkeit ist
die: eine offizielle Stellung als Repräsentant meines Alten den Ermens
gegenüber zu bekommen und doch innerhalb der hiesigen Firma _keine_
offizielle Stellung mit Verpflichtung zum Arbeiten und mit Salär von der
Firma zu haben. Ich hoffe es aber durchzuführen, meine Geschäftsbriefe
haben meinen Alten _enchantiert_,[10] und er rechnet mir mein
Hierbleiben als ein großes Opfer an. _Ceci me vaut, ou me vaudra sous
peu, £ 5 additionnelles par mois, sauf additions futures._[11]
Dein F. E.
Vergiß nicht, mir zur Ergötzung in meiner Einsamkeit die Kölner Witze zu
schicken, sobald Du sie hast und gelesen hast.
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[1] Weißt Du etwas darüber?
[2] Richtung, Gebiet.
[3] Geschichte des Krieges auf der Halbinsel [Spanien und Portugal].
[4] Gesunden Menschenverstand.
[5] Preisgekrönter Dichter [Hofdichter].
[6] Bürger.
[7] Sämtliche Werke.
[8] „Organisation der Arbeit“ und „Geschichte der [großen
französischen] Revolution“.
[9] [Geschichte der] „Zehn Jahre“, neben gemeinschaftlicher Kritik
der [Art, wie die] „Organisation der Arbeit“ nach dem Februar [1848]
in die Praxis übersetzt wurde, und der [Schrift] „Seiten aus der
Geschichte“.
[10] Entzückt.
[11] Das bedeutet für mich oder wird in kurzem für mich bedeuten
fünf Pfund Zulage den Monat, vorbehaltlich späterer Zulagen.
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