M.

----------

[1] Mit Wollust.

[2] Düster.

[3] Mit Bezug auf.

[4] Tatsachen.

[5] Führer der Bergparteiler.

[6] Auf dem laufenden.

[7] Man muß den Aristokraten Furcht einflößen.

[8] Um die Verpflichtungen der Neuen Rheinischen Zeitung einzulösen

[„zu honorieren“].

[9] Umstände, Verhältnisse.

39

Vevey, Kanton de Vaud, 25. Juli 1849.

Liebe Frau Marx!

Sie sowohl wie Marx werden verwundert sein, daß ich so lange nichts habe

von mir hören lassen. _En voici les causes:_[1] Denselben Tag, wo ich an

Marx schrieb (von Kaiserslautern aus), kam die Nachricht, daß Homburg

von den Preußen besetzt und somit die Kommunikation mit Paris

abgeschnitten war. Ich konnte nun den Brief nicht mehr abschicken und

ging zu Willich. In Kaiserslautern hatte ich mich von aller Befassung

mit der _soi-disant_[2] Revolution ferngehalten; als aber die Preußen

kamen, konnte ich der Luft nicht widerstehen, den Krieg mitzumachen.

Willich war der einzige Offizier, der etwas taugte, und so ging ich zu

ihm und wurde sein Adjutant. Ich war in vier Gefechten, wovon zwei

ziemlich bedeutend, namentlich das bei Rastatt, und habe gefunden, daß

der vielgerühmte Mut des Dreinschlagens die allerordinärste Eigenschaft

ist, die man haben kann. Das Kugelpfeifen ist eine ganz geringfügige

Geschichte, und während des ganzen Feldzugs habe ich trotz vieler

Feigheit kein Dutzend Leute gesehen, die sich _im Gefecht_ feig

benahmen. Desto mehr aber „tapfere Dummheit“. _Enfin_,[3] ich bin

überall glücklich durchgekommen, und _au bout du compte_[4] ist es gut,

daß einer von der Neuen Rheinischen Zeitung dabei war, weil alles

demokratische Lumpenpack in Baden und der Pfalz war und nun mit nicht

getanen Heldentaten renommiert. Es würde wieder geheißen haben: die

Herren der Neuen Rheinischen Zeitung seien zu feig, sich zu schlagen.

Von allen den Herren Demokraten aber hat sich niemand geschlagen, außer

mir und Kinkel. Letzterer hat sich bei unserem Korps als Musketier

gestellt und sich ganz gut gemacht; im ersten Gefecht, das er mitmachte,

bekam er den Streifschuß an den Kopf und wurde gefangen.

Nachdem unser Korps den Rückzug der badischen Armee gedeckt, gingen wir,

24 Stunden später als alle anderen, in die Schweiz und sind gestern hier

in Vevey angekommen. Während des Feldzugs und des Marsches durch die

Schweiz war es mir absolut unmöglich, auch nur eine Zeile zu schreiben.

Jetzt aber beeile ich mich, Nachricht zu geben und um so schleuniger an

Sie zu schreiben, als ich – irgendwo in Baden – gehört habe, Marx sei

verhaftet in Paris. Wir bekamen nie Zeitungen zu sehen, erfuhren also

nichts. Ob es wahr ist oder nicht, habe ich nie erfahren können. Sie

begreifen die ängstliche Spannung, in der ich mich daher befinde; und

ich bitte Sie aufs dringendste, mich von meiner Unruhe zu befreien und

mir Gewißheit über Marx’ Schicksal zu verschaffen. Da ich keine

Bestätigung dieses Gerüchtes von Marx’ Verhaftung gehört, so hoffe ich

immer noch, daß es falsch ist. Daß aber Dronke und Schapper sitzen,

daran kann ich kaum zweifeln. Genug, wenn Marx noch frei ist, so

schicken Sie ihm doch diesen Brief zu, mit der Bitte, mir gleich zu

schreiben. Sollte er sich in Paris nicht sicher fühlen, so ist er hier

im Waadtland vollständig sicher. Die Regierung selbst nennt sich rot und

_partisane de la révolution permanente_.[5] In Genf ist es ebenso. Dort

ist Schily aus Trier, der im Mainzer Korps ein Kommando führte.

Wenn ich von Hause einiges Geld bekomme, so gehe ich wahrscheinlich nach

Lausanne oder Genf und sehe, was ich anfange. Unsere Kolonne, die sich

brav geschlagen hat, ennuyiert mich, und hier kann man nichts machen.

Willich ist im Gefecht brav, kaltblütig, geschickt und von raschem,

richtigem Überblick, außer dem Gefecht aber _plus ou moins_[6]

langweiliger Ideologe und wahrer Sozialist. Die meisten Leute vom Korps,

mit denen man sprechen kann, sind anderswohin dirigiert.

Wenn ich nur erst die Gewißheit hätte, daß Marx frei ist! Ich habe oft

daran gedacht, daß ich mitten unter den preußischen Kugeln an einem weit

weniger gefährlichen Posten war als die anderen in Deutschland, und

namentlich Marx in Paris. Also befreien Sie mich bald von dieser

Ungewißheit. _Tout à vous!_[7]

Engels.

Adresse: F. Engels, _réfugié allemand_,[8] Vevey, Suisse.

(Womöglich per Kuvert bis Thionville oder Metz.)

----------

[1] Hier die Ursachen.

[2] Sogenannt.

[3] Kurzum.

[4] Schließlich, bezw. alles in allem.

[5] Anhängerin der Revolution in Permanenz.

[6] Mehr oder weniger.

[7] Ganz der Ihre.

[8] Deutscher Flüchtling.

40

Erste Hälfte August 1849.

Lieber Engels!

Ich habe sehr viele Unruhe für Dich ausgestanden und war wirklich

erfreut, gestern einen Brief von Deiner Hand zu empfangen. Ich hatte

Dronke (der hier ist) an Deinen Schwager schreiben lassen, um Auskunft

zu erhalten. Der wußte natürlich nichts. Meine ganze Familie ist hier.

