15. November 1847.

Lieber Marx!

Gestern erfahre ich plötzlich und endlich, nachdem ich den pp. Reinhardt

mehrere Male wegen Deines Buches zu Frank geschickt, daß Frank im Anfang

mehrere Freiexemplare an Franzosen geschickt, überall 15 Sous Kosten

gefordert und überall die Exemplare zurückbekommen [hat]. Darauf habe er

sowohl die zurückbekommenen wie die anderen, noch gar nicht

abgeschickten _ruhig bei sich liegen lassen, und sie erst jetzt, vor ein

paar Tagen_, an die Adressaten geschickt, ohne 15 Sous zu verlangen. Die

_Conspiration de silence_[1] war also von seiten des Herrn Frank! Ich

lief gleich zu Louis Blanc, den ich ein paar Tage vorher wieder nicht

getroffen, weil er _en garde_[2] war (_le petit bonhomme en bonnet à

poil_[3]); diesmal traf ich ihn, und _das Exemplar war noch nicht

angekommen_! Mein eigenes Exemplar habe ich endlich zurück, das kann im

Notfall helfen. Heute, Sonntag, ist nichts zu machen. Dem Reinhardt habe

ich morgen Rendezvous gegeben, er soll gleich mit mir zu Frank, was

schon früher geschehen sollte, aber nur durch Nachlässigkeit dieses

Reinhardt nicht geschehen. Er muß mich bei dem Frank introduzieren, weil

ich sonst gar keine Legitimation bei dem Kerl habe. Ich werde mir das

Exemplar für Louis Blanc geben lassen und es gleich hinbringen. Der

Louis Blanc sagte mir gestern, Flocon habe gegen Deinen _libre

échange_[4] Artikel einzuwenden gehabt _qu’il était un _peu

confus__!!!![5] Ich sprach natürlich dagegen. „_Oh_,“ sagte der Kleine,

„_ce n’est pas moi qui ai trouvé cela, tout au contraire, l’article m’a

beaucoup plu, et en effet, je ne sais pas ce que M. Flocon ... mais

enfin_ (mit etwas zweideutiger Grimasse für Flocon) _c’est ce qu’il a

m’a dit_.“[6] Überhaupt ist die Redaktion der Réforme _tout ce qu’il y a

de plus_[7] schlecht komponiert. Die Artikel über die englische Krisis

und alle ökonomischen Sachen _en général_[8] werden von einem

unglücklichen würdigen _penny-a-liner_[9] fabriziert, der seine Studien

bei den Börsenartikeln eines Korrespondenzbureaus gemacht zu haben

scheint und alles mit den Augen eines Pariser Kommis dritten Ranges bei

einem Bankier vierten Ranges ansieht und mit der Unfehlbarkeit so eines

„_empiric_“[10], wie die Engländer sagen, aburteilt. Flocon versteht

nichts davon. _C’est tout au plus un homme de bonne volonté._[11]

Montag. Den verfluchten Reinhardt habe ich nicht getroffen. Ich gehe

heute abend noch einmal hin. Bis morgen muß ich diese ganze Geschichte

ins reine gebracht haben, mag’s gehen wie’s will. Wenn ich Dir nicht

gleich wieder schreibe, ist alles in Ordnung. Gestern abend war

Deputiertenwahl. Nach einer höchst konfusen Sitzung wurde ich [für den

Kommunistenkongreß in London] mit zwei Drittel gewählt. Ich hatte

diesmal gar nicht intrigiert, war auch wenig Gelegenheit dazu. Die

Opposition war bloß scheinbar: ein Arbeiter wurde zum Schein

vorgeschlagen, aber die ihn vorschlugen, stimmten für mich. – Das Geld

kommt zusammen. Schreibe nun, ob Du und Tedesco hingehst. Wenn das nicht

möglich wäre, so kann ich doch nicht allein sein und kongressieren, das

wäre ja Unsinn. Könnt ihr beide nicht, so fällt die Geschichte ins

Wasser und muß ein paar Monate aufgeschoben werden. Schreibe also in

diesem Fall nach London, daß noch zur rechten Zeit dies überall hin

angezeigt wird.

