Lieber Marx!
Erst heute abend hat sich’s entschieden, daß ich komme. Also Samstag
abend in Ostende, Hotel de la Couronne, gleich der Eisenbahnstation
gegenüber am Bassin, _and Sunday Morning across the water_[1]. Wenn Ihr
mit dem Zuge kommt, der zwischen 4 und 5 fährt, werdet Ihr ungefähr zu
gleicher Zeit mit mir ankommen.
Sollte Sonntags wider Erwarten kein Postdampfschiff nach Dover fahren,
so schreibe mir’s umgehend. Das heißt, da Du diesen Brief Donnerstag
morgen bekommst, mußt Du Dich gleich erkundigen und, falls zu schreiben
ist, den Brief noch denselben Abend – ich glaube vor 5 Uhr – auf die
große Post besorgen. Hast Du also an dem Rendezvous etwas zu ändern, so
ist noch Zeit. Habe ich Freitag morgen keinen Brief, so rechne ich
darauf, Dich und Tedesco Samstag abend in der Couronne zu treffen. Es
bleibt uns dann Zeit genug, uns zu besprechen; dieser Kongreß muß
entscheidend sein, _as this time we shall have it all our own way_[2].
Ich habe schon lange absolut nicht begreifen können, warum Du dem Moses
seinen Klatsch nicht untersagt hast. Hier richtet mir das eine
Teufelskonfusion und die langwierigsten Gegenreden bei den Arbeitern an.
Ganze Kreissitzungen sind darüber verloren gegangen, und in den
Gemeinden ist nicht einmal gegen diesen „flauen“ Kohl durchzugreifen
möglich, namentlich vor der Wahl war daran nicht zu denken.
Den Louis Blanc denke ich morgen noch zu treffen. Wo nicht, sehe ich ihn
übermorgen jedenfalls. Kann ich nicht schon am Fuße etwas mitteilen, so
hörst Du das Weitere Samstag.
Übrigens hatte der Reinhardt mir dummes Zeug gesagt über die Anzahl der
verkauften Exemplare – nicht 37, sondern 96 waren heute vor acht Tagen
verkauft. An demselben Tage noch habe ich dem Louis Blanc Dein Buch
selbst hingebracht. Alle Exemplare waren besorgt, nur Lamartine (nicht
hier), Louis Blanc und Vidal nicht, dessen Adresse nicht zu finden. Ich
hab’s auf die Presse bringen lassen. – Übrigens ist die Besorgung bei
dem Frank wirklich schauderhaft gewesen.
Sorge wenigstens, daß Moses während unserer Abwesenheit keinen Unsinn
macht! Also _au revoir_![3]
Dein E.
Dienstag abends. Überlege Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas. Ich
glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und
titulieren das Ding: Kommunistisches _Manifest_. Da darin mehr oder
weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige Form gar
nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe, es ist einfach
erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher Eile. Ich fange
an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich das Proletariat –
Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren Arbeitern, Entwicklung
des Gegensatzes des Proletariats und der Bourgeoisie, Krisen,
Folgerungen. Dazwischen allerlei Nebensachen und schließlich die
Parteipolitik der Kommunisten, soweit sie vors Publikum gehört. Das
hiesige ist noch nicht ganz zur Bestätigung vorgelegt, aber ich denke,
bis auf einige ganz kleine Kleinigkeiten, es so durchzusetzen, daß
wenigstens nichts gegen unsere Ansichten drin steht.
Mittwoch morgen. Soeben erhalte ich Deinen in obigem beantworteten
Brief. Bei Louis Blanc war ich. Mit dem habe ich merkwürdiges Pech – _il
est en voyage; il reviendra _peut-être_ aujourd’hui_.[4] Morgen und
nötigenfalls übermorgen gehe ich wieder hin. – Freitag abend kann ich
noch nicht in Ostende sein, weil das Geld erst bis Freitag
zusammenkommt.
Dein Vetter Philipps war heute morgen bei mir.
Der Born wird die Rede ganz gut machen, wenn Du ihn etwas einpaukst. Es
ist gut, daß die Deutschen durch einen Arbeiter repräsentiert sind. Aber
dem Lupus muß die übertriebene Bescheidenheit absolut ausgetrieben
werden. Der brave Kerl ist einer der Wenigen, die man in den Vordergrund
_poussieren_ muß. Weerth um Gottes willen nicht als Repräsentanten!