Die Regierung hat mich nach Morbihan, den Pontinischen Sümpfen der

Bretagne, ausweisen wollen. Bisher habe ich die Exekution verhindert.

Soll ich Dir aber näher sowohl über meine Verhältnisse hier als über die

allgemeinen schreiben, so mußt Du mir eine sicherere Adresse schicken,

denn hier ist’s nicht sehr geheuer.

Du hast jetzt die schönste Gelegenheit, eine Geschichte oder ein

Pamphlet über die badisch-pfälzische Revolution zu schreiben. Ohne Deine

Teilnahme an dem Kriege selbst hätten wir mit unseren Ansichten über

diesen Ulk nicht hervortreten können. Du kannst dabei die Stellung der

Neuen Rheinischen Zeitung zur Demokratischen Partei überhaupt glänzend

herausbeißen. Ich bin überzeugt, daß die Sache ziehen und Dir Geld

einbringen wird.

Ich habe Unterhandlungen eingeleitet, um eine politisch-ökonomische

Zeit(Monats-)schrift zu Berlin zustande zu bringen, die hauptsächlich

von uns beiden geschrieben werden müßte.

Lupus ist auch in der Schweiz, ich glaube in Bern. Weerth war gestern

hier, er etabliert eine Agentur in Liverpool. Der rote Wolff wohnt hier

bei mir. Die finanziellen Verhältnisse sind natürlich sehr zerrüttet.

Freiligrath ist nach wie vor in Köln. Wäre meine Frau nicht in einem

_état par trop intéressant_,[1] so würde ich Paris gern, sobald es

pekuniär möglich, verlassen.

Leb wohl. Grüße Weerth bestens und schreibe umgehend unter der Adresse:

M. Ramboz, Rue de Lille 45.

Dein K. M.

----------

[1] Etwas zu interessanter Zustand [das heißt hochschwanger].

41

Paris, 17. August 1849.

Lieber Engels!

Ich weiß nicht, ob Du meinen ersten Brief – Antwort auf Deinen ersten,

meiner Frau zugeschickten Brief – richtig erhalten, da Deine Adresse

sehr unbestimmt war. Ich hätte Dir auch auf den zweiten schon

geantwortet, wenn nicht meine ganze hier anwesende Familie krank und ich

so behindert gewesen wäre. Ich wiederhole Dir noch einmal, welche Angst

ich und meine Frau Deinetwegen ausgestanden, und wie freudig wir

überrascht waren, sichere Nachricht von Dir zu erhalten.

Aus dem Datum ersiehst Du, daß das Ministerium des Innern auf meine

Reklamation mich einstweilen ungeschoren in Paris gelassen. Das

Departement Morbihan, das man mir angewiesen, ist in dieser Jahreszeit

tödlich – die Pontinischen Sümpfe der Bretagne. Über die Affäre vom 13.

Juni Schriftliches mitzuteilen, wäre in diesem Augenblick unvorsichtig.

Ich glaube nicht, ich weiß wenigstens nicht, ob das Briefgeheimnis

respektiert wird.

Den allgemeinen Zustand hier kann ich Dir mit zwei Worten schildern:

Dekomposition der Majorität in ihre ursprünglichen, einander

feindseligen Elemente, Bonapartismus für immer kompromittiert, Malice

unter den Bauern wegen der Beibehaltung der 75 Centimes, die Weinbauern

wütend über die angedrohte Beibehaltung der Getränkesteuer, in der

öffentlichen Meinung der Windzug schon wieder antireaktionär, in der

prorogierten Kammer und im Ministerium die Reaktion ausschließlich

werdend und mit der Beseitigung der Barrot-Dufaureschen Clique aus dem

Kabinett beschäftigt. Sobald dies Faktum eintritt, kannst Du auf eine

baldige revolutionäre Resurrektion [neue Erhebung] hoffen.

Ich weiß nicht, ob Du in der Schweiz Gelegenheit hast, die englische

Bewegung zu verfolgen. Die Engländer haben sie genau bei dem Punkte

wieder aufgenommen, wo sie durch die Februarrevolution unterbrochen

wurde. Die Friedenspartei ist, wie Du weißt, nichts anderes als eine

neue Verkleidung der Freetradepartei. Aber diesmal agiert die

industrielle Bourgeoisie noch revolutionärer wie in der

Anti-Cornleague-agitation. Zweierlei: 1. Die im Innern durch die

Abschaffung der Korngesetze und der Navigationsakte an der Wurzel

gefaßte Aristokratie soll auch in ihrer auswärtigen Politik, in ihrer

europäischen Verzweigung, ruiniert werden. Umkehrung der Politik Pitts.

Antirussisch-österreichisch-preußisch, mit einem Worte für Italien und

Ungarn. Cobden hat förmlich mit dem Banne die Bankiers bedroht, die

Rußland pumpen würden, einen wahren Feldzug gegen die russischen

Finanzen eröffnet. 2. Allgemeine Stimmrechts-Agitation, um die Tenants

[Pächter] ganz von dem Grundadel politisch zu trennen, den Städten

absolute Majorität zu geben im Parlament, das Oberhaus zu nullifizieren.

Finanzreform, um Kirche und politische Revenue des Adels abzuschneiden.

In beiden Agitationen Chartisten und Freetrader vereinigt. Harney und

Palmerston scheinbar befreundet. In dem letzten in London gehaltenen

Meeting O’Connor und Kolonel Thompson eine Seele.

Dieser ökonomische Feldzug gegen Feudalismus und heilige Allianz von

unberechenbaren Folgen.

Ungarn famos. Aber dies lausige Preußen? _Qu’en dis-tu?_[1] Die blassen

Canaillen werden jetzt fettgefüttert in Sachsen, Baden, der Pfalz. Wenn

sie den Österreichern eine Armee zur Hilfe schicken, geschieht es so,

daß sie selbst in Böhmen bleiben und sich da auffüttern lassen. Aber das

elende Preußen – ich fürchte nur, daß es zu feig ist – _perdu_,[2]

sobald es an der ungarischen Affäre, die jedenfalls in einen _guerre

universelle_[3] aufgeht, sich beteiligt.

