Lieber Marx!
Gestern erfahre ich plötzlich und endlich, nachdem ich den pp. Reinhardt
mehrere Male wegen Deines Buches zu Frank geschickt, daß Frank im Anfang
mehrere Freiexemplare an Franzosen geschickt, überall 15 Sous Kosten
gefordert und überall die Exemplare zurückbekommen [hat]. Darauf habe er
sowohl die zurückbekommenen wie die anderen, noch gar nicht
abgeschickten _ruhig bei sich liegen lassen, und sie erst jetzt, vor ein
paar Tagen_, an die Adressaten geschickt, ohne 15 Sous zu verlangen. Die
_Conspiration de silence_[1] war also von seiten des Herrn Frank! Ich
lief gleich zu Louis Blanc, den ich ein paar Tage vorher wieder nicht
getroffen, weil er _en garde_[2] war (_le petit bonhomme en bonnet à
poil_[3]); diesmal traf ich ihn, und _das Exemplar war noch nicht
angekommen_! Mein eigenes Exemplar habe ich endlich zurück, das kann im
Notfall helfen. Heute, Sonntag, ist nichts zu machen. Dem Reinhardt habe
ich morgen Rendezvous gegeben, er soll gleich mit mir zu Frank, was
schon früher geschehen sollte, aber nur durch Nachlässigkeit dieses
Reinhardt nicht geschehen. Er muß mich bei dem Frank introduzieren, weil
ich sonst gar keine Legitimation bei dem Kerl habe. Ich werde mir das
Exemplar für Louis Blanc geben lassen und es gleich hinbringen. Der
Louis Blanc sagte mir gestern, Flocon habe gegen Deinen _libre
échange_[4] Artikel einzuwenden gehabt _qu’il était un _peu
confus__!!!![5] Ich sprach natürlich dagegen. „_Oh_,“ sagte der Kleine,
„_ce n’est pas moi qui ai trouvé cela, tout au contraire, l’article m’a
beaucoup plu, et en effet, je ne sais pas ce que M. Flocon ... mais
enfin_ (mit etwas zweideutiger Grimasse für Flocon) _c’est ce qu’il a
m’a dit_.“[6] Überhaupt ist die Redaktion der Réforme _tout ce qu’il y a
de plus_[7] schlecht komponiert. Die Artikel über die englische Krisis
und alle ökonomischen Sachen _en général_[8] werden von einem
unglücklichen würdigen _penny-a-liner_[9] fabriziert, der seine Studien
bei den Börsenartikeln eines Korrespondenzbureaus gemacht zu haben
scheint und alles mit den Augen eines Pariser Kommis dritten Ranges bei
einem Bankier vierten Ranges ansieht und mit der Unfehlbarkeit so eines
„_empiric_“[10], wie die Engländer sagen, aburteilt. Flocon versteht
nichts davon. _C’est tout au plus un homme de bonne volonté._[11]
Montag. Den verfluchten Reinhardt habe ich nicht getroffen. Ich gehe
heute abend noch einmal hin. Bis morgen muß ich diese ganze Geschichte
ins reine gebracht haben, mag’s gehen wie’s will. Wenn ich Dir nicht
gleich wieder schreibe, ist alles in Ordnung. Gestern abend war
Deputiertenwahl. Nach einer höchst konfusen Sitzung wurde ich [für den
Kommunistenkongreß in London] mit zwei Drittel gewählt. Ich hatte
diesmal gar nicht intrigiert, war auch wenig Gelegenheit dazu. Die
Opposition war bloß scheinbar: ein Arbeiter wurde zum Schein
vorgeschlagen, aber die ihn vorschlugen, stimmten für mich. – Das Geld
kommt zusammen. Schreibe nun, ob Du und Tedesco hingehst. Wenn das nicht
möglich wäre, so kann ich doch nicht allein sein und kongressieren, das
wäre ja Unsinn. Könnt ihr beide nicht, so fällt die Geschichte ins
Wasser und muß ein paar Monate aufgeschoben werden. Schreibe also in
diesem Fall nach London, daß noch zur rechten Zeit dies überall hin
angezeigt wird.
