11. Februar 1851.

Lieber Engels!

_Iterum Crispinus!_[1]

Soeben erfahre ich, daß heute abend ein Meeting stattfand in Tottenham

Court Road für den Tod _Bems_. Auf der Tribüne saßen _Präsident_

Schapper usw., Louis Blanc und die übrigen Mitglieder des neuen

Völkerbundkomitees. Unter den vordersten Reihen des Auditoriums saß

Harney mit Frau. Das Hauptgros desselben bildete die Great

Windmillstreet. Schapper hielt mit Beifall, in englischer Sprache, seine

unvermeidliche Rede: _war to the knife_![2] Louis Blanc sprach nicht

besser. _Vive la guerre!_[3] Tausenau auch zugegen, sprach über Bem.

Harney hielt eine lange und, wie man sagt, gute Pauke, worin er

schließlich Blanqui, Barbès und zu guter Letzt Louis Blanc als den

sozialistischen Messias leben ließ.

_Qu’en dis-tu?_[4]

Wenn Du in einem Meeting, präsidiert von Th. Clark Esq., aufträtest und

durch Deine Gegenwart und Deine Rede das Gewicht des Meetings eigentlich

erst machtest, würde Freund Harney das für loyal halten?

Es genügt also nicht, daß er in seinem Friend of the People den Ruge

poussiert, er muß indirekt auch noch die Schapper-Willich poussieren.

Er hatte mich vorigen Sonntag rufen lassen. Der Zweck war, Jones zu

Annahme des Titels „Friend of the People“ zu bewegen. Ich bin nicht

gegangen. Er mag sich zu diesem Zwecke an Louis Blanc, Landolphe,

Schapper oder Willich wenden. Ich bin _fatigué_[5] von diesem

öffentlichen Weihrauch, womit Harney nicht müde wird _les petits grands

hommes_[6] einzuräuchern.

Abgesehen von diesem Inzidenz, daß auch Du _Brute_ (Harney), wenn nicht

Partei gegen uns nimmst, wenigstens den Unparteiischen spielst, während

Engels für Dich in Manchester wirkt, Eccarius an Deinem Blatt schreibt,

und ich gelegentlich den Jones für Dich bearbeite – abgesehen davon,

gefällt mir sehr die öffentliche, authentische Isolation, worin wir

zwei, Du [Engels] und ich, uns jetzt befinden. Sie entspricht ganz

unserer Stellung und unseren Prinzipien. Das System wechselseitiger

Konzessionen, aus Anstand geduldeter Halbheiten, und die Pflicht, vor

dem Publikum seinen Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen

Eseln [auf sich] zu nehmen, das hat jetzt aufgehört. Nun, auch auf diese

Zeilen bitte ich Dich bald zu antworten. Ich komme hier fast nur mit

Pieper zusammen und lebe ganz zurückgezogen. Du begreifst also, wie ich

Dich um so mehr hier vermisse und das Bedürfnis habe, mich mit Dir

auszusprechen.

Dein K. M.

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[1] Krispin aufs neue.

[2] Kampf bis aufs Messer.

[3] Es lebe der Krieg.

[4] Was sagst Du dazu.

[5] Müde, satt.

[6] Kleinen Großhanse.

58

Donnerstag, 13. Februar 1851.

Lieber Marx!