Meine Adresse: Monsieur Ramboz, 45 Rue de Lille.

_Salut!_ Ch. M.

----------

[1] Was sagst Du dazu?

[2] Verloren.

[3] Weltkrieg.

42

[Paris], 23. August 1849.

Lieber Engels!

Ich bin nach dem Departement Morbihan verwiesen, den Pontinischen

Sümpfen der Bretagne. Du begreifst, daß ich auf diesen verkleideten

Mordversuch nicht eingehe. Ich verlasse also Frankreich.

Nach der Schweiz gibt man mir keinen Paß, ich muß also nach London, und

zwar morgen. Die Schweiz wird ohnehin bald hermetisch verschlossen sein,

und die Mäuse mit einem Schlage würden gefangen sein.

Außerdem: In London habe ich _positive_ Aussicht, ein deutsches Journal

zu stiften. Ein Teil der Gelder ist mir _sicher_.[1]

Du also mußt sofort nach London. Zudem erheischt es Deine Sicherheit.

Die Preußen würden Dich doppelt erschießen: 1. wegen Baden, 2. wegen

Elberfeld. Und was sollst Du in der Schweiz, wo Du nichts tun kannst? Du

hast keine Schwierigkeit, nach London zu kommen, sei es unter dem Namen

Engels, sei es unter dem Namen Meyer. Sobald Du erklärst, nach England

zu wollen, erhältst Du einen Zwangspaß bis London von der französischen

Gesandtschaft.

Ich rechne _positiv_ darauf. Du _kannst_ nicht in der Schweiz bleiben.

Meine Frau bleibt einstweilen hier. Du schreibst an sie immer unter

derselben Adresse: 45 Rue de Lille, M. Ramboz.

Dein K. M.

----------

[1] Von Januar 1850 ab erschien dies Journal als Revue der Neuen

Rheinischen Zeitung.

Zweiter Abschnitt

Das Londoner Exil bis zur Auflösung des Kommunistenbundes

1850 bis 1853

Vorbemerkung.

Der Herbst 1849 sah Marx und Engels in London vereint. Marx war im

August 1849, unmittelbar nach seiner Ausweisung aus Paris, nach London

übersiedelt, Engels, der nach Niederwerfung des badisch-pfälzischen

Aufstandes sich einige Monate in der Schweiz aufgehalten hatte, kam im

Herbst über Genua zur See nach England. Im Verein mit Gesinnungsgenossen

reorganisierten Marx und Engels nun den Bund der Kommunisten mit der

Zentralbehörde in London und bildeten ferner mit Heinrich Bauer, Karl

Pfänder und August Willich ein Flüchtlingskomitee, das sich die

Aufbringung von Mitteln zur Unterstützung der immer zahlreicher Englands

Hauptstadt aufsuchenden Flüchtlinge zur Aufgabe stellte und nach

Möglichkeit ihnen Beschäftigung zu verschaffen suchte. Es war dies eine

überaus viel Zeit und Mühen in Anspruch nehmende, mit Widrigkeiten aller

Art verbundene Tätigkeit. Die einlaufenden Beiträge blieben weit hinter

den Erfordernissen zurück, und bei der erregten Gemütsverfassung der

Flüchtlinge gab es viel Unzufriedenheit und Reibereien. Die letzteren

wurden verschärft durch politische Streitigkeiten und Gegensätze. Die

Zerfahrenheit des erst im Entstehen begriffenen deutschen Parteiwesens,

die einen so wesentlichen Anteil an der Wiederherstellung der

Fürstengewalt gehabt hatte, fand ein Widerspiel in der Flüchtlingsschaft

und mußte, weil der Rahmen ein viel engerer und die Gemüter hier viel

intensiver auf die Politik gerichtet waren, zu um so heftigeren

Zusammenstößen führen.

Zur literarischen Vertretung ihrer Anschauungen wurde von Marx und

Engels die Zeitschrift „Neue Rheinische Zeitung, politisch-ökonomische

Revue“, ins Leben gerufen, die Anfang 1850 in London und Hamburg

herauskam und in der sie eine Reihe überaus wertvoller Aufsätze

veröffentlichten, die aber nicht hinreichenden Absatz fand, um sich

halten zu können. Die mutigen, opferwilligeren Anhänger der radikalen

Demokratie waren meist ruiniert oder ins Ausland getrieben, diejenigen

aber, die nur von der Strömung mitgerissen worden waren oder bloß die

Radikalen hatten spielen wollen, suchten nun vor allem ihre Haut zu

sichern. Andere ließen sich wohl die Revue kommen, vergaßen aber das

Bezahlen, und mit dem Eintreiben der Abonnementsgelder war es angesichts

der brutal dazwischenfahrenden Reaktion und der noch sehr mangelhaften

und teuren Posteinrichtungen schlimm bestellt. Schon nach dem vierten

Hefte, das im April 1850 herauskam, hörte die Revue auf, in Monatsfolge

zu erscheinen, ein im November 1850 noch veröffentlichtes Doppelheft

ward ihre letzte Nummer. In ihr gaben Marx und Engels zugleich der Idee

den Abschied, daß die Revolution in kürzerer Zeit von neuem ausbrechen

werde. Erst wenn die mittlerweile eingetretene Geschäftsprosperität

einer neuen Krise Platz gemacht habe, schrieben sie, werde die

Revolution sich – dann aber auch mit Sicherheit wieder einstellen. Man

wird aus den Briefen ersehen, daß immerhin selbst Marx-Engels die

Periode des „plumpen Zwischenspiels“ sich kürzer vorstellten, als sie in

Wirklichkeit dauern sollte, und daraus manches in ihrem damaligen

Verhalten erklärt finden.

