24. November 1847.

Lieber Marx!

Erst heute abend hat sich’s entschieden, daß ich komme. Also Samstag

abend in Ostende, Hotel de la Couronne, gleich der Eisenbahnstation

gegenüber am Bassin, _and Sunday Morning across the water_[1]. Wenn Ihr

mit dem Zuge kommt, der zwischen 4 und 5 fährt, werdet Ihr ungefähr zu

gleicher Zeit mit mir ankommen.

Sollte Sonntags wider Erwarten kein Postdampfschiff nach Dover fahren,

so schreibe mir’s umgehend. Das heißt, da Du diesen Brief Donnerstag

morgen bekommst, mußt Du Dich gleich erkundigen und, falls zu schreiben

ist, den Brief noch denselben Abend – ich glaube vor 5 Uhr – auf die

große Post besorgen. Hast Du also an dem Rendezvous etwas zu ändern, so

ist noch Zeit. Habe ich Freitag morgen keinen Brief, so rechne ich

darauf, Dich und Tedesco Samstag abend in der Couronne zu treffen. Es

bleibt uns dann Zeit genug, uns zu besprechen; dieser Kongreß muß

entscheidend sein, _as this time we shall have it all our own way_[2].

Ich habe schon lange absolut nicht begreifen können, warum Du dem Moses

seinen Klatsch nicht untersagt hast. Hier richtet mir das eine

Teufelskonfusion und die langwierigsten Gegenreden bei den Arbeitern an.

Ganze Kreissitzungen sind darüber verloren gegangen, und in den

Gemeinden ist nicht einmal gegen diesen „flauen“ Kohl durchzugreifen

möglich, namentlich vor der Wahl war daran nicht zu denken.

Den Louis Blanc denke ich morgen noch zu treffen. Wo nicht, sehe ich ihn

übermorgen jedenfalls. Kann ich nicht schon am Fuße etwas mitteilen, so

hörst Du das Weitere Samstag.

Übrigens hatte der Reinhardt mir dummes Zeug gesagt über die Anzahl der

verkauften Exemplare – nicht 37, sondern 96 waren heute vor acht Tagen

verkauft. An demselben Tage noch habe ich dem Louis Blanc Dein Buch

selbst hingebracht. Alle Exemplare waren besorgt, nur Lamartine (nicht

hier), Louis Blanc und Vidal nicht, dessen Adresse nicht zu finden. Ich

hab’s auf die Presse bringen lassen. – Übrigens ist die Besorgung bei

dem Frank wirklich schauderhaft gewesen.

Sorge wenigstens, daß Moses während unserer Abwesenheit keinen Unsinn

macht! Also _au revoir_![3]

Dein E.

Dienstag abends. Überlege Dir doch das Glaubensbekenntnis etwas. Ich

glaube, wir tun am besten, wir lassen die Katechismusform weg und

titulieren das Ding: Kommunistisches _Manifest_. Da darin mehr oder

weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige Form gar

nicht. Ich bringe das hiesige mit, das ich gemacht habe, es ist einfach

erzählend, aber miserabel redigiert, in fürchterlicher Eile. Ich fange

an: Was ist der Kommunismus? und dann gleich das Proletariat –

Entstehungsgeschichte, Unterschied von früheren Arbeitern, Entwicklung

des Gegensatzes des Proletariats und der Bourgeoisie, Krisen,

Folgerungen. Dazwischen allerlei Nebensachen und schließlich die

Parteipolitik der Kommunisten, soweit sie vors Publikum gehört. Das

hiesige ist noch nicht ganz zur Bestätigung vorgelegt, aber ich denke,

bis auf einige ganz kleine Kleinigkeiten, es so durchzusetzen, daß

wenigstens nichts gegen unsere Ansichten drin steht.

Mittwoch morgen. Soeben erhalte ich Deinen in obigem beantworteten

Brief. Bei Louis Blanc war ich. Mit dem habe ich merkwürdiges Pech – _il

est en voyage; il reviendra _peut-être_ aujourd’hui_.[4] Morgen und

nötigenfalls übermorgen gehe ich wieder hin. – Freitag abend kann ich

noch nicht in Ostende sein, weil das Geld erst bis Freitag

zusammenkommt.

Dein Vetter Philipps war heute morgen bei mir.

Der Born wird die Rede ganz gut machen, wenn Du ihn etwas einpaukst. Es

ist gut, daß die Deutschen durch einen Arbeiter repräsentiert sind. Aber

dem Lupus muß die übertriebene Bescheidenheit absolut ausgetrieben

werden. Der brave Kerl ist einer der Wenigen, die man in den Vordergrund

_poussieren_ muß. Weerth um Gottes willen nicht als Repräsentanten!

