10. Februar 1851.

Lieber Engels!

Als Du schriebst, es sei bald Zeit, den Louis Blanc anzugreifen, warst

Du mindestens ein _clairvoyant_.[1]

Nun horche auf folgende Geschichtserzählung:

Vor einigen Tagen, ungefähr einer Woche, begegnet mir Landolphe, und ich

merkte an der verlegenen Art, worin er mich und meine Frau grüßte, daß

etwas „faul“ war im Zustand unseres _ami chevaleresque_, unseres Bayard

von der Montagne. _Eh bien!_[2] _Landolphe und Louis Blanc_ haben sich

mit dem Komitee _Willich-Schapper_ vereint, aus dem Herr Adam

ausgetreten ist! Und vierzehn Tage vorher schimpfte Landolphe noch

weidlich über Barthélemy und erzählte ich ihm die Affäre der Herren

Willich und Schapper. _Qu’en dis-tu?_[3] Mit keinem Worte haben die

Biedermänner mich vorher unterrichtet.

Du stellst Dir leicht vor, wie Willich und Schapper in ihrer Vorstellung

gewachsen sind und wie sie uns geschlagen wähnen!

Aber wir werden sie anders schlagen. Wir sind auf dem kürzesten Wege,

den Unteroffizier und Zimmermann Willich _verrückt_, _literaliter_[4]

verrückt zu machen.

Du erinnerst Dich des Briefes, den Schramm im Namen von Becker [in Köln]

an Willich schrieb, worin er ihm die Militärdiktatur anbot, die Presse

abschaffte und leichte Schlagschatten auf Schappers Moralität warf.

_Eh bien!_ Willich ist in die Falle gegangen. Er hat Becker bombardiert

mit Briefen, er hat auch schon einen Emissär zur Absendung bereit, hat

sich ganz schon das herrische Wesen eines Cromwell II. angeeignet, ist

auffahrend geworden, duldet keinen Widerspruch mehr und hat dem Becker

den Auftrag gegeben, eine Revolution in Köln zu machen, wonach er sich

bereit erklärt, die oberste Leitung zu übernehmen. Ich werde von Becker

in einigen Tagen die Briefe von Willich erhalten und dann die Minen

springen lassen.

Hier ganzer Schwarm von neuem demokratischen Gesindel, aus Brüssel

vertriebene Franzosen, Heise aus Kassel, Oppenheim aus Brüssel, Günther

aus Frankfurt usw. Von letzteren jedoch habe ich glücklicherweise keinen

gesehen.

Du hast doch meinen letzten Brief erhalten?

Dein K. M.

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[1] Hellseher.

[2] Ritterlicher Freund ... Bayard der Bergpartei. Wohlan.

[3] Was sagst Du dazu?

[4] Wörtlich.

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[Ohne Monats- und Jahresangabe.] Mittwoch [undatiert].

Lieber Marx!

Ich finde eben Deinen Brief zu Hause und benutze gleich die heutige

Post, Dir anzuzeigen, daß ich es Ende dieser oder spätestens Anfang

nächster Woche möglich machen werde, Dir die 1 Pfund 10 Schilling für

Landolphe zu schicken, damit diese jetzt nicht länger fortzuziehende

Geschichte aus der Welt kommt. _Notre ami_[1] Landolphe hat sich

abermals als ein altes Weib bewiesen, und die alberne Zwergseitelkeit

des superklugen Louis Blanc entwickelt sich in einer Weise, die den

erhabenen Knirps wirklich zum reinen Narren stempelt. _C’est bien._[2]

Man sieht mehr und mehr ein, daß die Emigration ein Institut ist, worin

jeder notwendig ein Narr, ein Esel und ein gemeiner Schurke wird, der

sich nicht ganz von ihr zurückzieht und dem die Stellung des

unabhängigen Schriftstellers, der auch nach der sogenannten

revolutionären Partei den Teufel fragt, nicht genügt. Es ist eine reine

_school of scandal and of meanness_,[3] worin der letzte Esel zum ersten

Vaterlandsretter wird.