Indes hatte schon die Erkenntnis, daß der Wiederausbruch der Revolution

nicht vom bloßen Willen der Revolutionspartei abhänge, im Verein mit

Zwistigkeiten über taktische Fragen untergeordneter Natur, über

Personenfragen und ähnliches genügt, Marx-Engels und einen kleinen Kreis

von Anhängern in Gegensatz zur großen Mehrheit der Londoner

Flüchtlingsschaft zu bringen. Von Anfang an hatten Marx-Engels die Idee

eines die ganze Londoner Emigration umfassenden Flüchtlingskomitees von

sich abgewiesen und bekämpft. Sie hatten sogar noch schroffer gegen die

kleinbürgerlich-sozialistischen Radikaldemokraten als gegen die im

wesentlichen nur liberalen Oppositionsleute vom Schlage der Lothar

Bucher und Genossen Stellung genommen, in den ersteren gefährlichere

Gegner der aufkommenden Arbeiterpartei bekämpft als in den letzteren,

eine Politik, die in dem von ihnen verfaßten Rundschreiben der

Zentralbehörde des Kommunistenbundes vom März 1850 näher entwickelt ist.

Wenn sie dabei manche Persönlichkeiten irrig beurteilt haben und in

bezug auf die Kritik politischer Reformen teilweise von Auffassungen

ausgingen, die sie später selbst berichtigt haben, so waren jedoch ihre

Warnungen vor den verschwommenen sozialistischen Phrasen, mit denen die

Radikaldemokraten um sich warfen, grundsätzlich gewiß am Platze. Ebenso

war die scharfe Kritik, die Marx-Engels im Aprilheft 1850 der Revue Neue

Rheinische Zeitung an der Verteidigungsrede übten, die der im badischen

Feldzug gefangen genommene Gottfried Kinkel vor dem Rastatter

Kriegsgericht gehalten hatte, sachlich durchaus berechtigt. Die Rede

enthielt Stellen, die ein Mann von Überzeugung niemals hätte äußern

dürfen, ein Mann von festem Charakter nicht hätte äußern können.

Immerhin wäre angesichts der Tatsache, daß Kinkel von Friedrich Wilhelm

IV., nach der Absicht dieses rachsüchtigen Monarchen „von Gottes

Gnaden“, auf lebenslänglich ins Zuchthaus gesteckt worden war, während

das Kriegsgericht nur auf Festung erkannt hatte, die Kritik seiner Rede

in der Form vielleicht etwas weniger heftig ausgefallen, wenn nicht

Kinkel, mittlerweile der Heros des radikalisierenden Kleinbürgertums

geworden, seine Jammerrede obendrein noch einem Organ dieser Richtung

zur Veröffentlichung hätte übergeben lassen. Auch ist der Artikel noch

in der Auffassung geschrieben, daß die Revolution in Kürze sich von

neuem erheben werde, was für Kinkel ohnehin die Befreiung geheißen

hätte. Er ist im Hinblick auf diese Annahme zu beurteilen.

Seine nächste Wirkung war jedoch ein Sturm der Entrüstung in den Reihen

der Radikaldemokraten gegen seine Verfasser, die auch von einem Teile

der Mitglieder des Kommunistenbundes und selbst von Mitgliedern der

Zentralbehörde des Bundes geteilt wurde. Insbesondere scheint August

Willich starken Anstoß an dem Artikel genommen zu haben, wie denn

Willich, nachdem der von Karl Schurz befreite Kinkel im November 1850

nach London gekommen war, auf längere Zeit dessen Kollege in der Leitung

des Komitees für die Vorbereitung der erwarteten neuen Revolution wird.

Auf Willich-Kinkel und ihre Unternehmungen bezieht sich ein großer Teil

des Briefwechsels zwischen Marx und Engels aus den Jahren 1850/51 und

1852, und die Sprache, die in bezug auf jene beiden dort geführt wird,

kann geringschätziger kaum gedacht werden. Indes hat, was Willich

anbetrifft, Marx später wiederholt Gelegenheit genommen, dessen

Tüchtigkeit in seinem eigentlichen Beruf, als Militär, ausdrücklich

anzuerkennen, und aus der Denkweise seines Berufs werden wir Willichs

Irrtümer und Mißgriffe uns zu erklären haben. Er war der radikale

Offizier des Vormärz gewesen, durch die Revolution, in der er sich mutig

und als umsichtiger Truppenführer gezeigt hatte, aus seiner Sphäre

geworfen, und konnte sich nun schwer in die neue politische Situation

hineindenken, nur schwer begreifen, daß die Revolution die Geister in

Deutschland anders zurückgelassen hatte, als sie sie in den Märztagen

vorgefunden. Daß er politisch ein unkritischer Kopf war, hebt Engels

schon in dem Briefe vom 29. Juli 1849 hervor, wo er sonst so

freundschaftlich von ihm spricht. Er charakterisiert ihn dort als

Gefühlssozialisten, der der Auffassungsweise nach in die Kategorie der

sogenannten wahren Sozialisten gehöre, und so war es im Grunde fast eine

innere Notwendigkeit, daß Willich bei der ersten Gelegenheit sich wieder

von Marx-Engels trennen und der breiten Allerweltsdemokratie zuwenden

sollte. Daß er obendrein noch etwas spießbürgerlich sentimental war, zur

Anstandsdame neigte und dann doch den kleinen Menschlichkeiten seinen

Tribut abstattete, wird man nachträglich nicht allzu pharisäisch

beurteilen. Aber man wird darum nicht minder vergessen, daß in der

eingeengten Welt, in der sich das Leben der Flüchtlinge abspielte, wo

Zwischenträgerei hinüber und herüber lief, sich manches davon sehr

unangenehm empfindbar machte und darin den bitteren Hohn erklärt finden,

mit dem Marx in seinen Briefen an Engels den Gegensatz von Phrase und

Wirklicher bei Willich schildert.

