Lieber Engels!
_Iterum Crispinus!_[1]
Soeben erfahre ich, daß heute abend ein Meeting stattfand in Tottenham
Court Road für den Tod _Bems_. Auf der Tribüne saßen _Präsident_
Schapper usw., Louis Blanc und die übrigen Mitglieder des neuen
Völkerbundkomitees. Unter den vordersten Reihen des Auditoriums saß
Harney mit Frau. Das Hauptgros desselben bildete die Great
Windmillstreet. Schapper hielt mit Beifall, in englischer Sprache, seine
unvermeidliche Rede: _war to the knife_![2] Louis Blanc sprach nicht
besser. _Vive la guerre!_[3] Tausenau auch zugegen, sprach über Bem.
Harney hielt eine lange und, wie man sagt, gute Pauke, worin er
schließlich Blanqui, Barbès und zu guter Letzt Louis Blanc als den
sozialistischen Messias leben ließ.
_Qu’en dis-tu?_[4]
Wenn Du in einem Meeting, präsidiert von Th. Clark Esq., aufträtest und
durch Deine Gegenwart und Deine Rede das Gewicht des Meetings eigentlich
erst machtest, würde Freund Harney das für loyal halten?
Es genügt also nicht, daß er in seinem Friend of the People den Ruge
poussiert, er muß indirekt auch noch die Schapper-Willich poussieren.
Er hatte mich vorigen Sonntag rufen lassen. Der Zweck war, Jones zu
Annahme des Titels „Friend of the People“ zu bewegen. Ich bin nicht
gegangen. Er mag sich zu diesem Zwecke an Louis Blanc, Landolphe,
Schapper oder Willich wenden. Ich bin _fatigué_[5] von diesem
öffentlichen Weihrauch, womit Harney nicht müde wird _les petits grands
hommes_[6] einzuräuchern.
Abgesehen von diesem Inzidenz, daß auch Du _Brute_ (Harney), wenn nicht
Partei gegen uns nimmst, wenigstens den Unparteiischen spielst, während
Engels für Dich in Manchester wirkt, Eccarius an Deinem Blatt schreibt,
und ich gelegentlich den Jones für Dich bearbeite – abgesehen davon,
gefällt mir sehr die öffentliche, authentische Isolation, worin wir
zwei, Du [Engels] und ich, uns jetzt befinden. Sie entspricht ganz
unserer Stellung und unseren Prinzipien. Das System wechselseitiger
Konzessionen, aus Anstand geduldeter Halbheiten, und die Pflicht, vor
dem Publikum seinen Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen
Eseln [auf sich] zu nehmen, das hat jetzt aufgehört. Nun, auch auf diese
Zeilen bitte ich Dich bald zu antworten. Ich komme hier fast nur mit
Pieper zusammen und lebe ganz zurückgezogen. Du begreifst also, wie ich
Dich um so mehr hier vermisse und das Bedürfnis habe, mich mit Dir
auszusprechen.
Dein K. M.
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[1] Krispin aufs neue.
[2] Kampf bis aufs Messer.
[3] Es lebe der Krieg.
[4] Was sagst Du dazu.
[5] Müde, satt.
[6] Kleinen Großhanse.
58
Donnerstag, 13. Februar 1851.
Lieber Marx!
Ich erwartete diese Geschichte wegen Harney ziemlich sicher. Ich fand
die Anzeige des Bem-Meetings im Friend of the People, worin es hieß, daß
sich die Deutschen, Franzosen, Polen und Ungarn, sowie die _fraternal
Democrats_[1] dabei beteiligen würden, und daß die W(indmill)street und
Komp. sein mußte, war klar. Ich vergaß, Dich früher auf diese Annonce
aufmerksam zu machen. Es ist mir heute nicht möglich, etwas Weiteres in
der Sache zu tun. Morgen aber schreibe ich einen Brief an Harney, der
ihm anzeigt, daß er das Manuskript, das ich ihm geschickt habe, nicht
drucken soll, da ich es nicht fortsetzen werde, und worin ich ihm zu
gleicher Zeit die ganze Geschichte ausführlich auseinandersetze. Wenn
dieser Brief nicht hilft, so muß man die ganze Sauce fallen lassen, bis
Herr Harney von selbst wiederkommt, was sehr bald geschehen wird. Ich
vermute sehr stark, daß er in kurzem herkommen wird, wo ich ihn gehörig
zwischen nehmen werde. Er soll endlich merken, daß man auch mit ihm
Ernst macht. Jedenfalls, um Zeit und doppeltes Schreiben zu ersparen,
werde ich Dir den Brief schicken, und wenn Du ihn gelesen hast, laß ihn
ihm so rasch wie möglich zukommen.