Ich erwartete diese Geschichte wegen Harney ziemlich sicher. Ich fand

die Anzeige des Bem-Meetings im Friend of the People, worin es hieß, daß

sich die Deutschen, Franzosen, Polen und Ungarn, sowie die _fraternal

Democrats_[1] dabei beteiligen würden, und daß die W(indmill)street und

Komp. sein mußte, war klar. Ich vergaß, Dich früher auf diese Annonce

aufmerksam zu machen. Es ist mir heute nicht möglich, etwas Weiteres in

der Sache zu tun. Morgen aber schreibe ich einen Brief an Harney, der

ihm anzeigt, daß er das Manuskript, das ich ihm geschickt habe, nicht

drucken soll, da ich es nicht fortsetzen werde, und worin ich ihm zu

gleicher Zeit die ganze Geschichte ausführlich auseinandersetze. Wenn

dieser Brief nicht hilft, so muß man die ganze Sauce fallen lassen, bis

Herr Harney von selbst wiederkommt, was sehr bald geschehen wird. Ich

vermute sehr stark, daß er in kurzem herkommen wird, wo ich ihn gehörig

zwischen nehmen werde. Er soll endlich merken, daß man auch mit ihm

Ernst macht. Jedenfalls, um Zeit und doppeltes Schreiben zu ersparen,

werde ich Dir den Brief schicken, und wenn Du ihn gelesen hast, laß ihn

ihm so rasch wie möglich zukommen.

_Persönlich_ ärgert mich diese Albernheit und Taktlosigkeit von Harney

mehr als irgend etwas anderes. _Au fond_[2] kommt auch darauf nichts an.

Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal –

Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen _support_[3]

von irgend einer Partei irgend welches Landes brauchen, und daß unsere

Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von

jetzt an nur noch für uns selbst verantwortlich, und wenn der Moment

kommt, wo die Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsere

eigenen Bedingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens

Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit – _mon Dieu_,[4] die habe

ich hier in Manchester seit drei Monaten bereits genossen und mich daran

gewöhnt, und dazu als reiner Junggeselle, was jedenfalls hier sehr

langweilig ist. Wir können uns übrigens im Grunde nicht einmal sehr

beklagen, daß die _petits grands hommes_[5] uns scheuen; haben wir nicht

seit soundso viel Jahren getan, als wären Krethi und Plethi unsere

Partei, wo wir gar keine Partei hatten, und wo die Leute, die wir als zu

unserer Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, auch nicht die

Anfangsgründe unserer Sachen verstanden? Wie passen Leute wie wir, die

offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine „Partei“? Was soll

uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre

werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine „Partei“? Wahrhaftig,

es ist kein Verlust, wenn wir nicht mehr für den „richtigen und

adäquaten Ausdruck“ der Bornierten gelten, mit denen uns die letzten

Jahre zusammengeworfen hatten.

Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach

physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in

ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder

vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel

physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit

tritt heftiger hervor. Und sowie man als der Repräsentant einer Partei

auftritt, wird man in diesen Strudel der unaufhaltsamen

Naturnotwendigkeit hineingerissen. Bloß dadurch, daß man sich

independent hält, indem man der _Sache_ nach revolutionärer ist als die

anderen, kann man wenigstens eine Zeitlang seine Selbständigkeit

gegenüber diesem Strudel behalten, schließlich wird man freilich auch

hineingerissen.

Diese Stellung können und müssen wir bei der nächsten Geschichte

einnehmen. Nicht nur keine offizielle _Staats_stellung, auch solange wie

möglich keine offizielle _Partei_stellung, kein Sitz in Komitees usw.,

keine Verantwortlichkeit für Esel, unbarmherzige Kritik für alle, und

dazu jene Heiterkeit, die sämtliche Konspirationen von Schafsköpfen uns

doch nicht nehmen werden. Und das können wir. Wir können der Sache nach

immer revolutionärer sein als die Phrasenmacher, weil wir etwas gelernt

haben und sie nicht, weil wir wissen, was wir wollen und sie nicht, und

_because, after what we have seen for the last three years, we shall

take it a great deal more coolly than any one who has an interest in the

business_.[6]

Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit, unsere Sachen zum

Druck zu bringen; entweder in einer Vierteljahrsschrift, wo wir direkt

attackieren und uns den _Personen_ gegenüber unsere Position sichern;

oder in dicken Büchern, wo wir dasselbe tun, ohne nötig zu haben, irgend

eine dieser Spinnen auch nur zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die

Dauer und bei der zunehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für

ersteres abzunehmen und letzteres mehr und mehr unsere Ressource zu

werden, worauf wir uns werfen müssen. Was wird aus allem Klatsch und

Tratsch, den der gesamte Emigrationspöbel auf Deine Rechnung machen

kann, wenn Du mit der Ökonomie darauf antwortest?

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 28 / 196 题