Kinkel hatte die Hauptfehler Willichs in verstärktem Maße. Er war, was

man eine theatralische Natur nennt, ein Exemplar jener Gattung Menschen,

die sich so lange am Klange tönender Deklamationen berauschen, bis ihnen

die Deklamation zur Natur geworden ist. Damit ist dann schon von selbst

gegeben, daß sie, wenn das Reden über sie kommt, gewöhnlich mehr sagen,

als sie sagen wollten. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß selbst in

seiner Rastatter Verteidigungsrede Kinkel so das Opfer seiner von ihm

sehr hoch eingeschätzten Rhetorik geworden war. Seine ganze politische

Laufbahn ist ein wiederholtes überschlagen nach der einen oder anderen

Seite. Freiligrath hat das zu einer Zeit, wo er wieder mit Kinkel

verkehrte, in einem Briefe an Arnold Ruge etwas malitiös, aber

zutreffend mit den Worten geschildert: „Der Treffliche kann nicht anders

als auf Stelzen gehen, auch wenn er schreibt. Und daher sieht man dann

seine Plattfüße erst recht.“ Das war im Jahre 1866. In der Zeit, um die

es sich hier handelt, ging Kinkel auf ultrarevolutionären Stelzen, ohne

dabei den platten Biedermann einer kleinen deutschen Universität

verleugnen zu können, der nie seine materiellen Interessen vergißt. Das

mußte in noch viel höherem Maße den Spott herausfordern, noch viel mehr

reizen, so daß auch Revolutionäre und Flüchtlinge, die durchaus nicht

auf Marx’ Seite standen, sich schließlich von Kinkel lossagten. Mit

diesen Fehlern verträgt sich natürlich recht gut eine gewisse Bonhommie,

und anerkannt soll werden, daß Kinkel nach Beendigung seiner überschläge

sich gewöhnlich immer wieder mit leidlichem Anstand im Lager der

kämpfenden Demokratie einstellte und am Abend seines Lebens mit der

sozialdemokratischen Arbeiterbewegung Fühlung hielt. Es machte auf den

Schreiber dieses einen etwas komischen Eindruck, hatte aber doch

auch sein Versöhnendes, wenn in den schlimmsten Tagen des

Sozialistengesetztes der alte gefeierte Demokrat den jungen unbekannten

deutschen Sozialdemokraten in Zürich in seiner pastosen Manier auf der

Straße laut anredete: „Nun, lieber Herr Bernstein, was machen _unsere

Genossen_ im Reiche?“

Eine wesentlich geschlossenere Natur als der rheinische Lyriker Kinkel

war der pommerische Philosoph Arnold Ruge, der im Sommer 1849 als

Emigrant nach England gekommen war und in der Flüchtlingsschaft

ebenfalls eine Rolle spielte. Die von ihm 1848 in Leipzig ins Leben

gerufene und dann nach Berlin verlegte Reform war eine der besten

demokratischen Tageszeitungen Berlins gewesen, und in der Zeit, von der

dieser und die nächsten Abschnitte handeln, hat Ruge den Mächten des

Tages keine Zugeständnisse gemacht. Dagegen hat er dem Kitzel nicht

widerstehen können, mit Gleichgesinnten selbst eine Macht spielen zu

wollen, ohne mehr hinter sich zu haben als Phantasieregimenter. Mit

Ledru-Rollin, Mazzini und etlichen anderen bildete er einen

„Zentralausschuß der europäischen Demokratie“, der die Welt von Zeit zu

Zeit mit Revolutionsmanifesten und ähnlichen Kundgebungen beschenkte,

die für kein Land mehr bloße Kuriosa waren als gerade für Deutschland.

Dabei gab es jedoch zwischen ihm nebst Gesinnungsfreunden und

Kinkel-Willich mit ihrem Anhang allerhand Rivalitäten und zeitweise

heftige Kämpfe, die literarisch vorwiegend in der deutschen Presse der

Vereinigten Staaten ausgefochten wurden. Darüber und über die Vereine

der Streitenden geben die Briefe von Marx an Engels sehr ausführliche

Einzelheiten, wobei indes bemerkt werden muß, daß Marx auf Grund

mündlicher Berichterstattung von Parteifreunden schreibt, von denen

einige nicht über den Verdacht erhaben sind, gelegentlich stark

aufgetragen zu haben.

Nach der erfolgten Spaltung in der Zentralbehörde des Kommunistenbundes

und dem Austritt von Marx-Engels und ihrem Kreis aus dem Londoner

Kommunistischen Arbeiterbildungsverein zogen sich die beiden Freunde

selbst vollständig von der Agitation in London zurück. Engels hatte nach

dem Willen seines Vaters, der ihn möglichst weit vom heißen Boden der

Londoner Emigration zu wissen wünschte, eine Stelle in Kalkutta annehmen

sollen, sie aber entrüstet zurückgewiesen. Jetzt jedoch übersiedelte er

nach Manchester, um dort eine kaufmännische Stelle im Bureau der

Großspinnerei Ermen & Engels anzunehmen, zu deren Teilhabern sein Vater

gehörte. In welcher Absicht er es tat, geht aus seinen Briefen hervor.