Harney kriegt heute drei Artikel, einleitungsweise, etwas weitläufig,

hier und da mit einer gelinden Andeutung besäet. Was bei der Sache fatal

ist, ist dies, daß man für die englischen Proletarier und das Publikum

Harneys schwerlich den Ledru-Rollin und Komp. angreifen kann, ohne sich

mit der Clique Willich-Barth[élemy] wenigstens zum Teil zu

identifizieren. Es wird nichts übrigbleiben, als dieser Clique

schließlich einige besondere Artikel zu widmen. Diese ersten drei

Artikel enthalten noch nichts, sie sind mehr geschrieben um Harneys

willen, _to put him in the right track_,[4] als zu irgend einem anderen

Zwecke.

Die Geschichte mit Willich ist _impayable_.[5] _Sorge nur, daß Du die

Briefe erhältst._ Ich möchte die sittliche Entrüstung sehen, wenn die

Bombe platzt. Ihr scheint seit einiger Zeit wieder gute Kundschafter in

der G. W. [Great Windmillstreet] zu haben, _cela ne fait pas de mal_[6]

und verschafft wenigstens Erheiterung. Ich gestehe, ich hätte den Kerl

kaum für so dumm gehalten. Er wird übrigens jetzt erst recht in hellen

Flammen sein, seit die preußischen Ministerialblätter den Krieg gegen

die Schweiz in Aussicht stellen, und die Gardereserven, wie ihnen auf

der Parade mitgeteilt, gerade deswegen unter den Waffen erhalten werden.

Die Regierungen der heiligen Allianz arbeiten wirklich diesen

phantastischen Eseln in unverantwortlicher Weise in die Hände, und wenn

Palmerston nicht wäre, so könnte die nächste „Emanzipation der

allgemeinen Dummheit“ wirklich sechs Monate zu früh zur Welt kommen.

Deine neueste ökonomische Entdeckung unterliegt gegenwärtig meiner

ernstlichsten Erwägung. Ich habe heute keine Zeit, mich weiter darauf

einzulassen, die Sache scheint mir aber ganz richtig zu sein. Aber mit

Zahlen ist nicht zu spaßen, und deshalb überlege ich das Ding genau.

_Quelle bête que ce Louis Napoléon!_[7] Verkauft seine Wahlgesetzzweifel

an die Versammlung und sich selbst an Montalembert für 1 800 000

Franken, die er schließlich doch nicht kriegt. Mit so einem Abenteurer

ist doch gar nichts anzufangen. Läßt er sich vier Wochen von gescheiten

Intriganten dirigieren, so muß er ganz gewiß in der fünften Woche alles

Durchgesetzte auf die albernste Weise wieder zuschanden machen. _Aut

Caesar aut Clichy!_[8]

Neulich stifteten wir hier eine neue _Chartist Locality_.[9] Diese

Engländer sind innerhalb der demokratischen Formen viel gewissenloser

als wir redlichen timiden Deutschen. Unser waren dreizehn, und es wurde

sogleich beschlossen, einen _council_[10] zu wählen aus dreizehn

Mitgliedern, nämlich den Anwesenden. Darauf schlug jeder einen der

Anwesenden vor, und da ich natürlich dankte, jemand an meiner Stelle

einen Abwesenden, und in weniger als fünf Minuten hatten sich die

privaten Gentlemen in einen _council_ verwandelt, und doch war jeder

gewählt, und dies ergötzliche _proceeding passed off very seriously and

as a matter of course_.[11] Was aus der Geschichte wird, werde ich

nächstens sehen. Für heute prosit

Dein F. E.

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[1] Unser Freund.

[2] Das ist gut.

[3] Schule des Klatsches und der Niedertracht.

[4] Um ihn auf die rechte Fährte zu bringen.

[5] Unbezahlbar.

[6] Das schadet nichts.

[7] Was für ein [dummes] Tier, dieser Louis Napoleon.

[8] Entweder Cäsar [das heißt Kaiser] oder [ins Schuldgefängnis zu]

Clichy.

[9] Chartistischer Ortsverein.

[10] Rat, Vorstand.

[11] Prozedur verlief in vollem Ernst und als eine

selbstverständliche Geschichte.

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 27 / 196 题