Einer, der immer zu faul war, bis ihn der Kongreß-_succès d’un jour_[5]

hineinlancierte! Und der obendrein noch _an independent member_[6] sein

will. _Il faut le retenir dans sa sphère._[7]

----------

[1] Und Sonntag morgen [geht es] übers Wasser.

[2] Da wir es diesmals ganz nach unserem Willen haben werden.

[3] Auf Wiedersehen.

[4] Er ist auf Reisen, er wird _vielleicht_ heute zurückkommen.

[5] Erfolg eines Tages.

[6] Ein unabhängiges Mitglied.

[7] Man muß ihn in seiner Sphäre zurückhalten.

23

Paris, Freitag abend, 26. November 1847.

Lieber Marx!

Endlich bin ich des Louis Blanc habhaft geworden und zugleich des

Grundes, weshalb ich ihn nie fassen konnte. _Écoute plutôt – ce petit

grand Seigneur littéraire ne reçoit que les jeudis! et encore

l’après-midi seulement._[1] Was er mir nie zu wissen getan hatte, weder

direkt noch durch seinen Portier. Natürlich waren eine Masse Esel bei

ihm, unter anderen Ramon de la Sagra, der mir eine Broschüre gab, welche

beifolgt. Ich habe sie noch nicht gelesen. Schließlich konnte ich indes

noch ein paar Minuten mit ihm über unsere Angelegenheit sprechen. Er

gestand zögernd, er habe noch nicht die Zeit gehabt, Dein Buch zu lesen

.... _Je l’ai feuilleté et j’ai vu que M. Proudhon y est assez vivement

attaqué .... Eh bien_, frug ich, _alors serez vous en mesure de faire

l’article pour la Réforme que vous m’aviez promis? – Un article, ah, mon

Dieu, non, je suis si obsédé par mes éditeurs – mais voilà ce qu’il faut

faire: faites l’article vous-même et je le ferai passer à la

Réforme._[2] Das wurde denn abgemacht. _Au fond_[3] verlierst Du nichts

dabei. Wenigstens werd’ ich unsere Ansichten richtiger darstellen, als

er es getan haben würde. Ich werde sie direkt mit den seinigen in

Parallele stellen – das ist alles, was durchzubringen ist, die

Konklusion _gegen_ die Réforme kann man natürlich nicht in der Réforme

selbst ziehen. Ich mache ihn gleich.

Warum hast Du dem Bornstedt nicht gesagt, _er_ soll _nicht_ an die

Réforme wegen Deiner Geschichte schreiben? Mein Artikel war fertig,

als dem Bornstedt seiner in der Réforme zugleich mit den

Chartistengeschichten erschien, aus deren Abdruck ich gewartet hatte, um

ihn hinzubringen. Er war bedeutend länger als die kurze Notiz, wo noch

dazu Dein Name entstellt [ist]. Ich hab’s dem Flocon gesagt, er soll den

Druckfehler ändern, gestern hat er’s nicht getan, und heute habe ich die

Réforme nicht gesehen. Das macht auch wenig. Wenn Deine

[Freihandels-]Rede erscheint, schicke mir gleich vier bis fünf Exemplare

für die Réforme, Louis Blanc, de la Sagra (für die Démocratie

pacifique), usw. usw. Ich kann jetzt einen längeren Artikel daraus

machen, da die Notiz so schimpflich kurz.

Was den Louis Blanc angeht, so verdient der gezüchtigt zu werden.

Schreibe eine Kritik seiner Revolution für die Deutsche Brüsseler

Zeitung und weise ihm praktisch nach, wie sehr wir über ihm stehen;

freundschaftlich in der Form, aber unsere Superiorität entschieden

festhaltend im Inhalt. _On lui fera parvenir cela._[4] Man muß dem

kleinen Sultan etwas bange machen. Die theoretische Seite ist leider

Gottes einstweilen unsere einzige _force_[5], aber das gilt bei diesen

Lanzenbrethern von der _science sociale_[6], von der _loi de la

production suffisante_[7] usw. viel. Gottvoll mit ihrem Jagen nach

dieser unbekannten _loi_ sind die Kerls. Sie wollen ein Gesetz finden,

womit sie die Produktion verzehnfachen. Sie suchen, wie der Fuhrmann der

Fabel, den Herkules, der ihnen den sozialen Karren aus dem Dreck holen

soll. Der Herkules liegt in ihren eigenen Armen. Die _loi de la

production suffisante_[8] besteht darin, daß man _suffisamment_[9]

produziert. Können sie das nicht, [Lücke] ... hilft ihnen kein

Zauberspruch. Die _breveté_ ...[10] [Lücke] den Erfinder tun mehr für

die _production suffisante_ als der ganze Louis Blanc mit seinem

tiefsinnigen, überfliegenden Trachten nach _la science_[11].