Bei seiner fabelhaften Arbeitskraft wäre es dem ledigen, in der Blüte

seiner Jahre stehenden Manne nicht schwer gefallen, sich als

Schriftsteller sein Brot zu erwerben. Aber es war ihm Bedürfnis, so viel

als möglich Marx beistehen zu können, dessen materielle Lage sich immer

drückender gestaltete. Marx hatte sich, wie man unter anderem aus dem

Briefe seiner Frau an Joseph Weydemeyer vom 20. Mai 1851 (abgedruckt in

der Neuen Zeit, XXV, 2, S. 18 ff.) ersieht, durch Übernahme und Deckung

der Schulden der Neuen Rheinischen Zeitung des größten Teiles des

kleinen Vermögens entäußert, über das er verfügte, und saß, da die Revue

Neue Rheinische Zeitung nur Arbeit kostete, aber kaum ihre Kosten

einbrachte, bald mit Frau, drei unerwachsenen Kindern und der treuen

Helene Demuth ohne alle Barmittel in London da. Die Möbel und fast ihr

ganzes Silberzeug hatten Marx und Frau veräußert; was ihnen vom

letzteren verblieben, war ins Pfandhaus gewandert und hatte lange Zeit

für sie nur die Bedeutung, daß sie durch die Pflicht erneuter

Zinszahlung aus das geliehene Geld an es erinnert wurden. Aus der ersten

Wohnung, die sie in London genommen hatten (in Chelsea), wurden sie in

brutalster Weise exmittiert; die zweite war eine Interimswohnung, dicht

am Leicestersquare, und dann zieht die Familie nach Deanstreet im

Sohoviertel, wo sie sich in engen Räumen behelfen muß und auch für

diese oft die Miete fehlt. Die Versuche Marxens, sich durch

schriftstellerische Arbeit zu ernähren, begegnen allen möglichen

Schwierigkeiten. In Deutschland scheuen die Verleger ängstlich davor

zurück, größere Arbeiten von Marx in Verlag zu nehmen, und diejenigen

deutschen Zeitungen, die regelmäßig Korrespondenten zahlen können, sind

Marx verschlossen oder werden von ihm als Blätter betrachtet, mit denen

man sich nicht einläßt. Auch in den Vereinigten Staaten, wo es damals

eine radikale deutsche Presse gab, die mit den Revolutionären

sympathisierte, war gerade für Marx keines der größeren dieser Blätter

zugängig. Es wäre zudem in den Augen von Engels eine Sünde gewesen, wenn

ein Mann von der Bedeutung Marx’ sich für kleine Tagesschriftstellerei

hätte abarbeiten sollen, statt in erster Reihe wissenschaftlichen

Arbeiten nachzugeben. So veranlaßt er Marx, sich vor allem an die

Vorarbeiten für das große ökonomische Werk zu machen, das Marx damals

plante, und den unmittelbaren Broterwerb in zweite Linie zu stellen. Es

ist nicht nur der Freund, der dem Freunde hilft, es ist der

_Parteimann_, der der _Partei_ eine erste geistige Kraft erhalten und

dafür sorgen will, daß diese Kraft sich in der ihren Neigungen und den

Interessen der Partei dienlichsten Weise entfalten kann. Es spricht

alles dafür, daß unter solcher Begründung Engels seinem Freunde Marx

seine dauernde Hilfe angeboten und Marx sich entschlossen hat, sie

anzunehmen.

Er würde indes doch weniger auf sie haben zurückgreifen müssen, wenn ihn

nicht unter anderem immer wieder sehr bösartige Haut-, Darm- und

Lebererkrankungen heimgesucht hätten, die meist wochenlang ihn ganz oder

halb invalide machten. Ungemein viel Zeit nehmen ihm im Jahre 1852 die

Verhaftung der Kölner und anderer Mitglieder des Kommunistischen Bundes

und der gegen die Verhafteten eingeleitete Umsturzprozeß fort. In den

Bemühungen, für die Angeklagten Entlastungsmaterial herbeizuschaffen,

sieht er sich oft von Parteigenossen, die mehr Zeit und weniger zu

sorgen haben als er, nur ungenügend unterstützt, was ihm gelegentlich

recht bittere Reflexionen entlockt. Marx war eben nicht, wie die Kinder

im Märchen, ausschließlich von Engeln umschwebt, sondern hatte

Parteifreunde von recht verschiedenem Temperament und Charakter um sich;

die einen, darunter namentlich Wilhelm Wolff, tüchtig und zuverlässig –

echtes Gold mit nur wenig Schlacken –, andere aber wenig gefestete

Naturen, die ihm mehr zu schaffen machten, als sie etwa sein Leben

erleichterten. Marx hat zum Beispiel dem jung verstorbenen Konrad

Schramm im „Herr Vogt“ ein rühmendes Andenken als dem „Percy Heißsporn“

der Partei gesetzt. Aber in der ersten Zeit seines Londoner Exils hat

ihm dieser Hitzkopf durch leichtfertiges Handeln viel Ärger bereitet und

nutzlose Arbeit verursacht. Ähnlich Ernst Dronke und der Philologe

Wilhelm Pieper.

Auch der Verkehr mit den nahestehenden Chartistenführern Julian Harney

und Ernest Jones brachte allerhand Unangenehmes mit sich, viel Arbeit

und wenig Entschädigung. Meistens waren die beiden recht schlecht

aufeinander zu sprechen und griffen sich zeitweise sogar öffentlich auf

das feindseligste an, und dann war es auch mit ihrem politischen

Verhalten nicht immer nach Wunsch bestellt. Wir werden Harney in Phrasen

machen sehen, wie keiner der von Marx-Engels bekämpften „wahren

Sozialisten“ sie verschwommener formuliert hätte, und Jones –

unzweifelhaft der Bedeutendere der beiden – sehr geneigt, Kompromisse

irgendwelcher Art einzugehen, was sich wohl aus der schlimmen Lage des

im Niedergang begriffenen englischen Chartismus erklärte, aber durchaus

im Widerspruch stand mit der von Marx und Engels verfochtenen Haltung.

Und dabei hatten diese noch Jones wie Harney mit Beiträgen für deren

stets um Leben und Sterben ringende Blätter zu unterstützen. Auch das

gehört zum Lebensbild, worüber uns nun der Meinungsaustausch unter den

Freunden genauer unterrichtet.