Einer, der immer zu faul war, bis ihn der Kongreß-_succès d’un jour_[5]
hineinlancierte! Und der obendrein noch _an independent member_[6] sein
will. _Il faut le retenir dans sa sphère._[7]
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[1] Und Sonntag morgen [geht es] übers Wasser.
[2] Da wir es diesmals ganz nach unserem Willen haben werden.
[3] Auf Wiedersehen.
[4] Er ist auf Reisen, er wird _vielleicht_ heute zurückkommen.
[5] Erfolg eines Tages.
[6] Ein unabhängiges Mitglied.
[7] Man muß ihn in seiner Sphäre zurückhalten.
23
Paris, Freitag abend, 26. November 1847.
Lieber Marx!
Endlich bin ich des Louis Blanc habhaft geworden und zugleich des
Grundes, weshalb ich ihn nie fassen konnte. _Écoute plutôt – ce petit
grand Seigneur littéraire ne reçoit que les jeudis! et encore
l’après-midi seulement._[1] Was er mir nie zu wissen getan hatte, weder
direkt noch durch seinen Portier. Natürlich waren eine Masse Esel bei
ihm, unter anderen Ramon de la Sagra, der mir eine Broschüre gab, welche
beifolgt. Ich habe sie noch nicht gelesen. Schließlich konnte ich indes
noch ein paar Minuten mit ihm über unsere Angelegenheit sprechen. Er
gestand zögernd, er habe noch nicht die Zeit gehabt, Dein Buch zu lesen
.... _Je l’ai feuilleté et j’ai vu que M. Proudhon y est assez vivement
attaqué .... Eh bien_, frug ich, _alors serez vous en mesure de faire
l’article pour la Réforme que vous m’aviez promis? – Un article, ah, mon
Dieu, non, je suis si obsédé par mes éditeurs – mais voilà ce qu’il faut
faire: faites l’article vous-même et je le ferai passer à la
Réforme._[2] Das wurde denn abgemacht. _Au fond_[3] verlierst Du nichts
dabei. Wenigstens werd’ ich unsere Ansichten richtiger darstellen, als
er es getan haben würde. Ich werde sie direkt mit den seinigen in
Parallele stellen – das ist alles, was durchzubringen ist, die
Konklusion _gegen_ die Réforme kann man natürlich nicht in der Réforme
selbst ziehen. Ich mache ihn gleich.
Warum hast Du dem Bornstedt nicht gesagt, _er_ soll _nicht_ an die
Réforme wegen Deiner Geschichte schreiben? Mein Artikel war fertig,
als dem Bornstedt seiner in der Réforme zugleich mit den
Chartistengeschichten erschien, aus deren Abdruck ich gewartet hatte, um
ihn hinzubringen. Er war bedeutend länger als die kurze Notiz, wo noch
dazu Dein Name entstellt [ist]. Ich hab’s dem Flocon gesagt, er soll den
Druckfehler ändern, gestern hat er’s nicht getan, und heute habe ich die
Réforme nicht gesehen. Das macht auch wenig. Wenn Deine
[Freihandels-]Rede erscheint, schicke mir gleich vier bis fünf Exemplare
für die Réforme, Louis Blanc, de la Sagra (für die Démocratie
pacifique), usw. usw. Ich kann jetzt einen längeren Artikel daraus
machen, da die Notiz so schimpflich kurz.
Was den Louis Blanc angeht, so verdient der gezüchtigt zu werden.
Schreibe eine Kritik seiner Revolution für die Deutsche Brüsseler
Zeitung und weise ihm praktisch nach, wie sehr wir über ihm stehen;
freundschaftlich in der Form, aber unsere Superiorität entschieden
festhaltend im Inhalt. _On lui fera parvenir cela._[4] Man muß dem
kleinen Sultan etwas bange machen. Die theoretische Seite ist leider
Gottes einstweilen unsere einzige _force_[5], aber das gilt bei diesen
Lanzenbrethern von der _science sociale_[6], von der _loi de la
production suffisante_[7] usw. viel. Gottvoll mit ihrem Jagen nach
dieser unbekannten _loi_ sind die Kerls. Sie wollen ein Gesetz finden,
womit sie die Produktion verzehnfachen. Sie suchen, wie der Fuhrmann der
Fabel, den Herkules, der ihnen den sozialen Karren aus dem Dreck holen
soll. Der Herkules liegt in ihren eigenen Armen. Die _loi de la
production suffisante_[8] besteht darin, daß man _suffisamment_[9]
produziert. Können sie das nicht, [Lücke] ... hilft ihnen kein
Zauberspruch. Die _breveté_ ...[10] [Lücke] den Erfinder tun mehr für
die _production suffisante_ als der ganze Louis Blanc mit seinem
tiefsinnigen, überfliegenden Trachten nach _la science_[11].