Dem Bernays hatte ich auf sein Letztes einen sehr ironischen Brief

geschrieben und bedauert, daß seine Unparteilichkeit mir den letzten

Trost raube, den, eine verkannte schöne Seele zu sein – _à la_ Praslin.

Mit schmerzlichem Blick nach oben schickt er mir dies Billet zurück und

bemerkt, hiermit habe unsere Korrespondenz ihr Ende erreicht. _Sela._

Sonst nichts Neues. Schreibe bald.

Dein E.

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[1] Höre nur – dieser kleine große Herr empfängt nur Donnerstags,

und auch dann nur am Nachmittag.

[2] „Ich habe es durchblättert und habe gesehen, daß Herr Proudhon

da ziemlich scharf angegriffen wird.“ ... Nun wohl, frug ich, werden

Sie also in der Lage sein, den Artikel für die Réforme zu schreiben,

den Sie mir versprochen hatten? – Einen Artikel? Ach, mein Gott, ich

werde so von meinen Verlegern belagert – aber halt, das ist zu

machen: schreiben Sie den Artikel selbst, und ich werde ihn in die

Réforme bringen.

[3] Im Grunde.

[4] Man wird ihm das zukommen lassen.

[5] Stärke.

[6] Sozialwissenschaft.

[7] [und]

[8] Gesetz der ausreichenden Produktion.

[9] Ausreichend.

[10] Patent.

[11] Wissenschaft.

1848

24

Paris, 14. Januar 1848.

Lieber Marx!

Wenn ich Dir nicht geschrieben habe, so lag das daran, daß ich bis heute

den verfluchten Louis Blanc noch immer nicht zu fassen kriegen konnte.

_Décidément il y met de la mauvaise volonté._[1] Aber ich packe ihn doch

– ich gehe alle Tage hin oder laure ihm im Café auf. Mit _père_[2]

Flocon dagegen ist was zu machen. Er ist entzückt über die Manier, wie

die Brüsseler Zeitung und der Northern Star die Réforme gegen den

National verteidigt haben. Selbst die _blâme_[3] gegen Louis Blanc und

Ledru-Rollin haben ihn nicht irre gemacht; ebensowenig meine Erklärung,

wir hätten uns jetzt in London entschieden, öffentlich als Kommunisten

aufzutreten. Er machte natürlich schöne Sachen geltend: _Vous tendez au

despotisme, vous tuerez la révolution en France, nous avons onze

millions de petits paysans qui sont en même temps les propriétaires les

plus enragés etc. etc._,[4] obwohl er auch auf die Bauern schimpfte,

aber _enfin, dit-il, nos principes sont trop rapprochés les uns des

autres pour que nous ne devions pas marcher ensemble; quant à nous nous

vous appuierons autant que sera dans notre pouvior etc._[5]

* * * * *

Heine ist am Kaputtgehen. Vor vierzehn Tagen war ich bei ihm, da lag er

im Bett und hatte einen Nervenanfall gehabt, gestern war er auf, aber

höchst elend. Er kann kaum drei Schritte mehr gehen, er schleicht, an

den Mauern sich stützend, vom Fauteuil bis ans Bett und _vice versa_.[6]

Dazu Lärm in seinem Hause, der ihn verrückt macht, Schreinern, Hämmern

usw. Geistig ist er auch etwas ermattet. Heinzen wollte zu ihm, wurde

aber nicht vorgelassen.

Bei Herwegh war ich auch gestern. Hat nebst Familie die Grippe und viel

Besuch von alten Weibern. Er sagte mir, daß der zweite Band von Louis

Blanc ganz verdunkelt werde durch den enormen Sukzeß von Michelets

zweitem Band. Ich habe beide noch nicht gelesen, weil ich wegen

Geldmangel mich nicht im Lesekabinett abonnieren konnte. Übrigens ist

der Micheletsche Sukzeß nur durch seine Suspension und seine

Bürgerlichkeit zu erklären.

Mit dem B[und] geht’s hier miserabel. Solche Schlafmützigkeit und

kleinliche Eifersucht der Kerls untereinander ist mir nie vorgekommen.