Anfang August 1851 erhält Marx die Einladung des Charles A. Dana zur

Mitarbeit an der New York Tribune und damit endlich den Ausblick auf

einen auch geistig leidlich befriedigenden regelmäßigen

schriftstellerischen Erwerb. Da er sich in der englischen Sprache nicht

sicher fühlt, springt nun zunächst Friedrich Engels für ihn ein und

teilt dann noch lange die Arbeit mit Marx. Im übrigen werden wir sehen,

daß auch diese Verbindung für Marx mit allerhand Verdruß verbunden war,

daß der biedere Dana mit den Korrespondenzen von Marx in der

willkürlichsten Weise verfährt, sie nach Belieben verstümmelt, sie als

Artikel benutzt, aber nicht als solche honoriert, sie mit Zusätzen

ausstattet, die Marx’ Ansichten auf den Kopf stellen und was dergleichen

Annehmlichkeiten mehr sind, die einen Schriftsteller, der auf seinen

guten Namen hält, zur Verzweiflung bringen können. Immerhin war die

Tribune ein Blatt, das sich neben den besten der damaligen Zeit sehen

lassen konnte, und die Arbeit für sie bot Marx zu einer Zeit, wo ihm

alle sonstigen Wege dazu abgeschnitten waren, die Möglichkeit, als

Schriftsteller zu Zeitgenossen zu sprechen, und den Anlaß zu Studien,

die im Rahmen des Gebiets seiner wissenschaftlichen Hauptbeschäftigung

lagen und somit ihm auch geistige Genugtuung gewährten. Marx hat in der

Tribune sehr bedeutsame Beiträge zur allgemeinen Geschichte wie zur

Wirtschaftsgeschichte der neueren Zeit veröffentlicht.

Auch unter dem Gesichtspunkt des Erwerbs wurde die Mitarbeiterschaft an

der New York Tribune für Marx nicht das, was er zuerst von ihr erwartete

und mit gutem Grunde zu erwarten berechtigt war. Der Honorarsatz von 2

Pfund Sterling für den Brief oder Artikel war für einen Mann von der

Bedeutung eines Marx mäßig genug, aber er wurde dadurch noch sehr

wesentlich verringert, daß die Tribune Marx nicht die Beiträge oder

Artikel bezahlte, die er lieferte, sondern nur diejenigen, welche die

Redaktion abzudrucken für gut befand. Und da die Redaktion von dem ihr

zukommenden Rechte der Sichtung im Laufe der Zeit Marx gegenüber

zeitweise einen wahrhaft unanständigen Gebrauch machte, kam es vor, daß

Marx manchmal knapp den dritten Teil der Artikel bezahlt erhielt, die er

einsandte, und sein Honorar faktisch auf das unbedeutender Zeilenreißer

herabsank. So gern die Redaktion der Tribune mit den Artikeln prahlte,

die sie von Marx oder von Engels im Namen von Marx erhielt, hielt dies

sie nicht ab, Marx die Bitterkeiten des taglöhnernden Schriftstellers

gründlich auskosten zu lassen. Was Bezahlung nach dem Stücke heißt, hat

Marx in der schlimmsten Form an sich selbst erfahren und furchtbare

Wirklichkeit erhielten unter diesen Umständen immer wieder für ihn

Freiligraths Worte:

Er auch ist ein Proletar,

Ihm auch heißt es: darbe, borge!

Es wäre übermenschlich gewesen, wenn diese Nöte seine Gemütsstimmung

unberührt gelassen hätten.

Noch ein Wort über die Stellen in den Briefen, die sich auf den

Kleinkrieg in der Londoner Flüchtlingsschaft beziehen. Manche der darin

ausgedrückten Urteile geben nur den Eindruck der Stunde wieder. Gewiß

lauten sie selten erbaulich, die Geschichte aller Emigrationen ist eine

Geschichte des Widerspiels von Enttäuschungen und – um mit Marx zu reden

– der „Narrheiten, die aus den außerordentlichen Umständen erwachsen,

worin die Emigration sich plötzlich gestellt findet“. So schrieb Marx

1860 im Herr Vogt. Und bei den scharfen Titeln, mit denen er in den

Briefen die Gegner in der Emigration bedenkt, bei der bitteren Kritik,

die er an ihrem Verhalten übt, darf der Leser nicht vergessen, daß Marx,

so wenig er geneigt war, sich mit Kinkel, Ruge, Willich usw. wieder

zusammenzutun, doch an der Stelle, wo er jenen Satz schrieb, hinzufügte,

daß ein Vergleich der Geschichte der 1848er deutschen Emigration mit der

gleichzeitigen Geschichte der Regierungen und der bürgerlichen

Gesellschaft als die glänzendste Verherrlichung der Emigration wirken

würde.

Es wird von diesem Abschnitt an Abstand davon genommen, den Briefen

Erläuterungen in bezug auf Einzelheiten vorauszuschicken, es würden

ihrer zu viele werden. Vielmehr wird bei den Lesern allgemeine Kenntnis

der Geschichte der 1848er Revolution und der deutschen Sozialdemokratie

vorausgesetzt. Informierende kurze Noten über Personen und Dinge, die

weniger bekannt geworden sind, findet der Leser im Register. Doch sind

auch sie auf das Nötigste beschränkt geblieben, was um so eher geschehen

konnte, als die Briefe meist einander ergänzen und so in ihrem Fortgang

zur Genüge erkennen lassen, um was es sich jedesmal handelt. Eine

Kommentierung der Briefe, die mehr geben wollte, müßte sich zu einer

ganzen Geschichte der theoretischen und unmittelbar praktischen Kämpfe

auswachsen, deren Mittelpunkt Marx-Engels bildeten. Das aber gehört

nicht in den Rahmen dieser Ausgabe. Noch weniger konnte es Sache der

Herausgeber sein, den überaus interessanten wissenschaftlichen Inhalt

der Briefe, die oft viele Seiten füllenden Auseinandersetzungen über

Fragen der Ökonomie, Geschichte, Naturwissenschaft usw. mit anderen als

orientierenden Noten zu begleiten. Wie die jeweiligen Äußerungen über

Personen, sind auch diese sachlichen Ausführungen nie schlechthin als

Endurteile ihrer Verfasser zu verstehen, sondern oft nur Merkmale ihrer

geistigen Entwicklung, Skizzen und Entwürfe aus der Werkstatt ihres

Schaffens.

Die Briefe dieses Abschnitts beginnen mit zwei Schreiben von Marx an

Engels aus dem November 1850, die den Leser gleich in die Atmosphäre

einführen, die in dieser Epoche auf Marx und den Seinen lastet. Sie

handeln vom plötzlichen Tode eines Söhnchens, der die Familie schwer

trifft und den Marx und Frau – sicher nicht mit Unrecht – auf die

bürgerliche Notlage zurückführen, in der das Londoner Exil sie sieht.