Flocon hatte dem Louis Blanc auch gesagt, man werde an Deinem Artikel,
um ihn aufzunehmen, eine Kleinigkeit ändern müssen, eben um ihn „klarer“
zu machen. Louis Blanc hat mich, den Flocon _de sa part_[12] an den
Artikel nochmals zu erinnern; unter diesen Umständen aber halte ich es
für viel besser, die Sache fallen zu lassen. Flocon den Artikel klarer
machen, das fehlte noch! Aber was soll man da machen! Ich werde den
Flocon tun lassen, was er will, ihm wenig zusprechen und mich
hauptsächlich mit dem Louis Blanc einlassen, der ist doch der
Vernünftigste von allen. Beim National ist vollends nichts zu machen,
der wird täglich bornierter und alliiert sich mehr und mehr mit Barrot
und Thiers, _witness the Lille Banquet_[13].
Der Seiler wird Dir geschrieben haben, Dein Buch ginge sehr schlecht
hier. Das ist nicht wahr. Der Frank hat dem Reinhardt gesagt, er sei mit
dem Verkauf ziemlich gut zufrieden. Trotz seines abgeschmackten
Benehmens hat er, glaube ich, zirka 40 Exemplare abgesetzt. Nächstens
Genaueres darüber. Der Seiler behauptet – er war neulich bei mir, wo er
sehr kühle anlief, auch nicht wieder kam –, er habe Bett, Mobiliar und
Papier dort [in Brüssel] gelassen, hinreichend, um Wolff und Heilberg zu
decken. Sieh, _si cela est_,[14] daß der Lupus dabei wenigstens nicht
noch von Heilberg bemogelt wird. Aber das werden auch Renommagen sein.
Rothschild hat bei dem neuen Anlehen 10 Millionen Franken verdient – 4
Prozent netto.
Auf meiner Reise nach London werde ich nicht über Brüssel kommen, die
Gelder sind zu knapp. Wir werden uns in Ostende Rendezvous geben müssen
– am 27. (Samstag), abends, und Sonntag herüberfahren, damit wir Montag
anfangen können. Vielleicht ist Montag den 29. Polen _anniversaire_,[15]
irgend etwas _fraternally_[16] Demokratisches los, wo wir dann werden
hin müssen. Das wäre ganz gut. Du hältst in London eine französische
Rede, die setzen wir dann in die Réforme. Die Deutschen müssen absolut
etwas _tun_, um bei den Franzosen auftreten zu können. Eine einzige Rede
wird mehr helfen als zehn Artikel und hundert Besuche.
Du wirst im Northern Star, 2. Oktober, die Aufforderung Harneys und der
_fraternals_[17] zu einem demokratischen Kongreß gelesen haben.
Unterstütze das. Ich werde es bei den Franzosen unterstützen. Man kann
ihn womöglich nächstes Jahr in London abzuhalten versuchen, vielleicht
gleichzeitig mit dem unsrigen. Kommt’s zustande, so wird das auf die
Franzosen einen sehr heilsamen Effekt ausüben und sie etwas demütigen.
Kommt’s nicht zusammen, so scheitert’s an den Franzosen, und sie werden
wenigstens gezwungen, sich zu erklären. Wenn’s in Brüssel ginge, wär’s
noch besser; in London könnte Feargus [O’Connor] doch einigen Unsinn
anrichten.
Sonst nichts Neues. Gib Inliegendes an Bornstedt und schreibe mir bald,
ob Du nach London gehst.
Dein E.
Schreibe an die Adresse des Malers, wenn Du sie noch hast. Es ist
besser.
Heine läßt grüßen. Ist äußerst schwach und etwas matt. Wer hat Deinen
Artikel eigentlich an Louis Blanc geschickt? Er sagt, es hätte unter dem
Brief ein wildfremder Name gestanden. Das war auch wohl der Grund, warum
er die Geschichte liegen ließ.
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[1] Totschweigeverschwörung.
[2] Auf Posten.
[3] Das kleine Männchen mit der Bärenmütze.
[4] Freihandel.
[5] Daß er etwas konfus sei.
[6] Nicht ich habe es gefunden, ganz im Gegenteil, der Artikel hat
mir sehr gefallen, und ich weiß wirklich nicht, was ... aber
schließlich (mit usw.) das hatte er mir gesagt.
[7] Im höchsten Grade.
[8] Im allgemeinen.
[9] Zeilenreißer [Journalisten, die nach der Zeile bezahlt werden].
[10] Empiriker [Mensch, der sich an die platte Erfahrung hält].
[11] Er ist bestenfalls ein Mensch, der den guten Willen hat.
[12] Von ihm aus.
[13] Wie das [Wahlreform-]Bankett von Lille beweist.
[14] Wenn dies der Fall.
[15] Jahrestag.
[16] Brüderlich.
[17] Brüderliche [Demokraten].
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