Dem Bernays hatte ich auf sein Letztes einen sehr ironischen Brief
geschrieben und bedauert, daß seine Unparteilichkeit mir den letzten
Trost raube, den, eine verkannte schöne Seele zu sein – _à la_ Praslin.
Mit schmerzlichem Blick nach oben schickt er mir dies Billet zurück und
bemerkt, hiermit habe unsere Korrespondenz ihr Ende erreicht. _Sela._
Sonst nichts Neues. Schreibe bald.
Dein E.
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[1] Höre nur – dieser kleine große Herr empfängt nur Donnerstags,
und auch dann nur am Nachmittag.
[2] „Ich habe es durchblättert und habe gesehen, daß Herr Proudhon
da ziemlich scharf angegriffen wird.“ ... Nun wohl, frug ich, werden
Sie also in der Lage sein, den Artikel für die Réforme zu schreiben,
den Sie mir versprochen hatten? – Einen Artikel? Ach, mein Gott, ich
werde so von meinen Verlegern belagert – aber halt, das ist zu
machen: schreiben Sie den Artikel selbst, und ich werde ihn in die
Réforme bringen.
[3] Im Grunde.
[4] Man wird ihm das zukommen lassen.
[5] Stärke.
[6] Sozialwissenschaft.
[7] [und]
[8] Gesetz der ausreichenden Produktion.
[9] Ausreichend.
[10] Patent.
[11] Wissenschaft.
1848
24
Paris, 14. Januar 1848.
Lieber Marx!
Wenn ich Dir nicht geschrieben habe, so lag das daran, daß ich bis heute
den verfluchten Louis Blanc noch immer nicht zu fassen kriegen konnte.
_Décidément il y met de la mauvaise volonté._[1] Aber ich packe ihn doch
– ich gehe alle Tage hin oder laure ihm im Café auf. Mit _père_[2]
Flocon dagegen ist was zu machen. Er ist entzückt über die Manier, wie
die Brüsseler Zeitung und der Northern Star die Réforme gegen den
National verteidigt haben. Selbst die _blâme_[3] gegen Louis Blanc und
Ledru-Rollin haben ihn nicht irre gemacht; ebensowenig meine Erklärung,
wir hätten uns jetzt in London entschieden, öffentlich als Kommunisten
aufzutreten. Er machte natürlich schöne Sachen geltend: _Vous tendez au
despotisme, vous tuerez la révolution en France, nous avons onze
millions de petits paysans qui sont en même temps les propriétaires les
plus enragés etc. etc._,[4] obwohl er auch auf die Bauern schimpfte,
aber _enfin, dit-il, nos principes sont trop rapprochés les uns des
autres pour que nous ne devions pas marcher ensemble; quant à nous nous
vous appuierons autant que sera dans notre pouvior etc._[5]
* * * * *
Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm, da lag er
im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt, gestern war er auf, aber
höchst elend. Er kann kaum drei Schritte mehr gehen, er schleicht, an
den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis ans Bett und _vice versa_.[6]
Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht, Schreinern, Hämmern
usw. Geistig ist er auch etwas ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde
aber nicht vorgelassen.
Bei Herwegh war ich auch gestern. Hat nebst Familie die Grippe und viel
Besuch von alten Weibern. Er sagte mir, daß der zweite Band von Louis
Blanc ganz verdunkelt werde durch den enormen Sukzeß von Michelets
zweitem Band. Ich habe beide noch nicht gelesen, weil ich wegen
Geldmangel mich nicht im Lesekabinett abonnieren konnte. Übrigens ist
der Micheletsche Sukzeß nur durch seine Suspension und seine
Bürgerlichkeit zu erklären.
Mit dem B[und] geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit und
kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vorgekommen.
Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich der kompletteste
Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und daher ist nichts zu
machen. Die einen sind echte Straubinger, alternde Knoten, die anderen
angehende Kleinbürger. Eine Klasse, die davon lebt, daß sie wie Irländer
den Franzosen den Lohn drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt
noch einen letzten Versuch, _si cela ne réussit pas, je me retire de
cette espèce de propagande_[7]. Hoffentlich kommen die Londoner Papiere
bald und werden die Geschichte wieder etwas beleben; ich werde dann den
Moment benutzen. Da die Kerle bis jetzt gar kein Resultat des Kongresses
sehen, werden sie natürlich vollends schlapp. Ich bin mit einigen neuen
Arbeitern, die mir Stumpf und Neubeck zugeführt, in Verbindung, es ist
aber nicht zu sagen, was daraus zu machen ist.
Sage dem Bornstedt: 1. Er soll mit seinen Abonnements bei den hiesigen
Arbeitern nicht mit so geschäftsmäßiger Strenge auftreten, sonst
verliert er sie alle; 2. der Agent, den ihm der Moses verschafft, ist
ein lamentierender Schlappschwanz und sehr eitel, aber der einzige, der
sich noch damit befassen will und kann, er soll ihn also nicht
froissieren [abstoßen], der Kerl hat sich auch geplagt, aber er kann
kein Geld zusetzen, was er übrigens _schon getan_ hat. Er muß aus dem
Geld, das ihm einkommt, doch die Kosten decken, die ihm die
Korrespondenz usw. machte; 3. wenn er einzelne Nummern herschickt, nie
mehr als 10 bis 15 von einer Nummer höchstens, und zwar _durch
Gelegenheit_. Die Pakete [Lücke] ... das Ministerium Duchâtel, wo sie
mit Zeitverlust geholt werden müssen, und wo das Ministerium einen
furchtbaren Portoaufschlag erhebt, um diesen Commerce zu ruinieren. So
ein Paket kostet 6 bis 8 Franken, und was ist da zu machen, wenn es
gefordert wird? Esselenz in Lüttich wollte einen _garde de convoi_[8]
stellen, der das besorgte; schreib doch nach Lüttich, daß das
eingerichtet wird; 4. die Nummern, die noch hier waren, sind durch
Gelegenheit nach Süddeutschland geschickt. Wenn sich Gelegenheit bietet,
so soll Bornstedt noch einige neue Nummern herschicken, um Propaganda in
Cafés usw. zu machen. 5. Wird Bornstedt dieser Tage einen Artikel und
die Geschichte über die preußischen Finanzen erhalten. Du mußt aber das
wegen der Ausschüsse von 1843 nochmals durchsehen und das Nötige ändern,
da es aus sehr wüster Erinnerung aufgeschrieben ist.
Wenn die Geschichte mit Mosi dahin führt, daß Du ihn in der Brüsseler
Zeitung attackierst, so soll sie mich sehr freuen. Wie der Kerl noch in
Brüssel bleibt, ist mir unbegreiflich. _En voilà encore une occasion
pour l’exiler à Verviers._[9] Das mit der Réforme soll besorgt werden.
Dein E.
Nach dem Ausbruch der Februarrevolution glaubte die belgische Regierung
im Interesse der öffentlichen Ordnung Marx und Wilhelm Wolff aus Belgien
ausweisen zu müssen. Bei dieser Gelegenheit wurden Marx und seine Frau
widerrechtlich verhaftet und für eine Nacht ins Gefängnis gesperrt. Die
Entrüstung darüber war in Brüssel sehr groß, so daß der Munizipalrat den
Polizeikommissar, der die Verhaftung angeordnet hatte, absetzte. Im
Briefe Nr. 25 berichtet Engels über den Verlauf der Affäre. Marx ging
nach Paris, Engels von Paris nach Brüssel.
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[1] Entschieden, er handelt da mit bösem Willen.
[2] Vater.
[3] Tadel.
[4] Ihr neigt zum Despotismus, ihr werdet die Revolution in
Frankreich töten; wir haben elf Millionen Kleinbauern, die zugleich
die fanatischsten Eigentümer sind usw. usw.
[5] Schließlich, sagt er, sind unsere Prinzipien einander zu nahe
verwandt, als daß wir nicht zusammengehen sollten. Was uns
anbetrifft, so werden wir euch soviel in unseren Kräften steht
unterstützen.
[6] Umgekehrt, wieder zurück.
[7] Wenn das nicht glückt, ziehe ich mich von dieser Art Propaganda
zurück.
[8] Zugführer (im Eisenbahndienst).
[9] Das ist noch ein Anlaß, ihn nach Verviers zu exilieren.
25
[Aus Brüssel]