Flocon hatte dem Louis Blanc auch gesagt, man werde an Deinem Artikel,

um ihn aufzunehmen, eine Kleinigkeit ändern müssen, eben um ihn „klarer“

zu machen. Louis Blanc hat mich, den Flocon _de sa part_[12] an den

Artikel nochmals zu erinnern; unter diesen Umständen aber halte ich es

für viel besser, die Sache fallen zu lassen. Flocon den Artikel klarer

machen, das fehlte noch! Aber was soll man da machen! Ich werde den

Flocon tun lassen, was er will, ihm wenig zusprechen und mich

hauptsächlich mit dem Louis Blanc einlassen, der ist doch der

Vernünftigste von allen. Beim National ist vollends nichts zu machen,

der wird täglich bornierter und alliiert sich mehr und mehr mit Barrot

und Thiers, _witness the Lille Banquet_[13].

Der Seiler wird Dir geschrieben haben, Dein Buch ginge sehr schlecht

hier. Das ist nicht wahr. Der Frank hat dem Reinhardt gesagt, er sei mit

dem Verkauf ziemlich gut zufrieden. Trotz seines abgeschmackten

Benehmens hat er, glaube ich, zirka 40 Exemplare abgesetzt. Nächstens

Genaueres darüber. Der Seiler behauptet – er war neulich bei mir, wo er

sehr kühle anlief, auch nicht wieder kam –, er habe Bett, Mobiliar und

Papier dort [in Brüssel] gelassen, hinreichend, um Wolff und Heilberg zu

decken. Sieh, _si cela est_,[14] daß der Lupus dabei wenigstens nicht

noch von Heilberg bemogelt wird. Aber das werden auch Renommagen sein.

Rothschild hat bei dem neuen Anlehen 10 Millionen Franken verdient – 4

Prozent netto.

Auf meiner Reise nach London werde ich nicht über Brüssel kommen, die

Gelder sind zu knapp. Wir werden uns in Ostende Rendezvous geben müssen

– am 27. (Samstag), abends, und Sonntag herüberfahren, damit wir Montag

anfangen können. Vielleicht ist Montag den 29. Polen _anniversaire_,[15]

irgend etwas _fraternally_[16] Demokratisches los, wo wir dann werden

hin müssen. Das wäre ganz gut. Du hältst in London eine französische

Rede, die setzen wir dann in die Réforme. Die Deutschen müssen absolut

etwas _tun_, um bei den Franzosen auftreten zu können. Eine einzige Rede

wird mehr helfen als zehn Artikel und hundert Besuche.

Du wirst im Northern Star, 2. Oktober, die Aufforderung Harneys und der

_fraternals_[17] zu einem demokratischen Kongreß gelesen haben.

Unterstütze das. Ich werde es bei den Franzosen unterstützen. Man kann

ihn womöglich nächstes Jahr in London abzuhalten versuchen, vielleicht

gleichzeitig mit dem unsrigen. Kommt’s zustande, so wird das auf die

Franzosen einen sehr heilsamen Effekt ausüben und sie etwas demütigen.

Kommt’s nicht zusammen, so scheitert’s an den Franzosen, und sie werden

wenigstens gezwungen, sich zu erklären. Wenn’s in Brüssel ginge, wär’s

noch besser; in London könnte Feargus [O’Connor] doch einigen Unsinn

anrichten.

Sonst nichts Neues. Gib Inliegendes an Bornstedt und schreibe mir bald,

ob Du nach London gehst.

Dein E.

Schreibe an die Adresse des Malers, wenn Du sie noch hast. Es ist

besser.

Heine läßt grüßen. Ist äußerst schwach und etwas matt. Wer hat Deinen

Artikel eigentlich an Louis Blanc geschickt? Er sagt, es hätte unter dem

Brief ein wildfremder Name gestanden. Das war auch wohl der Grund, warum

er die Geschichte liegen ließ.

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[1] Totschweigeverschwörung.

[2] Auf Posten.

[3] Das kleine Männchen mit der Bärenmütze.

[4] Freihandel.

[5] Daß er etwas konfus sei.

[6] Nicht ich habe es gefunden, ganz im Gegenteil, der Artikel hat

mir sehr gefallen, und ich weiß wirklich nicht, was ... aber

schließlich (mit usw.) das hatte er mir gesagt.

[7] Im höchsten Grade.

[8] Im allgemeinen.

[9] Zeilenreißer [Journalisten, die nach der Zeile bezahlt werden].

[10] Empiriker [Mensch, der sich an die platte Erfahrung hält].

[11] Er ist bestenfalls ein Mensch, der den guten Willen hat.

[12] Von ihm aus.

[13] Wie das [Wahlreform-]Bankett von Lille beweist.

[14] Wenn dies der Fall.

[15] Jahrestag.

[16] Brüderlich.

[17] Brüderliche [Demokraten].

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 12 / 196 题