_Persönlich_ ärgert mich diese Albernheit und Taktlosigkeit von Harney
mehr als irgend etwas anderes. _Au fond_[2] kommt auch darauf nichts an.
Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal –
Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen _support_[3]
von irgend einer Partei irgend welches Landes brauchen, und daß unsere
Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von
jetzt an nur noch für uns selbst verantwortlich, und wenn der Moment
kommt, wo die Herren uns nötig haben, sind wir in der Lage, unsere
eigenen Bedingungen diktieren zu können. Bis dahin haben wir wenigstens
Ruhe. Freilich auch eine gewisse Einsamkeit – _mon Dieu_,[4] die habe
ich hier in Manchester seit drei Monaten bereits genossen und mich daran
gewöhnt, und dazu als reiner Junggeselle, was jedenfalls hier sehr
langweilig ist. Wir können uns übrigens im Grunde nicht einmal sehr
beklagen, daß die _petits grands hommes_[5] uns scheuen; haben wir nicht
seit soundso viel Jahren getan, als wären Krethi und Plethi unsere
Partei, wo wir gar keine Partei hatten, und wo die Leute, die wir als zu
unserer Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, auch nicht die
Anfangsgründe unserer Sachen verstanden? Wie passen Leute wie wir, die
offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine „Partei“? Was soll
uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre
werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine „Partei“? Wahrhaftig,
es ist kein Verlust, wenn wir nicht mehr für den „richtigen und
adäquaten Ausdruck“ der Bornierten gelten, mit denen uns die letzten
Jahre zusammengeworfen hatten.
Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach
physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in
ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder
vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel
physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit
tritt heftiger hervor. Und sowie man als der Repräsentant einer Partei
auftritt, wird man in diesen Strudel der unaufhaltsamen
Naturnotwendigkeit hineingerissen. Bloß dadurch, daß man sich
independent hält, indem man der _Sache_ nach revolutionärer ist als die
anderen, kann man wenigstens eine Zeitlang seine Selbständigkeit
gegenüber diesem Strudel behalten, schließlich wird man freilich auch
hineingerissen.
Diese Stellung können und müssen wir bei der nächsten Geschichte
einnehmen. Nicht nur keine offizielle _Staats_stellung, auch solange wie
möglich keine offizielle _Partei_stellung, kein Sitz in Komitees usw.,
keine Verantwortlichkeit für Esel, unbarmherzige Kritik für alle, und
dazu jene Heiterkeit, die sämtliche Konspirationen von Schafsköpfen uns
doch nicht nehmen werden. Und das können wir. Wir können der Sache nach
immer revolutionärer sein als die Phrasenmacher, weil wir etwas gelernt
haben und sie nicht, weil wir wissen, was wir wollen und sie nicht, und
_because, after what we have seen for the last three years, we shall
take it a great deal more coolly than any one who has an interest in the
business_.[6]
Die Hauptsache für den Moment ist: die Möglichkeit, unsere Sachen zum
Druck zu bringen; entweder in einer Vierteljahrsschrift, wo wir direkt
attackieren und uns den _Personen_ gegenüber unsere Position sichern;
oder in dicken Büchern, wo wir dasselbe tun, ohne nötig zu haben, irgend
eine dieser Spinnen auch nur zu erwähnen. Mir ist beides recht; auf die
Dauer und bei der zunehmenden Reaktion scheint mir die Möglichkeit für
ersteres abzunehmen und letzteres mehr und mehr unsere Ressource zu
werden, worauf wir uns werfen müssen. Was wird aus allem Klatsch und
Tratsch, den der gesamte Emigrationspöbel auf Deine Rechnung machen
kann, wenn Du mit der Ökonomie darauf antwortest?