Die Weitlingerei und Proudhonisterei sind wirklich der kompletteste

Ausdruck der Lebensverhältnisse dieser Esel, und daher ist nichts zu

machen. Die einen sind echte Straubinger, alternde Knoten, die anderen

angehende Kleinbürger. Eine Klasse, die davon lebt, daß sie wie Irländer

den Franzosen den Lohn drückt, ist total unbrauchbar. Ich mache jetzt

noch einen letzten Versuch, _si cela ne réussit pas, je me retire de

cette espèce de propagande_[7]. Hoffentlich kommen die Londoner Papiere

bald und werden die Geschichte wieder etwas beleben; ich werde dann den

Moment benutzen. Da die Kerle bis jetzt gar kein Resultat des Kongresses

sehen, werden sie natürlich vollends schlapp. Ich bin mit einigen neuen

Arbeitern, die mir Stumpf und Neubeck zugeführt, in Verbindung, es ist

aber nicht zu sagen, was daraus zu machen ist.

Sage dem Bornstedt: 1. Er soll mit seinen Abonnements bei den hiesigen

Arbeitern nicht mit so geschäftsmäßiger Strenge auftreten, sonst

verliert er sie alle; 2. der Agent, den ihm der Moses verschafft, ist

ein lamentierender Schlappschwanz und sehr eitel, aber der einzige, der

sich noch damit befassen will und kann, er soll ihn also nicht

froissieren [abstoßen], der Kerl hat sich auch geplagt, aber er kann

kein Geld zusetzen, was er übrigens _schon getan_ hat. Er muß aus dem

Geld, das ihm einkommt, doch die Kosten decken, die ihm die

Korrespondenz usw. machte; 3. wenn er einzelne Nummern herschickt, nie

mehr als 10 bis 15 von einer Nummer höchstens, und zwar _durch

Gelegenheit_. Die Pakete [Lücke] ... das Ministerium Duchâtel, wo sie

mit Zeitverlust geholt werden müssen, und wo das Ministerium einen

furchtbaren Portoaufschlag erhebt, um diesen Commerce zu ruinieren. So

ein Paket kostet 6 bis 8 Franken, und was ist da zu machen, wenn es

gefordert wird? Esselenz in Lüttich wollte einen _garde de convoi_[8]

stellen, der das besorgte; schreib doch nach Lüttich, daß das

eingerichtet wird; 4. die Nummern, die noch hier waren, sind durch

Gelegenheit nach Süddeutschland geschickt. Wenn sich Gelegenheit bietet,

so soll Bornstedt noch einige neue Nummern herschicken, um Propaganda in

Cafés usw. zu machen. 5. Wird Bornstedt dieser Tage einen Artikel und

die Geschichte über die preußischen Finanzen erhalten. Du mußt aber das

wegen der Ausschüsse von 1843 nochmals durchsehen und das Nötige ändern,

da es aus sehr wüster Erinnerung aufgeschrieben ist.

Wenn die Geschichte mit Mosi dahin führt, daß Du ihn in der Brüsseler

Zeitung attackierst, so soll sie mich sehr freuen. Wie der Kerl noch in

Brüssel bleibt, ist mir unbegreiflich. _En voilà encore une occasion

pour l’exiler à Verviers._[9] Das mit der Réforme soll besorgt werden.

Dein E.

Nach dem Ausbruch der Februarrevolution glaubte die belgische Regierung

im Interesse der öffentlichen Ordnung Marx und Wilhelm Wolff aus Belgien

ausweisen zu müssen. Bei dieser Gelegenheit wurden Marx und seine Frau

widerrechtlich verhaftet und für eine Nacht ins Gefängnis gesperrt. Die

Entrüstung darüber war in Brüssel sehr groß, so daß der Munizipalrat den

Polizeikommissar, der die Verhaftung angeordnet hatte, absetzte. Im

Briefe Nr. 25 berichtet Engels über den Verlauf der Affäre. Marx ging

nach Paris, Engels von Paris nach Brüssel.

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[1] Entschieden, er handelt da mit bösem Willen.

[2] Vater.

[3] Tadel.

[4] Ihr neigt zum Despotismus, ihr werdet die Revolution in

Frankreich töten; wir haben elf Millionen Kleinbauern, die zugleich

die fanatischsten Eigentümer sind usw. usw.

[5] Schließlich, sagt er, sind unsere Prinzipien einander zu nahe

verwandt, als daß wir nicht zusammengehen sollten. Was uns

anbetrifft, so werden wir euch soviel in unseren Kräften steht

unterstützen.

[6] Umgekehrt, wieder zurück.

[7] Wenn das nicht glückt, ziehe ich mich von dieser Art Propaganda

zurück.

[8] Zugführer (im Eisenbahndienst).

[9] Das ist noch ein Anlaß, ihn nach Verviers zu exilieren.

25

[Aus Brüssel]

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 13 / 196 题