Die Bezeichnung „Pulververschwörer Föxchen“ bezieht sich darauf, daß der

Knabe den Vornamen Guido mit dem Verschwörer Fawkes gemein hatte, der im

Jahre 1605 das englische Parlament in die Luft zu sprengen unternahm.

Von den Gesinnungsgenossen in London steht keiner der Familie so nahe

wie der soeben nach Manchester übersiedelte Engels, auch sind sie, wenn

nicht von Hause aus Proletarier, doch in der Lage von solchen, Not und

schwere Kämpfe ums Dasein überall, selbst bei den englischen

Gesinnungsfreunden. George Julian Harney ist von einer Verurteilung

wegen Umgehung des Zeitungsstempels bedroht, die sein Wochenblatt, den

Roten Republikaner – _Red Republican_ – dem Tode widmen und ihn auf

unberechenbare Jahre ins Gefängnis bringen kann. Der Prozeß der

treugebliebenen Arbeiter Heinrich Bauer und Karl Pfänder, von dem Marx

schreibt, scheint finanzielle Auseinandersetzungen mit der Fraktion

Willich-Schapper zur Grundlage gehabt haben. Wir sind noch mitten in den

Kämpfen der zwei ehemaligen Flügel des Kommunistenbundes miteinander. Es

sind seit dem vollzogenen Bruch nur erst wenige Wochen verstrichen, die

gegenseitige Erbitterung beherrscht die Geister noch in voller Stärke.

Dazu Taktlosigkeiten des jungen Konrad Schramm, der eben erst das Duell

mit Willich gehabt hat und doch, wie aus dem nun folgenden Antwortbrief

von Engels hervorgeht, im gegnerischen Lager Beziehungen unterhält. Nach

diesem Brief zu schließen, gehörte ein Bruder Schramms der Gegenpartei

an. Ein anderer Umgang Schramms, der Marx verdroß, war der mit dem

Literat Sebastian Seiler, dem wir vor 1848 abwechselnd in Paris und

Brüssel begegnet waren. Der Bamberger, an den Marx sich gelegentlich

wegen Diskontierung von Wechseln wendet, war Finanzagent des famosen

Ex-Herzogs Karl von Braunschweig, dem, ähnlich wie es gewissen

Mitgliedern der Schwarzbrüderzunft ergeht, aus der Art, wie er sich bei

seiner Verjagung aus Braunschweig die Krondiamanten „gerettet“ hatte,

der Beiname Diamanten-Karl erwachsen war. Bamberger war indes nicht der

Mann, für sich aus dem Herzog viel Geld herauszuschlagen; für einen

Finanzmensch großen Stils war er zu stark von des Gedankens Blässe

angekränkelt. In Artikeln des Marx feindlichen Literatentums der 50er

und 60er Jahre stößt man unter anderem auch auf die Verdächtigung, daß

Marx dem Diamanten-Karl politische Dienste geleistet und Bamberger den

Vermittler dabei gemacht habe. Wenn es noch nötig wäre, so würden diese

Briefe zeigen, wie sehr diese Verdächtigung selbst der scheinbaren

Unterlage entbehrte.

Ein besonderes Interesse darf der Brief von Marx an Engels beanspruchen,

der das Datum des 2. September 1853 trägt. Er reinigt Marx von einem

Verdacht, der wiederholt und auch in jüngster Zeit wieder gegen ihn

ausgestreut worden ist. Anhänger und Verehrer Michael Bakunins

beschuldigen Marx, Bakunin gegenüber unehrliches Spiel getrieben zu

haben, als er ihm im Jahre 1864 erklärte, an der im vorgenannten Brief

behandelten Verdächtigung Bakunins als Regierungsagent durchaus

unbeteiligt gewesen zu sein. Der Brief beweist, daß Marx in der Tat

jener Anschuldigung durchaus fern stand. Wir erfahren ferner aus ihm,

daß die im Jahre 1848 von der Neuen Rheinischen Zeitung gebrachte

Meldung, Georges Sand habe Briefe, welche bewiesen, daß Bakunin Agent

der russischen Regierung geworden sei, der Zeitung, außer von der

Korrespondenz Havas, von Hermann _Ewerbeck_ zur Veröffentlichung

übersandt worden war, der zwar deutscher Sozialist, aber kein Mitglied

des Kreises der engeren Freunde von Marx war. Spätere Briefe, so

namentlich der Brief von Engels an Marx vom 27. November 1861 über

Bakunins Flucht und der von Marx an Engels vom 4. November 1864 über des

ersteren Zusammentreffen mit Bakunin, beweisen überzeugend, daß die

beiden Freunde diesem bis zu der Zeit durchaus wohlgesinnt

gegenüberstanden, wo Bakunin in der Internationale als Gegner des

Londoner Generalrats auftrat. Den Urheber der Beschuldigung, von der der

Brief vom 2. September 1853 handelt, nennt Marx im Brief an Engels vom

22. April 1854 „einen sehr stupiden Urquhartiten“. Der Mann hieß auch

Marx, aber nicht Karl sondern Franz oder vielmehr _Francis_, denn er war

Engländer, der mit Karl Marx nichts als den Familiennamen gemein hatte.

Näheres über ihn findet man in N. Rjasanoffs Aufsatz Marx als Verleumder

(Neue Zeit, XXIX, 1, S. 278 ff.).

Alles weitere aus den Briefen selbst. Wie im ersten Abschnitt, wechseln

auch weiterhin Briefe von Marx an Engels und solche von Engels an Marx

immer wieder der Zeitfolge nach einander ab. Einige dem Briefwechsel

beigelegte Briefe von Frau Marx an Engels und von Engels an Frau Marx

werden selbstverständlich wie Briefe von oder an Marx behandelt.

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 17 / 196 题